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Narrative des Ersten Weltkriegs

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Edited By Miriam Seidler and Johannes Waßmer

Wie lässt sich das Fronterlebnis erzählen? Dieser Frage sahen sich die Soldaten im Ersten Weltkrieg gegenüber. Das, was sie an der Front erlebten, ist so neu und einzigartig, so traumatisch und gewaltsam, dass es nicht in Worte gefasst werden kann, selbst wenn es bildlich vor Augen steht. Traditionelle Darstellungsweisen von Krieg und Gewalt werden dem Erleben nicht gerecht. Nicht nur die Kriegsgräuel, auch die gesellschaftliche Rechtfertigung des Krieges und vor allem die Euphorie bei Kriegsbeginn bedürfen einer Sinndeutung. Neben der kulturgeschichtlichen Verortung des Kriegserlebens nimmt der Band vermeintliche Randphänomene wie das Erleben der Heimatfront, den U-Boot-Krieg und den Krieg in Ostpreußen, sowie das weibliche Kriegserleben in den Fokus.
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Erzählungen des Ersten Weltkriegs in Ostpreußen und die Utopie der ›Volksgemeinschaft‹

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I.

Während die literarische Erzählung der Westfront im Ersten Weltkrieg die soldatische Kameradschaft und die ständige Todesbedrohnung der Frontsoldaten betont, bedingt der ›Bewegungskrieg‹ im Osten andere Narrationen. Bereits Franz Schauwecker betont 1919: „Die Ostfront, räumlich und zeitlich als Ganzes betrachtet, war gegenüber dem Westen […] in ihrer Kampfarmut eine ruhige Front, die von Landwehr-, Landsturm- und Reserveregimentern in Schach gehalten wurde, während das aktive Heer und Reserveregimenter im Westen bluteten.“1 Durch sein Leid und die beständige Lebensgefahr gewinnen sowohl der Soldat als auch die literarische Erzählung der Westfront symbolisches Kapital und können stärker am Kriegsdiskurs der Zeit partizipieren. Umgekehrt resultiert daraus eine enorme „Schwäche der Ostfront im Diskurs der Kriegsliteratur“.2 Fokussiert man den Blick nach Ostpreußen, so ändert sich dieser Befund. Weil russische Truppen direkt zu Kriegsbeginn Teile des Landes erobern, tritt Ostpreußen überraschend in den Fokus öffentlichen Interesses; so erklärt der ostpreußische Heimatschriftsteller Fritz Skowronnek kritisch, „manche Schilderungen“ seien „so oberflächlich und so schief in ihrer Darstellung“, dass er durch ein adäquates Bild der Heimat die „berufenen und unberufenen Federn, die sich behende ans Werk machten, als das Interesse für Masuren plötzlich erwachte“, korrigieren wolle.3

Da sich die Ostfront zeitweise durch die Region zieht4 und ganze Ortschaften großen Zerstörungen ausgesetzt sind,5 kann das zuvor als literarischer Ort ← 81 | 82 → kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit getretene Ostpreußen im All-gemeinen und...

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