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Verändern Gender Studies die Gesellschaft?

Zum transformativen Potential eines interdisziplinären Diskurses

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Franz Gmainer-Pranzl, Ingrid Schmutzhart and Anna Steinpatz

Gender Studies haben sich in den vergangenen Jahrzehnten als kulturwissenschaftlicher, interdisziplinärer und gesellschaftskritischer Diskurs etabliert. Sie analysieren die soziale und kulturelle Konstruktion von Geschlecht, kritisieren etablierte (meist unsichtbare) Machtstrukturen, die Diskriminierung und Ausschließungen produzieren, und beleuchten die Intersektionalität der Dimension Gender mit ethnischen, sozialen, politischen, ökonomischen und religiösen Lebensbereichen. Trotz hoher theoretischer Standards und eines differenzierten Problembewusstseins stellen sich den Gender Studies allerdings durch eingefahrene gesellschaftliche Spielregeln, ökonomische Vorgaben und diskursive Identitätskonstruktionen wirkmächtige Widerstände entgegen. Lassen sich kulturelle Logiken, die repressive und exkludierende Strukturen als natürlich ausgeben, überwinden? Verändern also Gender Studies die Gesellschaft? Eine interdisziplinäre Tagung an der Universität Salzburg setzte sich im November 2013 mit dieser Frage auseinander und zeigte aus der Perspektive unterschiedlicher Wissenschaften das gesellschaftsverändernde Potential der Gender Studies auf.
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Doing and Undoing Gender: Die Zukunft der Geschlechterforschung

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Die Einführung der feministischen Theorie in den akademischen Lehrplan wurde seinerzeit als politisches Instrument bestimmt, das im Zusammenhang mit anderen Strategien der Überwindung von hetero-sexistischen Strukturen in der Gesellschaft dienen sollte. Die feministische Infragestellung der androzentrischen Wissensproduktion versprach, die soziale Unterdrückung von Frauen zu beseitigen und ihre Emanzipation zu ermöglichen. Doch ein grundlegender Widerspruch prägte von Anfang an die feministische Theoriebildung: Wenn sie auch einerseits eine wichtige Kritik an den dominanten Epistemologien bot, so wurzelte die feministische Theorie doch auch im emanzipatorischen Impuls der Aufklärung – ein trickreiches Erbe. Ob Kant, Hegel oder Marx: trotz ihrer kritischen Theorien haben sie Androzentrismus und Eurozentrismus verstärkt.1 Dementsprechend befürchten einige feministische Denkerinnen zu Recht, dass es nie eine einfache Beziehung zwischen Theorie und feministischer Politik geben könne.2 Meiner Meinung nach liegt einer der wichtigsten Beiträge feministischer Theorie in der Offenlegung der epistemischen und diskursiven Gewalt hegemonialer Diskurse. Darüber hinaus trägt sie zur Transformation der Idee von Politik überhaupt bei: durch eine Problematisierung des Dualismus des Öffentlichen und Privaten, der legitimen und illegitimen politischen Handlungsfähigkeit, der Vernunft und des Affekts.

Viele beklagen den Übergang von der Kategorie „Frau“ zu „Gender“ als das Ende des Feminismus. Für andere wiederum bedeutet dieser turn den Beginn eines post-second wave Feminismus. Wie im Poststrukturalismus und Postkolonialismus markiert das Präfix post hier die programmatische Überwindung essentialistischer Theoriebildung.3 Die Kategorie Gender ermöglicht zwar die Pluralisierung von Bündnispolitiken und multiple Allianzen, doch...

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