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Vom Lieblingsautor zum Außenseiter

Ein Beitrag zur Kanondebatte des 18. Jahrhunderts

Uwe Hentschel

Schriftsteller wie Johann Christoph Rost, Christian Ludwig Liscow, Salomon Geßner oder Garlieb Helwig Merkel, die heute nur noch Literaturhistorikern bekannt sind, avancierten während ihrer Schaffenszeit zu Bestsellerautoren; ihren Werken bescheinigten die Zeitgenossen Originalität und Ausstrahlungskraft. Die Nachgeborenen verweigerten ihnen jedoch die Aufnahme in den nationalen Kanon. In der sich ausdifferenzierenden Literaturgesellschaft des 18. Jahrhunderts, in der um die Anerkennung immer neuer ästhetischer Konzepte, mithin und vor allem um (Markt-)Einfluss gestritten wurde, zeichnete sich bereits ihr Untergang ab. Sie gehören zu den Verlierern der frühen Literaturgeschichtsschreibung. Was zum Aufstieg, vor allem aber zum Vergessen führte, wird am Beispiel von elf Autoren aus dem Zeitraum zwischen Früh- und Spätaufklärung untersucht. Die Beschäftigung mit diversen Exklusionspraktiken versteht sich als ein Beitrag zur noch jungen historischen Kanonforschung des 18. Jahrhunderts.
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Christian Fürchtegott Gellert – der empfindsame Moralist

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Ein populärer Autor in der Kritik

Wenn von der großen Popularität des Schriftstellers Christian Fürchtegott Gellert die Rede ist, erinnert man sich gern des Sachverhalts, dass 1769 der Leipziger Johannis-Friedhof gesperrt werden musste. Eine fanatische Menge von Trauernden hatte begonnen, den Grabhügel des verstorbenen Dichters abzutragen und die Erde in Reliquiengefäßen zu sammeln. Gellert ist eine Aufmerksamkeit zuteil geworden, die ungewöhnlich war, nicht nur für die Mitte des 18. Jahrhunderts.589 Sie hatte sich schon zu Lebzeiten des Autors gezeigt. Junge und Alte, Bauern und Könige suchten gleichermaßen seine Bekanntschaft. Goethe, der sich in Dichtung und Wahrheit liebevoll an seinen Leipziger Hochschullehrer erinnert, schreibt, dass „die ← 143 | 144 → Verehrung und Liebe, welche Gellert von allen jungen Leuten genoß, […] außerordentlich“590 gewesen sei.

Gellert gehörte aufgrund seiner großen Popularität als Autor und akademischer Lehrer zu den ersten bürgerlichen Künstlern, die erfahren mussten, dass sich das öffentliche Interesse nicht allein auf ihr Werk, sondern auch auf das Privatleben erstreckte. Seine Briefe wurden kopiert und weitergereicht, nicht immer zur Freude des Autors. Im Jahre 1761 musste er erleben, wie Teile eines Briefwechsels, den er mit Karl Wilhelm Rabener geführt hatte, gedruckt auf den Buchmarkt gelangten.591 Gellert wollte öffentliche und private Sphäre getrennt wissen: „Wenn ich Briefe schreibe, schreibe ich für meine Freunde, daß sie mich gern lesen, und nicht für die Welt u. Nachwelt, daß sie mich verehren,...

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