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Polens Staatlichkeit in sieben Jahrhunderten

Eine völkerrechtliche Analyse zur Staatensukzession

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Adrianna Michel

Das Buch befasst sich mit Polens Geschichte in den vergangenen 700 Jahren und geht der Frage seiner Staatlichkeit nach. In einem historischen Teil werden die seit dem 14. Jahrhundert vereinbarten Unionsabschlüsse mit Litauen, die Teilungen des Landes in den Jahren 1772, 1793 und 1795 und schließlich die staatliche «Wiedererrichtung» nach dem Ersten Weltkrieg vorgestellt. Anschließend beschreibt die Autorin die Voraussetzungen für die Entstehung und den Untergang von Staaten und deren Folgen, erforscht das Verhältnis von Effektivitäts- und Kontinuitätsgrundsatz und hebt die Bedeutung der normativen Kraft des Faktischen hervor. Unter Berücksichtigung des Grundsatzes tempus regit actum erfolgt in einem dritten Teil die völkerrechtliche Würdigung der Polen betreffenden territorialen und statusrechtlichen Veränderungen.
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4. Kapitel: Polens „Auferstehung“ als unabhängiger Staat

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Die Versailler Friedenskonferenz proklamierte im Jahre 1919 die Unabhängigkeit der Republik Polen und legte die Grenzen des polnischen Staates1093 fest. Polen existierte nach dem Ersten Weltkrieg weiter, nun als „Zweite Republik“. Fraglich ist, wann der polnische Staat aus rechtlicher Sicht faktisch errichtet wurde und tatsächlich seine Unabhängigkeit wiedererlangte. Noch während des Ersten Weltkriegs beschlossen die Kaiserreiche Deutschland und Österreich-Ungarn die Gründung eines selbständigen polnischen Staates. Um dieses Ziel zu verwirklichen, besetzten sie im Jahre 1915 das Gebiet des ehemaligen Königreichs Polen, das als ← 464 | 465 → Provinz „Weichselland“ an das Russische Reich de facto angegliedert war. Mit dem Königreich Polen trat damit ein neues Gebilde hervor, das möglicherweise bereits die Wiederherstellung des polnischen Staates zur Folge hatte.

Im Sommer 1915 besetzten Deutschland1094 und Österreich-Ungarn die zu Russland gehörenden Gebiete, die früher das Territorium des Königreichs Polen1095 ausmachten. Diese Gebiete gehörten faktisch seit dem Jahre 1832 als Provinz „Weichselland“ zum Russischen Reich. Das polnische Besatzungsgebiet teilten die beiden Okkupationsmächte in zwei Generalgouvernements auf. Das österreichisch-ungarische Gouvernement hatte seinen Sitz in Lublin, das deutsche Gouvernement in Warschau.1096 Mit dieser Inbesitznahme war Russland de facto nicht mehr im Besitz der ehemals polnischen Gebiete.

Die Besatzung des ehemals polnischen Gebietes setzte den Prozess der Wiedererrichtung eines unabhängigen polnischen Staates in Gang. Dieser Vorgang könnte bereits rechtliche Konsequenzen im Hinblick auf eine Wiedererrichtung Polens haben.

1. Proklamation vom 5. November 1916 als Rechtsgrundlage f...

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