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Gab es in Bremen im 19. Jahrhundert eine maritime Kultur?

Von kosmopolitischen Hanseaten und absonderlichen Seeleuten- Ein ethnohistorischer Beitrag zur Debatte über Küstengesellschaften

Jan C. Oberg

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Bremen eine beispiellose seewirtschaftliche Blüte. Die Studie geht den kulturellen Folgen dieser Entwicklung nach und verbindet ethnologische Methoden mit historischer Recherche. Der Autor schildert die wirtschaftliche Bedeutung der Seefahrt, das Selbstverständnis und die Alltagspraxen des Bremer Bürgertums sowie das Verhältnis der Bremer zu in- und ausländischen Seeleuten. Er entdeckt soziale, kulturelle und räumliche Praxen der Distinktion und Exklusion und zeichnet den Prozess nach, in dem die kulturellen Stereotypen von hanseatischen Weltbürgern und absonderlichen Seeleuten entstanden. Das Konstrukt einer kultivierten Hansestadt mit einer vulgären Hafenkolonie ist bis heute Bestandteil des Bremer Selbstbildes. Die Idee der Küstengesellschaft nach Braudel dechiffriert Oberg am Beispiel des Nordseeraums als mental map und Produkt nationaler und global/lokaler Historiographien.
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Schlussbetrachtung

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Das Interesse für den kulturellen Transfer zwischen Gesellschaften an Küsten ist seit den 1990er Jahren kontinuierlich gestiegen. Dies verdankt sich auch der generellen Konjunktur der Kulturtransferforschung der letzten Jahre. Für den Boom des Transferkonzeptes stehen auch die wichtigsten jüngeren historischen Forschungsrichtungen: histoire croisee557, entangled history, transnationale Geschichte, transkulturelle Geschichte, translokale Forschung, Globalisierungsgeschichte, postkoloniale Studien und so weiter.558 Vertreter dieser Richtungen haben eine Vielzahl an Fallstudien zu Transfers vorgelegt und es besteht weitgehend Konsens darüber, dass Kulturen nicht isoliert und unveränderbar denkbar sind, sondern nur als heterogene, hybride, variable Gebilde. Das Zusammenleben von Menschen, ihre alltäglichen, ihre künstlerischen, ihre sozialen Praxen wurden immer schon von Menschen in anderen oder ähnlichen Lebenszusammenhängen und an unterschiedlichen Orten beeinflusst und hatte selbst wieder Einfluss auf andere. Kulturtransfer zwischen Gesellschaften gilt nicht mehr als Ausnahme, sondern als die „Regel“ (Feuchter 2009).

Ein zentraler Unterschied zwischen vielen Kulturtransferforschungen und dem Konzept der Küstengesellschaft ist aber in dem essentiellen Verständnis des Verhältnisses von Kultur und Raum angelegt, das den meisten küstengesellschaftlichen Studien zugrunde liegt. Kultur wird in diesen Ansätzen pauschal verräumlicht, d.h. an bestimmten geographischen Räumen festge ← 415 | 416 → macht. Viele Küstenforscher gehen davon aus, dass durch räumliche Prägung mehr oder minder homogene kulturelle, ja essentielle Einheiten bzw. „Kulturräume“ entstanden seien. Kulturelle Verflechtungen bzw. die kulturelle „Einheit“ dieser Räume folge meist unmittelbar auf die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den räumlich an der...

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