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Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation an den Kölner Hochschulen

Ein Beitrag zur «Dezentralisierung» der deutschen Kolonialwissenschaften

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Anne-Kathrin Horstmann

Köln und seine Hochschulen blicken auf eine lange, bisher vernachlässigte koloniale Vergangenheit zurück. Sowohl in der Zeit des realen Kolonialbesitzes als auch im Zuge des Kolonialrevisionismus der Weimarer Republik und der NS-Zeit spielten «koloniale Themen» eine kontinuierliche Rolle in Wissenschaft und Öffentlichkeit, obwohl Köln nicht auf den ersten Blick als Kolonialmetropole erscheint und es in der Stadt nie ein «Kolonialinstitut» gab. Wissensproduktion und koloniale Herrschaftslegitimation waren dennoch eng miteinander verknüpft. Die Studie spürt dieser vielschichtigen Verbindung nach und liefert durch ihren lokalhistorischen und postkolonialen Ansatz nicht nur neue Erkenntnisse für die Universitäts- und Stadtgeschichte, sondern auch für eine kritische Wissenschafts- und Kolonialgeschichte.
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5.2.3 „Kapitel aus der kolonialen Völkerkunde“

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580

Neben der Geographie ist die Völkerkunde bzw. Ethnologie581 sicherlich die Kolonialwissenschaft schlechthin. Als „Wissenschaft vom kulturell Fremden“582 war sie in entscheidender Weise an der Produktion von ‚kolonialem Wissen‘ und an der Konstituierung des kolonialen Diskurses beteiligt und machte das koloniale Projekt in vielerlei Hinsicht überhaupt erst möglich und denkbar. Sozialdarwinistische und evolutionistische ‚Ideen‘ waren unter den meisten Völkerkundlern weit verbreitet. Mit ihren Theorien und Ansätzen teilten sie in ‚Natur-und Kulturvölker‘ ein, konstruierten sogenannte ‚Ethnien‘ und ‚Stämme‘ und schufen die ‚Anderen‘ damit erst. Völkerkundliche Wissensproduktion muss daher also nicht nur als die Produktion von (stereotypem) Wissen über die ‚Anderen‘ verstanden werden, sondern als die Konstruktion des ‚Anderen‘ überhaupt. Auf einer vermeintlich ← 174 | 175 → wissenschaftlichen Grundlage wurden so ‚Erkenntnisse‘ geschaffen, verfestigt und etabliert, die das koloniale Projekt direkt oder indirekt legitimierten.583

Vor diesem Hintergrund verwundert es daher kaum, dass es zeitgleich zur kolonialen Expansion Ende des 19. Jahrhunderts zur universitären Etablierung des Faches sowie zur Gründung von Völkerkundemuseen kam.584 Ähnlich wie andere Disziplinen profitierte auch die Völkerkunde von den Rahmenbedingungen der kolonialen Expansion: Ihr Wissen wurde von den Kolonialmächten gezielt nachgefragt, da die Kolonien und vor allem ihre Bevölkerung ‚erfasst‘ und ‚erforscht‘ werden mussten. Gleichzeitig boten die Kolonien für viele Völkerkundler bessere und einfachere Arbeitsbedingungen für ihre Forschungen, auch konnten ethnographische Objekte dank der kolonialen Infrastruktur leichter bezogen werden.

← 175 | 176 → In Deutschland ist die Institutionalisierung des Faches...

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