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Der Symbolbegriff im Denken Ernst Cassirers

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Catia Rotolo

In der philosophischen Debatte über den Status und die Funktion von Erkenntnis und Wissen spielt Ernst Cassirers Kulturphilosophie der symbolischen Formen eine wichtige Rolle. Sprache, Mythos, Wissenschaft und Kunst zählen zu den symbolischen Formen, die Cassirer untersucht, um die geistige Gestaltung des Wirklichen zu verstehen. Nahe an den Wissenschaften zeigt er, wie das Symbolische entsteht, indem dem Sinneseindruck ein Index, eine Ordnung und ein Ort zugewiesen und ein Name verliehen wird. Das Symbolische drückt eine bestimmte Orientierung, eine Grundtendenz und besondere Form des Denkens aus, auch im Feld der Begriffe der Wissenschaften. Cassirers Theorie des Symbols hat die erkenntnistheoretische Konzeption der bloßen nachahmenden Abbildung des Wirklichen überwunden. Das Erkennen hat die Funktion, der gegenständlichen Welt in ihrer komplexen Mehrdimensionalität in freier Tätigkeit des Geistes Gestalt und menschliche Bedeutung zu verleihen. Aus seiner Kritik an der aristotelischen Substanz-Ontologie und am dogmatischen Realismus entwickelt Cassirer seine funktionstheoretische Perspektive des Symbolischen, auf deren anti-deterministischer und zugleich nicht-relativistischer Basis von der epistemischen Freiheit des Menschen als animal symbolicum gesprochen werden kann.
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4 Zum Symbolbegriff

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4.1 Die mythische Dimension der Ausdrucksfunktion

4.1.1 Wiederentdeckung der mythischen Dimension: wie und warum.

Der Mythos zählt zu den Themen, die eine endlose Reihe oft schwer lösbarer Fragen aufwerfen. Im Vorwort zu dem Band der Philosophie der symbolischen Formen, den Cassirer dem Mythos widmet, fragt er sich, ob die Welt des Mythos auf irgendeine Weise mit der Welt der theoretischen Erkenntnis vergleichbar sei oder nicht vielmehr dem Bereich des Scheins angehöre, einem Bereich, von dem die Philosophie sich fernhalten und immer klarer und deutlicher abgrenzen müsse. Ist der Zugang zum Reich der wahren Erkenntnis nicht daran gebunden, dass man die Vorstellungswelt als bloßes illusorisches Traumgewirr anerkennt? Welchen Sinn hat es außerdem, den Blick in die Region der Ungewissheit zurückzuwenden, wenn man diesen Zugang einst erreicht und sich das »Reich der Wahrheit« erschlossen hat? Müsste nicht jede theoretische Weltsicht damit beginnen, diese unförmigen Aggregate auszuschalten und vorbehaltlos ein für allemal auf sie zu verzichten? Könnte nicht sogar die ganze Geschichte der wissenschaftlichen Philosophie als ein einziger Kampf um diese Absonderung und Befreiung gedeutet werden?256 Diesen einleitenden Fragen möchte ich einige weitere hinzufügen, die Cassirer an anderer Stelle aufwirft: Entspringt der Mythos aus dem Spiel der subjektiven Fantasie oder geht er in jedem Einzelfall auf eine »reale Anschauung« zurück, die seine Grundlage bildet? Stellt er eine primitive Erkenntnisform und folglich ein Verstandeserzeugnis dar oder gehört er in seinen grundlegenden Erscheinungen...

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