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Die beiden Faust-Dramen Goethes

Jochen Bertheau

Jochen Bertheau befasst sich mit Goethes wohl bekanntesten Werk, dem «Faust I». Der Dichter selbst bezeichnete seine Arbeit gelegentlich als Fragment und widersprüchlich in der Konzeption, verteidigte aber gegenüber kritischen Lesern wie Wieland oder Luden das Prinzip, in der Poesie gebe es keine Widersprüche. In Wahrheit schloss er in Italien zwei verschiedene Faust-Dramen fast ab: Im «Ur-Faust» wurde er stark vom Scharlatan Schrepfer, in der Faustoper vom barocken Schultheater 1786 in Regensburg beeinflusst – beides ist bisher nicht untersucht worden. Mit Hilfe der Paralipomena kann man Bertheau zufolge zwei ganz verschiedene Dramen herausschälen: eine Tragödie und eine Oper. Um aufführungsreife Texte zu gewinnen, nahm der Autor minimale weitere Ergänzungen vor. Neben der eingehenden Untersuchung zur Entstehung beider Dramen erforscht Bertheau auch die Funktion der beiden Nummernpläne.
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B. Die Entwürfe zum „Ur-Faust“

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Goethe nahm sicherlich das Ur-Faust-Manuskript, den von Faustforschern so genannten Urcodex, nach Italien mit in der Absicht, ihn dort fertig zu stellen. Es gibt Entwürfe, Szenenteile zum „Ur-Faust“, die sicher erst in Italien verfasst wurden. In der „Italienischen Reise“ beschreibt er den Ur-Codex und nennt dann eine Szene, die er neu schrieb: „Ich habe schon eine neue Szene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchere, so dächt’ ich, sollte sie mir niemand aus den alten herausfinden.“ Er meint, dass er sich „jetzt in eine selbstgelebte Vorzeit wieder versetzen muß.“7 Es handelt sich ganz offensichtlich um das Szenenfragment „und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist“, kurz „Menschheitsszene“ genannt. Der große Faustforscher Wolfgang Binder hat 1943 in seiner Doktorarbeit nachgewiesen, dass, wie Goethe es selber sagt, diese Szene dem Frankfurter Plan angehört: Mephisto verspricht Faust jeglichen Lebensgenuss und reizt ihn so zur Weltfahrt. Faust geht sich umkleiden, und Mephisto verrät, dass er Faust keine echten Genüsse liefern will. Der Lügengeist habe Faust durch Blend- und Zauberwerke verführt, Mephisto als Gefährten zu akzeptieren. Das ist noch nicht der Satan, der Faust jeden echten Genuss liefern will, damit Faust seine Wette verliert, wenn er den Augenblick des Genusses ins Unendliche verlängern will. Leider hat Goethe dann diese alte neue Szene in die Redaktion von „Faust. Ein Fragment“ übernommen und dann in „Studierzimmer“ nach Wette und Pakt ganz unpassend eingefügt. Diese Szene füllt eigentlich die zweite Hälfte der ersten...

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