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Apologien Russlands

Ein russisch-deutsches Presse-Projekt (1820–1840) und dessen Gestalter Fedor I. Tjutčev und Friedrich L. Lindner

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Svetlana Kirschbaum

Ende der 1820er Jahre erschienen in einem der bedeutendsten Presseorgane Europas, der Augsburger Allgemeinen Zeitung, zahlreiche russlandkritische Artikel. Als Gegenreaktion engagierte die russische Gesandtschaft in München den renommierten Publizisten Friedrich L. Lindner, um das außenpolitische Ansehen Russlands wiederherzustellen. Die Autorin rekonstruiert den Verlauf dieser prorussischen Presse-Aktivitäten im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Unter Heranziehung von bislang unveröffentlichtem Archivmaterial wird untersucht, welche Rolle hierbei der bedeutende russische Dichter und Publizist Fedor Tjutˇcev, ein Mitarbeiter der Gesandtschaft, spielte. Im Mittelpunkt der Studie stehen die russlandapologetischen Konzepte Lindners und Tjutčevs, die aufgrund dieser Zusammenarbeit entstanden sind.
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1. Zu den Anfängen des Presse-Projekts (1825–1826)

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Mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft formierte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts auch die öffentliche Meinung, die sich in Europa zunehmend zu einer politischen Größe emanzipierte. Es entstanden immer komplexere Kräfteverhältnisse und Machtkonstellationen, die sowohl neue Perspektiven als auch neue Gefahren mit sich brachten. So beobachtete Alexis de Tocqueville am Beispiel der amerikanischen Gesellschaft (Über die Demokratie in Amerika, 1835/1840) mit Besorgnis, wie die öffentliche Meinung, eine Errungenschaft der Demokratie, selbst zu einer neuen, auf ihre Art und Weise totalitären Machtinstanz avancierte:

In den demokratischen Völkern besitzt […] die Öffentlichkeit eine einzigartige Macht […] Sie bekehrt zu ihrem Glauben nicht durch Überzeugung, sie zwingt ihn auf und läßt ihn durch eine Art von gewaltigem geistigem Druck auf den Verstand jedes Einzelnen in die Gemüter eindringen. (Tocqueville 1987, 21–22)

Tocqueville, der unter der öffentlichen Meinung „die Zählmehrheit“ verstanden hat (s. Noelle-Neumann 1982, 128), erkannte in ihr „ein gefährliches Instrument, welches das individuelle Denken und Verhalten der Bürger steuert und manipuliert“ (Herb/ Hidalgo 2005, 60). Außerdem stellte Tocqueville, so Elisabeth Noelle-Neumann, fest, dass „der Druck der öffentlichen Meinung nicht nur auf dem einzelnen liegt, sondern ebenso auf der Regierung“ (Noelle-Neumann 1982, 129).

Die Tocquevillsche Despotie der Massen scheint aber nur auf den ersten Blick souverän und absolut zu sein. Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bildeten sich neue mediale Räume der Öffentlichkeit: Die Presse wurde in vielfacher Hinsicht zur „vierten Gewalt“ und die...

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