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Erschwerte Lektüren

Der literarische Text im 20. Jahrhundert als Herausforderung für den Leser

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Edited By Helke Kuhn and Beatrice Nickel

Im 20. Jahrhundert werden verstärkt abstrakte literarische Texte erzeugt, die als semiotische Angebote komponiert sind. Die Generierung der semantischen Dimension des Textes wird dabei in unterschiedlichem Maße an den Leser delegiert, und zwar im Sinne nicht abschließbarer, auf semiotischen Strukturen basierender Interpretationsprozesse oder der Generierung von literarischen Texten, die der Autor dem Leser in Form von potenziellen Texten oder Textangeboten bereitgestellt hat. Dieser Band verfolgt das Ziel, den literarischen Text im 20. Jahrhundert als Herausforderung und zugleich als Provokation zur Sinnproduktion für den Leser zu erfassen und an mustergültigen Fallstudien aus dem gesamten Bereich der Romania und dem gesamten Bereich der Literatur zu erläutern.
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Die schon vollzogene Revolution: Die Gleichzeitigkeit von Forderung und Umsetzung in Sept manifestes Dada (1924) von Tristan Tzara und Projet pour une révolution à New York (1970) von Alain Robbe-Grillet

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Political manifestos struggle to undo the distinction between speech and action. Two particularly apolitical authors, Tzara and Robbe-Grillet, subvert this structure and keep their texts in a state of constant self-revolution, translating their explicit claims directly into textual mechanisms.

Politische und künstlerische Manifeste besitzen, in einer etwas vereinfachten Perspektive, eine ziemlich klare zeitliche Struktur: Zunächst muss man fordern, Ziele formulieren, die Öffentlichkeit zur Unterstützung der Sache motivieren – und dann muss man handeln, verwirklichen. Im Hinblick auf die tatsächliche, revolutionäre Aktion hat das Manifest also einen vorwortartigen Status, dies jedoch mit einer Haltung der Dringlichkeit, die in gewisser Weise die Nüchternheit eines Plans für die Zukunft hinter sich lässt. Jacques Derrida stellt in La dissémination (1972) bei seiner Analyse des philosophischen Vorworts Ähnliches fest. Auch hier nähert sich der Text, oft in didaktischer Absicht, nach und nach einer angestrebten Wahrheit an, doch diese liegt außerhalb der Vorrede, nämlich im philosophischen Text selbst, der seinerseits „la présentation de la philosophie par elle-même, dans l’auto-production et l’auto-détermination du concept“ (Derrida: 1972, 17) darstellt. Diese ‚Wahrheit‘ stellt in ihrer Struktur im Verhältnis zum Vorwort eine Parallele zur effektiven Aktion da, die das Manifest einläuten möchte. Vorwort und Manifest befinden sich dementsprechend in einer paradoxen Situation, auf der Schwelle zu etwas Anderem, das radikal über sie hinausgeht: „L’espace liminaire est donc ouvert par une inadéquation entre la forme et le contenu du...

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