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Shoah und Dialog bei Primo Levi und Ruth Klüger

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Aglaia Bianchi

Primo Levi und Ruth Klüger, zwei der wichtigsten Stimmen der Shoah-Literatur, unterscheiden sich stark in ihrer Persönlichkeit, ihrer Bildung und ihren Schreibbedingungen. Beide greifen jedoch auf den Dialog zurück, um sich persönlich mit der Shoah auseinanderzusetzen, sich in dieser Literatur zu verorten und um die Leser zu einem bewussteren Umgang mit der Shoah anzuregen. Erstmalig untersucht diese Studie systematisch die spezifische Funktion, die der Dialog im Leben und Werk beider Autoren aufweist und zeigt, wie er eine einheitliche Strategie der Auseinandersetzung mit der Shoah konstituiert, und somit eine bewusstere Auseinandersetzung damit, sowohl auf privater als auch auf öffentlicher Ebene, anregt.
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Einleitung

← 10 | 11 →Einleitung1

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Die Auseinandersetzung mit der Shoah2 ist von ihren Anfängen in der Nachkriegszeit bis heute aufgrund ihres singulären Charakters „ein zentrales Element des Selbstverständnisses der Deutschen geworden, aber auch der Vertreter und Träger der abendländischen Zivilisation insgesamt“3. Sie zeichnet sich durch eine komplizierte Konstellation von paradoxen Situationen und Anforderungen aus. Insbesondere die Überlebenden, die unter den Autoren der Shoah-Literatur die Mehrheit bilden, sehen sich mit derartigen Widersprüchen konfrontiert.

Mit ihrer Entscheidung, Zeugnis ablegen zu wollen oder nicht, finden sich die Überlebenden vor einer „paradoxen Situation der gleichzeitigen Notwendigkeit und Unmöglichkeit dieses Unterfangens“4 wieder. Sie bemühen sich, eine Form für ihre Aussage zu finden, die das Gleichgewicht zwischen der Wiedergabe der persönlichen traumatischen Erfahrung und der für die Glaubwürdigkeit angestrebten Objektivität bewahren kann, und müssen erkennen, dass die herkömmlichen literarischen Gattungen dem Gegenstand ← 11 | 12 → kaum angemessen sind, oder erst nach einer gründlichen Überarbeitung.5 Die Autobiographie zum Beispiel, die in der Literatur als eine der subjektivsten Gattungen gilt, muss sich mit dem ihr fremden Objektivitätsanspruch auseinandersetzen.6 Darüber hinaus scheint die menschliche Sprache angesichts einer adäquaten Beschreibung der entmenschlichten Welt der Konzentrationslager7 zu versagen, denn

Come questa nostra fame non è la sensazione di chi ha saltato un pasto, così il nostro modo di avere freddo esigerebbe un nome particolare. Noi diciamo «fame», diciamo «stanchezza», «paura», e «dolore», diciamo «inverno», e sono altre cose. Sono parole libere, create e...

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