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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Johann Jakob Bodmer – der dichtende Patriarch

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Bodmers Aufstieg zum Literaturmäzen

Kaum war Albrecht von Hallers erster Gedichtband mit dem bekannten Text Die Alpen erschienen, als der Verfasser einen Brief aus Zürich erhielt. Der Absender lobte die erbrachte Leistung. Er könne es kaum erwarten, Hallers Gedichte in den Händen der Deutschen zu sehen, denn diese sollten wissen, „durch welch ein Werk wir Schweizer, die wir bei ihnen für Barbaren gelten, sie besiegt haben“.189

Das Zitat zeigt, dass Johann Jakob Bodmer,190 der Verfasser des Briefes, ein ambitionierter Kämpfer für eine Schweiz war, der auch im Ausland mit Achtung und Aufmerksamkeit begegnet wird. Er war entscheidend ← 53 | 54 → daran beteiligt, dass seine Heimatstadt Zürich zu einem Ort mit einer bedeutsamen Literaturgesellschaft wurde und die Eidgenossenschaft sukzessive das Image eines unzivilisierten Landes verlor.191 Das deplorable Fremdbild wurde gleichsam zu einem Inzitament für die Etablierung einer eigenen Kultur, die sich mit der fremden, hier der französischen, messen könne.

Bodmer, Sohn eines Pfarrers, hatte sich dem Theologiestudium verweigert und war stattdessen für kurze Zeit nach Italien und Frankreich gegangen, um sich kaufmännische Kenntnisse zu erwerben. Dieser Auslandsaufenthalt erbrachte wichtige Bildungseindrücke. Wahrscheinlich in Lyon war Bodmer auf eine französischsprachige Ausgabe von Joseph Addisons und Richard Steeles Spectator gestoßen. In Anlehnung an das englische Muster etablierte Bodmer zusammen mit Johann Jakob Breitinger nun auch in Zürich eine Moralische Wochenschrift Die Discourse der Mahlern (1721–1723). Die Herausgeber...

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