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Ethik der Dissidenz

Kritische Theorie und öffentliche Kritik

Stefan Marx

Die öffentliche Kritik verlangt die immanente Kritik der Theorien der Öffentlichkeit. Indem sie nachvollzieht, wie politische Herrschaft in die öffentlichen Diskurse einwandert, ist sie kritische Theorie der Öffentlichkeit. Indem sie eine Kritik am deliberativen Demokratiekonzept entwickelt, ist sie eine Ethik der Dissidenz. Die These ist, dass die agonale Beschaffenheit des Politischen Anforderungen an die Politik stellt, die sich nicht durch permanenten Diskurs bearbeiten lassen, sondern nur durch ein Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit politischer Praxis. Dissidenz muss dem, was sich beständig diskursiv als Selbstverständlichkeit etabliert, immer auf neuem Stand opponieren. Sei es die Öffentlichkeit im Nationalsozialismus oder die diskursive Verflüssigung von Souveränität im World Wide Web.
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Während pessimistische Medientheorien einen „Verlust von Primärerfahrung“ (Weßler 1997: 18) befürchten, blickt die Kommunikationstheorie mit einer gewissen Zuversicht auf die sich ausbreitenden Diskurse. Gerade was moderne Demokratien angeht, erscheint es zielführender mit den Agenden der Macht auch die Macht der Agendas unter die Lupe zu nehmen. (Dearing/Rogers 1996: 16) Zu klären wäre allerdings, ob etwas wie ein Volkswille in der Öffentlichen Meinung wirklich auf wundersame Wiese erscheinen kann, oder ob die Demoskopie, der die Öffentlichkeitsforschung manchmal vertraut, doch nur ein Potpourri zu einem bestimmten Zeitpunkt geäußerter privater Meinungen widerspiegelt. Marktwirtschaftlich organisierte Meinungsevaluierung unterliegt der Problematik der Gesellschaft selbst. Das Vertrauen auf die ständige Messung steigert dementsprechend eher die „Kollapsneigung“ (Gellner 1996: 182) einer Gesellschaft als ihre öffentlich vermittelte integrative Katharsis. Wenn damit ein Bewusstsein für die Krisenhaftigkeit der konkreten Situation erzeugt würde, wäre diese Situation durchaus als revolutionär zu bezeichnen. Die Kommunikationstheorie jedoch macht etwas anderes daraus. Was die so genannte postmoderne Theorie als eine Neuorientierung des Modus der Informationsverbreitung bezeichnet, relativiert den emanzipativen Gehalt der Krisenneigung und reduziert die durch ihn ermöglichten politischen Implikationen gesellschaftlicher Veränderung auf eine Veränderung des Status des Bezugssubjekts. Dieses konstituiert sich, orientiert am sprachlichen Modell unabhängig vom Konzept des rationalen, autonomen Individuums (Poster 1994: 173) und entwertet damit auch dessen Versuch, sich von externer Repression zu befreien. (Poster 1994: 190) Dies macht sich auch an der sich ereignenden „Konstruktion einer Weltöffentlichkeit“ und der...

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