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Das anwaltliche Mandantengespräch

Linguistische Ergebnisse zum sprachlichen Handeln von Anwalt und Mandant

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Ina Pick

Diese gesprächslinguistische Studie untersucht das anwaltliche Mandantengespräch auf einer breiten Datengrundlage authentischer Gesprächsaufnahmen aus unterschiedlichen Rechtsgebieten und arbeitet typische kommunikative Formen und Probleme heraus. Mandantengespräche gehören zum beruflichen Alltag der meisten Anwälte und Anwältinnen, die Gesprächsführung gilt zudem als eine juristische Schlüsselqualifikation. Mit einem theoretisch und methodisch mehrdimensionalen Zugang werden Gesprächsphasen, kommunikative Aufgaben und verschiedene zentrale sprachliche Handlungsmuster rekonstruiert und miteinander in Bezug gesetzt. Fragebögen und Interviews mit den Beteiligten sowie die Auswertung von Praxisliteratur aus Anwaltssicht ergänzen die Analysen im Sinne einer Angewandten Gesprächsforschung. Die Arbeit wurde mit dem «Förderpreis Sprache und Recht 2014 der Universität Regensburg», dem «Dissertationspreis 2014 der TU Dortmund» sowie dem «Peter-Lang-Nachwuchspreis – Geisteswissenschaften» ausgezeichnet.
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9 Entwicklung von Handlungsoptionen

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9 Entwicklung von Handlungsoptionen

9.1 Fragestellung und Ziel des Kapitels

Die Bearbeitung der kommunikativen Aufgaben der Schemakomponente Handlungsmöglichkeiten entwerfen (vgl. Kapitel 6.3.6) in ihrer Form als sprachliches Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen soll in diesem Kapitel beleuchtet werden. Diese Schemakomponente ist vor allem deshalb von zentraler Bedeutung im Mandantengespräch, da sie auf der Basis der anwaltlichen Einschätzung die weitere Bearbeitung des Sachverhalts einleitet. Mit dieser Schemakomponente wird ein wichtiger Bestandteil beratenden Handelns, das Entwickeln einer Lösung, eines Plans etc., bearbeitet. Bezogen auf das Mandantengespräch wird der Sachverhalt des Mandanten weiter für die Institution zugeschnitten, es werden gerichtliche oder außergerichtliche Handlungsmöglichkeiten in Betracht gezogen. Bei der Bearbeitung dieses Aufgabenkomplexes treffen mental die verschiedenen Wissensbestände der Beteiligten aufeinander (professionelles, institutionelles Wissen des Anwalts, übergeordneter Handlungsprozess des Mandanten), die sich aber während der Begutachtung bereits aufeinander eingestellt haben (Anwalt hat Bild des Sachverhalts in der Lebenswelt entwickelt, Mandant hat Einschätzung‘ übernommen, vgl. Kapitel 8), und müssen in Bezug zum individuellen Sachverhalt ausgehandelt werden. Entsprechend handelt es sich hier um eine der komplexeren Schemakomponenten, bei deren Bearbeitung gleichzeitig für die weitere Zusammenarbeit der Beteiligten die zentralen Weichen gestellt werden. Aus diesen Gründen lohnt sich hier eine genauere Betrachtung. Dazu wird ebenfalls zu fragen sein, welche weiteren kommunikativen Aufgaben in diesem Musterzusammenhang bearbeitet werden und entsprechend mit der Bearbeitung der Schemakomponente Handlungsmöglichkeiten entwerfen eng verzahnt sind.

Handlungstheoretisch kann das Handlungsmöglichkeiten entwerfen im anwaltlichen Erstgespräch als kollektive oder kooperative Planbildung bezeichnet werden (Rehbein 1977: 169 bezeichnet Beratungen als „kollektive Planbildungsprozesse“, er spricht aber auch von kooperativen Planbildungsprozesse im Zusammenhang mit Ratgeben vgl. Rehbein 1977: 161; 356). Die Planbildung wird „als Kernstück des Handlungsprozesses“ angesehen (Rehbein 1977: 146). Im anwaltlichen Erstgespräch wird bei der Planbildung die weitere Bearbeitung des Sachverhaltes in der Institution erschlossen und aus den verschiedenen Möglichkeiten ein für den konkreten Fall umsetzungsfähiger Plan entwickelt. Die Entwicklung von Handlungsoptionen ist ein Teil des Beratungshandelns und ← 293 | 294 → korrespondiert mit den Aufgaben Lösungsentwicklung, Lösungsverarbeitung und Vorbereitung der Realisierung im Handlungsschema Beraten nach Kallmeyer (2000: 238). Nothdurft/Reitemeier/Schröder (1994: 10) fassen diese als „Lösungsentwicklung und Lösungsverarbeitung“ zusammen.

Theoretisch betrachtet erfolgt die Planbildung in mehreren Phasen (Rehbein 1977: 147). Sie beinhaltet die Fokusbildung, die Ausbildung eines Handlungslayouts und endet mit einem kompletten Plan. Betrachten wir die Fokusbildung. Die Fokusbildung (Rehbein 1977: 150) im anwaltlichen Erstgespräch ist typischerweise auf die Rechtswelt gerichtet und wird hier maßgeblich durch das Wissen über Mittel-Ziel-Ketten des Anwalts und das Ziel bestimmt. Das Ziel übernimmt bei der Fokusbildung die Funktion eines Kompasses, der die Suche nach „zieladäquaten Mitteln“ (Rehbein 1977: 150) möglich macht. In diesem Kapitel wird sich zeigen, dass der Schwerpunkt im anwaltlichen Erstgespräch auf der zweiten Phase der Planbildung liegt, der Entwicklung eines Handlungsschemas25 bzw. Handlungslayouts (Rehbein 1977: 154), einem „Entwurf des Gesamtablaufs der Handlung“ (Rehbein 1977: 154). Das Layout ist im Gegensatz zu einem kompletten Plan dadurch gekennzeichnet, dass es grober strukturiert ist und Leerstellen enthält. Es wird von den Beteiligten im Vorstellungsraum „konstruiert“ (Rehbein 1977: 161) und macht ihnen bei kooperativen Planbildungsprozessen Teilhandlungen zugänglich, indem sie in das gemeinsame Wissen überführt werden („Repräsentierung“ Rehbein 1977: 161). Diese gemeinsame Repräsentierung unterliegt bei der Bildung eines Handlungslayouts einem „gemeinsamen Bewertungsprozess“ (Rehbein 1977: 160), sodass mögliche Pläne eingebracht und verworfen werden können. Der komplette Plan zeichnet sich gegenüber dem Handlungslayout dadurch aus, dass er sowohl den Fokus als auch Elemente des Handlungslayouts integriert, diese aber selektiert und auf einen konkreten Plan zuspitzt. Versehen mit einem konkreten Startelement und spezifischen durch den konkreten Plan bedingten Handlungspräsuppositionen entsteht der komplette Plan und macht ihn für den Aktanten ausführbar (Rehbein 1977: 173f.)

In diesem Kapitel sind folgende Fragen zu beantworten: Wie stellt sich die Schemakomponente Handlungsmöglichkeiten entwerfen in ihrem Ablauf als ← 294 | 295 → sprachliches Handlungsmuster dar? Welchen musterförmigen Verlauf durchlaufen die Beteiligten bei der konkreten Bearbeitung dieser kommunikativen Aufgabe? Welche weiteren kommunikativen Aufgaben werden dabei bearbeitet? Wie wird der gemeinsame Planbildungsprozess vollzogen? Welche Rolle spielen welche und wessen Bewertungen für den Ablauf der Planbildung und an welchen Stellen werden diese kommunikativ-interaktiv bearbeitet? Inwiefern unterscheidet sich die Entwicklung von Handlungsoptionen in den Typen der anwaltlichen Erstgespräche?

9.2 Ein typischer Gesprächsausschnitt zur Entwicklung von Handlungsoptionen

Das folgende Beispiel zeigt einen typischen Gesprächsausschnitt für die Entwicklung von Handlungsoptionen im anwaltlichen Erstgespräch und soll daher exemplarisch analysiert werden. Es stammt aus dem Mietrecht. Der Mandant hatte bereits mit dem Anwalt gegen die gleichen Mieter einen Prozess in einer anderen Sache gewonnen. Nun hatten die Mieter dem Mandanten eine fristlose Kündigung zugesandt, woraufhin ein Übergabetermin stattgefunden hatte, der allerdings scheiterte, weil die Mieter weder bereits ausgezogen waren noch die im Vertrag vereinbarten Renovierungsmaßnahmen durchgeführt hatten. Die Mieter wollen nun die Miete für den folgenden Monat März, in dem sie noch in der Wohnung bleiben, mit der Kaution verrechnen.

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Zu Beginn des Gesprächsausschnittes gibt der Anwalt zur Klausel über Schönheitsreparaturen im Mietvertrag eine Einschätzung „Das ist ja wohl auch wirksam als Klausel“ (hier nur der letzte Teil im Transkript, Fl. 189). Nach einer längeren Pause und dem Gliederungsmarker „Gut“ (Fl. 190), initiiert der Anwalt die Entwicklung von Handlungsoptionen, indem er ankündigt, nun gemeinsam ← 296 | 297 → mit dem Mandanten überlegen zu wollen, wie sie damit umgehen. Gleich darauf entwickelt er ein erstes Handlungslayout „Jetzt könnte ich natürlich auf Räumung klagen“ (Fl. 190). Nur am Rande in diesem Zusammenhang sei hier hingewiesen auf den Wechsel im pronominalen Bezug (wir überlegen, wie wir damit umgehen, ich klage, vgl. dazu Kapitel 11). Bereits mit der Verwendung des Konjunktiv II (Fl. 190 „könnte“) und der intonatorischen Hebung am Ende der Äußerung macht der Anwalt aber deutlich, dass diese Handlungsoption offenbar keine ist, die in letzter Konsequenz bis zur Ausführung in Betracht kommt. Denn nach einer weiteren längeren Pause (Fl. 190) beginnt er, selbst diesen Vorschlag zu verwerfen (Fl. 191 „Aber derzeit…“), was er aber abbricht, um zunächst zur Sachverhaltsbegutachtung zurückzukehren und eine Einschätzung zur Kündigung selbst vorzunehmen (Fl. 191f.f. „Da haben wir halt die Unsicherheit drin“…). Zur Sachverhaltsbegutachtung stellt er mental die Frage „Liegt eine ordentliche oder fristlose Kündigung vor?“ und kommt nach Befragen seines Wissens (Fl. 191 „ein Grund für eine fristlose Kündigung ist jedenfalls nicht vorhanden“) und Sichtung der Kündigung (Fl. 194ff.) zu dem Schluss, dass man wohl eine ordentliche Kündigung annehmen müsse (Fl. 198 „Das wird man da wohl rauslesen müssen, ne?“). Auf die beiden Sprechhandlungsaugmente (Fl. 198, 199 „ne“), die den Mandanten wohl zur Übernahme der Einschätzung bringen sollen, kann der Mandant allerdings nur sein Nichtwissen über rechtliche Zusammenhänge verbalisieren (Fl. 199 „Ich weiß nicht, wie das rechtmäßig, also is“), was nicht weiter verwundert, da ihm das professionelle Wissen zur Begutachtung fehlt (vgl. Kapitel 8). Dies macht der Mandant selbst auch durch sein Lachen deutlich. Diese Einschätzung bestätigt der Anwalt in der Folge dann selbst (Fl. 199 „Ja“), womit er die Annahme des Mandanten (Fl. 199 „Würd ich jetzt sagen“) bestätigt, sodass dieser in die Lage versetzt wird, die anwaltliche Einschätzung als Einschätzung‘ zu übernehmen. In der Folge (Fl. 200ff.) nimmt der Anwalt die von ihm eingebrachte Handlungsoption Räumungsklage wieder auf, um sie zu verwerfen (Fl. 200f. „Aber da gehen wir gar nicht drauf ein“) und diese Handlungsoption bzw. das Verwerfen zu bewerten (Fl. 201f. „Denn, warum sollten wir auf Räumung klagen, wenn die eh schon dabei sind auszuziehen“). Dies bestätigt der Mandant.

Nachdem diese Handlungsoption übereinstimmend verworfen wurde, geht der Anwalt zum Thema Kosten über, das typischerweise erst an die Entwicklung von Handlungsoptionen anschließt. In diesem Fall findet allerdings nicht eindeutig der Übergang zum Handlungsmuster Verhandeln der Kosten statt, da die verworfene Option nicht umgesetzt und damit auch nicht bezahlt werden muss. Dennoch geht der Anwalt nach der Planübernahme (hier Übernahme der Planverwerfung) auf das Thema Kosten ein. Dieses setzt er hier als eine weitere ← 297 | 298 → Begründung gegen die Handlungsoption ein, indem er anführt, dass dem Mandanten mit dem Verwerfen der Handlungsoption Kosten erspart bleiben (Fl. 202f. „Das wird für Sie nur teuer“). Diese Kosten allerdings würden, wie der Anwalt bereits annimmt, von der Rechtsschutzversicherung übernommen (Fl. 203f.). Da die Kosten also für den Mandanten nicht entstehen, weil a) der Plan verworfen wurde und b) die Kosten ohnehin von der Versicherung übernommen worden wären, kann der Anwalt hier die Gelegenheit nutzen, darauf hinzuweisen, dass er bei der Entwicklung von Handlungsoptionen durchaus kostenbewusst vorgeht (Fl. 204f.). Das Einbringen des Themas Kosten dürfte daher hier nicht als Initiierung des Musters Verhandeln der Kosten zu interpretieren sein, sondern bereitet implizit die Vertretung vor, indem der Anwalt in Eigenwerbung an dem für das Verhandeln der Kosten typischen Ort (nach der Planübernahme) auf seine pragmatischen und für den Mandanten vorteiligen Umgang mit Kosten verweist.

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Nachdem die erste Handlungsoption verworfen wurde, entwickelt der Anwalt eine weitere (Fl. 206f. „wir klagen mal die achthundertfünfunddreißig Euro für März ein“). Diese Option bewertet er als sinnvoll, da die Mietzahlung wohl in den nächsten Tagen nicht eingehen wird, was der Mandant bestätigt (Fl. 209ff.). ← 298 | 299 → Da der Mandant auch nach einer längeren Pause (Fl. 212) nicht selbständig diese Handlungsoption übernimmt, erfragt der Anwalt die Übernahme der Handlungsoption in der Folge explizit (Fl. 212 „Also, wär auch in Ihrem Sinne, jetzt mal die Miete für den Monat März einzuklagen, ne?“). Diese Übernahme verbalisiert der Mandant daraufhin (Fl. 213 „Ja, genau“). Damit ist das Handlungslayout Miete einklagen zu einem umsetzungsfähigen Handlungsplan geworden.

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Nun könnten die Beteiligten dazu übergehen, die Kosten für die Umsetzung zu besprechen, stattdessen initiiert der Mandant einen weiteren Durchgang durch das Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen, indem er selbst ein weiteres Handlungslayout einbringt: Das Einklagen auch der erforderlichen Renovierungsarbeiten (Fl. 213ff.), die ebenfalls wie die Mietzahlungen nicht zu erwarten sind. Darauf geht der Anwalt zunächst mental zurück zur Sachverhaltsbegutachtung und verbalisiert die Einschätzung (Fl. 215 „Das muss er ja streng genommen noch gar nicht, ne?“) und liefert die Argumentation dafür nach (Fl. 215f. „Wenn wir sagen, die Kündigung ist zum dreißigsten Vierten“). Darauf bringt der Mandant ebenfalls noch im Muster der Sachverhaltsbegutachtung einen Einwand, indem er seine vom Anwalt unterbrochene Äußerung wieder aufnimmt (Fl. 216f. „Aber er ist eben der Meinung, er braucht das gar nicht • machen“). Gleichzeitig verbalisiert er sein Wissen, das er aus Internetrecherchen mitbringt, und das die Übernahme der anwaltlichen Einschätzung (er muss es noch nicht) als Einschätzung‘ verhindert (Fl. 217f. ← 299 | 300 → „Und i weiß nicht, ob des so ist“). Darauf aktualisiert der Anwalt seine Einschätzung und bestätigt, dass der Mandant durchaus die Renovierungsarbeiten leisten muss (Fl. 219 „Nee, das ist nicht so“) und geht darauf sofort zur Entwicklung von Handlungsoptionen über. Dabei bewertet er die vom Mandanten eingebrachte Handlungsoption mit „das verkompliziert es ja“ (Fl. 219), um dann zu seiner eigenen Handlungsoption Miete einklagen zurückzukommen und diese weiter auszuführen (Fl. 220ff.).

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In der Folge führt der Anwalt die Handlungsoption als Handlungslayout weiter aus (Fl. 220ff. „er wird ja jetzt“… „wenn wir“… „dann wird ja von ihm wieder was kommen“… „und dann kommt“… „und dann kann man“…). Dabei integriert er die vom Mandanten eingebrachte Handlungsoption nicht als parallel bestehende Handlungsmöglichkeit, sondern integriert dieses Layout in das erste, Miete einklagen, indem er ein Handlungslayout entwirft, das zunächst die Miete einklagt und im Zuge dessen auch die Renovierungsarbeiten einfordert. Anschließend kommt er zurück zu seiner Bewertung, das verkompliziere die Sache nur, wenn die Klage Miete und die Klage Renovierung parallel als Handlungsoptionen ausgeführt würden (Fl. 224ff.). Daraufhin stellt er nochmals den bereits gefassten und bestätigten Plan in den Vordergrund (Fl. 226f. „((1,4s)) Wir müssen nur die… ((3,2s)) Wir müssen ja eigentlich nur den Zahlungsanspruch deutlich machen“), gefolgt von der Bewertung, gute Erfolgsaussichten zu haben, da sie bereits schon einmal geklagt haben (Fl. 228). Ohne eine weitere Bestätigung abzuwarten, nennt er das weitere Vorgehen, klappt also den Handlungsplan weiter aus. Hier nun allerdings nicht mehr die Klage selbst, sondern die konkreten nächsten Schritte (Fl. 229 „Dann lassen Sie mir einfach die Papiere hier“) und die konkrete Bearbeitung bei Gericht (Fl. 230ff. „Vermutlich kommt es ja wieder zum gleichen ((1s)) Richter, ne?“), womit er bereits seine Vertretung einleitet. Da der Mandant den Plan zuvor bereits übernommen hatte, bestätigt der Anwalt diesen nach einer längeren Pause erneut, was nun auch den Mandanten zu einer erneuten Verbalisierung der Planübernahme bewegt (Fl. 234 „Ja“). Damit ist das Entwickeln von Handlungsoptionen abgeschlossen und die Beteiligten gehen zum Verhandeln der Kosten über (Fl. 234ff.). ← 301 | 302 →

9.3 Das sprachliche Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen

Bei der Analyse des Beispieltranskripts deutet sich bereits an, dass das Entwickeln von Handlungsoptionen ein Prozess ist, der die Beteiligten von der Entwicklung eines Handlungslayouts auf der Basis des anwaltlichen Wissens und seiner Bewertung der Lage hinführt zu einem Handlungsplan, der aber erst durch die Zustimmung des Mandanten und damit auch seiner Bewertung entsteht (vom Layout zum Plan). Wie sich der Prozess als sprachliches Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen in seinen mentalen und interaktionalen Schritten vollzieht, soll im Folgenden beleuchtet werden. Zweck des Musters ist es, auf der Basis der Einschätzung des Falles vor der Rechtswelt nun Möglichkeiten zu erarbeiten, die den Mandanten aus seiner für ihn ungünstigen Situation (die ja die Grundlage für den Besuch eines Anwalt ist, vgl. Kapitel 2.1.2) herauszuführen. Dieser hatte sich bereits im Vorfeld für das Suchen nach rechtlichen Möglichkeiten entschieden. Bei der Entwicklung von Handlungsoptionen werden diese nun mit Hilfe des Agenten der Institution erarbeitet.

Die Experte-Laie-Konstellation bedingt, dass der Anwalt die bewertende Instanz für den Planbildungsprozess ist, da der Mandant die Rechtswelt als relevanten Fokus ausgebildet hat und hier die Expertise des Anwalts bereits durch die Vereinbarung eines Gesprächstermins gesucht hat. Das Einbringen von Handlungsoptionen ist in dieser Konstellation nicht von beiden Beteiligten mit der gleichen Qualität möglich, was dazu führt, dass Mandanten Vorschläge einbringen, die sie selbst nicht bewerten können (vgl. GS_KB_1, M: „• Was, was ist da normal? Ich hab also mir • • — wie gesagt bin kein Jurist — • • aus, aus m Daumen gesaugt eine Frist von sechs Monaten, in der ich meine Schwester auszuzahlen habe“).

Dennoch findet auch mandantenseitig ein Bewertungsprozess statt, der sich auf seinen übergeordneten Handlungsprozess stützt (vgl. auch Rehbein 1977: 161, der für das kooperative Planen einen gemeinsamen Bewertungsprozess annimmt). Diese Bewertung kann auf Wissen z. B. zu weiteren Beteiligten und deren Handeln, zukünftigen Entwicklungen, der eigenen psychischen und physischen Verfassung oder zeitlichen Planung beruhen. Diese Bewertung erfolgt durch den übergeordneten Handlungsprozess und durch einen Abgleich mit dem Ziel. Daher können Mandanten Einwände relevant setzen und so den Plan des Anwalts zwar nicht als solchen bewerten, aber als für die Umsetzung in ihrer Situation entweder annehmen oder als nicht adäquat verwerfen. Denn die „Entscheidung, welcher Weg zur Problemlösung eingeschlagen werden soll, ist stets eine Entscheidung des Mandanten, nicht des Rechtsanwalts“ (Kilian 2008: 15.). Entsprechend muss es auch in der Experte-Laie-Konstellation der Mandant sein, der einen Handlungsplan ← 302 | 303 → letztlich bestätigt. Eine Bedingung für den Musterdurchlauf ist also neben der Notwendigkeit der anwaltlichen Bewertung auch, dass das Ergebnis ebenfalls in den übergeordneten Handlungsprozess zu integrieren ist, also ein individuell auf den Mandanten zugeschnittener Plan entsteht, der diesem am besten entspricht. In der Folge soll dieser gemeinsame Planbildungsprozess als sprachliches Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen beschrieben werden, das sich als Praxeogramm wie folgt darstellt (Abb. 12).

Abb. 12: Das sprachliche Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen

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Unmittelbar an das Muster Sachverhaltsbegutachtung (vgl. Kapitel 8) schließt in der Regel die Entwicklung von Handlungsoptionen an. Die Einschätzung des Anwalts, mit der die Lage des Mandanten in der Lebenswelt vor dem Hintergrund der Rechtswelt verortet wird, bildet mental beim Anwalt den Ausgangspunkt für das Entwickeln von Handlungsoptionen (in Abb. 12 dargestellt durch die graue Umrahmung innerhalb seines mentalen Bereichs). Gleichzeitig antizipiert der Anwalt aber auch die lebensweltliche Lage des Mandanten, zu der er ebenfalls bereits bei der Sachverhaltsbegutachtung ein Bild ausgebildet hatte. Beide Bestandteile, die anwaltliche Einschätzung sowie die Antizipation der lebensweltlichen Lage des Mandanten, bilden auf der Seite des Anwalt die Grundlage zur Entwicklung und Bewertung von Handlungsoptionen. Betrachten wir die mentale Seite des Mandantenhandelns, so basiert hier das Entwickeln von Handlungsoptionen auf seinem übergeordneten Handlungsprozess (im Beispieltranskript Fl. 213f. „Und eben diese/ • • • dass er diese Renovierungsarbeiten eben • erledigen muss“ ), ebenfalls hat aber auch der Mandant nun als Einschätzung‘ eine Vorstellung über die Verortung seiner Lage in der Rechtswelt (im Beispieltranskript: er hat Anspruch auf die Mietzahlung und auf die Erledigung der Renovierungsarbeiten).

Die Antizipation der lebensweltlichen Lage des Mandanten auf Seiten des Anwalts wird im Beispieltranskript nur an der Thematisierung der (ersparten) Kosten deutlich. Damit antizipiert der Anwalt, dass der Mandant eine möglichst kostengünstige Lösung bevorzugt. Deutlicher formuliert die Antizipation der lebensweltlichen Lage der Mandanten ein Anwalt aus dem Insolvenzrecht: „((2,3s)) Vergessen Sie s! • • • Allein/ also in ihrer Situation allein schon den Stress, • • mit der Bank zu verhandeln, • • • das äh das würd ich mir ni/ ernsthaft nicht antun“ (TJ_IJ_1). Mit „vergessen Sie s!“ weist er eine Handlungsoption zurück, die die Mandanten einbringen und bewertet diese vor allem mit der persönlichen Situation und dem Stress der Mandanten, den diese besser vermeiden sollten. Die Annahme, dass die Situation für die Mandanten unangenehm zu werden droht, kann er vor allem auf der Basis seiner Einschätzung treffen. Diese Einschätzung wird ihn auch zu einem alternativen Handlungslayout führen.

Zentral für das Muster ist die Entwicklung eines oder mehrerer Handlungslayouts auf Seiten des Anwalts. Dazu geht er meist in Folge der Begutachtung und auf der Basis seiner Einschätzung (1a) zur Verbalisierung des Layouts über (2) (Fl. 189f. „((1,7s)) Gut, dann müssen wir uns jetzt überlegen, wie wir damit umgehen, ne?“). Neben diesem Einstieg in das Muster gibt es die alternative Möglichkeit, dass der Mandant zur Entwicklung eines Layouts führen kann, indem er selbst Handlungsoptionen erfragt oder einbringt (1) (Fl. 213f. „Und eben diese/ • • • dass er diese Renovierungsarbeiten eben • erledigen muss“). Im Beispielfall wird deutlich, dass er diese auf der Basis seiner Einschätzung‘ (1b) einbringt, die er ← 304 | 305 → hier aber aufgrund von eigenen Recherchen gewonnen hat (Fl. 218 „Ich hab eben da, ja, im Internet a wenig recherchiert“) Die Handlungsoptionen können stichwortartig oder in Form ausgearbeiteter Handlungslayouts vom Mandanten verbalisiert werden.

Darauf reagiert der Anwalt im nächsten Schritt, indem er die eingebrachte Option mit seiner Einschätzung konfrontiert (1a) und bewertet (3) (Fl. 219 „Bloß, ähm, • • • das verkompliziert es ja“; vgl. auch das genannte Beispiel aus dem Insolvenzrecht). Diese anwaltliche Bewertung ist für dieses Muster zentral, denn für diese Bewertung besprechen Mandanten ihre Möglichkeiten mit einem Anwalt (und nicht z. B. mit einem Therapeuten, einem Freund etc.) (vgl. SO_TU_1, A: „Ich rate dazu aus finanzieller und rechtlich vorteilhafter Sicht und Sie müssen sich für sich überlegen, • • ob Sie den Stress mit ihm auf sich nehmen wollen“). Die Bewertung kann der Anwalt explizit und implizit verbalisieren. Häufig wird diese Bewertung von Mandanten explizit erfragt (TJ_IJ_1, M: „Und was würden Sie dann vorschlagen?“; GS_KB_1, M: „• • Die Frage ist nur: • Welche • Lösung • halten Sie für die Bessere?“; „Ich frag, frag nur. Macht das Sinn?“).

Hat der Anwalt für eine bestimmte vom Mandanten eingebrachte Handlungsoption oder für eine eigene, die er im Laufe der Planbildung entwickeln möchte, noch keine Einschätzung vorgenommen, so kann er zurück zum Muster Sachverhaltsbegutachtung gehen, um diese Einschätzung nachzuholen, da sie die Voraussetzung zur Entwicklung von Handlungsoptionen ist (vgl. im Beispieltranskript Fl. 215f. „Das muss er ja streng genommen noch gar nicht, ne?“). Dies kann ebenfalls der Mandant initiieren (1b), wenn ihm eine anwaltliche Einschätzung (und damit eine Einschätzung‘) zur Bewertung einer Handlungsoption fehlt (vgl. SO_EV_1„Was, was is jetzt, wenn er/ • wenn wir die Lohnsteuerklassen tauschen?“), was den Anwalt zu einem Bewertungsprozess im Muster der Sachverhaltsbegutachtung zurückführt. Zur Begutachtung zurück (1a) wird der Anwalt ebenfalls gehen, wenn sich während der Entwicklung von Handlungsoptionen Sachverhaltsbestandteile als ungeklärt herausstellen, um diese zu erfragen (vgl. LO_MB_1, A: „Sie müssen gar nichts tun, • gar nichts tun. ((ea)) Diese Versicherung fällt auch mit da rein, die Sie da haben. Hat Ihre Frau • auch irgendwelche anderen Lebensversicherungen?“).

Das Layout des Anwalt beinhaltet oft eine oder mehrere Stufen eines oder mehrerer möglicher Handlungspläne (2.1–2.x) (z. B. Miete einklagen, Renovierung einklagen). Die Stufen beschreiben entweder verschiedene Eskalationsstufen im Konflikt, können aber auch verschiedene Handlungsalternativen, geordnet nach der Präferenz des Anwalts, sein. Ein mehrstufiges Handlungslayout findet sich in einem Beispiel aus dem Familienrecht (SO_MQ_1 „• • Wenn er die Auskunft nicht erteilt, dann müssen Sie ihn auf Auskunft verklagen“). Allein durch die ← 305 | 306 → Verbalisierung eines Handlungslayouts bewertet der Anwalt verschiedene Handlungsoptionen, denn er wird jene Optionen einbringen, die er vor dem Hintergrund seines juristischen Wissens und seiner Erfahrung favorisiert. Gleichzeitig kann er an das Handlungslayout auch explizit seine Bewertung anschließen (3), die die Argumentation für ein bestimmtes Layout oder auch damit verbundene Problematiken beinhalten kann (vgl. im Beispieltranskript Fl. 191 „Da haben wir halt die Unsicherheit drin“; Fl. 224ff. „Also ich, ich würde meinen, […] das verkompliziert die Sache nur“). Für jede dieser Stufen liegt mental beim Anwalt ein Layout vor, das er mehr oder weniger detailliert verbalisiert und auf Nachfrage in der Lage ist, weiter auszudifferenzieren.

Charakteristisch für das Entwickeln des Handlungslayouts auf Seiten des Anwalts ist, dass er in der Regel Pläne „zieht“. Damit ist gemeint, dass er einen „fertigen Plan aus seinem Wissen“ (Rehbein 1977: 163; vgl. auch 215f.) lediglich noch verbalisieren muss, dieser grundsätzlich aber in seinen Bestandteilen bereits mental ausgearbeitet ist. Dies wird auch im Beispieltranskript ersichtlich, da der Anwalt in der Lage ist, die von ihm eingebrachten Handlungsoptionen, hier den Ablauf der Klage auf Mietzahlungen, von sich aus (aber ebenfalls auf Nachfrage des Mandanten) weiter auszudifferenzieren und weitere Stufen als Handlungslayouts sowie deren Voraussetzungen und Verläufe zu benennen (Fl. 220ff.). Dies ist bedingt durch den rechtsweltlichen Handlungskontext, in dem der Anwalt das Layout entwickelt, denn hier werden lebensweltliche Konstellationen abgebildet und für sie rechtsweltliche Folgen vorgesehen (Tatbestand und Rechtsfolge). Mit anderen Worten sieht das Handeln in der Rechtswelt für bestimmte Konstellationen standardmäßig bestimmte Pläne vor, die der Anwalt nur „ziehen“ muss. Dies bestätigt auch die Praxisliteratur: „Häufig, insbesondere bei einfach gelagerten Routineproblemen, werden diese [Problemlösungsoptionen, I.P.] auf der Hand liegen, bisweilen wird sich schon die Frage nach Alternativen gar nicht erst stellen, weil nur eine Problemlösung vorstellbar ist. In einem solchen Fall geht es dann zumeist nur um die Implementierung der vorbestimmten Problemlösung“ (Kilian 2008: 14). Da aber erst mit Zustimmung des Mandanten ein Handlungsplan entsteht, haben Pläne, die Anwälte ziehen, bis zu dieser Zustimmung zunächst den Status eines Handlungslayouts.

Problematisch kann dieses Ziehen von Handlungsplänen dann für das Gespräch und seinen Verlauf werden, wenn Pläne bzw. vorher Handlungslayouts so bruchstückhaft und verkürzt präsentiert werden, sodass sie für Mandanten nicht mehr nachzuvollziehen sind. Dann wird Mandanten die Entscheidungs- grundlage entzogen, die Folge ist, dass sie die Entscheidung und auch die Planausführung komplett dem Anwalt überlassen müssen, ohne darauf Einfluss ← 306 | 307 → nehmen zu können. Das führt dazu, dass der Planbildung das kollektive Moment zum großen Teil entzogen wird, weil der Anwalt das Handlungslayout lediglich mental „ausrollt“.

Dieses Pläneziehen und seine Folgen für den Gesprächsverlauf zeigt sich in folgendem Beispiel aus dem Versicherungsrecht.

Fl. 206ff. A: Das ist relativ äh, ((1s)) ääh schwierig, • da jetzt ran zu kommen. Ihr Hauptanliegen ist ja erstmal, dass diese Wettbewerbsklage abgedeckt ist, dass die versichert ist, das ist ja jetzt erstmal das Wichtigste. Und das Zweite wäre dann eben Beitragsrückerstattung, Beitragsnachzahlung, dass das klar ist und was Sie noch rausholen können, ist gut und was nicht, • • • wär dann halt weg ((ea)) • Diese Unterlagen sind Altunterlagen oder Werbeblättchen?

Fl. 240ff. A: • • Also ich krieg das zwar dann am Ende aller Tage, wenn dasso läuft, wie ich mir das hier vorstelle wieder, aber ähh also rechnen Sie mal nicht unter einem Jahr.

Fl. 298ff.A: Ich würde dann die [Name Versicherung] anschreiben. Ich sag Ihnen heute, wie ich denke, dass es läuft und was ich noch brauche.

Fl. 319ff. A: Ich hol grad mal meine Unterlagen, • • und dann ähmmm, schweige ich Sie nochmal fünf Minuten an, mache mir grad nochmal paar Notizen und dannäh erklär ich Ihnen wie wir s machen, ne?

Fl. 770ff. A: ((aa 1,5s)) Jetzt haben/ wir machen s ja wahrscheinlich eben außergerichtlich geltend, von daher spielt das dann keine Rolle mehr. • • • Ich mach jetzt gleich äh Kopien von diesem ganzen Stapel.

Fl. 813ff. A: Ich werd dann den [Name Versicherung]/ die ähm außergerichtlich erstmal verkürzt und scharf anschreiben. • • Und Ihnen auch mal schicken, wo ich noch Lücken sehe und wo ich noch Risiken sehe und was ich noch meine. • • Wegen ähhh… • • • Genau, das haben wir auch besprochen. ((ea)) Wegen der Frau Pick

Fl. 843ff. A: • Ja, also ich denk d/ • • also es, es läuft, egal wie schnell ich jetzt bin. Es ist so, ich schicke das an die [Name Versicherung] sage: „Hallo, hier bin ich. Wir hätten gerne in zwei Wochen ne Bestätigung.“ • und dann kommt von denen: „Uhi, jetzt so schnell können wir das gar nicht bearbeiten. Wir brauchen mal noch mindestens vier.“. • Das ist • • immer so! • • • Deswegen • will ich Ihnen da gar keine Hoffnungen machen, dass das so wahnwitzig schnell geht. Und ähm, dann kommt erstmal so ein Abwimmelschreiben, in dem irgend ein Blödsinn drin steht, der mit dem Fall gar nichts zu tun hat. Das heißt, da hat sich irgendein Sachbearbeiter hingesetzt und hat gesagt: • • „Ich muss mal schnell was Hinhaltendes schreiben.“. So und dann schreiben wir nochmal, sie sollen jetzt gefälligst bitte zack zack nochmal zwei Wochen, und dann passiert vielleicht was.

Fl. 860ff. A: • • • S-Sie sollten s mir vielleicht mitteilen, weil • ich, ((1,3s)) ich fordere da Ausgleich. Ob Sie des jetzt gezahlt haben oder nicht, ist mehr ne akademische Frage, denn bei dem einen muss ich tatsächlich Schadensersatz fordern und bei dem anderen Freistellung aus dem Versicherungsvertrag. Das Kind hat n anderen Namen, es ist juristisch was völlig Unterschiedliches, aber es läuft auf das Gleiche raus, Sie wollen die Kohle. • Von daher mach ich mir da jetzt keinen Stress. Im Falle einer Klage müsste ich s genau wissen, wann Sie was bezahlt haben. ← 307 | 308 →

Ende des Gesprächs bei Fl. 892

FO_GP_1: Ziehen von Handlungsplänen (vereinfachte Darstellung des Transkripts)

Das Gespräch fällt insgesamt dadurch auf, dass es in seinem Ablauf sehr zerfasert ist, bestimmte Phasen sich immer wieder ablösen und an anderer Stelle neu eröffnet werden. So werden auch kommunikative Aufgaben nicht abschließend bearbeitet oder sprachliche Handlungsmuster durchlaufen, sondern immer wieder unterbrochen und später wieder aufgegriffen. Verfolgen wir die Entwicklung von Handlungsoptionen in diesem Gespräch, wird deutlich, dass die Anwältin offenbar bereits früh Handlungsmöglichkeiten entwickelt (Fl. 206 „Das ist relativ äh, ((1s)) ääh schwierig, • da jetzt ranzukommen“), diese aber nur bruchstückhaft im Laufe des Gesprächs verbalisiert (vgl. die einzelnen Bestandteile des Handlungslayouts, die sich über das Gespräch verfolgen lassen, hier zur besseren Orientierung grau unterlegt). Dadurch, dass sie das Handlungslayout an keiner Stelle vollständig verbalisiert, kann der Mandant den Plan nicht übernehmen, was dazu führt, dass die Anwältin das Layout selbständig und zu weiten Teilen mental entwickelt und damit die Übernahme des Plans durch den Mandanten unterstellt. Problematisch an diesem Vorgehen ist nicht das Pläneziehen an sich, sondern das Nichtverbalisieren dieser Pläne als Handlungslayout und damit das Nichtinformieren und Nichteinbeziehen des Mandanten bei der Festlegung der weiteren Schritte, das durch das Vorliegen der Pläne als „Standard-Pläne“ gefördert wird.

Am Ende des Gesprächs verbalisiert sie dann zwar konkret die weiteren Schritte (Fl. 843ff.), diese beziehen sich allerdings auf den bereits gefassten Plan und sind kommunikative Handlungen aus der Gesprächsabschlussphase (hier dennoch aufgenommen, weil der Mandant dadurch zumindest implizit weitere Bruchstücke des Handlungslayouts erschließen kann). Es ist allerdings zwischen dem Entwickeln eines Handlungslayouts und dem Informieren über weitere Schritte im Mandat zu unterscheiden. Beide sind unverzichtbar, haben aber einen eigenen Zweck und sollten nicht vermischt oder gegenseitig ersetzt werden.

Resultat dieses Vorgehens ist zum einen, dass der Mandant möglicherweise relativ uninformiert, ohne eigenen Handlungsspielraum und ohne einem weiteren Handeln wissentlich zugestimmt zu haben, das Gespräch verlässt. Zum anderen können damit weitere Folgen verbunden sein, die weit über das Erstgespräch hinausgehen. In diesem konkreten Fall war die Folge, dass der Mandant eigenmächtig in einem Parallelverfahren die Sache weiterverfolgt hat, ohne die Anwältin zu informieren. Darüber hinaus hat er seine Rechnung bei ihr nicht beglichen. Beides Folgen, die nicht unmittelbar auf die kommunikativ misslungene Entwicklung von Handlungsoptionen zurückzuführen sind, die Vermutung liegt allerdings nahe, dass ein informierter Mandant ggf. kein Parallelverfahren angestrebt hätte, da er seine Sache in guten Händen gewusst hätte, und dass ein Mandant eine Leistung eher bezahlt, die er wissentlich auch bestellt (also als Plan bestätigt) hat.

Nachdem der Anwalt das Handlungslayout und seine Bewertung verbalisiert hat, hat der Mandant mit der Rückbindung an seinen übergeordneten Handlungsprozess (4) verschiedene Möglichkeiten. Er kann das Handlungslayout erneut genauer erfragen (über 6 zu 1) (z.B. SO_EV_1 „((1,5s)) Wie • komm ich von dieser Urkunde weg?“). Er kann auf der Basis seines Wissens einen Einwand ← 308 | 309 → (7) gegen das Handlungslayout des Anwalts vorbringen (z.B. SO_MQ_1 „• • Das wird er mir nicht vorlegen. Das weiß ich jetzt schon“). Beide Möglichkeiten veranlassen den Anwalt zu einer genaueren Ausführung des Handlungslayouts oder dem Einführen einer weiteren Stufe (2), ggf. über den Umweg über die Sachverhaltsbegutachtung, bei der er eine erneute Einschätzung vornimmt.

Eine weitere Möglichkeit, die auch der Mandant im Beispieltranskript wählt, ist die mentale Annahme des Plans, gefolgt vom Verbalisieren der Planübernahme (von 4 über 5 zu 8, 10 und 12) (Fl. 212f., A: „((1,2s)) Also, wär auch in Ihrem Sinne, jetzt mal die Miete für den Monat März einzuklagen, ne?“ M: „Ja, genau“). Geht der Mandant von 4 zu 8, ist er prinzipiell nicht mehr daran interessiert, das Handlungslayout weiter zu erfragen, weitere Optionen selbst einzubringen oder Einwände dagegen vorzubringen, sondern entscheidet (8), ob er den Plan annimmt (10) oder ob er die Annahme verzögert und damit aus dem Muster aussteigt (9) (PC_CS_1, M: „Ja dann werd ich/ ich werd nochmal nachdenken, werd vor allem auch mit meiner Frau sprechen, weil sie bestriffts ja irgendwo auch“). Nach der mentalen Planannahme kann der Mandant entweder eine Ergebnissicherung (11) verbalisieren oder zur Planübernahme übergehen. Die Ergebnissicherung (11) wird meist in Form von verständnissichernden Rückfragen zur Umsetzung und zu Folgen oder einer Zusammenfassung des bisher entwickelten Handlungslayouts verbalisiert (SO_MQ_1, M: „Das heißt erster Schritt. Ich schreib ihm ne Email, dass ich bitte, di-en Einkommenssteuerausgleich von wieviel Jahren? Auf welcher Grundlage wird das berechnet?“). Dabei haben Mandanten den Plan bereits grundsätzlich angenommen und versichern sich weiterer oder bereits bekannter Details. Dies kann ggf. einen erneuten Durchgang durch das Muster initiieren, denn auch auf ergebnissichernde Aktivitäten wird der Anwalt bestimmte Teile des Handlungslayouts weiter ausführen. Kommen hier völlig neue oder unerwartete Informationen, kann dies dazu führen, dass die vorherige Planannahme des Mandanten revidiert wird.

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← 309 | 310 →

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← 310 | 311 →

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← 311 | 312 →

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Schiebt der Mandant nach der Planannahme keine ergebnissichernden Aktivitäten mehr ein, geht er mental weiter zur Planübernahme (12) (vgl. das Beispieltranskript), womit das Muster beendet werden kann (15).

Eng verbunden mit der Planübernahme ist die (emotionale) Verarbeitung des Gesamtplans (13). Diese kann entweder vor der Planübernahme verbalisiert werden oder im Anschluss daran. Sie hat zum Teil selbstplausibilisierenden, zum Teil begründenden, zum Teil bestätigenden Charakter. Zu der (emotionalen) Verarbeitung von Mandanten können Anwälte eine Verarbeitungshilfe geben (14), die dazu dient, den Mandanten in seiner Verarbeitung der Entscheidung zu unterstützen. Verarbeitungshilfen des Anwalts können verschiedene Formen aufweisen. Sie können z. B. eine erneute Bestätigung der Situation verbalisieren (IP_IG_1, M: „Ja, schade eigentlich. • • • Ich hatte ja im Stillen gehofft • äh, dass da natürlich tatsächlich noch irgendwo • äh • • was zu machen ist.“ A: „Also ich seh da im Moment • • keinen Ansatzpunkt, • • Emmmm ((2,1s)) nee“) oder die positiven Seiten an der Situation hervorheben (IP_IG_1 „Em • also von da her • • haben wir schon das Gefühl, dass • • is kein Nachteil für die Beamten, aber in dem Moment, wo Sie halt die höherwertige Tätigkeit ausüben • • können sie daraus noch nicht direkt Honig saugen“) (vgl. zu weiteren Formen auch Kapitel 6.3.7).

Da dieses Handlungspotenzial im Beispieltranskript nicht ausgeschöpft wurde, soll die Planübernahme und Verarbeitung an einem weiteren Beispiel gezeigt werden.

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← 312 | 313 →

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← 313 | 314 →

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← 314 | 315 →

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Bei der Analyse der Gespräche stellt sich systematisch heraus, dass Mandanten auch im anwaltlichen Erstgespräch ihr Erleben thematisieren. Dies ist allerdings nicht – wie von vielen Anwälten vermutet – verstärkt bereits während der Sachverhaltsdarstellung der Fall (vgl. Kapitel 7), vielmehr wird das Erleben und Emotionen der Mandanten zu einem späteren Zeitpunkt relevant. Mandanten thematisieren Emotionen häufig in Zusammenhang mit der Verarbeitung der Handlungsoptionen. Dabei ist allerdings zu unterscheiden, ob diese Thematisierung verarbeitenden Charakter in Bezug zum gefassten Handlungsplan hat und damit funktional für das Muster ist und die entsprechende Musterposition (13) verbalisiert oder ob es sich dabei um die Initiierung eines eigenen Handlungsmusters handelt, in dem das Erleben und die Emotionen mit einer anderen Funktion bearbeitet werden (ähnlich dem Anteilnahmemuster, vgl. Fiehler 2005, 1990b). Dieses Handlungsmuster kann in der vorliegenden Arbeit nicht systematisch untersucht werden und wird auch nicht in jedem Mandantengespräch durchlaufen. In den Fällen, in denen es von den Mandanten initiiert wird, findet sich der Einstieg aber häufig im Anschluss an das Entwickeln von Handlungsoptionen, weshalb darauf an dieser Stelle hingewiesen werden soll. Dies ist möglicherweise der Fall, weil die Musterposition der (emotionalen) Verarbeitung hier als Trigger oder Gelenk dient. Entsprechend sollten Anwälte eher am Ende des Entwickelns von Handlungsoptionen als bereits während der Sachverhaltsdarstellung auf die Verbalisierung von Emotionen und Erleben durch ihre Mandanten vorbereitet sein, um entsprechend darauf reagieren zu können. Ein Beispiel, das den Einstieg in das Muster im Anschluss an das Entwickeln von Handlungsoptionen zeigt, ist das folgende.

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← 315 | 316 →

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Kommen wir zurück zum Handlungsmuster Entwicklung von Handlungs­optionen, lässt sich eine weitere Beobachtung formulieren. Neben dem Verbalisieren einer Verarbeitungshilfe (14) ist ein ebenfalls nicht selten zu beobachtender Weg, den Anwälte auf verarbeitende Aktivitäten der Mandanten wählen, das erneute Zurückgehen zur Entwicklung eines Handlungslayouts, ← 316 | 317 → indem sie z. B. das bereits besprochene Layout wiederholen oder es weiter ausführen (14a). Da dies nicht adäquat auf die verarbeitenden Aktivitäten des Mandanten reagiert und darüber hinaus eine weitere Schleife durch das gesamte Muster veranlassen und damit eine wohl nicht beabsichtigte Verlängerung des Gesprächs herbeiführen kann, ohne dass der Bedarf dafür gegeben ist, ist dieser Weg als nicht funktional für den Musterzweck gekennzeichnet (gestrichelte Linie, Abb. 12).

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← 317 | 318 →

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← 318 | 319 →

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In dem hier beschriebenen sprachliche Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen (Abb. 12) wurde die Schemakomponente Handlungsmöglichkeiten entwerfen in ihrer interaktionalen Form als sprachliches Handlungsmuster beschrieben. Dabei hat sich herausgestellt, dass eng verbunden mit dem Handlungsmöglichkeiten entwerfen auch die Schemakomponente Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeit bearbeitet wird (Abb. 13).

Abb. 13: Im Rahmen der Entwicklung von Handlungsoptionen bearbeitete kommunikative Aufgaben

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9.4 Die Entwicklung von Handlungsoptionen in den drei Typen der anwaltlichen Beratung

Insgesamt wird dieses sprachliche Handlungsmuster in allen drei Typen der anwaltlichen Erstgespräche durchlaufen. Entsprechend weisen alle Typen die gleiche Grundstruktur auf, lassen sich aber durch je unterschiedliche Spezifika innerhalb dieser gemeinsamen Grundstruktur voneinander abgrenzen. Entsprechend erweist sich die Planbildung als maßgebend für die Unterscheidung der drei Typen insgesamt.

Die Unterschiede lassen sich maßgeblich auf die verschiedenen Konstellationen zurückführen, die den drei Typen zugrunde liegen (vgl. auch Kapitel 5.2). ← 319 | 320 →

In der begutachtenden Beratung werden Handlungsmöglichkeiten gesucht, die für eine gegenwärtige Situation eine Änderung (für den Mandanten eine Verbesserung der Situation) herbeiführen soll. Damit ist ein Sachverhalt gegeben, dem während der Sachverhaltsbegutachtung mögliche Rechtsfolgen zugewiesen werden können. Entsprechend ergeben sich damit Handlungsoptionen in der Rechtswelt, die über bestimmte, hier ebenfalls vorgegebene Wege und Verfahren herbeigeführt werden können. Dies führt dazu, dass beim Anwalt Pläne aufgrund seines professionellen Wissens und seiner Einschätzung des Sachverhalts mental bereits vorliegen. Entsprechend werden sie häufiger „gezogen“ und in der Folge dann auch häufig weniger ausführlich verbalisiert (vgl. SO_MQ_1 „• • Wenn er die Auskunft nicht erteilt, dann müssen Sie ihn auf Auskunft verklagen“).

In der gestaltenden Beratung, die ebenfalls von einer gegenwärtigen (für den Mandanten aber nicht negativen) Situation ausgeht, soll diese im Gegensatz zur Situation in der begutachtenden Beratung nicht verändert werden. Als Handlungsoptionen werden hier Möglichkeiten gesucht, auf eine mögliche zukünftige Entwicklung der Situation so einzuwirken, dass eine negative Situation gar nicht erst eintritt. Daher werden hier verschiedene hypothetische Szenarien als Sachverhalte angenommen, für deren Eintreten oder Verhinderung auf der Basis der anwaltlichen Einschätzung Vorkehrungen getroffen werden. Diese hypothetischen Szenarien können Anwalt und Mandant gleichermaßen einbringen. Hier steht also stärker das probeweise Durchspielen von Handlungsoptionen und deren Folge im Vordergrund. Ebenfalls werden Mandanten hier stärker mögliche zukünftige Entwicklungen im Sachverhalt einbringen, indem sie dafür Handlungsoptionen einbringen oder erfragen. Aufgrund der Privatautonomie, die für die meisten Fälle der gestaltenden Beratung greift, sind die Möglichkeiten und Handlungsspielräume der Beteiligten für Handlungsoptionen größer. Hier kommt dem übergeordneten Handlungsprozess, also auch dem Wissen des Mandanten über mögliche Entwicklungen oder die weiteren Beteiligten, ein wichtiger Stellenwert zu, wenn diese an einer außergerichtlichen Regelung beteiligt sein sollen (vgl. GS_KB_1, A: „Wenn Sie mir… Wenn man sich jetzt mal den Kopf der Schwester zerbricht… Ähm • • ähm das muss man ja tun. Die muss ja mitstimmen/ äh mitspielen • • und zustimmen“).

In der verwerfenden Beratung hingegen kann die Entwicklung von Handlungsoptionen sehr knapp ausgestaltet sein, denn mit der Begutachtung ergibt sich in der verwerfenden Beratung, dass keine weiteren Handlungsoptionen bestehen oder diese nicht mit einem vorteilhaften Ergebnis für den Mandanten enden. Der Plan in der verwerfenden Beratung lautet also „Keine Handlung(soption) ausführen“. Die Planbildung kann hier hypothetisch oder ← 320 | 321 → probehalber durchlaufen werden, um mit einer entsprechend negativen Bewertung durch den Anwalt und der Entwicklung eines negativ endenden Handlungslayouts zum Verwerfen des Plans zu führen (vgl. IP_IG_1 „Also • um das dann auch durchzuspielen“).

Im Anschluss an die Planannahme findet die Planübernahme und Verarbeitung in allen Typen der Rechtsberatung statt.

9.5 Das anwaltliche Erstgespräch als Beratungsgespräch

Betrachten wir die beiden zentralen Handlungskomplexe im anwaltlichen Erstgespräch, die Sachverhaltsbegutachtung und die Entwicklung von Handlungsoptionen gemeinsam, ergeben sich mit ihnen die beiden zentralen Handlungskomplexe, die für Beraten rekonstruiert werden.

Verglichen mit den Beobachtungen und Ergebnissen zum Beraten (Kallmeyer 2000, 1985; Nothdurft et al. 1994; Kapitel 3), zeigt sich, dass Kallmeyer als für Beratungsgespräche konstitutiv die Problempräsentation, die Entwicklung einer Problemsicht durch den RG sowie die Redefinition des Problems und Festlegung des Beratungsgegenstandes feststellt (Kallmeyer 2000: 237). Diese korrespondieren mit der Sachverhaltsdarstellung und der Sachverhaltsbegutachtung. Für die hier so genannte Entwicklung von Handlungsoptionen nimmt Kallmeyer einen Dreischritt an: die Lösungsentwicklung, die Verarbeitung des Lösungsangebots und die Vorbereitung der Realisierung (Kallmeyer 2000: 234f.; 238, Nothdurft/Reitemeier/Schröder Nothdurft et al. 1994: 10 nennen hier zusammenfassend die „Lösungsentwicklung und Lösungsverarbeitung“). Wie sich zeigt, findet sich dieser Dreischritt auch im Muster Entwicklung von Handlungsoptionen wieder, die Lösungsentwicklung im Handlungslayout entwickeln, die Verarbeitung des Lösungsangebots beim Einwand, der Ergebnissicherung und der (emotionalen) Verarbeitung, die Vorbereitung der Realisierung bei der Ergebnissicherung und ebenfalls dem Handlungslayout entwickeln.

Kallmeyer selbst attestiert der Lösungsentwicklung eine „schubweise Realisierung“ (Kallmeyer 2000: 238). Dies beinhaltet die Verzahnung von Verarbeitung und Lösungsentwicklung, die erst durch die Darstellung im Muster tatsächlich sichtbar wird. Hier zeigt sich, dass sich die sukzessive, schubweise Bearbeitung der herausgearbeiteten kommunikativen Aufgaben des anwaltlichen Erstgesprächs als schrittweise Planannahme und später dann Planübernahme durch die Darstellung als sprachliches Handlungsmuster gut zeigen lässt. „Typischerweise reagiert RS im Verlauf der Lösungsentwicklung mit Verarbeitungsmanifestationen wie Ergänzungen zur Problemdarstellung oder Hinweisen auf Akzeptationskriterien“ (Kallmeyer 2000: 238). Der Prozess, den ← 321 | 322 → Kallmeyer mit Lösungsverarbeitung bezeichnet, findet sich hier also einerseits bereits sukzessive während der Entwicklung von Handlungsoptionen im Einwand (7), in der Ergebnissicherung (11) und der (vorläufigen) Planannahme (8) (vgl. diese Möglichkeiten auch bei Rehbein 1985: 356f. als Gegenbeispiele Skepsis oder Beipflichten). Die tatsächliche Akzeptationsentscheidung findet sich im Muster in der Planübernahme (12). Dies entspricht in anderen Untersuchungen zum Beraten der kommunikativen Handlung der Übernahme (Wunderlich 1981; Boettcher 2004a, 2004b) oder der Akzeptationshandlung (Schank 1981). Die Planübernahme geht einher mit einer (emotionalen) Verarbeitung (13), die sich bei Kallmeyer z. B. als „Selbstplausibilisierung“ (Kallmeyer 2000: 238) in der Aufgabe Vorbereiten der Realisierung findet.

Auch mit den von Rehbein (1977: 323f.) für das Ratgeben erarbeiteten Bedingungen lassen sich anwaltliche Erstgespräche weiter als Beratungsgespräche einstufen. Denn Rehbein setzt vor allem das Moment der Bewertung für das Ratgeben zentral, das er beim Berater verortet. Rehbein bezeichnet dies als „Platzierung des Bewertungsmechanismus nicht im Subjekt des Handlungsprozesses (=H), sondern in einem anderen Sprecher“ (Rehbein 1977: 323). Dazu gehört, dass der Berater ein Wissen über „Verlauf und Folgen ähnlicher Handlungen“ (ebd.) hat und antizipieren kann, welche Alternative erfolgreich ist. Dieses Wissen fehlt dem Ratsuchenden. Für die Entwicklung von Handlungsoptionen im Mandantengespräch trifft genau das zu, zumindest bezogen auf die Rechtswelt und das institutionelle Handlungsfeld. Der Anwalt kennt Handlungspläne, teilweise standardisierte (2) und ist in der Lage diese zu bewerten und Folgen zu benennen (3). Diese Bewertungen werden wie gezeigt vom Mandanten häufig erfragt. Weiter gehört dazu, dass der Berater „die persönlichen Fähigkeiten des Hörers“ (Rehbein 1977: 323) einschätzt und auch aus dessen Perspektive die beste Handlungsalternative abwägt. Auch dies zeigt sich im Mandantengespräch, denn der Anwalt antizipiert ebenfalls den übergeordneten Handlungsprozess des Mandanten und passt das Handlungslayout darauf an. Der Mandant hat zunächst seinen Fokus auf eine Lösung in der Rechtswelt gelegt, der Anwalt verengt nun diesen Fokus weiter.

Damit zeigt sich also, dass das anwaltliche Erstgespräch insgesamt als Beratungsgespräch einzustufen ist, weil es die für Beratung grundlegenden Handlungskomplexe beinhaltet (vgl. aber auch die Kapitel 10 und 11, die die verkaufenden Anteile des anwaltlichen Erstgesprächs beleuchten).

9.6 Zusammenfassung der Ergebnisse

Im vorliegenden Kapitel wurden die Schemakomponente Handlungsmöglichkeiten entwerfen und die damit eng zusammenhängende Schemakomponente ← 322 | 323 → Verarbeitung der Lage in der Rechtswelt und der Handlungsmöglichkeiten in ihrer gemeinsamen Bearbeitung der Beteiligten als sprachliches Handlungsmuster Entwicklung von Handlungsoptionen untersucht.

Dabei hat sich herausgestellt, dass die Entwicklung von Handlungsoptionen an die Sachverhaltsbegutachtung anschließen kann bzw. dessen Ergebnis, die Einschätzung auf Seiten des Anwalts und die Einschätzung‘ auf Seiten des Mandanten, jeweils mental als Grundlage voraussetzt. Dazu kommt, dass der Mandant seinen übergeordneten Handlungsprozess weiter in seinem Wissensbereich präsent hält und dass der Anwalt diesen ebenfalls antizipiert. Auch dieses Wissen des Anwalts ist ein Resultat der Sachverhaltsbegutachtung, da er hier ein Bild des Sachverhalts in der Lebenswelt entwickelt hat. Maßgeblich auf diesen mentalen Grundlagen fußt der Bewertungsprozess, der für die Entwicklung von Handlungsoptionen zentral ist. Der Anwalt ist als Experte derjenige, der Handlungsoptionen, die in der Rechtswelt möglich und zielführend sein können, einbringt und mit diesem professionellen Wissen und der Antizipation des Mandanten und seiner lebensweltlichen Lage bewertet. Vor allem die juristische Bewertung ist für diesen Prozess konstitutiv und wird auch häufig vom Mandanten explizit erfragt. Aber auch der Mandant bewertet in der Folge die Handlungslayouts, die der Anwalt eingebracht hat, indem er Einwände vorbringt oder ergebnissichernde Rückfragen und Zusammenfassungen zur Umsetzung stellt. Zentral für die Entwicklung von Handlungsoptionen ist, dass der Mandant letztendlich die Entscheidung über die Planübernahme hat, dass er also einem Handlungslayout des Anwalts zustimmen muss. Erst damit wird das Handlungslayout zum ausführbaren Handlungsplan.

Beim Entwickeln von Handlungslayouts ist häufig zu beobachten, dass Anwälte Pläne ziehen, das heißt für bestimmte Sachverhalte in der Lebenswelt standardmäßig Pläne für die rechtsweltliche Bearbeitung bereithalten. Diese werden häufig dann nur sehr knapp verbalisiert, sodass die Autonomie bei der Entscheidung für den Mandanten geringer wird, weil er nur Bruchstücke des Plans kennt oder versteht. Da die Ausführung in der Regel aber in den Händen des Anwalts liegt, kann auch mit diesen verkürzten Handlungslayouts das Muster bis zur Planübernahme durchlaufen werden. Dies führt aber dennoch dazu, dass Mandanten uninformierter und mit weniger Entscheidungsmöglichkeiten aus dem Gespräch gehen.

Mit der Planübernahme hat der Mandant die Möglichkeit, das Ergebnis (emotional) zu verarbeiten, der Anwalt kann dazu Verarbeitungshilfen geben. Eine weitere Möglichkeit, die von Anwälten häufig wahrgenommen wird, ist an Stelle einer Verarbeitungshilfe zurück zur Wiederholung des Handlungsplans zu gehen und damit ggf. erneut in einen Musterdurchlauf einzusteigen. Dieser ← 323 | 324 → Rückgang ist für den Durchlauf durch das Handlungsmuster nicht funktional, da hier eine Verarbeitung des Plans gefragt und damit ein erneuter Durchlauf nicht zweckführend ist. Die (emotionale) Verarbeitung kann bei Mandanten dazu führen, dass sie das Thematisieren von Erleben von Emotionen initiieren, ein Handlungsmuster, das im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht systematisch untersucht wurde. Dieses führt ebenfalls die Entwicklung von Handlungsoptionen nicht weiter, sondern erfüllt einen eigenen Zweck.

Die Typen der anwaltlichen Erstberatung, die begutachtende, die gestaltende und die bearbeitungsverwerfende Rechtsberatung, lassen sich durch die Entwicklung von Handlungsoptionen differenzieren. Das sprachliche Handlungsmuster wird zwar in allen Typen grundsätzlich in der gleichen Form durchlaufen, es lassen sich aber jeweils Spezifika innerhalb dieser gemeinsamen Grundstruktur ausmachen.

Gemeinsam mit der Sachverhaltsdarstellung und der Sachverhaltsbegutachtung kann im Anschluss an dieses Kapitel das anwaltliche Mandantengespräch als Beratungsgespräch klassifiziert werden, da es die beiden dafür zentralen und konstitutiven Handlungskomplexe, das Klären und Aushandeln des Problems sowie die Lösungsentwicklung aufweist.

9.7 Entwicklung von Handlungsoptionen und Sicht der Praxis

Betrachtet man die anwaltliche Praxisliteratur zur Entwicklung von Handlungsoptionen, fällt auf, dass bereits bei der Beschreibung der anwaltlichen Problemlösung Handlungsoptionen entwickelnde Tätigkeiten des Anwalts besprochen werden. Kilian nennt diese „Problemlösung entwickeln“ und „Problemlösungsoptionen auswählen“ (Kilian 2008: 14). Kilian beschreibt vor allem in der Phase der Entwicklung von Problemlösungen, dass sich einerseits häufig Routinelösungen ergeben und sich ansonsten einige mögliche Lösungen aufgrund verschiedener tatsächlicher Durchführungsprobleme ausscheiden lassen, sodass häufig eine Lösung übrig bleibt (Kilian 2008: 14). Dies bestätigt sich vor allem in den hier untersuchten Gesprächen, in denen das Ziehen von Plänen von Seiten der Anwälte beobachtet werden konnte. Dass dieses Pläneziehen für das Gespräch problematisch werden kann, weil diese als Handlungslayouts nur noch verkürzt verbalisiert werden, wurde beschrieben. In der Praxisliteratur wird dieses Reduzieren auf eine mögliche Standardlösung im Gegensatz dazu als Vorteil und für den Anwalt angenehm dargestellt, Kilian spricht von einer „angenehm vorbestimmt[en]“ Lage (ebd.). Dies ist insofern nachvollziehbar, da Routine die Arbeit ja bekanntlich erleichtert und auch nicht grundsätzlich problematisch. Dennoch wäre hier der Hinweis sicherlich angebracht, dass Anwälte sich ← 324 | 325 → beim Ziehen von Plänen bewusst machen sollten, dass diese für Mandanten keinesfalls Standardlösungen sind und dass sie daher genauso ausführlich entwickelt und ausgeführt werden sollten, wie individuell für den Mandanten entwickelte Handlungslayouts. An anderer Stelle aber betont auch Kilian, dass eine Mandantenunzufriedenheit häufig wegen mangelnder Informiertheit entsteht, und empfiehlt, über „zu erwartende Schritte der Mandatsbearbeitung“ zu informieren (Kilian 2008: 36). Hier geht nicht ganz klar hervor, ob Kilian vom Layout des Handlungsplans spricht oder von faktisch anfallenden nächsten Schritten bei einem bereits gefassten Plan. Ähnlich auch bei Schmid, der ebenfalls Informationen zum bereits gefassten Plan empfiehlt: „Wenn der dem Mandant zu Grunde liegende Sachverhalt von Ihnen ermittelt und erfasst ist, sollten Sie unbedingt mit dem Mandanten das weitere Vorgehen in der Sache selbst abstimmen, insbesondere dem Mandanten erklären, was Sie in seiner Sache konkret unternehmen werden“ (Schmid 2004: 471). Vergleichen wir das oben diskutierte Beispiel FO_GP_1, so informiert die Anwältin den Mandanten ganz am Ende über die weiteren Schritte, lässt den Mandanten aber dennoch über den Handlungsplan als solchen und mögliche Alternativen im Unklaren, was dazu führt, dass er nicht in der Lage ist, selbst zu entscheiden. Er wird lediglich über das Ergebnis und die Ausführung von der Anwältin informiert, was nicht zu bemängeln ist, aber als alleinige Information nicht ausreicht. Denn hier ist zu unterscheiden zwischen dem Informieren des Mandanten über Handlungsalternativen (Handlungslayout entwickeln), um einen Entscheidungsgrundlage herzustellen, und der Bestimmung der weiteren Zusammenarbeit mit der Information über die konkreten nächsten Schritte in der Mandatsbearbeitung, die der Verständigung über die weitere Zusammenarbeit dienen. Beide haben also eine verschiedene Funktion und sollten daher entsprechend bearbeitet und nicht gegenseitig ersetzt werden. Gerade bei der Entwicklung des Handlungslayouts ist sicherlich der Grad der Detailfülle an Informationen sowie das Verhältnis zwischen Paternalismus und Dienstleistung individuell auf den Mandanten anzupassen, in jeden Fall aber gilt es, sich der Problematiken beim Nichtinformieren von Mandanten bewusst zu werden.

König/Weth untergliedern die „Lösungsphase“ entsprechend ihres Beratungsverständnisses (vgl. kritisch dazu Kapitel 2.2.3.2) in Möglichkeiten im Rahmen der Expertenberatung (König/Weth 2004a: 32) und jene im Rahmen personaler Beratung (König/Weth 2004a: 33). In diesem Rahmen erkennen sie, dass sowohl Lösungen vom Experten als auch Vorschläge vom Mandanten eingebracht werden (König/Weth 2004b: 32f.) und dass beide die Möglichkeit haben, diese Alternativen zu bewerten (König/Weth 2004b: 35). Erstaunlich scheint in diesem Ratgeber allerdings die Tatsache, dass König/Weth empfehlen, ← 325 | 326 → im Rahmen der Lösungsphase zunächst das Handlungsziel des Mandanten zu klären (König/Weth 2004b: 29ff., vgl. ähnliche Empfehlungen auch bei JuraForum 2013: 2; Klinge/Klinge 1998: 26f.). Positiv ist sicherlich, dass sie überhaupt darauf hinweisen, die Zielklärung als eigenen Schritt im Beratungsgespräch anzuerkennen und durchzuführen. Vergleicht man diese Empfehlung mit den hier erarbeiteten Ergebnissen, so dürfte die Lösungsphase wohl für die Zielklärung relativ spät sein, da bereits die Sachverhaltsbegutachtung maßgeblich auf dem Ziel des Mandanten fußt. Entsprechend wäre aus dieser Perspektive zu empfehlen, das Ziel früher explizit zu klären und so bereits den Begutachtungsprozess danach auszurichten. Denn wie sich in den Daten gezeigt hat, gehen Anwälte häufig sehr schnell von der Begutachtung zur Entwicklung von Handlungsoptionen, teilweise ohne ihre Einschätzung zu explizieren. Damit kann – ist das Ziel des Mandanten bis dahin nicht geklärt und baut die Einschätzung bereits auf einem „falschen“ Ziel auf – das Gespräch lange Zeit in eine nicht auf den Mandanten zugeschnittene Richtung verlaufen, die im besten Fall später (im schlimmsten Fall gar nicht) aufwändig revidiert werden muss. Hier scheinen also die Rolle und der Stellenwert des Ziels für den gesamten Beratungsprozess von Seiten der Praxis unterschätzt.

25 Rehbein verwendet den Begriff des Handlungsschemas für die zweite Phase der Planbildung. Da sich seit Entstehen der Überlegungen Rehbeins der Begriff Handlungsschema in der Linguistik inzwischen für die gesprächsanalytische Beschreibung kommunikativer Aufgaben (vgl. Kapitel 4.3.2 und 6.2) durchgesetzt hat, werde ich hier von Handlungslayout sprechen, ein Begriff, den ebenfalls Rehbein im Zusammenhang mit dem Handlungsschema geprägt hat: „Ein Handlungsschema ist das Layout der Gesamthandlung“ Rehbein (1977: 160).