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Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben»

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Frederik Gierlinger

Ludwig Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben» gelten als äußerst schwieriger Text. Das vorliegende Buch führt Schritt für Schritt an die Themen und Problemstellungen der Farbbemerkungen Wittgensteins heran und liefert umfangreiche Erläuterungen zu den wichtigsten Textpassagen. Dies ist bemerkenswert, weil das bruchstückhafte Textmaterial aus den beiden letzten Lebensjahren Wittgensteins eine klare Struktur vermissen lässt, die darin aufgeworfenen Fragen häufig befremdlich anmuten und größtenteils ohne Antwort bleiben. So ist es wenig verwunderlich, dass bis jetzt keine umfassende philosophische Studie zu den «Bemerkungen über die Farben» zur Verfügung steht. Das Buch von Frederik A. Gierlinger füllt erstmalig diese Lücke in der Rezeptionsgeschichte.
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1 Einleitung

← xvi | 1 → 1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit ist einem Büchlein mit dem Titel „Bemerkungen über die Farben“ gewidmet. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Bemerkungen, die Ludwig Wittgenstein in den letzten beiden Jahren seines Lebens—genauer gesagt und soweit wir dies wissen zwischen Jänner 1950 und April 1951—verfasst hat. Der 1977 erstmals veröffentlichte Text der „Bemerkungen über die Farben“ wurde von G.E.M. Anscombe aus handschriftlichen Notizen Wittgensteins zusammengestellt und besteht aus drei Bänden. Band I enthält 88, Band II enthält 20 und Band III enthält 350 nummerierte Bemerkungen.

Diese Einleitung verfolgt zwei Ziele: zum einen soll die Entstehung der „Bemerkungen über die Farben“ nachvollzogen und kritisch diskutiert werden; zum anderen soll die Motivation für die vorliegende Arbeit erläutert werden, indem ausgehend vom derzeitigen Stand der Forschung die der Arbeit zugrundeliegende Forschungsfrage entwickelt wird.

1.1 Entstehung der „Bemerkungen über die Farben“

1.1.1 Zusammenstellung durch die Herausgeber

Die „Bemerkungen über die Farben“ wurden, wie schon angedeutet, aus dem Nachlass Wittgensteins zusammengestellt. Der publizierte Text setzt sich aus Aufzeichnungen zusammen, die über die drei Manuskripte MS 172, MS 173 und MS 176 verstreut sind. Bei MS 172 handelt es sich um sechs lose Doppelbögen Papier, die beidseitig beschrieben sind. Das ergibt insgesamt 24 Seiten mit handschriftlichen Notizen. Einer dieser Doppelbögen (4 Seiten) wurde als Band II der „Bemerkungen über die Farben“ veröffentlicht. Der Rest von MS 172 wurde bereits 1969 als Teil der Sammlung „Über Gewissheit“ (§§ 1-65) herausgegeben. Die MSS 173 und 176 sind Notizbücher Wittgensteins. In MS 173 hat Wittgenstein drei Textblöcke durch Querstriche voneinander abgetrennt. Der erste und der dritte Teil wurden gemeinsam als Band III der „Bemerkungen über die Farben“ veröffentlicht. Der erste Teil umfasst die §§ 1-130, der dritte Teil die §§ 131-350. Der mittlere Teil des MS 173 wurde erst 1992 in Band II der Sammlung „Letzte Schriften über die Philosophie der Psychologie“ veröffentlicht. Das MS 176 beginnt mit undatierten Bemerkungen, die als Band I der „Bemerkungen über die Farben“ herausgegeben wurden. Die Bemerkungen, die nach der ersten durch Wittgenstein vorgenommenen Datierung folgen, sind nochmals dreigeteilt worden, wobei der erste und letzte Teil in „Über Gewissheit“ (§§ 426-523 ← 1 | 2 → und 524-637) erschienen sind und der mittlere Teil in Band II der „Letzten Schriften über die Philosophie der Psychologie“ untergebracht wurde.1

An der Herausgabe der „Bemerkungen über die Farben“, wie sie uns heute vorliegen, ist problematisch, dass sich die Zusammenstellung der Bemerkungen zahlreichen Entscheidungen der Verwalter des Nachlasses verdankt und diese Entscheidungen nur in Ansätzen gerechtfertigt und erläutert wurden. Am ausführlichsten wird das Vorgehen im Vorwort zu Band II der „Letzten Schriften über die Philosophie der Psychologie“ geschildert:

„Die philosophischen Aufzeichnungen Wittgensteins aus seinen zwei letzten Lebensjahren 1949-1951 lassen sich thematisch in drei Gruppen gliedern. Die umfangreichste von diesen drei Gruppen befaßt sich mit den Begriffen der Sicherheit, des Wissens, des Zweifelns und anderen Gegenständen der Erkenntnislehre. Eine zweite Gruppe handelt von der Philosophie der Farbbegriffe; eine dritte von den psychologischen Begriffen und insbesondere von dem Problem der Beziehungen zwischen ‘Innerem’ und ‘Äußerem’, zwischen den sogenannten seelischen Zuständen und dem körperlichen Verhalten.“ (LPP II, Vorwort)

Ähnliches lässt sich im Vorwort zu „Über Gewissheit“ finden:

„Es schien angemessen, diese Arbeit für sich zu veröffentlichen. Sie ist keine Auswahl; in Wittgensteins Notizbüchern erscheint sie als gesondertes Thema, mit dem er sich anscheinend in vier voneinander getrennten Perioden während jener anderthalb Jahre befaßte. Die Arbeit stellt eine einzige zusammenhängende Behandlung ihres Gegenstandes dar.“ (ÜG, Vorwort)

Daraus lässt sich entnehmen, dass die Trennung des Manuskriptmaterials aus den Jahren 1949-1951 in drei separate Sammlungen in erster Linie auf dem Urteil einer thematischen Verschiedenheit der diversen Bemerkungen beruht. Die bereits erwähnten Trennstriche, die Wittgenstein in seinen Notizbüchern eingetragen hat, wurden sodann als Abgrenzungen thematischer Blöcke aufgefasst. Ein Studium der handschriftlichen Manuskripte zeigt allerdings, dass nicht alle in den Notizbüchern vorhandenen Trennstriche als inhaltliche Brüche aufgefasst wurden. Zahlreiche Trennstriche sind von den Herausgebern kommentarlos übergangen worden, was auf einen freizügigen Umgang mit dem Quellenmaterial hindeutet. Hinzu kommt, dass auch ein Seitenwechsel oder eine durch Wittgenstein vorgenommene Datierung als Schnittpunkt aufgefasst wurde, wenn dies der vorweg fixierten thematischen Unterteilung entsprochen ← 2 | 3 → hat. Umso wichtiger ist die Feststellung, dass sich den Manuskripten an keiner Stelle entnehmen lässt, Wittgenstein hätte eine Herausgabe dieser Aufzeichnungen in drei separaten Büchern intendiert. Weitere Verwirrung stiftet der Umstand, dass die MSS 169-171 vollständig in Band II der „Letzten Schriften zur Philosophie der Psychologie“ veröffentlicht wurden, obwohl Wittgenstein in diesen Notizbüchern Trennstriche vornimmt, die, gemessen an der Herausgabe der anderen Manuskripte aus dieser Zeit, thematisch ganz klar den „Bemerkungen über die Farben“ oder „Über Gewissheit“ zuzuordnen wären.2

Das alles lässt einige Bedenken an der editorischen Praxis bei der Herausgabe der Manuskripte aus den letzten beiden Lebensjahren Wittgensteins aufkommen und es stellt sich die Frage nach dem Status der veröffentlichten Bemerkungen. Ist es gerechtfertigt bei diesen drei Sammlungen von Werken Wittgensteins zu sprechen? Diese Frage wird von verschiedenen Interpretinnen und Interpreten sehr unterschiedlich beantwortet. David Stern etwa hat in Hinblick auf die genannten editorischen Mängel im „Cambridge Companion to Wittgenstein“ die Ansicht geäußert, von einem Werk in einem herkömmlichen Sinn könne bei „Über Gewissheit“ (wie auch bei den „Bemerkungen über die Farben“ und Band II der „Letzten Schriften über die Philosophie der Psychologie“) keine Rede sein.

„The series of manuscripts on which On Certainty is based also includes extensive discussion of topics such as vision, color, mind and body, thought and expression, topics closely connected with the concerns of On Certainty. Nearly all of the remaining material has since been published in Remarks on Colour (1977), Last Writings on the Philosophy of Psychology, Part II (1992), and the last pages of Culture and Value (1977/1980/1994). While it is true, as the editors note, that the material that has been put in different books is separated by occasional lines across the page in the notebooks, there is no indication that Wittgenstein conceived of it as separate pieces of work, nor was he responsible for the titles of the separate works we now have. The published text of On Certainty is, therefore, not a work of Wittgenstein’s, as the term is ordinarily understood: the title, the numbering of the sections, and the decision to print this material apart from the other writing in the source notebooks, were all editorial decisions.“ (Stern 1996: 447)

← 3 | 4 → Ganz anderer Meinung ist da Danièle Moyal-Sharrock, die in ihrem Aufsatz „The Idea of a Third Wittgenstein“ von „wholly self-standing works that are On Certainty, Last Writings on the Philosophy of Psychology and Remarks on Colour“ (Moyal-Sharrock 2004: 2) spricht. Eine gewisse Mittelstellung zu diesen beiden Positionen nimmt Josef Rothhaupt in seiner Monographie „Farbthemen in Wittgensteins Gesamtnachlaß“ ein. Mit Bezug auf die „Bemerkungen über die Farben“ argumentiert dieser, Band I erfülle „die Kriterien für ein abgeschlossenes ‘Werk’“ (Rothhaupt 1996: 450) und sei, wie er sagt, „ausgereift“ und „endgültig“ (Rothhaupt 1996: 452); Band II und III müssten im Vergleich dazu als Vorstufen oder Entwürfe betrachtet werden.

Die Einschätzung, es handle sich bei diesen letzten Schriften (oder auch nur einem Teil davon) um abgeschlossene Werke, bedarf in Anbetracht dessen, dass Wittgenstein die allergrößten Ansprüche an seine beiden Hauptwerke—den „Tractatus logico-philosophicus“ und die „Philosophischen Untersuchungen“—gestellt hat, allerdings einer genauen Prüfung. Gerade der Umstand, dass es sich bei den zugrundeliegenden Bemerkungen um handschriftliche Aufzeichnungen handelt, denen keine maschinelle Abschrift vorangeht oder nachfolgt, lässt vermuten, dass die Anordnung der Aufzeichnungen keine endgültige Fassung darstellt. Auch die durch Joachim Schulte vorgeschlagenen Kriterien dafür, was in Bezug auf Wittgenstein ein „Werk“ von einer „Vorstufe“ unterscheidet, sind meiner Ansicht nach nicht erfüllt. Weder gibt es (1) eine erkennbare Einschätzung Wittgensteins, dass der betreffende Text ein eigenständiges Gebilde ist, noch ist (2) eine von Seiten des Lesers feststellbare Argumentationslinie mit Thesen, Argumenten, Einwänden, etc. vorhanden und (3) auch die stilistisch-formale Ausfeilung rechtfertigt nicht den Text als „fertig“ oder „abgeschlossen“ zu bezeichnen.3

1.1.2 Datierung des Textmaterials

Nach diesen einleitenden Worten zur Veröffentlichung der Farbbemerkungen aus den MSS 172, 173 und 176 möchte ich einige Anmerkungen zum Verhältnis dieser drei Manuskripte (und damit zum Verhältnis der drei Bände der „Bemerkungen über die Farben“) zueinander machen. Vorweg ist zu sagen, dass die Datierung der Farbbemerkungen in diesen Manuskripten nicht zweifelsfrei geklärt ist. Josef Rothhaupt hat in einer detailgenauen Studie folgende Anhaltspunkte zusammengetragen: (1) von den Farbbemerkungen in MS 172 (Band II) wissen ← 4 | 5 → wir lediglich, dass sie zwischen Jänner 1950 und Februar 1951 entstanden sein müssen, da Wittgenstein nach eigenen Angaben im Jänner 1950 beginnt einige seiner Gedanken zu Farben niederzuschreiben und wir von G.E.M. Anscombe wissen, dass Wittgenstein die Zettel des MS 172 im Februar 1951 in ihrem Haus in Oxford zurücklässt;4 (2) der erste Teil des MS 173 (§§ 1-130 des Band III) ist datiert, weswegen sich mit Sicherheit sagen lässt, dass diese Bemerkungen zwischen März 1950 und April 1950 entstanden sind; dahingegen kann über den dritten Teil des MS 173 (§§ 131-350 des Band III) nur gesagt werden, dass er nach April 1950 entstanden ist; (3) die Farbbemerkungen in MS 176 wurden laut G.E.M. Anscombe im März 1951 niedergeschrieben; diese Behauptung ist nicht unumstritten, denn manches weist darauf hin, dass die Arbeit an diesen Bemerkungen bereits Mitte 1950 begann und auch vor Oktober 1950 beendet war;5 mit ← 5 | 6 → Sicherheit kann allerdings nur gesagt werden, dass die Aufzeichnungen nicht nach dem 21. März 1951 entstanden sind.

Betrachtet man nun die zeitliche Abfolge—soweit diese eben gesichert ist—in der die einzelnen Manuskripte entstanden sind, und bedenkt man, dass Wittgenstein sowohl den Kontext als auch die Formulierung seiner Bemerkungen oft variiert, dann bietet sich an, drei Verbindungslinien nachzuforschen: (1) Finden sich Bemerkungen aus dem ersten Teil des MS 173 im dritten Teil des MS 173 wieder, gibt es also m.a.W. Verbindungslinien innerhalb von Band III? (2) Gibt es Überschneidungen zwischen Bemerkungen des MS 172 mit den Bemerkungen des MS 173, also zwischen Band II und Band III? (3) Haben die Bemerkungen in MS 176 Vorgänger in MS 172 oder MS 173, wurden also Bemerkungen aus Band II und III in Band I übernommen? Diese drei Fragen seien im Folgenden, eine jede für sich, knapp diskutiert.

1.1.3 Verbindungen zwischen den drei Bänden

Was Band III betrifft, ist Folgendes zu sagen: zwischen den §§ 1-130, die dem ersten Teil des MS 173 entstammen, und den §§ 131-350, die im dritten Teil des MS 173 zu finden sind, lassen sich zahlreiche inhaltliche Verdoppelungen feststellen, die auf einen Transfer der Bemerkungen schließen lassen. Rothhaupt behauptet eine solche Duplikation bei 46 Bemerkungen vorzufinden.6 Zwar stimme ich nicht in jedem einzelnen Fall mit seinem Urteil überein, d.h. ich habe bei einzelnen Bemerkungen eine gewisse Scheu von einer inhaltlichen Verdoppelung zu sprechen, teile aber im Ganzen seine Einschätzung, dass der dritte Teil des MS 173 eine erste Überarbeitung der Farbbemerkungen aus dem ersten Teil des MS 173 darstellt. Entsprechend halte ich es auch für einen editorischen Fehler, dass der Bruch zwischen § 130 und § 131 in Band III der „Bemerkungen über die Farben“ nicht kenntlich gemacht wurde.

Zwischen den Farbbemerkungen in MS 172 und MS 173, also zwischen Band II und Band III der „Bemerkungen über die Farben“ lassen sich keine exakten Entsprechungen feststellen. Eine ungefähre Zuordnung verwandter ← 6 | 7 → Bemerkungen wurde von Rothhaupt versucht.7 Dessen Analyse liefert aber leider keine Ansatzpunkte für eine genauere Datierung der Aufzeichnungen des MS 172 und alles deutet darauf hin, dass die MSS 172 und 173 weitgehend unabhängig voneinander verfasst wurden.

Was die Übertragung von Bemerkungen aus den MSS 172 und 173 in das MS 176 betrifft, ist festzustellen, dass 32 der 88 Bemerkungen wortgleich übertragen wurden, zu weiteren 49 Bemerkungen lassen sich ähnliche Bemerkungen in den beiden früheren Manuskripten finden und nur 7 Bemerkungen im MS 176 sind vollkommen neu. Das rechtfertigt Band II und III als „Vorstufen“ oder „Vorarbeiten“ zu Band I zu bezeichnen, da letzterer offenkundig eine Überarbeitung dieses Materials darstellt.8

1.2 Stand der Forschung

Um die Motivation dieser Arbeit zu erörtern, werde ich nun zuerst einen knappen Überblick über den Stand der Forschung geben und daraus die Forschungsfrage ableiten. Im Anschluss daran soll meine Herangehensweise an den Text von bisherigen Versuchen den Text zu bearbeiten abgegrenzt und mit Bezug auf die soweit geschilderten Umstände der Veröffentlichung der „Bemerkungen über die Farben“ gerechtfertigt werden.

Angesichts der Tatsache, dass die „Bemerkungen über die Farben“ eine Sammlung von Einträgen Wittgensteins in seine Notizbücher darstellt, ist es vielleicht wenig verwunderlich, dass viele Interpretinnen und Interpreten eine klare Struktur und konkrete Thesen vermissen und den Text daher als äußerst schwierig beurteilen. So schreibt etwa Marie McGinn, dass „the task of giving some sort of interpretation of Wittgenstein’s Remarks on Colour is an extraordinarily difficult one. The book is exceptionally fragmentary. Many of the remarks seem to raise questions that are then left completely unanswered, or to invite us to imagine various circumstances that are then left without any further comment.“ (McGinn 1991: 435) Auch Jonathan Westphal beklagt hinsichtlich des Problems des durchsichtigen Weiß, welches eine prominente Stellung in den „Bemerkungen über die Farben“ einnimmt: „The answer [Wittgenstein] gives is unclear, or he doesn’t give an answer at all. I cannot find one in the text of RC.“ (Westphal 1986: 311). Dies erklärt man ← 7 | 8 → sich für gewöhnlich damit, dass Wittgenstein die Farbbemerkungen in den letzten beiden Lebensjahren verfasst hat und die Überlegungen darum nicht als abgeschlossen betrachtet werden können. Paul Gilbert schreibt dazu: „It is, perhaps, true that Wittgenstein never adequately explained this phenomenon: he was working on it near the time of his death.“ (Gilbert 1987: 403) Das erweckt unweigerlich den Eindruck als sei Wittgenstein noch dazu gekommen, seine Fragen zu stellen, wäre aber nicht mehr in der Lage gewesen diese zu beantworten. Alan Lee bringt die Situation treffend auf den Punkt, wenn er schreibt: „If there is a consensus about Wittgenstein’s Remarks on Colour it is to the effect that the work has a number of loosely related themes, but no clear structure or thesis.“ (Lee 1999: 215)

Die Schwierigkeit des Textes hat auch dazu geführt, dass dessen Signifikanz sehr unterschiedlich bewertet wurde. Nelson Goodman etwa kommt in seiner Besprechung dieser Bemerkungssammlung zu folgendem Schluss: „Although this small collection of remarks by Wittgenstein makes no significant contribution to the theory of color, it is worth having as a late, even though incomplete, work of a great mind.“ (Goodman 1978: 504) Diesen nüchternen Worten steht die äußerst positive Einschätzung von Bernard Harrison gegenüber: „[Remarks on Colour] is a mature, achieved work, treating in a densely luminous way a range of problems which had preoccupied Wittgenstein since at least the early thirties.“ (Harrison 1978: 564)

Von einem Konsens ist man in der Literatur zu den „Bemerkungen über die Farben“ weit entfernt. Im Wesentlichen lassen sich aber zwei Positionen unterscheiden. Auf der einen Seite befinden sich Philosophinnen und Philosophen, die die verschiedenen Farbrätsel Wittgensteins durch Bezug auf empirische Tatsachen zu beantworten versuchen. Der prominenteste Vertreter dieser Herangehensweise an den Text ist Jonathan Westphal. Seine Grundidee ist jene, dass die Natur der Farben dadurch aufzuklären ist, dass das physikalische Verhalten von Licht erläutert wird. Auf der anderen Seite und in direkter Opposition dazu finden sich Philosophinnen und Philosophen, die darauf verweisen, dass philosophische Probleme niemals durch Verweis auf empirische Fakten zu behandeln sind, weil es sich stets um begriffliche Probleme handelt, die eben darum auch nur durch eine begriffliche Analyse gelöst werden können. Im Folgenden werde ich einige wichtige Stationen in der Rezeptionsgeschichte der „Bemerkungen über die Farben“ seit deren Veröffentlichung im Jahr 1977 beleuchten.

← 8 | 9 → 1.2.1 Einführung in die Debatte

Beginnen möchte ich dabei mit einer Auseinandersetzung zwischen Jonathan Westphal und Paul Gilbert. Von 1986 bis 1989 erscheinen in der Zeitschrift „Mind“ mehrere Artikel, in denen diese beiden Autoren ihre Argumente gegeneinander vortragen. Den Anfang macht Jonathan Westphal, der in einem Aufsatz mit dem Titel „White“ behauptet eine Antwort auf eines der Probleme der „Bemerkungen über die Farben“, das Problem des durchsichtigen Weiß, gefunden zu haben.9 Allerdings gesteht er in fast demütigen Worten zu, dass seine Lösung des Problems möglicherweise den eigentlichen Witz der Bemerkungen Wittgensteins versäumt.

„I hope that the answer which I give to Wittgenstein’s puzzle question is a clear one, even if it is misguided and I have not understood the point of the question as Wittgenstein means it.“ (Westphal 1986: 311)

Paul Gilbert unterlässt es nicht in diese Kerbe zu schlagen und wirft Westphal vor alles Mögliche zu betreiben, nur nicht Philosophie.

„I shall suggest first, that this [Westphal’s] answer is unsatisfactory as a response to Wittgenstein’s question and secondly, that this is because it is the wrong sort of answer to the question as Wittgenstein, or indeed any philosopher intends it.“ (Gilbert 1987: 399)

Welcher Art ist aber eigentlich das Problem des durchsichtigen Weiß? Für gewöhnlich wird das Problem als Frage nach den Gründen der Unmöglichkeit von durchsichtigem Weiß beschrieben. Dahinter steht mindestens eine der folgenden Behauptungen: (1) Es gibt keinen Gegenstand, der zugleich weiß als auch durchsichtig wäre. (2) Es kann so einen Gegenstand auch nicht geben. Und (3), ein solcher Gegenstand ist noch nicht einmal vorstellbar. Westphals Herangehensweise an dieses Problem hat große Ähnlichkeit mit Wittgensteins Herangehen an das so genannte Farbausschlussproblem des „Tractatus logico-philosophicus“.10 ← 9 | 10 → Westphal erhofft sich aus einer Analyse der Begriffe „weiß“ und „durchsichtig“ einen formalen Widerspruch hervorbringen zu können, der die logische Unmöglichkeit von durchsichtigem Weiß zeigt. Die von Westphal ins Auge gefasste Analyse ist als physikalische aufgefasst worden, da er die fraglichen Begriffe wie folgt in physikalische Termini übersetzt. Weiß lässt sich, so Westphal, als diejenige Farbe beschreiben, für die gilt, dass sie annähernd das gesamte auftreffende Licht reflektiert, während ein Körper genau dann durchsichtig ist, wenn annähernd das gesamte auftreffende Licht durch diesen hindurchfließt. Gegeben, dass „reflektierend“ hier gleichbedeutend mit „nicht lichtdurchlässig“ ist, ergibt sich für eine durchsichtige, weiße Fläche folgende Bestimmung: annähernd das gesamte auftreffende Licht wird reflektiert und zugleich nicht reflektiert–ein Widerspruch. Gilberts Einwand gegen Westphals Lösung ist, dass das Grundproblem ein phänomenologisches, nicht ein physikalisches sei. Eine physikalische Eigenschaft wie Lichtdurchlässigkeit kann nur dann die Unmöglichkeit einer phänomenologischen Eigenschaft erklären, wenn die beiden Eigenschaften notwendig miteinander verknüpft sind, d.h. wenn das Vorhandensein der physikalischen Eigenschaft eine hinreichende Bedingung der An- oder Abwesenheit der phänomenologische Eigenschaft darstellt. Diese Notwendigkeit ist aber nicht logischer sondern metaphysischer Natur und damit unzureichend. Denn: „[a] metaphysical necessity cannot explain a logical impossibility.“ (Gilbert 1987: 401). Das Problem ist ja nicht dergestalt, dass lediglich erklärt werden muss, warum es nichts gibt oder geben kann, dass sowohl durchsichtig als auch weiß ist, sondern auch warum wir uns noch nicht einmal vorstellen können, wie etwas durchsichtig Weißes aussehen würde. (Das Problem des durchsichtigen Weiß ist dadurch u.a. in ein Näheverhältnis mit der Unmöglichkeit, sich einen logischen Widerspruch der Form p ^ ¬p vorzustellen, gesetzt.) In seiner Antwort auf Gilberts Kritik erörtert Westphal, dass Gegenstände seiner Ansicht nach sehr wohl durchsichtig und weiß aussehen (und vorgestellt werden) können und dass es entsprechend darum gehen müsse zu zeigen, warum sie es trotzdem nicht sind und auch nicht sein können.

„[I]t is also my view that things can look white and transparent at the same time. […] I believe this because I believe that under the right conditions anything can look like virtually anything.“ (Westphal 1988: 603)

Interessanterweise vermeint Westphal diese Auffassung auch bei Wittgenstein zu entdecken. „[A]ccording to Wittgenstein a surface can look white and transparent, while something still needs explaining—why it isn’t“ (Westphal 1988: 603) Aufgrund der Tatsache, dass diese Behauptung in offenem Widerspruch zu mehreren Abschnitten in den „Bemerkungen über die Farben“ steht und ← 10 | 11 → von Westphal nicht weiter begründet wird,11 muss zugestanden werden, dass seine Ausführungen dem Textmaterial nicht gerecht werden. Demgegenüber ist Gilbert um eine Auflösung des Problems bemüht, aus der hervorgeht, warum ein durchsichtiges Weiß noch nicht einmal vorgestellt werden kann. Seiner Ansicht nach erfordert eine adäquate Antwort auf diese Frage, dass unser Gebrauchs der Ausdrücke „weiß“ und „durchsichtig“ erörtert wird: „What needs to be explained is why our use of these notions rules out their conjoint attribution“. (Gilbert 1987: 401) In einer Fußnote wird diese Bemerkung um einen Verweis auf Wittgensteins Artikel „Bemerkungen über logische Form“ von 1929 ergänzt.

„Strictly speaking, the relation which prevents this is not, pace Westphal, contradiction, but exclusion (see ‘Some Remarks on Logical Form’, Aristotelian Society Supp. Vol. IX, 1929). It is not that the expression ‘transparent white’ is possible but necessarily lacks application, but that the expression is itself ruled out as a possible construction.“ (Gilbert 1987: 401)

Ungeklärt bleibt dabei, weshalb der Ausdruck „durchsichtiges Weiß“ als Konstruktion ausgeschlossen ist, wenn er es denn ist. Angenommen dieser Ausschluss ist in sprachlichen Konventionen begründet, dann lässt sich denken, dass wir diese Konventionen nicht befolgen und die Wortverbindung „durchsichtiges Weiß“ hätte dann unter Umständen einen sinnvollen Gebrauch. Dann sollte aber möglich sein, sich ein durchsichtiges Weiß vorzustellen. Handelt es sich dagegen um eine natürliche Gesetzmäßigkeit, dann fallen die Positionen von Westphal und Gilbert zusammen. Auch das ist unbefriedigend. Gilbert selbst löst dieses Dilemma nicht auf und, wie sich noch zeigen wird, taucht eben dieses Problem in der Literatur immer wieder auf, ohne eine Lösung zu erfahren.

1.2.2 Die Grenzen verhärten sich

An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass die Aufsätze von Westphal und Gilbert nicht deshalb an den Anfang dieser Aufarbeitung der Literatur gerückt sind, weil ihre Arbeiten früher erschienen wären als andere, was nicht der Fall ist, sondern weil sich Westphal im Nachhinein als zentrale Figur in der weiteren ← 11 | 12 → Diskussion herausgestellt hat und mit Gilbert einen Kontrahenten besaß, der einen sehr attraktiven Gegenstandpunkt vertreten hat. Die Darstellung der beiden Positionen liefert den Rahmen für die weitere Aufarbeitung der Literatur insofern, als alle folgenden Beiträge zu den „Bemerkungen über die Farben“ entweder der einen oder der anderen Seite zugeordnet werden können; so auch die Monographie „The Subjective View“ von Colin McGinn, die bereits 1983 veröffentlicht wurde, also drei Jahre vor Westphals Aufsatz. McGinn skizziert darin ein Argument, das im Wesentlichen der Analyse von „weiß“ und „durchsichtig“ entspricht, wie sie Westphal später in größerem Detail ausarbeiten wird. Bemerkenswert ist, dass McGinn, ganz anders als Westphal, im Anschluss an dieses Argument ein Gedankenexperiment entwickelt, das derartige Erklärungsversuche als unzureichend zeigen soll, und zwar indem auf den phänomenologischen Charakter des Problems hingewiesen wird; ein Einwand den eben auch Gilbert vorbringt.

McGinn fordert uns auf ein Wesen vorzustellen, welches Licht, das wir als grün bezeichnen würden, so erlebt, wie wir weißes Licht erleben. Dieses Wesen wird, wenn es einen nach unseren Begriffen durchsichtigen grünen Körper betrachtet, den Eindruck eines durchsichtigen Weiß haben, so McGinn. Daraus sei der Schluss zu ziehen, dass eine Erklärung der Unmöglichkeit von durchsichtigem Weiß, die lediglich auf objektive Eigenschaften Bezug nimmt, unzureichend bleiben muss und wir in der Erklärung dieser Unmöglichkeit unsere subjektive Erfahrung der Farben zu berücksichtigen haben. Sowohl C. L. Hardin—im Aufsatz „Could White be Green?“ von 1989—als auch Roberto Casati—im Aufsatz „Wittgenstein, Phenomenological Laws, and McGinn’s Interpretation“, ebenfalls von 1989—haben gegen dieses Gedankenexperiment vorgebracht, dass das beschriebene Wesen zwar einen achromatischen, durchsichtigen Gegenstand wahrnimmt, wenn es einen nach unseren Begriffen durchsichtigen, grünen Körper betrachtet, dabei aber nicht einen Eindruck von etwas durchsichtig Weißem haben wird. Ihr Urteil begründen sie damit, dass ein durchsichtiges grünes Medium signifikant weniger Licht durchlässt als ein farbloser, durchsichtiger Körper, weswegen der vorgestellte, sinnliche Eindruck nicht als durchsichtiges Weiß sondern als durchsichtiges Grau beschrieben werden sollte. Das Gedanken-experiment ist entsprechend nicht in der Lage zu zeigen, was es zeigen soll. Hardin und Casati verfolgen mit ihrer Widerlegung aber unterschiedliche Ziele. Während Hardin überzeugt ist, dass die Unmöglichkeit von durchsichtigem Weiß durch Rückgriff auf objektive (physikalische) Eigenschaften erklärt werden muss und damit in die Nähe von Westphal rückt, teilt Casati die Ansicht von Gilbert, dass die Lösung des Problems in der Betrachtung ← 12 | 13 → unseres Sprachgebrauchs und der Analyse unserer Begriffe liege. Die beiden Autoren sind damit aber auch mit den bereits diskutierten Schwierigkeiten konfrontiert, ohne diese aufzulösen.

Casati bringt in die Auseinandersetzung allerdings auch noch ein weiteres Argument ein, welches verdeutlichen soll, weshalb der Ansatz von Westphal keine befriedigende Antwort auf das Problem des durchsichtigen Weiß liefern kann. Dazu weist er auf die Tatsache hin, dass es Situationen gibt, in denen ein Gegenstand als durchsichtig erlebt wird ohne durchsichtig zu sein. Betrachtet man etwa ein Gemälde auf dem farbige Gefäße aus Glas abgebildet sind, dann sind es nicht die objektiven Eigenschaften der Leinwand oder der darauf aufgetragenen Farben, die den Eindruck des Durchsichtigen entstehen lassen, sondern das komplexe Zusammenspiel verschiedener Farbflächen. Ansätze, die ausschließlich auf die objektiven Eigenschaften von Gegenständen Bezug nehmen, sind entsprechend nicht angemessen um unsere Wahrnehmung eines Gegenstandes als durchsichtig zu erklären. Das Argument hat aber gegen Westphal kein Gewicht, weil dieser, wie bereits erwähnt, es gar nicht als Problem auffasst, dass etwas durchsichtig aussehen kann ohne durchsichtig zu sein.

Wie weit die beiden Lager in ihrem Verständnis des Problems auseinanderliegen zeigt sich auch an einem Argument das D. K. Buckner in seinem Aufsatz „Transparently False: Reply to Hardin“ vorbringt. Stellen wir uns dazu vor, dass zwei durchsichtige Glasplättchen, eines davon farblos, das andere grün, vor uns auf einem Tisch liegen. Neben diesen Glasplättchen liegen zwei Stoffmuster, beide undurchsichtig, eines davon weiß, das andere grün. Nun lässt sich sagen, dass das grüne Glasplättchen eine farbliche Ähnlichkeit mit dem grünen Stoffmuster besitzt, während das farblose Glasplättchen keine solche Ähnlichkeit mit dem weißen Stoffmuster aufweist. Würden wir uns in der Beschreibung der Gegenstände aber auf objektive Eigenschaften beschränken und nichts über ihre subjektive Qualität hinzufügen, bliebe dieser Unterschied verborgen.12 Diese Beobachtung mag man interessant finden, als Angriff auf die Position von Westphal oder Hardin ist sie aber unbedeutend. Denn wenn man der Auffassung ist, dass es ausschließlich darum geht, zu klären, warum ein Körper nicht durchsichtig und weiß sein kann, dann wird einen der Hinweis darauf, wie dieses oder jenes erscheint nicht weiter beunruhigen.

← 13 | 14 → 1.2.3 Der gemeinsame Nenner

Die soweit herausgearbeiteten Unterschiede zwischen den einzelnen Positionen sollten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle diese Autoren eine Grundannahme teilen, nämlich, dass es durchsichtiges Weiß nicht gibt und nicht geben kann. Das ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil die Behauptung zunächst falsch klingt. Man denke nur etwa an dünnen, weißen Stoff oder milchiges Glas. Angesichts der Tatsache, dass die ganze Diskussion auf der Wahrheit der Behauptung fußt, dass etwas Weißes nicht durchsichtig sein kann, mutet es etwas seltsam an, dass sich niemand ernsthaft solcher Beispiele annimmt.13 Auch die verschiedenen Versuche ein durchsichtiges Weiß zu konstruieren, die sich in den „Bemerkungen über die Farben“ finden, bleiben in der Literatur unkommentiert. Die einzig mir bekannte Arbeit, die sich mit der Behauptung, dass es ein durchsichtiges Weiß nicht geben kann, kritisch auseinandersetzt, stammt von David Sanford. Im Aufsatz „The Possibility of Transparent White“ unternimmt dieser den Versuch zu zeigen, dass durchsichtiges Weiß möglich ist. Die eigentliche Schwierigkeit dies zu zeigen sei jene, ein Medium zu konstruieren, welches nicht verdunkelt und darüber hinaus nicht vollkommen farblos ist. Angenommen aber, schreibt Sanford, wir stellen uns einen Apparat mit einem Lichtverstärker vor, der das ankommende Licht weißlich färbt, dann wäre nichts angebrachter als dieses Medium durchsichtig und weiß zu nennen. Gibt man zu, dass ein solcher Apparat denkbar ist und akzeptiert man darüber hinaus Sanfords Darstellung des Problems, dann ist man zum Schluss gezwungen, dass die Diskussion zu durchsichtigem Weiß auf einem Irrtum beruht. Ich werde im vierten und letzten Kapitel dieser Arbeit zeigen, dass Sanfords Darstellung des Problems nicht adäquat ist. Eine Beschäftigung mit seinem Aufsatz lohnt aber schon deshalb, weil man andernorts vergeblich nach einer kritischen Auseinandersetzung mit der Behauptung sucht, ein durchsichtiges Weiß sei unmöglich.

← 14 | 15 → 1.2.4 Das Grundproblem der Literatur

An diesem Punkt sei ein kurzer Zwischenstand gezogen. Dass der Ansatz von Westphal bei der Auslegung der Farbbemerkungen Wittgensteins keine Hilfe ist, liegt meiner Ansicht nach auf der Hand. Eine Lösung der in den „Bemerkungen über die Farben“ aufgeworfenen Probleme muss in der Betrachtung unseres Sprachgebrauchs liegen. Diese Auffassung scheint auch weitestgehend akzeptiert zu sein; dennoch hinterlassen alle mir bekannten Arbeiten, die diese Herangehensweise verfechten, ein Gefühl der Unzufriedenheit. Dies sei anhand eines Aufsatzes von Elaine Horner näher ausgeführt. Horner, die sich, wie alle bisher behandelten Autorinnen und Autoren, der Frage nach der Möglichkeit eines durchsichtigen Weiß stellt, ist, wie gesagt, der Ansicht, dass eine Lösung des Problems in einer Betrachtung der Sprachpraxis und der Offenlegung der Regeln, die dieser Praxis zugrundeliegen, zu finden sei.

„[Wittgenstein’s] thought is that a description of the way in which we use colour-language, that is, an investigation of the grammar of our colour words, will achieve all that we mistakenly thought could be achieved by a scientific explanation.“ (Horner 2000: 220)

Diese Idee veranlasst Horner dazu, diverse Bemerkungen Wittgensteins zu unserem Gebrauch der Worte „weiß“ und „durchsichtig“ zu referieren. Erwähnung finden dabei die §§ 2, 5, 6 und 9 aus Band II und die §§ 173, 195 und 212 aus Band III, wobei Horner sich im Wesentlichen damit begnügt diese Textstellen zu zitieren und z.T. auch den Umstand ignoriert, dass einige dieser Bemerkungen von Wittgenstein als Frage abgefasst sind. Der Schluss, den Horner letztlich aus den ausgewählten Bemerkungen zieht, ist jener, dass durchsichtiges Weiß darum unmöglich sei, weil „weiß“ eine besondere Stellung unter den Farbworten einnimmt.

„There are, then, two decisive differences between white and the other colours: (i) the special position of white in the octahedron, in that it mixes with all the other colours and with its opposite pole, black, and (ii) its distinctive position in respect to lightness.“ (Horner 2000: 241)

Die Verschiedenheit von Weiß zu allen anderen Farben als Antwort aufzufassen, zeugt allerdings von einem gewissen Unverständnis für das Problem. Wer sich über die Unmöglichkeit von durchsichtigem Weiß zu wundern beginnt, wundert sich v.a. über den Umstand, dass Weiß eine Ausnahme zu den anderen Farben darstellt. Den besonderen Status von Weiß zu erörtern mag zum Verständnis des Problems beitragen, kann dieses aber gewiss nicht bereinigen. Dieser Vorwurf muss auch gegen die Aufsätze „Goethe, Wittgenstein, and the Essence of Color“ ← 15 | 16 → von Zeno Vendler, „Light and Color from a Philosophical Point of View“ von Theda Rehbock und „Wittgenstein’s Remarks on Colour“ von Glenn Erickson vorgebracht werden. Das soll den Beitrag dieser Philosophinnen und Philosophen nicht schmälern, denn jeder bringt diverse neue Aspekte in die Diskussion ein. Was die Interpretation der „Bemerkungen über die Farben“ betrifft, liefern diese Arbeiten aber nicht viel mehr als eine Auflistung verschiedener Sätze zum Verhältnis einzelner Farben zueinander; gar so als ginge es in erster Linie um eine Inventur sprachlicher Regeln. Als Kommentar zu Wittgensteins Überlegungen ist eine solche Buchführung wenig befriedigend. Zu einer Erörterung des besonderen Status dieser Sätze kommt es für gewöhnlich nicht. Meist begnügt man sich mit dem Hinweis, es handle sich um grammatische Sätze, die interne oder formale Beziehungen zum Ausdruck bringen und darum als sprachliche Regeln aufzufassen sind. Das Grundproblem dieses Vorgehens wurde schon im Zusammenhang mit Gilbert angesprochen. Wenn durchsichtiges Weiß darum nicht vorgestellt werden kann, weil unsere Begriffe die Verbindung „durchsichtiges Weiß“ ausschließen, dann muss darauf die Antwort sein: „Nichts leichter als uns andere Begriffe schmieden“. Die behauptete logische Notwendigkeit wäre dann bloß Ergebnis willkürlicher Definitionen und diese könnten, so die sich aufdrängende Vermutung, auch andere sein.

1.2.5 Versuch der Problemlösung

Ein Versuch dieses Problem in Angriff zu nehmen findet sich bei Friederike Schmitz und bei Jacques Bouveresse; und beide kommen im Zusammenhang mit der Möglichkeit anderer Begriffe auf das Verhältnis dieser Begriffe zu sehr allgemeinen Naturtatsachen zu sprechen.

„That there is no transparent white is not a mere linguistic norm, in the usual sense of the word ‘norm’ […] Like mathematical propositions, these propositions are not a priori because they are (intrinsically) independent of experience, but because they have been accepted on the basis of experience and then made independent of experience.“ (Bouveresse 2004: 189)

Nimmt man diese Ausführungen ernst, sollten sich sofort zwei Fragen aufdrängen: „Aufgrund welcher Erfahrung wurden diese Sätze akzeptiert?“ und „Welcher Art ist die Entscheidung gewisse Sätze von der Erfahrung unabhängig zu machen?“. Dieses Fragen zufriedenstellend zu beantworten ist allerdings ein nahezu unmögliches Unterfangen. Selbst wenn man zugibt, dass Farbsätze den Sätzen der Mathematik hinreichend ähnlich sind, um den Vergleich, den Bouveresse zieht, rechtfertigen zu können und man Wittgensteins Ausführungen in den „Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik“ hinzuzieht, bedarf ← 16 | 17 → die gemachte Behauptung einer umfangreichen Erörterung. Zu sagen, diese Sätze wurden aufgrund der Erfahrung akzeptiert und sodann von der Erfahrung unabhängig gemacht, lässt völlig im Dunklen, ob und inwieweit es möglich wäre, andere Sätze zu akzeptieren. In Ansätzen versucht Bouveresse auf diese Schwierigkeit einzugehen.

„It is difficult to imagine and to describe a different geometry of colours—one which may have been laid down by human beings different from us—as though it were still a geometry of the thing in question (colour) and not of something else. When we speak of a colour which […] does not exist, and ask if it could not eventually exist and indeed, in certain conditions, even be perceived, we are speaking of a thing that is external to the space of colours, and yet at the same time can only have its place within that space.“ (Bouveresse 2004: 184)

Bemerkenswert ist, dass der Gedanke an diesem Punkt einfach abbricht. Insbesondere weil Bouveresse an späterer Stelle zugesteht, es sei wahr, „that we cannot completely rule out the possibility that some individuals may have found a path […] where for us there was none.“ (Bouveresse 2004: 186) Wie ist denn die Behauptung, dass sich unter bestimmten Bedingungen ein grundlegend anderer Gebrauch der Farbworte etablieren hätte können, mit der Ansicht vereinbar, dass es schwer fällt, sich einen solchen Gebrauch vorzustellen? Wenn man der Auffassung ist, dass wir kein anderes Kriterium dafür haben, ein fremdes Wort als Farbwort zu erkennen, als dass es auf hinreichend ähnliche Weise gebraucht wird wie unsere Farbworte, dann wird man fragen müssen, welchen Gehalt die Behauptung hat, dass sich ein grundlegend anderer Gebrauch der Farbworte etablieren hätte können. Das ist auch der Punkt an dem Friederike Schmitz in ihrer Arbeit zu den „Bemerkungen über die Farben“ ansetzt.

„Haben wir nicht gerade [im] Fall des transparenten Weiß das Gefühl, an eine Grenze zu stoßen, an eine Unmöglichkeit, die nicht nur den tatsächlichen Sprachgebrauch begrenzt, sondern auch die Vorstellbarkeit alternativer Systeme betrifft?“ (Schmitz 2005: 270)

Das mag sein, erläutert Schmitz, fügt aber umgehend hinzu, dass dieses Gefühl trügerisch sei. Die Frage nach der Vorstellbarkeit alternativer Begriffssysteme ließe sich nur beantworten, wenn wir „über einen äußeren Standpunkt“ (Schmitz 2005: 271), einen Standpunkt außerhalb unserer Begriffe, verfügen würden, von welchem aus sich die Notwendigkeit oder Willkürlichkeit unserer Begriffe zeigen ließe. Weil uns ein solcher aber nicht zugänglich ist, so Schmitz weiter, macht die Frage keinen Sinn, „sie läuft leer“ (Schmitz 2005: 271). Daran kann man merkwürdig finden, dass Wittgenstein mehrmalig und mit Nachdruck die Frage aufwirft, warum man sich etwas Weißes nicht auch durchsichtig denken ← 17 | 18 → könne. Der Diskussion haftet darum der bittere Beigeschmack an, dass das Problem nicht in seinem Umfang erfasst wurde. Was nötig ist, ist ein Verständnis der Motive, die sich hinter dieser eigentümlichen Fragestellung verbergen. Am nächsten kommt einem solchen Verständnis Alan Lee. In einer zentralen Stelle seines Aufsatzes „Wittgenstein’s Remarks on Colour“ stellt er Folgendes fest:

„The difference between ‘white’ and ‘red’, which is central to what is identifiably new in the Remarks, is related to the difference between various quasi-colours (e.g. gold or silver) and colours properly so called (e.g. yellow or grey).“ (Lee 1999: 232)

Damit bezieht er sich auf den § 54 im ersten Band der „Bemerkungen über die Farben“.

„Daß nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, sieht man leicht. Z.B. den Unterschied zwischen den Begriffen ‘Farbe des Goldes’ oder ‘Farbe des Silbers’ und ‘gelb’ oder ‘grau’.“ (BF I, 54; MS 176, 13r-13v)

Lee meint darin folgenden Hinweis zu entdecken: Manche unserer Farbworte bezeichnen nicht Farben im strengen Sinn, sondern dienen der Beschreibung komplexer visueller Empfindungen, wie sie sich etwa bei der Betrachtung von Gold oder Silber einstellen. Dieser Unterschied sei, so Lee weiter, zentral für unser Verständnis der Farbbemerkungen Wittgensteins, weil nur für Farben im strengen Sinn überhaupt die Möglichkeit bestehe logische Beziehungen auszumachen.

„Internal relations of the colour system do not entirely define that system, since it is necessary to distinguish between colours properly so called, and the wider range of visually discriminable qualities. The problematic status of white among the colours presents a problem of demarcation between internal and external relations of the colour system.“ (Lee 1999: 237)

Obgleich ich der Auffassung bin, dass Lee damit auf einen wichtigen Punkt aufmerksam macht, werfen seine Erörterungen eine Schwierigkeit auf, die sich aus seinem Text heraus nicht beantworten lässt. Zunächst einmal verbleibt die Rede von „external relations of the colour system“ äußerst vage. Während es üblich ist, als externe Beziehungen solche Verhältnisse aufzufassen, die aufgrund einer gegebenen Situation zu einem bestimmten Zeitpunkt faktisch bestehen, ist unklar, was es heißt von einem System solcher Beziehungen zu sprechen; stellen wir uns darunter einen Katalog wahrer Aussagen vor, dann muss erklärt werden, was mit einer solchen Auflistung philosophisch geleistet wäre. Dieses Problem ist deshalb von Bedeutung, weil zahlreiche Abschnitte in den „Bemerkungen über die Farben“ der Verwendung solcher Worte wie „gold“, „silber“, „blond“, „durchsichtig“, „leuchtend“, etc. gewidmet sind. Wenn es darin nicht darum ← 18 | 19 → gehen soll, die Logik dieser Ausdrücke zu erforschen, welchen Zweck erfüllen diese Bemerkungen dann? Meiner Ansicht nach ist die Beobachtung, dass nicht alle Farbbegriffe logisch gleichartig sind, der Schlüssel zum Problem des durchsichtigen Weiß, aber es ist ein gravierendes Missverständnis, wenn aus dieser Beobachtung gefolgert wird, dass es zwei unterschiedliche Gruppen von Farbworten gibt, wovon die eine durch interne, die andere durch externe Beziehungen ausgezeichnet ist. Ganz im Gegenteil soll uns diese Einsicht dazu verhelfen innerhalb der Logik unserer Farbbegriffe auf Unterschiede aufmerksam zu werden, die uns nur allzu leicht entgehen. Marie McGinn erweckt z.T. den Eindruck, als sei sie einer ähnlichen Lösung des Problems auf der Spur. Nachdem sie es als eine Quelle von Missverständnissen identifiziert, unseren gewöhnlichen Gebrauch der Farbworte an abstrakten Farbmodellen wie dem Farboktaeder zu bemessen, bringt sie vor, dass es vor allem darum gehen müsse, unsere tatsächliche Verwendung der Farbworte zu untersuchen, um so zu einem adäquateren Bild der Logik unserer Farbbegriffe zu gelangen.

„[B]y focusing on aspects of our ordinary language-game that either conflict with or escape capture within the restricted conception of grammar that our preoccupation with the geometry of colour has given us, we shall gradually come to a more adequate picture of the grammar of our ordinary language, one that preserves, rather than legislates away, the indeterminateness and lack of precision inherent in our ordinary colour descriptions.“ (McGinn 1991: 445f.)

Dennoch versäumt es auch McGinn die bereits in Reichweite liegende Lösung für das Problem des durchsichtigen Weiß zu ergreifen, wohl z.T. deshalb, weil sie in ihrem Aufsatz ein anderes Ziel vor Augen hat. Wie diese Lösung meiner Ansicht nach aussieht, wird im letzten Kapitel dieser Arbeit ausgeführt. An diesem Punkt muss ich Leserinnen und Leser dieser Arbeit mit dem Versprechen einer späteren Auflösung vertrösten.

1.2.6 Der Auslöser der Farbbemerkungen

Der Stand der Dinge ist damit folgender: Während Ansätze, die die „Bemerkungen über die Farben“ als Traktat über unseren Gebrauch der Farbworte behandeln, zu einem besseren Verständnis der aufgeworfenen Probleme beigetragen haben, besitzen wir keine zufriedenstellenden Lösungen für diese Probleme. Weder ist vollends geklärt, welche Rolle solche Sätze wie „Ein Körper kann nicht zugleich durchsichtig und weiß gedacht werden“ für unseren Sprachgebrauch inne haben, noch was von der Behauptung zu halten ist, dass unser Sprachgebrauch auch ein anderer hätte sein können. Man kann als Interpretin oder Interpret natürlich feststellen: „Das und das gehört zur logischen Grammatik“, ← 19 | 20 → aber mein Eindruck ist, dass ein solches Vorgehen ein Stück weit das eigentliche Problem verfehlt.14

Aus den bisherigen Betrachtungen ließe sich bereits die Forschungsfrage entwickeln. Ich möchte jedoch zuvor noch zwei Arbeiten erwähnen, die sich vornehmlich mit der Frage auseinandersetzen, warum sich Wittgenstein gegen Ende seines Lebens derart intensiv mit Farbthemen auseinandersetzt. Der erste dieser Aufsätze stammt von Masahiro Oku, der zweite von Andrew Lugg. Die These beider Autoren ist, dass Wittgenstein aufgrund seiner Lektüre der Farbenlehre von Johann Wolfgang von Goethe und des darin abgedruckten Briefs von Philipp Otto Runge die Unzulänglichkeit geometrischer Farbmodelle wie dem Farboktaeder erkennt. Um diese These in ihrem Umfang zu verstehen, muss allerdings ein wenig ausgeholt werden. Zwei Fragen sind zu beantworten: (1) Worin besteht die erkannte Unzulänglichkeit und (2) welche Signifikanz hat diese für Wittgenstein? Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir ins Jahr 1929 zurückgehen. Dieses und die darauffolgenden Jahre, die manches Mal als mittlere Schaffensphase Wittgensteins bezeichnet werden, sind durch theoretische Umwälzungen gekennzeichnet, deren Ausgangspunkt in vielerlei Hinsicht das Farbausschlussproblem darstellt. Dieses Problem hat, wie bereits weiter oben angedeutet, folgende Gestalt: Angenommen ein bestimmter Ort des Gesichtsfelds, wir nennen ihn A, sei rot. Daraus folgt (semantisch) u.a., dass A nicht blau ist. Die Behauptung, dass A rot ist, schließt die Behauptung, dass A blau ist, aus. Als Wittgenstein den „Tractatus logico-philosophicus“ verfasst, ist er der Ansicht, dass derartige (semantische) Abhängigkeiten zwischen Sätzen Artefakte unseres gewöhnlichen Sprachgebrauchs darstellen; eine vollständige Analyse dieser Sätze werde zeigen, dass jeder gegenseitige Ausschluss sich auf einen logischen (syntaktischen) Widerspruch reduzieren lasse.15 Allerdings war er sich auch darüber im Klaren, die geforderte Analyse selbst nicht weit genug vorangetrieben zu haben.16

← 20 | 21 → Ende der 1920er beginnt Wittgensteins Überzeugung, dass eine solche Analyse überhaupt existiert, zu wanken. Aus dieser Unsicherheit heraus entstehen ab 1929 mehrere Versuche einen neuen Ansatz zu finden. Robert Alva Noë—im Aufsatz „Wittgenstein, Phenomenology and What It makes Sense to Say“—liefert eine ausgezeichnete Darstellung der theoretischen Entwicklung Wittgensteins zu dieser Zeit. Wittgenstein ist nach wie vor um eine Klärung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit bemüht, doch mit der sich langsam festsetzenden Einsicht, dass der Entwurf eines adäquaten Symbolismus auch eine Kenntnis des abzubildenden Phänomens zur Voraussetzung hat, löst er sich von der Vorstellung, die philosophische Untersuchung könne vor jeder Erfahrung stattfinden. Die logische Analyse der Sprache muss durch eine phänomenologische Studie untermauert werden. Wie Wittgenstein sich diese phänomenologische Studie im Detail vorstellt und welche Schwierigkeiten sich aus der Hinzunahme einer solchen ergeben, braucht uns an dieser Stelle nicht weiter zu bekümmern. Wichtig ist lediglich, dass wir hinsichtlich des Ergebnisses einer solchen Studie Folgendes feststellen:

„The phenomenological representation of color, for example, must exhibit the full range of relations in which colors can sensibly be said to figure, so to exhibit the very structure of color space, and so, in that way, to represent the essence of color.“ (Noë 1994: 8)

Wittgenstein findet auch eine Darstellungsform des Farbraums, die all das zu leisten verspricht: den Farboktaeder. Dieser nimmt in der weiteren Entwicklung seiner Ideen eine wichtige Rolle ein. War er zunächst noch der Ansicht, eine bestimmte Darstellungsform müsse sich kraft seiner formalen Beziehung zur Wirklichkeit als korrekt herausstellen, kommt er nach und nach zur Überzeugung, dass verschiedene Darstellungsformen sich nur insofern unterscheiden, als sie gewisse sprachliche Regeln, besser oder schlechter einfangen.

„The thought, which grows in importance in the years to come, is that phenomenology is grammar, that is to say, that the phenomenological investigation is no more than, or comes to the same as an investigation of what it makes sense to say (e.g. in the domain of visual experience).“ (Noë 1994: 20)

Das Ziel philosophischer Analyse ist demnach auch nicht länger das verborgene Wesen einer Sache ans Tageslicht zu befördern, sondern Klarheit darüber zu erlangen, was sich sinnvoll sagen lässt und was nicht. „Die Oktaeder-Darstellung ← 21 | 22 → ist eine übersichtliche Darstellung der grammatischen Regeln“ (TS 213, 441) heißt es dazu im großen Typoskript. Danach herrscht lange Zeit Stille. 15 Jahre vergehen bevor Wittgenstein 1948 in seinen Aufzeichnungen wieder auf den Farboktaeder Bezug nimmt.

Mit diesem Wissen ausgerüstet findet man in den „Bemerkungen über die Farben“ in der Tat diverse Überlegungen, die darauf hinzuweisen scheinen, dass Wittgenstein einen Mangel am Farboktaeder und damit seiner eigenen Auffassung zur Oktaeder-Darstellung erkannt hat. Denn über die (Un-)Sinnigkeit solcher Verbindungen wie „durchsichtiges Weiß“ oder „leuchtendes Grau“ sagt uns diese Darstellungsform nichts. Gewiss, ob man dieses Schweigen des Farboktaeders als Mangel auslegt oder nicht, hängt davon ab, ob man denkt, eine übersichtliche Darstellung müsse auch vollständig sein. Das mag man für plausibel halten, wenn man an die philosophischen Gedanken Wittgensteins Anfang der 1930er denkt.

„Wittgenstein’s position here is supported by a conception of grammar which is strikingly systematic. Wittgenstein seems to be captivated by a powerful metaphor—what he might have called a picture—of grammatical or logical space. The grammatical, as we have seen, is likened to the geometrical. Grammar determines the structure of a definite space within which we move about.“ (Noë 1994: 36)

Weit weniger klar ist, ob Wittgenstein das Farboktaeder auch nach 1948 noch als eine umfassende Darstellung der grammatischen Verhältnisse unserer Farbbegriffe aufzufassen geneigt war.17 In den Analysen der folgenden Kapiteln werde ich u.a. zu zeigen versuchen, dass es nicht ein Mangel des Farboktaeders ist, der Wittgensteins intensive Auseinandersetzung mit den Farben gegen Ende seines Lebens auslöst, sondern dass sein Interesse in erster Linie der Anziehungskraft der Rede von einem Farbraum oder einer Farbgeometrie und der Bedeutung dieser Rede für die Frage nach der Möglichkeit anderer (Farb-)Begriffe gilt.

← 22 | 23 → 1.3 Forschungsfrage und Methode

Aus den soweit angestellten Betrachtungen lässt sich entnehmen, dass eine überwiegende Zahl der Arbeiten zu den „Bemerkungen über die Farben“ am Problem des durchsichtigen Weiß ansetzt. Auch sollte hervorgegangen sein, dass die bisherigen Versuche dieses Problem zu lösen nicht vollends zur Zufriedenheit gereichen. Als Forschungsfrage des Dissertationsprojekts bot sich aus diesem Grund und in Anknüpfung an die vorhandene Literatur zunächst an, die Behauptung, man könne sich etwas Weißes nicht durchsichtig vorstellen, zu besprechen. Als Herangehensweise war im ersten Entwurf vorgesehen, den modale Charakter dieser Behauptung zu untersuchen; zum einen unter Rückgriff auf frühere Überlegungen Wittgensteins dazu, was denkbar und möglich ist, zum anderen unter Einbezug zeitgenössischer Aufsätze zu Modalität. Dieses Vorgehen hat sich allerdings als wenig fruchtbar herausgestellt. Zunächst war es keine Hilfe zur Interpretation der Farbbemerkungen auf andere Schriften Wittgensteins zurückzugreifen, da diese nicht minder nach einer Interpretation verlangen. Die anfängliche Hoffnung, es werde sich aus der Zusammen- und Gegenüberstellung mehrerer Bemerkungen zu Möglichkeit und Notwendigkeit ein besserer Blick auf das Problem ergeben, stellte sich als vergebens heraus. Der Versuch im philosophischen Diskurs der rezenten Vergangenheit zu Modalität eine Hilfestellung zu finden, scheiterte ebenso, und zwar in erste Linie aufgrund dessen, dass sich die verhandelten Probleme gar nicht oder nur sehr lose mit Wittgensteins Überlegungen in Bezug setzen lassen und hier entsprechend auch keine befriedigende Antwort auf die Frage zu finden ist, worin die behauptete Notwendigkeit in der Aussage „Man kann sich ein durchsichtiges Weiß nicht vorstellen“ begründet ist.

Nach mehreren gescheiterten Anläufen die Frage, warum man sich etwas Weißes nicht durchsichtig denken könne, auf befriedigende Art und Weise zu behandeln, war ich gezwungen, das Ziel meiner Arbeit zu überdenken. Letztlich ist an die Stelle des Problems des durchsichtigen Weiß die folgende Forschungsfrage getreten: „Welche Probleme werden in den ‘Bemerkungen über die Farben’ aufgeworfen und warum?“ Die Grundidee war dabei jene, dass sich vielleicht aus einer umfangreicheren Studie zu den Farbbemerkungen auch eine Antwort auf das Problem des durchsichtigen Weiß ergibt. Zu diesem Zweck habe ich mich in einem ersten Schritt bemüht die „Bemerkungen über die Farben“ thematisch neu zu gruppieren und dann aus den einzelnen Themengruppen ausgewählte Bemerkungen detailgenau zu analysieren. Diese Herangehensweise hat sich sehr bald als lohnend erwiesen und unterscheidet die vorliegende Dissertationsschrift auch deutlich von bisherigen Arbeiten zu den „Bemerkungen über die Farben“.

← 23 | 24 → Während meine ersten Versuche einer thematischen Neuordnung nur zahlreiche kleinere, lose miteinander verbundene Gebiete erkennen ließen, hat sich im Zuge meiner Beschäftigung mit den Farbbemerkungen mehr und mehr eine Aufteilung in drei umfassende Themenbereiche angeboten. Jedem dieser Themenbereiche ist ein eigenes Kapitel dieser Arbeit gewidmet und zusammen genommen erlaubt diese Untergliederung den ersten Band der „Bemerkungen über die Farben“ weitestgehend abzudecken. Ich habe davon abgesehen, Band II oder III umfassend zu besprechen, da diese Bände, wie ausgeführt, als Vorarbeiten zu Band I betrachtet werden können. Die Bemerkungen aus Band II und III werden daher in erster Linie der Erläuterung von Textpassagen aus Band I dienen. Die vorgenommene Neuordnung der Paragraphen des ersten Bandes lässt sich umgekehrt durch Verweis auf den Umstand rechtfertigen, dass es sich auch dabei nicht um ein abgeschlossenes Werk Wittgensteins, sondern eben eine handschriftliche Überarbeitung handelt.

1.4 Abgrenzung von der Literatur

Der Beitrag der vorliegenden Arbeit liegt v.a. in der ausführlichen Erörterung ausgewählter Textstellen, d.h. der satzweisen Abhandlung einzelner Paragraphen. Dabei orientiere ich mich methodisch an den Arbeiten von Thompson Clarke, Barry Stroud oder Stanley Cavell, die großen Wert darauf legen und gelegt haben, ihre Überlegungen mit Bedacht und Hingabe zum Detail auszugestalten. Dieser Zugang empfiehlt sich aufgrund dessen, dass Wittgensteins Ausführungen häufig sehr knapp gehalten sind und entsprechend von der Leserin oder dem Leser eine gewisse Bereitschaft einfordern, die vorgegebenen Anfänge selbst fortzuführen.18 Gerade dann, wenn es um die Frage geht, inwieweit wir uns dieses oder jenes verständlich machen oder vorstellen können, ist in dieser Hinsicht Sorgfalt geboten, da sich dazu im einzelnen Fall nur dadurch eine fundierte Meinung bilden lässt, dass erwogen wird, was aus bestimmten uns zunächst fremden Annahmen oder Voraussetzungen folgt.

← 24 | 25 → „[T]he business of considering [these alternatives] is part of finding our way around inside our own view, feeling our way out to the points at which we begin to lose our hold on it (or it, its hold on us), and things begin to be hopelessly strange to us. The imagined alternatives are not alternatives to us; they are alternatives for us, markers of how far we might go and still remain, within our world—a world leaving which would not mean that we saw something different, but just that we ceased to see.“ (Williams 1974, 1981: 160)

Die philosophische Tätigkeit erhält unter diesem Blickwinkel einen experimentellen Charakter, insofern als die Grenzen dessen, was wir uns an Vorstellungen verständlich machen können, an konkreten Beispielen erprobt wird.

„[Williams’ way of imagining an investigation of the limits of sense] conjures an impression of grammatical investigation as essentially experimental, a matter of trial and error, a procedure which leaves the exact point at which intelligibility runs out as an open question, not to be settled in advance of testing specific claims to have located those points.“ (Mulhall 2008: 400)

Dies ist insbesondere in Abgrenzung zur Arbeitsweise eines James Conant zu verstehen, der in seinen Überlegungen zu dem was sich sinnvoll sagen lässt, keine Verwendung für den Begriff der Vorstellbarkeit hat. Der Versuch sich an die Grenzen dessen heranzuwagen, was vorstellbar ist, oder gar mit einem Bein jenseits dieser Grenze Fuß fassen zu wollen, lässt sich nicht mit einer Konzeption philosophischer Tätigkeit vereinbaren, nach der es lediglich darum geht, einen nicht offenkundigen Unsinn als einen offenkundigen auszuweisen. Die Philosophinnen und Philosophen, denen ich mich zugehörig fühle, verbindet in dieser Hinsicht das Gefühl, dass nicht von vornherein klar ist, wo sich von Fall zu Fall Sinn von Unsinn trennt und das es deshalb notwendig ist, dieser Grenze nachzuspüren.19 Die von mir gewählte Herangehensweise ist nicht neu, aber die „Bemerkungen über die Farben“ auf diese Weise zu behandeln ist es.

← 25 | 26 → Davon abgesehen erlaubt es die satzweise Analyse der gewählten Textstellen mehr Feingefühl im Umgang mit den Bemerkungen Wittgensteins, insbesondere was Wortwahl und Betonung betrifft, an den Tag zu legen. Während in der Literatur z.T. noch nicht einmal ein Unterschied zwischen einer Aussage und einer Fragestellung gemacht wird, zeigt eine sorgfältige Auseinandersetzung mit Wittgensteins Aufzeichnungen, dass die Formulierung oft hilfreiche Hinweise zur Auslegung des Textes enthält. Der einzige Autor, der sich ernsthaft darum bemüht hat, eine genaue Analyse einzelner Paragraphen der „Bemerkungen über die Farben“ zu liefern ist meines Wissens Josef Rothhaupt. Mit bewundernswerter Genauigkeit liefert er zahlreiche philologische Befunde und zeigt darüber hinaus historische Verbindungslinien zu anderen Denkern auf. Wer sich als Leserin oder Leser aber eine Anleitung zum Nachvollzug der Farbbemerkungen Wittgensteins wünscht, wird auch hier weithin enttäuscht. Die vorliegende Arbeit soll v.a. dem Bedürfnis nach einem Leitfaden durch die „Bemerkungen über die Farben“ Rechnung tragen. In den folgenden drei Kapiteln werde ich an die verschiedenen Themen und Probleme dieser Bemerkungssammlung heranführen und die wichtigsten Textpassagen Satz für Satz erörtern.

_________________________

1Einen ausgezeichneten Überblick über die Quellenlage aller Veröffentlichungen aus dem Nachlass bietet der 1993 von Michael Biggs und Alois Pichler verfasste Artikel „Wittgenstein: Two Source Catalogues and a Bibliography“.

2Zumindest was die „Bemerkungen über die Farben“ betrifft, ist auch Jão Carlos Salles Pires da Silva der Auffassung, die Bemerkungen in MS 169 hätten gemeinsam mit den Farbbemerkungen aus den MSS 172, 173 und 176 veröffentlicht werden müssen:

„I would like to emphasise, as a result of a more likely dating, the clear indication of the agreement of theme and period between the collection of Remarks on Colour and eight paragraphs of MS 169, which, to be fair, from now on should be included as a fourth part of it, both for its contents, and still for the presence of signs with which Wittgenstein usually separated a block of text.“ (da Silva 2001: 176)

3Die erwähnten Kriterien erörtert Schulte in seinem 1989 erschienenen Buch „Wittgenstein. Eine Einführung.“ auf den Seiten 48-49.

4Neben dem Umstand, dass eine genaue Datierung dieser Bemerkungen (nach wie vor) nicht möglich ist, muss auch angemerkt werden, dass deren Reihenfolge nicht zweifelsfrei fest steht. Die Bemerkungen sind aber, wie erwähnt, auf einem einzelnen Bogen Papier niedergeschrieben worden, weswegen nur zwei Seitenabfolgen möglich sind:

„Was nun die genaue Abfolge der vier Seiten […] betrifft, so ist sie weitgehend festgelegt; sie hängen ja alle zusammen, weil sie auf einem einzigen vierseitigen Doppelbogen stehen. Einzig—und dies ist der springende Punkt—die Faltung dieses Papierbogens läßt zwei Möglichkeiten offen.“ (Rothhaupt 1996: 378)

In der einen Variante ergibt sich die bisher angenommen Abfolge; die andere Alternative sieht dahingegen vor die §§ 11-20 vor den §§ 1-10 anzusiedeln. Sowohl Rothhaupt als auch da Silva nehmen an, dass diese zweite Variante korrekt wäre. Weil eine solche Umgruppierung den Band II kohärenter erscheinen ließe, ist diese alternative Anordnung auch sehr plausibel. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass G. E. M. Anscombe Gründe für ihre Entscheidung hatte, die uns nicht bekannt sind. Der Brief, in dem da Silva seinen Verdacht gegenüber Anscombe äußert, blieb leider unbeantwortet. Die angesprochene Unsicherheit bezüglich der Anordnung der Bemerkungen in Band II bleibt also bestehen. Der Hinweis soll dem gemäß auch in erster Linie dazu dienen, auf die Gefahr eines zu wenig kritischen Umgangs mit den „Bemerkungen über die Farben“ aufmerksam zu machen.

5Eine Analyse der inhaltlichen Verbindungen zwischen Band III und Band I lässt plausibel erscheinen, dass das MS 176 erst nach Abschluss des MS 173 begonnen wurde. Weil es darüber hinaus weitgehend gesichert ist, dass Wittgenstein zwischen Oktober 1950 und Februar 1951 nichts geschrieben hat, muss Band I in der zweiten Hälfte von 1950 oder eben im März 1951 entstanden sein. Allerdings hat da Silva, durchaus zu Recht Bedenken an der letzteren Vermutung angemeldet. Denn als Wittgenstein im Februar 1951 beschließt die Behandlung seiner Krebserkrankung nicht fortzuführen, musste ihm bewusst sein, dass ihm nicht mehr viel Zeit zu leben bleibt. Der erste Eintrag nach den Farbbemerkungen im MS 176 trägt das Datum 21. März 1951 und es ist anzunehmen, dass Wittgenstein, um die Nähe seines Todes wissend, alle Aufzeichnungen nach Februar 1951 datiert. Weil aber die Farbbemerkungen in MS 176 kein Datum tragen, legt das die Vermutung nahe, diese Aufzeichnungen seien schon früher entstanden, also vor Oktober 1950.

6Die entsprechende Tabelle ist auf Seite 426 seiner Monografie zu „Farbthemen in Wittgensteins Gesamtnachlass“ zu finden.

7Die von ihm angefertigte Vergleichstabelle findet sich in der genannten Arbeit auf der Seite 446.

8Eine detaillierte Aufstellung der vorhandenen Entsprechungen gibt Rothhaupt in der genannten Arbeit auf den Seiten 448 und 457-460.

9Der Aufsatz ist ein Jahr nach seiner Veröffentlichung auch als eigenes Kapitel in Westphals Buch „Colour: Some Philosophical Problems from Wittgenstein“ erschienen. Westphal änderte den Titel seines Buches 1991 zu „Colour: A Philosophical Introduction“.

10In wenigen Worten erläutert, entsteht dieses Problem aus der Überzeugung, dass ein bestimmter Punkt des Gesichtsfeldes, nennen wir ihn A, nicht zugleich zwei Farben haben kann. Betrachtet man etwa die beiden Behauptungen „A ist rot“ und „A ist blau“, dann ist von vornherein klar, dass mindestens eine dieser beiden Aussagen falsch sein muss. Zugleich handelt es sich bei der zusammengesetzten Aussage „A ist rot und A ist blau“—im Gegensatz etwa zur Aussage „A ist rot und A ist nicht rot“—nicht um einen logischen Widerspruch der Form p ^ ¬p.

11Wittgenstein verweist in seiner Diskussion zu durchsichtigem Weiß unentwegt darauf, wie etwas unter diesen und jenen Bedingungen erscheint oder erscheinen würde. Das sollte schon ein flüchtiger Blick über die entsprechenden Bemerkungen klar machen. Die Schwierigkeit eine Auffassung des Problems, wie von Westphal vorgeschlagen, zu verteidigen, wird aber insbesondere am Wortlaut des § 31 in Band I ersichtlich, wo es heißt „Warum kann man sich durchsichtiges-weißes Glas nicht vorstellen,—auch wenn es in Wirklichkeit keins gibt?“ (BF I, 31; MS 176, 9v)

12Eine Beschreibung der vier Gegenstände, die sich auf die relevanten objektiven Eigenschaften beschränkt, könnte wie folgt aussehen: „Die beiden Stoffmuster sind lichtundurchlässig und reflektieren das ankommende Licht auf diffuse Weise. Die beiden Glasplättchen sind lichtdurchlässig und streuen das ankommende Licht nicht.“

13Die beiden einzigen Autoren, die das Thema ansprechen, sind Nelson Goodman und David Sanford. Goodman weist in seinem Aufsatz zu den „Bemerkungen über die Farben“ darauf hin, dass eine weiße Glühbirne durchsichtig und weiß sei, bringt dabei aber offenbar die Ausdrücke „durchsichtig“ und „lichtdurchlässig“ durcheinander, weswegen sein Beitrag wenig aufschlussreich ist. Sanford erwägt dahingegen, ob dünner, weißer Stoff gegen die Behauptung spricht, durchsichtiges Weiß sei unmöglich, kommt aber zum Schluss, dass dies nicht der Fall sei. Zwar sei ein solcher Stoff sowohl durchsichtig als auch weiß, aber was durch ihn gesehen wird, erscheine nicht weißlicher. Wie Sanford zu dieser Überzeugung gelangt, ist mir ein Rätsel und ich kann nur annehmen, dass der Ausdruck „weißlich“ auf außergewöhnliche Weise verstanden werden muss, um die Behauptung wahr zu machen.

14Das hat u.a. auch damit zu tun, dass sich in den „Bemerkungen über die Farben“ zahlreiche Textpassagen finden, die sich intensiv mit der Frage auseinandersetzen, ob dieser oder jene Satz zur logischen Grammatik gehört und was es gegebenenfalls bedeutet, hier eine Zuordnung durchzuführen.

15Dahinter steht die unumstößliche Überzeugung, dass alle vollständig analysierten Sätze logisch voneinander unabhängig sind, was ungefähr heißt, dass die Wahrheit eines vollständig analysierten Satzes nicht von der Wahr- oder Falschheit eines anderen vollständig analysierten Satzes abhängen darf.

16Diese knappe Skizze hat selbstverständlich nicht den Anspruch irgendwelche ernst zu nehmenden Einblicke in den „Tractatus“ zu liefern, sondern soll lediglich auf den Entstehungsort des Farbausschlussproblems hinweisen. Für eine wundervolle Einführung in das philosophische Gefüge des „Tractatus“ darf ich getrost auf Anscombes „Introduction to Wittgenstein’s Tractatus“ verweisen.

17Tine Wilde deutet in ihrem Aufsatz zu den „Bemerkungen über die Farben“ von 2002 an, dass dem nicht so ist und zitiert dazu aus dem § 132 der „Philosophischen Untersuchungen“:

Wir wollen in unserm Wissen vom Gebrauch der Sprache eine Ordnung herstellen: eine Ordnung zu einem bestimmten Zweck; eine von vielen möglichen Ordnungen; nicht die Ordnung.“ (PU 132)

18Dass die Beispiele Wittgensteins in vielen Fällen keine hinreichende Grundlage schaffen, ein Urteil darüber zu fällen, ob die vorgestellte Situation wirklich Sinn ergibt, wird auch von Kenneth Westphal in seinem Aufsatz „Kant, Wittgenstein, and Transcendental Chaos“ angemerkt:

„To say that Wittgenstein’s example is enthemematic is not to criticize it, it is only to note that the example must be carefully and thoroughly thought through in order to make full and proper sense of it.“ (Westphal 2005: 311)

19Um zu veranschaulichen, welches Gewicht diese Autoren einer genauen Ausarbeitung dieser Frage beimessen, seien zwei kurze Auszüge aus Texten von Stroud und Cavell angeführt, in denen die Holzverkäufer aus Wittgensteins „Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik“ behandelt werden.

„When first presented with these examples it seems that we can understand them, and that we can come to know what such people would be like. We do not happen to do things in these strange ways, but, it seems, we could. […] I think the initial intelligibility and strength of Wittgenstein’s examples derive from their being severely isolated or restricted. We think we can understand and accept them as representing genuine alternatives only because the wider-reaching consequences of counting, calculating, and so forth, in these deviant ways are not brought out explicitly. When we try to trace out the implications of behaving like that consistently and quite generally, our understanding of the alleged possibilities diminishes.“ (Stroud 1965, 2000: 9f.)

„It seems safe to suppose that if you can describe any behavior which I can recognize as that of human beings, I can give you an explanation which will make that behavior coherent, i.e., show it to be imaginable in terms of natural responses and practicalities. Though wthose natural responses may not be mine, and those practices not practical for me, in my environment, as I interpret it. And if I say ‘They are crazy’ or ‘incomprehensible’ then that is not a fact but my fate for them. I have gone as far as my imagination, magnanimity, or anxiety will allow; or as my honor, or my standing cares and commitments, can accommodate.“ (Cavell 1979: 118)