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Individuierungsverlauf eines Rechtsextremisten

Rekonstruktion der objektiven Lebensdaten von Uwe Böhnhardt

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Heike Würstl

Die Autorin geht in dieser Arbeit der Fragestellung nach, wie aus Uwe Böhnhardt, einem der Kernmitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), ein rechtsextremistischer Gewalttäter wurde. Sie interpretiert seine objektiven Lebensdaten unter Anwendung der Methode der objektiven Hermeneutik und rekonstruiert den Prozess seiner Subjektwerdung. Damit trägt sie einerseits zur Erforschung des Entstehungs- und Radikalisierungsprozesses des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) bei. Andererseits überprüft sie wissenschaftliche Theorien zum Individuierungsverlauf von Rechtsextremisten. Im Ergebnis zeigt sich, dass Böhnhardt erhebliche Sozialisationsdefizite aufweist, die ihm die Ablösung aus seiner Herkunftsfamilie erschweren und auf die er mit kriminellen Handlungen reagiert.
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I Theoretischer Teil

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1Individuierung

1.1Begriffsbestimmung

Semantisch verweist der Begriff der Individuierung auf einen Prozess, in dessen Zentrum das Individuum steht. Analog einer Konkretisierung, in der eine Formulierung so verändert wird, dass sie weniger abstrakt erscheint, oder einer Technisierung, in der ein technischer Standard gesteigert wird, kann für eine Individuierung geschlossen werden, dass sie eine Transformation des Individuums in Richtung Einzelwesen beschreibt.

Die semantische Begriffsrekonstruktion ist insofern irreführend, dass sie nahe legt, die Vereinzelung des Menschen zu meinen. Diesen Bedeutungsgehalt umfasst der Individuierungsbegriff jedoch gerade nicht.1 Er beschreibt vielmehr die Entwicklung des Menschen vom Gattungswesen zum „autonomen handlungsfähigen, mit sich identischen Subjekt“ (Oevermann 1981: 28).

Handlungsfähigkeit2 meint in diesem Zusammenhang das intellektuelle Vermögen, sich die Zukunft durch den Entwurf hypothetischer Welten zu eröffnen, indem das gattungsbedingt angelegte Potential an formal logischen, moralischen und sprachlichen Strukturen bzw. Kompetenzen in Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt material derart aufgefüllt wird, dass das Subjekt in der Lage ist, in Entscheidungssituationen mögliche Handlungsalternativen zu erkennen. Autonom handelt das Subjekt, wenn es aus dem Repertoire an objektiv möglichen Handlungsoptionen ← 11 | 12 → eine Alternative auswählt, die damit verbundene rationale Begründungsverpflichtung auf sich nimmt – unabhängig davon, ob es eine solche Begründung zum Zeitpunkt der Entscheidung tatsächlich gibt – und sich den Entscheidungszwängen des Lebens beugt.3 Mit der zumeist erst nachträglichen Begründung der Auswahl einer Handlungsalternative (re-)konstruiert der Einzelne den subjektiven Sinn seines Handelns und...

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