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Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

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Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
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Kapitel 5: Das Bunte und das Deformierte – Nikolaj Leskovs westliche Reichsgebiete

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5.1 Populäres Erzählen über Russland und seinen Westen

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Blütezeit der großen russischen Romane, die das Ergebnis einer jahrelangen Suche nach einer „eigenen“, nationalen Romantradition dar­stellen. Ab den 1860er Jahren verdrängen die Gesellschaftsromane die dichterischen lite­ra­ri­schen Formen, um die es in den vorangehenden Kapiteln meiner Darstellung ging, fast ganz aus der öffentlichen Wahrnehmung. Sie prägen dann auch das Denken über das Verhältnis zwischen literarischer Sprache und sozialer Re­a­li­tät. In der realistischen Romantradition drückt sich die Welt in der Sprache der repräsentierten sozialen Schichten aus. Um diese Welt möglichst „wahrheitsgetreu“ abzubilden, versucht man nun, möglichst viele unterschiedliche Milieus und ihre Sprachen in literarischen Texten auftreten zu lassen. Im Umkehrschluss dieser Auffassung kann Bachtin (im Anschluss an seine Überlegungen zu Dostoevskij) behaupten, die (nationale) Welt sei die Summe aller in ihrer Nationalsprache gesprochenen (Sprach-)Welten (Bachtin 1979a, 186). For­schungen zum Zusammenhang von Nationalkultur und Sprache bringen die These vor, das nationbuilding und Nationalbewegungen seien eng mit der Entwicklung narrativer literarischer Gattungen ver­bun­dene Prozesse (so im Sammelband Nation and Narration, Bhabha 1990). In Romanen werde der „klar abgegrenzte Wirrwarr von Sprachen und Stilen“ abgezirkelt, aus dem die nationale Welt des modernen Romans und außerhalb seiner bestehe (Brennan 1990, 49).

Für Russland ergibt sich dabei das Problem, dass Russisch zwar Amts- und Ver­wal­tungs­sprache...

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