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War die «Vertreibung» Unrecht?

Die Umsiedlungsbeschlüsse des Potsdamer Abkommens und ihre Umsetzung in ihrem völkerrechtlichen und historischen Kontext

Christoph Koch

Vor dem Hintergrund der in der Bundesrepublik anhaltenden Unrechtsdebatte diskutieren die Beiträge des Sammelbandes die völkerrechtliche Zulässigkeit und die historischen Auswirkungen der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens vom 2.8.1945. Darin wurde die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung in denjenigen Teilen des untergegangenen Reiches vereinbart, die Nachkriegsdeutschland nach den Bestimmungen des Abkommens nicht mehr angehörten. Die Aussiedlungsbeschlüsse betrafen überdies Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit in den vom Dritten Reich okkupierten Ländern. Die Autoren kommen in der Einschätzung dieser Ereignisse zu unterschiedlichen Ergebnissen. Der Sammelband ist daher nicht zuletzt ein Zeitzeugnis der gesellschaftlichen Aneignung des Gegenstands in den von dem Geschehen betroffenen Ländern.
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Die „kalte“ Heimat: Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur: Irmela von der Lühe:

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Irmela von der Lühe

Seit im Jahre 1999 der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W. G. Sebald seine zwei Jahre zuvor gehaltenen Zürcher Poetik-Vorlesungen veröffentlichte, haben Feuilleton und Literaturwissenschaft, veröffentlichte Meinung und akademische Forschung ein neues Thema. Der Titel von Sebalds Essays klang harmlos, sein Inhalt war und ist es nicht. „Luftkrieg und Literatur“ ist eine Polemik und eine Anklageschrift1; ihr zentraler Vorwurf lautet, daß eine ganze Generation deutscher Autoren vor den Zerstörungen durch den alliierten Bombenkrieg, vor Flucht und Vertreibung die Augen verschlossen habe; daß sie mithin die millionenfachen Opfer unter der deutschen Zivilbevölkerung keiner literarischen Darstellung gewürdigt, mehr noch, daß sie eine solche Darstellung vermieden, verweigert und damit den historischen Sachverhalt – also die Vertreibung von annähernd 14 Millionen Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten und die weiteren Millionen von Opfern der alliierten Bombardements – tabuisiert habe. Die Gründe für eine solche literarisch-künstlerische Verweigerungsstrategie nennt Sebald ebenfalls: „weil ein Volk, das Millionen von Menschen in Lagern ermordet und zu Tode geschunden hatte, von den Siegermächten unmöglich Auskunft verlangen konnte über die militärpolitische Logik, die die Zerstörung der deutschen Städte diktierte“2.

Der Streit um Sebalds Essay soll hier nicht erörtert werden, selbst wer ihn nicht verfolgt hat, kann ahnen, daß sofort nach seinem Erscheinen Geschichts- und Literaturwissenschaftler den Nachweis führten, daß sowohl der Bombenkrieg als auch die Vertreibung durchaus Thema in der deutschen Nachkriegsliteratur geworden waren, daß von einer Tabuisierung keine...

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