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«Gottes Reich hat begonnen.»

Der Einfluß chiliastischer Hoffnung auf die DDR-Romane von Anna Seghers

Simone Bischoff

Der Chiliasmus, angesiedelt zwischen Eschatologie und sozialer Utopie, zwischen frühchristlichem Glauben und revolutionären Erhebungen, begleitet das gesamte Schaffen von Anna Seghers, auch ihre Romane Die Entscheidung und Das Vertrauen. Sie schildern den Aufbau der DDR als Einlösung einer säkularisierten Heilserwartung, voll von biblischen Bildern und Luther-Zitaten, was die Textanalyse und der Blick in Manuskriptvarianten zeigen. Vor dem polit-historischen Hintergrund der 50er Jahre ist hier nachgezeichnet, wie die Brüche zwischen kommunistischer Utopie und realem Sozialismus immer deutlicher werden. Anders als bisher behauptet, drücken Seghers' Aufbauromane Kritik an den Mißständen und schließlich Enttäuschung aus: chiffriert, ängstlich, verhalten. Was vom politischen Traum bleibt, ist das literarische Bild einer chiliastischen Utopie, deren Verwirklichung im 20. Jahrhundert versagt blieb.
Aus dem Inhalt: Einflüsse auf Seghers' chiliastisches Denken – Rahmenbedingungen für eine chiliastische Interpretation der Aufbauromane – Stalinismus – Antisemitismus versus Jüdische Identität – Rußland – Glaube – Variationen des Entscheidungsmotivs – Biblisch-religiöse Kategorien als Maßstab für den Sozialismus – Traub und Riedl im Dialog: Vergleich von Christentum und Kommunismus.