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Das Protokoll

Kulturelle Funktionen einer Textsorte

Michael Niehaus and Hans-Walter Schmidt-Hannisa

Obwohl Protokolle als Quellen in der Forschung eine enorme Rolle spielen, wurde der Textsorte Protokoll mit ihren spezifischen Merkmalen und Funktionen bisher von den Literatur- und Kulturwissenschaften kaum nennenswerte Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dabei ist die Herstellung von Protokollen eine für viele Institutionen grundlegende und unverzichtbare Kulturtechnik. Ihre wesentliche Funktion besteht darin, nach festgelegten Kriterien ausgewählte Ereignisse in eine schriftliche und verbindliche Form zu überführen: Was im Protokoll steht, steht fest. Damit dies gilt, müssen Protokolle jedoch je nach Einsatzbereich und Zweck höchst unterschiedlichen formalen und funktionalen Anforderungen genügen. Für ihre Herstellung gelten ebenso strenge Regeln wie für die Verarbeitungs- und Verwaltungsprozeduren, bei denen Institutionen auf Protokolle zurückgreifen. Die hier versammelten Aufsätze beschäftigen sich mit Protokollen in unterschiedlichen institutionellen Kontexten – in der staatlichen Verwaltung, im Justizwesen, in der Universität, in der Wissenschaft und nicht zuletzt in der Literatur. Systematische und historische Perspektiven miteinander verbindend analysieren sie Felder, in denen die Vielfalt kultureller Funktionen des Protokolls exemplarisch erkennbar wird.
Aus dem Inhalt: Michael Niehaus/Hans-Walter Schmidt-Hannisa: Textsorte Protokoll. Ein Aufriß – Michael Niehaus: Wort für Wort. Zu Geschichte und Logik des Verhörprotokolls – Peter Becker: «Recht schreiben» - Disziplin, Sprachbeherrschung und Vernunft. Zur Kunst des Protokollierens im 18. und 19. Jahrhundert – Richard Nate: «True and Full Accounts»: Experimentberichte im Kontext der frühen Royal Society – Peter Risthaus: «Sag deinen Satz.» Der Protokollsatz und die institutionelle Grenze – Sylvia Kesper-Biermann: Das Protokoll als Objekt politischer Auseinandersetzungen. Schulvisitationsberichte im 19. Jahrhundert am Beispiel des Kurfürstentums Hessen – Hans-Walter Schmidt-Hannisa: Zwischen Wissenschaft und Literatur. Zur Genealogie des Traumprotokolls – Rolf Parr: Das Protokoll als literarische Kunstform. Zur Konvergenz von künstlerischer und juridischer Selbstvergewisserung in literarisch-kulturellen Vereinen des 19. Jahrhunderts – Hubert Thüring: «Wie sollte man diesen Rapport schreiben?» Metonymien des Protokolls bei Friedrich Glauser – Gert Hofmann: Protokoll der Schrecksekunde. Hermann Kasacks Stadt hinter dem Strom – Reinhard Andress: Protokoll-Literatur in der DDR – Michael Niehaus: Protokollarisches Endspiel der Literatur – Walter Gebhard: Für eine Kultur des Protokolls. Zur didaktischen Bedeutung einer wenig geliebten Textsorte.