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Fünfzig deutsche Gedichte des 20. Jahrhunderts, textnah interpretiert

Von Stefan George bis Ulla Hahn

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Christoff Neumeister

An fünfzig lyrischen Gedichten deutscher Autoren des 20. Jahrhunderts wird eine Methode textnaher Interpretation vorgeführt. Grundlage ist dabei immer eine genaue sprachliche Analyse des betreffenden Textes, wobei auch die von ihm suggerierte Kommunikationssituation, sein Aussage-, Ausdrucks- und Appellcharakter sowie sein durch bestimmte Hervorhebungsmittel erzeugtes Wichtigkeitsrelief berücksichtigt werden. In der Regel wird auch die Lebenssituation des Autors, aus der das Gedicht hervorgegangen ist, in die Betrachtung mit einbezogen. Das Ergebnis erhebt nicht den Anspruch, die allein richtige Interpretation zu sein, wohl aber den, sich konsequent innerhalb des durch den Textbefund gesetzten Verständnisrahmens zu halten und insofern einen diesem angemessenen Deutungsvorschlag zu machen.
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23 Domin: Auf der anderen Seite des Monds

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Auf der andern Seite des Monds

Aus der 1964 veröffentlichten Gedichtsammlung „Hier“.

Zwei Versgruppen zu je elf Versen. Die Verse sind von ganz ungleicher Länge und bestehen zum Teil nur aus einem oder zwei Wörtern, die auf diese Weise aus ihrem syntaktischen Zusammenhang herausgelöst und hervorgehoben werden („gehen“, „sie wohnen“, „in Helle“, „weggescheucht“, „ihre Stellvertreter“, „fremder“, „du weißt“, „die deinen“). An der Rhythmisierung fällt auf, daß jedesmal, wenn vom Gang der Tage „auf der andern Seite des Monds“ die Rede ist (in den Versen 1–4, 10 und 11, 19–22), sich ein daktylischer Rhythmus vordrängt. Die Zeilen 2–5 bilden zusammengenommen sogar einen vollständigen Hexameter, die Zeilen 13 und 19 haben den Rhythmus eines Hexameterschlusses.1

Die Überschrift nimmt den ersten Vers des Gedichttextes vorweg. Sie suggeriert sowohl Unsichtbarkeit als auch Entrücktheit. Und wenn die Tage, die dort gehen, ← 204 | 205 → als „wirklich“ bezeichnet werden, so ist das sicherlich nicht im Sinne von „real“ im Gegensatz zu „unwirklich, bloß vorgestellt“ zu verstehen, sondern im Sinn von „eigentlich, wesentlich“ im Gegensatz zu „uneigentlich, wesenlos“, d. h. die „wirklichen Tage“ bezeichnen nicht etwa den Alltag der angesprochenen Person – dagegen sprechen ja auch ihre feierliche Gewandung und ihr feierlich daktylisches Dahinschreiten2 –, sondern es wird im Gegenteil gerade darauf aufmerksam gemacht, daß die Tage ihres Alltags nicht ihre wirklichen Tage, nicht ihr eigentliches Leben sind, sondern daß es für sie noch ein anderes, wenn auch ihr derzeit entr...

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