Show Less
Restricted access

Die Unschuld

Der Mensch im Zwielicht der Willensfreiheit

Hellmuth Kiowsky

Ist der Mensch für seinen Willen verantwortlich? Diese im philosophischen Diskurs so zentrale Frage konnte bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet werden, obwohl es an Ansätzen und Behauptungen nicht mangelt. Die Standpunkte zur Frage nach dem freien Willen sind jedoch so unterschiedlich, dass eine Antwort ausgeschlossen scheint. Das Ziel dieses Buches ist es, die Thematik kritisch zu beleuchten und Schwierigkeiten aufzuzeigen. So widmet sich der Autor unter anderem der Frage nach Verantwortung und Schuldfähigkeit: um für eine Entscheidung zur Verantwortung gezogen werden zu können, bedarf es der Freiheit, Entscheidungen aus freiem Willen treffen zu können.
Show Summary Details
Restricted access

IV.

← 132 | 133 → IV.

Extract

17. Schuld und Verantwortung

Das Schuldverständnis Schopenhauers gleicht dem christlichen Gedanken von der Erbsünde, einer der Menschheit vererbten moralischen Last. Doch ist der Ursprung der Schuld ein anderer. Das mit der Existenz verbundene Leiden beruht nach der Lehre Schopenhauers auf der Verwerflichkeit des absoluten Willens. Den Lebewesen gelingt ihre Erhaltung nur durch egoistisches Streben, das sich im höher entwickelten Leben im Verlangen nach Individualität ausdrückt. Dadurch entstehen Konflikte in den Interessenbereichen, und die Menschen begehen unmoralische Handlungen. Zwar ist das Streben auf Kosten anderer Substanzen zu leben, unter dem Aspekt des sich objektivierenden Willens das „Natürliche“, aber in den Augen des „moralischen’“ Menschen etwas Verwerfliches. Dass die Welt nicht imstande ist, diesen unvollkommenen Zustand aufzuheben, ist der eigentliche Grund für Schopenhauers Pessimismus, denn das überall zu verspürende Leiden verwehrt es, die Welt optimistisch zu sehen.

Der Urheber des Leidens ist der absolute Wille, und weil der Mensch ein jeweils spezifisch gewollter Wille, d.h. für sein Dasein selbst verantwortlich ist,1 ist er am Leiden der Welt mitschuldig. Das Dasein an sich ist schon eine Schuld, so Schopenhauer,2 welches als ein „Pensum zum Abarbeiten und daher, in der Regel, als ein steter Kampf gegen die Noth anzugehen ist. Bei der Zeugung wird diese Schuld ,kontrahiert‘ und mit dem Tode gesühnt; denn „dass unser Daseyn selbst Schuld implizirt, beweist der Tod“.3

← 133 | 134 → Die Schuld am Leiden liegt aber nicht allein beim absoluten Willen,...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.