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War die «Vertreibung» Unrecht?

Die Umsiedlungsbeschlüsse des Potsdamer Abkommens und ihre Umsetzung in ihrem völkerrechtlichen und historischen Kontext

Christoph Koch

Vor dem Hintergrund der in der Bundesrepublik anhaltenden Unrechtsdebatte diskutieren die Beiträge des Sammelbandes die völkerrechtliche Zulässigkeit und die historischen Auswirkungen der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens vom 2.8.1945. Darin wurde die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung in denjenigen Teilen des untergegangenen Reiches vereinbart, die Nachkriegsdeutschland nach den Bestimmungen des Abkommens nicht mehr angehörten. Die Aussiedlungsbeschlüsse betrafen überdies Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit in den vom Dritten Reich okkupierten Ländern. Die Autoren kommen in der Einschätzung dieser Ereignisse zu unterschiedlichen Ergebnissen. Der Sammelband ist daher nicht zuletzt ein Zeitzeugnis der gesellschaftlichen Aneignung des Gegenstands in den von dem Geschehen betroffenen Ländern.
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Über Unrecht: Christoph Koch

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Christoph Koch

Der Verlust der deutschen Ostgebiete und die Ausweisung der Deutschen aus Polen, der Tschechoslowakei und anderen Ländern ist eine ungeheure menschliche und eine grandiose nationale Katastrophe. Die nationale Katastrophe ist selbstverschuldet und mit Fleiß herbeigeführt. Die menschliche Katastrophe aber hat einen Teil der Betroffenen nicht auf dem Wege persönlichen Verschuldens, sondern auf dem Weg der gesellschaftlichen Haftung für den von Deutschland geführten Eroberungskrieg und die von Deutschland in den eroberten Gebieten begangenen Verbrechen ereilt. Es ist es daher verständlich, daß nicht wenige von ihnen das erlittene Schicksal als ein ihnen persönlich widerfahrenes Unrecht verstehen. Die Grenzen des Nichtverschuldens sind freilich nicht immer leicht zu ziehen. Bedenkt man die unterschiedlichen Formen der Teilhabe am nationalsozialistischen System von der aktiven Unterstützung über die billigende und die mißbilligende Hinnahme bis zum aktiven Widerstand, so schränkt sich der Kreis derjenigen, die ungetrübte Unschuld für sich in Anspruch nehmen können, erheblich ein. Auch für den eingeschränkten Kreis der tatsächlich Unschuldigen aber wird die persönliche Unschuld überwölbt durch die Verantwortung des einzelnen für die Gesellschaft, deren Mitglied er ist. Ist die Gesellschaft ein Unrechtssystem, so haftet auch der, der sich dem Unrecht vergebens widersetzt.

Die Intention der Tagung, deren Ergebnisse der vorliegende Sammelband veröffentlicht1, galt nicht der Ebene persönlicher Vertreibungserfahrung. Ihr Gegenstand war vielmehr der rechtliche und der historische Zusammenhang gesellschaftlicher Verfehlung und ihrer unausbleiblichen Folgen auf alle Mitglieder...

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