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Interpassives Mittelalter?

Interpassivität in mediävistischer Diskussion

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Silvan Wagner

In diesem Band wird zum ersten Mal innerhalb der Mediävistik versucht, das vom Konzept des performative turn geprägte Bild vom interaktiven Mittelalter zu hinterfragen. Ausgangspunkt ist Robert Pfallers Entwurf eines interpassiven Aktionsmodus: Das Mittelalter wird hierbei eben nicht als interaktive Kultur gesehen, die politisch, religiös und literarisch von performativ-interaktiven Gruppenphänomenen gekennzeichnet ist. Vielmehr können Menschen, statt selbst zu agieren, Interaktion offenbar auch an andere delegieren, haben dabei aber dennoch in gewisser Weise Teil an dieser Interaktion. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Germanistik, Geschichtswissenschaft und Theologie untersuchen in den Beiträgen dieses Bandes, welche Konsequenzen sich daraus für das Bild vom interaktiven Mittelalter ergeben. Sie spiegeln die Ergebnisse einer interdisziplinären Fachtagung zum Thema «Interpassivität und Mediävistik» wider.
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Die Autorität der Tradition im Dekret des Bischofs Burchard von Worms – ein Phänomen der Interpassivität?

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0. Vorbemerkungen

Bei dem sogenannten Dekret1 des frühmittelalterlichen Bischofs Burchard von Worms (1000-1025) handelt es sich um eine Quelle aus dem Bereich des frühmittelalterlichen Kirchenrechts. Eine solche Quelle mit dem Theorem der Interpassivität, das Robert Pfaller erstmals in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts benannte, in Verbindung zu bringen, bedarf zunächst einer Rechtfertigung. Im primären, noch nicht genau definierten Entwurf Robert Pfallers ging es vor ← 187 | 188 → allem um eine „Antwort auf die Zumutungen allgegenwärtiger Interaktivität“, die der zeitgenössische Kunstbetrieb hervorrief.2 In der weiteren Ausgestaltung durch Pfaller selbst, aber auch in der Rezeption von Seiten ganz verschiedener Disziplinen haben sich jedoch mehrere unterschiedliche Ansätze zu einem Verständnis von Interpassivität herausgebildet, wie nicht zuletzt der vorliegende Band zeigt.

Grundsätzlich und im Einklang mit den ersten Entwicklungen des Begriffs der Interpassivität lässt sich der zentrale Inhalt des Theorems als eine Delegation von Genuss beschreiben. Diese Delegation meint dabei eine von einer beliebigen Instanz ausgehende Auslagerung einer Erfahrung oder Handlung an einen Dritten, wobei diese Übertragung entweder an einen anderen Menschen, an einen Gegenstand oder einer abstrakten Größe vollzogen wird.3 Der Genuss spielt dabei als zentrales Moment vor allem in einem psychoanalytisch-ästhetischen Verständnis von Interpassivität eine Rolle: Personen können ihre Genüsse, das heißt eigentlich positiv konnotierte Erlebnisse oder Erfahrungen, an einen Stellvertreter delegieren, um diese nicht mehr selbst wahrnehmen zu müssen. Ein eigentlich positiver, allgemein...

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