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Entlehnung oder Codeswitching?

Sprachmischungen mit dem Englischen im deutschen Printjournalismus

von Sebastian Knospe (Autor:in)
Dissertation 340 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit befasst sich mit den Formen und Funktionen von Sprachmischungen zwischen dem Englischen und dem Deutschen der Gegenwart. Als Datengrundlage dient ein synchrones Pressekorpus aus 52 Ausgaben des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, das seit den 1960ern immer wieder zu Untersuchungen zum deutsch-englischen Kontakt herangezogen worden ist. Zentrale These ist dabei, dass den journalistischen Sprachgebrauch neben etablierten lexikalischen Entlehnungen (Anglizismen) heute verstärkt auch Ad hoc-Wechsel zwischen beiden Sprachen (Codeswitches) prägen. Die Studie entwirft daher ein integratives kontaktlinguistisches Modell, das die Komplexität beider Erscheinungen der Sprachmischung aufzeigt und verdeutlicht, wie diese morphosyntaktisch integriert sowie wortbildend eingesetzt werden. Zugleich wird das besondere diskursive Potential herausgestellt, das aus der strukturellen Verwandtschaft zwischen dem Englischen und dem Deutschen erwächst.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort der Reihenherausgeberin
  • Danksagung
  • Inhaltsverzeichnis
  • Verzeichnis der Abbildungen
  • Verzeichnis der Tabellen
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Anlage und Zielsetzung der Arbeit
  • 1.2 Gliederung der Arbeit
  • Theoretische Grundkonzepte: Entlehnung und Codeswitching ins Englische
  • 2 Das Englische als globale und innereuropäische lingua franca und wichtiger Kontaktkode
  • 2.1 Sprachen in Kontakt – zum Gegenstandsbereich der Kontaktlinguistik
  • 2.2 Das Englische als Kontaktkode: deutsch-englischer Sprachkontakt
  • 2.2.1 Kachrus Drei-Kreise-Modell
  • 2.2.2 Position des Englischen im deutschen Sprachraum
  • 2.2.3 Einstellungen gegenüber dem Englischen in Deutschland
  • 2.2.4 Etablierung eines graduellen Bilingualismus
  • 2.3 Sprachmischungen mit dem Englischen
  • 2.3.1 Beförderung von Prozessen der Entlehnung und des Codeswitching
  • 2.3.2 Sprachmischungen zwischen dem Englischen und dem Deutschen im Spannungsfeld von lingualer Divergenz und Kongruenz
  • 2.4 Sprachmischphänomene im deutschen Printjournalismus
  • 2.4.1 Generelle Überlegungen zum Pressestil
  • 2.4.2 Profil des Nachrichtenmagazins Der Spiegel
  • 2.4.3 Zuschnitt des Spiegel-Korpus
  • 2.5 Weiterer Gang der Untersuchung
  • 3 Entlehnungen – zwischen Import und Integration
  • 3.1 Allgemeine Charakterisierung von Entlehnungen
  • 3.2 Wichtige Lehnmodelle
  • 3.2.1 Das Modell von Betz und seine Rezeption
  • 3.2.1.1 Lehnwörter
  • 3.2.1.2 Lehnprägungen
  • 3.2.2 Das Modell von Haugen und spätere Weiterentwicklungen: Import und/oder Substitution
  • 3.2.2.1 Lehnwörter (loanwords proper)
  • 3.2.2.2 Lehnprägungen (loanshifts)
  • 3.2.2.3 Hybride (loanblends)
  • 3.2.2.4 Native Bildungen (native creations)
  • 3.2.3 Einordnung von Scheinentlehnungen
  • 3.2.3.1 Morphologische Scheinentlehnungen
  • 3.2.3.2 Lexikalische Scheinentlehnungen
  • 3.2.3.3 Semantische Scheinentlehnungen
  • 3.3 Formale Integration von Lehnwörtern
  • 3.3.1 Phonologische Integration
  • 3.3.2 Orthographische Integration
  • 3.3.3 Grammatische (morphosyntaktische) Integration
  • 3.4 Eingrenzung des Untersuchungsspektrums
  • 3.5 Zusammenfassung
  • 4 Kodewechsel ins Englische und ihre Relation zu Lehnphänomenen
  • 4.1 Situatives und metaphorisches Codeswitching
  • 4.2 Wesentliche strukturelle Untertypen des Codeswitching
  • 4.3 Abgrenzung von Codeswitching und Entlehnung
  • 4.3.1 Poplacks Modell: Ad hoc-Entlehnungen und Entlehnungen vs. Codeswitching
  • 4.3.2 Myers-Scottons Matrix Language-Frame Model
  • 4.4 Zwischenbilanz
  • 4.5 Muyskens Taxonomie der Sprachmischung
  • 4.5.1 Generelle Ausgangspunkte von Muyskens Modell
  • 4.5.2 Muyskens Ansatz im Detail
  • 4.5.2.1 Insertionen
  • 4.5.2.2 Alternationen
  • 4.5.2.3 Kongruente Lexikalisierungen
  • 4.6 Schwerpunkte der weiteren Untersuchung: Entlehnungen und Kodewechsel ins Englische aus quantitativer und qualitativer Sicht
  • Sprachmischungen mit dem Englischen im Nachrichtenmagazin Der Spiegel – Frequenz, Formen und Funktionen
  • 5 Häufigkeit und Distribution der Sprachmischphänomene
  • 5.1 Methodik
  • 5.1.1 Manuelle Auswertung vs. Korpusmethode
  • 5.1.2 Relevante frequentielle Eckwerte und Präzisierung der Zählweise
  • 5.2 Frequentielle Dimensionen der Sprachmischung im Spiegel
  • 5.2.1 Anteile von Insertionen, Alternationen und kongruenten Lexikalisierungen
  • 5.2.2 Wortartenverteilung bei den Insertionen und darauf basierenden Wortbildungen
  • 5.2.3 Aufschlüsselung der weiterverarbeiteten lexikalischen Produkte der Sprachmischung nach Wortbildungsmustern
  • 5.2.4 Anteil der Codeswitches an den Produkten der Sprachmischung
  • 5.2.5 Frequentielles Gesamtbild
  • 5.3 Zusammenfassung und Ausblick
  • 6 Insertionen
  • 6.1 Allgemeine Eingrenzung der Kategorie
  • A. Strukturelle Untertypen und morphosyntaktische Integrationsmuster von Insertionen
  • 6.2 Substantivische Insertionen
  • 6.2.1 Morphologische Integration
  • 6.2.1.1 Genuszuweisung
  • 6.2.1.2 Pluralmarkierung
  • 6.2.2 Wesentliche Untertypen nominaler Importe
  • 6.2.2.1 Verkürzte englische Nominalgruppen: inserierte Akronyme und Siglen
  • 6.2.2.2 Morphologische Blends
  • 6.3 Verbale Insertionen
  • 6.3.1 Markierung des Infinitivs
  • 6.3.2 Bildung des Partizips II
  • 6.4 Adjektivische Insertionen
  • 6.5 Adverbiale Insertionen
  • 6.6 Andere Wort-Einspeisungen: Interjektionen, Numeralia und sonstige Partikeln
  • 6.7 Phraseale Einspeisungen
  • 6.7.1 Determinative Adjektiv-Substantiv-Verbindungen
  • 6.7.2 Periphrastische Possessivkonstruktionen
  • 6.7.3 Koordinierte Phrasen mit der Konjunktion and
  • 6.7.4 Adverbialphrasen
  • B. Wortbildungsaktivitäten von Insertionen
  • 6.8 Wortbildungsaktivitäten nominaler Insertionen
  • 6.8.1 Nominale Mischkomposita
  • 6.8.1.1 Binominale Zusammensetzungen
  • 6.8.1.2 Hybride Komposita mit phrasealen Einspeisungen als Determinans
  • 6.8.1.3 Verb-Nomen-Komposita
  • 6.8.1.4 Adverb-Nomen-Komposita
  • 6.8.1.5 Zahlwort-/Partikel-Nomen-Komposita
  • 6.8.1.6 Adjektiv-Nomen-Komposita und Modifikation von Nomina mit augmentativen oder diminutiven Elementen
  • 6.8.2 Übernahme nominaler Abstrakta vs. Suffigierung nominaler Insertionen
  • 6.8.3 Scheinentlehnungen
  • 6.9 Modifikation verbaler Insertionen: Präfix- und Partikelverben
  • 6.10 Wortbildungsaktivitäten inserierter Adjektive und Import von Intensifikatoren
  • 6.10.1 Adjektivische Insertionen zwischen Suffigierung und Komposition
  • 6.10.2 Adjektive mit superlativischen englischen Elementen
  • 6.11 Ableitung satzkommentierender Adverbien aus englischen Adjektiven oder Substantiven
  • C. Funktionen von Insertionen
  • 6.12 Motive für den Gebrauch von Insertionen
  • 6.12.1 Vorbemerkungen
  • 6.12.2 Insertion von Kulturwörtern und semantisch nuancierende Einspeisungen in Fachregistern
  • 6.12.3 Konnotative Wertigkeiten von Insertionen: Sozialkoloritzeichnung
  • 6.12.4 Regionale Variation des Englischen: Erzeugung eines Lokalkolorits
  • 6.12.5 Euphemismen und Spiel mit Tabus
  • 6.12.6 Ludische Funktionen
  • 6.12.6.1 Kreative Ad hoc-Komposita
  • 6.12.6.2 Bildungen mit Alliterations-, Reim- oder Punning-Effekten
  • 6.12.6.3 Kreative Verfremdung englischer Lexeme
  • 6.12.6.4 Reinterpretation idiomatisierter Ausdrücke
  • 6.12.6.5 Filser-Englisch
  • 6.13 Zusammenfassung
  • 7 Alternationen
  • 7.1 Eingrenzung der Kategorie und strukturelle Unterformen
  • 7.2 Besonderheiten printmedialer Alternationen
  • 7.3 Funktionale Kategorisierung der Alternationen im Spiegel
  • 7.3.1 Reproduktion von Sprechstilen – journalistische Charakterisierung von Personen und Situationen
  • 7.3.2 Nutzung von englischen Slogans, Mottos und Sprichwörtern: Emphase, Kommentarfunktion und textliche Verdichtung
  • 7.3.3 Ludisch ausgestaltete Alternationen
  • 7.4 Zusammenfassung
  • 8 Kongruente Lexikalisierungen
  • 8.1 Generelle Charakterisierung der Phänomenklasse
  • 8.2 Kongruente Lexikalisierungen im deutsch-englischen Kontakt – unterschiedliche Abstufungen interlingualer Kongruenz
  • 8.3 Bilinguale Puns
  • 8.3.1 Beispielanalyse
  • 8.3.2 Klassifikationskriterien für bilinguale Puns und ihre Anforderungen an das Sprachkönnen von Produzenten und Rezipienten
  • 8.4 Semantische „falsche Freunde“
  • 8.5 Zusammenfassung
  • 9 Schlussbetrachtung
  • Bibliographie
  • Anhang
  • Alphabetische Liste der diskutierten Korpus-Beispiele für Sprachmischungen
  • Reihenübersicht

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1:Kachrus (1985: 12 f.) Modell der World Englishes

Abb. 2:Beispiele für Stellenanzeigen mit englischen Berufsbezeichnungen in deutschen Tageszeitungen (Aus: (a) Zeit Online – Stellenanzeigen und (b) FAZ.JOB.NET, August 2010)

Abb. 3:Prozentuale Anteile von Sprechern aus der EU zwischen 15 und 40 Jahren mit Kenntnissen, die sie ihrer Einschätzung nach zur Konversation auf Englisch befähigen

Abb. 4:Betz’ (1974) Entlehnungstaxonomie

Abb. 5:Haugens (1950) Entlehnungstypologie im Vergleich mit Betz’ (1949) Modell (adaptiert nach Jansen 2005: 12)

Abb. 6:Codeswitching vs. etablierte Entlehnungen und Ad hoc-Entlehnungen [adaptiert nach Poplack/Wheeler/Westwood (1989: 52), i. V. mit Pütz (1993: 193)]

Abb. 7:Schematische Darstellung der strukturellen Einbettung von Insertionen

Abb. 8:Schematische Darstellung des Interaktionstyps Alternationen

Abb. 9:Schematische Darstellung des Interaktionstyps Kongruente Lexikalisierungen

Abb. 10:Beteiligung der Insertionen an Wortbildungen

Abb. 11:Anteil der Scheinentlehnungen enthaltenden Hybridbildungen ← 15 | 16 → ← 16 | 17 →

Verzeichnis der Tabellen

Tab. 1:Rangfolge der an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland vermittelten Sprachen (Schuljahr 2008/09, Klassenstufen 1-12 bzw. 13)

Tab. 2:Übersicht über die Entwicklung der Anteile deutsch- und englischsprachiger Publikationen in den Naturwissenschaften (in %, nach Ammon 1999: 674)

Tab. 3:Übersicht über die Entwicklung der Anteile deutsch- und englischsprachiger Publikationen in den Geisteswissenschaften (in %, nach Ammon 1999: 676)

Tab. 4:Untertypen der Lehnbedeutung nach Haugen (1950)

Tab. 5:Beispiele für semantische Scheinentlehnungen

Tab. 6:Grammatische Integration von Lehnwörtern englischer Provenienz

Tab. 7:Zusammenfassende Charakterisierung von Insertionen, Alternationen und kongruenten Lexikalisierungen

Tab. 8:Übersicht über die Verteilung der Phänomene der Sprachmischung im Spiegel-Korpus als konzeptuelle Einheiten und als Summe von Einzelwort-Einheiten

Tab. 9:Anteile der Wortarten an den Insertionen und den darauf basierenden Wortbildungen (nach Types)

Tab. 10:Verteilung nach Wortarten in anderen Studien zu lexikalischen Transfers (auf Basis der Types)

Tab. 11:Methodische Unterschiede bei der Zählung von englischem Transfergut in verschiedenen Arbeiten am Beispiel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel

Tab. 12:Wahl des grammatischen Geschlechts bei nominalen Insertionen nach semantischen Primitiva (in Anlehnung an Onysko 2007: 157-181)

Tab. 13:Wahl des grammatischen Geschlechts bei nominalen Insertionen mit bestimmten Suffixen (in Anlehnung an Onysko 2007: 171 f.)

Tab. 14:Siglen und Akronyme englischer Provenienz

Tab. 15:Insertionen mit adjektivischer oder adverbialer Verwendung

Tab. 16:Beispiele für phraseale Einspeisungen des Typs Adjektiv + Nomen

Tab. 17:Mischkomposita mit englischem Determinans oder Determinatum ← 17 | 18 →

Tab. 18:Insertionen mit häufigerem Gebrauch als Determinans oder Determinatum in Mischkomposita

Tab. 19:Beispiele für Scheinentlehnungen aus dem Englischen

Tab. 20:Verbale Insertionen in Kombination mit deutschen Präfixen und Partikeln

Tab. 21:Adjektivische Insertionen: Beispiele für hybride Einheiten ← 18 | 19 →

1Einleitung

1.1Anlage und Zielsetzung der Arbeit

Um den komplexen kommunikativen Anforderungen im Zeitalter von Globalisierung und europäischer Einigung gerecht zu werden, benötigen Sprecher1 neben den Kompetenzen, über die sie in ihrer Erstsprache verfügen, auch grundlegende Kenntnisse in wenigstens einer weiteren Sprache (vgl. Genesee 2004: 547). Eine besonders herausgehobene Bedeutung kommt dabei heute dem Englischen zu, das daher zugleich als eine wichtige Kontaktsprache fungiert, die in vielfältige Formen der Sprachmischung eingebunden ist (vgl. Kachru 1992: 214, Treffers-Daller 1994: 29, Koll-Stobbe 2000: 56-64, Winford 2003: 1 ff., Földes 2005: 68 ff.).

Die vorliegende Arbeit sucht dies zu verdeutlichen, indem sie exemplarisch den Gegenwarts-Kontakt zwischen dem Englischen und dem Deutschen in den Blick rückt. In der Vielzahl der schon vorliegenden Studien, die ihr Augenmerk auf den Transfer zwischen dieser Spendersprache und dieser oder anderen Empfängersprachen2 richten, stehen meist etablierte Wortübernahmen, die auch als Anglizismen bezeichnet werden, im Mittelpunkt. Im Unterschied dazu liegt dieser Untersuchung die These zugrunde, dass solche habituell gebrauchten Entlehnungen und deren Folgeprodukte zwar durchaus weiterhin überwiegen, aber nur einen Teil des Spektrums der Interaktion mit dem Englischen beschreiben. Anders ausgedrückt, wird also postuliert, dass sich heute in verschiedenen Kommunikationsbereichen darüber hinaus verstärkt auch Phänomene der Sprachmischung manifestieren, die eher ephemerer Natur sind (vgl. Busse/Görlach 2002: 13 f. und Androutsopoulos 2003: 3). Damit sind zuvörderst Formen eines situativen Codeswitching zwischen dem Deutschen und dem Englischen gemeint.3 ← 19 | 20 →

Um zu beleuchten, welche Muster der deutsch-englischen Sprachmischung sich im aktuellen Sprachgebrauch tatsächlich abbilden, setzt diese Untersuchung auf die Analyse eines synchronen Pressekorpus. Dieses stützt sich auf 52 direkt aufeinanderfolgende Ausgaben des Nachrichtenmagazins Der Spiegel aus den Jahren 2006 und 2007, die um einer breiten thematischen Streuung willen einer Totalexzerption unterzogen wurden. Obwohl Kodewechsel erst seit einiger Zeit auch mehr anhand der schriftlichen Kommunikation beleuchtet werden, wo sie anderen Produktions- und Rezeptionsbedingungen als im Mündlichen unterliegen, sprechen für die Wahl eines Printmediums einige Gründe: Zunächst sind Pressequellen wegen ihres regelmäßigen Erscheinens und ihres über die Jahre hinweg meist stabilen Aufbaus empirisch gut auszuwerten. Als Massenmedien erreichen sie zudem eine mehr oder minder große Leserschaft und pflegen einen Sprachgebrauch, der bestimmte linguale Trends widerspiegelt oder u.U. selbst anstößt. Die Entscheidung, konkret den Spiegel zu verwenden, rührt wiederum daher, dass das Magazin als größte bundesdeutsche Wochenzeitschrift in den letzten rund 60 Jahren wie kaum ein anderes Printmedium systematisch zu Studien zum deutsch-englischen Kontakt herangezogen worden ist. Deutlich wird dies an einer ganzen Reihe von germanistischen und anglistischen Spiegel-basierten Untersuchungen zum Thema, die von Carstensen (1963/1965) über Schelper (1988), Yang (1990) und Zürn (2001) bis hin zu Onysko (2007) reichen. Wie Carstensen (1965: 22, 1971: 11 ff.) beobachtete, diene das Blatt gar als ein mögliches „Einfallstor“ für englisches Sprachgut in das Deutsche. Überdies bemerkte er schon in den 1960ern eine besondere Kreativität der Spiegel-Journalisten im Umgang mit englischem Material. Auch vor diesem Hintergrund erscheint es daher sinnvoll, sich erneut dieser Zeitschrift zuzuwenden, die aufgrund der Konvergenzen im heutigen deutschen Mediensektor nicht als exzeptionell betrachtet werden kann.

1.2Gliederung der Arbeit

Ausgehend von diesen Vorüberlegungen strukturiert sich diese Arbeit wie folgt: Nach einigen Reflexionen über das Wesen von Sprachkontaktsituationen im Allgemeinen wird Kap. 2 im Anschluss an diese Einleitung zunächst den veränderten Stellenwert des Englischen in Deutschland aufzeigen. Hierbei werde ich verdeutlichen, dass sich insbesondere in der jüngeren Sprechergeneration von heute ein ← 20 | 21 → gradueller Bilingualismus herausgebildet hat. Wie zu belegen sein wird, kann dieser mit verschiedenen Formen der Interaktion zwischen dem Deutschen und dem Englischen einhergehen, die auch den printmedialen Gebrauch tangieren. Die dadurch erzeugten Sprachmischungen umfassen, so werde ich illustrieren, teils Ad hoc-, teils etablierte Phänomene, die sich mit dem klassischen Anglizismen-Begriff allein nicht hinlänglich abbilden lassen. Danach sollen die Spezifika des Politmagazins Der Spiegel, die Zusammensetzung des Spiegel-Korpus sowie die Frage der Repräsentativität von Spiegel-basierten Befunden erörtert werden.

Ziel der darauffolgenden Kapitel 3 und 4 ist es, die Grundlagen für eine ganzheitliche Beschreibung der beiden erwarteten Hauptmodi der Interaktion zwischen dem Deutschen und dem Englischen zu legen. In der Annahme, dass diese weiterhin das Bild bestimmen, wendet sich Kap. 3 unter kurzer Abgrenzung vom Phänomen der Interferenz den Entlehnungen zu. Im Fokus der Betrachtungen stehen die Systematik ihrer Klassifikation und in dieser Hinsicht auftauchende Problem- und Grenzfälle. Hierbei werden Erkenntnisse aus allgemeiner orientierten kontaktlinguistischen Werken wie auch aus germanistischen und anglistischen Arbeiten speziell zu Anglizismen im Deutschen einfließen und mit Blick auf ihre teils unterschiedlichen Kategorisierungen des Lehnguts und die dafür verwendeten Termini aufgearbeitet. Am Ende des Kapitels soll diskutiert werden, ob Görlachs (2003) einflussreiche operative Definition, die nur gewisse Bereiche der Entlehnung abdeckt, zugleich aber auf den eigentlichen Transfer folgende Lehnwortbildungen einschließt, auch für diese Arbeit angemessen ist.

Kap. 4 erörtert sodann, in welchem generellen Verhältnis Lehn-Phänomene zu Produkten des Codeswitching stehen. An dieser Stelle wird zu klären sein, auf welche Weise eine Abgrenzung beider Erscheinungen machbar ist und wie sich Kodewechsel im Mündlichen oder so wie hier im schriftlichen Gebrauch strukturell auffächern. Nach einer Besprechung der hierzu einschlägigen internationalen Literatur werde ich herausstellen, dass speziell Muyskens (2000) Typologie ein integratives Modell liefert, mit dem sich Kontaktphänomene zwischen den Polen der Entlehnung und des Codeswitching adäquat darstellen lassen. Mit einigen Modifikationen, die in diesem, vom Autor selbst nicht in den Blick genommenen printmedialen Untersuchungsrahmen angezeigt sind, soll seine Taxonomie deshalb auch dem praktischen Teil dieser Arbeit zu Grunde gelegt werden.

Eine für diese Untersuchung zentrale These ist, dass bei Entlehnung und Codeswitching, die sich unter spezifischen soziolinguistischen Bedingungen anbahnen (s. Kap. 2.2), auch die starke strukturelle Verwandtschaft zwischen den hier betrachteten Sprachen bedeutsam ist. Ausgehend von einem gerafften kontrastiven Überblick über die Strukturen des Deutschen und des Englischen (s. Kap. 2.3.2) werden die Kap. 3 und 4 daher die Bedeutung dieses Faktors aus ← 21 | 22 → leuchten. Im Zuge dessen soll deutlich werden, dass strukturelle Differenzen zwischen den Kodes, soweit sie nicht durch Integration abgebaut werden, zum einen aufmerksamkeitslenkend genutzt werden können. Zum anderen werde ich darlegen, dass Ähnlichkeiten in den Strukturen der miteinander verschränkten Kodes bestimmte Typen der Sprachmischung zu erleichtern vermögen (vgl. z.B. Haugen 1956: 45-48, Romaine 1995: 57 f., Sebba 1998, Muysken 2000: 35-59, Winford 2003: 42-46, 158 f.). Wie ich weiterhin verdeutlichen werde, bergen Kongruenzen zudem ein besonderes Potential für Ad hoc-Bildungen, bei denen die Grenzen zwischen den Sprachen kreativ verschwimmen. Bislang werden solche Fälle eines „intimen“ Zusammenspiels zweier Sprachen in der Forschung aber nur wenig thematisiert (vgl. z.B. Carstensen 1971, Clyne 1972:103 f., Görlach 2003: 29 f., Onysko 2007: 311 f., Koll-Stobbe 2009: 38, Knospe 2010). In Anlehnung an Muyskens (2000) Modell soll diese Studie dagegen auch solche Produkte der Kodeinteraktion gezielt in die Beschreibung miteinbeziehen.

Da sie sich nicht mit korpuslinguistischen Methoden aufspüren lassen, ist diese Arbeit trotz Nutzung der Suchfunktionen des Spiegel-Archivs von einer manuellen und qualitativen Datenanalyse geprägt. Diese und weitere methodische Erwägungen werden in Kap. 5 besprochen, das in den empirischen Teil überleitet. Wie schon angedeutet, wird Muyskens (2000) Typologie dort als Analysemethode eingesetzt. Zunächst wird ein Überblick über die frequentielle Verteilung der einzelnen Typen der Sprachmischung im Spiegel gegeben.

Danach sollen die nach Muyskens (2000) Typologie klassifizierten Manifestationsformen des Kontakts mit dem Englischen eingehend qualitativ untersucht werden. Gemäß der unterschiedlichen Häufigkeit der Einzelklassen im Spiegel weisen die dafür reservierten Kapitel 6 bis 8 eine unterschiedliche Länge auf. Eingang finden in die dortigen Betrachtungen sollen einerseits die formalen Charakteristika der verschiedenen Formen der Sprachmischung. Dies betrifft insbesondere die Wege der Integration englischen Materials in das Deutsche, die für die Wort-Ebene traditionell besonders beleuchtet werden, und die Art und Weise, in der die Spiegel- Autoren diese Einheiten in die Wortbildung einbringen. Andererseits werden hier die stilistischen Funktionen der Sprachmischphänomene behandelt. Im Rahmen des gewählten breiten Beschreibungsansatzes sollen diesbezüglich wie erläutert auch seltener vorzufindende, dafür aber besonders markierte Ad hoc-Bildungen betrachtet werden. Da sie wegen ihrer hohen Kontextbindung meist mit spezifischen Anforderungen an das Sprachkönnen der Rezipienten verbunden sind, wird zugleich darauf zu achten sein, ob und wie die Spiegel-Leser in ihrer Interpretation durch journalistische Informationssetzungen geleitet werden.

Kap. 9 resümiert die wesentlichen Befunde dieser Arbeit, während der Anhang die in dieser Studie beispielhaft diskutierten Produkte der Sprachmischung mit dem Englischen im Spiegel aufschlüsselt. ← 22 | 23 →

1In dieser Arbeit wird der Begriff Sprecher (synonym auch: Sprachbenutzer) in einem umfassenden Sinne eingesetzt. Er bezieht sich, soweit nicht anders vermerkt, nicht ausschließlich auf mündliche Gebrauchskontexte, sondern inkludiert auch die schriftliche Kommunikation. Um den Ausdruck möglichst einfach zu halten, wird in dieser Untersuchung zudem das Maskulinum generisch gebraucht.

2Vgl. zu diesen Begriffen Kap. 3.1 und Kap. 4.3.2. Die umgekehrte Konstellation (mit dem Englischen als Empfängersprache) ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Zu Übernahmen deutschen Wortguts in das Englische vgl. etwa Stanforth (1996) und das Wörterbuch von Pfeffer/Cannon (2010).

3Der Terminus Code bzw. eingedeutscht Kode, der u.a. im Begriff Codeswitching auftaucht, dient dazu, eine Festlegung nur auf den Kontakt zwischen Standard-Sprachen zu vermeiden, da auch Dialekte in Kontaktszenarien eingebunden sein können (vgl. Myers-Scotton 1997: 3). Er hilft insofern, die problematische Scheidung von Sprachen und Dialekten zu umgehen, weil weder die kommunikative Reichweite noch die areale Bindung als eindeutige Distinktionskriterien taugen, zumal die Klassifikation teils auch von politischen Faktoren beeinflusst wird (vgl. Romaine 1994: 12, Trudgill 2004, Wardhaugh 2006: 25-27). Theoretisch inkludierbar sind unter dem Begriff Kode aber auch spezifische Register oder die Zeichensprache. Zu seiner davon abweichenden Verwendung in der Mündlichkeit-/Schriftlichkeitsforschung s. Kap. 7.2.

Details

Seiten
340
ISBN (PDF)
9783653050707
ISBN (ePUB)
9783653998009
ISBN (MOBI)
9783653997996
ISBN (Hardcover)
9783631624821
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Oktober)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 340 S., 21 Tab., 11 Graf.

Biographische Angaben

Sebastian Knospe (Autor:in)

Sebastian Knospe studierte Englisch und Französisch für das Lehramt an Gymnasien an der Universität Greifswald. Er forscht und lehrt am Lehrstuhl für Englische Sprachwissenschaft zu den Schwerpunkten Sprachkontakt, kontaktinduzierter Sprachwandel und kreativer Sprachgebrauch.

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