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Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben»

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Frederik Gierlinger

Ludwig Wittgensteins «Bemerkungen über die Farben» gelten als äußerst schwieriger Text. Das vorliegende Buch führt Schritt für Schritt an die Themen und Problemstellungen der Farbbemerkungen Wittgensteins heran und liefert umfangreiche Erläuterungen zu den wichtigsten Textpassagen. Dies ist bemerkenswert, weil das bruchstückhafte Textmaterial aus den beiden letzten Lebensjahren Wittgensteins eine klare Struktur vermissen lässt, die darin aufgeworfenen Fragen häufig befremdlich anmuten und größtenteils ohne Antwort bleiben. So ist es wenig verwunderlich, dass bis jetzt keine umfassende philosophische Studie zu den «Bemerkungen über die Farben» zur Verfügung steht. Das Buch von Frederik A. Gierlinger füllt erstmalig diese Lücke in der Rezeptionsgeschichte.
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2 Farben und Farbbegriffe

← 26 | 27 → 2 Farben und Farbbegriffe

2.1 Ein Volk von Farbenblinden

„Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, und das könnte es leicht geben. Sie würden nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir. Denn auch angenommen sie redeten z.B. deutsch, hätten also alle deutschen Farbwörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir, und anders zu gebrauchen lernen.

Oder haben sie eine fremde Sprache, so würde es uns schwer ihre Farbwörter in die unsern zu übersetzen.

Wenn es aber auch Menschen gäbe, denen es natürlich wäre, den Ausdruck ‘rötlichgrün’ oder ‘gelblichblau’ in konsequenter Weise zu verwenden und [die] dabei vielleicht auch Fähigkeiten verrieten, die uns fehlen, so wären wir dennoch nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen Farben, die wir nicht sehen. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Farben ist.“ (BF I, 13-14; MS 176, 4v-5r)

Wir werden in der zitierten Passage aufgefordert, uns ein Volk von Menschen vorzustellen, die allesamt farbenblind sind. „Das könnte es leicht geben“ heißt es da, und dieses Volk würde „nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir“. Aber wovon wird hier gesagt, dass es das leicht geben könnte? Ein Volk von Farbenblinden? Ein Volk mit anderen Farbbegriffen als wir? Das erstere scheint man sich in der Tat leicht vorstellen zu können. Es gibt Menschen, die farbenblind sind. Das wird niemand abstreiten. Also wird man sich auch ein Volk von Menschen denken können, die alle farbenblind sind. Dahingegen wird die Möglichkeit sich das letztere vorzustellen davon abhängen, was wir ein „Volk mit anderen Farbbegriffen“ nennen. Aber auch das ist möglich, dass die eine Vorstellung mit der anderen verbunden zu denken ist; ein Volk von Farbenblinden wird andere Farbbegriffe haben, eben weil es sich um ein Volk von Farbenblinden handelt. Das Bestehen einer solchen Verbindung wird uns in der gegebenen Textstelle zweifelsohne nahegelegt.20 Was besagt aber die Aufforderung, sich jemanden mit anderen Farbbegriffen vorzustellen?

Wittgenstein bemerkt dazu: „Angenommen sie redeten z.B. deutsch, hätten also alle deutschen Farbwörter, so würden sie sie doch anders gebrauchen als wir.“ Das ist aber doch recht seltsam. Denn wer deutsch redet, der verwendet ← 27 | 28 → die deutschen Farbworte auf ganz bestimmte Weise. Wer die Worte anders verwendet, der redet von etwas anderem. Man würde etwa nicht sagen, jemand verstünde das deutsche Wort „rot“, wenn er oder sie dieses Wort als Zahlwort verwendet. Die Worte einer Sprache sind ja nicht von ihrer Verwendung loszulösen. „Sie gebrauchen die deutschen Farbwörter anders als wir“ muss also heißen „Sie gebrauchen dieselben Symbole (Zeichenketten, Lautfolgen, etc.) wie wir, jedoch auf andere Weise.“ Wittgenstein betont nun insbesondere, dass diese Menschen, ihre Farbworte nicht nur anders gebrauchen als wir, sondern auch anders zu gebrauchen lernen. Diese Emphase ist etwas merkwürdig, wenn man bedenkt, dass das Lernen des Gebrauchs darin besteht, den Gebrauch, den andere von den betreffenden Worten machen, nachzuahmen. Aus einem anderen Gebrauch eines Wortes folgt notwendigerweise, dass dieser anders erlernt wird. Das bedarf im Grunde noch nicht einmal einer gesonderten Erwähnung. Worauf werden wir also hier hingewiesen?

Kehren wir nochmals zum Anfang zurück. Wir stellen uns ein Volk von Farbenblinden vor. Das kann Verschiedenes heißen, aber es bedeutet jedenfalls, dass die Angehörigen dieses Volkes bestimmte Fähigkeiten, die wir haben, nicht haben. Wenn wir uns etwa vorstellen, diese Menschen seien alle rotgrünblind, dann werden sie nicht in der Lage sein, den Gebrauch der deutschen Worte „rot“ und „grün“ fehlerfrei nachzuahmen. Dann ist aber vorerst unklar, welchen Gebrauch Angehörige dieses Volkes von den Symbolen „rot“ und „grün“ machen werden und wie sie sich diesen Gebrauch aneignen. (Wir setzen einmal voraus, dass sie in der Tat dieselben Symbole verwenden wie wir, und zwar alle.) Das mag auch sein, worauf die zunächst merkwürdig anmutende Betonung hinweisen soll. Denn, und das geht mit der früheren Emphase auf ein Volk von Farbenblinden einher, was hier verhandelt wird ist nicht, wie diejenigen von uns, die farbenblind sind, die deutschen Farbworte erlernen, sondern wie in einer Gemeinschaft farbenblinder Menschen überhaupt ein Gebrauch der Symbole „rot“ und „grün“ zustande kommt. Vielleicht verwenden sie die Worte bedeutungsgleich. Dann gebrauchen sie die Symbole in der Tat anders als wir und werden sie auch anders zu gebrauchen lernen als wir.

Daraus soll allem Anschein nach folgen, wenn die Angehörigen dieses Volkes „eine fremde Sprache [haben], so würde es uns schwer ihre Farbwörter in die unsern zu übersetzen.“ Aber wie folgt dies denn daraus? Wenn die Verschiedenheit des Gebrauchs sich darin erschöpft, dass diese Leute „rot“ und „grün“ austauschbar verwenden, dann wäre nichts leichter, als ihre Worte in die unsrigen zu übersetzen. Wir werden dann ihre beiden Worte „rot“ und „grün“ etwa übersetzen als „rot oder grün“. Aber ob sich die Verschiedenheit darin erschöpft, das steht vorab nicht fest, denn vielleicht bezeichnen sie auch einen Farbton, ← 28 | 29 → der nach unseren Maßstäben weder Rot noch Grün ist, ein Braun, z.B., als „rot“ oder „grün“. Es wird also eine empirische Frage sein, wie eine adäquate Übersetzung ihrer Farbworte in die unsrigen auszusehen hat. Ist der Hinweis, dass es uns „schwer [würde] ihre Farbworte in die unsern zu übersetzen“ also nur ein Verweis darauf, dass nicht von vornherein feststeht, wie die fremden Worte zu übersetzen sind?

Betrachten wir dazu eine andere Möglichkeit. Angenommen die Worte „rot“ und „grün“ werden nicht synonym verwendet. Nach der gemachten Voraussetzung können diese Worte nicht dieselben Merkmale an Gegenständen herausgreifen, wie die gleich klingenden deutschen Worte. Was wäre etwa zu sagen, wenn die fremden Worte dazu dienen, zwischen reifen und unreifen Früchten zu unterscheiden? Dann lassen sich soweit Gründe für und wider die Behauptung geben, dass die fremden Worte „rot“ und „grün“ Farbworte zu nennen sind. Wir können „sym1.jpg ist rot“ in der gegebenen Situation entweder als „sym1.jpg hat die Farbe reifer Früchte“ oder als „sym1.jpg ist reif“ übersetzen und nur im ersteren Fall würde „sym1.jpg ist rot“ zur Bezeichnung einer Farbe dienen. Aber Wittgenstein schreibt, dass uns schwer fallen würde ihre Farbworte in die unseren zu übersetzen. Wenn es zu einer Voraussetzung gemacht wird, dass ihre Worte, Worte für Farben sind, dann ist diese Entscheidung schon vorweggenommen.21 Kann diese Voraussetzung gerechtfertigt werden?

Werfen wir nochmals einen Blick auf den Anfang der Textpassage: „Denken wir uns ein Volk von Farbenblinden, und das könnte es leicht geben. Sie würden nicht die gleichen Farbbegriffe haben wie wir.“ Soweit wurde stillschweigend angenommen, dass Wittgenstein, wenn er von Farbenblinden spricht, Personen meint, die rotgrünblind sind. Die angestellten Überlegungen würden mit entsprechenden Anpassungen aber gewiss auch für Personen gelten, die gelbblaublind sind; und auch für den Fall, dass wir unter „einer farbenblinden Person“ jemanden verstehen, der die Farben nur der Helligkeit nach unterscheiden kann, können die bisherigen Gedanken als anleitend verstanden werden. Wie aber, wenn die Angehörigen dieses Volkes gar keine Farben im uns gewohnten Sinn sehen, weil sie nur farbige Schatten oder farbige Flächen sehen; wenn sie also dafür blind wären, Farben als Eigenschaften von Gegenständen zu erkennen? Während das, was wir Farben nennen etwas ist, das Gegenständen zukommt, sind Schatten nicht Eigenschaften irgendeines Gegenstandes, sondern ← 29 | 30 → bestenfalls Begleiterscheinungen dieser. Nimmt man an, dass ein Volk mit einer solchen Form der Farbenblindheit eine Methode sprachlicher Beschreibung gefunden hat, dann wird man sagen müssen, dieses Volk habe nicht andere, sondern gar keine Farbbegriffe.22 Ein solches Volk vorzustellen ist aber schwerer, als man vielleicht zuerst annehmen würde. Auf Schatten kann zwar reagiert werden, aber ohne eine entsprechende Verbindung zu Gegenständen der Erfahrung kann damit keine Bestimmung dessen, was der Fall ist, vorgenommen werden. Wenn man nun hingegen annimmt, dass die Angehörigen dieses Volkes die Reife verschiedener Früchte daran beurteilen, welchen Schatten sie werfen, dann ist die Versuchung groß „der Schatten, den ein Gegenstand wirft“ zu übersetzen als „die Farbe, die ein Gegenstand hat“. Damit wäre aber der Schatten eines Gegenstandes zu einer Eigenschaft desselben gemacht, was in Widerspruch zur gemachten Voraussetzung steht. Daraus lässt sich schon erahnen, dass die Vorstellung einer fremden Methode zur Beschreibung der Welt entweder der uns gewohnten Methode sehr nahe bleibt oder völlig unverständlich zu werden droht. (Der soeben gemachte Vorschlag dazu, wie Wittgenstein die Worte „Farbenblindheit“ und „ein Volk von Farbenblinden“ verstanden haben möchte, spielt an diversen Stellen in den „Bemerkungen über die Farben“ eine zentrale Rolle und wird darum auch noch Gegenstand unserer Betrachtungen werden.23 Im gegebenen Zusammenhang lässt sich allerdings argumentieren, dass wir den Ausdruck „farbenblind“ als gleichbedeutend mit „rotgrünblind“ oder „gelbblaublind“ auffassen ← 30 | 31 → dürfen. Das wird aus den weiteren Überlegungen noch klarer werden, soll an diesem Punkt aber vorerst einfach als Annahme gelten.)

Wenn man nun aber auch annimmt, die Angehörigen des fremden Volkes wären rotgrün- oder gelbblaublind, ist nicht ohne Weiteres klar, dass bestimmte ihrer Worte, Worte für Farben sind. Das wirft die Frage auf, inwieweit die Vorstellung eines Volkes von Farbenblinden wirklich mit der Vorstellung eines Volkes mit anderen Farbbegriffen verbunden ist. Was leistet m.a.W. die Voraussetzung eines Volkes von Farbenblinden, wenn ein Volk mit anderen Farbbegriffen vorgestellt werden soll? Angenommen wir wissen nicht, ob die Angehörigen eines fremden Volkes farbenblind sind oder nicht. Dass es sich um Farbenblinde handelt, werden wir dann daraus ersehen, dass eine hinreichend große Zahl ihrer Worte mit unseren Farbworten identifiziert werden kann, diese Menschen aber zugleich nicht in der Lage sind, bestimmte Verwendungen, die wir von unseren Farbworten machen, nachzuahmen. Die Zuschreibung von Farbenblindheit erfordert also u.a., dass wir bereits eine Übersetzung ihrer Farbworte in die unsrigen gefunden haben. Soll nun aber gelten, dass sich uns in der Übersetzung ihrer Worte in die unsrigen unüberwindbare Schwierigkeiten in den Weg stellen, dann lässt sich das Urteil, es müsse sich hier, entgegen der mangelnden Übersetzbarkeit, um uns fremde Farbworte handeln, nicht rechtfertigen; und ohne eine geeignete Übersetzung lässt sich nicht entscheiden, ob diese Menschen farbenblind sind oder nicht.

Angenommen aber wir wissen, dass wir es mit einem Volk von Farbenblinden zu tun haben. Dann wissen wir also welche der fremden Worte Farbworte sind und wir haben eine Abweichung zwischen unserer und ihrer Verwendung gewisser Farbworte festgestellt. Wenn nun unser Kriterium zur Beurteilung, ob es sich bei einem fremden Wort um ein Farbwort handelt, dasjenige ist, dass wir das fremde Wort in eines unserer Farbworte übersetzen können, dann setzt die korrekte Zuschreibung von Farbenblindheit wie gesagt eine Übersetzung der fremden Farbworte in die unseren voraus. Wenn aber darüber hinaus angenommen wird, dass andere Farbbegriffe dadurch ausgezeichnet sind, dass es Schwierigkeiten bereitet, die fremden Farbworte in die unseren zu übersetzen, dann folgt daraus, dass die Vorstellung eines Volkes von Farbenblinden der Idee eines Volkes mit anderen Farbbegriffen keinen Inhalt zu geben vermag.

2.2 Die Worte „rötlichgrün“ und „gelblichblau“

Der folgende Absatz der zitierten Passage nimmt als Konsequenz der angestellten Überlegungen Abstand von der Idee eines Volkes von Farbenblinden und setzt an dessen Stelle die Vorstellung von Menschen, „denen es natürlich ist, den ← 31 | 32 → Ausdruck ‘rötlichgrün’ oder ‘gelblichblau’ in konsequenter Weise zu verwenden“. Dass nun Wittgenstein „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ als Beispiele wählt, weist darauf hin, dass die Vorstellung farbenblinder Personen nach wie vor eine tragende Rolle spielt. Menschen, die farbenblind sind, sind in der Regel entweder rotgrünblind oder gelbblaublind. Die Wortkombinationen „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ erfüllen darum eine besondere argumentative Funktion.

Wer rotgrünblind ist, wird die Verwendung der deutschen Worte „rot“ und „grün“ nicht in derselben Weise erlernen, wie jemand, der nicht rotgrünblind ist. Aber so jemand könnte sich angewöhnen „rötlichgrün“ als Ausdruck für „rot oder grün“ zu verwenden. Das wäre eine Möglichkeit den Ausdruck „rötlichgrün“ in konsequenter Weise zu verwenden. Wenn aber nun jeder von uns rotgrünblind wäre? „Stell dir [also] vor, alle Menschen mit seltenen Ausnahmen wären rot-grün-blind. Oder auch den andern Fall: alle Menschen wären entweder rot-grün oder blau-gelb-blind.“ (BF I, 12; MS 176, 4v) Wir würden von vornherein keinen Unterschied in der Verwendung von „rot“ und „grün“ machen. Der Ausdruck „rötlichgrün“ wäre dann entweder nur ein weiteres Wort, das mit den beiden anderen austauschbar verwendet wird, oder es handelt sich bei „rötlichgrün“ um eine Konstruktion, deren Verwendung sich nicht aus den Regeln für den Gebrauch der Worte „rot“ und „grün“ ergibt. Dann ist offen, ob „rötlichgrün“ ein Farbwort ist. D.h. es wird sich nicht vorab entscheiden lassen, ob es sich dabei um ein Farbwort handelt oder nicht. Das gleiche gilt mit entsprechenden Anpassungen für die Worte „gelb“ und „blau“. Was ist damit gesagt? Wenn die Verwendung eines Wortes nur soweit beschrieben ist, dass jemand von diesem Wort konsequenten Gebrauch macht, dann ist damit noch nichts über die Funktion dieses Wortes in der Sprache mitgeteilt. Wer also versucht ist „rötlichgrün“ hier ein Farbwort zu nennen, der setzt offenbar voraus, dass die Verwendung dieses Wortes sich aus der Verwendung von „rot“ und „grün“ ableiten lässt. Solange aber die Beziehung zwischen „rötlichgrün“ und „rot“ und „grün“ nicht näher bestimmt ist, ist offen, ob „rötlichgrün“ ein Farbwort darstellt.

Bemerkenswert kann man finden, dass Wittgenstein von Personen spricht, denen die konsequente Verwendung bestimmter Ausdrücke natürlich ist. Die Negation dieses Satzes kann zwei Formen annehmen. Im einen Fall werden Personen vorgestellt, denen eine inkonsequente Verwendung bestimmter Ausdrücke natürlich ist. Aber wenn ein Symbol inkonsequent verwendet wird, dann wird man dieses Symbol nicht ein Wort einer Sprache nennen, also auch nicht in Versuchung geraten, das Symbol als Farbwort zu identifizieren. Im anderen Fall werden Personen vorgestellt, denen eine konsequente Verwendung dieser Ausdrücke nicht natürlich ist. Aber wenn sich ein bestimmter Gebrauch erst einmal etabliert hat, spielen die natürlichen Neigungen keine Rolle mehr. Die ← 32 | 33 → Betonung muss also auf dem Erlernen der Sprache liegen. Man wird etwa sagen, der einen Gruppe falle leichter sich den Gebrauch dieser Ausdrücke anzueignen als der anderen. Die Worte „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ haben aber nicht nur jene Besonderheit, dass ihnen je eine Art der Farbenblindheit korrespondiert, sondern auch, dass wir diese Worte für gewöhnlich nicht zur Beschreibung der Farbe eines Gegenstands verwenden. Es ist also nicht einfach so, dass uns der Gebrauch der Worte „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ nicht natürlich ist, sondern was uns natürlich ist, ist diese Worte nicht zu gebrauchen. Die Aufforderung jemanden vorzustellen, der es dementgegen natürlich findet, von diesen Worten Gebrauch zu machen, verlangt darum nach einer näheren Bestimmung.

Ein erster Schritt diese Idee auszugestalten, ist durch die weitere Annahme gemacht, diese Menschen verrieten in ihrer Verwendung von „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“, wie Wittgenstein schreibt, „vielleicht auch Fähigkeiten, die uns fehlen“. Im ersten Moment scheint das nahe zulegen, dass wir uns selbst in die Position eines farbenblinden Volkes zu versetzen haben und davon ausgehend eine Gemeinschaft vorstellen sollen, die andere Farben kennt als wir. Dieser Schein ist aber trügerisch. Überlegt man sich nämlich, dass der Normalsichtige weder „rötlichgrün“ noch „gelblichblau“ verwendet und eine Verwendung dieser Worte auch nicht ohne Weiteres verständlich gemacht werden kann, vom Farbenblinden dahingegen durchaus vorgestellt werden kann, er gebrauche diese Ausdrücke, weil er nach Voraussetzung auch nicht zwischen den Worten „rot“ und „grün“ unterscheidet, dann liegt auf der Hand, dass der gemachte Vorschlag nicht auf einer Analogie beruht. Ein Analogieschluss läge etwa vor, wenn diese Leute zwei Farbworte hätten, die wir nicht kennen und wenn zudem gelten würde, dass diese Farbworte im Allgemeinen nicht in Kombinationen der Form „X-lich Y“24 verwendet werden; dass also neben „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ ein weiterer Ausdruck aus dem gewöhnlichen Gebrauch ausgeschlossen ist. Wenn wir dementgegen jemanden vorstellen, der die Wortverbindungen „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ verwendet, dann deutet das an, dass wir es mit einem Volk von Farbenblinden zu tun haben. Aus der Annahme eines konsequenten Gebrauchs dieser Ausdrücke entwickelt sich sodann eine Spannung zur ebenfalls getroffenen Annahme, diese Leute verrieten in ihrem Gebrauch besondere Fähigkeiten, die uns fehlen.

Jetzt kann man diese Spannung auf unterschiedlichem Weg auflösen versuchen. Entweder man beharrt darauf, dass es sich um eine Person handelt die farbenblind ist und gibt an über welche Fähigkeit diese Person verfügt; denn es ist natürlich ← 33 | 34 → denkbar, dass jemand der farbenblind ist in der Verwendung der Ausdrücke „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ Fähigkeiten verrät, die uns fehlen. Wir werden aber dann nicht sagen, er verwende diese Ausdrücke zur Bestimmung der Farbe eines Gegenstands. Weil unser Interesse aber Farbworten und ihrer Verwendung gilt, kann diese Möglichkeit, die aufgezeigte Spannung aufzulösen, vernachlässigt werden. Die andere Möglichkeit ist, anzunehmen, dass die vorgestellte Person nicht farbenblind ist. Wie lässt sich aber das Urteil, es handle sich beim Anderen nicht um einen Farbenblinden mit der Voraussetzung vereinbaren, diese Person mache vom Ausdruck „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ konsequent Gebrauch? „Ganz einfach!“, wird man sagen, „so jemand nimmt die Farben anders als wir wahr, sieht also andere Farben.“ Und das ist durchaus plausibel, wenn man annimmt, dass unsere Beschreibung von Farben als rötlichgelb, gelblichgrün, grünlichblau, etc. in unserer Farbwahrnehmung begründet liegt und diese wiederum durch unsere Physiologie bestimmt ist. Denn diese kann man sich, wie alle empirischen Fakten, leicht anders vorstellen. Aber, sagt Wittgenstein, wir „wären [auch dann] nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen Farben, die wir nicht sehen“. Dazu sind mehrere Dinge zu bemerken: Zunächst ist es durchaus seltsam, dass Wittgenstein gegen Ende der zitierten Textstelle eine solche Aussage macht, denn die bisherigen Überlegungen haben den Eindruck erweckt, dass wir uns um Personen mit anderen Farbbegriffen als den unsrigen bemühen; und wo eben noch von Farbworten und ihrem Gebrauch die Rede war, wird jetzt unvermittelt und mit besonderer Emphase von Farben gesprochen. Das ist umso bemerkenswerter, als man zunächst erwarten würde, dass die Betonung wenn, dann entweder auf das wir oder das nicht gelegt wird, aber nicht auf Farben. Auf den ersten Blick kommt es damit zu einem thematischen Bruch, der nach einer Erklärung verlangt. Desweiteren stellt sich die Frage, was es bedeutet, zu sagen „wir sind (nicht) gezwungen anzuerkennen, dass dieses und jenes gilt“. Sind wir jemals gezwungen von jemandem dieses oder jenes auszusagen, und falls ja, welcher Natur ist dieser Zwang?

Der ersten der beiden gemachten Beobachtungen lässt sich wie folgt Sinn geben: Wenn, was anzunehmen ist, Wittgenstein sich der Versuchung bewusst war, von den vorgestellten Personen—Personen, die in der Verwendung der Worte „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ Fähigkeiten verrieten, die uns fehlen—zu sagen, „sie sähen Farben, die wir nicht sehen“, dann darf seine Hinwendung zu Farben und weg von den Farbworten als bewusste Reaktion auf diese Versuchung aufgefasst werden. Die etwas ungewöhnliche Betonung auf die Farben kann im Anschluss daran als Hinweis auf den höchst verlockenden Wechsel in unserer Fragestellung gewertet werden, der uns als Leserinnen und Leser Raum schaffen soll, eben dieser Idee auszuweichen. Zugleich ist zu sagen, dass Wittgensteins Behauptung wir „wären [auch dann] nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen ← 34 | 35 → Farben, die wir nicht sehen“, auf den ersten Blick gerade auch deshalb Verwunderung auslöst, weil man der Ansicht sein kann, dass es durchaus vernünftige Gründe gibt, die uns dazu zwingen, das anzuerkennen. Man mag also zugestehen, dass man dazu verleitet ist, von Farben anstatt von Farbworten und Farbbegriffen zu sprechen, ohne aber davon überzeugt zu sein, dass das ein Problem darstellt.

Wittgenstein erläutert seine dem widersprechende Behauptung wie folgt: „Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Farben ist.“ Gegeben eine bestimmte Auffassung dazu, worauf Wittgenstein abzielt, wenn er von Kriterien dafür spricht, dass etwas als dieses oder jenes gilt, stellen diese Worte eine Aufforderung dar, zu erwägen, wann—unter welchen Umständen—wir von jemandem sagen würden, er oder sie sähe andere Farben als wir.25 Damit gilt unser Interesse nach wie vor und in erster Linie unserem Gebrauch der Farbworte und nicht unserer Wahrnehmung der Farben. Allerdings, und das ist als Antwort auf die zweite der beiden Beobachtungen zu verstehen, ist es nicht genug sich zu fragen, wann es guten Grund gibt, die Worte „sym1.jpg ist eine Farbe“ zu gebrauchen; wie dies etwa im Satz „Was diese Personen hier sehen, das ist eine Farbe, die wir nicht kennen“ geschieht, sondern worum es uns gehen muss ist, wie wir die Worte „sym1.jpg ist eine Farbe“ im Zusammenhang mit Ausdrücken der Form „X-lich Y“ gebrauchen. Der Zwang den Wittgenstein anspricht hat m.a.W. damit zu tun, dass wir eine ganz bestimmte Bedeutung mit unseren Farbworten verbinden und wenn das Wort „Farben“ auf etwas angewandt wird, dass nicht durch die uns gewohnten Farbworte abgedeckt wird, dann haben diese fremden Worte auch eine andere Bedeutung für uns als unsere Farbworte. Wir sprechen dann von Farben und Farbworten in einem anderen Sinn.26

Wenn man sich nun überlegt, was es ist, das alle unsere Farben gemeinsam haben, dann wird man u.a. sagen können, sie alle seien mit unseren Farbworten zu beschreiben. Was sich nicht mit unseren Farbworten beschreiben lässt, das ist nicht (unmittelbar) als Beschreibung einer Farbe zu erkennen. Und auch wenn wir etwa feststellen, diese uns fremden Personen haben eine andere Physiologie, so gibt das keine Auskunft darüber, welche Farben sie sehen. Man ist manches ← 35 | 36 → Mal versucht etwas zu sagen wie „Man weiß ja nicht, wie dem anderen die Farben erscheinen“, aber damit diese Aussage Sinn macht, muss vorausgesetzt werden, dass es etwas gibt, das man „die Farben“ nennt und—das ist der springende Punkt—das jedem anders erscheinen kann. Das diese Voraussetzung nicht ohne Schwierigkeiten ist, lässt sich vielleicht wie folgt veranschaulichen: Wann immer man geneigt ist zu fragen, wie denn wohl einem Anderen ein Weiß, z.B., erscheint, dann sollte man sich auch fragen, ob man sagen kann, wie einem selbst ein Weiß erscheint. Dass man dabei sofort das Gefühl hat, an die Grenzen dessen zu stoßen, was sich sagen lässt, deutet darauf hin, dass es hier ein Missverständnis die Verwendung unserer Farbworte zu bereinigen gilt.

An dieser Stelle drängt sich ein Einwand auf: Eine der gemachten Voraussetzungen war, dass wir Menschen vorstellen, die in ihrer Verwendung des Ausdrucks „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ Fähigkeiten verraten, die wir nicht haben. Wie, wenn wir einfach festlegen, dass es sich dabei um die Fähigkeit handelt, Farben zu sehen, die wir nicht sehen? Das ist keine besondere Hilfe, weil nach einem Kriterium verlangt wird, wie dieser Fall von jenem unterschieden werden kann, in dem unser Gegenüber zwar uns fremde Fähigkeiten besitzt, diese aber nicht mit dem Sehen uns unbekannter Farben einhergeht. „Kann das aber nicht dadurch entschieden werden, dass dem Anderen verschiedene Aufgaben gestellt werden, die er zu lösen hat?“ Wenn dem so wäre, dann müsste lediglich der Gebrauch, der von diesen Worten in den entsprechenden Situationen gemacht wird geschildert werden, und damit wäre auch der Vorstellung eines konsequenten Gebrauchs Inhalt gegeben.

2.3 Die Vorstellung eines konsequenten Gebrauchs

Der soeben gemachte Vorschlag hat allerdings eine Schwierigkeit, die mit der Erklärung der Bedeutung einfacher Farbworte zu tun hat. Wenn wir jemanden, der „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ auf konsequente Weise verwendet, nach der Bedeutung dieser Worte fragen, so werden uns vielleicht verschiedene Dinge gezeigt. Das bringt uns einem Verständnis seiner Worte aber nicht näher. Wie es auch dem Farbenblinden keine Hilfe ist, wenn wir den Unterschied in unserer Verwendung der Worte „rot“ und „grün“ dadurch zu erklären versuchen, dass wir auf rote und grüne Gegenstände zeigen.27 Der Vorstellung eines ← 36 | 37 → konsequenten Gebrauchs von „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ kann also nicht dadurch Inhalt verliehen werden, dass wir jemanden vorstellen, der auf die Aufforderung hin, verschiedene Farbmuster zu benennen, manche davon stets „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ nennt.

„Kann ich denn auch nur sagen: ‘Diese Leute nennen dies (ein Braun etwa) rötlichgrün’? Wäre es dann eben nur ein andres Wort für etwas, wofür auch ich eins habe? Wenn sie wirklich einen anderen Begriff haben als ich, so muß sich das darin zeigen, daß ich mich in ihrem Wortgebrauch nicht ganz auskenne.“ (BF III, 123; MS 173, 28r-28v)

In dieser Bemerkung wird in Frage gestellt, ob man auch nur sagen könne: „Diese Leute nennen dies (ein Braun etwa) rötlichgrün“. Wie ist hier der Ausdruck „etwas sagen können“ zu verstehen? Vernünftigerweise wird man annehmen müssen, dass es darum geht, ob mit dieser Aussage dasjenige zum Ausdruck gebracht werden kann, was damit zum Ausdruck gebracht werden soll. Das setzt voraus, dass klar ist, was zum Ausdruck gebracht werden soll.

Betrachten wir dazu einen ähnlichen Fall: Jemand, der rotgrünblind ist, zeigt auf einen Gegenstand, von dem ihm bekannt ist, dass ein Normalsichtiger ihn als rot beschreibt und sagt „Das wird rot genannt“. Wenn das möglich ist, und das scheint es in der Tat zu sein, dann sollte man auch sagen können: „Diese Leute nennen dies rötlichgrün“. Wie versteht aber jemand, der rotgrünblind ist, den Satz „Das wird rot genannt“? Er sieht ja nicht, ob der Gegenstand rot oder grün ist. Er kann die Äußerung dieses Satzes nur dadurch rechtfertigen, dass er mit dem Gegenstand bekannt ist und von anderen erfahren hat, er sei rot. Das heißt, dass die Aussage „Das wird rot genannt“ für einen Farbenblinden, eine andere Bedeutung hat, als für einen Normalsichtigen. Der Normalsichtige wird (unter geeigneten Umständen) aus der Aussage „Das wird rot genannt“ eine Regel zur Verwendung des Wortes „rot“ ableiten können. Das ist dem Farbenblinden nicht möglich. Daraus ergibt sich eine seltsame Asymmetrie zwischen verschiedenen Sprechern. Der Farbenblinde ist gezwungen, das fremde Urteil als wahr zu akzeptieren, ohne dessen Wahrheit selbst überprüfen zu können. Der Satz „Dieser Gegenstand ist rot“ hat für einen Farbenblinden demnach andere ← 37 | 38 → Wahrheitsbedingungen, als für einen Normalsichtigen, und zwar ist dieser Satz genau dann wahr, wenn ein Normalsichtiger dem Satz zustimmen würde. Aber damit ist aus Sicht des Farbenblinden offen, ob der Normalsichtige einen konsequenten Gebrauch dieses Satzes und damit der Worte „rot“ und „grün“ macht.

Diese Überlegungen lassen sich wie folgt auf das Beispiel mit „rötlichgrün“ übertragen. Worauf zeigt jemand, der sagt „Diese Leute nennen dies (ein Braun etwa) rötlichgrün“? Wenn auf die Farbe gezeigt wird, dann wäre damit die Aussage gemacht, dass unser Ausdruck „braun“ dasselbe bedeutet wie deren Ausdruck „rötlichgrün“. Das wird man nicht sagen wollen. Wird hingegen auf den Gegenstand gezeigt, dann ist offen, auf welches Merkmal—die Farbe, die Form, den Geruch, etc.—des Gegenstandes hingewiesen wird. Wenn man nun aber annimmt, dass der Andere uns versichert, „rötlichgrün“ sei ein Farbwort oder er verwende den Ausdruck „rötlichgrün“ gerade so, wie wir den Ausdruck „rötlichblau“, z.B., verwenden, dann scheint es recht seltsam zu behaupten, diese Person spreche nicht über die Farbe des gezeigten Gegenstandes. Es muss demnach entweder ein Grund angegeben werden, warum dieser Aussage misstraut oder ihre Sinnhaftigkeit in Zweifel gezogen wird.

Fest steht, wenn der Ausdruck „rötlichgrün“ konsequent gebraucht wird, dann sollte sich aus diesem Gebrauch eine Regel ableiten lassen. So viel geht aus der Definition des Wortes „konsequent“ als „frei von Widersprüchen“, „folgerichtig“ und „beharrlich“ hervor. Nun gilt allemal, wer eine Regel kennt und versteht, kann sich nach ihr richten. Wir sind also allem Anschein nach in einer ähnlichen Situation, wie der Farbenblinde, der darüber ein Urteil abgeben will, ob der Normalsichtige das Wort „rot“ konsequent gebraucht. Machen wir also nur darum nicht von den Worten „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ Gebrauch, weil es uns an bestimmten Fähigkeiten fehlt, die eine konsequente Verwendung dieser Worte erst ermöglicht?

„Wem ein Rötlichgrün bekannt wäre, der sollte imstande sein, eine Farbenreihe herzustellen, die mit Rot anfinge, mit Grün endet und, auch für uns vielleicht, einen kontinuierlichen Übergang zwischen ihnen bildet. Es würde sich dann zeigen, daß dort, wo wir jedesmal den gleichen Ton, von Braun z.B., sehen, er einmal Braun, einmal Rötlichgrün sähe. Daß er z.B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe haben, nach der Farben unterscheiden könnte und die eine braun die andere rötlichgrün nennte.“ (BF I, 11; MS 176, 4r-4v)

Dieser Vorschlag klingt im ersten Moment recht plausibel. Wenn man sich die Sache aber etwas genauer überlegt, ergeben sich Schwierigkeiten. Denn wir sehen nicht einmal etwas als rötliches Blau und einmal als Violett, sondern wir nennen rötliches Blau auch „Violett“. Und jetzt stellen wir uns jemanden vor, der ein rötliches Grün kennt, der aber gerade nicht sagt es sei auch ein Braun, ← 38 | 39 → oder Olivgrün, oder sonst eine Farbe, die wir auch kennen. Jetzt lässt sich gegen diesen Einwand halten, dass das eine zu erwartende Konsequenz des Beispiels ist. Wir müssen eben noch einen neuen Namen für diese Farbe einführen. Dann lässt sich denken, dass unser Gegenüber ein rötliches Grün auch—ich erfinde da jetzt einfach etwas—„Rigamet“ nennt; und dieses Wort bezeichne, wir legen das einfach fest, eine Farbe, die wir nicht kennen und die sich also von allen uns bekannten Farben unterscheidet. Unter solchen Umständen noch zu behaupten, es gebe keine zwingenden Gründe anzunehmen, der Andere sehe Farben, die wir nicht sehen, wirkt merkwürdig.

Wittgenstein behauptet dennoch genau das, und es ist kein Leichtes die Rechtfertigung für diese Behauptung auszumachen. Betrachten wir dazu nochmals den Gedankenverlauf im Detail: Angenommen, es ist in der Tat so, dass die von uns vorgestellte Person „z.B. zwei chemische Verbindungen, die für uns die gleiche Farbe haben, durch bloße Betrachtung unterscheiden könnte“. Das mag uns unter gewissen Umständen dazu veranlassen, zu sagen, der andere sehe Farben, die wir nicht sehen und vielleicht auch die Aussage rechtfertigen, er könne diese Verbindungen „nach der Farbe unterscheiden“. Wenn er aber eine dieser beiden Farben „rötlichgrün“ nennt, dann werden wir fragen müssen, ob er damit meine, er habe einen sinnlichen Eindruck, worin sowohl etwas von einem Rot als auch etwas von einem Grün bemerkbar ist. Würde ich eine Farbwahrnehmung auf diese Weise beschreiben, so wird man sagen, ich würde, was immer es ist, das ich da sehe, nicht richtig beschreiben; oder vielleicht, dass ich die Worte „rot“ und „grün“ auf ungewöhnliche Weise verwende und mit „rötlichgrün“ eigentlich „braun“—oder irgendeinen anderen Farbton, den ich vorab als „rötlichgrün“ benannt habe—meine. Das hat damit zu tun, dass die deutschen Worte „rötlich“, „grünlich“, „gelblich“ und „bläulich“ auf die Zusammensetzung einer Farbe aus anderen Farben verweisen und es ist, wie bereits geschildert, ein Faktum, dass die Ausdrücke „rötlichgrün“ und „gelblichblau“ im Deutschen nicht verwendet werden. (Die Behauptung ist allerdings nicht, dass eine Verwendung dieser Ausdrücke vollkommen ausgeschlossen ist, sondern nur dass eine jede Verwendung dieser Ausdrücke unserem gewohnten Gebrauch der Worte „rötlichblau“, „rötlichgelb“, etc. in wesentlicher Hinsicht unähnlich bleibt.)

Nun will man für diese Tatsache aber eine Erklärung. Eine solche ist auch in greifbarer Nähe, wenn man annimmt, dass sich die Beschreibung einer Farbe als zusammengesetzt darauf zurückführen lässt, wie uns die Farben erscheinen. Denn dann wäre es eine Angelegenheit der Psychologie, die Ursachen dieses kuriosen Ausschlusses zu finden und die gesuchte Erklärung würde auf die empirischen Fakten der menschlichen Wahrnehmung Bezug nehmen müssen. (Die Gegenfarbtheorie ist ein Beispiel für eine solche Erklärung. Durch die ← 39 | 40 → Annahme bestimmter physiologischer und kognitiver Prozesse erlaubt diese Theorie die beobachtbaren Phänomene wissenschaftlich zu beschreiben und damit nachvollziehbar zu machen.) Wenn der Ausschluss zweier Farben aber durch einen hypothetischen Satz erläutert wird, dann ist möglich, dass die Erläuterung sich als falsch herausstellt. Das hieße, dass an der Vorstellung von jemandem, der ein rötliches Grün wahrnimmt, nichts Widersprüchliches ist. Was von der Theorie behauptet wird ist lediglich, dass für jemanden von dieser und jener Konstitution eine solche Wahrnehmung ausgeschlossen ist. Weil die angenommenen physiologischen und kognitiven Prozesse aber auch anders vorgestellt werden können, lässt die Theorie offen, ob „rötliches Grün“ eine mögliche Farbwahrnehmung von jemandem bezeichnet. Das ist aber gerade, was unsere Untersuchung klären soll.

Zu beachten ist, dass sich dieses dürftige Ergebnis nur unter der Voraussetzung ergibt, dass „eine Farbe ist aus anderen zusammengesetzt“ zu verstehen ist als „eine Farbe erscheint aus anderen zusammengesetzt“ und darüber hinaus angenommen wird, dass die Art und Weise, wie eine Farbe erscheint, am besten durch eine psychologische Theorie erklärt wird. Die Frage wird also sein, ob es zu diesen beiden Voraussetzungen sinnvolle Alternativen gibt, die erlauben, ein klareres Urteil zu fällen. Dazu ist zuvorderst eine Bestimmung dessen nötig, was es heißt, „eine Farbe ist aus anderen zusammengesetzt“ und „eine Farbe erscheint aus anderen zusammengesetzt“.

2.4 Der Begriff der Grund- und der Mischfarbe

2.4.1 Verschiedene Formen der Farbbeschreibung

Im alltäglichen Umgang mit Farben ist es eine natürliche Vorstellung, dass sich die Farben in Grund- und Mischfarben einteilen lassen. In Sachbüchern für Kinder etwa werden Rot, Gelb und Blau als die drei Grundfarben benannt, weil sie sich nicht durch Mischen anderer Farben herstellen lassen und weil es möglich ist aus diesen drei Farben alle anderen zu gewinnen.28 Bemerkenswert ist, dass diese vortheoretische Auffassung auch den Ausgangspunkt zentraler Werke zur Farbenlehre darstellt. Johann Wolfgang von Goethe, z.B., schreibt in seiner Abhandlung zu diesem Thema: „Man nehme im allgemeinen Gelb, Blau und Rot als reine, als Grundfarben, fertig an.“ (Goethe 1810: § 552) Im selben Geist verkündet auch Otto Philip Runge in einem Brief an Goethe, den Goethe in seine ← 40 | 41 → „Farbenlehre“ aufnimmt: „Drei Farben, Gelb, Rot und Blau, gibt es bekanntlich nur.“ (Goethe 1810: 339ff.) Und wenig anders beginnen Arbeiten zur Farbenlehre aus dem 20. Jahrhundert. In seiner „Kunst der Farben“ etwa erläutert Johannes Itten: „Als Einleitung in die konstruktive Farbenlehre entwickeln wir den zwölfteiligen Farbkreis aus den Farben erster Ordnung: Gelb, Rot, Blau“ (Itten 1970: 30).

Wirft man einen Blick in die Geschichtsbücher, dann lässt sich feststellen, dass die soeben gegebene und heute vielleicht flach—weil wenig bemerkenswert—erscheinende Bestimmung der Grundfarben nicht immer gebräuchlich war. Es empfiehlt sich deshalb einige Worte dazu voranzuschicken, wie sich unsere heutige Auffassung zu den Grundfarben entwickelt hat und was sie besagt. Wann und von wem die uns heute geläufige Idee der Grundfarben zuerst formuliert wurde, ist nicht klar. Eines der ersten Bücher, in denen Gelb, Rot und Blau als Grundfarben genannt werden, ist das 1613 erschienene Werk über Optik von Franciscus Aguilonius. Allerdings gibt dieser zu bedenken, dass er sich außer Stande fühlt, die Komplexität der Farbmischung durch die Maler in ein umfassendes System zu bringen. Als Grundfarben versteht er Gelb, Rot und Blau nicht deshalb, weil diese in der Herstellung aller anderen Farben eine besondere Rolle einnehmen—was für einen Maler interessant wäre—, sondern weil es sich um besondere Punkte auf einem gedachten Weg von Weiß nach Schwarz handelt. Die früheste, bekannte Arbeit, die auf die Möglichkeit aufmerksam macht, alle Farben durch Mischen von Gelb, Rot und Blau herzustellen, ist Robert Boyles „Experiments and Considerations Touching Colours“ von 1664. Im dritten Teil dieser Schrift finden sich diverse Experimente, wovon das zwölfte das Vermischen der Grundfarben beschreibt:

„Blew and Yellow make a huge Variety of Greens. Red and Yellow make Orange Tawny. Red with an Eye of Blew, makes a Purple; and by these simple Compositions again Compounded among themselves, the Skilfull Painter can produce what kind of Colour he pleases, and a great many more than we have yet Names for.“ (Boyle 1664: 220f.)

Boyle wählt damit erstmalig in der Geschichte einen naturwissenschaftlichen, auf experimentellen Untersuchungen fussenden, Zugang zum Verständnis der Farben. Bis zu diesem Zeitpunkt werden zwar viele Vorschläge zur systematischen Ordnung der Farben gemacht, aber keines der daraus entstandenen Systeme beruht auf nachprüfbaren Ergebnissen von Experimenten mit verschiedenen Farbstoffen. Die bunten Farben werden vielmehr nach ihrer Nähe zur hellsten Farbe, dem Weiß, und der dunkelste Farbe, dem Schwarz, geordnet. Das hat seinen Grund zum Teil darin, dass Farbstoffe, die sich als Ausgangsfarben eignen würden, entweder nicht verfügbar oder zu kostbar waren, um sie mit anderen Stoffen zu vermischen. Die Möglichkeit mit diversen Farbstoffen ← 41 | 42 → zu experimentieren, zeigt dann jedoch sehr bald, die ausgezeichnete Rolle von Gelb, Rot und Blau unter den Farben.29 Das legt nahe, dass die Zusammensetzung einer Farbe dadurch zu erklären ist, aus welchen Grundfarben sie entsteht.

Diese Annahme birgt aber Schwierigkeiten, denn spätestens mit dem Erscheinen der Arbeiten von Isaac Newton im Jahr 1704 wird der Grundstein für eine alternative Zuordnung der Grund- und Mischfarben gelegt.30 Bezieht man sich nämlich, anstatt auf die Vermischung von Farbpigmenten, auf die Bündelung farbigen Lichts—was ebenfalls erlaubt die Zusammensetzung einer Farbe experimentell zu untersuchen—, dann stellt sich heraus, dass die drei Grundfarben nun Rot, Grün und Blau sind.31 Wir sind also mit einer Mehrdeutigkeit des Begriffs der Grundfarbe konfrontiert. Missverständnisse lassen sich zumeist dadurch bereinigen, dass die Farben Gelb, Rot und Blau als Grundfarben der ← 42 | 43 → subtraktiven Farbmischung bezeichnet werden, während man Rot, Grün und Blau die Grundfarben der additiven Farbmischung nennt.32 Unsere Frage war aber, was es heißt, zu sagen, eine Farbe sei aus anderen zusammengesetzt. Nach den bisherigen Überlegungen scheint das entweder zu heißen, eine Farbe wurde durch physisches Vermischen von gelber, roter und blauer Farbpigmente hergestellt, oder aber eine Farbe ist durch Bündelung von rotem, grünem und blauem Licht entstanden. Die folgende Textstelle der „Bemerkungen über die Farben“ greift diese beiden Möglichkeiten auf:

„Eins war für Goethe unumstößlich klar: Aus Dunkelheit kann sich kein Helles zusammensetzen – wie aus mehr und mehr Schatten kein Licht entsteht. – Und dies ließe sich so ausdrücken: Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, – so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen. Weiß ist nicht eine Zwischenfarbe anderer Farben. Und das können Versuche mit dem Spektrum weder bekräftigen noch widerlegen. Es wäre aber auch falsch zu sagen ‘Schau Dir die Farben nur in der Natur an, und Du wirst sehen, daß es so ist.’ Denn über die Begriffe der Farben wird man durch Schauen nicht belehrt.“ (BF I, 72; MS 176, 18r-18v)

Verfolgen wir den Gedankengang dieses Absatzes Schritt für Schritt. Zunächst wird hier Goethe eine Haltung zugesprochen, der zufolge sich etwas Helles nicht aus Dunkelheit zusammensetzen kann. Diese Haltung wird in einem Nebensatz um den Hinweis ergänzt, dass aus mehr und mehr Schatten kein Licht entsteht. Das scheint soweit wenig verwunderlich. Bemerkenswert ist allerdings die Art und Weise in der Wittgenstein diese Aussagen auffasst, denn er schreibt, man könne das auch so ausdrücken: „Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, – so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen“.

Um diesen gedanklichen Übergang nachvollziehen zu können, sind einige vorbereitende Bemerkungen vonnöten: Zuerst einmal ist ganz allgemein festzuhalten, dass Wittgenstein in seinen Überlegungen häufig Aussagen aufgreift, die einer natürlichen Neigung entspringen oder, wie man auch sagen könnte, die im Alltag überwiegend Zustimmung finden. (Man denke hier etwa an das Augustinus Zitat aus den „Philosophischen Untersuchungen“.) Wenn also in ← 43 | 44 → den „Bemerkungen über die Farben“ andere Autoren aufgegriffen werden, dann meist zu dem Zweck eine bestimmte, im Alltag verwurzelte Auffassung oder Betrachtungsweise zur Diskussion zu stellen. Damit geht einher, dass Wittgenstein wenig daran liegt, den schriftlichen Werken der hinzugezogenen Autoren durch eine umfassende Betrachtung gerecht zu werden. (Seine Aufmerksamkeit gilt, könnte man sagen, insbesondere jenen philosophischen Ideen, die in mehr oder minder beiläufig gemachten Bemerkungen durchscheinen und deren Signifikanz gerade darum allzuleicht übersehen wird.) Auf den konkreten Fall gewendet, ergibt sich, dass Goethe hier und andernorts in den „Bemerkungen über die Farben“ die Rolle des Vertreters einer vortheoretischen Alltagsauffassung einnimmt, wodurch es notgedrungen auch zu Verzerrungen kommt.33

Eine solche Verzerrung lässt sich in der zitierten Passage daran aufzeigen, dass Wittgenstein in seiner Darstellung einen Wechsel von einer Aussage über Dunkelheit und Helligkeit zu einer Aussage darüber, wie dieses und jenes genannt wird, vollzieht.34 Das verweist darauf, dass, für Wittgenstein, schon die Bemerkung Goethes als eine Aussage zur Bedeutung der deutschen Worte „hell“ und „dunkel“ zu verstehen ist. Die Zufügung, es sei jemandem „unumstößlich klar“, dass sich etwas Helles nicht aus Dunkelheit zusammensetzt, gibt der Aussage dann aber einen eigenartigen Beigeschmack. Es handelt sich ja nicht mehr um eine Überzeugung, irgendwelche empirischen Fakten betreffend, die da ausgesprochen wird. Wenn damit etwas gesagt ist, dann nur, man verstehe, was die deutschen Worte „hell“ und „dunkel“ bedeuten.

Betrachtet man jetzt die Anmerkung „Wenn man Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennt, oder Braun ein schwärzlich-rötlich-Gelb, – so kann man nun Weiß kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen“, dann ist zunächst festzustellen, dass darin von drei Farben die Rede ist: Lila, Braun und Weiß. Lila und Braun werden als Kombinationen aus anderen Farben beschrieben: Lila als weißlich-rötlich-Blau, Braun als schwärzlich-rötlich-Gelb. Die Behauptung ist, wenn man diese beiden Beschreibungen akzeptiert, dann könne man Weiß nicht ein „gelblich-rötlich-grünlich-Blau, oder dergleichen, nennen“. Angenommen das ist richtig: inwiefern bringt diese Bemerkung zur Beschreibung von Weiß dasselbe zum Ausdruck, wie der Satz „Aus Dunkelheit kann sich ← 44 | 45 → kein Helles zusammensetzen“? Denkbar ist, dass in einer Beschreibung einer Farbe als „weißlich-rötlich-Blau“ oder als „schwärzlich-rötlich-Gelb“ die Worte „weißlich“ und „schwärzlich“ eigentlich „hell“ und „dunkel“ bedeuten. Jedenfalls kann man Lila auch ein helles rötlich-Blau, Braun ein dunkles rötlich-Gelb nennen. Versteht man „Weiß“ in diesem Sinn als Helligkeit, dann wird mit diesem Wort offenbar keine Farbe bezeichnet und es macht dann auch keinen Sinn Weiß als gelblich-rötlich-grünlich-Blau zu beschreiben. Das scheint allerdings nicht zu sein, worauf Wittgenstein uns aufmerksam machen möchte. „Weiß ist nicht eine Zwischenfarbe anderer Farben“, heißt es in der zitierten Bemerkung, nicht „Weiß ist keine Farbe“.

Gewiss, wenn man daran denkt, dass Wittgenstein an anderer Stelle davon spricht, dass die Farben für Goethe Schatten waren,35 dann ist Weiß als hellste Farbe davon ausgeschlossen, als Kombination anderer Farben beschrieben zu werden. Auch ist einsichtig, dass sich jene Bedeutung des Ausdrucks „Mischfarbe“, die auf dem Verhalten von farbigem Licht beruht, nicht als Grundlage für die Beschreibung einer Farbe als zusammengesetzt—in dem Sinn, der Wittgenstein hier vorschwebt—eignet. Denn weder kann Braun sinnvoll als schwärzlich-rötlich-Gelb beschrieben werden, weil Licht nie schwärzlich ist, noch wäre etwas dagegen zu sagen, dass Weiß ein gelblich-rötlich-grünlich-Blau sei, denn die Bündelung von gelbem, rotem, grünem und blauem Licht ergibt zusammen weißes Licht.36 Das legt die Vermutung nahe, Wittgenstein sehe die korrekte Verwendung des Ausdrucks „diese Farbe ist aus jenen zusammengesetzt“ darin begründet, aus welchen Farbstoffen sich ein Farbton mischen lässt: Durch das Vermischen von Farbstoffen entsteht ja niemals ein hellerer Farbton; und, wenn gelbe, rote, grüne und blaue Farbe vermengt werden, dann neigt der resultierende Farbton zum Schwarz hin. Das kann als mögliche Erklärung für die Aussage „Aus Dunkelheit kann sich kein Helles zusammensetzen“ aufgefasst werden. Aber Wittgenstein spricht von Zwischenfarben, nicht von Mischfarben, und er unterlässt es nicht, diesen Ausdruck zu betonen. Das wirft Zweifel darüber auf, ob das physische Mischen von Farbstoffen tatsächlich den Schlüssel zur Auflösung dieses Paragraphen enthält. Gerade auch die nachfolgende Anmerkung „Und das können Versuche mit dem Spektrum weder bekräftigen noch ← 45 | 46 → widerlegen“ bestärkt diese Unsicherheit. Denn wenn die Bündelung und Streuung von Licht keine Entscheidung herbeizuführen vermag, warum sollte man sich an die Mischung von Farbstoffen wenden? Schließlich lässt sich denken, dass zwei (oder mehrere) Farbstoffe, wenn sie miteinander vermengt werden, Weiß ergeben, auch wenn so etwas noch nie beobachtet wurde. Vorab steht nicht fest, auf welche und wie viele Arten weiße Farbe hergestellt werden kann; wohl aber soll vor jeder Erfahrung feststehen, dass, wenn Lila ein weißlich-rötlich-Blau genannt wird, Weiß nicht ein gelblich-rötlich-grünlich-Blau genannt werden kann.

Wenn nun aber keine der beiden bisher vorgestellten Bedeutungen dazu, was eine Mischfarbe sei, den Gebrauch von Ausdrücken der Form „X-lich Y“ erläutern kann, dann ist fraglich, worin dieser Gebrauch begründet ist. In Band III der „Bemerkungen über die Farben“ finden wir dazu die folgende Notiz:

„Tatsache ist, daß wir imstande sind, uns über die Farben der Dinge mittels sechs Farbnamen zu verständigen. Auch, daß wir die Wörter ‘Rötlichgrün’, ‘Gelblichblau’, etc. nicht verwenden.“ (BF III, 52; MS 173, 12v)

Damit wird zunächst nur affirmiert, dass wir von bestimmten Ausdrücken der Form „X-lich Y“ Gebrauch machen und von anderen nicht. Auch, dass wir die Farben der Dinge—aller Dinge—durch Kombination der sechs Farbworte „weiß“, „schwarz“, „rot“, „grün“, „gelb“ und „blau“ beschreiben können. Das gibt Anlass zur Vermutung, die Grundfarben seien als Weiß, Schwarz, Rot, Grün, Gelb und Blau festzulegen. Zudem, wenn es stimmt, dass in der Beschreibung einer Farbe durch Ausdrücke der Form „X-lich Y“ niemals die Kombinationen „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ vorkommt, dann ist damit auch verständlich, weshalb Weiß nicht als „gelblich-rötlich-grünlich-Blau“ beschrieben wird. Jetzt ist es aber wenig erhellend, sich auf die Aussage zu beschränken, die Beschreibung einer Farbe als zusammengesetzt, habe ihre Grundlage in der Art und Weise, wie wir im Allgemeinen die Farben der Dinge beschreiben. Zwar mag dieser Hinweis verständlich machen, dass Wittgenstein schreibt „Versuche mit dem Spektrum [können ein Urteil darüber, was eine Zwischenfarbe wovon ist] weder bekräftigen noch widerlegen“, weil der korrekte Gebrauch eines Wortes nicht durch Experimente entdeckt werden kann, aber einer Erklärung dieses Gebrauchs ist man damit nicht näher gekommen.

Es lassen sich allerdings Gründe für die Annahme angeben, dass unsere Untersuchung sich in die richtige Richtung bewegt. Denn zumindest das ist klar, dass die Art und Weise, wie wir den Ausdruck „X-lich Y“ verwenden, nicht immer damit übereinstimmt, wie ein Farbton hergestellt wird. Farbtöne entstehen m.a.W. manches Mal als Mischung aus anderen Farbtönen, ohne dass der ← 46 | 47 → entstandene Farbton von uns als aus diesen anderen Farbtönen zusammengesetzt beschrieben wird. So kann etwa ein Grauton durch Vermengen von roter und grüner Farbmittel hergestellt werden kann, ohne dass wir deshalb Grau als rötlichgrün beschreiben. Auch verstehen wir die Aufforderung ein Grün zu wählen, dass weder bläulich noch gelblich ist, obwohl Grün durch Vermischen eines blauen und eines gelben Farbstoffs hergestellt werden kann. Desweiteren gilt für die Bündelung farbigen Lichts, dass durch Zusammenfassung von rotem und grünem Licht ein gelber Farbton entsteht, ohne dass wir deshalb (im Allgemeinen) gewillt wären Gelb ein rötlichgrün zu nennen.

Jetzt kann es scheinen, als ergebe sich an diesem Punkt eine Spannung. Denn ich habe die Auffassung, es gebe drei Grundfarben, als etwas hingestellt, das man die Alltagsmeinung nennen könnte. Zugleich habe ich gesagt, dass wir die Farben im Alltag vermittels sechs Farbwörter beschreiben, was einen zur Behauptung verleiten könnte, dass wir im Alltag von sechs (oder, wenn man von Weiß und Schwarz absieht, von zumindest vier) Grundfarben ausgehen. Wenn das beides stimmen soll, dann scheint es, als falle dasjenige, wovon wir im Alltag überzeugt sind, und dasjenige, wie wir im Alltag über eben diese Sache sprechen, auseinander. Man kann dieser Schwierigkeit am leichtesten aus dem Weg gehen, wenn man annimmt, dass der Ausdruck „Grundfarbe“ hier Unterschiedliches bezeichnet: Im einen Fall werden unter den Grundfarben jene Farben verstanden, aus denen sich alle anderen Farben durch Mischung herstellen lassen. Im anderen Fall fassen wir jene Farben als Grundfarben auf, die zur Beschreibung aller anderen Farben vermittels Ausdrücken der Form „X-lich Y“ nötig sind. Dass wir die Farben für gewöhnlich mit Hilfe von sechs Farbwörtern beschreiben, steht dann nicht in Widerspruch zur Behauptung, es gebe drei Grundfarben.

Gegen diese Verteidigung scheint es einen offensichtlichen Einwand zu geben: Die Angabe des entsprechenden Mischverhältnisses der drei Farbtöne Gelb, Rot und Blau liefert ebenfalls eine Beschreibung jedes beliebigen Farbtons. Demnach sind es nicht sechs Farben, die zur Beschreibung aller weiteren Farben nötig sind, sondern ebenfalls drei. Jedenfalls kann nicht abgestritten werden, dass wir für gewöhnlich in der Lage sind, anzugeben, welcher Farbstoff zu einem bestimmten Farbton gemischt werden muss, um einen vorgegebenen anderen Farbton herzustellen.37 Und diese Fähigkeit ist nicht abgeleitet, sodass man zuerst lernen müsste, wie eine Farbe durch sechs Grundfarben beschrieben wird, ← 47 | 48 → bevor man erlernen kann, wie eine Farbe durch drei Grundfarben beschrieben wird. Dieser Einwand übersieht allerdings, dass die beiden vorgestellten Gebrauchsweisen des Ausdrucks „Grundfarbe“ sich wesentlich voneinander unterscheiden. Wenn ich etwa sage „Um ein Lila zu erhalten, mische etwas roten und blauen Farbstoff zusammen“ dann ist damit ein bestimmter Vorgang beschrieben. Wenn nun jemand einen roten und einen blauen Farbstoff vermischt und es entsteht wider Erwarten z.B. eine braune anstatt der zu erwartenden lila Farbe, dann wird man im ersten Moment erstaunt sein; und man wird vielleicht eine besondere Beschaffenheit der Farbstoffe oder des Pinsels oder irgendwelcher anderer Einflussgrößen vermuten; aber es ist denkbar, dass sich etwas Derartiges ereignet. Dem gegenüber steht eine Aussage wie „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“. Denn dabei handelt es sich weder um die Beschreibung eines Vorgangs noch um eine ungewisse Vorhersage. Vielmehr wird darin ein notwendiges Verhältnis zum Ausdruck gebracht: Eine Farbe ist nicht Lila, wenn sie nicht auch weißlich-rötlich-Blau ist und es macht keinen rechten Sinn sich dazu eine Ausnahme vorstellen zu wollen.38

Man kann allerdings die Frage stellen, ob nicht auch andere Farben sich in diesem Sinn als Grundfarben eignen würden. Denn im ersten Moment scheint es denkbar, dass wir diese sechs Farbworte (also Weiß, Schwarz, Rot Grün, Gelb und Blau) nur aufgrund einer mehr oder minder willkürlichen Entwicklung unserer Sprache zur Beschreibung aller anderen Farben heranziehen. Wenn das richtig ist, dann sollte es auch möglich sein die Farben der Dinge als Kombination von, z.B., Chatreuse, Mauve, Orange und Cyan zu beschreiben. Ob das in der Tat möglich ist, lässt sich allem Anschein nach empirisch überprüfen, indem untersucht wird, ob verschiedene Personen im Allgemeinen in der Lage sind sich eine solche Beschreibungsmethode anzueignen.39 Wenn man nun einmal ← 48 | 49 → annimmt, es gelänge eine solche Methode der Beschreibung einzuführen, was folgte daraus? Zuvorderst, dass die Antwort darauf, aus welchen Farben eine andere zusammengesetzt ist, auf linguistischen Konventionen beruht, es sich also sprachlichen Regeln verdankt, dass wir Lila ein weißlich-rötlich-Blau nennen.

Dagegen kann man geneigt sein vorzubringen, dass das nicht sein kann; dass es sich doch in der Betrachtung erschließe, aus welchen Farben eine andere zusammengesetzt ist. Die Behauptung wäre also, dass es gerade kein Zufall ist, dass wir die Farben mit den sechs Worten „weißlich“, „schwärzlich“, „rötlich“, „grünlich“, „gelblich“ und „bläulich“ beschreiben, sondern dass sich dieser Umstand durch unsere Wahrnehmung der Farben erklären lasse. „Aber“, heißt es im zitierten § 72 des ersten Bandes, „es wäre falsch zu sagen ‘Schau Dir die Farben nur in der Natur an, und Du wirst sehen, daß es so ist.’ Denn über die Begriffe der Farben wird man durch Schauen nicht belehrt.“ Kein Experiment und keine Beobachtung kann ein Urteil wie „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ oder „Weiß ist kein gelblich-rötlich-grünlich-Blau“ rechtfertigen. Diese Urteile sind keine synthetischen. Das ist es, was Wittgenstein hier mitteilt. Akzeptieren kann man das aber nicht; jedenfalls nicht ohne Weiteres. Man hat doch den Eindruck, dass wir die Farben Weiß, Rot und Blau im Lila sehen. Und wie auch sollten wir lernen zu einem vorgegeben Farbton einen mehr oder weniger gelblichen zu wählen, wenn wir nicht erkennen könnten, wie die gelbe Farbe in den vorgelegten Farbmustern zu- und abnimmt? Man will also sagen, es muss sich da um synthetische Urteile handeln. Wenn aber ein Urteil wie „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ synthetisch ist, dann muss man sich das auch anders vorstellen können.40 Dann handelt es sich aber gerade nicht um einen Satz, der notwendig gilt.

Entweder also wir fassen einen Satz wie „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ als notwendig auf und geraten damit in die Verlegenheit, erklären zu müssen, worin diese Notwendigkeit besteht, weil der Verdacht gegeben ist, dass es sich lediglich um eine sprachliche Regel handelt, die auch anders sein könnte oder wir fassen den Satz als kontingent auf und gestehen die Möglichkeit zu, dass sich dieser durch zukünftige Beobachtungen als falsch erweist.

Anstatt eine dieser beiden Positionen einzunehmen und zu verteidigen, sei der Vorschlag gemacht, der Bedeutung des Satzes „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ nachzugehen und die Frage zu stellen, welchen Sinn eigentlich die beiden ← 49 | 50 → Behauptungen haben: (1) der Satz könne sich als falsch herausstellen und (2) der Satz beruhe auf einer Konvention, die anders hätte ausfallen können. Die weitere Diskussion wird sich vorerst nur der Idee widmen, der genannte Satz könne sich faktisch als falsch herausstellen. Die Möglichkeit, seine Wahrheit beruhe auf Konventionen, die auch anders sein könnten, wird im Anschluss daran diskutiert. Zunächst einmal: Worüber macht jemand eine Aussage, der den genannten Satz verwendet. Es bietet sich an, zur Beantwortung dieser Frage zunächst einmal die einzelnen Teile des Satzes näher zu prüfen. Wenn der Ausdruck „Lila“ der Name eines Gegenstandes ist, dann werden auch die Worte „weißlich-rötlich-Blau“ einen Gegenstand bezeichnen. Die Behauptung ist ja nicht „Lila ist weißlich-rötlich-bläulich“, sondern eben „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ und wenn „Lila“ einen singulärer Term darstellt, dann gewiss auch „weißlich-rötlich-Blau“. Wenn aber mit „weißlich-rötlich-Blau“ ein Gegenstand herausgegriffen sein soll, dann macht der unbestimmte Artikel keinen rechten Sinn.41 Wird „Lila“ dementgegen als genereller Term verstanden, dann ist auch „weißlich-rötlich-Blau“ als solcher aufzufassen. Aber auch diese Leseweise birgt Schwierigkeiten, denn man würde hier einen weiteren unbestimmten Artikel vor „Lila“ erwarten, sodass der Satz dann lauten müsste „Ein Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“. Zwar ist nicht auszuschließen, dass Wittgenstein einfach entgangen ist, dass es sich hier um eine unsaubere Ausdrucksweise handelt, wirklich wahrscheinlich ist das aber nicht. Vielmehr ist anzunehmen, dass er die soeben beobachtete Unstimmigkeit ganz bewusst einsetzt, weil es sich bei der Behauptung „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ um eine Aussage handelt, der man geneigt ist unbedacht zuzustimmen, ohne darauf Acht zu geben, worüber hier etwas ausgesagt wird. Es gibt ja allem Anschein nach ein ganz intuitives Verständnis dieses Satzes, dass nämlich der Farbe Lila eine bestimmte Eigenschaft, nämlich weißlich-rötlich-Blau zu sein, zukommt. Überlegt man sich allerdings, dass die zugeschriebene Eigenschaft selbst eine Farbe bezeichnet, stellt sich heraus, dass diese intuitive Auffassung Schwierigkeiten mit sich bringt. Man kann diese Schwierigkeiten auch so fassen: Wenn man „Lila“ und „weißlich-rötlich-Blau“ als singuläre Termini auffasst, die Ausdrücke „sym1.jpg ist lila“ und „sym1.jpg ist weißlich-rötlich-bläulich“ aber als generelle Termini erkannt hat, dann drängt sich in der philosophischen Beschäftigung mit den Farben die Frage nach der Verbindung von singulärem und generellem Term auf. Das deutet u.a. darauf hin, dass die Neigung von der Farbe Lila zu sprechen, ← 50 | 51 → als handle es sich um eine Art Gegenstand, Quell philosophischer Verwirrungen ist. Diese sollen im folgenden Kapitel zur Gleichheit zweier Farben eingehend diskutiert werden. Vorerst sei es lediglich beim Hinweis belassen, dass uns unser Gebrauch der Farbworte hier ein Rätsel aufgibt.

Wenn man nun mit gegebener Vorsicht einräumt, dass eine Beschreibung einer Farbe in der Form „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ sinnvoll ist, und das wurde soweit ja weder ausgeschlossen noch bewiesen,42 dann lässt sich auch jemand vorstellen, der behauptet, es könne sich unter Umständen herausstellen, dass Lila nicht ein weißlich-rötlich-Blau sei. So jemand müsste sich damit zufrieden geben zu sagen „In allen bekannten Fällen hat sich Lila als ein weißlich-rötlich-Blau herausgestellt“ oder „In einer großen Zahl der Fälle ist Lila ein weißlich-rötlich-Blau“. Aber die Wortverbindungen „X ist lila“ und „X ist weißlich-rötlich-bläulich“ dienen der Bestimmung der Farbe eines Gegenstands X und ein Gegenstand kann (im gegebenen Sinn) nicht zwei Farben zugleich besitzen. Einer der beiden Ausdrücke müsste also, damit diese Vorstellung in sich stimmig bleibt, zu verschiedenen Gelegenheiten verschiedene Farben bezeichnen. Dann ist es aber nicht mehr die Farbe Lila der abgesprochen wird ein weißlich-rötlich-Blau zu sein, und dass eine andere Farbe anders zu beschreiben sei, wird niemand anzweifeln. Ein Satz wie „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ kann demnach nicht als kontingent verstanden werden, ohne die Bedeutung der darin vorkommenden Ausdrücke zu verändern. Fixiert man die Bedeutung eben dieser Ausdrücke, dann muss es sich um einen Satz handeln, der, wenn er wahr ist, notwendigerweise wahr ist. Diese Argumentationslinie sei anhand eines Beispiels präzisiert.

2.4.2 Lila ist (k)ein weißlich-rötlich-Blau

Man kann fragen, ob nicht jemand vorgestellt werden kann, der zwar mit uns darin übereinstimmt, dass Lila zwischen Rot und Blau liegt, der aber dennoch nicht geneigt ist Lila ein weißlich-rötlich-Blau zu nennen. Ein lila Farbton, könnte für diese Person mehr oder weniger rötlich, ein anderer mehr oder weniger bläulich sein, nicht jedoch beides zugleich. Wie unterscheidet sich so jemand von uns? Er wird u.a. die Aufforderung, einen lila Farbton zu wählen, welcher in gleichem Ausmaß rötlich und bläulich ist, nicht recht verstehen, im Gegensatz zu uns aber in der Lage sein, einen solchen Farbton von Lila zu wählen, der weder rötlich noch bläulich ist. Jetzt kann man hier offenbar etwas Ähnliches vorbringen, wie ← 51 | 52 → zuvor: was hier vorgestellt wurde ist jemand, der unter „rötliche Farbe“ etwas anderes versteht als wir, d.h. jemand der diesen Ausdruck anders verwendet als wir. Der skizzierte Unterschied ist aber nicht unüberbrückbar. Sein Gebrauch des Ausdrucks „rötliche Farbe“ lässt sich gewiss in den unseren übersetzen. Angenommen etwa wir fordern ihn auf einen lila Farbton zu wählen, welcher in gleichem Ausmaß rötlich und bläulich ist, dann ist denkbar, dass er auf diese Aufforderung so reagiert, dass er eben genau denjenigen Farbton wählt, der nach seinem Dafürhalten weder rötlich noch bläulich ist. Wir dürfen annehmen, dass er dann jenen Farbton auswählt, den auch wir auf diese Aufforderung hin wählen würden. Zwar hat er kein Wort zur Verfügung, welches dieselbe Bedeutung inne hat, wie das deutsche Wort „rot“, aber dasselbe gilt auch umgekehrt, denn im Deutschen wird kein Farbwort so gebraucht, wie der andere das Zeichen „rot“ verwendet. Zugleich erlaubt die geeignete Kombination der Worte „rot“, „blau“ und „lila“ die Verwendung des jeweils anderen nachzuahmen.

Wie aber, wenn wir jemanden vorstellen versuchen, der die Worte „gelblich“, „rötlich“, „grünlich“, „bläulich“, „weißlich“ und „schwärzlich“ auf gleiche Weise verwendet wie wir, der aber bestreitet, dass Lila ein weißlich-rötlich-Blau ist. Die Schwierigkeit ist hier die folgende: Was jemand mit einem Wort meint, zeigt sich daran, wie das Wort verwendet wird; wenn also jemand einen gelben Gegenstand „grün“ nennt, dann kann es entweder sein, dass er sich über die Farbe des Gegenstandes irrt, oder er hat die Worte verwechselt und meint mit „grün“ eigentlich gelb. Der Satz „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ ist aber nicht derart, dass man sich irren könnte, wie es sich wirklich verhält. Was der Satz besagt ist entweder richtig oder nicht. Wenn der andere bestreitet, was der Satz besagt, dann kann es sich also nur darum handeln, dass der andere die Worte verwechselt und anstatt an „lila“ z.B. an „pink“ denkt. Die Vorstellung von jemandem, der mit „weißlich“, „rötlich“ und „bläulich“ genau dasselbe meint wie wir, der aber Lila abspricht ein weißlich-rötlich-Blau zu sein, droht unmittelbar in sich zusammenzufallen, weil sich gerade an der Zustimmung zu einem Satz wie „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ zeigt, dass der andere die darin vorkommenden Worte auf dieselbe Weise gebraucht wie wir. Damit zeichnet sich ab, dass eigentlich nicht genau gesagt werden kann, was für eine Aussage jemand macht, der behauptet „Lila ist kein weißlich-rötlich-Blau“.

Jemand, der Lila nicht ein weißlich-rötlich-Blau nennt, wird also notgedrungen mit uns entweder über die Bedeutung des Ausdrucks „Lila“ oder über jene des Ausdrucks „weißlich-rötlich-Blau“ uneinig sein. Jedenfalls wäre es verkehrt zu meinen, es handle sich hier um einen Streit über die farbliche Erscheinung eines lila Farbtones. Denn der andere nennt nach Voraussetzung all das lila was wir auch so nennen. Der Unterschied besteht lediglich darin, was aus der ← 52 | 53 → Beschreibung eines Gegenstands als lila jeweils folgt. Nach unserer Verwendung gilt, dass der als lila beschriebene Gegenstand weißlich, rötlich und bläulich ist, während nach der uns fremden Verwendung dieser Schluss nicht gilt und zu sagen „Schau Dir die Farbe Lila nur in der Natur an, und Du wirst sehen, dass es so ist“ hilft hier nicht. Der andere kann darauf erwidern, er sehe weder etwas von Rot noch von Blau im Lila.43 Es verhält sich wohl so: jede Beschreibung dessen, was man sieht, setzt die Beherrschung einer Sprache voraus. Wenn nun der Satz „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ eine Beschreibung dessen sein soll, was bei der Betrachtung eines lilafarbenen Gegenstandes gesehen wird, dann müssen die Worte bereits eine bestimmte Bedeutung mit sich tragen. Im gegebenen Fall wäre dann festzustellen, dass die beiden Ausdrücke „Lila“ und „weißlich-rötlich-Blau“ jeweils Bezeichnungen für Farben sind. Dann ist es aber entweder der Fall, dass die beiden Ausdrücke dieselbe Farbe bezeichnen oder nicht, ganz unabhängig davon, was in der Betrachtung gegeben ist. Also muss es sich um einen Satz handeln, der die Bedeutungsgleichheit zweier Ausdrücke festhält.

Der Stand der Dinge ist soweit der folgende: Wir hatten die Frage gestellt, welchen Status eine Aussage der Form „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ besitzt und sind zum Schluss gekommen, dass es sich um eine Aussage handelt die Notwendigkeit beansprucht. Zuletzt hat sich angeboten diese Notwendigkeit dadurch zu erklären, dass es sich um die Feststellung der Bedeutungsgleichheit zweier Ausdrücke handelt. Wir hatten im Verlauf der bisherigen Untersuchung zudem die Frage gestellt, ob die Zusammensetzung einer Farbe in der Betrachtung gegeben ist, was davon unterschieden wurde, dass die Gleichheit der Ausdrücke „Lila“ und „weißlich-rötlich-Blau“ aufgrund von Konventionen gilt. Das wurde soeben anhand des Beispiels von Lila geprüft und vorläufig verneint. Desweiteren wurde die Frage aufgeworfen, ob vorstellbar ist, dass jemand andere als die uns gewohnten sechs Farbworte „weiß“, „schwarz“ „rot“, „grün“, „gelb“ und „blau“ zur Beschreibung aller weiteren Farben heranzieht. Insoweit als gezeigt wurde, dass ein Satz der Form „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ nicht durch die Betrachtung gerechtfertigt werden kann, ist zu erwarten, dass diese zweite Frage bejaht werden muss. Im Weiteren ist zu prüfen, ob diese Antworten auch wirklich durchgehalten werden können. Wir halten also fest, dass ein Satz der Form „Lila ist ein weißlich-rötlich-Blau“ notwendig gilt und stellen jetzt die Frage, was ← 53 | 54 → das bedeutet; insbesondere ob das, was hier als notwendig behauptet wird, auch anders sein könnte, weil es möglicherweise auf sprachlichen Konventionen beruht, die anders sein könnten.

2.4.3 Grün ist (k)ein gelblich-Blau

Wenn es richtig ist, dass die Betrachtung für die Beschreibung einer Farbe als zusammengesetzt keine entscheidende Rolle spielt, dann legt das nahe, dass es eine Sache der Definition ist, ob eine bestimmte Farbe dafür herangezogen wird, andere Farbtöne zu beschreiben. Eine Möglichkeit diese Problemstellung weiter zu erkunden ist demnach jene, sich jemanden vorzustellen, der andere Farben als wir zur Beschreibung aller weiteren Farben verwendet und entsprechend auch andere Farben als wir als „reine Farben“ bezeichnet. Als Vorbereitung darauf diese Problemstellung zu bearbeiten, sei im Folgenden der Versuch unternommen, Gründe für und wider die Behauptung zu formulieren, dass Grün eine Grundfarbe und nicht eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb ist. Dazu ein Zitat aus den „Bemerkungen über die Farben“, welches uns dabei als Orientierung dienen wird:

„Ich scheine ein logisch Wichtiges zu sehen: Wenn man Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb nennt, dann muß man z.B. auch sagen können, was ein nur leicht bläuliches Gelb heißt oder ein nur etwas gelbliches Blau. Und diese Ausdrücke sagen mir gar nichts. Aber könnten sie nicht einem andern etwas sagen?“ (BF III, 27a; MS 173, 6r)

Zunächst fällt an der Textstelle auf, dass die Verständlichkeit bestimmter Wortverbindungen auch hier eine zentrale Stellung einnimmt. „Die Ausdrücke ‘ein nur leicht bläuliches Gelb’ und ‘ein nur etwas gelbliches Blau’ sagen mir gar nichts“, schreibt Wittgenstein, und das wird als Grund dafür genommen, dass Grün keine Zwischenfarbe von Blau und Gelb ist. Wer dahingegen „Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb nennt“, der sollte, so die Behauptung, u.a. dazu in der Lage sein „sagen zu können, was ein nur leicht bläuliches Gelb heißt“. Die unmittelbar daran anknüpfende Frage, ob ein Ausdruck wie „ein nur leicht bläuliches Gelb“ nicht einem andern etwas sagen könnte, zeigt zwei Dinge: Einerseits gibt sich Wittgenstein überzeugt davon, dass nichts und niemand ihm diese Ausdrücke verständlich machen wird können, denn andernfalls wäre zu erwarten, dass er anstelle von „Aber könnten sie nicht einem andern etwas sagen?“ etwa fragt: „Aber könnten mir diese Worte nicht etwas sagen?“ Andererseits wird dadurch die Möglichkeit angedeutet, dass das Verstehen dieser Ausdrücke mit etwas zu tun hat, das von Person zu Person verschieden vorgestellt werden kann.

← 54 | 55 → Dazu sind jetzt gleich mehrere Anmerkungen zu machen. Fest steht, dass die zitierte Bemerkung in Widerstreit zur Ansicht steht, es sei eine Frage der Definition, ob Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb ist. Denn wäre es eine Frage der Definition, dann bräuchte es bloß eine Entscheidung darüber, welcher Definition gefolgt wird. Diese Möglichkeit sich für oder wider einen bestimmten Gebrauch zu entscheiden zieht Wittgenstein jedoch nicht ernsthaft in Betracht. Zugleich ist darauf zu achten, dass Wittgenstein die Passage mit den Zurückhaltung gebietenden Worten „Ich scheine ein logisch Wichtiges zu sehen“ beginnt. Auch die das Zitat abschließenden Frage lässt sich als Unsicherheit bezüglich der einzunehmenden Haltung ausdeuten. Es ist darum jedenfalls geboten, die gemachten Aussagen einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Herauszuheben ist außerdem, dass Wittgenstein von „einem logisch Wichtigen“ spricht.44 Wenn es so ist, dass der Gebrauch der Worte „leicht bläuliches Gelb“ unverständlich ist, dann gilt dieser Tatsache entsprechend nur insofern unser Interesse, als dieser Gebrauch auch nicht verständlich gemacht werden kann. Wäre der Gebrauch dieser Worte etwa nur darum unverständlich, weil wir bisher nicht damit konfrontiert wurden und der Gebrauch mit entsprechendem Training eingeübt werden könnte, dann wäre der Umstand, dass wir diesen Gebrauch derzeit nicht verstehen von keinem Interesse für unsere Untersuchung.

Damit rückt nun unweigerlich die Behauptung in den Mittelpunkt unserer Untersuchung, der gemäß „ein leicht bläuliches Gelb“ einen nichtssagenden Ausdruck darstellt. Kann man ein Grün denn nicht auf eben diese Weise beschreiben? Wenn mit den Worten „Grün ist ein leicht bläuliches Gelb“ gemeint ist, dass ein Grün durch Vermengen von gelben und blauen Farbpigmenten entsteht, dann macht das offenkundig keinerlei Schwierigkeiten. Inzwischen wurde aber erläutert, weshalb derartige Hinweise nichts zum vorliegenden Problem beitragen. Die Endung „-lich“ wird anders gebraucht und es ist dieser Gebrauch, der uns ein Rätsel aufgibt. Nimmt man nun die das Zitat abschließende Frage ernst, dann hat man zu überlegen, woran sich zeigt, dass jemandem der Ausdruck „ein leicht bläuliches Gelb“ etwas sagt.

Denken wir uns dazu zwei Personen, wovon die eine ein grünliches Blau auch ein „leicht gelbliches Blau“ nennt, während die andere ausschließlich von ← 55 | 56 → einem „grünlichen Blau“ spricht. Ein Streit zwischen diesen beiden ließe sich als ein Streit darüber auffassen, wie die Dinge zu beschreiben sind.45 Wenn es sich nun bei einem Satz wie „Grün ist ein gelblich-Blau“ um die Festsetzung einer Methode zur Beschreibung der Farben der Dinge handelt, dann muss erläutert werden, wie es dazu kommen kann, dass eine anders lautende Festsetzung nicht verstanden wird. Das lässt sich nur denken, wenn die Festsetzung oder Aussagen, auf die wir durch die Festsetzung verpflichtet werden, in Widerstreit zu anderem steht, das als unverrückbar gilt.46 Wir sind also aufgefordert herauszufinden, an welchem Punkt das Verstehen in Unverständnis übergeht und haben dann, falls wir einen solchen Punkt ausmachen können, zu prüfen, was hier womit in Widerstreit gerät. In Band III der „Bemerkungen über die Farben“ macht Wittgenstein den Vorschlag, dass sich ein diesbezüglicher Konflikt in der Fähigkeit äußern wird, welche Verwendung der Worte jemand erlernen kann.

Ich sage Grünblau enthält kein Gelb; wenn nun ein andrer sagt, doch es enthält Gelb, wer hat recht? Wie ist es zu prüfen? Unterscheiden sich die beiden nur durch ihre Worte? – Wird nicht der eine ein reines Grün anerkennen, das weder zum Blauen noch zum Gelben neigt? Und was ist der Nutzen hiervon? In welchen Sprachspielen läßt sich das verwenden? – Er wird jedenfalls die Aufgabe lösen können, grüne Dinge auszusondern, die nichts Gelbliches haben, und solche, die kein Blau enthalten. Darin wird der Trennungspunkt ‘Grün’ bestehen, den der andre nicht kennt.

Der eine wird ein Sprachspiel erlernen können, das der andre nicht erlernen kann. Und darin muß ja auch alle Art der Farbenblindheit bestehen: Denn könnte der ‘Farbenblinde’ die Sprachspiele des Normalen lernen, warum sollte man ihn von gewissen Berufen ausschließen.“ (BF III, 111-112; MS 173, 25v-26r)

Der Gedankenverlauf in diesem Textabschnitt lässt sich am einfachsten als Dialog zwischen zwei Personen rekonstruieren, die eine verschiedene Auffassung dazu vertreten, ob Grün eine Primärfarbe ist oder nicht. Beide sind offenbar um eine Entscheidung darüber bemüht, ob ein grünliches Blau die Farbe Gelb enthält oder nicht. Auf die Frage, wie das zu prüfen ist, macht einer der beiden den Vorschlag, es handle sich lediglich um einen Unterschied in den Worten. Wenn das stimmt, dann tut es nichts zur Sache, ob man ein grünliches Blau als gelblich ← 56 | 57 → beschreibt. Dem anderen wird also vorgeworfen, den Worten einen Wert beizumessen, wo diese doch ganz belanglos sind. Beide verstehen, was der jeweils andere sagt. Der Gegenüber gibt sich damit aber nicht zufrieden: „Wer behauptet, ein grünliches Blau enthalte Gelb, kann kein reines Grün anerkennen.“ Darauf erwidert der andere lapidar „Und was wäre der Nutzen davon, ein reines Grün anzuerkennen? Wenn zwei sich hierin unterscheiden, ist es doch noch immer nur ein Unterschied in den Worten, der zwischen ihnen besteht.“ Dagegen hält der andere, dass sie sich auch in dem, was sie mit ihren Worten tun können, unterscheiden werden. Nur derjenige, der ein reines Grün kennt, sei in der Lage aus einer Reihe von grünen Gegenständen jene auszuwählen, die nicht gelblich und nicht bläulich sind.

An diesem Punkt wird man sich an die früheren Überlegungen zur Beschreibung von Lila als weißlich-rötlich-Blau erinnert fühlen. Diese lassen annehmen, dass die Aufgabe auch dadurch gelöst werden kann, indem der Trennungspunkt dort verortet wird, wo die betrachtete Farbe, wie der andere sagen würde, in gleichem Maß gelblich und bläulich ist. Wenn es aber folglich so ist, dass jeder der beiden sich die Redeweise des jeweils anderen angewöhnen könnte, dann steht das (vorerst) in Widerspruch zur Behauptung, der eine sei in der Lage einer Aufforderung zu folgen, die der andere nicht versteht. Insbesondere gerät damit der von Wittgenstein gezogene Vergleich mit jemandem der farbenblind ist ins Wanken. Denn während man von jemandem der farbenblind ist, sofort zugeben wird, so jemand könne gewisse Aufgaben nicht erfüllen, muss erst gezeigt werden, inwiefern das auch für jemanden gilt, der Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb nennt. Demonstriert wurde soweit nur, dass aus der Annahme, Grün sei ein bläuliches Gelb, ein anderer Gebrauch der Worte „gelblich“ und „bläulich“ folgt, als der uns gewohnte. Es legt sich aber Nahe, dass dieser Unterschied kein unüberwindbarer ist. In Band I greift Wittgenstein dieses Problem erneut auf.

„Was läßt sich dafür sagen, daß Grün eine primäre Farbe ist, keine Mischfarbe von Blau und Gelb? Wäre es richtig zu sagen: ‘Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet?’ Aber wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten ‘primäre Farbe’ meine wie ein andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen? Nein, – hier entscheiden Sprachspiele.

Es gibt die Aufgabe, zu einem gegebenen Gelbgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen, – oder aus einer Anzahl von Farbmustern auszuwählen. Ein weniger gelbliches ist aber kein bläuliches Grün (und umgekehrt), und es gibt auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen, oder zu mischen, das weder gelblich noch bläulich ist. Ich sage ‘oder zu mischen’, weil ein Grün dadurch nicht zugleich bläulich und gelblich wird, daß es durch eine Art Mischung von Gelb und Blau zustande kommt.“ (BF I, 6-7; MS 176, 2r-3r)

← 57 | 58 → Auffallend ist zuvorderst, dass Wittgenstein in dieser Bemerkung den Ausdruck „Mischfarbe“ verwendet, nicht wie zuvor „Zwischenfarbe“. Dass Wittgenstein dennoch nicht an der Vermischung verschiedener physischer Farbstoffe interessiert ist, verdeutlicht der abschließende Satz, in dem es heißt „ein Grün wird nicht dadurch zugleich bläulich und gelblich, daß es durch eine Art Mischung von Gelb und Blau zustande kommt“. Desweiteren ist zu beobachten, dass anstatt von „Grundfarben“ von „Primärfarben“ gesprochen wird, aber auch dieser Unterschied bedeutet, wie sich leicht einsehen lässt, keinen thematischen Wechsel zu den bisherigen Überlegungen, da nach wie vor die Beschreibung eines Farbtons durch eine begrenzte Zahl an Farbworten verhandelt wird.

Untersuchen wir also die zitierte Textpassage etwas genauer. Zuerst einmal werden wir mit der bekannten Frage konfrontiert, was sich für die Behauptung sagen lässt, dass Grün kein gelblich-Blau ist. „Wäre es richtig zu sagen: ‘Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet?’“ Dagegen wurde an anderer Stelle bereits vorgebracht, dass man „über die Begriffe der Farben nicht durch Schauen belehrt wird“. Nun wird hier eine alternative Antwort erprobt: „Wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten ‘primäre Farbe’ meine wie ein andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen?“. Die Art und Weise in der diese Frage gestellt ist, lässt vermuten, dass die Antwort sein soll: „Man weiß das nicht und kann es auch nicht wissen“. Wittgenstein formuliert aber keine klare Antwort, sondern weist zunächst nur den Versuch zurück, sich auf die Betrachtung der Farben zu berufen. Der letzte Satz lässt sich sodann lesen als: „Nein, es wäre nicht richtig zu sagen ‘Man kann das nur unmittelbar erkennen, indem man die Farben betrachtet’ – ob Grün eine primäre Farbe ist, keine Mischfarbe von Blau und Gelb, darüber entscheiden Sprachspiele“.

Man möchte als Leserin dennoch etwas besser verstehen, was es mit dem Hinweis auf sich hat, man wisse (unter Umständen) nicht, ob man dasselbe mit den Worten „primäre Farbe“ meint als ein andrer, der auch geneigt ist, Grün eine primäre Farbe zu nennen. Die Bemerkung ist schon darum rätselhaft, weil Wittgenstein nicht fragt, ob man sicher sein könne, dasselbe mit „primäre Farbe“ zu meinen als ein andrer, der Grün nicht zu den primären Farben zählt, sondern ob man sicher sein könne, dasselbe damit zu meinen als ein andrer, der Grün auch zu den primären Farben zählt. Gewiss, wenn man als Grund der Meinungsverschiedenheit von vornherein nur akzeptieren sollte, dass die beiden etwas anderes mit „primäre Farbe“ meinen, dann folgt daraus, dass es keinen rechten Sinn macht zu fragen, wie man den wisse, ob der andere in so einem Fall dasselbe meine wie man selbst. Zugleich ist es aber so, dass gerade dann, wenn wir die Betrachtung als Kriterium ins Spiel bringen möchten, es durchaus möglich scheint, dass beide ← 58 | 59 → dasselbe mit dem Ausdruck „primäre Farbe“ meinen und doch Grün für den einen zusammengesetzt erscheint, für den anderen hingegen nicht. Denn es ist eine natürliche Vorstellung, dass die sinnliche Erscheinung einer Farbe für jeden von uns eine etwas andere Qualität hat. Dagegen jedoch wendet sich, denke ich, Wittgensteins Bemerkung „Wie weiß ich, daß ich dasselbe mit den Worten ‘primäre Farbe’ meine wie ein andrer“ die als Kürzel für das folgende Argument aufgefasst werden kann: Wenn der sinnliche Eindruck darüber entscheidet, ob eine Farbe primär ist oder nicht, dann ist das Kriterium dafür, ob eine Farbe von mir primär zu nennen ist oder nicht, nur mir zugänglich. Wenn das Kriterium dafür, ob eine Farbe von mir primär zu nennen ist, nur mir zugänglich ist, dann gilt analog für jeden anderen, dass das jeweilige Kriterium nur jedem für sich zugänglich ist. Wenn jedem nur jeweils sein eigenes Kriterium zugänglich ist, kann nicht entschieden werden, ob zwei Personen dieselben Kriterien zur Anwendung bringen, also kann ich nicht wissen, ob der andere dieselben Kriterien zur Anwendung bringt, wie ich. Dann wäre kein Urteil darüber möglich, ob der andere dasselbe mit dem Ausdruck „primäre Farbe“ meint, wie ich. Aber wir lernen den Ausdruck „primäre Farbe“ gebrauchen, indem wir die Verwendung dieses Ausdrucks durch andere erfolgreich nachahmen. Also kann es nicht sein, dass der sinnliche Eindruck darüber entscheidet, ob eine Farbe primär ist oder nicht. Dass diese Rekonstruktion in etwa dem Gedankenverlauf entspricht, zu dem wir als Leserinnen an dieser Stelle aufgefordert sind, spricht Wittgensteins anschließender Hinweis, „hier entscheiden Sprachspiele“. An die Stelle privater Kriterien in Form sinnlicher Qualitäten rücken öffentliche, durch die Sprache vermittelte Kriterien.

Woran denkt jetzt jemand, der sagt „hier entscheiden Sprachspiele“? Wittgenstein bietet uns zwei Beispiele an: Zum einen „gibt es die Aufgabe zu einem gegebenen Gelbgrün (oder Blaugrün) ein weniger gelbliches (oder bläuliches) zu mischen“ und zum anderen „gibt es auch die Aufgabe, ein Grün zu wählen, oder zu mischen, das weder gelblich noch bläulich ist.“ Widmen wir uns zunächst dem ersten dieser Beispiele. Ohne Zweifel ist die Aufforderung zu einem gegebenen gelbgrünen Farbton einen weniger gelblichen zu mischen verständlich. Auch wissen wir, dass der Aufforderung dadurch gefolgt werden kann, dass einem vorgelegten gelbgrünen Farbstoff mehr grüne oder mehr blaue Farbe beigemischt wird. Beides gibt einen weniger gelblichen Farbton. Nun werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass „ein weniger gelbliches aber kein bläuliches Grün ist (und umgekehrt)“ und das soll offenbar das Urteil rechtfertigen, Grün sei eine primäre Farbe. Könnte jemand aber nicht mit einem analogen Hinweis auch zu zeigen versuchen, dass Lila eine primäre Farbe ist? Denn wir verstehen die Aufforderung zu einem gegebenen rötlichen Lila ein weniger rötliches zu ← 59 | 60 → wählen; und wenn das gerade eben gebrachte Argument gültig ist, dann wird auch hier die Behauptung genügen „Ein weniger rötliches Lila ist kein bläuliches Lila (und umgekehrt)“, um zu zeigen, dass Lila eine Grundfarbe ist. Diese Schlussfolgerung lässt sich allem Anschein nach nur zurückweisen, indem vorausgesetzt wird, dass ein jedes Lila sowohl rötlich als auch bläulich ist, was aber gerade zu zeigen wäre. Auf die vorliegende Frage angewandt heißt das: Jemand der davon überzeugt ist, ein jedes Grün sei gelblich und bläulich, der wird auch davon überzeugt sein, dass ein weniger gelbliches Grün stets ein bläuliches Grün sei, eben weil ein jedes Grün bläulich ist. Jetzt mag es scheinen, wir können uns an diesem Punkt auf das zweite der beiden genannten Beispiele berufen, welches besagt, dass wir im Allgemeinen in der Lage sind ein Grün zu wählen, das weder gelblich noch bläulich ist. Denn wenn das wahr ist, dann ist es eben nicht der Fall, dass ein jedes Grün sowohl gelblich als auch bläulich ist. Erinnern wir uns aber an unseren früheren Versuch, jemanden vorzustellen, der ein Lila kennt, das weder rötlich noch bläulich ist. Dort hatten wir festgestellt, dass so jemand zwar etwas anderes mit den Worten „rötlich“ und „bläulich“ meinen muss als wir, dass wir aber zugleich in der Lage sind dessen Gebrauch dieser Worte nachzuahmen. Mit Verweis auf diese früheren Überlegungen lässt sich jetzt sagen, wer meint ein Grün sei stets gelblich und bläulich, der gebraucht zwar die Worte „gelblich“ und „bläulich“ etwas anders als wir, dieser Gebrauch ist uns aber nicht völlig unverständlich. Wenn das alles richtig ist, dann ist damit auch festgelegt, wie die Aussage „hier entscheiden Sprachspiele“ zu verstehen ist.

Damit wäre dann lediglich gesagt, dass wir uns im Befolgen oder Nichtbefolgen einer bestimmten Aufforderung auf eine bestimmte Redeweise verpflichten und diese Redeweise gibt in den gegebenen Fällen auch Auskunft darüber, welche Farben primär sind und welche nicht. Dieses Ergebnis versetzt uns jetzt auch in die Lage, die Behauptung Wittgensteins zu verstehen, der zufolge jemand, der kein reines Grün kennt, ein bestimmtes Sprachspiel nicht erlernen kann. In den angestellten Überlegungen haben wir zugelassen, dass jemand der Aufforderung ein reines Grün zu wählen, dadurch folgt, dass er ein Grün wählt, welches nach seiner eigenen Auffassung in gleichem Ausmaß bläulich und gelblich erscheint. Diese Handlung bezeigt aber entweder die Akzeptanz eines reinen Grün und damit eines Grün, dass weder bläulich noch gelblich erscheint oder ein abweichendes Verständnis des Ausdrucks „reine Farbe“. Es ist jedenfalls nicht möglich einen bestimmten Farbton als „reines Grün“ zu bezeichnen und gleichzeitig darauf zu beharren, Grün sei stets sowohl gelblich als auch bläulich. Derjenige, der kein reines Grün kennt, sollte sich konsequenterweise weigern eine Farbe auszuwählen, die weder gelblich noch bläulich ist und auf diese Aufforderung mit Unverständnis reagieren.

← 60 | 61 → 2.5 Ein Kriterium dafür, eine Farbe zu sein

Nachdem inzwischen zahlreiche Hinweise zusammengetragen wurden, sei jetzt nochmals auf die eingangs zitierte Bemerkung Wittgensteins zurückgekehrt, in der behauptet wurde, wir seien nicht gezwungen anzuerkennen, dass Menschen, die den Ausdruck „rötlichgrün“ oder „gelblichblau“ in konsequenter Weise verwenden, Farben sehen, die wir nicht sehen. Ich gebe nochmals die relevante Textstelle wieder:

Wenn es aber auch Menschen gäbe, denen es natürlich wäre, den Ausdruck ‘rötlichgrün’ oder ‘gelblichblau’ in konsequenter Weise zu verwenden und [die] dabei vielleicht auch Fähigkeiten verrieten, die uns fehlen, so wären wir dennoch nicht gezwungen anzuerkennen, sie sähen, Farben, die wir nicht sehen. Es gibt ja kein allgemein anerkanntes Kriterium dafür, was eine Farbe sei, es sei denn, daß es eine unserer Farben ist.“ (BF I, 14; MS 176, 5r)

Wir wollen zunächst ein Wesen vorstellen, dass eine uns unbekannte Sprache spricht und nehmen an, dass bereits Anstrengungen unternommen wurden eine Theorie aufzustellen, die darüber Auskunft gibt, wie einzelne Worte der fremden Sprache ins Deutsche zu übersetzen sind. Wir wollen desweiteren annehmen, die fremde Sprache verfüge u.a. über die Worte „ajel“ und „benu“ und unsere beste Übersetzung für diese Worte besagt, dass „ajel“ mit „rot“ und „benu“ mit „grün“ zu übersetzen ist. Nehmen wir desweiteren an, dass dieses Wesen manches Mal die Worte „ajel“ und „benu“ miteinander kombiniert verwendet, ähnlich wie wir Ausdrücke der Form „X-lich Y“ bilden. Dann ist es offenbar so, dass wir sagen müssen, die fremden Worte lassen sich nicht reibungsfrei in die unsrigen übersetzen. Dafür kann eine mögliche Erklärung lauten: „Dieses Wesen sieht bestimmte Farben anders als wir, sieht also im Grunde andere Farben“. Es ist aber nicht klar, dass diese Erklärung die richtige ist. Es lässt sich zumindest auch denken, dass es sich bei der vorgestellten kombinierten Verwendung von „ajel“ mit „benu“ um eine sprachliche Unregelmäßigkeit handelt, die nach unserer Auffassung einen Verstoß gegen die Regeln für den Gebrauch der Worte „rot“ und „grün“ darstellt. Diese Unregelmäßigkeit mag ihre kausale Ursache in physiologischen Fakten haben, die nicht unmittelbar mit der Wahrnehmung zu tun haben und es ist sogar vorstellbar, dass diese Besonderheit von uns als Defekt aufgefasst wird. Erweitert man das vorgestellte Szenario jetzt dadurch, dass dem vorgestellten Wesen bestimmte Fähigkeiten zugeschrieben werden, die mit der kombinierten Verwendung von „ajel“ und „benu“ einhergehen, dann scheint die beste Erklärung zunächst durchaus jene zu sein, dass es Farben unterscheidet, die wir nicht unterscheiden. Allerdings sollte man bedenken, dass vorerst nicht völlig klar ist, ob die beschriebene Situation wirklich noch Sinn ← 61 | 62 → ergibt. Zwar mag es tatsächlich der Fall sein, dass dieses Wesen in der Lage ist bestimmte chemische Substanzen, die für uns nicht unterscheidbar sind, anhand ihres Aussehens auseinanderzuhalten, und dass es eine davon durch Kombination der Worte „ajel“ und „benu“ beschreibt, aber letztlich reicht auch das nicht hin, um zu zeigen, dass hier etwas als rötlichgrün wahrgenommen wird. Denn entweder unsere Übersetzung der Worte „ajel“ und „benu“ als „rot“ und „grün“ ist tadellos. Dann ist fraglich, ob eine Kombination dieser Worte sinnvoll sein kann, weil ja für unsere Worte „rot“ und „grün gilt, dass sie miteinander nicht in dieser Weise verträglich sind. Oder unsere Übersetzung der Worte „ajel“ und „benu“ als „rot“ und „grün“ ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Dann ist gar nicht klar, dass hier etwas als rötlichgrün beschrieben wurde.47, 48

Diese Überlegungen weisen darauf hin, dass es im Grunde problematisch ist, zu behaupten, der Ausdruck „rötlichgrün“ bezeichne keine unserer Farben. Stattdessen sollte man sagen, dieser Ausdruck bezeichne keine Farbe. Was einen in Versuchung führt, von anderen Farben als den unsrigen zu sprechen, ist, dass man denkt, es sei hinreichend klar, was „andere Farben als die unsrigen“ bedeutet. „Wir wissen“, möchte man sagen, „wann zwei Farben sich voneinander unterscheiden, wann sie sich ähneln und wann sie gleich sind.“ Das verleitet einen zur Annahme, der Gebrauch des Ausdrucks „andere Farbe“ hätte auch dort noch einen klaren Sinn, wo nicht mehr von Rot, Grün, Blau, etc. die Rede ist. Als wäre es genug, dass man sagt „Du weißt doch was es heißt, dass Rot eine andere Farbe ist als Grün. Nach diesem Vorbild stell’ Dir jetzt eine Farbe vor, die anders ist als alle Dir bekannten Farben.“ Das Vorbild trägt aber die neue Verwendung nicht ← 62 | 63 → mit sich. Der gewohnte Gebrauch liefert keine Anhaltspunkte, was man „die Befolgung der Aufforderung eine völlig andere Farbe vorzustellen“ nennen soll. Eine Quelle dieses Missverständnisses vermutet Wittgenstein in der Vorstellung, die Farben seien nicht Eigenschaften von Gegenständen sondern Gegenstände.

„‘Die Farben’, das sind nicht Dinge, die bestimmte Eigenschaften haben, so daß man ohne weiteres nach Farben suchen, sich Farben vorstellen könnte, die wir noch nicht kennen, oder uns jemand vorstellen können, der andere kennt als wir. Es ist schon möglich, daß wir unter gewissen Umständen sagen würden, Leute kennten Farben, die wir nicht kennen, aber gezwungen sind wir zu diesem Ausdruck nicht. Denn es ist nicht gesagt, was wir als ausreichende Analogien zu unsern Farben ansehen sollen, um das sagen zu können. Es ist hier ähnlich, wie wenn man von infrarotem ‘Licht’ spricht; es ist guter Grund dafür, es zu tun, aber man kann dies auch für einen Mißbrauch erklären.“ (BF III, 127a; MS 173, 29v-30r)

Die Versuchung Farben als Gegenstände zu begreifen, lässt sich u.a. durch das unzureichend reflektierte Aufgreifen der im alltäglichen Sprachgebrauch üblichen Nominalisierung von Farbprädikaten erklären; und weil es uns keine Schwierigkeiten macht einen Ausdruck wie „gelbliches Grün“ mit einer bestimmten Farbe zu verbinden, ist man geneigt zu denken, man müsse doch auch eine Farbe vorstellen können, auf die der Ausdruck „rötliches Grün“ zutrifft. Denkt man aber beispielsweise an die Bezeichnung „infrarotes Licht“ für Strahlung von bestimmter Wellenlänge außerhalb des sichtbaren Bereichs, dann hat das so verwendete Wort „Licht“ nichts mit Helligkeit und Beleuchtung zu tun. Man kann diese Verwendung darum auch „für einen Mißbrauch erklären“. Ein ganz ähnlicher Einwand lässt sich gegen die Verwendung des Wortes „Farben“ im Ausdruck „andere Farben, als die uns gewohnten“ denken.

2.6 Die Möglichkeit anderer Grundfarben

Trotz allem kann man an diesem Punkt leicht das Gefühl bekommen, keine philosophisch befriedigende Antwort auf die Frage der Zusammengesetztheit einer Farbe gefunden zu haben, weil wir in dieser Angelegenheit allem Anschein nach gezwungen sind, unseren tatsächlichen Sprachgebrauch als letzten Grund anzuerkennen, hinter den nicht zurückgegangen werden kann. Weder die Eigenschaften der Farben, noch die Betrachtung der Farben der Dinge, hat sich als theoretische Grundlage unseres Gebrauchs von Ausdrücken der Form „X-lich Y“ verteidigen lassen; so bleibt uns als Antwort auf die Frage, was z.B. ein Lila zu einem weißlich-rötlich-Blau macht, nur die Antwort, dass wir die Farben eben so beschreiben, wie wir das tun. Wenn wir uns jetzt der nach wie vor offene Frage stellen, ob sich vorstellen lässt, dass wir andere Farben als Gelb, ← 63 | 64 → Rot, Grün, Blau, Schwarz und Weiß zur Beschreibung aller anderen Farbtöne heranziehen, dann scheint man das bejahen zu müssen. Es gibt jedenfalls keinen triftigen Grund anzunehmen, dass eine entsprechende alternative Methode nicht durch geeignetes Training erlernt werden kann. Angenommen das ist richtig, was folgt dann daraus? Man sagt manches Mal „Reines Grün ist weder gelblich noch bläulich“ und manches Mal „Reines Grün erscheint weder gelblich noch bläulich“. Wer nun anstelle von Gelb, Rot, Grün und Blau beispielsweise Chatreuse, Mauve, Orange und Cyan als Grundfarben zur Beschreibung aller anderen Farben wählt, der wird etwa sagen „Reines Cyan ist weder chatreuse- noch mauvefarben“, aber es ist nicht sofort klar, dass so jemand auch dem Satz „Reines Cyan erscheint weder chatreuse- noch mauvefarben“ zustimmen muss.

Überlegt man sich jedoch, welchen Status ein Satz wie „Reines Grün erscheint weder gelblich noch bläulich“ inne hat, stellt sich heraus, dass hier ein Missverständnis vorliegt. Angenommen etwa, jemand sagt zu mir „Reines Grün erscheint sowohl gelblich als auch bläulich“. Das widerspricht der Definition einer reinen Farbe und vermittelt den Eindruck, der andere wisse nicht, was die verwendeten Worte bedeuten. Sowohl die Zustimmung zu einem Satz wie „Reines Grün ist weder gelblich noch bläulich“ als auch zu einem Satz wie „Reines Grün erscheint weder gelblich noch bläulich“ können als Kriterium dafür herangezogen werden, ob der andere die jeweiligen Worte richtig versteht. Wann immer die Möglichkeit eingeräumt wird, dass ein bestimmter Farbton einem anderen anders—in diesem Fall anders zusammengesetzt—erscheint, lässt sich nicht mehr sagen, ob der andere dasselbe mit seinen Farbworten meint, wie man selbst, weil gar nicht mehr erklärt werden kann, wie jeder einzelne von uns in einer solchen Situation den Gebrauch der Farbworte erlernt. Die beiden Sätze „Reines Grün ist weder gelblich noch bläulich“ und „Reines Grün erscheint weder gelblich noch bläulich“ bringen also, wenn überhaupt etwas, dann dasselbe zum Ausdruck.

Das bestätigt soweit die Vermutung, dass es möglich ist, statt „rot“, „grün“, „gelb“ und „blau“ z.B. die Farbworte „chatreuse“, „mauve“, „orange“ und „cyan“ zu verwenden, um die Farben der Dinge zu beschreiben. Ein Satz wie „Reines Grün erscheint weder gelblich noch bläulich“ wäre demnach zu verstehen als „Der Ausdruck ‘reines Grün’ wird von uns derart gebraucht, dass all jene Dinge, deren Farbe als reines Grün beschrieben wird, nicht auch als gelblich oder bläulich beschrieben werden können“. Das ist eine begriffliche Bestimmung, die über die Verwendung des Ausdrucks „reines Grün“ aufklärt. Nun ist zu sagen, dass die Rede von einem Satz, der als Begriffsbestimmung fungiert, die Annahme plausibel erscheinen lässt, dass andere Begriffsbestimmungen möglich sein müssen.

Zugleich ist nicht zu bestreiten, dass gewisse sehr grundlegende empirische Tatsachen auf die Entstehung und Entwicklung unserer Sprache einen Einfluss ← 64 | 65 → hatten und haben, was die Möglichkeit offen lässt, dass wir uns andere Grundfarbworte nur darum nicht vollends verständlich machen können, weil alles so ist, wie es eben ist. Allerdings kann man nicht sagen: „Wäre dieses und jenes anders, dann verhielte es sich so“ denn derartige Naturtatsachen entziehen sich notgedrungen der Beschreibung.49 Die Möglichkeit anderer Grundfarben kann letztlich nur empirisch erkundet werden, indem geprüft wird, wie weit „wir“, d.h. jeder einzelne von uns, dieser Vorstellung tatsächlich Sinn geben kann. Denn soweit wurde lediglich darauf hingewiesen, dass eine solche Möglichkeit plausibel scheint. Da es wenig fruchtbar ist, sich auf Spekulationen darüber einzulassen, was die empirische Forschung hier zu Tage fördern wird, möchte ich an diesem Punkt abbrechen50 und stattdessen zur Idee zurückkehren, dass es sich bei einem Satz wie „Grün ist weder gelblich noch bläulich“ um eine Begriffsbestimmung handelt und diese Idee näher erläutern.

2.7 Der farbige Weg von Blau nach Gelb

„Meinem Gefühl nach löscht Blau das Gelb aus, – aber warum sollte ich nicht ein etwas grünliches Gelb ein ‘bläuliches Gelb’ nennen und Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb, und ein stark bläuliches Grün ein etwas gelbliches Blau?

In einem grünlichen Gelb merke ich noch nichts Blaues. Grün ist für mich eine besondere Station auf dem farbigen Wege von Blau nach Gelb, und Rot ist auch eine.“ (BF III, 39-40; MS 173, 10v)

Wittgenstein spricht hier von einem „Gefühl, wonach Blau das Gelb auslöscht“ und davon, dass er „in einem grünlichen Gelb noch nichts Blaues merkt“. Welcher Art sind diese beiden Aussagen? Wir wissen soweit, dass damit weder gesagt sein soll „Wer Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb nennt, der empfindet die Farben vielleicht anders, hat also vielleicht nicht das Gefühl, dass Blau das Gelb auslöscht“, noch „Wer Grün eine Zwischenfarbe von Blau und Gelb nennt, der wird in einem grünlichen Gelb vielleicht auch ein Blau merken“. Dass Wittgenstein darüber spricht, wie ihm dieses und jenes erscheint, beinhaltet ← 65 | 66 → nicht, dass er den entsprechenden Satz für ein Urteil aus der Erfahrung hält, von dem ohne Weiteres vorstellbar wäre, dass jemand anderes dieses nicht teilt. Nein, wer diesen Sätzen nicht zustimmt, von dem muss angenommen werden, dass er entweder nicht versteht, was darin zum Ausdruck gebracht werden soll, oder einzelne der darin vorkommenden Worte wurden mit einer anderen als der uns gewohnten Bedeutung versehen und werden von der anderen Person konsequenterweise auch anders gebraucht.51 Jetzt kann dem anderen ein vom unsrigen abweichender Gebrauch aber nicht vorgeworfen werden, denn das hieße dessen Verwendung in irgendeiner Weise als inadäquat aufzudecken, was eben so wenig möglich ist, als den uns gewohnten Gebrauch zu rechtfertigen. Es bleibt lediglich der fahle Nachgeschmack, dass wir den anderen nicht ganz verstehen, wenn dieser etwa meint, in einem grünlichen Gelb ein Blau zu bemerken. Weil wir aber dem fremden Gebrauch nur unseren eigenen gegenüberstellen können, haben wir uns damit zufrieden zu geben, dass uns unsere Darstellungsweise natürlicher und in der einen oder anderen Hinsicht vielleicht auch zweckmäßiger erscheint.

Die zitierte Textstelle wiederholt aber nicht nur bereits Bekanntes, sondern es taucht darin zudem das folgende, bemerkenswerte Bild auf: „Grün ist für mich eine besondere Station auf dem farbigen Wege von Blau nach Gelb, und Rot ist auch eine.“ Fest steht, wer von einem Weg redet, der muss angeben können, was die Anfangs- und Endpunkte des Weges sind. Im gegebenen Beispiel werden da die Farben Gelb und Blau genannt. Dass einem das nicht sofort höchst sonderbar erscheint, liegt vermutlich daran, dass wir die Nominalisierung von Farbprädikaten in den seltensten Fällen als problematisch empfinden. Erinnern wir uns aber, dass Farben Eigenschaften sind, dann Bedarf es durchaus einer Erläuterung, wie dieses Bild zu verstehen ist. Wir finden den Versuch einer solchen Erklärung in Runges Schrift zur „Farbenkugel“:

„Da nun vielleicht kein vorhandenes Farbenmateriale in der gesetzten völligen Abwesenheit von aller Beymischung da ist; wenigstens aber es der Theorie zukommt, wenn wir in den vorhandenen Farben noch eine Mischung und Mehrheit erkennen, von solcher zu abstrahiren, und jedes reine Element als eine absolute Einheit anzunehmen, so beweisen diese so gesetzten ganz mischungsfreyen Farbenpuncte eine Analogie mit dem dimensionslosen mathematischen Puncte.“ (Runge 1810: 4)

Die reinen Farben, von denen Runge drei—Gelb, Rot und Blau—anführt und die durch die „Abwesenheit von aller Beymischung“ ausgezeichnet sind, können ← 66 | 67 → jeweils „als eine absolute Einheit“ angenommen und in Analogie zum „dimensionslosen mathematischen Puncte“ verstanden werden, steht da. Die Rede von Farbpunkten in diesem Sinn macht deutlich, dass hier von „Farben“ auf besondere Weise gesprochen wird; und ganz ähnlich wird man vielleicht den verstehen, der von einem farbigen Weg von dieser zu jener Farbe spricht, weil auch ein Weg einen Anfangs- und einen Endpunkt besitzt.

Der Anreiz von den Farben in Anlehnung an geometrische Punkte zu sprechen und alle sich daraus ergebenden Schwierigkeiten werden im nachfolgenden Kapitel im Detail diskutiert. Die Rede von einer Geometrie der Farben lässt sich aber nicht nur so verstehen, dass die einzelnen Punkte einer geometrischen Figur mit verschiedenen Farben identifiziert werden, sondern auch so, dass man die geometrische Figur als (anschauliches, übersichtliches) Bild für die diversen begrifflichen Beziehungen auffasst, die zwischen verschiedenen Farbausdrücken bestehen. Dazu im Folgenden etwas mehr:

Wenn ein Satz wie „Grün ist weder gelblich noch bläulich“ als Begriffsbestimmung aufgefasst werden kann, dann gewiss auch der Satz „Grün ist eine besondere Station auf dem farbigen Weg von Gelb nach Blau“. Fasst man den zweiten Satz nun entsprechend ebenfalls als Begriffsbestimmung auf, dann hat das den entscheidenden Vorteil, dass wir nicht erklären müssen, was für eine Art von Gegenstand eine Farbe ist; wir können den Satz dann etwa so verstehen: „Wir sagen von manchen Farben, sie seien sowohl gelblich als auch grünlich, von anderen sie seien sowohl grünlich als auch bläulich, aber von keiner Farbe sie sei sowohl gelblich als auch bläulich“.52 Knapp zusammengefasst heißt das, dass unter dem vorgeschlagenen Verständnis in solchen Sätzen, wie den genannten, nicht etwas über die Farben Gelb, Grün und Blau und deren Eigenschaften, sondern über die Worte „gelb“, „grün“ und „blau“ und deren Verwendung zum Ausdruck gebracht wird.

Als Motivation dafür, diese Sätze auf eben solche Weise aufzufassen wurde soweit allerdings nicht mehr vorgebracht, als dass sich daraus bestimmte theoretische Vereinfachungen ergeben. Es lässt sich aber feststellen, dass wir den Satz „Grün ist eine besondere Station auf dem farbigen Weg von Gelb nach Blau“ als Bebilderung eines begrifflichen Zusammenhangs auffassen müssen, wenn zwei Annahmen getroffen werden: (1) Der Satz „Grün ist weder gelblich noch bläulich“ stellt eine Begriffsbestimmung dar und (2) eine Begriffsbestimmung stellt ← 67 | 68 → die einzige mögliche Begründung dafür dar, zu sagen „Grün ist eine besondere Station auf dem farbigen Weg von Gelb nach Blau“. Wenn Annahme (2) untermauert werden kann, dann wäre das guter Grund anzunehmen, dass auch (1) zutrifft. Darum möchte ich den Versuch unternehmen zu zeigen, dass sich der fragliche Satz in der Tat nur durch eine Begriffsbestimmung begründen lässt. Dazu sei die gegenteilige Annahme getroffen und herausgearbeitet, inwiefern eine solche Annahme fehl geht.

Wie etwa, wenn man das Wort „Weg“ im gegebenen Zusammenhang als Bezeichnung einer geordneten Reihe von farbigen Plättchen oder als eine Abfolge von auf einem Streifen Papier aufgetragenen Farbtönen, z.B., versteht? Man wird dann die Worte „grün“, „gelb“ und „blau“ im Satz „Grün ist eine besondere Station auf dem farbigen Weg von Gelb nach Blau“ als Bezeichnungen für die Farben der vorgelegten Plättchen verstehen. Das macht eine Erklärung dafür erforderlich, was es heißt, „eine besondere Station auf einem farbigen Weg sein“. Um diesen Punkt zu erörtern, sei eine Person vorgestellt, die in der Lage ist, verschiedene Farbübergänge anzufertigen, die aber unsere Ausdrucksweise „Grün ist weder gelblich noch bläulich“ oder „Orange ist ein rötliches Gelb“ nicht nachvollziehbar findet. (Denn die Zustimmung zu diesen Sätzen ist es, so zumindest die Behauptung, die uns dazu veranlasst von Grün aber nicht von Orange zu sagen es handle sich um eine besondere Station auf einem farbigen Weg.) Wir finden eine entsprechende Aufforderung auch in Wittgensteins Aufzeichnungen.

„Es könnte Menschen geben, die unsre Ausdrucksweise, Orange sei ein rötliches Gelb, nicht verstünden, und nur dann geneigt wären, so etwas zu sagen, wo sie einen Farbübergang von Gelb über Orange nach Rot vor Augen sehen. Und für solche müßte der Ausdruck ‘rötliches Grün’ keine Schwierigkeiten haben.“ (BF I, 78; MS 176, 20r; Vorfassung in BF III, 129; MS 173, 30v-31r)

Diese kurze Textpassage, wie so viele andere in den „Bemerkungen über die Farben“, wirkt im ersten Moment recht plausibel, lässt aber bei genauerer Betrachtung einige Bedenken aufkommen. Nimmt man an, dass Menschen nur in solchen Fällen von einem rötlichen Gelb sprechen, wenn sie einen Farbübergang von Gelb nach Rot sehen, dann wird dabei offenbar vorausgesetzt, dass diese Personen fähig sind einen harmonischen Farbübergang von einer beliebigen Abfolge von Farbtönen zu unterscheiden. Woran zeigt sich aber, dass sie „unsre Ausdrucksweise, Orange sei ein rötliches Gelb nicht verstehen“? Wer nicht in der Lage ist einen Farbübergang von Gelb nach Rot von einer willkürlichen Aneinanderreihung von Farbtönen, die mit Gelb beginnt und mit Rot endet, zu unterscheiden, von dem wird man vielleicht in der Tat annehmen, er werde unsere Verwendung der Nachsilbe „-lich“ nicht begreifen. Wer aber ← 68 | 69 → diesen Unterschied versteht, der sieht offenbar, was den aneinander angrenzenden Farbtönen gemeinsam ist. Dass so jemand unsere Verwendung von „-lich“ im Zusammenhang mit den einfachen Farbworten nicht verstehen sollte, ließe sich nur dadurch erklären, dass schon diese einfachen Farbworte nicht verstanden werden. Denn das Gemeinsame sehen beinhaltet im gegebenen Fall auch das Zu- und Abnehmen einer Farbe in einer anderen zu sehen. Jetzt kann aber nicht gelten, dass die vorgestellte Person schon die einfachen Farbworte nicht versteht, weil dann das vorgetragene Beispiel völlig uninteressant für unsere Fragestellung wäre. Vorgestellt werden sollte jemand, für den „der Ausdruck ‘rötliches Grün’ keine Schwierigkeiten“ hat und das verlangt als Voraussetzung, dass der Gegenüber die einfachen Farbworte zur Beschreibung der Farben der Dinge wie wir zu gebrauchen weiß, aber eben mit der einen Ausnahme, dass er diese Worte für diesen Zweck nie kombiniert.

Dann ist aber zu erklären, wie ein Farbübergang als harmonisches Ineinanderfließen zweier Farben verständlich gemacht werden kann. Es lassen sich da nur drei Möglichkeiten denken: Entweder sie sagen von einem Element in der Mitte dieses Übergangs, es sei weder Gelb noch Rot, oder es sei sowohl Gelb als auch Rot, oder es sei eines davon, Gelb oder Rot, aber nicht beides. Sagen Sie ersteres, dann haben sie entweder ein anderes Wort für diesen Farbton („Orange“, z.B.) wonach wir unsere Frage für den neuen Farbton umformulieren und nochmals stellen müssen oder sie haben kein Wort dafür, dann kann nicht von einem Farbübergang die Rede sein. Hat unser Gegenüber in den beiden anderen Fällen ein Farbwort als zutreffende Beschreibung der Farbe des Elements in der Mitte akzeptiert, dann ist es, wie gesagt, entweder so, dass er nur dieses Farbwort als angemessen empfindet, oder dass er auch bereitwillig ein zweites Farbwort zur Beschreibung des gezeigten Farbtons aufgreift. Nennt er kein zweites Farbwort, dann kann wiederum nicht von einem Farbübergang die Rede sein, ohne irgendwelche Hilfskonstrukte, wie die Verwandtschaft der Farben zueinander, beizuziehen, weil die einzelnen Farbtöne als grundlegend verschieden aufgefasst werden. Von einer Verwandtschaft der Farben zu sprechen verpflichtet uns jedoch wieder auf die Annahme, dass diese Leute einen Ausdruck wie „rötliches Gelb“ verstehen werden, weil das Verstehen des Ausdrucks „Verwandtschaft unter den Farben“ im gegebenen Zusammenhang in nichts anderem besteht, als darin, dass wir in der Lage sind Ausdrücke der Form „rötliches Gelb“ zu gebrauchen. Und auch die letzte Möglichkeit, wonach der andere einen bestimmten Farbton vermittels zweier Farbworte beschreibt, verpflichtet uns darauf, dass der andere einen Ausdruck wie „rötliches Gelb“ so verstehen wird wie wir, weil er der geschilderten Situation gemäß sowohl etwas von roter als auch von gelber Farbe im gezeigten Farbton wiedererkennt.

← 69 | 70 → Wenn diese Leute nun aber jede beliebige Aneinanderreihung von Farbplättchen als Farbübergang akzeptieren—aus der Annahme, dass diese Leute unseren Gebrauch von Ausdrücken der Form „X-lich Y“ nicht verstehen folgt, dass sie nicht zwischen einer harmonischen und einer willkürlichen Aneinanderreihung von Farbplättchen unterscheiden können, was nichts anderes heißt, als dass sie, wenn sie überhaupt irgendeine Farbreihe als Farbübergang akzeptieren, jede beliebige Farbreihe akzeptieren müssen—dann hat die Wortverbindung „rötliches Gelb“ als Beschreibung der einzelnen Farbtöne dieses Übergangs einen recht ungewöhnlichen Sinn. Denn mit diesen Worten wäre dann lediglich gesagt, dass die beiden äußersten Farbtöne ein Rot und ein Gelb sind, während völlig offen bleibt, welche Farbtöne dazwischen liegen. Dass der Ausdruck ‘rötliches Grün’ für so jemanden keine Schwierigkeiten haben müsste, wie Wittgenstein sagt, ist dann wenig überraschend, weil damit gar nichts über irgendeinen spezifischen Farbton gesagt wird, sondern nur Anfangs- und Endpunkt einer ansonsten beliebigen Farbreihe genannt werden. Das lässt sich jetzt wieder mit der Rede von einem farbigem Weg zwischen zwei Farben in Verbindung bringen. Nicht jede beliebige Aneinanderreihung von Farbtönen wird von uns ein farbiger Weg von einer zu einer anderen Farbe genannt. Wir sprechen davon, wie Ähnlichkeiten und Unterschiede in den Farben wechseln, und diese Redeweise liegt auch unserer Beschreibung eines einzelnen Farbtons durch einen Ausdruck wie „rötliches Gelb“ zugrunde.

Hier ist wiederum die Versuchung groß, einen Schritt weiter zurückzugehen und etwa vorzubringen, dass es doch so etwas wie eine natürliche Ordnung der Farbtöne zu geben scheint. Denkt man etwa an einen Kasten mit Buntstiften, dann gibt es gewisse Anordnungen, die wirken aufgeräumt und harmonisch, andere nicht. Aber dass wir in der Lage sind, Buntstifte auf solche Weise aneinanderzureihen, dass wir den Übergang von einer zur nächsten Farbe als angenehm empfinden, ist die Voraussetzung dafür, dass wir Ausdrücke wie „rötliches Gelb“ verwenden lernen, aber es ist nicht der Grund dafür, dass wir es tun und liefert darum auch keine Rechtfertigung. Und wer die Buntstifte deutlich anders anordnet, von dem wird man nicht sagen, er habe ein anderes Harmoniegefühl, sondern man verstehe sein Verhalten nicht, denn so jemand müsste auch die einzelnen Farbtöne ganz anders beschreiben, als wir das tun und dann wird fraglich, ob überhaupt vorstellbar ist, dass so jemand unsere Verwendung von Ausdrücken wie „rötliches Gelb“ erlernen kann.

Die in diesem Kapitel angestellten Überlegungen sprechen weitgehend dafür, solche Sätze wie „Grün ist eine besondere Station auf dem farbigen Weg von Gelb nach Blau“ als begriffliche Bestimmungen aufzufassen. Eine derartige Auffassung hat, wie angedeutet, auch den Vorteil gewisse theoretische Vereinfachungen mit sich zu bringen. Diese zeigen sich insbesondere dann, wenn man ← 70 | 71 → zum Vergleich die Idee ernst nimmt, die (reinen) Farben mit ausdehnungslosen, geometrischen Punkten zu identifizieren; denn dabei stellt sich, ganz knapp formuliert, das Problem, wie die so bestimmten Farbpunkte mit den Farben der täglichen Erfahrung zu vergleichen sind. Das folgende Kapitel wird sich dieser Problemstellung eingehend widmen und in der Aufarbeitung derselben auch näher präzisieren, was es im Detail bedeutet, Sätze, wie den zuletzt genannten, als Begriffsbestimmung zu verstehen.← 71 | 72 →

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20Insbesondere weil sich einem diese Verbindung während der Lektüre des Texts geradezu aufdrängt, ist der Übergang von einem Volk von Farbenblinden zu einem Volk mit anderen Farbbegriffen kritisch zu hinterfragen. Es verdankt sich einem Hinweis von Gabriele M. Mras, dass ich auf diesen Punkt aufmerksam geworden bin.

21Die hier vorgetragenen Gedanken zu Übersetzbarkeit sind während eines Gespräch mit Gabriele M. Mras entstanden und somit zu einem beträchtlichen Ausmaß ihren Anregungen geschuldet.

22Die vorgestellte Situation erinnert zu Teilen an den § 2 der „Philosophischen Untersuchungen“. Die dort beschriebene Verwendung der Worte „Würfel“, „Säule“, „Platte“ und „Balken“ weist ja ebenfalls keine prädikative Struktur auf, sodass sich diverse Parallelen ziehen ließen.

23Auf die Idee farbiger Schatten kommt Wittgenstein konkret im § 57 von Band III der „Bemerkungen über die Farben“ zu sprechen.

„Beschreibe ich aber eine ebene Fläche, eine Tapete z.B.: sie bestehe aus rein gelben, roten, blauen, weißen und schwarzen Quadraten, so können die gelben nicht heller sein als die weißen, die roten nicht heller als die gelben. Darum waren die Farben für Goethe Schatten.“ (BF III, 57; MS 173, 13v-14r)

Diese Bemerkung taucht im Zusammenhang mit der Vorstellung eines einfacheren Begriffs der Farbe auf, wozu Wittgenstein erläutert, „[dieser Begriff] wäre, möchte man denken, darzustellen entweder durch kleine farbige Elemente des Gesichtsfeldes oder durch leuchtende Punkte nach Art der Sterne“ (BF III, 58; MS 173, 14r). Daran fällt sofort auf, dass Farben hier nicht als Eigenschaften irgendeines Gegenstandes aufgefasst werden. Dazu später mehr. Auf die Möglichkeit den Begriff der Farbenblindheit durch Bezug auf die Idee farbiger Schatten zu erörtern wurde ich von Gabriele M. Mras hingewiesen.

24Die Zeichen „X“ und „Y“ sind hier durch einfache Farbworte zu ersetzen.

25Stanley Cavell gibt im ersten Kapitel seines berühmten Werks „The Claim of Reason“ eine ausgezeichnete Analyse von Wittgensteins Verwendung des Ausdrucks „Kriterium“, der ich uneingeschränkt zustimme und auf die an dieser Stelle verwiesen sei.

26Zugleich ist zu sagen, dass es unter diversen Umständen gute Gründe dafür gibt etwas zu behaupten wie beispielsweise „Bienen sehen andere Farben“ oder „Bienen nehmen die Farben von Gegenständen anders wahr“. Aber es ist wichtig sich zu verdeutlichen, dass „Farben“ hier eine andere Rolle spielt, als wenn man von den Farben Gelb, Rot, Grün, Blau, etc. spricht.

27Auf die Bedeutsamkeit dieser Beobachtung hat auch Tobias Rosefeldt in einem sehr gelungenen Aufsatz von 2001 hingewiesen. Jemand, der in der Lage ist ein Farbprädikat wie „sym1.jpg ist rot“ oder „sym1.jpg ist grün“ stets in Übereinstimmung mit unserem gewöhnlichen Gebrauch dieser Worte anzuwenden, der hat nicht notwendigerweise unseren Begriff einer Farbe. Die Kompetenz, verschiedene Farbprädikate wie wir zu gebrauchen, erschöpft sich ja nicht darin, dass man allen existierenden Dingen ihre Farbe zuordnen kann, sondern besteht wesentlich auch darin, von einem Ding, dessen Farbe man nicht bereits kennt, entscheiden zu können, welche Farbe es hat. Jemand der lediglich aufgrund einer auswendig gelernten Liste in der Lage ist, die Farben der Dinge zu nennen, weiß im Grunde nicht welche Farben die Dinge haben, wie auch jemand der den Satz „2 + 2 = 4“ auswendig gelernt hat, ohne addieren zu können, nicht weiß dass 2 + 2 = 4.

28Im Literaturverzeichnis sind beispielhaft einige Bücher für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren angeführt.

29Die Monographie „Color Space and Its Divisions“ von Rolf Kuehni bietet eine detaillierte Aufarbeitung der wichtigsten Etappen in der Entwicklung verschiedener Farbsystemen seit der Antike. Am Rande bemerkt: Goethe hatte einen ähnlichen Versuch unternommen und wollte die historische Entwicklung verschiedener Farbsysteme ursprünglich im dritten Band seiner Farbenlehre darstellen. Weil ihm dies jedoch nicht gelang, beließ er es dabei die von ihm zusammengetragenen Materialien zur Geschichte der Farbenlehre als Sammlung unkommentiert weiterzugeben. Die erste umfangreiche Zusammenfassung der Entwicklungen bis ins 20. Jahrhundert gelingt erst Wilhelm Ostwald im Jahr 1923 in dessen umfassender Arbeit zur „Farbenkunde“.

30Ein Wort vorweg zum hier vorgenommenen Verweis auf Newtons Werk zur Optik: Die Bezugnahme dient im Weiteren lediglich als vager Anhaltspunkt für eine im Alltag weit verbreitete Antwort auf die Frage nach Anzahl und Wesen der Grundfarben. Die daran anknüpfenden Überlegungen erheben entsprechend keinerlei Anspruch darauf, den Ideen Newtons im Sinne einer fachlich adäquaten Rekonstruktion gerecht zu werden.

31Zu beachten ist allerdings, dass diese Auffassung nur eingeschränkt gültig ist. Ostwald etwa bemerkt dazu, dass der Weißgehalt des durch Bündelung zweier farbiger Lichtstrahlen entstandenen Lichts stets höher ist als jener der Ausgangsfarben, weshalb drei Farben, wenn damit bestimmte Farbtöne gemeint sind, nicht ausreichen, um alle anderen Farbtöne herzustellen, da alle auf diese Weise ermischten Farbtöne heller sind, als die Ausgangsfarben. Diesem Einwand kann für unsere Zwecke mit dem Hinweis begegnet werden, dass wir uns nicht auf einen Ton von Rot, Grün und Blau beschränken, sondern von rotem, grünem und blauem Licht in verschiedenen Lichtstärken Gebrauch machen. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass der gemachte Einwand die Methode, verschiedene Farben durch die Vermischung von Farbpigmenten herzustellen, nicht in derselben Weise trifft, da die Helligkeit der ermischten Farbe hier nur wenig von der Helligkeit der Ausgangsfarben abweicht und im Wesentlichen drei Farbtöne ausreichen.

32Die Ausdrücke „additive Farbmischung“ und „subtraktive Farbmischung“ wurden durch Hermann von Helmholtz eingeführt und rühren daher, dass sich im einen Fall das ans Auge geworfene Licht der beiden Ausgangsfarben aufaddiert, während im anderen Fall nur jener Teil des Lichts ans Auge geworfen wird, der von beiden Ausgangsfarben reflektiert wird, was auch so ausgedrückt werden kann, dass man sagt, das Licht der beiden Ausgangsfarben werde subtrahiert.

33Wenn also im weiteren Verlauf von Goethe die Rede sein wird, so stets von, wie man sagen könnte, einem Goethe der „Bemerkungen über die Farben“.

34Diese Differenz lässt sich mit den Worten von Josef Rothhaupt treffend dadurch bestimmen, dass bei Wittgenstein an die Stelle von Goethes „empirisch-psychologischer Naturbetrachtung“ eine „logisch-grammatische Sprachbetrachtung“ tritt. (Rothhaupt 1996: 165)

35„Beschreibe ich aber eine ebene Fläche, eine Tapete z.B.: sie bestehe aus rein gelben, roten, blauen, weißen und schwarzen Quadraten, so können die gelben nicht heller sein als die weißen, die roten nicht heller als die gelben. Darum waren die Farben für Goethe Schatten.“ (BF III, 57; MS 173, 13v-14r)

36Tatsächlich ergibt sich schon dann ein weißes Licht, wenn gelbes und blaues Licht gebündelt wird.

37Vielleicht wird der ein oder andere etwas Übung benötigen um dorthin zu gelangen, derartige Aufgaben fehlerfrei zu lösen, aber das stellt keinen prinzipiellen Einwand dar.

38Das soll nicht besagen, dass es sich bei der gemachten Aussage zur Mischung zweier Farbstoffe um eine x-beliebige Vorhersage handelt, die sich ohne Weiteres als falsch herausstellen könnte. Der wesentliche Unterschied liegt jedoch darin, dass man selbst dann nicht vorschlagen würde, ein bestimmter Farbstoff, der rot erscheint, sei eigentlich nicht „rot“ zu nennen, wenn dieser bestimmte Farbstoff bei der Vermischung mit blauen Farbstoffen niemals eine lila Farbe annimmt. Man würde statt dessen wohl eher geneigt sein, so etwas zu sagen wie: „Dieser rote Farbstoff eignet sich schlecht für das Mischen mit anderen Farben.“

39Dass es sich um eine empirische Frage handelt, wird u.a. von Justin Broackes behauptet. In seinem 1997 erschienenen Aufsatz „Could we take lime, purple, orange, and teal as unique hues?“ betont er die Bedeutsamkeit solcher Untersuchungen und bedauert ihr bisheriges Ausbleiben, auch wenn er es für unwahrscheinlich hält, dass eine alternative Form der Beschreibung gefunden wird.

40Dieser Schluss ließe sich nur durch die Annahme blockieren, es handle sich hier um ein synthetisches Urteil a priori. Dann aber wäre anzugeben, inwiefern dieser Satz eine Möglichkeitsbedingung von Erfahrung überhaupt zum Ausdruck bringt. Nicht nur ist der Erfolg eines solchen Versuchs äußerst zweifelhaft, sondern es ist auch nicht glaubwürdig, dass Wittgenstein eine solche Alternative in Erwägung gezogen hätte.

41Auch wären wir gezwungen eine ontologische Verpflichtung bezüglich der Existenz abstrakter Gegenstände einzugehen, denn niemand wird „Lila“ als Name eines konkreten Gegenstandes auffassen wollen.

42Wobei an dieser Stelle auch offen gelassen sei, wie man einen solchen Beweis zu führen hätte, wenn er sich denn führen ließe.

43Auch kann geltend gemacht werden, was bereits früher angeführt wurde, dass nämlich, wenn es die Betrachtung eines lilafarbenen Gegenstandes wäre, die zeigt, dass Lila ein weißlich-rötlich-Blau ist, dann muss auch vorstellbar sein, dass die Betrachtung eines lilafarbenen Gegenstandes zeigt, dass Lila nicht ein weißlich-rötlich-Blau ist. Das aber ist ausgeschlossen.

44Das Wort „logisch“ stellt eine nachträgliche Einfügung ins Manuskript dar und schafft auch einen Kontrast zum letzten Satz der vorangegangenen Bemerkung. Wittgenstein schreibt dort: „Ja, welche Wichtigkeit hat für mich (sozusagen psychologisch) die Frage nach der Zahl der Reinen Farben?“ (BF III, 26c; MS 173, 6r) D.h. anstatt auf die psychologischen Aspekte der behandelten Problemstellung einzugehen, lenkt Wittgenstein unsere (und seine eigene) Aufmerksamkeit auf die Logik.

45Dabei kann man bemerkenswert finden, dass es eine starke Versuchung gibt, zu behaupten, es verhalte sich doch so; und dann folgt etwas, das wie eine Feststellung der Tatsachen klingt.

46Ausgeschlossen ist, dass eine begriffliche Festlegung darum unverständlich ist, weil sie irgendwelchen Fakten widerspricht. Die Fakten werden ja erst dadurch beschreibbar, dass die zur Beschreibung herangezogenen Worte mit Bedeutung versehen wurden.

47Hätte sich nun nicht unser Gebrauch von „rot“ und „grün“ so entwickeln können, dass diese beiden Worte miteinander sinnvoll kombiniert werden können? Darauf muss nach dem bisher Gesagten erwidert werden, dass es sich dann konsequenterweise um Ausdrücke handeln muss, die anderes bedeuten, als die deutschen Worte „rot“ und „grün“, woraus erneut die Schwierigkeit entsteht, dass nicht feststeht, ob es sich bei den vorgestellten, fremden Worten tatsächlich um Farbworte im uns gewohnten Sinn handelt.

48Es bietet sich an dieser Stelle an auch kurz auf die beiden empirischen Studien von Crane und Piantanida und von Billock und Tsou einzugehen, in denen gezeigt werden sollte, dass eine rötlichgrüne Farbe sinnlich wahrgenommen werden kann. Zwar haben einige der Versuchsteilnehmer das bei ihnen künstlich hervorgerufene Wahrnehmungserlebnis mit den Worten „rötlichgrün“ beschrieben, aber es fanden sich auch zahlreiche davon abweichende Beschreibungen (Crane & Piantanida 1983: 1079) und die meisten Versuchsteilnehmer hatten erhebliche Schwierigkeiten passende Worte zu finden (Billock & Tsou 2010: 2398–2399), was darauf hindeutet, dass das Farberlebnis jenem eines rötlichgelb, z.B., kaum nahe gekommen sein dürfte.

49Wären diese Tatsachen beschreibbar, dann offenkundig auch ihr Gegenteil, wonach sie nicht mehr die Funktion inne hätten, dasjenige, was beschreibbar ist, zu begrenzen; eine Beschreibung empirische Tatsachen, die wahr oder falsch ist, kann nicht zugleich Bedingungen dafür festlegen, was verständlich ist und was nicht.

50Auch Justin Broackes vertritt in seinem Aufsatz „Could we take lime, purple, oranges, and teal as unique hues?“ die Auffassung, dass die Beantwortung der genannten Frage in den Bereich der Farbwissenschaften fällt und nicht vorab entschieden werden kann.

51Für eine umfangreiche Studie zur Verwendung der Worte „ich“ und „wir“ bei Wittgenstein sei auf das wundervolle erste Kapitel in „The Claim of Reason“ von Stanley Cavell verwiesen.

52Ganz ähnlich dazu lässt sich auch die Aussage „Es gibt keinen direkten Weg zwischen Rot und Grün“ übersetzen in „Es gibt keine Farbe die sowohl rötlich als auch grünlich ist“, wobei „direkt“ hier ungefähr heißt, dass der Weg über keine besonderen Stationen wie Gelb oder Blau führt.