Show Less
Restricted access

Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
Show Summary Details
Restricted access

Christian Ludwig Liscow – der zu früh gekommene Pasquillant

Extract



Goethes kritisches Urteil

Zu Beginn des siebten Buches von Dichtung und Wahrheit handelt Goethe „über den Zustand der deutschen Literatur“352, wie er sich ihm in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts zeigte. Er setzt mit der Feststellung ein, dass „die literarische Epoche“, in die er hineingeboren worden war, „sich aus der vorhergehenden durch Widerspruch“353 entwickelt habe. Um dies in der Folge zu belegen, geht er auf die Bedeutung von Satire und Kritik ein, weil sie in besonderer Weise geeignet waren, das Überkommene infrage zu stellen. Als wichtige zeitgenössische Satiriker stellt er Christian Ludwig Liscow und Johann Wilhelm Rabener genauer vor. Finden sich zu Rabener bei Goethe allerlei Notizen und Bemerkungen, die darauf schließen lassen, dass er sich mit diesem Autor ausdrücklich beschäftigt ← 91 | 92 → hatte,354 lässt sich das für Liscow nicht sagen. Neben den kurzen Notationen in Dichtung und Wahrheit gibt es im gesamten Text- und Briefwerk keinen weiteren Hinweis auf den Dichter.

Ist dieser vielleicht nur aufgenommen worden, um die Textsorte Satire in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch als eine repräsentative ausweisen zu können? Zumindest steht fest, Goethes Liebe gehörte dem norddeutschen Satirenschreiber nicht, und auch sein Wissen über ihn war überaus begrenzt. Auf beides verweist schon der Umfang des Geschriebenen, mit dem dem Dichter in der Biographie begegnet wird. Liscow widmet er einen Absatz; Rabener erhält das Vierfache an Raum, zudem betont Goethe am Schluss des...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.