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Familiennamen zwischen Maas und Rhein

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Edited By Peter Gilles, Cristian Kollmann and Claire Muller

Die Familiennamen im Gebiet zwischen den Flüssen Maas und Rhein stellen infolge der komplexen politisch-historischen Grenzziehungen und durch ihre Lage in der Kontaktzone zwischen Germania und Romania eine besonders vielfältige Quelle für die Namenforschung dar. Der Band umfasst komparative und systematische Beiträge zu den Familiennamenlandschaften in den Grenzregionen von Luxemburg, Belgien, Deutschland und Frankreich, die aus sprachhistorischen, kontaktlinguistischen und kartographischen Perspektiven beleuchtet werden. Diese Artikelsammlung richtet sich damit sowohl an Sprachhistoriker wie auch an Kulturhistoriker.
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Namenvarianten an der Sprachgrenze, genealogisch überprüft

← 124 | 125 → Namenvarianten an der Sprachgrenze, genealogisch überprüft

Jean-Claude Muller

Abstract

Der Beitrag ist in drei Kapitel gegliedert und argumentiert anhand von genealogisch überprüften Namenbeispielen sowie mit onomastischen Verbreitungskarten, welche mit Hilfe des an der Universität Luxemburg entwickelten Familiennamenmoduls erstellt wurden. Im ersten Kapitel werden die Dubletten im Bereich der Hausnamen und Familiennamen als luxemburgische Sondererscheinung definiert; diese bleiben danach aber aus der Diskussion ausgeklammert. Im zweiten Kapitel werden sechs konkrete Fallbeispiele aus der genealogischen Praxis von Namensdubletten über die Sprachgrenzen zwischen Germania und Romania hinweg erörtert. Im abschließenden dritten Kapitel werden drei Beispiele von Familiennamen als regionale Herkunftsangaben diskutiert, um dann anhand von ausgewählten Namenstypen alte territoriale Zugehörigkeitsbezeichnungen als Quelle von Familiennamen wahrscheinlich zu machen.

1 Die Variation Hausname versus Familienname

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gehen die Luxemburger Namenforscher davon aus, dass rund ein Viertel der Luxemburger Familiennamen aus Ortschafts-, bzw. Gehöfts- oder Siedlungsnamen, d.h. Herkunftsbezeichnungen herzuleiten sind.1 Seit die Luxemburger Gesellschaft für Genealogie und Heraldik (A.L.G.H.) im Jahre 1984 mit Sitz im Schloss von Mersch im Landeszentrum gegründet wurde, geben sich deren Forscher immer wieder mit der Problematik der Hausnamen ab, die bis etwa 1750 in den Quellen parallel mit den Familiennamen überliefert werden. Dass eine solche Praxis den mit diesen Spezialnamen nicht Vertrauten schwerwiegende Hindernisse in den Weg legt, leuchtet ein.2 Der Autor und der belgisch-luxemburgische Namenforscher Paul Mathieu haben sich terminologisch darauf geeinigt, diese anscheinend spezifisch luxemburgischen Dubletten der Familiennamen, die Hausnamen, als Oikonyme (hergeleitet aus griechisch oĩkos) oder Domonyme (hergeleitet aus lateinisch domus) zu bezeichnen. Das Gebiet ihrer Verbreitung, vom Einsetzen der schriftlichen Quellen vor dem Dreißigjährigen Krieg bis nach dem Zweiten Weltkrieg, scheint sich auf das luxemburgisch-sprechende Gebiet im ← 125 | 126 → Großherzogtum, im Bitburger Land, im Umland von Arlon und in den belgischen Ostkantonen zu beschränken, während die ehemals territorialgeschichtlich luxemburgischen, aber wallonischsprachigen Gebiete der Provinz Luxemburg von Belgien nicht von diesem Phänomen betroffen zu sein scheinen. Der Sprachwissenschaftler Elmar Neuss3 stellte seinerseits diesbezüglich eine klare Isoglosse südlich von Monschau in der Eifel fest; nördlich davon ist der Gebrauch von Hausnamen völlig unbekannt. Viele dieser Haus- oder Vogteinamen in den Luxemburger Dörfern sind von meist weiblichen Vornamen abgeleitet, an welche die Endung -en tritt, was einem alten schwachen Genitiv entspricht: Anen (< Anna), Even (< Eva), Grethen (< Margaretha), Joken (< Jacobus), Plunen (< Apollonia), Zären/Zehren (< *des Herren, Bezeichnung des Pfarrhauses). Andere wiederum, überwiegend aus Handwerksbezeichnungen hervorgegangen, enden in -esch, das aus -ers assimiliert ist: Schneidesch (< Schneider), Schouschtesch (< Schuster), Schräinesch (< Schreiner), Koschtesch (< Küster), Kréimesch (< Krämer), Millesch (< Müller), Schréidesch (< (Wein-)Schröter), Woonesch (< Wagener), Zammesch (< Zimmerer = Zimmermann), Péitesch (< Peter).4 Referentiell funktionieren diese althergebrachten und mittlerweile vom Aussterben bedrohten Hausnamensysteme in den einzelnen Dörfern autark, d.h. es trifft äußerst selten zu, dass bei einer Einheirat in ein anderes Dorf ein solcher Hausname vom einheiratenden Ehepartner mitgebracht wurde. Die Agnatentafel der bekannten Historiker Christian Calmes und Albert Calmes5 führt in die Ortschaft Beckerich an der belgisch-luxemburgischen Grenze. Der früheste Ahne, der schriftliche Spuren hinterlassen hat, ist Gabriel Meyers aus der 12 km entfernten Ortschaft Calmus, welcher am 30.06.1720 in Beckerich Catharina Bengen heiratete und danach nunmehr als Calmus oder Calmes aufgeschrieben wurde. Dessen eigentlicher Familienname konnte bisher nicht festgestellt werden, da die Bezeichnung Meyers in den Pfarrbüchern von Septfontaines/Simmern einen Hausnamen darstellt. Eine andere Person namens Calmes, die auf ähnlichem Wege der Auswanderung aus dem Dorf Calmus in den benachbarten Pfarreisitz Septfontaines zu ihrem Namen gekommen sein mag, hat Émile Arendt ermittelt: Wolfgangus Calmes, um 1580 in Simmern geboren, der 1605 an der Universität Trier eine gedruckt vorliegende Dissertation verteidigte (vgl. Arendt 1993).

Angedacht ist im Rahmen der A.L.G.H. ein Forschungs- und Dokumentationsprojekt, welches alle diese Hausnamen Luxemburgs erfassen soll, und zwar auf der Grundlage der Kartenaufnahmen von etwa 1824 (dem so genannten Urkataster) und einer sprachlichen Erhebung vor Ort. Zu ergänzen sein wird diese Materialsammlung durch das Studium von Notariatsinstrumenten aus dem 17. und 18. Jahrhundert sowie von Zivilstandsurkunden von etwa 1802 bis etwa 1840, in denen sehr oft in der vorgedruckten Kategorie ← 126 | 127 → „Straße innerhalb der Ortschaft“ der Hausname eingetragen wurde („gestorben, geboren im Haus XY“). Weil diese spezielle Luxemburger Art der Doppelbenennung von Personen sowohl nach ihrem Familiennamen als auch nach dem Hausnamen noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts weithin verwurzelt war, können als weitere Quellen innerhalb des Projekts, allerdings mit Vorbehalten,6 die Volkszählungen von 1854, 1857 und 1862 herangezogen werden, bei denen eine spezielle Kategorie „Hausname“ auf den Vordrucken steht.

Dieses einleitende Kapitel stellte lediglich eine besondere Kategorie von luxemburgischen Namensvarianten vor, welche im weiteren Verlauf der Erörterungen ausgeklammert bleiben wird. Der nun folgende erste Flügel dieses namenkundlichen Diptychons behandelt Dubletten von Familiennamen über die Sprachgrenze hinweg, während das abschließende dritte Kapitel sich mit territorialen Zugehörigkeitsbezeichnungen beschäftigt.

2 Fallbeispiele zur Problematik der sprachlichen Dubletten bei eigentlichen Familiennamen

2.1 Aus Holtzmacher mach Dubois

Genealogische Nachforschungen belegen, dass die Familie Holtzmacher ihren Ursprung in Useldingen am Fluss Attert hat. Im Jahr 1749, am 7. Januar, findet „inter missarum solemnia“ in der Pfarrkirche Ruette bei Virton die Hochzeit zwischen „Jacobum Holsmacher et Joannam Fort“ statt, wie der Ortspfarrer Donon in der Pfarrmatrikel festhält. Der Name der Ehefrau begegnet später auch als Le Fort. Der Useldinger Auswanderer, der am 15.02.1776 eine zweite Ehe mit Jeanne Gerard einging, starb am 13.03.1791 in Ruette: „est décédé à Ruette la grand a huit heures et demie après midi Jacques Dubois manoeuvre résident audit lieu agé d‘environ Soixante-Sept ans, administré des Sacrements de pénitence…“. Soweit die Niederschrift des Pfarrers J.-B. Didier von Ruette. Welcher Forscher würde diesen Todesakt von Jakob Holtzmacher in einem Namenverzeichnis unter Dubois aufgesucht haben?

Im Hochzeitsakt von 1749, niedergeschrieben im künftigen Wohnort Ruette, steht noch die ererbte, germanische Namensform Holtzmacher für den Bräutigam, während der Name des Neuankönmmlings gleich bei den Taufen seiner Kinder romanisiert wurde: z.B. Jacques Dubois, getauft am 04.01.1758 in Ruette, „ fils légitime de Jacque Dubois et de Jeanne Fort“. Die Identität des Vaters war demnach nur in einer Familienrekonstruktion mit peinlich genauer Angabe der Namensformen und -varianten zu beweisen. Der Anstoß zur Lösung des genealogischen und namenkundlichen Problems kam unserem Informanten Fernand Limpach, dessen Verwandte Dubois bis 1920 in der Gegend von Ruette wohnten, allerdings durch eine schriftliche Archivnotiz, wo zum Ursprung der ← 127 | 128 → Familie Dubois festgehalten wurde: „Holtz dit Dubois, venu d‘Useldange (G.D.) à Ruette vers 1750. Il eut pour fils Martin Dubois…“.7

Man kann sich ausmalen, welche phonetischen Schwierigkeiten im wallonisch-­romanischen Umfeld von Ruette die Aussprache des deutsch-luxemburgischen Familiennamens Holtzmacher für den zugewanderten Ehemann der Jeanne (le) Fort bedeutete. Die Umsetzung zu Dubois war im eigentlichen Sinne keine genaue Übersetzung, sie lag dennoch auf der Hand, weil der Familienname Dubois bereits in Ruette im Jahr 1653 belegt ist. Ein Modell war also gegeben, so dass man im Allgemeinen formulieren kann, dass bei personengeschichtlichen Nachforschungen über die Sprachgrenze hinweg stets die sprachliche Adaptation bzw. Übersetzung von Familiennamen bedacht werden sollte. So wird z.B. im Fall der Eisenarbeiterfamilie Klein auf der Bonnerter Platinerie, heute genau auf der belgisch-luxemburgischen Grenze bei Oberpallen gelegen, der Genealoge im romanischen Umfeld sowohl nach Klein als auch nach Petit in den Namenindices suchen müssen (vgl. ausführlicher Bourguignon 1999, 401–402).

2.2 Die Namensdublette Lejeune – Jung

Die Exemplifizierung dieser Namensdublette findet sich in einem recht späten Schriftstück im Luxemburger Stadtarchiv, welches darüber hinaus lehrt, dass der Forscher unbedingt die eigenhändigen Unterschriften unter den Dokumenten beachten sollte: „Liberté fraternité Egalité à la Municipalité de Luxembourg. Le soussigné Jean Lejeune cordonnier en cette ville vous invite, citoyens, à avoir le plus favorable égard à Sa pauvreté et à La longue maladie dont il est encore actuellement attaqué et au nombre de cinq enfants qui lui demandent du pain qu’il ne lui est guerres possible de leur donner sans le secours des personnes charitables, et en conséquence à le comprendre dans la liste de ceux qui sont dans le cas de profiter de L’excédent de La répartition de la contribution, dans laquelle il est taxé à 21 pièces. Salut et fraternité. Luxbg le 7 brumaire 4e année“ [Donnerstag, 20.10.1795]. Unterschrift: Johannes Jung (vgl. Muller 1996, 155).

Festzuhalten ist bei diesem Beispiel, dass der Haupttext offensichtlich von der Hand eines französischsprachigen, öffentlichen Schreibers zu Papier gebracht wurde, kaum vier Monate nach der Eroberung der Festung Luxemburg durch das revolutionäre Frankreich. Die Unterschrift stammt allerdings vom Bittsteller selbst, der also wenigstens seinen Namen schreiben konnte. Über das sozialgeschichtliche Interesse des Textes hinaus lehrt dieses Fallbeispiel, dass in zweisprachigem Kontext, wie hier unter der neuen französischen Verwaltung des Wälderdepartments (département des Forêts), die Obrigkeit manchmal Sprachformen niederschreibt, welche nicht mit der zweifellos gesprochenen Sprache übereinstimmen. Für den Forscher ergeben sich bei solch evidenten Übersetzungsvarianten ähnliche Vorsichtsregeln wie bei Beispiel 2.1.

← 128 | 129 → 2.3 Der romanische Ursprung des Familiennamens Hottua

Eine genealogische Nachforschung des Autors in Zusammenarbeit mit Georges Lepère (Arlon) aus dem Jahr 1988 hat folgende Agnatentafel ergeben:8

11. Marguerite Hottua, * 22.06.1847 Molinfaing (B), ∞ 05.06.1874 Tournai/Neufchâteau mit 10. Victor Klepper.

22. Jacques Hottua, Schmied, * 16.12.1808 Niedermertzig, Gemeinde Feulen (L), ∞ (2) 02.07.1849 Saint-Pierre/Neufchâteau (B) mit Catherine Peusche.

44. Michael Hottua, Schmied, * 22.11.1769 Oberfeulen, † 09.06.1812 Niedermertzig, ∞ mit Elisabeth Straus (1777–1837); 7 Kinder.

88. Michael Hottua oder Houtois, * 08.03.1744 Oberpallen, † 16.12.1819 Feulen, ∞ mit Catherine Klein.

176. Michel Houtois, * 19.03.1720 Oberpallen, ∞ mit Catherine Jungers.

352. Michel Houton, * ca. 1700 in Oberpallen, ∞ mit Catherine Ludig.

704. Maternus Houton, ∞ mit Catherine NN.

Die Schreibvariante -ua in Hottua erklärt sich in diesem Beispiel als typische Germanisierung von rom. -ois. Houtois ließe sich dabei eventuell als derivierter Herkunftsname zu frz. Hotte (wa. Hote) für eine kleine Ortschaft der Gemeinde Feitler/Feitweiler/Fauvillers in der Provinz Luxemburg interpretieren, während beim einmaligen Beleg Houton aus dem Jahr 1667 der Schreiber offensichtlich volksetymologisch an den weiter entfernten Ort wa. Houton, frz. Hotton, bei Marche in den Ardennen dachte.9

Etymologische Untersuchungen zu Familiennamen würden wesentlich erleichtert, wenn mehr solcher, auf ernsthaften genealogischen Nachforschungen beruhenden Agnatentafeln, die die genaue Schreibweise der Namen festhalten, vorlägen. So stammt der heutige luxemburgische Familienname Milmeister zum Beispiel nachweislich von der Berufsbezeichnung Mi(e)nnenmeister aus dem Stadtluxemburger Festungsbereich (vgl. Milmeister 1985).

2.4 Katapom aus Quatrepoint

Ein einleuchtendes Beispiel für eine nicht nur graphische, sondern auch phonetische Verformung eines ursprünglich romanischen Familiennamens bei der Niederschrift in germanischem Umfeld findet sich in den Pfarrakten der Pfarrei Sankt-Michael, Luxemburg. Dort heißt es in einem Hochzeitsakt vom 01.02.1779: „…matrimonium contraxerunt Dominicus Simon, filius Frederici Simon, linitextoris [Leinenweber] et Mariae Josephae Mackel, conjugum ex Paffendall et virtuosa Joanna Quatrepoint, scribere nesciens, ← 129 | 130 → Alphonsi Quatrepoint, hortulani [Gärtner] et Anne-Margarithae Peyal conjugum filia legitima“. Die junge Ehefrau verstarb im Alter von nur 39 Jahren, und ihr Begräbnisakt hält fest: „mortua est et in cemeterio extra portam Eich [auf dem so genannten Siechenfriedhof] sepulta fuit Joanna Katapom, uxor Dominici Simon, linitextoris ex Paffendall“. Die Identität der genannten Ehefrau in beiden Akten steht außer Zweifel wegen des identischen Gattennamens. Der Name Quatrepoint ist auf Französisch irgendwie deutbar, die luxemburgisch-germanisierte Aussprache als Katapom hingegen nicht. Man kann sich konkret die Schwierigkeiten einer genealogischen Nachforschung ausmalen, welche bloß anhand von Namenindices weiterkommen wollte. Ein langer und weitsichtiger Umgang mit der schriftlichen Dokumentation ist hingegen nötig – der Sprachwissenschaftler seinerseits sollte sich vor voreiligen Erklärungen hüten!

Ein anderes konkretes Beispiel einer – diesmal verbessernden – Aussprache in fremdsprachigem Kontext bietet die Entwicklung des Familiennamens Sacmarie aus der Gegend von Redingen/Attert, welcher von der zweiten Auswanderergeneration in den Vereinigten Staaten (Wisconsin) in der zweiten Hälfte des 19. Jh. zu Sainte-Marie „aufgewertet“ wurde. Ähnlich spielte in der Neuen Welt ein Sohn aus der „Thillsmühle“ von Redingen mit dem Sozialprestige einer französischen Aussprache seines Namens, indem er seinen banalen Namen Thill zu einem noch unerklärten Thilly de Fontenay umgestaltete.

2.5 Strekfus zu Longepied, Hartenfels zu Felsenhart

Ein interessantes Fallbeispiel einer Lehnübersetzung vom Deutschen ins Französische wurde um das Jahr 1995 von einer französischen Genealogin namens Longepied beigesteuert (Muller 1996, 157). Diese wollte bei der A.L.G.H. Informationen über Geburtsort und -datum ihres Vorfahren François Streffus oder Strickfus erhalten. Der Betreffende sei um 1760–1765 im Luxemburgischen geboren und habe sich nach seiner Heirat in Frankreich am 17.07.1794 unter dem Familiennamen Longepied „naturalisieren“ lassen. Seine Eltern hätten Ulrich Strekfus und Eva Barbara geheißen. Leider konnten in den überlieferten Quellen keine derartigen Namensträger im Luxemburger Land nachgewiesen werden. Die Dublette ist aber an sich unverdächtig, begegnet doch in Luxemburg der Familienname Lichtfus(s), der ursprünglich als Bahuvrīhikompositum wohl jemanden bezeichnete, der eine Wegstrecke oder das Leben „leichten Fußes“ meisterte.

Die Umstellung von Elementen in einem Namenkompositum – wohlbekannt seit der altindischen Kompositionslehre – stellt einen Sonderfall von Namensdubletten dar: A.L.G.H.-Nachforschungen im Bereich der Goldschmiedefamilie Felsenhart in Trier und Arlon ergaben einen wahrscheinlichen Ursprung in Vianden am Ende des 17. Jahrhunderts. Dort war allerdings der Familienname als Hartenfels statt Felsenhart eingetragen, was den Fragesteller zu unbeweisbaren Spekulationen über einen möglichen Konfessionswechsel (protestantisch zu katholisch) mit gleichzeitiger Namensänderung veranlasst hatte.

2.6 Die Amtmännerfamilien Wolf und Lupus – Dubletten durch Latinisierung

Loutsch (1974, 534) beschreibt in seinem Luxemburger Wappenbuch das Siegel eines Jean Lupus, apostolischer Notar und Pfarrer zu Mersch vom 02.07.1694 mit der lakonischen Bemerkung: „d‘une famille de Saint-Vith, Lupus étant évidemment la latinisation ← 130 | 131 → du nom Wolf“. Des Weiteren ist in den Beforter Pfarrmatrikeln im Jahr 1750 von einer Hochzeit die Rede, bei welcher sich der Ehemann Wolff, die Ehefrau hingegen Lupus nennt: „1750 19a Maii contraxerunt matrimonium Joannes georgius Wolff ex Befort, relictus filius petri et barbarae Wolf cum virtuosa anna clara elisabetha Lupus, joannis wilhelmi et mariae judit Lupus filia ex Reulant, eadem parochia“. Die Gattin stammte demnach aus Burg-Reuland im Umland von Sankt-Vith, heute im Dreiländereck zwischen Belgien und Deutschland im hohen Luxemburger Norden gelegen. Diese bizarr anmutende Doppelbenennung Wolff/Lupus könnte ihre Erklärung in der Tatsache finden, dass innerhalb der weitverzweigten Juristen- und Amtmännerfamilie Wolf(f) in Sankt-Vith eine Namensspezialisierung für einzelne Zweige vollzogen wurde: die lateinische Form Lupus blieb dem Sankt-Vither und späteren Burg-Reulander Zweig vorbehalten, während der später in Befort nachzuweisende Zweig exklusiv die deutsche Form Wolf(f) gebrauchte. Das Zusammentreffen beider Varianten in einem Akt beruht demnach wohl auf einer arrangierten Eheverbindung, um eine einzig überlebende Erbtochter des Lupus-Zweiges in den entfernt verwandten Wolff-Zweig einzuheiraten.

Solche latinisierte Namensdubletten sind im Bereich der Luxemburger Familien recht häufig anzutreffen; man denke an den Arloner Humanisten Bartholomäus Latomus (1495–1570), der als Steinmetz geboren wurde; oder noch an die Diekircher Notablenfamilie Vannerus, mit aus Wag(e)ner latinisiertem Familiennamen.

Insbesondere die Latinisierungen von Herkunftsbezeichnungen, die dann zu Familiennamen wurden, scheinen im Bereich des deutschsprachigen Herzogtums Luxemburg, sowie der gesamten Moselgegend gehäuft aufzutreten. Es handelt sich im Idealfall um Familiennamen mit der Endung -ius, die frei an den Herkunftsnamen angefügt wurde (Karte 1). So ergibt der Ortsname Bissen + ius den Familiennamen Bisenius; Wiltz > Witzius; der Familienname Conzemius ist allerdings etwas schwieriger zu erklären, gehört jedoch letztlich wohl zum Luxemburger Toponym Consthum. Eine Kartierung aller auf -ius endenden Familiennamen mit Hilfe des an der Universität Luxemburg entwickelten Moduls eines Familiennamen-Atlasses zeigt sehr deutlich die räumliche Einengung des Phänomens auf den moselländisch-niederrheinischen Bereich.10 Die Auflistung luxemburgischer Belegbeispiele aus den Publikationen der Volkszählungen von 1880, 1930 und 1980 ergibt folgendes Inventar: Beckius, Bernius, Besenius, Bisenius, Bonarius, Britzius, Brixius, Brosius, Capesius, Cavelius, Chelius, Conzemius, Cricius, Dixius, Fabricius, Foxius, Gricius, Grisius, Grissius, Grutzius, Hamelius, Hamilius, Jubelius, Karius, Korzilius, Krutzius, Milius, Neisius, Pixius, Rusius, Sartorius, Wiltzius, Wilzius, Wiwinius, Zeutzius.11

In diesem Kapitel wurden anhand von Beispielen aus der genealogischen Praxis Dubletten von Familiennamen über die romanisch-germanische Sprachgrenze hinweg ← 131 | 132 → dargestellt und erläutert. Der zweite Flügel dieses namenkundlichen Diptychons bespricht abschließend Familiennamenvarianten, welche auf eine Herkunft aus entfernten Landstrichen hinweisen, oder aber sehr alte Territorialverhältnisse und heute verschwundene Landesgrenzen widerspiegeln.

3 Regionale Herkunftsangaben und territoriale Zugehörigkeits-bezeichnungen als Quelle von Familiennamen

3.1 Munkler hergeleitet von der Burg Montclair

Hoch über einer Saarschleife bei Mettlach im Saarland liegen die Ruinen der bedeutenden spätmittelalterlichen Burganlage Montclair. Diese wurde um 1428–1439 vom Ritter Arnold von Sierck an der Stelle der bis ins 10. Jh. zurückreichenden Burg Skiva auf diesem strategischen Bergrücken erbaut. Zum ersten Mal ins Licht der Geschichte tritt der Burgname Montclair in einer Papsturkunde vom 04.06.1190, in welcher Papst Clemens III. im Lateran dem Erzbischof Johann I. von Trier u.a. den Besitz des „castrum de Muncler“ bestätigt. Die 1218 ebenfalls benutzte lateinische Benennung „Mons clarus“ (Simon, dominus de Monteclaro) kann sowohl ‚heller, lichter Berg‘ als auch ‚berühmter Berg‘ bedeuten. Als ein Guy de Clermont aus Frankreich im späten 13. Jh. durch Einheirat in den Besitz der Burg Montclair kam, scheint er mit dem etymologischen Spiel der Umstellung der Kompositionselemente, – wie oben im Fall Felsenhart = Hartenfels erläutert, – den Namen Montclair als Name eines neuen Rittergeschlechts begründet zu haben.

Interessant ist es nun festzustellen, dass von diesem Burg- und Geschlechtsnamen anscheinend der sehr viel später belegte Familienname Munkler (und Varianten) herzuleiten ist.12 Im Jahr 1496 taucht in den Quellen von Rossdorf bei Darmstadt ein Peter Monckeller auf, der wahrscheinliche Urahn der heutigen Familien Münkler, die in der Gegend von Dieburg wohnen. Wenn man die derzeitigen 59 deutschen Telefonbucheinträge zum Familiennamen Munkler abfragt, fällt die Konzentration von fast der Hälfte (24) im Landkreis Bitburg-Prüm ins Auge. Diese leiten sich von den ersten Belegen in der bis 1815 zu Luxemburg gehörenden Eifelpfarrei Eschfeld her, wo 1696 die Namensform Monkellerß zuerst auftaucht. In Eschfeld trägt das Stammhaus das Domonym (siehe oben Kapitel 1) Munkelesch, obwohl das Haus eine Familie mit dem Namen Müller seit Generationen bewohnt. Das luxemburgische Feuerstättenverzeichnis von 1624 nennt in Eschfeld den Namen Monckler, während in jenem von 1611 in der Ortschaft Eschdorf bei Wiltz derselbe Name auch als Monckler überliefert ist. Weitere frühe Belege finden sich 1702 als Moncler in Binsfeld im Luxemburger Norden und 1784 als Munckler in Föhren bei Schweich an der Mosel. Somit kann dieser recht seltene Familienname wohl eindeutig als Germanisierung des ursprünglich romanischen Burg- und Geschlechternamens Montclair gedeutet werden.

← 132 | 133 → 3.2 Croat – Cravatte – Horvath

Unsere Nachbarn zuhause trugen den Familiennamen Croat, und ihre Enkelkinder gerieten in der Folge der Kriege im auseinanderbrechenden Jugoslawien in den 1990er Jahren auf dem Schulhof arg in Bedrängnis: Bekanntlich ist die Grausamkeit kleiner Kinder grenzenlos, und demzufolge wurden unsere Nachbarskinder wegen ihres angestammten Familiennamens mit den Kriegsverbrechen der Kroaten drangsaliert und gehänselt. Nun gibt es effektiv einen Zusammenhang zwischen diesem seit 1678 im Herzogtum Luxemburg belegten Ethnikon, dem Namen der Einwohner von Kroatien und der Krawatte, im 17. Jh. aus dem gleichbedeutenden französischen cravate entlehnt, „dieses aus Krawat, ‚die kroatische Halsbinde‘, einer mundartlichen Nebenform von Kroate, nach einer bestimmten Halsbinde von kroatischen Reitern“ im Dreißigjährigen Krieg (vgl. Seebold 1989: 411). Bei der Kartierung mit dem Modul des Familiennamen-atlasses der Universität Luxemburg wurden neben der aus dem Ungarischen entlehnten Benennung Horvath die vielfältigen Schreibweisen eingegeben, welche in der Luxemburger Hochzeitskartei der A.L.G.H. vor 1802 vorkommen (siehe Karte 2): der anlautende gutturale Verschlusslaut mit <C> oder <K>, der labiale Glide zwischen den mittleren tiefen Vokalen <OA>, <AVA> sowie die einfache oder verdoppelte Dentalendung <T>, <TTE>. Am Rande sei festgehalten, dass Angehörige der Familie aus dem Kanton Redingen im 19. Jh. nach Nordamerika auswanderten und dort bis heute ihren Namen als Croatt, mit Betonung auf dem ersten Vokal, schreiben. Neben diesem Familienverband, der seinen Ursprung in der kleinen Ortschaft Lannen bei Redingen hat und Ende des 18. Jh. eine Nebenlinie in Eschdorf hervorbrachte, begegnet ein zweiter Brennpunkt dieses Ethnonyms in Düdelingen im Luxemburger Süden. Dort ging im Jahr 1678 der erste bekannte Namensträger Joannes Cravat die Heirat mit Maria Lux aus Hayange ein. Die Schreibweisen variieren wild durcheinander in beiden nicht miteinander verwandten Zweigen, so dass von einer Beeinflussung der Graphemik durch die Phonetik des fremdartigen Namens auszugehen ist; in Düdelingen überwiegt allerdings die Graphie Cravat. Einmal begegnet sogar die Scheibweise Kravaten, nämlich bei der Taufe einer Anna K. am 02.01.1684 in Everlingen, Pfarrei Ospern. Ursprünglich wurden in Luxemburg mit diesem Namen wohl zwei aus dem Balkan stammende Söldnersoldaten bezeichnet, die sich nach den Gräueln des Dreißigjährigen Krieges unabhängig voneinander im Luxemburger Land niederließen und die zwei nachweisbaren Stammlinien begründeten.

3.3 Behm – Böhm – Bem

Behm/Böhm, ein anderer Familiennamenkomplex mit variablen Schreibungen, lässt zweifelsfrei auf einen Ursprung aus dem Land Böhmen schließen, mit dem Luxemburg im Lauf seiner Geschichte seit König Johann (dem Blinden) und dem Bischof und Kanzler Peter von Aspelt zu Beginn des 14. Jahrhunderts vielfältige Kontakte pflegte (Muller 2003b). Am 27.09.1625 erwarb Hieremias Böhem „aus dem Landt Meissen“ das Bürgerrecht der Stadt Luxemburg und legte den gewöhnlichen Bürgereid ab. Interessant ist die durch diese Archivnotiz belegte Tatsache, dass der erste Namensträger nicht direkt aus dem Land herkam, dessen Name in seinem Familiennamen steckt, sondern seine Vorfahren bereits früher aus Böhmen nach dem sächsischen Meißen an der Elbe migriert waren. Von diesem ← 133 | 134 → eingewanderten „Urahn“ stammen nachweislich alle Luxemburger Namensträger Behm ab, und die Genealogie erlaubt es, eine Agnatentafel über 12 Generationen zusammenzustellen, was bei der bekannten kargen Quellenlage außergewöhnlich ist (Ensch & Muller 1990). Nach der Schreibung Böhem von 1625 begegnet in dieser Familie einzig und allein die Namensform Behm, vom Eremiten Theodor Behm (1708–1784) auf der Rittersdorfer Klause und dem Notar Jean-Nicolas Behm (* 1740) in Luxemburg-Stadt bis hin zum Dechanten Michel Behm und seinem Neffen, dem Arzt Jean-Marie Behm in Mersch. Die Kartierung mittels des Luxemburgischen Familiennamenatlasmoduls zeigt eindeutig, dass diese Schreibung Behm vorwiegend in Luxemburg zu finden ist, während Namensformen mit -e am Ende (Behme, Böhme, Boehme, Beme) – z.B. der in Görlitz an der Neiße geborene Mystiker Jakob Böhme – eher auf den deutschen Osten und Norden beschränkt und somit näher an der Ursprungsregion dieses Ethnikons verbreitet sind. Diese Verteilung Behme/Böhme versus Behm/Böhm scheint auch sehr deutlich im entsprechenden Kartenkomplex des DFA Bd. 4 Herkunftsnamen (2013, 86ff.) auf.

3.4 Bourguignon – Burgund(er)

Abschließend sollen nun jene Namenstripletten diskutiert werden, die oberflächlich so aussehen, als ob sie unterschiedliche Herkunftsbenennungen je nach Sprachgebiet wären. So lässt die Familiennamenkartierung der romanischen Form Bourguignon vor allem das heutige Königreich Belgien (weniger Flandern als Wallonien) als Hochburg dieses Familiennamens erscheinen (siehe Karte 3). Auch in der belgischen Provinz Luxemburg ist der Name häufig belegt, während er im gleichnamigen Großherzogtum nur im Süden vereinzelt aufscheint, dort in Konkurrenz mit der germanischen Form Burgund und noch seltener Burgunder, das sich an der Mosel konzentriert. In Deutschland gibt es neben verstreuten Einzelbelegen der drei Formen nur für Bourguignon eine Massierung in Köln und für Burgunder eine in Bonn.

Doch der zeitgenössische kartographische Befund lässt die Hypothese als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass in früheren Zeiten eine massive Auswanderung aus Burgund (französisches Herzogtum / duché de Bourgogne sowie Freigrafschaft Burgund / Franche Comté) in die frankophonen belgischen Provinzen stattgefunden hätte, und eine viel weniger zahlreiche in die deutschsprachigen Gebiete. In diesem Fall liegt weniger eine Einwanderung vor als eine Benennung von ortsfesten Untertanen nach ihrem jeweiligen Landesherrn.

Im Laufe des 15. Jahrhunderts erreichten die Herzöge von Burgund mit Sitz in Dijon den Zenit ihrer Macht. Aus dem zwischen französischem Königtum und deutschem Reich eingekeilten Territorium bauten sie eine europäische Großmacht auf, die bald nach Norden expandierte und sich unter Herzog Philipp dem Schönen durch Eroberung der reichen belgischen Provinzen dort dauerhaft etablierte. Bruges/Brügge und Malines/Mechelen wurden die Zentren burgundischer Prachtentfaltung und Machtausübung. Die Stadt und Festung Luxemburg wurde 1443 erobert, nachdem mit Kaiser Sigismund 1437 der letzte Repräsentant der mittelalterlichen Luxemburger Dynastie ohne männlichen Erben verstorben war. Der burgundische Expansionsdrang wurde erst am Ende des 15. Jh. durch militärische Niederlagen Karls des Kühnen in der Schweiz und vor Nancy gebremst. ← 134 | 135 → Durch die Heirat zwischen Kaiser Maximilian aus dem österreichischen Hause Habsburg und der burgundischen Erbin Maria kamen diese Besitzungen, Luxemburg inbegriffen, im 16. Jh. an die spanischen Habsburger.

Setzt man das allmähliche Festwerden von Familiennamen, vor allem in den Städten, um 1500 an, so leuchtet ein, dass der Familienname Bourguignon und seine Varianten Burgund und Burgunder als Zugehörigkeitsbezeichnungen in dem eben erläuterten, sehr spezifischen historischen Kontext entstanden sind. Sie sind demnach keine Zeugnisse irgendwelcher Migrationen, sondern territoralgeschichtlich begründet. Vorstellen kann man sich etwa, dass solche Benennungen an der Grenze mit dem Königreich Frankreich ihren Ursprung nahmen, indem die burgundischen Untertanen jenseits der Landesgrenze spöttisch als Bourguignons bezeichnet wurden (Muller 2003a).

3.5 Spanier – Lespagnol – Spaniol

Spinnt man den Faden ins 16. und 17. Jahrhundert weiter, so kann man eine ganz ähnliche territorialgeschichtliche Begründung für die Namenstripletten Spanier – Lespagnol – Spaniol finden, die als Familiennamen wiederum viel zu häufig belegt sind, als dass sie von einer Einwanderung aus Spanien, wie massiv auch immer diese gewesen sein mag, herrühren könnten. Mit Kaiser Karl V. und seinem Sohn, dem spanischen König Philipp II. und dessen Nachfolgern, regierten die spanischen Habsburger die südlichen, katholisch verbliebenen niederländischen Provinzen (Pays-Bas espagnols) bis zum Spanischen Erbfolgekrieg im Jahr 1700. Ab 1715 wurden sie dann für 80 Jahre von den österreichischen Habsburgern in der Herrscherfunktion ersetzt.

Somit ergibt sich für den Familiennamentypus Spanier – Lespagnol eine mit Bourguignon – Burgund(er) vergleichbare Motivation und Entstehungsgeschichte. Analog ist der Name der Gastwirtschaft „Im spanschen Eck“ zu interpretieren, die sich im Dorf Igel an der Mosel befand, das bis 1815 zum Herzogtum Luxemburg gehörte. Diese oberflächlich bizarre Benennung verdeutlicht aber unzweifelhaft die territorialgeschichtliche Motivation solcher Namengebungen, auch im Bereich der Familiennamen. Die Einwohner aus dem Trierischen nämlich, jene von der anderen Seite der Grenze, bezeichneten so die Dörfer und Untertanen, die von „Spanien“, d.h. den spanischen Habsburgern, von 1520 bis 1700 regiert wurden. Im Dorf Itzig, südlich der Stadt Luxemburg, gibt es heute noch „eng spuenisch“ und „eng franséisch Säit“. Diese heute unverständlich gewordenen, altertümlichen Bezeichnungen reichen in eine Zeit zurück, als das Königreich Frankreich im Rahmen seiner expansiven Reunionspolitik unter Ludwig XIV. Teile des Luxemburger Südens besetzt hielt unter dem Vorwand, diese Dörfer und Dorfteile gehörten zur Herrschaft Roussy/Rüttgen, die französisch war. Das Luxemburger Wörterbuch (IV, 253) führt ebenfalls aus, dass die Substantivierung „am Spueneschen“ „im deutschen Grenzgebiet“ für diejenigen Luxemburger Gebiete gebraucht wird, „die bis 1714 zu den spanischen Niederlanden gehörten“. Man darf daher wohl davon ausgehen, dass die Familiennamen des Typus Spanier usw. zuerst an den Territorialgrenzen, vielleicht sogar als spöttische Bezeichnung für die Nachbarn auf der andern Seite, entstanden sind und sich dann innerhalb der betreffenden Territorien durch Heirat und Binnenwanderung ausgebreitet haben. Solch eine Dynamik lässt ebenfalls die Familiennamenkarte ← 135 | 136 → mit den Tripletten Spanier – Lespagnol – Spaniol erkennen (siehe Karte 4), wobei die romanische Form mit agglutiniertem bestimmtem Artikel Lespagnol vor allem südlich von Brüssel erscheint, während die schriftdeutsche Form Spanier in Brüssel selbst, jedoch vor allem im Luxemburger Gutland und entlang der Mosel, wie auch entlang der Rheinschiene zu finden ist. Die ältere Namensform für ‚Spanier‘, Spaniol (< español) hat dagegen interessanterweise eine Hochburg im Saarland. Im Großherzogtum Luxemburg rangierte der Familienname Spanier im Jahr 1980 sogar unter den 500 häufigsten Familiennamen.

Am Ende dieser Analyse dürfte deutlich geworden sein, dass Namensdubletten an den Sprachgrenzen, welche sich von Länder- oder Regionennamen herleiten lassen, nicht zwingend Bevölkerungsbewegungen oder Einwanderungen widerspiegeln. Vielmehr können Familiennamen dieser Kategorie auch die Erinnerung an sehr alte territorialgeschichtliche Zusammenhänge, wie tiefgefroren, bewahren.

Halten wir also als Fazit fest, dass Namenetymologien in Grenzgebieten zwischen Territorien oder Sprachen sich oftmals erst durch zusätzliche genealogische Forschungen erschließen lassen. So stößt man im zweisprachigen Kontext nicht nur auf aus Übersetzungen resultierende Namendubletten (Holtsmacher/Dubois, Klein/Petit) sondern auch auf durch lautliche Verformungen entstandene Namen (Katapom < Quatrepoint, Munkler < Montclair) und Latinisierungen (Lupus < Wolff).

Evidente Herkunftsnamen wie etwa Behm oder Croat sollten auf Grundlage genealogischer Daten bewiesen werden, während andere scheinbare Herkunftsnamen nicht zwingend durch Zuwanderung erklärbar sind (Spanier, Lespagnol), sondern auf alte territoriale Zusammenhänge rekurrieren können (hier die historischen niederländischen Provinzen der Pays Bas espagnols).

Literatur

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Bourguignon, Marcel: L‘Ère du Fer en Luxembourg (XVe–XIXe siècles) - Études relatives à l‘ancienne sidérurgie et à d‘autres industries au Luxembourg, Luxembourg, 1999.

Calmes, Albert: Note biographique. In: Au Fil de l‘Histoire, Luxembourg, 1979, 279–282.

Ensch, Jean: Die neuentstandenen Hausnamen im 19. Jh. In: Livre d’Or de l’Harmonie grand-ducale municipale, Wiltz, 1994, 707–776.

Ensch, Jean / Muller, Jean-Claude: Ligne agnatique Behm. In: de Familjefuerscher Nr. 6, Luxemburg, 1990, 73.

Kollmann, Cristian: Auf der Suche nach Mahowald. In: Hémecht Jg. 63, Luxemburg, 2011, 351–362.

Deutscher Familiennamenatlas (DFA), Herausgegeben von Kunze, Konrad und Nübling, Damaris. Band 4: Familiennamen nach Herkunft und Wohnstätte, Berlin, 2013.

Loutsch, Jean-Claude: Armorial du Pays de Luxembourg, Luxembourg, 1974.

Luxemburger Wörterbuch, Herausgegeben von der Wörterbuchkommission, 5 Bände, Luxemburg, 1950–1975, Ergänzungsband, 1977. URL: http://infolux.uni.lu/worterbucher.

Malget, Jean: 28.04.1710 – Das Testament des Pfarrers vom Helperknapp, Étienne / Stephan: HAUTOIS oder HOTTUA und weitere Dokumente zum Wirken des Stephanus HU(T)TOY, Pastor in Heilberg-Buschdorf (1665–1710). In: de Familjefuerscher Nr. 26, Luxemburg, 2010, 53–59.

Marquet, Édouard: Hotton à travers les âges, Tournai/Paris, 1930.

← 136 | 137 → Mathieu, Paul: Les „baptiseurs“ de maisons – Quelques remarques sur les „Hausnimm“ ou „noms de maisons“. In: Annuaire/Jahrbuch A.L.G.H., 1996, 161–181.

Mathieu, Paul: Les „noms de maisons („Häusnimm“) dans le Pays d’Arlon et plus spécialement à Tintange. In: Annuaire/Jahrbuch A.L.G.H., 1999, 25–77.

Milmeister, Jean: Ligne agnatique Milmeister. In: de Familjefuerscher Nr.2, Luxemburg, 1985, 13.

Muller, Jean-Claude: Hausnamen und Familiennamen von Redingen/Attert, Useldingen und Rippweiler in zwei Seelenverzeichnissen von 1793. In: de Familjefuerscher Nr. 2, Luxemburg, 1985, 11–15.

Muller, Jean-Claude: Démographie et structures familiales dans la paroisse d‘Attert en 1745. In: Annuaire/Jahrbuch A.L.G.H., 1993, 161–190.

Muller, Jean-Claude: WOLF/LUPUS oder ähnlich: Zur Problematik der Dubletten bei Familiennamen – einige Fallbeispiele. In: Annuaire/Jahrbuch A.L.G.H., 1996, 153–160.

Muller, Jean-Claude: Histoire(s) de… Bissen/Besenius, Konz/Conzemius, Wiltz/Wiltzius – Latinisations: les noms de famille luxembourgeois se terminant en –ius. In: Le Quotidien Nr. 2, Esch-sur-Alzette, 2002, 12.

Muller, Jean-Claude: Onomastique et migrations: Des noms, fossiles de l’histoire territoriale – Bourguignon, Spanier, Liégeois, Oestreicher – patronymes qui n’indiquent pas la provenance mais l’appartenance territoriale. In: Le Quotidien, Esch-sur-Alzette, 28.08.2003. (=Muller 2003a)

Muller, Jean-Claude: Onomastique et migrations: Les Behm venus de Bohême. In: Le Quotidien, Esch-sur-Alzette, 18.09.2003. (=Muller 2003b)

Muller-Wirth, Henriette / Muller, Jean-Claude: Die Bevölkerung von Redingen/Attert im Spiegel der Pfarrbücher und der Volkszählung von 1766. In: Festbroschüre Cercle philatélique Les Timbrophiles de l‘Attert, Redingen/ Attert, 1987, 33–107.

Munkler, Bruder Niketius A.: Der Familienname Munkler in seiner 800jährigen Geschichte, Vorkommen in den Geschlechtern v. Walecourt, v. Joinville, c. Clefmont, v. Montclair, v. Sirck, v. Sayn bis in die Gegenwart, Bonn, 1988.

Neuss, Elmar: Rheinische Personennamen aus Mittelalter und früher Neuzeit. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 65, Bonn, 2001, 1–33.

Schaffner, Hugues: Bibliographie Christian Calmes. In: Hémecht Jg. 40, 1988 und ergänzend ibidem 41, 1989, 101.

Seebold, Elmar (Hrsg.): Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin, 1989.

Van Werveke, Nicolas: Die Familiennamen des Luxemburger Landes, Diekirch, 1900.

← 137 | 138 → Kartenanhang

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Karte 1: Verteilungskarte einiger Latinisierungen auf -ius, abgeleitet aus den Ortsnamen Bissen, Consthum und Wiltz

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Karte 2: Verteilungskarte des aus dem Ungarischen entlehnten Landesnamens für Kroatien in der Rhein-Maas-Region

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Karte 3: Verteilungskarte der vom Landesnamen Burgund abgeleiteten Familiennamen

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Karte 4: Verteilungskarte der vom Landesnamen Spanien abgeleiteten Familiennamen ← 139 | 140 →

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1 Vgl. van Werveke 1900. Anhand des Familiennamens Mahowald führt Kollmann 2011 ein Beispiel vor, wie für einen lange kontrovers diskutierten Familiennamen letztendlich ein Herkunftsortsname gefunden werden kann.

2 So trägt z.B. der Pfarrer von Redingen an der Attert von 1733 bis 1756 alle Täuflinge mit den Hausnamen ein, während sein Neffe und Nachfolger ab 1756 nur Familiennamen benutzt. Ein schlüssiger genealogischer Beweis zur Erstellung einer Übersicht konnte nur anhand der Vornamen erbracht werden; vgl. Muller/Muller 1987, 33–107.

3 Persönliche Mitteilung aus dem Jahr 2010; Vgl. noch Neuss 2001.

4 Etliche Lokaluntersuchungen liegen seit Kurzem vor: Mathieu 1996, Mathieu 1999, sowie Muller 1985, 1993.

5 Eine Agnatentafel führt alle männlichen Vorfahren eines Probanden auf, die dessen Familiennamen inklusive Varianten aufweisen. Vgl. Calmes 1979; zu Christian Calmes, vgl. Schaffner 1988.

6 Vgl. zu neuentstandenen Hausnamen im 19. Jh. Ensch 1994. Die Originaldokumente dieser Volkszählungen sind als Mikrofilm im Luxemburger Staatsarchiv zugänglich.

7 Nähere Details sind nachzulesen in der Erstpublikation bei Muller 1996, 154. Man vgl. auch in diesem Band den Beitrag /Images/, wo analoge Bildungen im germanisch-romanischen Grenzgebiet angeführt werden (Dubois/Denbosch).

8 Die hier abgedruckte Agnatentafel ist aufgrund der numerischen Generationenzählung von Sosa-Stradonitz aufgebaut. Erstpublikation in Muller 1996, 155–156 mit detaillierteren Angaben; ein weiterer Träger desselben Familiennamens wird behandelt von Malget 2010.

9 Claire Muller (in diesem Band) vertritt ihrerseits diese Etymologie. Zum Ortsnamen Hotton und der Geschichte dieser Ortschaft vgl. Marquet 1930. Trotz phonologischer Schwierigkeiten (<ü> versus <u>) möchte der Autor die Herleitung aus dem Gentilnamen Hutois(es), der Bezeichnung der Einwohner der Stadt Huy an der Maas nicht völlig ausschließen.

10 Vgl. http://lfa.uni.lu.

11 Detailliert behandelt in Muller 2002. Aus der obigen Liste wurden alle auf lateinische Vornamen zurückgehenden Formen ausgeschlossen. Es sind diese im einzelnen: Ambrosius, Anthonius, Blasius, Confucius, Cornelius, Dionysius, Gregorius, Hortensius, Junius, Lucius, Luzius, Marius, Tullius, Valerius, Walerius, Wallerius.

12 Vgl. Munkler 1988. Alle folgenden Namenbeispiele entstammen dieser 400-seitigen Studie.