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Leidenschaft und Ordnung

Romantiker und Realisten – Über deutsche Dichtungen 8

Wolfgang Wittkowski

Manche Romantiker drücken Leidenschaft und deren Bändigung mit musikartigen Mitteln aus – hier Friedrich Schlegel und E.T.A. Hoffmann. Die psychologisch versierten Realisten tun es durch den rhythmischen Atem des Erzählens, des Dramas; ferner mit Skepsis, Resignation, Humor, den unvermeidlichen Konsequenzen: Keller, Raabe, Fontane – oder auch durch Kunst: Eichendorff und Mörike. Verhalten beschwört Stifter den Vulkanismus der Herzen und den Rückschlag der natürlichen Gesetze. Schockiert wird das Biedermeier-Bild durch Jedermannsfiguren, geliefert von dem Agnostiker Grillparzer in der Perspektive der Welttheaterbühne, von der katholischen Droste-Hülshoff und dem pietistischen Protestanten Büchner. In zunehmend glaubensloser Zeit verweisen alle drei mit versteckten Signalen der Liturgie auf den Sinn der umstrittenen Schlüsse.
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Erfüllung im Entsagen – Gottfried Keller (1819–1890): Der Landvogt vom Greifensee

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Der Landvogt vom Greifensee entstand 1875–77 als letzte der Zürcher Novellen (1877) und hat Wichtiges gemein mit den Werken, die noch folgten: mit dem Grünen Heinrich (2. Fassung 1879/80) Resignation und Entsagung am Ende; mit dem Sinngedicht (1881) die Binnen-Liebesgeschichten und den Umschlag des Entsagens in ein Glück, das in der Novelle mehr bescheiden und bemüht ausfällt. Die politisch-gesellschaftliche Enttäuschung des Martin Salander (1887) zeichnet sich ab, sofern die Tätigkeit des Landvogts vor die Epoche der großen Hoffnungen und Enttäuschungen, nämlich in die Zeit der „alten Eidgenossenschaft und ihrer Feudalherrlichkeit“ verlegt ist und 1798 mit ihr endet.

Die Verbindung von öffentlichem Dienst und Rosenfestlichkeit mildert die Bitterkeit des Entsagens. Daher sieht H. Böschenstein „trotz einem gesteigerten Vergänglichkeitsbewußtsein“ die „Lebenslust“ triumphieren.1 B. von Wiese findet dagegen die hellen Seiten bloß im Gleichgewicht mit den dunklen.2 J. Rothenberg zufolge antwortet Keller der seelischen Verkümmerung der Gegenwart mit Flucht in die Erinnerung, mit Bagatellisierung der Vergänglichkeit, sogar mit ressentiment-geladenem Frauenhaß. Das mögen ewig wiederkehrende Schwierigkeiten vereinsamter alter Menschen sein, doch spiegeln sie kein dichterisches Epigonentum, sondern die Müdigkeit einer Spätkultur,3 die der Soziologe Leo Löwenthal auf Kellers Kleinbürgertum reduziert.4

Für die folgende Untersuchung können solche Resultate, zumal die negativ akzentuierten, weitgehend in Kraft bleiben. Sie gelten ja in entsprechend abgewandelter Form für Menschen aller Schichten im technischen Zeitalter. Enge, Flucht, Verklärung:...

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