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Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

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Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
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Kapitel 2: Gogol’ – Die literarische Ukraine als imperialer Entwurf

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Alles literarische Erfinden ist bei Nikolaj Gogol’ ein Akt der Selbstkreation (Fanger 1979, 47). Gogol’ erfindet in seinen frühen Erzählzyklen folglich nicht nur eine poetische Ukraine, sondern er texualisiert auch sich selbst als schreibenden Imperialbürger aus der Ukraine. Das große Unternehmen, Gogol’s Verhältnis zur Ukraine zu untersuchen, wurde bereits in mehreren Studien angegangen (z.B. Krutikova 1957, Dmitrieva 1994, Luckyj 1998, Shkandrij 2001, Barabaš 2004, Bojanowska 2007, um nur einige der wichtigsten zu nennen). Eine um­fassende Erforschung des Gegenstandes kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht geleistet werden, denn einerseits durchdringen „ukrainische“ Frage­stellungen, wie beispielsweise Barabašs Ausführungen (2004) über das alt-ukrainische Theater als In­spi­ration für den Revizor (Der Revisor) und Mertvye duši (Die toten Seelen) zeigen, eigentlich das gesamte Schaffen Gogol’s. Des Weiteren ist, wie Edyta Bojanowska (2007) gezeigt hat, ein intrikates Wechselspiel zwischen russischen und ukrainischen nationalen Narrativen in verschiedenen Phasen des Werks und je nach Publizitätsgrad des Texts charakteristisch für Gogol’. Andererseits ähnelt Gogol’s Ukrainebild in seiner Ver­knüp­fung des Positiven mit Absenz (Fanger 1979, 50) durchaus seiner künstlerischen Welt­sicht in den nicht-ukrainischen Werken. Insofern wäre für eine umfassende Be­hand­lung seiner Ukraine-Visionen nicht weniger als sein Gesamtwerk zu behandeln, was offenkundig zu weit führen würde. Und doch muss Gogol’s Ukraine hier angemessen berücksichtigt werden, da wohl kein Autor vor oder nach ihm derartig wirkungs­mächtige Ukraine-Bilder gezeichnet hat: Mit...

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