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«Die Zeitalter werden besichtigt»

Aktuelle Tendenzen der Kinder- und Jugendliteraturforschung – Festschrift für Otto Brunken

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Edited By Gabriele von Glasenapp, Andre Kagelmann and Felix Giesa

Die Autoren widmen sich drei unterschiedlichen Schwerpunkten der Kinder- und Jugendliteraturforschung: den historischen Aspekten, der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung sowie in thematischen und narratologischen Einzelstudien Aspekten aktueller und historischer Kinder- und Jugendliteratur und ihrer Didaktik. Diese Schwerpunkte stecken zugleich die Arbeits- und Forschungsbereiche Otto Brunkens ab, dem dieser Band gewidmet ist. Otto Brunkens Lehr- und Forschungstätigkeit liegt seit rund drei Jahrzehnten maßgeblich auf der gesamten Bandbreite der (historischen) Kinder- und Jugendliteraturforschung sowie der Literaturkritik und den Bildmedien.
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Vorwort

„Die Zeitalter werden besichtigt“ – mit diesem (leicht modifizierten) Zitat ließen sich die wissenschaftlichen Arbeiten Otto Brunkens, den wir mit dieser Festschrift ehren möchten, wenigstens zum Teil durchaus zusammenfassen, gilt er doch seit Jahrzehnten als einer der ausgewiesensten Kenner vor allem der frühen Epochen der Kinder- und Jugendliteratur, des späten Mittelalters, der Frühen Neuzeit, des Barock und der Frühaufklärung – also von Zeitaltern, die lange, und wie wir mittlerweile durch die Forschungen Otto Brunkens wissen, zu Unrecht im Schatten der ‚großen’ kinderliterarischen Epochen Aufklärung und Romantik gestanden haben.

Dieses spezifisch literarhistorische Interesse gerade an den frühen Epochen der Kinder- und Jugendliteratur war bei Otto Brunken zu Beginn seines Studiums in dieser Intensität noch gar nicht abzusehen – nicht zuletzt aus dem Grund, da Kinder- und Jugendliteratur zu diesem Zeitpunkt an den deutschen Universitäten noch gar nicht als Studienfach etabliert war. So beginnt sein akademischer Werdegang wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen dieser Generation, die später maßgeblich an der Konstituierung der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft als einem eigenen literatur- wie kulturwissenschaftlichem Forschungsbereich beteiligt waren, mit einem Studium von Fächern, die aus heutiger Perspektive durchaus als benachbarte Felder der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft gelten können, selbst an diesem Gebiet aber (noch) keinerlei wissenschaftliches Interesse haben: der Neu- und Altgermanistik, der Slavischen Philologie und Theaterwissenschaft, zu Beginn an der Universität zu Köln, danach an der FU Berlin, zuletzt in Bochum. Nach dem Magisterabschluss arbeitet er zunächst als Verlagslektor, dann wird er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität zu Köln. Ganz offensichtlich wird in diesen Jahren zugleich Otto Brunkens Interesse an der Kinder- und Jugendliteratur geweckt, denn 1989 promoviert er an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a. M. bei Klaus Doderer mit der Arbeit Der Kinder Spiegel. Studien zu Gattungen und Funktionen der frühen Kinder- und Jugendliteratur. Im Jahr 2000 habilitiert sich Otto Brunken mit seinen Studien zur Kinder- und Jugendliteratur an der Universität zu Köln und erhält die Venia legendi für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur und Medien. Bis zu seiner Pensionierung ist er Akademischer Oberrat und Kustos an der Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung (ALEKI) sowie außerplanmäßiger Profes ← 7 | 8 sor am Institut für Deutsche Sprache und Literatur II an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln.

Otto Brunkens Lehr- und Forschungsschwerpunkte, die sich in einer Vielzahl an Publikationen niederschlagen, liegen neben Arbeiten zur Allgemeinliteratur auf der ganzen Breite der Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft, der Literaturkritik und den Bildmedien. Einen besonderen Platz in seinen Veröffentlichungen nimmt das fünfbändige Handbuch zur Kinder- und Jugendliteratur (1982–2008) ein, dessen Mitherausgeber und produktiver Beiträger er zugleich ist. Historisch ausgerichtet ist auch der von ihm herausgegebene Schatzbehalter, das von der ALEKI in Zusammenarbeit mit dem Bilderbuchmuseum Burg Wissem betriebene Internetportal für historische Kinder- und Jugendliteratur – ein in Deutschland bislang singuläres Projekt. Neben der diachronen Forschung zur Kinder- und Jugendliteratur widmet Otto Brunken sich auch deren aktuellen Tendenzen, wie in der Herausgabe der Internet-Empfehlungs- und Rezensionszeitschrift Les(e)bar

deutlich wird. Sein Engagement für die zeitgenössische Kinder- und Jugendliteratur zeigt sich weiterhin in seinen vielfältigen Jurytätigkeiten: Von 1998 bis 2003 ist er Mitglied der Jury des Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreises, von 2003 bis 2006 führt er den Vorsitz der Kritikerjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis, seit dem Jahr 2003 ist er Mitglied der Jury Die besten 7 Bücher für junge Leser beim Deutschlandfunk. Darüber hinaus interessiert er sich für das visuelle Erzählen: Davon zeugen seine Beschäftigung mit allen Arten von buchmedialen Bildnarrationen und sein großes Engagement für die Vermittlung eines wissenschaftlichen Blicks auf filmisches Erzählen, wie auch aus seiner Leitung der Filmsammlung der ALEKI deutlich wird. Otto Brunkens akademisches Wirken ist nicht zuletzt in maßgeblicher Weise auch durch seine unermüdliche Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses geprägt, davon zeugen eine Vielzahl von ihm betreuter Examens- wie Doktorarbeiten, die vor allem aktuelle Fragestellungen der Kinder- und Jugendliteraturforschung in den Blick nehmen und bis heute entscheidend dazu beitragen, die Position der Universität zu Köln als einen der zentralen Wissenschaftsstandorte der aktuellen Kinder- und Jugendliteraturforschung weiter zu festigen.

Die Gegenstände und Themen der vorliegenden Festschrift unternehmen den Versuch, die Schwerpunkte von Otto Brunkens Forschung aufzugreifen, weshalb ihr erster Teil den historischen Aspekten der Kinder- und Jugendliteraturforschung gewidmet ist: Im ersten Beitrag, „Zwischen ‚Frühlingserwachen‘ und expressionistischem Pathos. Wolfgang Bächlers Jugendtragödie Der nächtliche Gast aus dem Jahr 1950“, untersucht Hans-Heino Ewers einen bislang nicht im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen stehenden, Jugend thematisierenden ← 8 | 9 Roman, in dessen Zentrum das Lebensgefühl ehemaliger Kriegskinder verhandelt wird, die nun, zu jungen Männern herangewachsen, an der Welt der Erwachsenen scheitern – nicht zuletzt deshalb, da ihnen in Krieg und Nachkriegszeit eine wirkliche Jugend gar nicht zuerkannt worden ist.

Erich Schön fokussiert in seinem Beitrag „Zur Archäologie der modernen Lesepropädeutik im 18. Jahrhundert“ den Blick auf einen markanten Ausschnitt aus der Geschichte des Lesens, indem er ausgehend von der Diskussion um den ‚Galanten Roman‘ und dann hauptsächlich um die ‚Frauenromane‘ seinen Schwerpunkt auf weibliche Lektüren im 18. Jahrhundert legt. Dabei skizziert er eine Entwicklung, die von der Ablehnung des Lesens fiktionaler Texte über die bloße Tolerierung bis hin zur Verknüpfung mit einem Konzept von bürgerlicher Identitätsarbeit reicht.

Ernst Seibert widmet sich dem in Österreich weit über die Zwischenkriegszeit hinaus äußerst erfolgreichen Autor A[lois] Th[eodor] Sonnleitner sowie seinem umfangreichen Œuvre, von dem allerdings heute nur noch die Trilogie Die Höhlenkinder im literarisch-kulturellen Gedächtnis präsent ist. Von besonderem Interesse sind dabei für ihn die in Österreich und Deutschland sehr unterschiedlichen Rezeptionsmodi: In der österreichischen Kinder- und Jugendliteraturgeschichte wird Sonnleitner durchaus Klassiker-Status zuerkannt, in entsprechenden deutschen Monographien findet er keine Erwähnung, wiewohl – ein weiterer Schwerpunkt des Beitrages – Sonnleitners Einfluss auf Charlotte Bühlers Entwicklung der Lesealtertheorie mittlerweile als unbestritten gelten kann.

Andreas Seidler nimmt in seinem Beitrag zu „Theodor Dielitz’ Land- und Seebildern“ die Konstituierung des bürgerlichen Subjekts im 19. Jahrhundert in den Blick, indem er in der Erzählung Ein Seegefecht mit Wilden aus Dielitz’ Abenteuerband Land- und Seebilder das Panorama als neues Paradigma des Sehens in seiner Wirkung auf Fremd- und Selbstwahrnehmung untersucht. Im Panorama erblickt er dabei nicht nur ein zunächst für das 18. Jahrhundert neues mediales Dispositiv, sondern auch einen Modus (kinder- und jugendliterarischer) erzählender Weltvermittlung, eine – unbenommen aller aus postkolonialer Perspektive anzubringenden Kritik – auch im eigentlichen Sinn zu verstehende Horizont­erweiterung.

Klaus-Ulrich Pech widmet sich in seinem kulturgeschichtlichen Beitrag zu „Anni von Instettens Kinderlektüre“ einem weiteren Dispositiv des 19./20. Jahrhunderts, nämlich dem modernen Kaufhaus am Beispiel des Berliner Warenhauses Wertheim: Diesen „Pseudosakralraum der Ware“ (Werner Hofmann) durchmisst er mit Blick auf dessen Angebot an kinder- und jugendliterarischen Werken, indem er den Katalog des Jahres 1903/04 einer akribischen Untersu ← 9 | 10 chung unterzieht. Diese exemplarische Bestandsaufnahme der im gehobenen Bürgertum wertgeschätzten und deshalb angebotenen und gekauften Kinder- und Jugendliteratur nutzt er zu mentalitätsgeschichtlichen Rückschlüssen, die er mit einem Augenzwinkern an den Bürgerlichen Realismus rückbindet: Was wäre (nicht) geschehen, wenn Effi die richtigen Bücher gelesen hätte …

Der zweite Teil der Festschrift „Aspekte der kinder- und jugendliterarischen Bildforschung“ wird von Gina Weinkauffs und Bernd Dolle-Weinkauffs Ausführungen zum Themenkomplex „Bilderbuch und Gedichtadaption“ eröffnet. Untersucht wird, an drei Beispielen, die bildliche Inszenierung sogenannter vorbekannter Gedichte, die bereits eine eigene Geschichte besitzen, bevor sie in ein Bilderbuch übernommen werden. In den Blick genommen wird damit eine Spielart des Bilderbuchs, die sich durch ihre kontinuierliche Bildfolge von der Illustration als bloße Beigabe zum Text eindeutig abgrenzen lässt und eine umfassende Inszenierung des Texts im Zusammenspiel von verbalen und piktoralen Elementen ermöglicht. Damit kann gezeigt werden, wie zum einen die unterschiedliche Rolle der Narrativierung in der Bildfolge mit divergierenden Adressatenkonzepten einhergeht und zum anderen wie diese zu unterschied­lichen Interpretationen einer Gedichtvorlage führen.

Ulrich Kreidt greift in seinen kunsthistorisch ausgerichteten „Bemerkungen zu den Bildern im Ritter vom Turn“ einen für die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur zentralen Text auf: Marquard von Steins Übersetzung von Chevalier de la Tour (dt. Der Ritter vom Turn). Der Text begründet zum einen die eigenständige Kinder- und Jugendliteratur, zum anderen sind die Illustrationen ein beachtliches Beispiel spätmittelalterlicher Buchkunst. Wurden diese in der Vergangenheit (u. a. durch Otto Brunken) dem jungen Albrecht Dürer zugeschrieben, wird dies in der aktuellen Forschungsliteratur in Zweifel gezogen. Kreidt favorisiert die These, die Illustrationen Dürer zuzuschreiben, dies jedoch, in Abgrenzung von der älteren Forschung, nunmehr durch eine kritische Argumentation vom Bild her.

Maria Michels-Kohlhage wendet sich im Anschluss an diesen Beitrag der Publikationsgeschichte des Exempelbuchs Ritter vom Turn zu. Ihre kommentierte chronologische Bibliographie der Druckausgaben und Editionen vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart unterstreicht einerseits die Ausführungen Ulrich Kreidts zum Erfolg und zur Popularität des Stoffes und ermöglicht andererseits einen Überblick über die unterschiedlichen Phasen der Rezeption vom Mittelalter bis heute.

Ausgehend von der These, wonach Bilderbüchern auf Bild- wie Textebene durchgängig eine zweite, parabolische Ebene eingeschrieben ist, die zumindest ← 10 | 11 implizit auch Auskunft über die Zeit ihrer Entstehung, über die Rolle des Kindes, die vorherrschenden gesellschaftlichen und pädagogischen Vorstellungen und über die Sichtweise der Erwachsenen auf das Kind geben, geht Maria Linsmann in ihrem Beitrag „Kindheitsdarstellungen im Bilderbuch vom 19. bis zum 21. Jahrhundert“ am Beispiel ausgewählter Bilderbücher der Frage nach, wie sich der Blick der Erwachsenen auf das Kind und damit zugleich das Bild des Kindes selbst im Verlauf der letzten 150 Jahre verändert hat bzw. was die im Bilderbuch evozierten Kindheitsbilder über die Rolle des Kindes auszusagen in der Lage sind.

Mareile Oetken stellt in ihrem Beitrag „Klassiker im Bilderbuch“ Überlegungen zu Werktreue und Adressierung an. Sie unterscheidet zwischen der Sinn- und der Textpflege, also einer Auseinandersetzung auf rein stofflicher Ebene im Gegensatz zur Werktreue, und stellt für das Gros der von ihr untersuchten Bilderbücher fest, dass sich kinderliterarische Bilderbücher sowohl in Form von Adaption wie Transformation aufgrund der vorgeblich höheren Wertigkeit mit Vorliebe kanonisierter Prätexte annehmen. In F. K. Waechters Prinz Hamlet erkennt sie schließlich eine gelungene Klassikertransformation ins Bilderbuch.

Den Fokus auf die Funktionen kindlicher Figuren in einem kanonisierten Werk legt auch Christine Reents in ihrem Essay über die Kinderfiguren in „Die Bibel in Bildern“ (1860) des spätromantischen Malers Julius Schnorr von Carolsfeld. In der Tradition vor allem aufklärerischer wie romantischer Kindheitsdarstellungen schuf Schnorr von Carolsfeld in biblischen Geschichten mit Vorliebe kindliche Figuren; zugleich modifizierte er biblische Szenen dahingehend, dass er kindliche Figuren hinzufügte, wo sie auf der Textebene nicht vorhanden waren. Sie sollten den kindlichen Betrachtern als Identifikationsangebote und damit zugleich als Übermittler gesellschaftlicher Werte wie Gehorsam, Elternliebe, Mut und Tapferkeit dienen. Die Vielfalt dieser Kinderfiguren trug trotz ihrer explizit erzieherischen Funktionen erheblich zur Popularität der Bibel in Bildern bei, deren Einflüsse noch in den illustrierten Kinderbibeln des ausgehenden 20. Jahrhunderts nachweisbar sind.

Der den Band abschließende dritte Teil „Thematische und narratologische Aspekte – Einzelstudien“ wird durch den Beitrag von Sieglinde Grimm über „Urszenen des Erzählens: Zum Erwerb narratologischer Kompetenz im Szenischen Spiel“ eröffnet. Am Beispiel von Yasmina Rezas Erfolgsstück Der Gott des Gemetzels wird untersucht, auf welche Weise Schülerinnen und Schüler narratologische Kompetenz erwerben können. Ausgehend von der Überlegung, dass heutige Erkenntnisse zum Erzählerwerb und zur Narratologie bereits in den Darlegungen des Aristoteles zur Dichtung und insbesondere über die ‚Urszene’ des Erzählens präfiguriert worden sind, kommt sie zu dem Schluss, dass sich diese Darlegun ← 11 | 12 gen auch im Kontext des Szenischen Spiels für den Erzählerwerb nutzen lassen, eine Schlussfolgerung, die in die These mündet: Das ideale didaktische Modell wiederholt die Kulturgeschichte.

Daniela A. Frickel stellt in ihrem ebenfalls narratologisch ausgerichteten Beitrag „Ansichtssache?!“ Überlegungen zum inklusiven literaturdidaktischen Potential multiperspektivisch erzählter Texte der aktuellen Jugendliteratur an. Sie argumentiert, dass Literatur genuin inklusives Potenzial besitze und weist dies am Beispiel dreier zeitgenössischer, multiperspektivisch erzählter Jugendromane nach. Dabei macht sie sich für eine Stärkung der fachwissenschaftlichen Sachanalyse stark, da es erst diese ermögliche, die ästhetischen und inklusiven Potentiale eines Textes zu ergründen.

Nadine Maria Seidel widmet sich in ihrem Beitrag „Crossdressing to survive“ einem bisher kaum erforschten kulturellen Phänomen Afghanistans bzw. dessen Transformation in der aktuellen Jugendliteratur: den bacha posh, den ‚Töchtersöhnen‘ Afghanistans, d. h. von als Jungen verkleideten Mädchen. Ausgehend von Anmerkungen zum traditionellen literarischen Topos der Maskerade und im Anschluss an Überlegungen zum Geschlechterkonzept Judith Butlers und Hilge Landweers vermisst Seidel auf der Grundlage der Raumsemantik Jurij M. Lotmans das aktuelle jugendliterarische Feld anhand der Romane Die Sonne im Gesicht von Deborah Ellis sowie Samira und Samir von Siba Shakib. Im Zentrum ihrer Ausführungen stehen Fragen nach der Konstruiertheit von Identität und der Performativität von Geschlecht.

Auch Nadine Biekers Beitrag „Weiblichkeitsbilder im aktuellen Adoleszenzroman“ widmet sich der Frage nach Geschlecht und weiblicher Identität, und zwar am Beispiel von Tamara Bachs Roman Marienbilder. Im Zentrum der Ausführungen steht die Frage nach den Möglichkeiten weiblicher Emanzipation in einer postmodernen Gesellschaft, in der vorgeblich alles bereits emanzipiert worden ist, weshalb – so die zentrale These – eine weibliche Emanzipation im herkömmlichen Sinn nicht gelingen kann. Aus diesem Grund möchte der Beitrag den Begriff der weiblichen Emanzipation erneut zur Diskussion stellen, um ihn in seiner bisherigen Bedeutung zu dekonstruieren und ihn so kritisch auf seine gegenwärtige Relevanz hin zu befragen.

Nana Wallraff fokussiert in ihrem Beitrag „Abwesende Mütter im aktuellen realistischen Kinderroman“ ebenfalls weibliche Figuren, allerdings aus der Per­spektive des Generationenverhältnisses: Sie untersucht am Beispiel von vier Werken die Funktionen und Konstellationen abwesender Mutterfiguren in aktuellen realistischen Kinderromanen. Als Indikator für die Modernität der untersuchten Romane kann die Komplexität der mütterlichen Abwesenheit gewertet werden – ← 12 | 13 sie wird durchaus thematisiert und auch problematisiert, allerdings mehrheitlich weder durch die Instanz des Erzählers noch durch die Figuren als negativ bewertet, vielmehr geht sie einher mit der Mündigkeit und Selbständigkeit der kindlichen Protagonisten und zugleich mit einem gewandelten Bild von Familie, bei dem auch die Väter gleichsam selbstverständlich die ‚Mütterrolle’ übernehmen können.

Thomas Mayerhofers Beitrag „Zwischen Allmacht und Ohnmacht“ widmet sich jugendlichem Peerverhalten in zeitgenössischen Jugendromanen unter dem Gesichtspunkt des Rituals. Begreift man die teils als deviant bewerteten Verhaltensweisen männlicher Adoleszenz als Rituale einer sich selbst prekär empfindenden Peer-Group, lassen sich durchaus auch produktive, kreative und progressive Handlungsformen erkennen. Ihre Funktion innerhalb der jugendliterarischen Texte stelle eine Möglichkeit zur Überwindung der Adoleszenzkrise dar.

Benjamin Uhls Beitrag „‘Und wenn du noch nie auf dem Rücken eines Drachen durch die Nacht geritten bist‘ – Erzählen zwischen Nähe und Distanz in Kirsten Boies Der kleine Ritter Trenk“ beleuchtet den Aspekt der Leseranreden: Der Beitrag, der eine Synthese literatur- und sprachwissenschaftlicher Erklärungsansätze wagt, fragt danach, wie (literarische) Narration und Tempus zusammenhängen und zieht daraus didaktische Schlussfolgerungen, die grammatisches und literarisches Lernen miteinander kombinieren.

Gianna Dicke setzt sich in ihrem den Band abschließenden Beitrag „Oh, liebe Leser, bleibt einfach dran und lest weiter. Hört zu. Schaut her. Oder legt das Buch beiseite“ ebenfalls mit dem bislang im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur-Forschung kaum beachteten Phänomen der Leseranreden auseinander: Ausgehend von einer theoretischen Erörterung von Form sowie kommunikativer und selbstreferentieller Funktion, untersucht sie direkte Leseranreden in zwei Formationen diachron: zunächst anhand von vier historischen kinderliterarischen Texten, die sie nicht nur untereinander, sondern anschließend auch mit vier zeitgenössischen Werken vergleicht.

Die Herausgeberin und die Herausgeber bedanken sich bei allen Beiträgerinnen und Beiträgern für ihr Mitwirken. Besonderer Dank gebührt Maria Michels-Kohlhage, die freundlicherweise die Redaktion der Abbildungs- und Literaturverzeichnisse des Bandes übernommen hat.

Köln, im Juli 2015

Gabriele von Glasenapp

Andre Kagelmann

Felix Giesa ← 13 | 14 ← 14 | 15 →