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Westland

Polen und die Ukraine in der russischen Literatur von Puškin bis Babel’

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Mirja Lecke

Die Autorin nimmt Impulse der Postcolonial Studies auf und bezieht sie auf das Russische Imperium. Sie untersucht, wie sich in russischen literarischen Texten die Herrschaft über das «Westland», also die Gebiete im heutigen Litauen, Polen, Weißrussland und der Ukraine, niederschlägt. Diese multi-ethnische Region wird im 19. Jh. durch unterschiedliche historische Narrative und literarisch-ästhetische Konventionen modelliert – etwa in historischen Dramen über Polen oder humoristischen Prosa-Erzählungen über die Ukraine. Mirja Lecke zeichnet ein Bild der russischen Literatur abseits der nationalen Romantradition. Sie analysiert imperiale Dichtungen, aber auch das Werk populärer Erzähler wie Nikolaj Leskov, Aleksandr Kuprin und Vladimir Korolenko, deren Erbe noch der Avantgarde-Autor Isaak Babel’ aufgreift.
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Kapitel 7: Kolonialer Blick nach Westen. Aleksandr Kuprin und Russlands Fremdheit im Innern

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Einer weiterer wichtiger Populärautor der Jahrhundertwende ist Aleksandr Kuprin (1870–1938), der, wie Leskov und Korolenko, vor allem kurze bis mittellange Prosaerzählungen verfasste. Kuprin hatte ein feines Gespür für die Wechselbeziehungen zwischen imperialer Politik und Literatur, was z.B. an seinem Aufsatz „Rudyard Kipling“ deutlich wird, in dem er über den Kolonialismus seines britischen Zeitgenossen reflektiert (Kuprin 2006, VIII, 456–460).308 In diesem Aufsatz lobt Kuprin die schriftstellerische Meisterschaft Kiplings und stellt besonders die Bildhaftigkeit und Exotik seiner Themen heraus, seine Macht und „Wirkung auf Geist und Imagination des Lesers“ (ebd., 457). Dank Kiplings einzigartiger Erzählkunst seien seine Geschichten wahrhaftig und wirkten besonders glaubwürdig. Allerdings stellt Kuprin bei Kipling einen Mangel an Ewigkeit und allgemein menschlicher Relevanz fest, den er daran festmacht, dass in Kiplings Werken immer der Engländer zu spüren sei, der die jingoistische Politik seines Heimatlandes rühme. Kuprin meint, dies verdecke in ihm den „Künstler und Menschen“ (ebd., 459). Konkret kritisiert Kuprin Kipling dafür, dass in seinen Texten die Offiziere und Verwaltungsleute stets aufopferungsvolle Diener des Vaterlandes und tiefe Patrioten seien (ebd., 458), während die Inder allenfalls interessant und exotisch seien. Radikal ändere sich der Ton der Beschreibung, wenn es um politische Unabhängigkeitsbestrebungen der Ureinwohner (Kuprin nennt sie „Aborigeny“) gehe. Dann, so Kuprin, stellt Kipling sie als „Räuber, verräterische Feiglinge und Schufte dar“ (ebd., 459). ← 323 | 324 →

Zur kolonialistischen bzw. imperialistischen Haltung, deren führender Vertreter Kipling war,...

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