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Das Massaker erinnern

Katyń als lieu de mémoire der polnischen Erinnerungskultur

Cordula Kalmbach

Im Fokus dieser Studie stehen zwei Schritte: Erstens soll das Ereignis Katyń in der polnischen Erinnerungskultur verortet und sein Stellenwert für die polnische Gesellschaft erfasst werden, zweitens soll dargestellt werden, welche Auswirkungen diese Aufarbeitung auf die polnisch-russischen Beziehungen seit 1989 hat. Klar ist, dass sich die Republik Polen seit ihrer Wiederentstehung 1989 auf der Suche nach einer neuen Identität befindet und sich im Archiv der Geschichte bedient, um ein neues Gedächtnis konstruieren zu können. Da Erinnerungskultur ein soziales, aktives Phänomen ist, stützt sich diese Arbeit auf mannigfaltige Quellen, seien es Filme, Bücher, Denkmäler oder Zeitungsartikel.
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V) Polnische Erinnerungskultur

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V.1) Allgemeine Probleme europäischer Erinnerungskultur nach dem Zweiten Weltkrieg

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts herrscht eine regelrechte Gedächtniskonjunktur, viele Geisteswissenschaftler sprechen von einem „Memory Boom“. Nationale Sprach- und Kommunikationsräume bilden wohl die wichtigste Dimension moderner Erinnerungskulturen. Dies liegt in der Begründung gemeinsamer Erinnerungen aufgrund einer gemeinsamen ethischen, kulturellen oder religiösen Ebene, also eines gemeinsamen Profils.128 “The core meaning of any individual or group identity, namely, a sense of sameness over time and space, is sustained by remembering; and what is remembered is defined by the assumed identity”.129 Doch was erinnert wird, muss den aktuellen Gegebenheiten einer Nation angepasst werden. Cornelißen wendet in Bezug auf den Transformationsprozess der mittel- und osteuropäischen Staaten den Begriff der „postsozialistischen Transformationsstaaten“ an. Cornelißen bemerkt auch, dass nationale „Meistererzählungen“ für regionale, religiöse u. ä. Teilerinnerungen aufgebrochen werden. Die Erinnerungsarbeit wird nicht mehr nur von nationalen, sondern auch von kleineren Organisationen getragen.130 Eine weitere Besonderheit ergibt sich für den Wandel der europäischen Erinnerungskultur: Das Leid, das durch die Verbrechen der totalitären Regime verursacht wurde, war so groß, dass bisherige Verarbeitungsstrategien unwirksam wurden. Aleida Assmann versuchte diese Veränderungen zu beschreiben:

„Für die Traumata der Geschichte, die nicht aus Kriegshandlungen, sondern aus Akten der Ausbeutung, Dehumanisierung und Vernichtung unschuldiger ← 57 | 58 → Menschen hervorgehen, gibt es keine heilende Kraft des Vergessens. Solche ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ werden nicht durch Vergessen entsorgt, sondern in einer von Opfern und Tätern geteilten...

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