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Nach der Einsprachigkeit

Slavisch-deutsche Texte transkulturell

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Diana Hitzke

Postkoloniale Konstellationen lassen sich nicht (mehr) in das Eigene und das Andere, in das Originäre und das Nachgeahmte, in ein Hier und Dort auseinanderdividierenden. Sie sind geprägt von Verflechtungen, Hybri-disierungen und wechselseitigen Aneignungsprozessen. In diesem Band analysiert die Autorin Texte von Jurij Brězan, Irena Brežná, Mascha Dabić, Róža Domašcyna, Olga Grjasnowa, Barbi Marković, Olga Martynova und Aleksandar Tišma. Sie zeigt auf, dass alle Werke sich mit multiplen Zuge-hörigkeiten, Mehrsprachigkeit und Übersetzung auseinandersetzen. Die Texte dekonstruieren Grenzen sprachlicher und kultureller Zugehörigkeit, thematisieren aber auch Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Damit beschreiben sie mehrsprachige Welten jenseits von hegemonialer Einsprachigkeit.

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1. Einleitung. Nach der Einsprachigkeit

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1. Einleitung. Nach der Einsprachigkeit

Die Gegenwartsliteratur hat eine Reihe von Texten hervorgebracht, die kulturell vielschichtig sind und verschiedene sprachliche, historische und geografische Kontexte miteinander verbinden. Ihre breite Rezeption in der Gesellschaft, die sich in Diskussionen im Feuilleton oder durch das Verleihen von Preisen wie dem Adelbert-von-Chamisso-Preis zeigt, bestätigt ihre Relevanz. Auch wenn transkulturelle Texte in der Forschung durchaus Beachtung finden (Ette 2005; Wanner 2011; Kimmich, Schahadat 2012; Yildiz 2012; Haines 2015), besteht nach wie vor das Problem, dass eine nationalphilologisch orientierte Literaturwissenschaft sich solche Texte nur unter Schwierigkeiten oder mit Widersprüchen erschließen kann. Das auch die literaturwissenschaftliche Ausbildung prägende Verständnis von Philologie als Beschäftigung mit einer Sprache, Literatur und Kultur verstärkt das monolinguale Paradigma (Yildiz 2012) und führt oft implizit zu methodischem Nationalismus (im Sinne von Wimmer, Glick Schiller 2002). Fächer wie die Slavistik oder Romanistik, die sich im Gegensatz zu den sich auf eine Sprache (und ihre Varietäten) fokussierenden Philologien wie Germanistik oder Anglistik mit mehreren Sprachen beschäftigen, haben in dieser Hinsicht einen Vorteil. Die Frage What Is a World? (Cheah 2016) lässt sich aus slavistischer oder romanistischer Perspektive sicher nicht mit Texten beantworten, die alle in derselben Sprache geschrieben sind.1 Daher sind Forschende aus diesen Disziplinen nicht nur in mehreren Sprachen kompetent, sondern ←13 | 14→auch gezwungen bzw. gewohnt, die Welt aus der Perspektive mehrerer Sprachen zu betrachten.

Das vorliegende Buch analysiert Mehrsprachigkeit in verschiedenen Kontexten und konzentriert sich dabei auf slavisch-deutsche literarische Texte. Ganz bewusst werden Mehrsprachigkeit und Transkulturalität als relativ neues, noch weitgehend unkartiertes, aber doch schon etabliertes Forschungsfeld verstanden (vgl. Hitzke 2018a). Einerseits wird durch Migration bedingte Mehrsprachigkeit in den Blick genommen: Olga Martynova schreibt auf Deutsch und Russisch, Barbara Marković auf Serbisch und Deutsch, Olga Grjasnowas Protagonistin Mascha spricht mehrere Sprachen. Andererseits geht es um Texte, die – wie es in der sorbischen Literatur seit 1945 der Fall ist – parallel in zwei Sprachen publiziert werden und deren Autor_innen sich mit der Zwei- und Mehrsprachigkeit auch bewusst auseinandersetzen. Während im Kontext von Migration verschiedene Sprachen und kulturelle Konstellationen aufeinandertreffen, die immer aufs Neue verhandelt werden (müssen), sind mehrsprachige Regionen von einem Mit- und oft auch Gegeneinander geprägt, die sich in einer langen Geschichte und Tradition verorten lassen. Neben der sorbisch-deutschen Lausitz wird Aleksandar Tišmas Darstellung von Novi Sad als mehrsprachige und multikulturelle Stadt analysiert; dabei spielt die traditionelle Vielsprachigkeit in der Habsburgermonarchie eine große Rolle. Die Monografie zeigt, warum es lohnt, diese ganz unterschiedlichen Konstellationen zusammenzuführen. In allen Kontexten sind fünf zentrale Kategorien entscheidend: Mehrsprachigkeit, Intertextualität, Zirkulation, Übersetzung und Verflechtung. Mit diesen fünf Konzepten und ihren jeweils eigenen Implikationen und Erkenntnismöglichkeiten soll ein offenes, flexibles und zugleich präzises begriffliches Instrumentarium als Analyseraster für ganz unterschiedliche Texte in translingualen und transkulturellen Konstellationen dienen. Dabei wird sowohl die textimmanente Ebene als auch die metatextuelle Ebene adressiert.

Mehrsprachigkeit kann in Texten thematisiert werden (z.B. bei Olga Grjasnowa 2012), Texte können aber auch in sich mehrsprachig sein (z.B. bei Róža Domašcyna 1998). Literarische Texte verweisen durch intertextuelle Bezüge auf andere Texte, und durch die grenzüberschreitende Zirkulation von Texten entstehen transkulturelle Rezeptionsprozesse. Übersetzung spielt im Zirkulationsprozess von Texten eine große Rolle, kann aber auch zum Thema der literarischen Texte selbst werden. Von Verflechtung lässt sich sprechen, wenn verschiedene kulturelle Erfahrungen und historische bzw. regionale Kontexte, aber auch unterschiedliche literarische Traditionen miteinander in Verbindung gebracht werden.

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Auf Vorarbeiten zu den einzelnen Phänomenen kann aufgebaut werden: Die Mehrsprachigkeit von Texten ist als Forschungsthema etabliert (vgl. dazu den Abschnitt zu Literatur und Mehrsprachigkeit). Zirkulation und Übersetzbarkeit sind nach David Damrosch (2003) zentral für Weltliteratur. Rebecca Walkowitz hat sich mit dem Phänomen beschäftigt, dass viele Texte in mehreren Sprachen zugleich erscheinen (Walkowitz 2017, 1f.) und dass sie teilweise bereits in Hinblick auf ihre Übersetzung geschrieben werden und sich damit als „born translated“ (Walkowitz 2017, 3, Herv. i. O.) bezeichnen lassen. Die Möglichkeiten einer literarischen Verflechtungsgeschichte hat Annette Werberger (2012) am Beispiel Galiziens diskutiert.

Das vorliegende Buch fokussiert Mehrsprachigkeit, auch wenn für einige der betreffenden Texte Kategorien wie Übersetzung oder Verflechtung plausibler und auch präziser erscheinen mögen. Dennoch soll es hier darum gehen, dass eben nicht nur Texte, in denen offensichtlich anderssprachige Worte, Sätze oder Abschnitte vorkommen, mehrsprachig sind, sondern auch diejenigen Texte, in denen andere Sprachen latent vorhanden sind. Selbst subtile Formen der Überschreitung von Einzelsprachen (so etwa das Vorkommen von Fremdwörtern) oder bloße Sprachreflexivität können prinzipiell im Sinne dieses Phänomens verstanden werden, sollten jedoch nicht zu einer Relativierung des Begriffs Mehrsprachigkeit führen.

Gewinnbringend ist in dieser Hinsicht die von Giulia Radaelli getroffene Unterscheidung zwischen manifester und latenter Mehrsprachigkeit (Radaelli 2012). Sie hat folgende Systematik bzw.

[…] drei heuristische Grundkriterien vorgeschlagen, die es erlauben, den jeweils vorliegenden Fall literarischer Mehrsprachigkeit anhand von grundlegenden Unterscheidungen einzuordnen und deskriptiv zu erfassen: Erstens geht es um den Fokus, in dem das mehrsprachige Werk eines Autors betrachtet wird, zweitens um die Wahrnehmbarkeit der im Text enthaltenen Sprachen und um die dadurch jeweils geprägten Formen literarischer Mehrsprachigkeit, drittens schließlich um die Sprachen selbst. (Radaelli 2011, 47)

Wird Mehrsprachigkeit zur Analysekategorie, dann rücken viele Texte, die sich vordergründig eher mit den Kategorien Transkulturalität und Verflechtung, Intertextualität, Zirkulation und Übersetzung beschreiben und analysieren lassen, in den Fokus. Andere Kulturen werden fast immer auch mit anderen Sprachen verbunden, selbst im Falle des Englischen wird die Sprache in lokale Varietäten differenziert. Wenn Texte in andere(n) Sprachen und Kulturen zirkulieren, ist dies relativ offensichtlich der Fall. Weniger offensichtlich können auch intertextuelle Referenzen in transkulturellen Texten auf andere Sprachen ←15 | 16→verweisen (zum Beispiel bei Olga Martynova). Übersetzte Texte deuten vielleicht nicht manifest auf die Sprache hin, auf der sie gründen und die daher latent vorhanden ist, sie tragen aber zumindest in Paratexten den Verweis auf die Sprache, in der sie ursprünglich geschrieben wurden. Eine Betrachtung aus der Perspektive der (Mehr-)Sprachigkeit ist insofern erhellend, als sie es ermöglicht, sich umfassend auf das zu beziehen, was (abgesehen von politischen und ökonomischen Machtverhältnissen) oft die Grundlage kultureller Differenzierung ist, nämlich die Tatsache, dass die Sprache der Anderen nicht verstanden wird.

Im vorliegenden Buch wird die These vertreten, dass Mehrsprachigkeit in zu vielen Bereichen des öffentlichen Lebens präsent ist, als dass sie weiterhin als Randphänomen behandelt werden kann. Die Präsenz monolingualer Konzepte in Institutionen, aber auch in philosophischen, literarischen oder politischen Entwürfen von Wirklichkeit (und Utopien) muss massiv hinterfragt werden und auf ihre verschwiegenen mehrsprachigen Hintergründe hin untersucht werden. Im Folgenden werde ich mich daher zunächst mit Yasemin Yildiz’ Kritik am „monolingual paradigm“ auseinandersetzen; dann auf der Grundlage von Eva Geulens Verteidigung der „Einzelsprachlichkeit“ von Literatur (auch institutionelle) Alternativen dazu aufzeigen; und schließlich einen kurzen Überblick über das Forschungsfeld, das die Beziehungen zwischen Literatur und Mehrsprachigkeit untersucht, geben und dabei die aus meiner Sicht wichtigsten Fragen zugespitzt darstellen.

Vom „Monolingual Paradigm“ zur Wahrnehmung von Mehrsprachigkeit

Auch wenn es zunächst kontraintuitiv klingen mag, ist nach Yasemin Yildiz nicht Mehrsprachigkeit, sondern Einsprachigkeit (monolingualism) eine relativ neue Erscheinung. Anders als viele Studien, die damit argumentieren, dass Mehrsprachigkeit durch Globalisierung und Migration verstärkt in unser Bewusstsein gerät, führt Yildiz aus, dass gerade Mehrsprachigkeit weit verbreitet ist, während die Einsprachigkeit historisch betrachtet ein relativ junges Phänomen darstellt (vgl. Yildiz 2012, 2), das sich seit dem 18. Jahrhundert in Europa zunehmend durchgesetzt hat. Dabei geht es ihr nicht nur darum, ein- und mehrsprachige Lebenswelten einander gegenüberzustellen, sondern darum, Einsprachigkeit als ein wichtiges Strukturprinzip („key structuring principle“; Yildiz 2012, 2) herauszuarbeiten.

According to this paradigm, individuals and social formations are imagined to possess one ‚true‘ language only, their ‚mother tongue‘, and through this possession to be organically linked to an exclusive, clearly demarcated ethnicity, culture, and nation. […] The ←16 | 17→pressures of this monolingual paradigm have not just obscured multilingual practices across history; they have also led to active processes of monolingualization, which have produced more monolingual subjects, more monolingual communities, and more monolingual institutions, without, however, fully eliminating multilingualism. (Yildiz 2012, 2f.)

Yildiz führt aus, dass an der Produktion der Einsprachigkeit als vorherrschendem Paradigma vor allem Bildungsinstitutionen beteiligt sind, die darauf zielen, eine einsprachige Bevölkerung hervorzubringen (so etwa im Falle Deutschlands und Frankreichs). Das Einsprachigkeitsparadigma sei dabei eng mit dem Konzept des Nationalstaats verbunden.2 Die neue Sichtbarkeit („new visibility“; Yildiz 2012, 3, Herv. i. O.) der Mehrsprachigkeit in den Medien, in der Literatur, aber auch in den Literatur- und Kulturwissenschaften wird von Yildiz zur Kenntnis genommen. Sie macht aber auch deutlich, dass die Lockerung des Einsprachigkeitsparadigmas durch die Globalisierung und die damit zusammenhängende Präsenz von Mehrsprachigkeit in der Gegenwart, die Gefahr birgt, die lange Geschichte von selbstverständlicher Mehrsprachigkeit zu verdecken. Sie betont: „Multilingualism, then, has not been absent in the last couple of centuries, but it has been and continues to be refracted through the monolingual paradigm.“ (Yildiz 2012, 3f.). Dass auch in mehrsprachigen Kontexten und Lebenswelten das monolinguale Paradigma weiterhin vorherrscht, zeigt sich etwa am Beispiel von Olga Grjasnowas Protagonistin Mascha, die mit ihrer mehrsprachigen, transkulturellen Perspektive immer wieder auf (einsprachige) Grenzen stößt (vgl. Kapitel 3 des vorliegenden Buches).

Yildiz setzt die ‚Erfindung‘ der Einsprachigkeit zeitlich an der Wende zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert an (Yildiz 2012, 6) und verbindet dies vor allem mit dem Konzept der ‚Muttersprache‘, das durch Johann Gottfried Herder, Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schleiermacher propagiert worden sei (Yildiz 2012, 7). Leider bleibt Yildiz in dem Teil, wo sie die „Emergence of a Paradigm“ (Yildiz 2012, 6) erklärt, sehr allgemein und setzt sich an entscheidenden Stellen weder mit den Primärtexten der genannten Denker auseinander, noch zieht sie gezielt Literatur zu Rate, die konkret das Verhältnis von Sprache, Nation und Subjekt beleuchten würde. Belege für die bei Yildiz in Bezug auf die philosophische Grundlegung der ‚Einsprachigkeit‘ oft nur thesenhaft vorgetragenen ←17 | 18→Argumente lassen sich jedoch finden. So hebt etwa Nils Hinnerk Schulz die Bedeutung von Herder und Fichte für sprachnationalistische Diskurse hervor:

Sowohl bei Herder als auch bei Fichte findet man die Idee von der Nation als Organismus, mit kollektiver Seele und kollektivem Charakter. Sprache wird als natürlicher Ausdruck der Volksseele betrachtet, dessen vornehmstes Merkmal die Nationalsprache sei. Laut Herder verfüge jedes Volk über eine ihm entsprechende Sprache, die die Lautwerdung der Volksseele sei. Die Menschheit sei aufgeteilt in linguistische Gemeinschaften, diese stellen Völker dar. Die Sprache ist, so Herder, ein Mittel, nach innen zu vereinen, den Zusammenhalt zu stärken, und nach außen abzugrenzen, zu unterscheiden. Die Nation wird als Familie gesehen, die über gemeinsame Vorfahren, Eigenschaften und Ziele verfügt […]. Bei Fichte bestand im Grunde schon der Gedanke von der Konstruktion einer Nation, seine Strategie lautete Erziehung. Durch Erziehung könnten die Deutschen ‚zu einer Gesamtheit‘, zu einem Volkskörper gebildet werden […]. Sprache habe auf diesen organischen Körper einen unermesslichen Einfluss, da sie ‚den Einzelnen bis in die geheimste Tiefe seines Gemüts bei Denken, und Wollen begleitet, und beschränkt oder beflügelt‘, weiter ‚die gesamte Menschenmenge […] auf ihrem Gebiet zu einem einzigen gemeinsamen Verstande verknüpft, welche der wahre gegenseitige Durchströmungspunkt der Sinnenwelt, und der Geister ist […]‘. (Schulz 2011, 264)

Auch David Gramling befasst sich mit der Entstehung von Nationalsprachen und -literaturen und geht dabei insbesondere auf die ihnen zugrundeliegende Mehrsprachigkeit ein:

Diese Beständigkeit der parallel territorialisierten und zählbaren Spracheinheiten – insofern sie denn existiert – musste allerdings in der westeuropäischen Frühmoderne erst mühsam, teilweise gewalttätig und unermüdlich vor- und dann vor allem hergestellt werden […]. Trotz des enormen Aufwands, der hierzu seit dem 17. Jahrhundert betrieben wurde, ist das erhabene kartographische Narrativ über ‚die Weltsprachen‘ faktisch aber noch das Minderheitsparadigma auf einem Planeten, der nach wie vor eher durch komplexe ‚mehr‘- und ‚minder‘-sprachige Ökologie charakterisiert ist, die jedwede Herleitung aus der einen oder anderen Einsprachigkeit bockig zurückweisen – auf dem europäischen genauso wie dem afrikanischen Kontinent. Gerade den Mediävisten ist beispielsweise der für Literaturhistoriker der Moderne eher lästige Tatbestand schon lange bewusst, dass die disziplinär gepflegten europäischen ‚Nationalliteraturen‘ einem mehrsprachigen und national indifferenten Zusammenhang entstammen. (Gramling 2017, 36)

Ein wenig anders argumentiert Till Dembeck, wenn er Sprache im Kontext von Identität betrachtet:

Die Engführung sprachlicher, kultureller und nationaler Identität entfaltet in der Neuzeit eine so große Wirkmächtigkeit, dass sie in der Forschung nicht ganz zu Unrecht als ‚monolingual paradigm‘ […] bezeichnet worden ist. Dennoch stellt sie nicht die einzige Form der sprachlichen und kulturellen Identitätspolitik in Europa dar. In der ←18 | 19→Sprachursprungstheorie Herders, die mit der Beschreibung eines sprachlich-kulturellen Identifikationsmechanismus‘ einsetzt, werden Argumente artikuliert, die Zweifel an der Zählbarkeit, also an der Identifizierbarkeit aller Arten von Idiomen ins Spiel bringen. Wilhelm von Humboldts sprachhistorisches Werk verweigert sich ebenfalls weitgehend der vorherrschenden Tendenz, aus Beschreibungen des Baus unterschiedlicher Sprachen weiterreichende kulturpolitische Wertungen abzuleiten […]. (Dembeck 2017, 30)

Muttersprache(n)

Unabhängig davon, ob Sprachen als zählbar gelten oder ob und wie sie kulturpolitisch gewertet werden, transportiert vor allem das Konzept der ‚Muttersprache‘ Vorstellungen, die von Herder, Fichte, Humboldt, Schleiermacher und anderen deutschen Denkern entwickelt und verbreitet worden sind und die seither – trotz aller Kritik am Begriff der Nation – fortbestehen. So stehe, wie Yildiz ausführt, der Begriff der Muttersprache bis heute für „a unique, irreplaceable, unchangeable biological origin, that situates the individual automatically in a kinship network and by extension in the nation“ (Yildiz 2012, 9). Auch wenn der Begriff in der Mehrsprachigkeitsforschung oft problematisiert wird, wird er dennoch von vielen Forschenden weiterverwendet. Es ist vielleicht erwartbar, dass die von Schulz (2011) thematisierten sprachnationalistischen Diskurse im 19. Jahrhundert die Verbindung zwischen Sprache und Nation instrumentalisieren; Yildiz weist jedoch nach, dass sich auch im 20. und 21. Jahrhundert das Beharren auf der Vorrangstellung einer einzigen ersten Sprache hartnäckig hält. Gerade in Bezug auf die Literatur, in der mehrsprachig Schreibende immer noch Verwirrung stiften, hält sich die romantische Vorstellung, dass die Muttersprache die Quelle literarischen Schaffens sei (vgl. Yildiz 2012, 10).

Da das Verhältnis zwischen Sprache und Subjekt nicht nur in Bezug auf die Nation im 18. und 19. Jahrhundert wichtig ist, sondern auch in der Moderne und Postmoderne zentrale Bedeutung erhält, verweist Yildiz nicht nur auf feministische Diskurse – sie stellt exemplarisch Julia Kristevas Position, die den mütterlichen Körper mit dem Vorsprachlichen verknüpft, und Rosi Braidottis Beobachtung, dass es in der Lacan’schen Psychoanalyse keine Muttersprache gebe, da Sprache durch das Gesetz des Vaters geprägt sei, vor (vgl. Yildiz 2012, 11) –, sondern hinterfragt auch die Vorstellung, dass die Psychoanalyse an die Muttersprache gebunden sei. Ein Nachklang dessen findet sich auch in Mascha Dabićs Reibungsverlusten, wo es der Dolmetscherin und Psychotherapeutin aufgrund der Wichtigkeit des sprachlichen Ausdrucks für den Theraphieerfolg immer wieder darum geht, die Worte und Dialoge angemessen zu übersetzen (Dabić 2017, vgl. auch das dritte Kapitel im vorliegenden Buch). Yildiz zeigt, dass die Vorstellung der Einzigartigkeit der Mutter mit der Annahme ←19 | 20→zusammenhängt, dass sich Gefühle und Zugehörigkeit nur in der Muttersprache artikulieren lassen (Yildiz 2012, 13). Mit Verweis auf Jacqueline Amati-Mehler, Simona Argentieri und Jorge Canestri (The Babel of the Unconscious: Mother Tongue and Foreign Languages in the Analytic Dimension, 1993) zeigt sie jedoch, dass neue Sprachen auch neue intellektuelle und emotionale Wege aufzeigen können (Yildiz 2012, 13):

This jointly written book constitutes a landmark study about multilingualism and psychoanalysis. As they [Jacqueline Amati-Mehler, Simona Argentieri and Jorge Canestri] show in great detail, multilingualism has been integral to psychoanalysis from the beginning, both in its history and institutional forms, and in its praxis. Freud treated many of his patients in multiple languages or in a language that was not ‚native‘ to analyst and/or analysand. (Yildiz 2012, 219)

Brigitta Busch und Thomas Busch haben eine Reihe von Textstellen zusammengetragen, in denen sich mehrsprachige Autor_innen wie Ilma Rakusa oder Elias Canetti zu der oder den Sprache(n) ihrer Kindheit äußern. Dabei zeigen sich ganz unterschiedliche Facetten der Verbindung zwischen Sprache, Kindheit und den Eltern. ‚Muttersprache‘, sofern es überhaupt nur eine gibt, ist dabei nicht immer die Sprache, die mit Zuneigung und Vertrautheit verbunden wird (vgl. Busch, Busch 2010, 88–93). Yildiz zeigt in ihren ausführlichen Analysen der Texte von Franz Kafka, Yoko Tawada und Emine Sevgi Özdamar, dass Mehrsprachigkeit ein konstitutiver Faktor für das Schreiben sein kann (vgl. Yildiz 2012, 13). Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass Autor_innen nur in ihrer zuerst erlernten Sprache schreiben könnten und dass Literatur(geschicht)en einsprachig sein müssten. Letzteres muss nicht unbedingt an der mangelnden Einsicht der Forschenden liegen, sondern lässt sich – wie Jürgen Joachimsthaler eindrücklich darlegt – auch als „Darstellungsproblem“ von Literatur betrachten (Joachimsthaler 2011).

Im Folgenden soll in der Auseinandersetzung mit der Position von Eva Geulen, die für „die Einzelsprachlichkeit der Literatur“ (Geulen 2017) einsteht, dargestellt werden, wie stark das monolinguale Paradigma die Literaturwissenschaft prägt. Dabei lässt sich zeigen, wie sehr die Institutionalisierung – die Aufteilung in verschiedene philologische Abteilungen, die Anforderungen an akademische Karrieren usw. – und damit zusammenhängend das Selbstverständnis der Philologie(n) an der Produktion von monolingualen Literaturen beteiligt ist.

Warum Einzelsprachlichkeit?

„Für die Einzelsprachlichkeit der Literatur“ (Geulen 2017) – so lautet der Titel eines als Kommentar zu der im Jahr 2017 geführten „Germanistik-Debatte“ ←20 | 21→(ausführlich dazu Geulen 2017) verfassten Blogbeitrags von Eva Geulen. Nationalphilologie und Literaturwissenschaft werden darin teils explizit, teils implizit verschränkt:

[I];m ungebremsten Affekt gegen die Nationalphilologie wird ohne Not an dem Ast gesägt, auf dem alle Literaturwissenschaften sitzen. Die Nationalphilologie ist das Feindbild, auf das man sich offenbar rasch einigen kann. Und wo die Geschichte der heroischen Selbstbefreiung der Germanistik nicht ausreicht, ist das Argument ihrer Obsolenz im Zeitalter der Globalisierung rasch zur Stelle. (Geulen 2017)

Im weiteren Verlauf ihres Textes entwickelt Eva Geulen ein Argument, das sich nicht nur auf die deutschsprachige Literatur bezieht, sondern auf die Literatur im Allgemeinen. Mit diesem Argument möchte ich mich im Folgenden auseinandersetzen – und da es sich nicht auf die Germanistik beschränkt, möchte ich aus der Perspektive der Komparatistik und Slavistik dagegen argumentieren. Geulen schreibt:

Zu den Besonderheiten aller Literatur (im Unterschied zur Malerei oder zur Musik) gehört jedoch unverzichtbar ihre jeweilige Einzelsprachlichkeit, was Experimente mit innertextueller Mehrsprachigkeit nicht in Frage stellen, sondern markieren und unterstreichen. (Geulen 2017)

Mehrsprachigkeit verweist nach Geulen also immer wieder nur auf Einzelsprachlichkeit.

Mehrsprachigkeit in der Literaturwissenschaft

Ich möchte bestreiten, dass die literarischen Texte von den vielen Autor_innen, die sich mit Mehrsprachigkeit – auch mit Bezug auf die deutsche Sprache – auseinandersetzen, immer nur auf Einzelsprachlichkeit zurückverweisen würden. Auf welche einzelne Sprache verweisen beispielsweise Róža Domašcynas Gedichte, die das Sorbische und das Deutsche verbinden und eben nicht als zwei Einzelsprachen nebeneinanderstellen? Was wäre gewonnen, wenn etwa Dragica Rajčićs Texte3 als „Experimente mit Mehrsprachigkeit“ bezeichnet würden, die Einzelsprachlichkeit markierten? Warum kann Mehrsprachigkeit nicht gleichberechtigt neben Einzelsprachlichkeit stehen und als eine andere Ausdrucksmöglichkeit ernst genommen werden?

Nicht nur die literarischen Texte selbst thematisieren Mehrsprachigkeit. Auch in der Forschung finden sich Positionen, die nicht davon ausgehen, dass Einzelsprachlichkeit die Grundlage von Mehrsprachigkeit ist. Mehrsprachige Texte ←21 | 22→sind oft Gegenstand einer Forschung, die sich als interdisziplinär versteht und im Dialog zwischen verschiedenen Philologien und anderen Disziplinen diskutiert wird. Beispiele für mehrsprachige Texte und literaturwissenschaftliche Zugänge dazu lassen sich in verschiedenen Publikationen finden (vgl. Yildiz 2012; Drath, Heine, Hofmann, Zöllner 2014; Binder, Klettenhammer, Mertz-Baumgartner 2016). All diese verschiedenen Arbeiten belegen, dass keineswegs Einsprachigkeit vorausgesetzt werden muss, damit „das Feld der Verflechtungen, […] der Übersetzungen […], wechselseitigen Beeinflussungen [und] intertextuellen Bezüge […] überhaupt beobachtbar wird“ (Geulen 2017). Natürlich lässt sich zum Beispiel russischsprachiges Vokabular in englischsprachigen Texten als solches erkennen, weil Russisch und Englisch als Sprachen voneinander unterschieden werden. Mehrsprachige Texte verfahren allerdings oft um einiges subtiler (vgl. Drath, Heine, Hofmann, Zöllner 2014; Binder, Klettenhammer, Mertz-Baumgartner 2016). Gerade durch ihre Lektüre wird sichtbar, dass Standard- und Nationalsprachen kulturelle Konstrukte sind. Es gibt darüberhinaus Privatsprachen, unterschiedliche Sprachen der Dichter_innen (Deleuze 2000), Dialekte, ältere Sprachschichten, regionale Varietäten, usw. Nicht nur linguistische, sondern auch politische, psychologische, kulturelle und wirtschaftliche Faktoren bestimmen mit, ob Sprachen als einander nah oder fern, als ähnlich oder verwandt verstanden werden. Auch aus philosophischer Sicht ist die Grenze zwischen einzelnen Sprachen – und die Möglichkeit von Einsprachigkeit – in Frage gestellt worden (Derrida 2003). Um die Vielfalt von Sprachen erkennen zu können, muss keineswegs die Unterscheidbarkeit einzelner Sprachen vorausgesetzt werden; sie lässt sich auch an Übersetzungs- und Verflechtungsprozessen festmachen, sofern „Kultur als Übersetzung“ (Bachmann-Medick 2009, 245) verstanden wird.

Nun legt Eva Geulen allerdings nicht nur einen Vorrang der Einzelsprachlichkeit vor mehrsprachigen Perspektiven nahe, sie stellt sogar die Existenzberechtigung mehrsprachiger Literaturwissenschaft in Frage. Sie schreibt:

Das alles gerät aber nicht in den Blick, wenn man so tut, als gäbe es irgendwo eine Literatursprache, die nicht einzelsprachlich ist, oder als gäbe es eine Existenzberechtigung der Literaturwissenschaften jenseits der jeweiligen Einzelsprachlichkeit. (Geulen 2017)

Warum soll es für nicht auf Einzelsprachlichkeit beruhende Ansätze keine Existenzberechtigung geben? Falls damit gemeint sein soll, dass das Lesen von Literatur die Beherrschung derjenigen Sprache voraussetzt, in der ein Text geschrieben worden ist, so zeigt sich darin nicht nur ein Misstrauen gegen Übersetzungen. Es zeigt sich darin auch, dass die Ignoranz gegenüber einer Vielzahl von Sprachen und Literaturen blind (oder bewusst?) in Kauf genommen wird. ←22 | 23→Derzeit gibt es, je nach Schätzung, etwa 5000–7000 Sprachen auf der Welt. Wo finden sich für jede dieser Sprachen und Literaturen einzelsprachliche Spezialist_innen? Wenn keine gefunden werden, dann gäbe es aber nach diesem Argument keine „Existenzberechtigung“ für die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Texten. Diese Versuche damit abzutun, sie wären „entweder vormoderne Universalwissenschaft oder fiele[n]; unter das bereits erreichte wissenschaftliche Niveau“ (Geulen 2017), kann keine Lösung sein.

Sprache statt Nation?

Aber wie verhalten sich nun Einzelsprachlichkeit, Nation(alismus) und Nationalphilologie zueinander? Das Hauptargument von Eva Geulen, die den Begriff der Nationalphilologie scheinbar nicht nur nicht problematisch findet, sondern in ihrem Artikel auch häufig verwendet, ist nun, dass es der Nation gar nicht bedürfe, um Nationalphilologie betreiben zu können. Die „Existenzberechtigung“ der „Nationalphilologien als separate Fächer“ sei „die Sprache und nicht die Nation“ (Geulen 2017). Die Literatursprache als Entität zu begreifen, die der Gegenstand der jeweiligen Philologien wäre, und zwar über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg, scheint durchaus plausibel und bietet eine gute Grundlage für eine Diskussion. Auf diesen Vorschlag werde ich später noch eingehen.

Warum aber sollten die Philologien – wenn die Nation nicht als ihre Grundlage gelten soll – weiterhin als Nationalphilologien bezeichnet werden? Bezogen auf den Gegenstandsbereich der Anglistik etwa, den Geulen durchaus im Blick hat, ergeben sich daraus problematische Fragen. Gehören afrikanische oder indische Texte, die in englischer Sprache geschrieben sind, dann zur anglistischen/anglophonen/amerikanistischen „Nationalphilologie“?

Es findet sich weiterhin folgende Formulierung: „Andere Nationalphilologien wie Romanistik oder Slawistik vereinen verschiedene Sprachen zu einem Fach.“ (Geulen 2017). Ich möchte das Problem aus der Perspektive der Slavistik kurz skizzieren. Zu den in Deutschland dominierenden Sprachen der Slavistik zählen bereits mindestens Russisch, Polnisch, Tschechisch und Bosnisch-Kroatisch-Serbisch. Wie lässt sich diese Summe völlig unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Konstellationen als Nationalphilologie begreifen? Darüber hinaus lässt sich an diesem Beispiel auch gut zeigen, dass der Status etwa der Polonistik oder der Kroatistik, die in Deutschland im Fach Slavistik subsumiert werden, natürlich in Polen oder in Kroatien ein ganz anderer ist.

Lässt sich aber die „Nation“ als Grundlage der Nationalphilologie, wie Eva Geulen vorschlägt, einfach durch Sprache ersetzen? Es entsteht fast der Eindruck, dass es ausreiche, sich von „den Verstrickungen der Nationalphilologie“ ←23 | 24→(Geulen 2017) zu distanzieren, ohne die eigenen methodischen und institutionellen Grundlagen in Frage stellen zu müssen.

Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller haben in ihrem viel beachteten Aufsatz „Methodological Nationalism and Beyond: Nation-State Building, Migration and the Social Sciences“ darauf hingewiesen, dass sich Nationalismus auch in den Methoden, in den impliziten Annahmen und Voraussetzungen sowie in der institutionellen Organisation eines Faches zeigen kann. „We are designating as methodological nationalism the assumption that the nation/state/society is the natural social and political form of the modern world“ (Wimmer, Glick Schiller 2002, 302). Durch diese Vorannahme werde in der Forschung die Perspektive der Nation bevorzugt, und unterschiedlichste Phänomene in der Welt würden dadurch nur einseitig erfasst. Die Autor_innen beschreiben in diesem Zusammenhang drei Formen des Nationalismus:

[…] ignorance, naturalization and territorial limitation. The three modes intersect and mutually reinforce each other, forming a coherent epistemic structure, a self-reinforcing way of looking at and describing the social world. The three variants are more or less prominent in different fields of enquiry. Ignorance is the dominant modus of methodological nationalism in grand theory; naturalization of ‚normal‘ empirical science; territorial limitation of the study of nationalism and state building. (Wimmer, Glick Schiller 2002, 308)

Methodischer Nationalismus kann demnach auch vorliegen, wenn nicht explizit nationalistisch oder für die Nation argumentiert wird. Die drei beschriebenen Varianten wirken subtiler. Zum einen werde ignoriert bzw. nicht mitreflektiert (ignorance), wie stark das Konzept der Nation gesellschaftliche Entwicklungen (und Theorien darüber) prägt. Dies führe dazu, dass die Gesellschaft als nationale naturalisiert wird (d.h. die Gebundenheit vieler Diskurse an das Konzept der Nation wird nicht reflektiert oder es wird zum Beispiel nicht zwischen Staat und Nation differenziert). Des Weiteren würden nationale Gemeinschaften zum Objekt der Analyse, wodurch Differenzierungen und Abgrenzungen nicht nur ständig gefestigt, sondern auch produziert würden.

Wird das Konzept der Nation einfach durch Sprache ersetzt, werden sich implizit oder explizit einige hiermit angedeutete Probleme einschleichen, die nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden sollten. So produzieren Konzepte wie ‚Nation‘ und ‚Kultur‘ immer auch Ausschlusskriterien bzw. Ausschlüsse (vgl. exemplarisch Derrida 2002; Lavorano, Mehnert, Rau 2016). Sprache ist in dieser Hinsicht keinesfalls unschuldig. Den Gegenstandsbereich der Germanistik auf deutschsprachige Texte zu beschränken, lässt darüber hinaus auch kulturelle, nationale und territoriale Faktoren völlig außer Acht – dies ist vor allem in ←24 | 25→Hinblick auf ältere Texte entscheidend. So widmet sich Jürgen Joachimsthaler in seiner dreibändigen Studie (2011) anderssprachigen Texten, die sich nicht einfach aus dem Gegenstandsbereich der Germanistik ausschließen lassen.

Deutschland war ja trotz aller national(istisch)en Propaganda (und teilweiser [sic!] brutaler Verfolgungen) immer schon ein multikulturelles Land, die sorbische Minderheit (mit ausgebautem Literatursystem) etwa lebt seit über einem Jahrtausend hier, bis 1919 bzw. 1945 gab es polnische und litauische, kaschubische und masurische, französische und (bis heute) dänische Minderheiten auf dem Territorium des jeweiligen deutschen Staates (von zahlreichen Migranten vorrangig aus Frankreich, Polen und Italien ganz abgesehen). (Joachimsthaler 2009, 20)

Werden durch die imaginierte „Einzelsprachlichkeit“ der Literatur und Philologie also einerseits anderssprachige, in Deutschland entstandene und entstehende Literaturen ausgeschlossen, wird andererseits die gemeinsamkeitsstiftende Wirkung von Sprache überschätzt. Selbst wenn die Grundlage der Anglistik allein die englische Sprache wäre, müsste sich das Fach dennoch völlig verschiedene kulturelle Kontexte und historische Konstellationen erschließen, beispielsweise, wenn zu postkolonialen indischen oder afrikanischen Texten, zu amerikanischen Texten des 19. Jahrhunderts oder etwa zu moderner britischer Lyrik geforscht wird. Dass Texte in derselben Sprache geschrieben sind, ist nur einer von vielen Faktoren. Textkonstellationen (zum Begriff der Konstellationen siehe Thomsen 2008) lassen sich auch nach thematischen oder regionalen Kriterien analysieren (am Beispiel Galiziens tut dies z.B. Werberger 2012). Die Texte können dabei in verschiedenen Sprachen verfasst sein. So haben Forschende, die sich etwa mit portugiesisch- oder französischsprachigen postkolonialen Texten aus Afrika beschäftigt haben, sicher einen besseren Zugang zu englischsprachigen Texten aus derselben Region als ein_e Anglist_in, der_die sich zuvor mit Shakespeare beschäftigt hat. Die postkolonialen Literaturen bilden – über Sprachgrenzen hinweg – einen Forschungsgegenstand. Grundlage einer solchen Literatur(wissenschaft) ist nicht ihre Einzelsprachlichkeit. Um auf deutsche Texte zu sprechen zu kommen: Zu den deutschsprachigen Texten von Olga Grjasnowa oder Saša Stanišić haben Slavist_innen sicher etwas beizutragen, auch wenn sie nicht Expert_innen für die deutsche Sprache sind (vgl. dazu auch Uffelmann 2003, 280f., 298). Diese Beispiele können als Grenzfälle abgetan oder aber als Kernproblem einer nationalsprachlich orientierten Philologie betrachtet werden.

Eine andere problematische Seite der Sprache – nämlich ihr Einsatz als Herrschaftsinstrument – wird ebenfalls unterschlagen. Das Oxford Handbook of World Englishes macht etwa auf Folgendes aufmerksam:

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When colonies acquiered political independence, a number of competing factors – the language profile of the new elites, ‚aid‘ and dependence – resulted in the continuation of the language policies of the colonial period till the present […]. In language education, five tenets have been of decisive influence since the 1960s, each of which is false, i.e. a fallacy […]: English is best taught and examined monolingually (the monolingual fallacy); the ideal teacher of English is a native speaker (the native speaker fallacy); the earlier English is taught, the better the results (the early start fallacy); the more English is taught, the better the results (the maximum exposure fallacy); if other languages are used much, standards of English will drop (the substractive fallacy). (Phillipson, Skutnabb-Kangas 2017, 315)

Wie bereits ausgeführt wurde, hebt auch Yasemin Yildiz hervor, dass durch die Fokussierung auf Einsprachigkeit Mehrsprachigkeit nicht nur aus dem Blick gerät, sondern dass auch aktiv und einseitig Einsprachigkeit produziert wird (vgl. Yildiz 2012, 2).

Komparatistik und mehrsprachige Philologien

Die Bevorzugung von Einzelsprachlichkeit mag im Kontext der Germanistik (in Deutschland) vielleicht anschlussfähig sein; was heißt das alles aber für die Komparatistik, für mehrsprachige Philologien oder für die World Literature Studies? Dass sich Philologien, die mehrere Sprachen umfassen, nicht als Nationalphilologien verstehen lassen, habe ich weiter oben bereits ausgeführt. Auch für Komparatist_innen dürfte es sich keinesfalls von selbst verstehen, dass sich ihre Disziplin im Vergleich von Nationalliteraturen erschöpft. Dem Vergleich von Literaturen steht der Vergleich von Texten gegenüber – nach thematischen, gattungstypologischen oder anderen Kriterien. Warum sollten solche Ansätze keine Existenzberechtigung haben? Vielleicht sind sie nicht ‚diszipliniert‘ genug?

In seiner Einleitung zu einer Bestimmung der „Indiscipline of Comparison“ schreibt Jacob Edmond: „Comparative literature might equally be envisaged as a discipline forged from indiscipline. The history of the field has been characterized by an energetic effort to change the rules of the game.“ (Edmond 2016, 649). Edmond macht in seinem Aufsatz deutlich, dass es der Komparatistik immer wieder gelinge, „implicit disciplinary assumptions and national paradigms of literary studies“ (Edmond 2016, 649) sichtbar zu machen. Haun Saussy und David Damrosch diskutieren im selben Heft die Unterschiede zwischen der Komparatistik und den World Literature Studies sowie zwischen interdisziplinärem Vergleich und transkulturellen sowie interlingualen Ansätzen (Edmond, Saussy, Damrosch 2016). David Damrosch macht deutlich, dass das wissenschaftliche Niveau dabei sehr hoch sei: „most serious work in the field today concentrates on a carefully studied set of cases, grounded in deep engagement with the ←26 | 27→selected writer’s languages and cultures of origin“ (Edmond, Saussy, Damrosch 2016, 677). Damrosch zählt auch eine Reihe ausgewählter Werke auf, die dies auf vorbildliche Art und Weise täten (Edmond, Saussy, Damrosch 2016, 677).

Von der Einzelsprachlichkeit zur „Postmonolingual Condition“

Doch selbst wenn eine dialogische, mehrsprachige Perspektive wünschenswert ist, sind Forschende bzw. Studierende nicht mit dem Erlernen mehrerer Sprachen überfordert? In Deutschland lernen Schüler_innen bis zum Abitur normalerweise zwei Fremdsprachen. Dies entspricht den Zielen der EU-Sprachenpolitik, zu denen gehört, „dass jeder europäische Bürger zusätzlich zu seiner Muttersprache zwei weitere Sprachen beherrschen sollte“ (Franke, Hériard 2018). Dazu kommt, dass nicht jede_r nur eine „Muttersprache“ hat. In Europa „gibt [es] […] über 300 europäische Minderheiten und jeder 7. Europäer gehört einer autochthonen Minderheit an oder spricht eine Regional- oder Minderheitensprache.“4

Mads Rosendahl Thomsen reflektiert die ältere Übereinkunft, nach der Komparatist_innen vier bis fünf Sprachen beherrschen müssten, davon eine nicht-indoeuropäische, um dann auf folgendes Problem hinzuweisen: „In the present system of education there is rarely time for people to learn more than two or three foreign languages, and even if they did, this would represent only a fraction of the world’s languages.“ (Thomsen 2008, 22). Während also an den Universitäten das Erlernen mehrerer anderer Sprachen zum Problem wird, ist Mehrsprachigkeit andererseits überall präsent.

Mehrsprachigkeit ist (längst) nicht (mehr) als Privileg einer ökonomisch gut gestellten Bildungselite zu denken. Beispiele dafür lassen sich in verschiedenen literarischen Texten finden. So ist etwa Farouq, Betreiber eines Internetladens und intellektueller Gesprächspartner des Protagonisten in Teju Coles Open City wie selbstverständlich mehrsprachig: „Er sprach Französisch, Arabisch, Englisch; mit einem Mann, der nach Kolumbien telefonieren wollte, wechselte er ein paar Worte Spanisch. Er konnte schnell einschätzen, welche Sprache für welchen Kunden angemessen war […]“ (Cole 2012, 148). Andere literarische Texte machen darauf aufmerksam, dass Mehrsprachigkeit auch zum Mittel sozialer Distinktion werden kann. Olga Grjasnowa etwa beschreibt in Der Russe ist einer, der Birken liebt, dass Mehrsprachigkeit oft nur in Bezug auf bestimmte Sprachen erwünscht ist (Grjasnowa 2012, 221).

Mehrsprachigkeit ist nicht nur in der uns umgebenden Welt präsent, sie prägt auch die Literatur. Das monolinguale Paradigma (Yildiz 2012) zur Grundlage ←27 | 28→eines Faches zu erklären, grenzt mehrsprachige Texte und Literaturen aus oder erklärt sie zu exotischen Grenzfällen. Dass ein Großteil der Literatur einzelsprachlich ist, möchte ich nicht bestreiten. Dass zu „den Besonderheiten aller Literatur“ (Geulen 2017) ihre Mehrsprachigkeit gehört, möchte ich nicht behaupten. Es gibt jedoch Literatur, deren Grundlage die Mehrsprachigkeit ist. Und es gibt literaturwissenschaftliche Ansätze, die nicht auf Einzelsprachlichkeit beruhen. Ihre Existenz ist nicht unberechtigt, sie bilden im Gegenteil ein wichtiges und zukunftsweisendes Forschungsfeld.

Literatur und Mehrsprachigkeit – ein Forschungsfeld

Literatur und Mehrsprachigkeit lautet der Titel des von Till Dembeck und Rolf Parr im Jahr 2017 herausgegebenen Handbuchs, das ein zunächst unbestimmtes Verhältnis zwischen den beiden Forschungsfeldern zum Thema macht. Im Unterschied zu Bezeichnungen wie mehrsprachige Literatur oder Mehrsprachigkeit in der Literatur deutet der Titel Offenheit in Bezug auf verschiedene Beziehungen an, die sich zwischen den beiden Begriffen ergeben können. Eine solch offene Relation zwischen Literatur und Mehrsprachigkeit prägt auch den folgenden Abschnitt, der sich einerseits als Einblick über das Forschungsfeld lesen lässt, andererseits aber auch einige wichtige Thesen, Konzepte und Perspektiven vorausschickt, die für die sich anschließenden Lektüren literarischer Texte als Hintergrundfolie nützlich sind.

Da, wie bereits deutlich geworden ist, Einsprachigkeit in vielen Diskursen und Institutionen vorherrschend ist, entsteht leicht der Eindruck, Mehrsprachigkeit sei ein Randphänomen. Wie bereits gezeigt wurde, werden auch mehrsprachige Texte gern als Grenz- oder Spezialfälle in einer als einsprachig imaginierten Literaturgeschichte dargestellt. Konkrete Untersuchungen zu Phänomenen der Mehrsprachigkeit in der Literatur müssen daher immer wieder auf die Relevanz des Themas hinweisen und dessen interdisziplinäre Dimension herausstellen.

Die Relevanz des Forschungsfeldes Mehrsprachigkeit wird in ganz unterschiedlichen Situationen – auch im Alltag der Menschen – sichtbar, und es ergeben sich dabei verschiedene Themenfelder und Diskussionsebenen. So sprechen einige Menschen verschiedene Sprachen auf relativ gleichwertigem (oder auch unterschiedlichem) Niveau, oder sie schreiben und/oder lesen in ihnen. Es gibt eine Reihe von privaten und öffentlichen Situationen und Institutionen (Universitäten, Schulen, Kindergärten, Ämter, Freizeiteinrichtungen, Organisationen usw.), in denen Menschen zusammentreffen, die unterschiedliche Sprachen sprechen. Reden und Texte werden übersetzt oder in Übersetzung rezipiert. Manchmal gibt es aber auch weder Sprachkundige noch Übersetzung, und Verständigung muss auf einer anderen Ebene erzielt werden.

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Inszenierungen von Mehrsprachigkeit in Kunst und Literatur greifen solche unterschiedlichen Alltagssituationen auf – so steht etwa bei Olga Grjasnowa ein mehrsprachiges Alltagsleben im Mittelpunkt, und bei Mascha Dabić und Irena Brežná wird das Dolmetschen im Kontext von Migration und Flucht thematisiert. Dadurch können literarische Texte als Spiegel von Wirklichkeit fungieren; sie können jedoch auch darüber hinausgehen, indem sie die Lesenden dazu anregen, sich in mehrsprachige Welten hineinzudenken. Sichtbar wird Mehrsprachigkeit im konkreten Text durch einzelne Wörter, vielleicht ganze Sätze oder Dialoge, Zitate oder Motti, die in anderen Sprachen auftauchen. Texte können auch in zwei Sprachversionen existieren – so wie es zum Beispiel in der sorbischen Literatur der Fall ist.

Literatur kann auch ganz andere, im Alltag oft nicht wahrgenommene Dimensionen von Mehrsprachigkeit sichtbar machen: nämlich die Spuren anderer Sprachen in Texten, die auf transkulturelle Verflechtungen verweisen. Ein Beispiel dafür ist Barbi Markovićs Izlaženje [Ausgehen] (2007), ein Werk, das auf spielerische Weise sichtbar macht, dass literarischen Texten und medienübergreifenden Narrativen immer andere Texte zugrunde liegen und vorausgehen. Diese Grundlagen sind oftmals verdeckt, insbesondere in Literaturen, die dominant sind. So stellt Rebecca Walkowitz fest: „Literature in dominant languages tends to ‚forget‘ that it has benefitted from literary works in other languages. Born-translated fiction, therefore, engages in a project of unforgetting.“ (Walkowitz 2017, 23).

Mehrsprachigkeit und Einsprachigkeit sind nicht nur zwei Möglichkeiten, Sprache(n) zu denken, sondern sie prägen auch Diskurse und soziale Praktiken, die zunächst nicht offensichtlich mit Sprache zu tun haben. Dabei ist es wichtig, philosophische, politische und ideologische Vorstellungen in ihren konkreten historischen Ausprägungen zu untersuchen – ihr Nachleben in impliziten Vorannahmen in Gestalt naturalisierender und essentialisierender Vorurteile muss darüber hinaus evident gemacht werden. Dafür erweist sich die Literatur als Schauplatz. Das Verhältnis zwischen Kultur und Sprache, zwischen Sprache und Denken sowie zwischen Sprache und (politischer, kultureller und ökonomischer) Macht wird in literarischen Texten immer wieder zum Thema gemacht.

Mehrsprachigkeit in literarischen Texten trägt immer auch zu Diskursen darüber bei und ist selbst Teil von ihnen. Deswegen sollen die Werke im Folgenden nicht nur textimmanent untersucht werden. Es wird nicht nur darum gehen, welche konkrete Rolle Mehrsprachigkeit in einem einzelnen Text spielt und welche Formen sie annimmt, sondern literarische Werke werden als Teil der Diskurse um Mehrsprachigkeit betrachtet und mit Blick darauf untersucht. Der Übersetzungsdiskurs wird im dritten Kapitel ausführlich behandelt, im ←29 | 30→Folgenden möchte ich auf sprachwissenschaftlichen Bestimmungen von Mehrsprachigkeit, auf begriffliche Probleme, auf kulturelle sowie politische Hegemonie sowie auf ethische Fragen eingehen. Zuletzt soll es um das Verhältnis des spezifisch literarischen Ausdrucks zu anderen Sprachen gehen. Die Frage der Übersetzbarkeit literarischer Texte leitet über zu einer Auseinandersetzung mit Texten, die Rebecca Walkowitz als „born translated“ (2017) bezeichnet. Dadurch wird Mehrsprachigkeit von Literatur im 21. Jahrhundert noch einmal auf ganz neue Art und Weise perspektiviert.

Wann lässt sich konkret von mehrsprachigen Praktiken und Personen oder von dezidiert zwei- oder mehrsprachigen Texten sprechen? Für beide Fälle lassen sich ähnliche Fragen thematisieren, etwa die, in welchem Umfang verschiedene Sprachen beherrscht genutzt bzw. dargestellt werden. Kann sich jemand in einer anderen Sprache fließend unterhalten, kann er oder sie auch (oder nur) schreiben und lesen, vielleicht nur Small Talk führen oder nur über bestimmte Themengebiete sprechen? Werden in einem Text zwei oder mehr Sprachen zu gleichen Teilen wiedergegeben oder finden sich nur einzelne Wörter und Sätze in anderen Sprachen?

Chiara Messina unterscheidet aus sprachwissenschaftlicher Perspektive „vier Arten der Mehrsprachigkeit […]: Individuelle, soziale, territoriale und institutionelle Mehrsprachigkeit.“ (Messina 2010, 107). Gerade in Hinblick auf die individuelle Mehrsprachigkeit gebe es enge und weite Definitionen (vgl. 108), differenziert werde meist in Bezug auf den Spracherwerb (im Kleinkindalter, mit oder ohne formalen Unterricht, vgl. 109f.) und auf die Sprachkompetenz (symmetrisch vs. asymmetrisch; vgl. Messina 2010, 110).5 Soziale Mehrsprachigkeit wird als zweckgebunden beschrieben und überschneidet sich zum Teil mit der institutionellen Mehrsprachigkeit, die etwa in der EU-Verwaltung vorherrscht. Als Beispiel für die territoriale Mehrsprachigkeit nennt Messina die Stadt Brüssel (vgl. Messina 2010, 112). Auch wenn Brüssel zu den Städten gehört, in denen es mehrere Amtssprachen gibt, so lässt sich fragen, ob nicht jede Stadt als prinzipiell mehrsprachig beschrieben werden kann. Dennoch ist der territoriale (oder der sozial- bzw. kulturgeografische) Faktor als Beschreibungskriterium ←30 | 31→wichtig: So gibt es Regionen und Städte, die traditionell mehrsprachig geprägt sind, aber auch transitorisch von Mehrsprachigkeit geprägte Räume wie zum Beispiel Flughäfen oder Unterkünfte für Geflüchtete. Damit ließe sich von einer historisch gewachsenen Mehrsprachigkeit mit einer Reihe ganz konkreter Sprachen (so etwa im Falle Brüssels, Luxemburgs oder Kanadas) und von einer strukturell bedingten mehr oder weniger kontingenten Mehrsprachigkeit sprechen (so etwa in Großstädten). Im ersten Fall lassen sich die Sprachen konkret bestimmen (z.B. Englisch und Französisch im Fall Kanadas), im zweiten Fall sind die Sprachen, die miteinander in Berührung kommen, prinzipiell unbestimmbar und beweglich.

Das Beschreiben von Mehrsprachigkeit in literarischen Texten, in sozialen Situationen und insbesondere im Fall von Individuen birgt begriffliche Probleme. So ist etwa das gern bemühte Begriffspaar der Muttersprache und Fremdsprache(n) durchaus problematisch; für den ersten Ausdruck bietet sich als Alternative „Erstsprachen der frühen Kindheit“ (Busch, Busch 2010), im Singular oder auch im Plural, an. Giulia Radaelli stellt sich ebenfalls dem Problem der Begrifflichkeiten und ihrer Implikationen und weist darauf hin, dass es in diesem Bereich keine Neutralität geben kann:

Spricht man von einer dominierenden oder vorherrschenden Sprache, so bedient man sich einer Metaphorik der Hegemonie, deren übertragene Bedeutung den komplexen Verhältnissen zwischen den Sprachen nicht gerecht wird; dies gilt allerdings auch für die gegensätzliche Metaphorik der Gastlichkeit […]. Bei code-switching ist bisweilen von ‚embedded language‘ und ‚matrix language‘ die Rede, was sachlich anmutet, solange man nicht nach der Etymologie von ‚matrix‘ fragt, die zu Mutter und Muttersprache zurückführt. Die Bezeichnung ‚Muttersprache‘ stellt ihrerseits keine Alternative dar, insofern dann die anderen Sprachen umgekehrt als Fremdsprachen erschienen. […] Schließlich sagt die Bezeichnung ‚Fremdsprache‘ mit ihren Konnotationen von Fremde, Fremdheit oder Verfremdung in einigen Zusammenhangen schon zu viel aus; in diesen Fällen wäre die allgemeinere Bezeichnung ‚andere Sprachen‘ bzw. Anderssprachigkeit vorzuziehen. (Radaelli 2011, 67f.)

Einige dieser Begriffe können je nach Kontext problematisch oder angemessen sein: So lässt sich in Bezug auf die Literatur, auf eine soziale Situation oder auf einzelne Sprechende durchaus von einer dominierenden Sprache sprechen, sofern eine Reflexion über hegemoniale Verhältnisse und über die naturalisierende Dimension des Wortes stattfindet. Von fremden Sprachen, Fremd- und/oder Muttersprachen zu sprechen, bleibt problematisch und weist zumeist auf monolinguale Kulturmodelle hin. Es scheint angeraten, von anderen oder von verschiedenen und unterschiedlichen Sprachen zu sprechen.

Den Verknüpfungen von Sprache und kultureller sowie politischer Hegemonie geht Jörg Roche in seinem Artikel zu Leitkultur und Leitsprache nach. Roche sieht ←31 | 32→„Monolingualität und Monokulturalität“ vorwiegend aus kritischer Perspektive und betont, dass sie zu Beschränkungen und Anpassungen führen. Dabei hebt er hervor, dass „internationale Verkehrssprachen wie das Arabische, das Griechische, das Lateinische, das Deutsche, das Russische oder andere Gelehrten- und Wissenschaftssprachen meist nur für eine begrenzte Dauer bestimmte Funktionen erfüllen, sich dann aber auch zunehmend entwicklungshemmend auf die Wissenschaften auswirken“. Er verweist auf rigide Sprachgesetze etwa in Kanada (Roche 2017, 47) oder zeigt am Beispiel Finnlands, dass das Russische dort trotz der im Vergleich zum Schwedischen höheren Zahl an Sprechenden anders als letzteres nicht als Minderheitensprache anerkannt ist (Roche 2017, 47f.). Für Afrika stellt Roche fest: „Dort sind Länder mit vielen gleichberechtigten Nationalsprachen nichts Ungewöhnliches (zum Beispiel 11 in Südafrika und 10 in Nigeria, von 500 dort verwendeten Sprachen) […].“ (Roche 2017, 48). Dennoch seien die ehemaligen Kolonialsprachen Englisch, Französisch und Portugiesisch als Leitsprachen weiterhin so prägend, dass eine Differenz zwischen dem in diesen Sprachen vermittelten Wissen und der Kommunikation in den autochtonen Sprachen bestehen bleibt.

Wird am Beispiel Afrikas unmittelbar deutlich, dass Leitsprachen der Machtausübung und politisch-kulturellen Hegemonie gedient haben und dies nach wie vor tun, so ist angesichts der genannten 500 in Nigeria verwendeten Sprachen dennoch nicht zu bestreiten, dass Leitsprachen auch eine Vermittlungsfunktion haben können. Arvi Sepp widmet sich der Mehrsprachigkeit aus ethischer Perspektive und beleuchtet vor allem folgende Aporie: „Die prinzipielle Wertschätzung sprachlicher Diversität widerspricht der ethischen Zielsetzung kommunikativer Verständigung.“ (Sepp 2017, 54).

Ein Spannungsverhältnis besteht nicht nur zwischen der faktisch existierenden Mehrsprachigkeit und der Utopie (oder – je nach Sichtweise – auch Dystopie) einer Universalsprache, in der weltweite Verständigung möglich wäre. Die von Sepp formulierte Aporie berührt auch die unlösbare Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach individuellem Ausdruck und dem gleichzeitigen Wunsch, verstanden zu werden, zu finden. Dieses Problem, das auf eine Diskussion zwischen den Polen maximaler Nichtverständigung bzw. Unübersetzbarkeit und maximaler Verständigung in einer Universalsprache zugespitzt werden kann, findet sich in anderer Form in Übersetzungsdiskursen wieder, wo es darum geht, ob Verständnis dadurch erreicht wird, dass die Übersetzung stilistisch und auch kulturell der eigenen oder der anderen Sprache folgt (vgl. Kapitel 3). In Bezug auf Literatur spitzen sich solche Fragen weiter zu; Gilles Deleuze vergleicht zum Beispiel die Sprache der Literatur mit einer Fremdsprache: „Der Schriftsteller erfindet, wie Proust sagt, innerhalb der Sprache eine neue Sprache, eine Fremdsprache gewissermaßen.“ (Deleuze 2000, 9).

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Wäre die mit dieser Aussage gemeinte sprachliche Einzigartigkeit des literarischen Ausdrucks an eine bestimmte Sprache (in Prousts Fall an das Französische) gebunden oder bleibt diese Art der Sprache „innerhalb der Sprache“ unübersetzbar? Die Frage der Übersetzbarkeit von Literatur wird gern am Beispiel von Lyrik diskutiert,6 doch auch in Bezug auf den Roman stellt sich die Frage, welche Ebenen eines literarischen Textes überhaupt übersetzbar sind, ob und wie sie sich zugleich in einer konkreten Übersetzung verwirklichen lassen. Rebecca Walkowitz geht in ihrer Studie dem relativ neuen Phänomen nach, dass Übersetzungen literarischer Texte oftmals gleichzeitig mit dem Erscheinen des Buches in der Originalsprache veröffentlicht werden.

But many books do not appear at first only in a single language. Instead, they appear simultaneously or nearly simultaneously in multiple languages. They start as world literature. Of course, long before the twenty-first century there were literary works that traveled from their first languages into multiple languages, geographies, and national editions. Yet these travels were relatively slow and initially confined to regional distribution. (Walkowitz 2017, 2)

Nun geht es Walkowitz nicht nur darum, diesem Phänomen aus marktwirtschaftlicher Perspektive nachzugehen, sie sucht auch nach textimmenenten Begründungen dafür. Ihr Punkt ist nicht die bloße Feststellung, dass immer mehr Bücher immer schneller übersetzt werden, sondern die These, dass viele Bücher von Anfang so geschrieben werden, dass sie übersetzt werden können („They have been written for translation from the start“; Walkowitz 2017, 3). Literatur, die als „born translated“ bezeichnet werden kann, meint daher solche Werke, für die Übersetzung nicht etwas Nachgeordnetes ist, sondern Literatur, für die „translation as medium and origin“ (Walkowitz 2017, 3) und als Produktionsbedingung fungiert. Walkowitz untersucht daher Texte auch auf die Frage hin, wie Übersetzung die narrative Struktur des Gegenwartsromans prägt und strukturiert (vgl. Walkowitz 2017, 4).7

In born-translated novels, translation functions as a thematic, structural, conceptual, and sometimes even typographical device. These works are written for translation, in the hope of being translated, but they are also often written as translations, pretending to take place in a language other than the one in which they have, in fact, been composed. […] They are also frequently written from translation. Pointing backward as well ←33 | 34→as forward, they present translation as a spur to literary innovation, including their own. (Walkowitz 2017, 4, Herv i. O.)

Obwohl Walkowitz sich auf die Gegenwartsliteratur fokussiert, gerät bei ihr – ähnlich wie bei Yildiz – die historische Dimension nicht aus dem Blick.

That is translation’s paradox: it is contemporary, above all, because it is historical. In translation, literature has a past as well as a future. […] [B];orn-translated works are notable because they highlight the effects of circulation on production. Not only are they quickly and widely translated, they are also engaged in thinking about that process. They increase translation’s visibility, both historically and proleptically: they are trying to be translated, but in important ways they are also trying to keep being translated. They find ways to register their debts to translation even as they travel into additional languages. […] Refusing to match language to geography, many contemporary works will seem to occupy more than one place, to be produced in more than one language, or to address multiple audiences at the same time. They build translation into their form. (Walkowitz 2017, 6)

Sie spricht auch die Rolle von kleineren Literaturen und Sprachen an, für die Übersetzung und Übersetzbarkeit weitaus essentieller ist als für Romane auf Englisch oder in anderen großen Sprachen. So thematisiert sie Autor_innen, die Übersetzungen zuvorkommen, indem sie in dominanteren Sprachen schreiben, und vergleicht sie mit dem im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit üblichen parallelen Schreiben auf Latein und in regionalen Sprachen, um verschiedene Zielgruppen zu erreichen. Dabei geht sie auch auf die früher durchaus übliche Trennung zwischen der gesprochenen Sprache und der Schreibsprache ein, die der vermeintlich natürlichen Verbindung zwischen Individuum und Sprache widerspricht, da erstere und letztere sich üblicherweise unterschieden haben (vgl. Walkowitz 2017, 11). „People who could write – very few people – would have had a first language for writing and a first language for speaking.“ (Walkowitz 2017, 11).

Dadurch wird plausibel, dass Mehrsprachigkeit kein neuer turn ist, der nur in Zusammenhang mit Migration und Globalisierung in der Gegenwartsliteratur relevant ist. Ebenso wenig lässt sich Mehrsprachigkeit auf mehrsprachig Schreibende und Lesende beschränken. Literatur gründet wesentlich auf Mehrsprachigkeit und Übersetzung. Texte des 21. Jahrhunderts, wie die von Olga Martynova, Olga Grjasnowa, Barbi Marković, Mascha Dabić und Irena Brežná machen dies jedoch besonders sichtbar.

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Wenn das vorliegende Buch unter dem Titel „Nach der Einsprachigkeit“ literarische Texte versammelt, für die Mehrsprachigkeit – in ganz unterschiedlichen Konstellationen – konstitutiv ist, so soll damit kein Ende der Einsprachigkeit suggeriert werden. Der Titel soll allerdings darauf hinweisen, dass es eine Vielzahl von Zonen der Mehrsprachigkeit gibt, dass Regionen auch durch literarische Texte miteinander verwobenen werden können, dass zweisprachige Literaturen existieren und dass sich Mehrsprachigkeit auch jenseits von Grenzregionen und räumlich bestimmbaren Zonen finden lässt. Alle im Folgenden behandelten Texte und Autor_innen lassen sich weder mit einem auf „Einzelsprachlichkeit“ (Geulen 2017) beruhenden Literaturverständnis erklären, noch mit einer Sicht auf plurale Gesellschaften, in den sie als Konglomerat von Gruppen mit miteinander konfligierenden Partikularinteressen verstanden werden, die sich ausschließlich von national bzw. historisch bedingten Narrativen leiten lassen. Die hier behandelten Texte (post-)migrantischer und sorbischer Autor_innen sind sicherlich von historischen und politischen Rahmenbedingungen geprägt, sie zeigen jedoch Ausdrucksmöglichkeiten jenseits von den ihnen zugesprochenen Gruppenidentitäten auf und setzten sich damit kritisch auseinander.

Zur Gliederung des Buches

Das sich an diese Einleitung anschließende zweite Kapitel zu Aleksandar Tišma (1924–2003) beleuchtet den Zeitraum um den Zweiten Weltkrieg und behandelt ein Werk, das sich weniger leicht mit heute präsenten Begriffen wie Hybridität, kultureller Übersetzung usw. in Einklang bringen lässt. Dennoch können die genannten Begriffe gerade in Auseinandersetzung mit Texten, die vor der Etablierung postkolonialer Theorie geschrieben worden sind, weiterentwickelt und geschärft werden.

Das dritte Kapitel vertieft den Schwerpunkt Übersetzung und führt in die wichtigsten Positionen und Diskurse in Bezug auf Übersetzung und ihre transkulturellen Dimensionen ein. Am Beispiel von Barbi Marković (*1980) wird die Verflechtung und Zirkulation von Texten im Sinne der World Literature thematisiert, da sie eine Erzählung von Thomas Bernhard in einem auf Serbisch geschriebenen Text adaptiert, der von Mascha Dabić anschließend ins Deutsche übersetzt wird. Dadurch ergeben sich Zirkulationsprozesse, aber auch Fragen nach der ‚Originalität‘ von Literatur. Im zweiten Teil des Abschnitts werden Texte von Olga Grjasnowa (*1984), Mascha Dabić (*1981) und Irena Brežná (*1950) analysiert, deren Hauptfiguren Dolmetscherinnen sind, was es erlaubt, zwei unterschiedliche Perspektiven auf Übersetzung in der deutsch-slavischen Gegenwartsliteratur zu beleuchten. Dabei steht mit Markovićs Izlaženje (2007) ←35 | 36→neben den deutschsprachigen Texten von Grjasnowa, Dabić und Brežná auch ein serbischer Text im Mittelpunkt. Fragen der Übersetzung und Übersetzbarkeit überschneiden sich häufig mit transkulturellen Themen. Die oftmals implizit vorausgesetzte Einheit von Sprache und Kultur(-geschichte) wird im Werk von Olga Martynova (*1962), das im Zentrum des vierten Kapitels steht, durch mehrsprachige intertextuelle Verweise und dezidiert transkulturelle Bezüge massiv in Frage gestellt. Angesichts der Normalität, als die transkulturelles Schreiben sich bei Martynova darstellt, und wegen der selbstverständlichen Einbindung von deutscher, russischer und italienischer Kultur- und Literaturgeschichte zeigen Martynovas Texte vielfältige Implikationen von Mehrsprachigkeit und Transkulturalität in Gegenwart und Vergangenheit und lösen somit den von Yildiz artikulierten Wunsch ein, Mehrsprachigkeit nicht nur als ein Gegenwartsphänomen zu denken, sondern auch in der Geschichte zu verorten.

Als ein frühes Beispiel für Werke, die sich als „born translated“ (Walkowitz 2017) beschreiben lassen, werden im fünften und sechsten Kapitel sorbische Texte analysiert, die seit 1945 zumeist gleichzeitig auch auf Deutsch publiziert werden (vgl. Scholze 2000, 111). Damit soll eine dezidiert zweisprachige Literaturlandschaft beschrieben werden, deren Mehrsprachigkeit sich nicht darin erschöpft, dass einzelne Schreibende Texte in mehr als einer Sprache vorlegen. Minderheiten, die in anderssprachigen Mehrheitsgesellschaften leben, aber auch (post)koloniale Gesellschaften8 sind davon in einem ganz anderen Ausmaß betroffen als große unabhängige Literaturen. Schreibende stehen in beiden Fällen vor der Entscheidung (oder unter dem Druck), ihre Werke in einer kleinen oder in der dominanteren Sprache zu verfassen (oder auch in beiden) und damit auch über die Wahrnehmbarkeit ihrer Texte zu bestimmen. Im fünften Kapitel wird daher herausgearbeitet, wie stark die sorbische Literatur von Mehrsprachigkeit, Übersetzung und Verflechtung geprägt ist. Mit der Analyse von Jurij Brězans (1916–2006) Krabat-Roman, der sich explizit dem Verhältnis der ←36 | 37→kleinen sorbischen Minderheit zur Welt annimmt, steht im sechsten Kapitel ein Roman im Mittelpunkt, in dem häufig überhaupt nicht klar ist, in welcher Sprache gerade gesprochen wird.

Insgesamt soll die Monografie deutlich machen, wie stark Mehrsprachigkeit literarische Texte und die Literatur prägt und auf welche Art und Weise sie in ganz unterschiedlichen Konstellationen mit Intertextualität, Zirkulation, Übersetzung und Verflechtung verbunden ist.

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1 Wenn Cheah auch Texte aus verschiedenen Weltregionen untersucht, so werden dennoch nur englischsprachige Texte berücksichtigt. Parallel dazu lässt sich feststellen, dass sich ein Großteil der internationalen Forschung zu Mehrsprachigkeit ebenfalls auf die englische Sprache als eine der einbezogenen bezieht: „Most significantly, much scholarship on multilingualism focuses on constellations that involve English.“ (Yildiz 2012, 15). Spannend in dieser Hinsicht ist auch Yildiz’ Analyse eines von der Deutschen Bank in Auftrag gegebenen Kunstprojekts, mit dem die deutsche Künstlerin Karin Sander versucht, die sprachliche Vielfalt New Yorks abzubilden. Yildiz bemerkt dazu, dass auch der Hauptsitz der Bank in Frankfurt am Main ein guter Schauplatz gewesen wäre, um eine vielfältige und mehrsprachige Stadt abzubilden. Das Projekt reproduziere stattdessen durch die Wahl New Yorks implizit die Vorstellung von deutscher Homogenität: „As so often since the nineteenth century, the United States – and New York in particular – serves as a site for German fantasies about cultural heterogeneity that are implicitly contrasted with an imagined German homogeneity.“ (Yildiz 2012, 23).

2 Dazu lässt sich mit Blick auf nicht nationalstaatlich organisierte Strukturen wie die Habsburgermonarchie anmerken, dass in multikulturellen, mehrsprachigen Gesellschaften Übersetzungspraktiken sehr viel stärker sichtbar in den Vordergrund rücken (vgl. Wolf 2012). Dies wird auch in meiner Analyse von Aleksandar Tišmas Roman Upotreba čoveka [Der Gebrauch des Menschen] deutlich.

3 Zu Dragica Rajčić vgl. Hitzke, Finkelstein 2014.

4 https://www.fuen.org/de/europaeische-minderheiten/allgemein/ [12.02.2019].

5 Sprachfertigkeiten können auf verschiedenen Ebenen vorhanden sein und lassen sich nicht immer durch Zertifikate abbilden. So fokussiert etwa der Gemeinsame Europäische Referenzrahme den Aspekt der Kommunikation: „Durch den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen werden die Grundfertigkeiten der erfolgreichen Kommunikation in einer Fremdsprache (‚Verstehen‘, ‚Sprechen‘ und ‚Schreiben‘) in den Fokus gestellt.“ (http://www.europaeischer-referenzrahmen.de/gemeinsamer-europaeischer-referenzrahmen-sprachen.php [12.02.2019], Herv. i. Orig.).

6 Davon zeugt etwa Vladimir Nabokovs (2018) mit einem immensen Fußnotenapparat und Kommentar versehene Übersetzung des Evgenij Onegin ins Englische.

7 Dies wird in der vorliegenden Arbeit vor allem im Kapitel zu Barbara Marković und Olga Grjasnowa deutlich. Walkowitz bezieht sich in dieser Hinsicht zum Beispiel auf J.M. Coetzees The Childhood of Jesus (2013), das zuerst auf Niederländisch erschien und erst danach auf Englisch; für die Protagonisten des Buches ist Englisch eine Fremdsprache (vgl. Walkowitz 2017, 4).

8 Gute Beispiele dafür sind die auch von Rebecca Walkowitz thematisierten afrikanischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong’o‚ Chinua Achebe oder J.M. Coetzee: „Anglophone writers who are located outside of the largest centers of publishing, New York and London, have had to translate too. Kenyan writer Ngũgĩ wa Thiong’o famously chose to publish his novels first in Gikuyu, but he has also published them, self-translated, in English. Chinua Achebe’s Things Fall Apart, which features a smattering of Igbo terms, required a glossary when it was published in the London-based Heinemann series in 1962, while several paragraphs of Coetzee’s In the Heart of the Country, first published in South Africa in 1977, were translated from Afrikaans into English for the U.K. edition.“ (Walkowitz 2017, 13).