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Nomadisches Schreiben nach dem Zerfall Jugoslawiens

David Albahari, Bora Ćosić und Dubravka Ugrešić

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Diana Hitzke

Nach dem Zerfall Jugoslawiens legen David Albahari, Bora Ćosić und Dubravka Ugrešić Texte vor, die sich als nomadisches Schreiben bezeichnen lassen. Sie handeln von der Migration der Protagonist_innen und stellen Bewegungen durch literarische Verfahren her. Kulturelle Transformationen und Destabilisierungsprozesse bilden nicht nur den Hintergrund der Texte, sie sind auch Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung. Das Nomadische – ein Gilles Deleuze und Félix Guattari entlehnter und für die literarische Analyse fruchtbar gemachter Begriff – wird in der Analyse der Texte sichtbar. Schwerpunkte liegen auf den intermedialen Bewegungen zwischen Tonband und Text bei Albahari, der Imagination einer Gemeinschaft der Staatenlosen bei Ćosić sowie einer Kartografie des Fragments bei Ugrešić.
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4. Kontexte des Schreibens

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4. Kontexte des Schreibens

Mehr als einer schreibt wahrscheinlich wie ich und hat schließlich kein Gesicht mehr. Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns frei lassen, wenn es sich darum handelt, zu schreiben.604

4.1 Das autobiografische Moment zwischen De-Facement und Gesichtsmaschine

Ich beziehe mich in meiner Arbeit nur auf diejenigen Texte der drei Autor_innen, in denen sich ein autobiografischer Diskurs entfaltet (eine Ausnahme ist der Exkurs zu Ugrešićs Ministarstvo boli, einem Text, in dem sich – trotz der auktorialen Erzählweise, durch die klar zwischen Erzählerin und Erzähltem differenziert werden kann – durch das Hund-Werden nomadische Elemente finden). Durch die unklare Position des ‚Ich‘ im Text, das gleichzeitig erzählt, schreibt (weil die Protagonist_innen Schriftsteller_innen sind) und Gegenstand der Handlung ist, wird die Sprechposition nomadisch. Sie ist nicht greifbar, nicht klar bestimmbar, nicht – auf ein Gesicht – reterritorialisierbar. Damit entfaltet sich gerade auch durch den autobiografischen Diskurs das nomadische Schreiben. Natürlich gibt es auch nomadische Texte ohne Ich-Erzähler (vgl. die meisten Beispiele bei Deleuze und Guattari: Kafka, Melville, Caroll usw.). Es ist jedoch bezeichnend, dass sich bei allen drei Autor_innen gerade im Kontext des Zerfalls Jugoslawiens eine Auseinandersetzung mit dem autobiografischen Diskurs findet und dass diese Texte von der Ausreise der Schriftsteller_innen-Protagonist_innen und vom Schreiben in diesem (postjugoslawischen) Zustand erzählen....

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