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Goethes Wanderjahre in Lateinamerika und der Südsee

Dieter Strauss

«Wie gern möchte ich nur einmal Humboldten erzählen hören», so ein Seufzer Ottilies in Goethes Wahlverwandtschaften. Aber auch die anderen großen Lateinamerika-Reisenden und Weltumsegler seiner Zeit waren Goethe bekannt. So zum Beispiel Georg Forster, der die zweite Weltumsegelung Kapitän Cooks mitgemacht hatte, oder auch der Vater des brasilianischen Bergbaus Wilhelm von Eschwege und berühmte Brasilienforscher wie Prinz Wied zu Neuwied oder die Bayern Spix und Martius. Diese Entdecker verführten ihn fast zu einer Auswanderung, es blieb jedoch bei Gedankenreisen nach Lateinamerika und in die Südsee – Träume, die sich auch in seinem Werk widerspiegeln. Mehr noch: Der Reisende und Wanderer Goethe ist mit seiner Begeisterung für die Neue Welt in Werken späterer Schriftstellerkollegen selbst zur literarischen Figur geworden.
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„Alle Reisebeschreibungen sind mir, als wenn ich in meine flache Hand sähe“

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(1)

Goethes Gedankenreisen

Goethe brach immer wieder aus der Realität aus. Die Gegenwart hatte ihm einfach zu viel Beengendes, Beschränkendes, oft Verletzendes, (2) wie er Zelter schrieb. Da konnte ruhig Moskau abbrennen, was kümmerte es ihn? (3) Neben Lebensabrissen und Reiseberichten war es die Poesie, die ihn von den irdischen Lasten zu befreien wusste: Wie ein Luftballon hebt sie uns mit dem Ballast, der uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperspektive verwickelt vor uns daliegen. (4) Gegenüber Charlotte von Stein verwendete er ein noch poetischeres Bild: Und wenn ich denke, ich sitze auf meinem Klepper und reite meine pflichtmäßige Station ab, auf einmal kriegt die Mähre unter mir eine herrliche Gestalt, unbezwingliche Lust und Flügel und geht mit mir davon. (5) Mut und Entschlossenheit zum Traum und zu Phantasiereisen durften dabei keineswegs fehlen. Sonst versinke man wie Petrus im Meer, als er dem auf den Wellen wandelnden Jesus begegnete und ihn seine Courage verließ. So jedenfalls erklärte Goethe die Legende Eckermann im Februar 1831. (6) Dass er auch mit achtzig Jahren täglich Neues denken wollte, (7) das unterstützte seine virtuellen Reisen ebenso wie die große Liebe zur Ethnologie und zu fernen Ländern, die er mit seinem Herzog teilte. Und zur Natur: Es geht doch nichts über die Freude, die uns das Studium der Natur gewährt, … Und gerade, dass sie am Ende doch...

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