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Familiennamen zwischen Maas und Rhein

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Edited By Peter Gilles, Cristian Kollmann and Claire Muller

Die Familiennamen im Gebiet zwischen den Flüssen Maas und Rhein stellen infolge der komplexen politisch-historischen Grenzziehungen und durch ihre Lage in der Kontaktzone zwischen Germania und Romania eine besonders vielfältige Quelle für die Namenforschung dar. Der Band umfasst komparative und systematische Beiträge zu den Familiennamenlandschaften in den Grenzregionen von Luxemburg, Belgien, Deutschland und Frankreich, die aus sprachhistorischen, kontaktlinguistischen und kartographischen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Artikelsammlung richtet sich damit sowohl an Sprachhistoriker wie auch an Kulturhistoriker.
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Grundstrukturen der luxemburgischen Familiennamenlandschaft Der Luxemburgische Familiennamenatlas (LFA)

← 8 | 9 → Grundstrukturen der luxemburgischen Familiennamenlandschaft Der Luxemburgische Familiennamenatlas (LFA)

Peter Gilles

Abstract

Der folgende Beitrag resümiert ausgewählte Ergebnisse des Projekts ‚Luxemburgischer Familiennamenatlas (LFA)‘. Nicht nur durch die Randlage im historischen germanophonen Sprachgebiet hat sich in Luxemburg eine charakteristische Namenlandschaft herausgebildet, die durch vielfältige Sprachkontakte mit (hoch-)deutschen und romanischen Sprachen/Varietäten gekennzeichnet ist. Die Analyse bezieht sich auf räumliche Verteilungsmuster von Namen und Namentypen sowie auf sprachhistorische Aspekte. Die Projektergebnisse werden in Form eines Namenbuches und eines Namenatlasses publiziert.

Nach einer Vorstellung von Methodik und Datengrundlage (Kap. 1) folgt eine Präsentation ausgewählter Ergebnisse (Kap. 2).

1 Methodik und Datengrundlage des LFA

Innerhalb der Zielsetzung des LFA1 erfolgt die Beschreibung der luxemburgischen Familiennamenlandschaft in kartographischer und sprachhistorischer, i.e. etymologischer und phonologischer Perspektive. Dabei ist der Fokus primär auf Luxemburg gerichtet. Aufgrund der geographischen Ausdehnung, der Randlage an der germanisch-romanischen Sprachgrenze und vielfältiger historischer Gebietsveränderungen erscheint es jedoch unverzichtbar, die angrenzenden Regionen systematisch in die Analyse mit einzubinden. Vielfältige Sprachkontakte mit deutsch- und romanisch-sprachigen Regionen und natürlich auch die massive Immigration im Verlauf des 20. Jh. verliehen der luxemburgischen Familiennamenlandschaft ihre charakteristischen Züge. In der Sicht dieser grenzüberschreitenden Familiennamenkunde werden also neben Luxemburg, Belgien (besonders Wallonien mit seinen historisch deutschsprachigen Gebieten um Arel, St. Vith und Eupen), Frankreich (besonders die Départements Moselle und Meurthe-et-Moselle) und Deutschland (besonders Saarland, Rheinland-Pfalz, Teile von Nordrhein-Westfalen) in die Untersuchung einbezogen. Als forschungspraktische Maximalausdehnung des Untersuchungsgebietes hat sich die Region zwischen Rhein und Maas als eine brauchbare Grundeinheit herausgestellt, innerhalb derer sich die meisten ← 9 | 10 → für Luxemburg relevanten Namenstrukturen beschreiben lassen. Methodisch wie inhaltlich schließt sich der LFA damit an vergleichbare Vorhaben zu Deutschland (DFA, Steffens 2013) und Belgien (Herbillon/Germain 1996, Marynissen 1994, Marynissen/Nübling 2010) an.

Die Hauptdatenbasis stammt aus Telefonbuchdaten, Geburts- und Melderegistern: Für Luxemburg handelt es sich um die Telefonbuchdaten des editus-Verlags von 2009, für Deutschland um die Telefonbuchdaten der Deutschen Telekom von 2009, für Belgien um das Melderegister von 2008 und für Frankreich um die kumulierten Geburtenregister des ‚Institut national de la statistique et des études économiques (INSEE)‘ für die Jahrgänge 1920 bis 1970. Die deutlich geringere Anzahl verschiedener Namen in den französischen Daten erklärt sich daraus, dass alle Namen mit einer Häufigkeit unter 30 nicht zur Verfügung gestellt wurden. Trotz der teilweise unterschiedlichen Struktur der Daten ist aufgrund der sehr hohen Anzahl die Vergleichbarkeit gewährleistet.2 Über die quantitative Zusammensetzung gibt Tab. 1 Aufschluss.

Tab. 1: Quantitative Zusammensetzung des Familiennamenbestandes

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Die Type/Token-Ratio beträgt für Luxemburg 4,5, d.h. auf einen Namen (‚type‘) entfallen durchschnittlich 4,5 Namenträger/Telefonbucheinträge (‚token‘). Im Vergleich dazu beträgt die Type/Token-Ratio für Deutschland 21 und für Belgien 33. In Luxemburg gibt es also deutlich mehr seltener vorkommende Namen als in den Nachbarländern. Genauere Einsichten in die luxemburgischen Namendaten gewährt Abb. 1, wo eine Aufteilung in Häufigkeitsklassen vorgenommen wird. Zur Abschätzung von historischen Veränderungen finden sich rechts die entsprechenden Daten von 1880, die aus Volkszählungsdaten gewonnen wurden (Müller 1887). In Bezug auf die Types ist zu erkennen, dass heute ca. 90 % der Namen mit den geringsten Häufigkeiten von 1 bis 10 vorkommen, während dieser Anteil 1880 nur bei 65 % lag. Bezogen auf die Tokens bedeutet dies, dass heute ca. 38 % aller erfassten Personen einen Namen der untersten Häufigkeitsklasse tragen. Diese Häufigkeitsverteilung illustriert die starke Diversifizierung des Luxemburger Familiennamenbestandes und ist auf den hohen Anteil der nicht-luxemburgischen Wohnbevölkerung (ca. 44 %) zurückzuführen.

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Abb. 1: Aufteilung der luxemburgischen Familiennamen von 2009 und 1880 in Häufigkeitsklassen

Als zusätzliche Quellen, insbesondere zur historischen Sondierung, wurden neben den bereits erwähnten Volkszählungsdaten von 1880 (Müller 1887), Feuerstättenverzeichnisse von 1561, 1611, 1656 (Oster 1965) und als älteste greifbare Schicht die Rechnungsbücher (1388–1500) der Stadt Luxemburg (Moulin/Pauly 2007ff.) herangezogen, deren Namenbestand von Gniffke (2010) in einem Namenbuch zusammengestellt wurde. Darüber hinaus wurden auch genealogische Datenbanken3 konsultiert, in deren stetig wachsenden Datenbeständen aus Geburts- und Heiratsregistern sich wichtige Hinweise über die Transmission und Veränderung von Familiennamen im generationellen Wechsel aufspüren lassen. Innerhalb dieser historischen Quellendaten nehmen die Volkszählungsdaten von 1880 die wichtige Funktion eines Filters ein: Da es das Ziel des LFA ist, die historische Struktur der Luxemburger Familiennamenlandschaft zu erfassen, bleiben alle Namen, die nach 1880 überwiegend durch Immigration hinzugekommen sind, aus der Untersuchung ausgeblendet. Dies betrifft überwiegend portugiesische und italienische Einwanderernamen wie da Silva (239, Rang 41), dos Santos (178, Rang 66), Ferreira (202, Rang 58) oder Rossi (67, Rang 321). Die Untersuchung konzentriert sich also ausschließlich auf Namen, die bereits 1880 anzutreffen waren.

← 11 | 12 → Zur Verwaltung und Bearbeitung des Namenbestandes wurde eine internetbasierte Datenbank entwickelt,4 in der alle relevanten Informationen eingegeben werden. Zur Namenklassifikation und -beschreibung wurden folgende Kriterien berücksichtigt:

• Name

• Lemma oder Variante

• wenn Lemma: Angabe des Basisnamens

• wenn Variante: Angabe des zugehörigen Namens

• phonetische Transkription für ausgewählte Namen

• Namentyp

• Morphologische und/oder sprachhistorische Kennzeichen

• statistische Angaben zu Häufigkeitsrang und Anzahl

• Etymologie

• Weiterführende sprachhistorische Diskussion

• Beschreibung der Verbreitung

• Historische Belege

Die Datenbank als wichtigstes Arbeitsinstrument wird über verschiedene Formulare ‚gefüttert‘ (vgl. Abb. 2 im Anhang). Da alle Felder sortierbar sind und individuell oder kollektiv durchsucht werden können, lassen sich die Namen nach vielen gewünschten Kriterien ausgeben (z.B. alle Namen auf -tges, alle Herkunftsnamen, alle mehrdeutigen Namen, Namen mit Häufigkeiten zwischen 20 und 30 etc.). Über ein Exportskript können die Daten in Form eines alphabetisch sortierten Namenbuchs oder als XML-Daten zur weiteren Manuskriptherstellung (z.B. in Adobe InDesign) ausgegeben werden.

Auf diese Art und Weise wurden zwischen 2009 und 2012 ca. 2500 Familiennamen unter Zuhilfenahme von onomastischer Forschungsliteratur, Handbüchern und Wörterbüchern (insbesondere Luxemburger Wörterbuch (LWB) und Rheinisches Wörterbuch (RhWB) etymologisiert und ausführlich kommentiert. Ein illustrativer Ausschnitt aus diesem Namenbuch findet sich im Anhang.5

Parallel zur Beschreibungskomponente wurde eine Kartographie-Komponente entwickelt, die sowohl eine flexible, grenzüberschreitende Kartierung ermöglicht, die Karten für verschiedene Teilräume generiert, als auch ein auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Instrument für eine auszubauende europäische Familiennamengeographie darstellt.6 Somit ← 12 | 13 → wurde ein System entwickelt, das aufbauend auf einem Geographischen Informationssystem (GIS) mit realen Geokodierungen arbeitet und das Kartenmaterial für die Grundkarte dynamisch von verschiedenen externen Anbietern oder aus eigenen Quellen beziehen kann. Im Gegensatz zu den Kartierungsprogrammen des Deutschen Familiennamenatlasses, familiennaam.be (http://www.familienaam.be) oder dem Online-Dienst geogen (http://christoph.stoepel.net/geogen), erlaubt das System des LFA prinzipiell eine weltweite Kartierung. Dazu muss für die Namendaten lediglich die Information über Häufigkeit und Ortspunkt vorliegen. Für alle Ortspunkte wird die Geolokalisierung mittels des Längen- und Breitengrades verwendet und anschließend auf einer dynamisch generierten Karte angezeigt.7 Abb. 3 (Anhang) zeigt die Bedienungsoberfläche der Kartierung.

Das Kartierungsmodul verfügt über folgende Funktionalitäten: Auf einer Europakarte können die relativen Häufigkeiten für bis zu vier Namen (oder Namengruppen) in größenskalierten Kreisdiagrammen dargestellt werden. Als Grundkarte wird eine Modifikation der ‚OpenStreetMap‘ verwendet, die lediglich größere Ortschaften/Städte, Flüsse und Landesgrenzen anzeigt.8 Verschiedene weitere Grundkarten können ausgewählt werden (z.B. Google Terrain, Google Satellite, OpenStreetMap, Karte der Einteilung deutscher Dialekte, historische Karten der Großregion u.a.). Mit der Maus kann die Karte an beliebigen Stellen vergrößert oder verkleinert werden, sodass die Verbreitungen in verschiedenen Regionen untersucht werden können. Die Grundkarte der Kartierung lässt sich dahingehend einschränken, dass nur die Namen für die Rhein-Maas-Region, für Luxemburg, Belgien, Deutschland oder – in maximaler Ausdehnung – für alle Länder kartiert werden. Über die Suchfelder links werden die zu kartierenden Namen eingegeben. Diese Felder verarbeiten auch Suchmuster mit ‚regulären Ausdrücken‘, sodass beliebige Namenstrukturen oder -gruppen zusammengefasst kartiert werden können. Über eine Schnittstelle zur Namenklassifizierung werden unter ‚Namenkommentare‘ die Etymologien und sprachhistorischen Diskussionen der kartieren Namen eingeblendet. Verschiedene Statistiken informieren über das Vorkommen der Namen in den vier Ländern. Durch Auswählen eines Symbols auf der Karte erhält der Benutzer Informationen über die Zusammensetzung nicht nur der kartierten, sondern aller Namen für diesen Ortspunkt. Hier können Häufigkeitslisten ausgegeben werden, die z.B. alle Namen für diesen Datenpunkt oder aggregiert für ein größeres Gebiet enthalten (z.B. Deutschland: dreistelliges Postleitzahlengebiet, Frankreich: Departement, Luxemburg: Kanton, Belgien: Gebiet eines dreistelligen NIS-Code). Für Druck-Publikationen kann die Ebene der ← 13 | 14 → Häufigkeitssymbole im Vektorformat SVG exportiert werden und maßstabsgetreu über beliebige Grundkarten montiert werden.

Eine öffentliche Version zur Kartierung aller Familiennamen im Rhein-Maas-Raum wurde im Mai 2012 unter der Adresse http://lfa.uni.lu zur Verfügung gestellt. Gegenüber der internen Kartierungssoftware verfügt diese Version des LFA, hauptsächlich aus datenschutztechnischen Gründen, über weniger Funktionen: Es können die relativen Häufigkeiten von bis zu vier Namen kartiert werden. Eine einfache Platzhaltersuche ermöglicht es, auch Namengruppen mit gemeinsamen Zeichenketten darzustellen. Darüber hinaus werden auch die Etymologien der ca. 2200 häufigsten Luxemburger Familiennamen sowie Namenstatistiken angegeben. Auf komplexe Suchmöglichkeiten mittels regulärer Ausdrücke, Zoomfunktion und Informationen zu einzelnen Ortspunkten wurde hingegen verzichtet; diese bleiben der internen Wissenschaftler-Version vorbehalten. Neben der Kartierungsmöglichkeit von Luxemburger Namen lassen sich damit natürlich auch alle Namen im Saarland, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Wallonien oder Lothringen kartieren, und der LFA wird damit auch zu einem Kartierungsinstrument, um regionale Namenstrukturen in den angrenzenden Ländern darzustellen.

2 Ausgewählte Resultate

2.1 Häufigkeitsbasierte Raumbildungen

Ein erster Überblick über die luxemburgische Namenlandschaft manifestiert sich im Vergleich der 30 häufigsten Namen in Luxemburg und verschiedenen angrenzenden Arealen in Belgien und Deutschland (Tab. 2). Im Vergleich mit der unmittelbar angrenzenden wallonischen Province de Luxembourg und Gesamt-Belgien bilden die luxemburgischen Namen einen starken Kontrast, denn praktisch keiner der überwiegend französischen Namen ist auch in Luxemburg häufig. Die germanisch-romanische Sprachgrenze ist damit in den Familiennamen recht deutlich konturiert. In dieser Übersicht kommt allerdings nicht zum Ausdruck, dass nahezu alle häufigen französischen Namen mit mittlerer oder niedriger Häufigkeit auch in Luxemburg vorkommen: So liegt z.B. Lambert in Luxemburg auf Rang 148, Gérard auf Rang 268, Martin auf Rang 72 und Thiry auf Rang 165. Der Grad der Mischung von romanischen und germanischen Namen lässt sich also erst dann abschätzen, wenn auch mittelfrequente Namen berücksichtigt werden (vgl. Claire Muller im Druck).

Tab. 2: Ranglisten der 30 häufigsten Familiennamen← 14 | 15 →

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Die Ähnlichkeit mit den Namen im dreistelligen Postleitzahlengebiet 546 (Raum Bitburg in der Eifel) oder auch noch mit Gesamt-Deutschland ist hingegen recht offensichtlich. Viele der häufigen luxemburgischen Namen finden sich ebenfalls häufig im Postleitzahlengebiet 546. Viele Namen erscheinen, teils mit minimaler Abweichung in der Schreibung, beiderseits der Landesgrenze (Schmit/Schmitt, Muller/Müller, Wag(e)ner/Wagner, Rot/Roth). Dennoch lassen sich auch hier zahlreiche Unterschiede feststellen: So sind Simon, Ries, Majerus oder Diederich in PLZ 546 seltener.

Eine exakte Einschätzung, inwieweit sich Regionen in ihrem Nameninventar wirklich unterscheiden, kann durch die bloße Inspektion und punktuelle Vergleiche solcher Ranglisten nicht erreicht werden. Dazu ist es vielmehr nötig, möglichst vollständige Nameninventare mit statistischen Methoden der Bioinformatik zu vergleichen, wie sie ← 15 | 16 → in der quantitativ orientierten Namenforschung angewandt werden.9 Als ein geeignetes Vergleichsmaß hat sich hier die sog. ‚Isonymie‘ etabliert, die als die Ähnlichkeit von zwei Populationen auf der Grundlage der Häufigkeitsstruktur der Familiennamen definiert ist (Lasker 1985, Liu et al. 2012). Dieses Verfahren wurde im Folgenden auf die zwölf Kantone Luxemburgs sowie auf je drei bzw. vier angrenzende, ähnlich große Gebiete in Belgien und Deutschland angewandt (i.e. in Belgien die Arrondissements Arel, Bastnach und Verviers – in letzterem liegt auch die Deutschsprachige Gemeinschaft mit den Hauptorten St. Vith und Eupen; in Deutschland die dreistelligen Postleitzahlengebiete 542 (Trier), 543 (Mosel), 545 (Wittlich), 546 (Bitburg). Ziel dieser statistischen Prozedur war es erstens, innerluxemburgische Räume mit ähnlichen Nameninventaren zu ermitteln und zweitens, die (Un)ähnlichkeit mit den angrenzenden belgischen und deutschen Gebieten statistisch valide zu bestimmen. Aus dem Gesamt der 94.190 Namen-Types, die 752.483 Namenträger repräsentieren, wurden nur diejenigen Namen berücksichtigt, die in einem der Gebiete mindestens zehn Mal vorkommen. Durch den Ausschluss der selteneren Namen wird der durch rezente Migration insbesondere für Luxemburg sehr hohe Anteil ausländischer Namen reduziert, sodass eine Beschränkung auf die „autochthonen“ Namen möglich wird. Damit blieben 7.885 Types (503.800 Namenträger) für die eigentliche Analyse übrig. Für jede der 19 Regionen wurde der Isonymie-Wert nach dem Lasker-Verfahren ermittelt, d.h. das Maß der Ähnlichkeit der Nameninventare, wobei natürlich auch die Häufigkeit der einzelnen Namen berücksichtigt wird. Anschließend wurden in einer Matrix alle Regionen untereinander verglichen. In einer Clusteranalyse wurden dann die Distanzen zwischen allen möglichen Paarungen der 19 Regionen ermittelt und schließlich als Dendrogramm dargestellt (Abb. 4). Gut abgrenzbare Cluster sind an den relativ langen vertikalen Linien erkennbar. Demnach lässt sich die Namenmenge – wenig überraschend – in ein klar abgegrenztes romanisches (A) und germanisches (B) Cluster einteilen. Dabei unterscheidet sich das (ehemals) deutsch- und luxemburgischsprachige Arrondissement Arlon etwas von den beiden übrigen belgischen Arrondissements, was auf die teilweise noch hohen Anteile germanischer Namen im Areler Land zurückzuführen ist (i.e. Schmit, Muller, Thill, Wagner, Schmitz, Klein, Schroeder, Feller, Reuter u.a.).

Deutlicher als möglicherweise angenommen, hebt sich aber auch das deutsche, die Eifel und die Moselgegend umfassende Cluster C vom luxemburgischen ab. Die höchste Ähnlichkeit mit dem deutschen Nameninventar weisen die nördlichen Kantone Vianden, Clerf und Wiltz (D) auf. Insgesamt reflektiert die Cluster-Analyse tatsächlich die bekannte Dialekteinteilung des Luxemburgischen (vgl. Gilles 1999: 49ff.): Hohe Ähnlichkeit untereinander weisen die Kantone der bevölkerungsreichsten Cluster um die Stadt Luxemburg und im Süden auf (F), was dem Zentrum und dem sog. Minett entspricht. Als eigenes Cluster lässt sich auch der Osten mit den Kantonen Echternach und Grevenmacher ausgrenzen (F), mit typischen Familiennamen wie Osweiler (22), Ries (376), Weydert (191), Wohl (70). Schließlich bildet der Norden mit den Kantonen Vianden, Clerf und Wiltz (D) das wohl am besten ausgrenzbare Cluster der ← 16 | 17 → Luxemburger Familiennamen. Typische Namen wie Arend (158), Bertemes (160), Clesen (58), Lanners (202), Neser (30), Nosbusch (48), Scheer (109), Spaus (48) sind hier besonders häufig zu finden.

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Abb. 4: Dendrogramm einer Clusteranalyse zur Distanzbestimmung zwischen den zwölf luxemburgischen Kantonen und drei angrenzenden Regionen in Belgien und Deutschland mittels Isonymien (zur Beschreibung der Cluster siehe Text)

Der Vorteil der Isonymie-Berechnungen liegt darin, hohe Populationen direkt miteinander vergleichen zu können, was über die bloße Analyse der Ranglisten nicht erreicht werden kann. Nachteile dieser Methode liegen darin, dass auch Varianten von Namen als eigene Namen interpretiert werden, d.h. offensichtliche Varianten wie Muller/Müller, Schroeder/Schröder, Wagener/Wagner oder Gérard/Gerard werden als verschiedene Namen behandelt. Doch könnte durch eine entsprechende Aufbereitung der Daten dieser Nachteil ausgeglichen werden. Weiterhin ist aus der statistischen Berechnung nicht direkt ersichtlich, welche charakteristischen oder häufigen Namen tatsächlich für die jeweiligen Abgrenzungen von Regionen verantwortlich sind. Aber gerade für eine quantitative Untermauerung können solche Isonymie-Berechnungen wertvolle Ergänzungen bei der Bestimmung von Räumen und ihren Grenzen liefern.

2.2 Verteilung der Namentypen

Zur Klassifizierung der Familiennamen wird auch im LFA auf die klassische Taxonomie der Benennungsmotive zurückgegriffen (vgl. die kritische Diskussion in Kollmann 2011). Folglich wird differenziert zwischen Familiennamen aus Rufnamen (Martin, Thill, Simon, Clément), nach der Herkunft (Mersch, Metz, Olinger, Erpelding), nach der Wohnstätte (Mousel, Berg, Linden), nach dem Berufsnamen (Sadeler, Kieffer < mhd. küefer, Krier < mhd. krüeger) und aus Übernamen (Klein, Weis, Ries, Wolff). Nicht immer ist das ← 17 | 18 → Benennungsmotiv eindeutig zu bestimmen; in solchen Fällen von Konkurrenzetymologie werden im Namenbuch alle Alternativen mitangegeben.

Eine Quantifizierung der Namentypen für Luxemburg und angrenzende Länder und Regionen zeigt Abb. 5, die aus Angaben in Flores Flores (2010), Marynissen/Nübling (2010) und Marynissen (in diesem Band) zusammengestellt ist. Das luxemburgische System ist demnach gekennzeichnet durch einen hohen Anteil von Rufnamen (34 %), gefolgt von Berufsnamen (20 %) und Herkunftsnamen (17 %). Übernamen und Wohnstättennamen sind hingegen relativ selten vertreten. Im Vergleich treten nun teils gravierende Unterschiede zutage: Luxemburg zeigt weniger Berufsnamen und Übernamen als Deutschland, während der Anteil an Rufnamen und auch Wohnstättenamen ungefähr identisch ist. Bei den Rufnamen manifestiert sich ein deutlicher Kontrast zur Region Flandern und zur direkt angrenzenden Provinz Luxemburg in Belgien, wo sich hohe bis sehr hohe Anteile für Rufnamen finden. Von allen betrachteten Ländern/Regionen fällt als Charakteristikum für Luxemburg der relativ hohe Anteil an Herkunftsnamen auf. So gehören die letztlich auf Ortsnamen in Luxemburg oder dem grenznahen Umland zurückgehenden Reding (283), Lanners (202) (< Ortsname Lannen), Mersch (193), Erpelding (170), Olinger (163) (< Ortsname Olingen), Biver (164)/Biwer (79), Fischbach (143) oder Berchem (136) zu den häufigen bis sehr häufigen Namen. Insgesamt zeigt sich, dass Luxemburg durch eine eigene Mischung der Namentypen gekennzeichnet ist und sich dadurch von den umgebenden Regionen abgrenzt (vgl. auch Flores Flores in diesem Band).

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Abb. 5: Einteilung der Familiennamen in fünf Ländern/Regionen gemäß ihrer Benennungsmotive

2.3 Sprachhistorische Entwicklungslinien

Die quantitativen Analysen bestätigen die Existenz einer luxemburgischen Familiennamenlandschaft, die bei aller Eigenständigkeit doch immer auch, je nach Phänomen unterschiedlich starke, Gemeinsamkeiten mit dem Umland aufweist. Um dieses erste Ergebnis weiter zu konkretisieren, sollen im Folgenden nun einige sprachhistorische Aspekte ← 18 | 19 → beleuchtet werden, die in ihrer Gesamtheit die Spezifik des Inventars der luxemburgischen Familiennamen charakterisieren:

1. Kombination bestimmter Familiennamen

2. Spannungsverhältnis zwischen ‚Verhochdeutschung‘ und regional-moselfränkischen Lautentwicklungen

3. Präferenz für bestimmte Bildungsweisen

4. Beibehaltung archaischer Schreibweisen

Hinzukommen die vielfältigen Sprachkontaktprozesse infolge von Übernahme und Integration französischer Namen, die in diesem Beitrag jedoch nicht weiter dargestellt werden; vgl. ausführlich dazu C. Muller im Druck und C. Muller in diesem Band. Alle diese Eigenschaften zusammen genommen, bilden dann die Spezifik der luxemburgischen Familiennamenlandschaft.

2.3.1 Kombination bestimmter Familiennamen

Auf namen-lexikalischer Basis manifestiert sich die Spezifik des Luxemburger Raumes, indem hier bestimmte Namen auftauchen, die anderswo entweder seltener oder überhaupt nicht vorkommen. Oben bereits wurden die zahlreichen Herkunftsnamen erwähnt, die sich auf Ortsnamen in Luxemburg oder in der Grenzregion beziehen. Dazu gehören weiterhin auch alle auf Luxemburg beschränkte Namen wie z.B. Schaul (113), Stoos (53), Heuertz (59), Jemming (44), Origer (78), Bauler (80) oder Kerger (69). Teilweise ist deren Etymologie nur schwer ermittelbar, teilweise handelt es sich um Herkunftsnamen zu verschollenen und/oder ansatzweise rekonstruierbaren Toponymen. Weiterhin tragen zur spezifisch luxemburgischen Prägung lexikalische Regionalismen bei, die sich aus regionalsprachlichen Appellativa entwickelt haben. Mit Hilfe der Dialektwörterbücher des Moselfränkischen (i.e. Luxemburger Wörterbuch (LWB), Rheinisches Wörterbuch (RhWB)) können die relevanten Bedeutungsaspekte ermittelt werden. Einige Beispiele:

Geimer (41) zu ‚Ingwer‘ (LWB, RhWB)

Harles (35) zu ‚Hornisse‘ (LWB)

Schmartz (32) zu ‚Schramme, Striemen, Narbe‘ (RhWB)

Tock (28) zu ‚Dickkopf, Starrkopf‘ (LWB)

Spautz (29) zu lb. Spaut ‚Spucke‘ (LWB)

Kandel (25) zu lb. Kondel ‚Dachrinne‘ (LWB)

Klensch (26) zu ‚Klinke‘ (LWB)

Charakteristisch sind natürlich auch die französischen Familiennamen in Luxemburg, die aufgrund der Jahrhunderte währenden Migration über die germanisch-romanische Sprachgrenze hinweg schon früh in Luxemburg Fuß fassen konnten. Bereits in den Rechnungsbüchern der Stadt Luxemburg (1388–1500) finden sich französische Namen wie Colin, Geoffrey, Gilles, Guillaume, Guy (vgl. Gniffke 2010: 42). Migrationsbedingt kann es dann folglich heute auch zum Nebeneinander von französischem und germanischem ← 19 | 20 → Äquivalent kommen. In je unterschiedlichen Kombinationen findet sich Becker (496) neben Boulanger (17), Ludwig (117) neben Louis (66), Klein (521) (auch in Komposita/Ableitungen) neben Petit (64), Schiltz (405) neben Gilles (23) (und Ableitungen) oder Wilhelm (83) neben Guillaume (29). Meist ist dabei das französische Äquivalent seltener als das germanische. Karte 1 (im Anhang) illustriert, wie sich Frantz(en) (120) und François (57) verteilen. Neben der Mischung in Luxemburg ist ebenfalls zu erkennen, dass François auch leicht in der Eifel verbreitet ist und Frantz(en) sich auch in Lothringen und der belgischen Provinz Luxemburg findet.

2.3.2 Spannungsverhältnis zwischen ‚Verhochdeutschung‛ und regional-moselfränkischen Entwicklungen

Das luxemburgische Nameninventar ist gekennzeichnet einerseits durch das Vorhandensein von überwiegend standarddeutschen Familiennamen, aber andererseits auch durch regional-moselfränkische Laut- und Graphieentwicklungen. Nach der Entstehungsphase der Familiennamen ab dem 14. Jh., wie sie für Luxemburg etwa in den Rechnungsbüchern der Stadt Luxemburg greifbar wird (vgl. Moulin/Pauly 2007, Gniffke 2010), sollte es noch bis zum Ende des 18. Jh. dauern, bis die Erblichkeit der Familiennamen durch gesetzliche Regelungen fixiert wurde. Erst in dieser Phase der Offizialisierung erlangen Familiennamen auch relative Festigkeit in ihrer schriftlichen Form. Zu dieser Zeit hatte sich im Luxemburger Raum die Diaglossie zwischen der sich flächendeckend etablierenden standarddeutschen Schriftsprache und dem moselfränkischen Dialekt (= emergentes Luxemburgisch) voll etabliert. Aufgrund dieser Entwicklung ist es nicht verwunderlich, dass in dieser Zeit weite Teile der luxemburgischen Familiennamen nach den graphematischen und phonematischen Prinzipien des Standarddeutschen verschriftet wurden. Mit dieser Fixierung der standarddeutschen Schreibung hat sich dann auch nach und nach die Aussprache nach der Schreibung herausgebildet. Es kann gemutmaßt werden, dass durch diese ‚Verhochdeutschung‘ die Herausbildung eines in Schrift und Lautung prononciert eigenständigen luxemburgischen Familiennameninventars gebremst wurde. Erkennbar ist dies heute daran, dass Familiennamen (meist Berufs(über)namen), die von Appellativen abgeleitet wurden, standarddeutsch sind, wohingegen das zugehörige nominale oder verbale Appellativ die luxemburgische Form zeigt.

AppellativFamilienname
KachKoch (165)
klengKlein (521)
PäiffertPeiffer (166), Pfeifer (26)
SchmattSchmit (1515)
SteenStein (75)
WiewerWeber (1059)
WonerWagner (1004)10
Zëmmer, ZammermannZimmer (172)

← 20 | 21 → Dem gegenüber tragen dennoch nicht wenige Namen regionalsprachliche Züge, die kennzeichnend für das Luxemburgische, aber teilweise auch für das weitere Westmitteldeutsche sind. Die daraus entstehende Phänomenverteilung führt zu einem regional gestaffelten Kontinuum, das sich über heutige Ländergrenzen hinweg erstreckt und alte siedlungsgeschichtliche, genealogische und dialektale Verhältnisse aufdeckt. Die im Folgenden vorgestellten regionalsprachlichen Entwicklungen haben jedoch überwiegend in Luxemburg ihre Reflexe in den Familiennamen hinterlassen (vgl. ausführlicher dazu Kollmann in diesem Band).

Im Luxemburgischen ist intervokalisches g weitestgehend ausgefallen (vgl. Won ‚Wagen‘, soen ‚sagen‘, seeën ‚sägen‘) und dieser Lautwandel wird auch in einigen Namen reflektiert: In diesem Sinne sind also Krier (341) und Plier (31) von Krüger und Pflüger herzuleiten. Häufiger finden sich allerdings standarddeutsch-nähere Formen mit erhaltenem g, das entweder als Plosiv [g] oder frikativisch als [ʑ] oder [ʁ] realisiert wird: Jaeger (63), Krieger (14), Krueger (6), Reger (8), Kariger (21), Origer (78), Kugener (95).

Entrundung von gerundeten Palatalvokalen, ein generelles Merkmal des Mittelfränkischen, zeigt folgende Auswahl. Neben diesen existieren auch meist seltenere Parallelformen, in denen die gerundeten Vokale erhalten geblieben sind oder infolge späterer Prozesse verhochdeutscht wurden.

Bemtgen (49)[ˈbe:mɕen]‚Bäumchen‘neben Baum (99)
Kieffer (496)[ˈkiːfɐᴿ]‚Küfer‘neben Kuffer (62)
Krier (341)[kʀiːɐᴿ ˈkʀɜɪɐᴿ]‚Krüger‘neben Krueger (6)
Ney (173), Nei (9)[nɑɪ]‚neu‘neben Neu (136), Neumann (69)
Prim (51)[pʀim]‚Prüm‘neben Pr(u|ü)m (16) [pʀym]
Schlesser (84)[ˈʃlæsɐᴿ]‚Schlosser‘neben Schloesser (41)

Die moselfränkische Senkung von kurzem i zu a (vgl. Finger > Fanger) tritt insgesamt in Familiennamen recht selten zutage:

Schlammes (14)nebenSchli(m)m (56)zu ‚schlimm‘
Lampach (20)nebenLimpach (38)(Toponym)
Lanners (202)zu ‚Linde‘

Auch die Koronalisierung von vormaligem [ç] zu [ɕ, ʃ] wird nur selten verschriftlicht. Für ein sekundäres Merkmal mit niedrigem Bewusstseinsgrad ist dies nicht weiter verwunderlich. Es finden sich neben häufigem Michel (48), Bichel (27) die selteneren Varianten Mischel (13) und Bischel (6). Eischer existierte noch in der Volkszählung von 1880, ist jedoch heute nur noch als Eicher (66) vorhanden. Auch dies lässt sich als Verhochdeutschung deuten.

Die Assimilation der auslautenden Konsonantenverbindung [ʀs] zu [ʃ] ist als ein zentrales Element der Phonologie des Luxemburgischen anzusehen (vgl. Dokter+s > Doktesch ‚Doktorin‘, besonders > besonnesch ‚besonders‘, anders > anesch ‚anders‘). Sie findet sich recht häufig auch in Familiennamen, wo das -s als vormalige Genitivendung in einer Konstruktion aus genitivischem Beinamen und Rufnamen interpretiert werden kann; vgl. diefferdingers clais (= ‚Klaus aus Differdingen‘) im Rechnungsbuch der Stadt ← 21 | 22 → Luxemburg von 1464/1465 (Gniffke 2010: 54) oder auch noch heute gebräuchliche Fremdnamennennungen des Typs Contesch Claude (= ‚Claude Conter‘). Von der Assimilation betroffen sind also alle Namen, die auf -er + -s enden (häufig Berufsnamen). Wie die folgende Übersicht zeigt, finden sich auch hier häufig(er) Parallelformen mit ausgebliebener Assimilation.

Lamesch (100)nebenLam(m)ers (5)
Meisch (56)11nebenMeyers (357)
Mullesch (5)nebenMullers (1)
Petesch (42)nebenPeters (210)
Rodesch (58)nebenRoders (1)
Schneidesch (2)nebenSchneiders (22)
Thimmesch (44)nebenT(h)immers (2)

Gegenüber der Volkszählung von 1880 ist die Assimilation in der Kompositionsfuge rückgängig gemacht und dem Schriftdeutschen angeglichen worden, so dass sich Donneschbach zu heutigem Donnersbach (5) und Weimeschkirch zu Weimerskirch (43) entwickelte.

Nur wenige Familiennamen beachten die sog. n-Regel des Luxemburgischen, nach der silbenfinale -n nur dann realisiert werden, wenn das folgende Wort mit h, d, t, ts, n oder Vokal beginnt (vgl. Gilles 2006). Dieses Phänomen betrifft damit nur Komposita, die jedoch bei den luxemburgischen Familiennamen insgesamt relativ selten sind. Folglich spielt auch die n-Tilgung hier nur eine untergeordnete Rolle. Beispiele sind u.a. Siebenbour (23), Prommenschenkel (16), Hellenbrand (21), Nurenberg (25), Reifenberg (14), Dillenburg (2). Die n-Regel wird beachtet in Dennemeyer (7), Dennewald (11). Variabel sind Steinmetz (153) / Steimetz (8), Brandenbu(o)rg(er) (92) / Brandebo(u)rg(er) (1) oder Leinenweber (1) / Leineweber (6). In der spontanen Aussprache kann der finale Nasal gemäß der luxemburgischen Phonologie hingegen entfallen, z.B. [ˈgudəkaːf] für Gutenkauf, [ˈdiləbuːəɕ] für Dillenburg. Allerdings setzt sich auch hier mehr und mehr die Tendenz durch, den Familiennamen (insbesondere bei der Selbstnennung des Namens) auch in der schriftsprachlichen Form, also immer mit [n], auszusprechen (z.B. [ˈʀokənbʀo:t] Rockenbrod (2)). Die Schreibungen der Volkszählung von 1880 zeigen hingegen noch eine stärkere Beachtung der n-Regel (z.B. Bohneberger, Dillebourg, Gantebein, Kettemeyer, Decktebrunnen), woraus geschlossen werden kann, dass im Verlauf des 20. Jhs. einige Namen weiter der schriftdeutschen Norm angepasst worden sind.

Im Gegensatz zum Deutschen, wo sich die Aussprache unmittelbar aus der graphischen Form ergibt, existiert im Luxemburgischen für zahlreiche Namen neben der schriftdeutschen Form eine regionalsprachliche Aussprache, die auf der Lautform der luxemburgischen Appellative oder Toponyme basiert, aus denen der Familienname abgeleitet ist. Die Auswahl der schriftdeutschen oder luxemburgischen Aussprache wird durch den pragmatischen Kontext der Namensnennung gesteuert (Nennung des eigenen Namens, Nennung des Namens einer anderen Person, ironische Verwendungen u.a.).

schriftdeutschluxemburgisch
← 22 | 23 → Behm (22)[be:m][bɜɪm]
Erpelding (170)[ˈɛəpəldɪŋ][ˈiəpəldeŋ]
Glesener (88)[ˈgle:zənəʀ][ˈgliəzənəʀ]
Kremer (493)[ˈkre:məʀ][ˈkrɜɪməʀ]
Krier (341)[kri:əʀ][ˈkrɜɪəʀ]
Mersch (193)[mɛəʀʃ][miəʃ]
Nosbusch (48)[ˈnɔsbuʃ][ˈnosbəʃ]
Schroeder (616)[ˈʃrø:dəʀ][ˈʃrɜɪdəʀ]
Theves (28)[ˈte:vəs][ˈtɜɪvəs]
Wolff (237)[volf][ˈvoləf]

Genauere Studien zu den Verwendungskontexten der beiden Varianten stehen noch aus. Es scheint sich herauszukristallisieren, dass die luxemburgische Variante meist gewählt wird, wenn über eine (oft auch nicht anwesende) Person gesprochen wird. Umgekehrt wird die an der schriftdeutschen Form orientierte Aussprache eher dann verwendet, wenn die Person ihren eigenen Familiennamen ausspricht. Zur Dokumentation der Aussprachen enthält das Namenbuch des LFA phonetische Transkriptionen für diejenigen Namen, die entweder über eine solche luxemburgische Parallelform verfügen oder deren Aussprache aus weiteren Gründen nicht adäquat aus der schriftdeutschen Form abgeleitet werden kann (vgl. Ausschnitt aus dem Namenbuch im Anhang).

Ein weiteres regionalsprachliches Phänomen betrifft die Verteilung von Schwa in unbetonten Silben. Während im Deutschen in von Appellativa abgeleiteten Berufs(über)namen das Schwa eines ursprünglichen Trochäus meist synkopiert wird (vgl. Wagen +er > Wagner; Kessel +er > Keßler), bleiben diese Schwas in den luxemburgischen Familiennamen überwiegend erhalten. Als häufigste phonologische Struktur lässt sich der Wortausgang ‚Schwa + l/n + Schwa + r‘ identifizieren. Wie die folgenden Beispiele zeigen, existieren auch hier synkopierte Varianten, die jedoch meist seltener vorkommen.

nicht synkopiertsynkopiert
Beideler (10)Beidler (18)
Bosseler (68)Bossler (1)
Fideler (1)Fiedler (36)
Kesseler (35)Kessler (25)
Kugener (95)Kugner (1)
Sadeler (16)Sadler (51)
Schosseler (41)Schoessler (1)
Wagener (305)Wagner (1004)
Wiseler (17)-

Beispielhaft finden sich auf Karte 2 alle Namen kartiert, die auf -ßler/s(s)ler bzw. -ßeler/-es(s)eler enden. Es ist klar zu erkennen, dass in Luxemburg die nicht-synkopierten Formen die eindeutige Mehrheit stellen, während in Deutschland, aber auch in Lothringen und im Elsass die Synkope vorherrscht. Die höchsten Anteile nicht-synkopierter Formen finden sich im nördlichen Rheinland und generell im Niederdeutschen, stellen dort aber meistens die seltenere Variante dar.

← 23 | 24 → Nicht nur für die Familiennamen ist die Nicht-Durchführung der Synkope charakteristisch, sondern sie ist auch ein wichtiges Merkmal der Phonologie des Appellativwortschatzes (vgl. trëppelen [ˈtʀəpələn] ‚trippeln‘, sammmelen [ˈzɑmələn] ‚sammeln‘, Fënsteren [ˈfənstəʀən] ‚Fenster-Pl‘). Die Synkoperesistenz wird im Allgemeinem einer stärkeren Silbensprachlichkeit des Luxemburgischen zugeschrieben (vgl. Szczepaniak 2010, Gilles 2013). In der Aussprache hingegen sowohl der Namen als auch der Appellativa kann heute eine Tendenz zur Synkope beobachtet werden (also [ˈkæsləʀ] für Kesseler, [ˈfənstʀən] für Fënsteren), deren Systematik zum jetzigen Forschungsstand noch unklar ist.

Das Wirken der Synkope scheint auch die treibende Kraft bei der Entstehung von Marx (< Markus), Lux (< Lucas), Laux (< diphthongiertem Lucas) gewesen zu sein. In diesen Fällen wurde der Vollvokal der unbetonten Silbe infolge der Nebensilbenabschwächung zunächst zu Schwa reduziert, welches dann in der Folge ganz ausgefallen ist.

2.3.3 Präferenz für bestimmte Bildungsweisen

Die Luxemburger Namenlandschaft wird weiterhin durch die Präferenz bestimmter morphologischer Bildungsweisen geprägt, die zwar auch in anderen, meist angrenzenden Region zu finden sind, jedoch in ihrer Kombination typisch und damit konstitutiv für den Luxemburger Raum sind.

Erwähnenswert erscheint hier zunächst, dass Kompositionsbildungen im Vergleich mit den deutschen Familiennamen eher selten sind. Am häufigsten erscheinen Herkunftsnamen auf -weiler (Trierweiler (93), Osweiler (22)) und -scheid (Manderscheid (77), Heiderscheid (70), Wanderscheid (55)), deren Verbreitung sich in den linksrheinischen Gebieten Deutschlands fortsetzt (Karte 3).12 In Bezug auf die Berufs- und Standesnamen finden sich unter den TOP 500 lediglich: Hoffmann (1017), Schumacher (310), Steinmetz (153), Kauffmann (114), Feiereisen (74), Neumann (69), Federspiel (69), Weisgerber (69). Die überbordende Kompositionsfreudigkeit, die das Deutsche für alle Benennungsmotive kennt, hat sich im Luxemburgischen, wie übrigens auch in Belgien und in den Niederlanden (vgl. Marynissen/Nübling 2010: 359), nur ansatzweise entwickelt.

Charakteristisch sind weiterhin die häufigen Latinisierungen germanischer Namen, die wahrscheinlich im 16./17. Jahrhundert entstanden sind. Oft existieren die ursprünglichen Namen parallel weiter neben den Latinisierungen. Die Latinisierung kann durch die Anfügung des Nominativ-Suffixes -us, der Genitiv-Suffixe -y/-i/-is und/oder durch die Übersetzung des ursprünglich germanischen Namens ins Lateinische (Schmit > Faber, Muller > Molitor) erreicht werden.

ursprünglicher NameLatinisierung
Adam (81)Adami (4), Adamy (22)
Antoine (15), Anton (16)Antoni (2), Antony (127)
Beck (100)Beckius (64)
← 24 | 25 → Bissen (63)Bisenius (74)
Consthum (3)Conzemius (46)
Schmit (1515)Faber (454)
Fuchs (36)Foxius (5)
Frantz (64)Franziskus (6)
Greis (35)Grisius (44)
Hubert (87)Huberty (218)
Jacob (32)Jacobi (1), Jacoby (221)
Lambert (109)Lamberty (53)
Meyer (403)Majerus (389)
Martin (172)Martini (12), Martiny (19)
Michel (48)Michaelis (14)
Muller (1097)Molitor (291)
Paul (25)Paulus (109), Pauly (175)
Peter (38)Petri (3), Petry (108)
Steffen (332)Stephany (85)
Valentin (11)Valentini (17), Valentiny (23)
Wagner (1004)Vannerus (3)
Kieffer (496)Wietor (26)
Wilhelm (83)Wilhelmi (1), Wilhelmy (16)
Wiltz (5)Wiltzius (63)

In Bezug auf die Genitivendung wird die Schreibung mit <y> derjenigen mit <i> vorgezogen (vgl. für Belgien auch Marynissen in diesem Band). Karte 4 zeigt die Variantenverteilung der drei im Untersuchungsgebiet häufigsten unflektierten Patronyme Jakob, Hubert, Paul, Winand (orange) und ihre latinisierten Formen auf -y (blau) und -i (rot). Demnach befindet sich das Zentrum der y-Genitive klar in Luxemburg, die Formen strahlen aber noch relativ weit in die ehemaligen luxemburgischen Gebiete um Bitburg in Deutschland und in die belgische Provinz Luxemburg hinein. Sie finden sich aber auch noch im Moselgebiet und am Mittelrhein. Genitive auf -i sind in Luxemburg keine anzutreffen, in Konkurrenz zu -y begegnen sie überwiegend im Westmitteldeutschen und Rhein-Maasländischen.

Mit dem Westmitteldeutschen teilt das Luxemburgische das frequente Vorkommen von diminuierten Familiennamen. In diesen Bildungen erscheint das standarddeutsche Suffix -chen fast ausschließlich in der mittelfränkischen Schreibung -gen, das jedoch fast immer als [ɕən] ausgesprochen wird.13 Das Diminutivsuffix wird an einsilbige Stämme angehangen und erscheint regulär als -gen, wenn der Stamm auf alveolaren Plosiv endet.

AusgangsformDiminutivflektierter Diminutiv
Bund-Boentges (24)
Felt (< Valentin)Feltgen (69)Feltges
Frieden (63)Friedgen (13)
Hild (13)Hildgen (19)
holdHoeltgen (19)
HundHintgen (14)
← 25 | 26 → KiepeKipgen (20)
LudeLutgen (102)
Mathias (50)Mathgen (17)
Peter (38)-Petges (4)
Schild/SchuldSchildgen (5)Schiltges (18)
Wirth (71)Wirtgen (22)

Aus koartikulatorischen Gründen und/oder aus Analogie zu den obigen Formen hat sich bei den übrigen Stammausgängen im Diminutiv ein epenthetisches t herausgebildet, das heute ein fester Bestandteil des Familiennamens geworden ist. Dieser Plosiv entstand im Zuge der Vorverlagerung des ursprünglichen Frikativs [ç] zu prä-palatalem [ɕ] (‚Korona-lisierung‘). Damit wurde der Frikativ des Diminutivsuffixes nahezu homorgan mit den alveolaren Stammauslauten von z.B. Will oder Jenn, wodurch es zur Herausbildung des epenthetischen t’s zwischen Stamm und Suffix kommen konnte.

AusgangsformDiminutivflektierter Diminutiv
Baum (99)Bemtgen (49)
Dell(22)Deltgen (26)
Henn (7)Hentgen (10)Hentges (56)
Jenn (8)Jentgen (35)Jentges (16)
Koeune (40)-Koentges (1)
Mill(en) (12)Miltgen (18)
OttilieThilgen (27)Thil(l)ges (57)
SchinnSchintgen (125)
SchorSchortgen (31)
Thill (791)Thiltgen (14)Thiltges (19)
Will (6)Wil(d|t)gen (99)

Im Falle von Bemtgen scheint hingegen das epenthetische t die Folge einer analogischen Angleichung an die übrigen Namen dieser Gruppe zu sein.

Wie die rechte Spalte in den beiden letzten Übersichten zeigt, sind weitere Familiennamen infolge der Flexion des Diminutivs entstanden. Durch das Anhängen der starken Genitivendung -s an einen diminuierten Namen wurde jedoch nahezu durchgängig der Nasal der Diminutivendung getilgt (vgl. Henn > Hentgen > *Hentgens > Hentges). Die Zwischenstufe mit erhaltenem Nasal hat sich heute nur bei sehr wenigen Familiennamen erhalten (Schiffgens (2), Hensgens (2), Luettgens (1)).

Ebenfalls mit weiten Teilen des Westmitteldeutschen teilt das Luxemburgische das häufige Vorkommen der flektierten Patronyme, zu deren häufigsten Meyers, Peters, Michels und Jacobs gehören. Die kombinierte Kartierung einiger flektierter Patronyme in Karte 5 zeigt die hohen Frequenzen des Phänomens in Luxemburg, im Ruhrgebiet, im Rheinland und auch in Flandern.

Eine ähnliche Verteilung ergibt die Kartierung der flektierten und unflektierten Formen des hochfrequenten Berufsnamens für den Schmied auf Karte 6, die als grenzüberschreitende Ergänzung zu entsprechenden Karten im DFA (Band 1, K. 149, 150) und bei Steffens (2013: 118) verstanden werden kann. Erkennbar ist, wie die flektierten Schmitz-Formen (< Schmit-s) vom Ruhrgebiet und dem Rheinland kommend sich in hoher Häufigkeit auch ← 26 | 27 → noch in Luxemburg finden, dort aber etwas seltener als unflektiertes Schmit vertreten sind. Als Smets, Smeets, Smits aber auch als Schmitz findet sich der Name etwas weniger, aber weite Flächen abdeckend in Flandern und Wallonien. Im Saarland, aber auch in Frankreich schließlich ist die flektierte Form praktisch nicht mehr vertreten.

Darüber hinaus können häufig Kurzformen von Patronymen beobachtet werden, die meist infolge von Reduktion und anschließendem Ausfall prä- oder posttonischer Silben entstanden sind. So konnte z.B. das Patronym Matthäus nach Ausfall der ersten Silbe (und Frikativierung des Gleitlautes) Theves.

AusgangsnameKurzformflektierte Kurzform
Adam (81)Dahm (122)Dahmen (1)
Agnes (35)-Noesen (66), Neser (30)
AntoniusThinnes (92)
Balthasar (27)Baltes (22)
Bartholomäus
Barth (18),Barthel (124)
Blasius (11)Blees (4)Blasen (43)
Christoffel (2)Stoffel (109)
Cornelius (18)Nilles (220)
ElisabethLies (33)Elsen (121)
Friederich (48)-Frieden (63)
Jacob (32)Koob (46)
Johannes (1)Hans, (9) Jans (61), Jenn (8)Hansen (370)
Katharina-Treinen (26), Ketter (25)
Kilian (1)Kill (56)
Lorenz (19)Len(t)z (255)
MargueriteMargue (22)Grethen (148)
Martin (172)Marth (29), Thein (99)
MatthäusMathay (34)
MatthäusTheves (28), Thewes (44)
Mathias (50)Mathes (29)
Mathias (50)Theis (272)Theisen (268)
Mathias (50)Thies (49)
Nicolas (52)Colas (19)
NikolausClees (103), Cloos (93)
OttilieThilgen (27),Thilges (49)
Robert (57)Roob (27)
TheresaTroes (25)
Wilhelm (83)-Wiltgen (76)

Die Kurzformen ihrerseits können wiederum, wie schon bei den Diminutiven gezeigt, flektiert werden (überwiegend mit schwachem -en). In Bezug auf die Verbreitung dieser Bildungsweise ordnet sich Luxemburg in belgische und westdeutsche Verhältnisse ein (vgl. auch Marynissen/Nübling 2010).

2.3.4 Beibehaltung archaischer Schreibweisen

In Bezug auf die Schreibung luxemburgischer Familiennamen sind nicht wenige Unterschiede zu den deutschen Namen festzustellen. Auf ältere, archaische Schreiweisen ← 27 | 28 → deuten die vielfach erhaltenen Doppelschreibungen von Konsonanten. Dazu gehören v.a. tz- und ck-Schreibungen nach Nasal (Heintz (102), Lentz (236), Wantz (73), Frantz (64), Bintz (49), Dentzer (32), Krantz (30); Franck (109), Funck (65), Schanck (60), Juncker (35), Ronck (34), Linckels (33)). Karte 7 zeigt, dass die -ntz-Schreibungen als nahezu exklusiv luxemburgisch angesehen werden können. Ähnlich verhält es sich mit auslautenden -ff-Schreibungen (Wolff (237)14, Alff (25), Wintersdorff (15)). Auch bei den Zusammensetzungen mit ‚-dorf‘ dominieren in Luxemburg ebenfalls die Doppelschreibungen (Karte 8). Es ist gerade dieses orthographische Detail, das sich interessanterweise nur in Luxemburg findet.15

3 Resümee

Es war das Ziel dieses Aufsatzes, zentrale Eigenschaften der luxemburgischen Familien-namenlandschaft vorzustellen. Die spezifische Randlage und Größe, der jahrhundertelange Sprachkontakt mit romanischen Varietäten, das spezifische Spannungsverhältnis zwischen regionalsprachlichen und hochdeutschen bzw. standarddeutschen Eigenschaften und nicht zuletzt die Eigenstaatlichkeit haben dazu beigetragen, dass von einer charakteristisch luxemburgischen Familiennamenlandschaft gesprochen werden kann. Im Rahmen des Projektes ‚Luxemburgischer Familiennamenatlas‘ werden diese Ergebnisse in einem Namenbuch und einem Atlas (in Druckform und online) zur Verfügung gestellt.

In der statistischen Clusteranalyse konnten spezifische Grenzlinien bzw. Zusammengehörigkeiten in Luxemburg und seinen angrenzenden Regionen in Belgien, Deutschland und Frankreich ermittelt werden. In Bezug auf sprachhistorische Entwicklungslinien konnte gezeigt werden, dass sich erstens (wie in anderen Regionen auch) aus genealogischen und migrationellen Gründen spezifische Kombinationen von Familiennamen herausgebildet haben. Zweitens koexistieren hochdeutsch-standarddeutsche Namen, die sich auch im umgebenden Westmitteldeutschen finden, neben regionalsprachlich-moselfränkischen in einem spezifischen Mischungs- und Spannungsverhältnis (vgl. Baum neben Bemtgen). Drittens deutet sich eine Präferenz für bestimmte morphologische Bildungsweisen an (Latinisierungen, Diminutive, Kurzformen von Patronymen), die Luxemburg mit dem angrenzenden Westmitteldeutschen teilt. Viertens schließlich existieren bestimmte graphematische Merkmale (z.B. häufige Doppel-f-Schreibungen), die auf ältere Verschriftlichungstraditionen hinweisen.

In Bezug auf die Kartierung ist deutlich geworden, dass durch eine ausschließliche Fokussierung auf Luxemburg die geographisch-namenkundliche und sprachhistorische Einordnung nicht möglich ist. Innerluxemburgisch lässt sich am ehesten noch ein Kontrast zwischen Nordluxemburg (Ösling) und Zentralluxemburg (Gutland) beobachten, der auch durch entsprechende Dialektunterschiede im Appellativwortschatz gestützt wird. Die weitere Kontextualisierung im Gebiet zwischen Maas und Rhein hingegen ← 28 | 29 → belegt die Relevanz von größeren europäischen Arealen für die Verbreitung von Familiennamen, Familiennamentypen und die mit ihnen verbundenen sprachhistorischen Prozessen. Dabei ergibt sich eine Bindung entweder an den westmitteldeutschen oder den wallonisch-nordfranzösischen Raum, wobei sich erstere als die wichtigere erweist, weil die überwiegende Mehrheit der luxemburgischen Namen germanischen Ursprungs ist.

Durch die konsequente Anwendung der grenzüberschreitenden Perspektive erhält die Namenforschung eine vielversprechende europäische Dimension. Da es offensichtlich ist, dass die Verteilung von Familiennamentypen sich nur teilweise an einzelsprachlichen oder nationalen Grenzen orientiert (vgl. Marynissen/Nübling 2010: 331), kann diese neue europäische Perspektive zu einem erweiterten Verständnis zur Entstehung, Ausbreitung und linguistischer Struktur der Familiennamenlandschaft beitragen.

Literatur

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Flores Flores, Walter Amaru: Zu einer Typologie der luxemburgischen Familiennamen. Das System der luxemburgischen Familiennamen im Zentrum Europas. Magisterarbeit, Universität Mainz. Mainz 2010.

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Gniffke, Andreas: Die Personennamen der Stadt Luxemburg von 1388–1500. Namenbuch und namenkundliche Analyse auf Basis der Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg. Unveröffentlichte Dissertationsschrift, eingereicht an der Universität Luxemburg 2010.

Herbillon, Jules / Germain, Jean: Dictionnaire des Noms de Famille en Belgique romane et dans les Régions limitrophes. Bruxelles: Crédit Communal 1996.

Kollmann, Cristian: Methodische Fragen und Überlegungen zur Typologisierung der Familiennamen am Beispiel des Luxemburgischen Familiennamenatlasses. In: Ziegler, Arne / Windberger-Heidenkummer, Erika (Hrsg.): Methoden der Namenforschung. Methodologie, Methodik und Praxis. Berlin 2011, 47–62.

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Klees, Henri: Geographie der Luxemburger Familiennamen (nach der Volkszählung von 1930). Herausgegeben vom Institut Grand-ducal, Section de Linguistique, de Folklore et de Toponymie. Luxemburg 1989 (= Beiträge zur luxemburgischen Sprach- und Volkskunde Nr. 18).

← 29 | 30 → Lasker, Gabriel Ward: Surnames and Genetic Structure. Cambridge: Cambridge University Press 1985.

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Moulin, Claudine / Pauly, Michel (Hrsg.): Die Rechnungsbücher der Stadt Luxemburg. Erstes Heft 1388–1399 2007, Zweites Heft 1400–1430 2008, Drittes Heft 1444–1453 2009, Viertes Heft 1453–1460 2010, Fünftes Heft 1460–1466 2010. Luxemburg 2007–2010 (= Schriftenreihe des Stadtarchivs Luxemburg Bd. 1–5).

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Szczepaniak, Renata: Phonologisch-typologischer Wandel des Deutschen und des Luxemburgischen im Kontrast. In:Dammel, Antje / Kürschner, Sebastian / Nübling, Damaris (Hrsg.): Kontrastive Germanistische Linguistik, Teilband 1. Hildesheim (Germanistische Linguistik; 206–209). 2009, 85–110.

Steffens, Rudolf: Familiennamenatlas Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland. Ubstadt-Weiher u.a.: verlag regionalkultur 2012.

Vogelfänger, Tobias: Nordrheinische Flurnamen und digitale Sprachgeographie: sprachliche Vielfalt in räumlicher Verbreitung. Köln/Weimar: Böhlau 2010.

← 30 | 31 → Anhang

A. Auszug auf dem Namenbuch

AGNES [ˈɑgnæs] (Rang: 721, 2007: 35, 1880: 42). Gleiche Basis Neser, Nestgen, Noesges. Etymologie Metronym zum gleichlautenden Rufnamen. Zu Grunde liegt griech. hagnós ‚keusch, rein; hehr, geheiligt‘, das im Vulgärlateinischen mit lat. agnus ‚Lamm‘ in Verbindung gebracht wurde. Verbreitung Agnes findet sich überwiegend in Luxemburg, ebenso die flektierten Kurzformen Nesen (tendenziell in der nördlichen Hälfte) und Noesen (der Nordwesten ausgenommen). Als derivierte Kurzformen erscheinen Neser im Norden Luxemburgs und lose verstreut in der südlichen Hälfte Deutschlands, ferner Nestgen ausschließlich im Süden Luxemburgs. Als entsprechende flektierte Bildungen gelten Noesges im Südwesten Luxemburgs und bei Diekirch sowie in der Eifel, ferner Nösges und Nesges beide überwiegend in der Eifel. Historische Belege FSV : 1561 Nessen. 1611 Agnessen, Nestges, Noesers. GDB: 1604 Noesen. 1660 Noesers => 1691 Noesen. 1668 Noeser. 1670 Agnès. 1682 Nesen => 1710 Neesen => 1713 Noesen. 1694 Noeser => 1737 Noesers. 1735 Neser. 1796 Noesgen. 1882 Noesges. 1890 Noes. MACKEL (Rang: 570, 2007: 43, 1880: 38). Etymologie 1. Jüngere Form von ↑Maquil. 2. Kurzform von ↑Remakel. Verbreitung Mackel erscheint besonders in der südlichen Hälfte Luxemburgs und bildet auch einige Nester in Deutschland, doch nicht in Grenznähe zu Luxemburg. In Deutschland ist mit weiteren Konkurrenzetymologien zu rechnen (z.B. Kurzform zu Markwardt, Markhardt).

NESEN [ˈneːzǝn] (Rang: 1795, 2007: 14, 1880: 23). ↑Noesen.

NESER (Rang: 846, 2007: 30, 1880: 27). Etymologie Deriviertes Metronym zu Nes. Bei diesem Familiennamen, der heute in Luxemburg nicht mehr vorkommt, handelt es sich um eine regionalsprachliche Kurzform von ↑Agnes.

NESTGEN [ˈnæsᵗɕǝn] (Rang: 4682, 2007: 5, 1880: 6). Etymologie Metronym zum gleichlautenden Rufnamen oder deriviertes Metronym zu Nes. Bei diesem Familiennamen, der heute in Luxemburg nicht mehr vorkommt, handelt es sich um eine regionalsprachliche Kurzform von ↑Agnes. NOESEN [ˈːzən // ˈneɪzən] (Rang: 327, 2007: 66, 1880: 72). Variante(n) Nesen. Etymologie Flektiertes Metronym zum gleichlautenden Rufnamen. Dieser erscheint als lb. Néis (auch in Hausnamen Néisen) und ist Kurzform von ↑Agnes. Die Schreibung mit oe des Familiennamens ist hyperkorrekt und entstand in Anlehnung an Familiennamen wie Schroeder = lb. Schréider.

NOESGES [ˈːsjəs] (Rang: 10275, 2007: 3, 1880: 0). Etymologie Flektiertes Metronym zu †Noesgen. Dieser Name ist Metronym zum gleichlautenden Rufnamen oder deriviertes Metronym zu †Noes. Die Grundlage ist in beiden Fällen eine regionalsprachliche Kurzform von ↑Agnes.

REMACKEL (Rang: 2232, 2007: 11, 1880: 11). ↑Remakel.

REMACLE [ˈʀǝmaːkǝl] (Rang: 3737, 2007: 7, 1880: 47). Etymologie Französisches Patronym zum gleichlautenden Rufnamen. Dieser stammt aus Remac(u)lus. ↑Remakel.

REMAKEL [ˈʀǝmaːkǝl] (Rang: 1151, 2007: 22, 1880: 30). Variante(n) Remackel. ← 31 | 32 → Gleiche Basis Mackel, Remacle. Etymologie Patronym zum gleichlautenden Rufnamen. Dieser stammt aus Remac(u)lus, das als Latinisierung von germ. Rimagil angesehen wird. Das erste Element Rim- ist nicht sicher zuordenbar, allenfalls zu an. hrimr ‚Reif‘ oder ahd. hrim ‚Reim‘, ggf. auch got. rimis ‚Ruhe‘. Das zweite Namenelement gehört am ehesten zu germ. *agil- als Weiterbildung von *agja- ‚Ecke‘. Verbreitung Remakel sowie die seltenere Variante Remackel kommen ausschließlich in Luxemburg vor. Die französische Form Remacle ist in Luxemburg niederfrequent, häufig jedoch in Wallonien. Zur Verbreitung der potenziellen Variante Mackel, siehe dort. Weitere Diskussion Zur regionalen Popularität des Rufnames hat sicher auch der Heilige Remaclus, Bischof im 7. Jh. und Gründer der Klöster Stablo und Malmedy, beigetragen. Im Französischen erscheint der Familienname als Remacle. Die wallonischen Aussprachen lauten Rumâke (Bastnach) und Rumâke (La Gleize). Zu historischen Belegen in Wallonien und weiterführender Literatur, vgl. Germain-Herbillon, S. 855. Historische Belege FSV: 1561 Maculus. 1611 Mackels, Maclus, Remacle. 1656 Macles. GDB: 1772 Remacle => 1802 Remackel. 1811 Maquel => 1843 Mackel. 1852 Remackel => 1890 Remakel.

← 32 | 33 → B. Karten und Abbildungen

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Abb. 2: Zentrale Bedienungsoberfläche der Datenbank des Luxemburgischen Familiennamenatlasses

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Abb. 3: Bedienungsoberfläche der Kartierungssoftware des Luxemburgischen Familiennamenatlasses

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Karte 1: Regionale Verteilung von germanischem Fran(t)z(en) (blau) und romanischem François (rot)

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Karte 2: Kombinationskarte zur Verteilung der Namenausgänge -ßler/s(s)ler (= synkopiert; blau) im Vergleich mit -ßeler/-s(s)eler (= nicht synkopiert, rot)

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Karte 3: Verteilung der Herkunftsnamen auf -weiler/-weyler (blau) und -scheid(t)/-scheyd(t) (rot)

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Karte 4: Kombinationskarte der Latinisierungen auf -y (blau: Jacoby, Huberty, Pauly, Winandy), auf -i (rot: Jacobi, Huberti, Pauli, Winandi) neben den Grundformen (orange: Jacob, Hubert, Paul, Winand)

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Karte 5: Vorkommen von flektierten Patronymen (blau; Peters, Jacobs, Michels, Willems, Schons, Hellers) im Vergleich zu den unflektierten Formen (rot; Peter, Jacob, Michel, Willem, Schon, Heller)

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Karte 6: Kombinationskarte für den flektierten Berufsnamen Schmitz, Schmietz, Sme(e)ts, Smits u.a. (blau) im Kontrast zu nicht-flektiertem Schmit(t), Schmidt, Sme(e)t, Smit u.a.

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Karte 7: Kombinationskarte von -ntz-Schreibungen in Heintz, Lentz, Wantz, Frantz, Bintz u.a. (blau) im Kontrast zu -nz-Schreibungen (Heinz, Lenz, Wanz, Franz, Binz u.a.) (rot)

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Karte 8: Kombinationskarte der Namen auf -dorff (blau) im Kontrast zu -dorf (rot) ← 37 | 38 →

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1 Das Projekt ‚Luxemburgischer Familiennamenatlas (LFA)‘ wurde vom Fonds National de la Recherche (FNR) gefördert und von 2009 bis 2012 am Laboratoire für luxemburgische Sprache- und Literaturwissenschaft der Universität Luxemburg unter meiner Leitung durchgeführt. Mitarbeiter im Projekt waren Claire Muller, Cristian Kollmann und W. Amaru Flores Flores. Kooperationspartner waren Claudine Moulin (Trier), die das Projekt ursprünglich auch initiiert und beantragt hat, sowie der ‚Deutsche Familiennamenatlas (DFA)‘ der Universitäten Freiburg (Konrad Kunze) und Mainz (Damaris Nübling).

2 Zur Diskussion der Vorteile, aber auch möglicher Unzulänglichkeiten solcher Datentypen, insbesondere der Telefonbuchdaten, vgl. DFA und Cheshire et al. (2011: 582f.).

3 Z.B. http://www.deltgen.com oder http://www.luxroots.com.

4 Das Datenbanksystem basiert auf einer Javascript-Lösung mittels ‚dhmlx‘ (http://www.dthmlx.com), die auf das Datenbanksystem MySQL als Backend aufsetzt.

5 Die Veröffentlichung der Druckversion des Namenbuches ist für 2013 vorgesehen.

6 Vgl. dazu Cheshire et al. (2009, 2011), die auf der Grundlage der Namendaten von zahlreichen europäischen Ländern (ca. 8 Millionen verschiedene Namen von 152 Millionen Namenträgern) mit Hilfe von Isonymieberechnungen, Räume mit ähnlichen Nameninventaren ermitteln. Auch Luxemburg wurde berücksichtigt, und es wurden interessanterweise Übereinstimmungen des Nameninventars von Südluxemburg mit dem Elsass und der Region Bozen in Südtirol ermittelt (Cheshire et al. 2011: 591). Unter der Adresse http://worldnames.publicprofiler.org ist eine weiträumige Namenkartierung für Europa, Amerika und teilweise auch Asien möglich.

7 Es basiert im Wesentlichen auf dem Ebenenverwaltungssystem ‚OpenLayers‘ (http://www.openlayers.org), mit dessen Hilfe internetbasiert verschiedene georeferenzierte Informationsquellen (i.e. Karten diverser Anbieter wie ‚Google Maps‘ oder ‚Open Street Map‘, Vektordaten wie z.B. Symbole und Flächen etc.) überlagert werden können. Durch die Anbindung an ein Datenbanksystem (MySQL) ist es so möglich, dynamische Karten mit automatisch skalierenden Häufigkeitssymbolen für jeden beliebigen Namen zu erstellen. Die Layoutkontrolle geschieht über die GIS-Bibliothek ‚GeoExt‘ (http://geoext.org), die speziell für die flexible Einbindung von ­Datenbankabfrage-Elementen, ­Fenster-Verwaltung und Multilayer-Kartenverwaltung entwickelt wurde.

8 Dazu wurde auf den Internet-Dienst ‚Cloudmade‘ zurückgegriffen (http://www.cloudmade.com).

9 Vgl. den Überblick Cheshire et al. (2009).

10 Ganz selten erscheint Wohner (5), das als regionalsprachliche Entsprechung zu Wagner gelten könnte.

11 Bei der Entstehung dieser Form ist auch eine Krasis mit im Spiel, sodass aus zweisilbigem Meyesch (< Meyer-s) einsilbiges Meisch resultiert. Vgl. auch lb. Määsch, Mäesch (LWB).

12 Zur Verbreitung der häufigen Flurnamen auf -scheid im nördlichen Rheinland vgl. Vogelfänger 2010.

13 Der einzige Name auf <chen> ist Hippertchen (15).

14 Zur Varianz f/ff in Namen mit Wolf siehe DFA 2, S. 168–181.

15 Für weitere graphematische Besonderheiten vgl. Kollmann (in diesem Band).