Show Less
Restricted access

Kanon und Literaturgeschichte

Facetten einer Diskussion

Series:

Ina Karg and Barbara Jessen

Kanonbildung ist mit Literaturgeschichtsschreibung und der Auswahlproblematik eng verbunden. Stets muss über die Aufnahme oder den Verzicht auf Werke und Autoren eine Sinn- und Bedeutungszumessung im Kommunikationsfeld Literatur vorgenommen werden. Dieser Aufgabe stellte sich die Sektion 11 des Germanistentages 2013 in Kiel. Die hier versammelten Tagungsbeiträge lassen sich folgenden Themenfeldern zuordnen: Zunächst wird Grundsätzliches zur Kanontheorie und Kanonbildung besprochen. Anschließend finden Orte der Vermittlung Erwähnung: Dichterhäuser, Literaturmuseen, Universitäten, Schulen, Theater. Schließlich beschäftigen sich die Beiträge mit übersehenen Epochen und Literaturen: Kinder- und Jugendliteratur, Mittelhochdeutsche Literatur, Drittes Reich, DDR-Literaturgeschichte, Theaterlandschaft um 1800, Interkulturelle Literatur und vergessene Autor(inn)en.
Show Summary Details
Restricted access

Kanonisierungseffekte und Klassikerlektüre/ schriftliche Abiturprüfungen/ Bildungsstandards

Extract

← 128 | 129 →Helmut Bernsmeier

Der Kanon als strenge Auswahl bestimmter Werke und Autoren, die in einer Gemeinschaft als weitgehend mustergültig anerkannt sind, bestimmte bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts weitgehend den Bildungsanspruch und damit den Deutschunterricht in den höheren Schulen. Ausgehend von der alten Bildungstheorie, lesend werde der Schüler gebildet, riefen die Kultusministerien dazu auf, möglichst ein breites Spektrum der nationalen und eingeschränkt der internationalen Literatur im Lehrplan darzustellen. Die traditionsbezogene Literaturdidaktik fragte weniger nach den Bedürfnissen der Schüler, sondern nach der Repräsentanz unserer Kultur und Tradition. Die weltanschaulich geprägte ideologische Erziehung in den Schulen der DDR verknüpfte die Lehrinhalte des Faches Deutsch mit den ideologischen Maximen des Staates, die SED übertrug von Anfang an dem Literaturunterricht eine zentrale sozial-pädagogische Aufgabe. Die Pflege des „kulturellen Erbes“ diente in der DDR allerdings auch dazu, die Überlieferung nicht abreißen zu lassen.

Der Kanon, der vermeintlich gesicherte Bestand der literarischen Tradition, geriet als Bildungsinstanz im Verlauf der studentischen Protestbewegung in die Krise. Die Pflege des literarischen Erbes und der deutschen Klassiker habe sich mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus als ohnmächtig erwiesen und wurde mit der Entwicklung der antiautoritären Bewegung infrage gestellt.

Dieses hatte auch Auswirkungen auf den etablierten Literaturbetrieb. Nachdem Peter Handke 1966 in Princeton auf einer Tagung der Gruppe 47 die „Beschreibungsimpotenz“ der Mitglieder beklagt hatte, galt „Dichter“ als Schimpfwort: Der Tabubruch äußerte sich ein Jahr sp...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.