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Die Kunstvermittlerin Hanna Bekker vom Rath

Die Anfänge des Frankfurter Kunstkabinetts Hanna Bekker vom Rath- 2., überarbeitete Auflage

von Ulrike Fuchs (Autor:in)
Monographie 382 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch behandelt einen Ausschnitt aus dem Leben der Hanna Bekker vom Rath, die eine herausragende Persönlichkeit des kulturellen Nachkriegsdeutschlands und brillante Kunstvermittlerin war und mit ihrem Frankfurter Kunstkabinett und in ihrem legendären blauen Haus in Hofheim am Taunus Geschichte schrieb. Die für ihre Zeit überaus emanzipierte Art, mit der Hanna Bekker vom Rath den Repressalien des nationalsozialistischen Kunstdiktates trotzte und sich für die als entartet gebrandmarkte, expressionistische Kunst auch über den Krieg hinaus einsetzte, brachte die Autorin innerhalb ihrer journalistischen Tätigkeit auf die Spuren dieser couragierten Frau.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Zwei Überraschungsgäste und deren Pläne
  • 2 Eine beschwerliche Zugfahrt und was davor geschah
  • 3 Ein Besuch in Wiesbaden weckt Erinnerungen
  • 4 Zustimmung von höchster Stelle
  • 5 Eine Kunst – Oase zwischen Trümmern
  • 6 Besuch bei dem Käthe Kollwitz Sammler Helmut Goedeckemeyer
  • 7 Die Trümmerdichterin Marie Luise von Kaschnitz
  • 8 Der Lehrling: Joachim Cüppers
  • 9 Frankfurt, Stadt der Kunst, Sammler und Mäzene – vor dem Krieg
  • 10 Materialbeschaffung über die Tauschbörse und Zigaretten als Währung
  • 11 Karl Schmidt-Rottluff und Emy Roeder – zwei Künstlerschicksale in der NS-Zeit
  • 12 Die Gleichschaltung der Presse und ihr Neuanfang
  • 13 Nachbarschaften im Hofheimer Refugium
  • 14 Eröffnung des Frankfurter Kunstkabinetts
  • 15 Erich Heckel
  • 16 Im Dienste der Kunst durch die Besatzungszonen – eine Reise mit Viginia Fontaine
  • 17 Aus der Speisekammer ins Kunstkabninett – Arbeiten von Alexej Jawlensky
  • 18 Hommage an den Lehrer Adolf Hölzel
  • 19 Karl Schmidt-Rottluff zu Besuch
  • 20 Ernst Ludwig Kirchner und die „Brücke“
  • 21 Ida Kerkovius – Lehrerin und Freundin
  • 22 Die Währungsreform und ihre Folgen für das Kunstkabinett
  • 23 Kohlekisten als Künstlerhilfe und Kunst auf Ratenzahlung, Louise Rösler-Kröhnke
  • 24 Die Sammlung Guggenheim im Frankfurter Kunstkabinett
  • 25 Frankfurter Künstler und ihre Stadt
  • 26 In bewunderten Fußstapfen angekommen – der Umzug des Kunstkabinetts
  • Abbildungsverzeichnis
  • Anmerkungen

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1 Zwei Überraschungsgäste und deren Pläne

Für den Vormittag hatten sich zwei Herren angemeldet. Es gehe um Kunst, genauer, um moderne Kunst und um deren Vermittlung. Das hatten sie ihr gesagt, nicht mehr.

Aus Frankfurt kamen beide Herren zu ihr in das wenig zerstörte, ländliche Hofheim, westlich der Mainmetropole. Die Herren standen in Verbindung zu den Amerikanern. Ein streng abgeschirmter Sperrbezirk war das Hauptquartier der Besatzungsmacht zu dieser Zeit, untergebracht im ehemaligen Verwaltungsgebäude der IG Farben, das nahezu unversehrt das Bombardement der Stadt überstanden hatte. Von dort hatten sie wohl angerufen, denn die Telefonleitungen in der Stadt waren anderthalb Jahre nach Kriegsende noch nicht alle wieder hergestellt.

Die Städte lagen in Trümmern, so auch Frankfurt. Zerstört war der historische Stadtkern, nur noch die Hälfte des ehemaligen Wohn- und Geschäftraums vorhanden, aufragende Brandmauern, Fenster, die sich aus dem Nichts öffneten, Türen, hinter denen sich nichts mehr verbarg, durch die man von der Straße ins Freie trat, in der Luft hängende, halbe Zimmer, plötzlich einstürzende Fassaden verschütten die schon frei geräumten Straßen erneut und Trümmerberge, Trümmerberge überall. Das war das Zentrum Frankfurts 1946.

Wie Hohn erschienen die Firmenschilder an den Fassadenresten. Was die Reklameschilder aus gesprungenem Emaille anpriesen, gab es nirgends mehr zu kaufen, kaum war die Minimalversorgung der Bevölkerung zu gewährleisten, zwischen den Trümmern Kleingärten, die Bewirtschaftung und Bestellung jeder verfügbaren Freifläche war Bürgerpflicht. Felddiebstahl war dennoch an der Tagesordnung, Kartoffelkrieg herrschte, Hamsterfahrten in die ländliche Umgebung mit dem Fahrrad, wer noch eines besaß, mit den ersten Zügen, die wieder fuhren, auch zu Fuß, getragen von der Hoffnung etwas zu ergattern.a

Aus diesem Frankfurt kamen die beiden Herren, wollten mit ihr über Kunst sprechen. Über Kunst, in diesen Zeiten. Für Hanna Bekker vom Rath war das nichts Ungewöhnliches.

Es war auch nicht ungewöhnlich, dass nun fremde Menschen, unangemeldet zumeist, vor ihrer Türe standen. Alles war irgendwie durcheinander geraten, nichts mehr so wie vor dem Krieg. Nach den Monaten der Erstarrung, ausschließlich beherrscht durch das Denken ans reine Überleben, war wieder Bewegung ← 9 | 10 → spürbar, beginnende Überwindung der Depression, Aufbruch, ein zartes nach vorne Blicken.

Vor wenigen Wochen erst hatte eine junge Frau sie mit ihrem Besuch überrascht. Hanna hatte sofort die Amerikanerin in ihr erkannt – Sprache und Kleidung hatten sie verraten. Gespannt hatte sie die außergewöhnliche Besucherin ins Haus gebeten.

Sie arbeite beim Collecting Point in Wiesbaden, so hatte Virginia Fontaine sich vorgestellt.

Schnell war die junge, sympathische Frau zur Sache gekommen: „Ich brauche ihre Hilfe, Frau Bekker vom Rath. Sie wurden mir als eine exquisite Kennerin der deutschen Gegenwartskunst benannt und beschrieben.“

Überrascht und geschmeichelt zugleich hatte Hanna ihre Besucherin abwartend angesehen.

Ihr Mann, der Maler Paul Fontaine, sei mit den US Armed Forces nach Deutschland gekommen, erklärte diese weiter. Nach Kriegsende hätte er sich entschlossen zu bleiben.

So sei sie ihm mit ihrer drei Jahre alten Tochter in das vom Krieg zerstörte Land gefolgt und bemühe sich nun um Kontakte zu Kunst und Künstlern.

Auch die beiden Herren heute waren der Kunst wegen gekommen, aus dem zerstörten, hungernden Frankfurt.

In eine heile Welt kamen sie auch in Hofheim nicht.

Not und Knappheit herrschten auch hier in der ländlichen Umgebung des Taunus, kein Haus ohne Einquartierung und Flüchtlinge, aber Obstbäume standen in den Gärten, Beete versprachen Ernte, Hühner, ein Schwein manchmal und Kaninchen vor allem fanden sich hier und da. Kartoffelverhältnisse belebten den Austausch. Mancher hatte ein paar Eiern oder einer Hand voll Mehl wegen mit einer Bäuerin oder Magd in den ländlichen Vororten angebandelt.

Das Dach über Hanna Bekkers großem Haus war unbeschädigt, statt Trümmerbergen lagen Wiesen vor der Tür und das unbeschädigte Haus der Nachbarn gegenüber, überbelegt zwar auch dieses, aber heil.

Künstler waren die beiden Herren nicht, doch an Kultur und Kunst interessiert, Ingenieur der eine, aus einer Kaufmannsfamilie der andere. Kontakt zu den Amerikanern hatten beide. Zusammen mit einem ehemaligen Kunstverleger hatten sie im Lotus Club, dem Offiziersclub der Amerikaner, kleine Ausstellungen organisiert, vornehmlich Kunstgewerbe verkauft und auch Kunstdrucke. Einige wenige Originalgraphiken waren darunter gewesen.

Einen Kunstverein, ein Kunstinstitut wollten sie ins Leben rufen, in Frankfurt! Ein Ort der Begegnung und des Austauschs für Kunst und Kultur sollte entstehen. Einen Neuanfang wollten sie wagen nach den dunklen Jahren einer staatlich vorgeschriebenen Kunst; zurückholen ins Licht der Öffentlichkeit die nur im ← 10 | 11 → Verborgenen noch existierende Moderne, sie darin neu verankern, der wieder gewonnenen Freiheit des Denkens und Schaffens einen Raum bieten. Das war ihr Ziel.

Sicher, in Berlin wuchs schon aus den Trümmern, noch ehe die Frauen sie ganz weggeschafft hatten, neues kulturelles Leben. Unterricht gab es wieder an der Hochschule für Bildende Kunst. Der Maler Karl Schmidt-Rottluff, mit dem Hanna eine langjährige Freundschaft verband, hatte ihr davon berichtet. Aus der sowjetischen besetzten Zone hatte er vor wenigen Monaten nur mit Mühe die Ausreiseerlaubnis nach West-Berlin erhalten. Seine Besuche im Taunus hatte er aber noch nicht wieder aufnehmen können. Sich frei zwischen den Zonen zu bewegen, zu reisen, daran war nicht zu denken, dazu fehlte es an allem.

Ihn, von dem man 1937 mehr als 600 Werke aus deutschen Museen entfernt und dem man Berufsverbot erteilt hatte, da er nicht zur Förderung deutscher Kultur beitrage, Karl Schmidt-Rottluff hatte man nun eine Professur anvertraut. Mehr von der Lust wieder frei schaffen zu können als durch leibliche Nahrung am Leben gehalten, hatte sich bereits eine kleine Schülerschaft um ihn geschart.

In der ehemaligen Reichshauptstadt lebte der private Kunsthandel bereits wieder auf, vereinzelt zwar noch, aber es gab schon erste Verkäufe. Die Flucht in die Sachwerte hatte auch den Handel mit Kunst befördert. Freiheits- und schaffensdurstig waren auch die Maler und Bildhauer zurückgekehrt: Max Pechstein und Carl Hofer zum Beispiel, auch jüngere, wie Ernst Schumacher oder Karl Hartung. Verfemung und jahrelanges Arbeiten im Verborgenen hatten Spuren hinterlassen, in den Menschen wie in ihrer Kunst. Geblieben aber war die Hoffnung, die sie jetzt antrieb. Die Wiederbelebung des einst etablierten Kunstvereins Berlin war ebenso geplant wie erste große Einzelausstellungen.

Zwar war der Taunus nicht Berlin, auch Frankfurt nicht die ehemalige Reichshauptstadt, aber derselbe Hunger nach Kultur, zensurfrei, derselbe Nachholbedarf hier wie dort.

Wie war das noch? ... „nicht nur vom Brot allein“....

Daran dachte Hanna, als sie den beiden Herren, die ihre weittragenden Pläne vortrugen, nun gegenüber stand.

Der eine, de le Roi hatte er sich vorgestellt, war in etwa so alt wie sie selbst, also um die 53 Jahre. Er war nur wenig größer, hatte helle wache Augen. Der weit zurückliegende Haaransatz ließ das schmale, hagere Gesicht noch härter erscheinen, nicht streng jedoch, eher geprägt, gezeichnet vielleicht, gehärtet durch die Zeit. Das waren sie alle.

Korrekt wie Frisur und Auftreten war auch der Anzug, nicht neu natürlich und auch nicht gut sitzend, zu groß geraten, zu groß gehungert schlabberte er leicht um den Körper. ← 11 | 12 →

Das Gesicht des zweiten Herrn, Dr. Günther Haase, war ebenso schmal. Er war jünger, von Statur nur ein wenig kleiner, sein Auftreten jedoch nicht weniger ernst und ebenso korrekt.

Hanna kannte Herrn de le Roi flüchtig, den anderen nicht, konnte sich an keine Begegnung mit ihm erinnern. Die Herren aber schienen Hanna zu kennen, mehr Hannas Familie als sie selbst. Das störte Hanna ein wenig. Es entsprach nicht ihrem Selbstverständnis.

Ihr Haus war ein Spiegel ihrer unkonventionellen Eigenständigkeit. Wie eigens für diese Begegnung arrangiert schien ihr Wohnzimmer, das Rote Zimmer. Nichts hätte die Kunstwerke besser zur Geltung bringen können, als der tiefe, warme, rote Farbton der Wände. Die im Bauhausstil gestaltete, helle Decke konzentrierte den Blick des Betrachters auf die Exponate an den Wänden. Exponate? Wie Ausstellungsstücke hingen ihre Bilder nicht. Das Rote Zimmer war keine Galerie. Die Gemälde gehörten zu dieser Umgebung, waren mit dem Haus verwachsen, ebenso die auf eigens dafür gefertigten Stelen stehenden Statuen. Ihre Anordnung war über Jahre gewachsen, verwachsen mit der Außergewöhnlichkeit eines Hauses, das man in dieser Umgebung so nicht erwarten würde. Die vor kaum zwei Jahren nur im Verborgenen noch blühende Kunst des Expressionismus hatte hier stellvertretend eine Heimstatt gefunden. Nicht in ihrer Gesamtheit natürlich, aber doch in einer in diesem Landhaus unerwarteten Dichte, die die kenntnisreichen beiden Besucher ins Staunen versetzte.

Dass sich die Hausbewohnerin für diese Kunst eingesetzt hatte, war in informierten Kreisen bekannt. Schon bevor die NS Zeit über Deutschland hereingebrochen war, hatte sie hier, in ihrem „Blauen Haus“ in Hofheim, kleine Kunstausstellungen initiiert, Kunstinteressierte aus ihrem großbürgerlichen Bekanntenkreis dazu eingeladen und auf diese Weise versucht, der modernen Kunst, insbesondere der des Expressionismus, Aufmerksamkeit zu verschaffen, auch Käufer und Sammler zu gewinnen. Hier verband sich Hannas spontanes, soziales Engagement mit dem Interesse an Kunst.

Hanna durchschaute schnell, dass dieses ihr eigene Verhalten in ursächlichem Zusammenhang mit dem heutigen Besuch stehen müsse, die Besucher wohl motiviert hatte, hierher zu kommen.

Durch die Andersartigkeit, das Unübliche des Anstrichs, erschien den beiden Herren das Rote Zimmer beinahe museal und bei genauer Betrachtung auch wieder nicht.

Wohnraum war es und offensichtlich auch Schlafraum, zeitweise wenigstens. Ambivalent in seiner Bestimmung gewann der Raum eine seltsame Doppelbödigkeit, die den Gegebenheiten der Zeit Rechnung trug ohne ursprüngliche Bestimmungen ganz zu verleugnen. ← 12 | 13 →

Der Raum bestärkte die beiden Herren in ihrem Vorhaben und machte sie zugleich sprachlos, jedenfalls für einen Moment der Betrachtung und Gefangennahme. Gleichzeitig aber bot das Ambiente Gesprächsstoff und Anknüpfungspunkte, offenbarte es Gemeinsamkeiten, parallele Interessen.

An Hängung und Platzierung der Kunstwerke waren Entstehung und Wachstum des Ensembles ablesbar.

Zwei meditativ abstrahierte Kopfdarstellungen von Alexej Jawlensky zogen die Besucher in ihren Bann. Ohne den Blickkontakt zum Betrachter zu suchen, richtete sich ihr Sehen nach innen. Eine ruhige beruhigende Ausstrahlung ging von ihnen aus.

Gestört wurde diese Ruhe jedoch durch das Bild eines nächtlichen Mittelmeerhafens von Karl Schmidt-Rottluff, zwischen den beiden Köpfen hängend. In der Vogelperspektive gemalte, geheimnisvoll gelbgrüne Segelboote in grünlich blauem Hafenbecken, eine in sich geschlossene Komposition, am fernen Ufer durch die blitzende Lichterkette nächtlicher Beleuchtung abgeschlossen.

Eine Systematik des Sammelns war nicht erkennbar. Skulpturen von Ernst Barlach und Alexander Archipenco waren ebenso zu sehen wie das Brustbild einer jungen Frau mit geneigtem Kopf von Wilhelm Lehmbruck, an dem noch immer die Spuren einer Bemalung mit Lippenstift, die die Amerikaner bei der Besetzung des Hauses an Brustwarzen und Lippen angebracht hatten, zu erkennen waren, so tief war die fetthaltige Substanz in den Steinguss eingezogen. Erst Jahre des Austrocknens sollten sie schließlich beseitigen.

Dieselbe Verdichtung der Körperlichkeit kennzeichnete das von Erich Heckel gemalte Bild, an der Wand daneben. Aus Karl Schmidt-Rottluffs „Dorfecke“ schlugen lodernd die Farben dem Besucher entgegen. Beunruhigend, beinahe gefährlich schien diese ungewohnte Farbwirkung jedem Betrachter der frühen Nachkriegszeit.

Modern und mutig war, was hier an den Wänden hing, ausnahmslos so genannte „entartete“ Kunst noch vor kaum zwei Jahren, Arbeiten mit Malverbot belegter Künstler.

Aus Museen verbannt hatten die Nazis ihre Werke öffentlich an den Pranger gestellt, verbrannt oder unter Wert verschachert, versteigert, verschleudert. Und das wenige Gebliebene, vom Künstler heimlich Gerettete, mitunter die Anfänge eines verheißungsvollen Kunstschaffens, war schließlich von Bomben getroffen worden in der einst kunstsinnigen Hauptstadt.

Im Verborgenen gerettet fand sich nun einiges hier, im Schatten nicht nur der vor dem Fenster stehenden, riesigen Buche, bewacht vom Eisenguss eines chinesischen Tempelwächters aus der Sung Zeit, einer Teufelsfigur, die sich mit trotziger Willenskraft wuchtig dem Betrachter entgegenstellte und in Gesellschaft der früh von Alexej von Jawlensky gemalten „Frau mit Fächer“. Mit tiefgrünen ← 13 | 14 → Mandelaugen blickte diese zwischen üppig dunkler Lockenpracht aus dem Bild auf den unter ihr stehenden, mit einem Kelim von der Hand Ida Kerkovius’ abgedeckten, immer für Gäste bereitgehaltenen Diwan. Darauf erkannte das kundige Auge zwei handgewebte Kissen, Arbeiten von Kerkovius’ Schülerinnen noch aus Stuttgarter Zeiten.

Dies waren nur einige der Hinweise auf die „Kerkovi“, wie die Schülerin und spätere Mitarbeiterin Adolf Hölzels, die Hanna Bekker vom Raths Lehrerin gewesen war, im Haus liebevoll genannt wurde.

Auch die kurze Zeit der Beschlagnahmung des Hauses durch die Amerikaner in den ersten Wochen nach dem Krieg hatte die Sammlung und ebenso deren Anordnung, von der Lippenstiftaktion einmal abgesehen, so gut wie unbeschädigt gelassen. Demonstrativ war bei der Freigabe durch die Besatzer auf einem kleinen Tisch im Salon auch das Silbergerät des Hauses versammelt.

Hanna hatte die Geste verstanden: Sieh, wir haben uns an nichts vergriffen, sollte es wohl bedeuten. Das hatte auch die Kunstwerke betroffen.

Es war weniger der Besitzerstolz als das Bestreben, die Kunst für sich selbst sprechen zu lassen, das Hanna dazu veranlasste, auch ihre heutigen Besucher zu einem Rundgang durch ihr Haus einzuladen. In selbstverständlich freundlicher Art gewährte sie den beiden Herren Einblick, ließ sie teilhaben an der eigenen Begeisterung für das Gesammelte.

Mit derselben Unbekümmertheit störte sie aber auch die zahlreichen Bewohner des Hauses, wenn sie ihren Besuchern ein bestimmtes Kunstwerk zeigen wollte. Wie selbstverständlich betrat sie alle Räume. Dies als Rücksichtslosigkeit anzusehen wäre ihr ebenso wenig in den Sinn gekommen, wie sie umgekehrt davon überzeugt war, dass die Kunst, auch die privat gesammelte, der interessierten Allgemeinheit zugänglich sein müsse.

Uneitel, nicht ohne Stolz, selbstbewusst, sich ihres Tuns und Wirkens sicher, ohne den leisesten Hauch von Koketterie, keinen Zweifel lassend an Standhaftigkeit, Selbsteinschätzung und der Richtigkeit ihres Handelns, war sie doch überaus freigiebig, großzügig in der Art, in der sie den willkommenen Besucher zum temporären Teilhaber ihrer Sammlung machte, ihn partizipieren ließ, an gedanklicher, schöpferischer Freiheit und geistiger Unabhängigkeit und Größe, in Betrachtung, Vertiefung und Nachvollzug eines Kunstwerks gewonnen.

Schon der jungen Frau war einst ein Kunstwerk wichtiger gewesen als eine Perlenkette: Das Geburtstagsgeschenk ihres Vaters gab Hanna ins Pfandhaus und erfüllte sich so ihren Wunsch, ein Bild des Malers Karl Schmidt-Rottluff in Besitz nehmen zu können.

Das dadurch in einem großbürgerlichen Elternhaus ausgelöste Entsetzen kann man sich ohne Phantasie vorstellen. Unmöglich zu entscheiden, was nun viel größer war, die Empörung über den Besuch der Tochter in einem Pfandhaus und ← 14 | 15 → die damit der Familie zugefügte Schande oder die Brüskierung durch die Versetzung des Geschenkes, nicht irgendeines Geschenks zudem, sondern vom Vater gegeben, symbolhaft, auch zum Zeichen des Aufgenommenseins in den Kreis der Erwachsenen. Versetzt, dieses Geschenk? Noch dazu für moderne Kunst!

Überraschend war dies nicht. Schon mit dem ersten Kunstkauf hatte die als schwierig und halsstarrig geltende Tochter ihre diesbezügliche Entschlossenheit unter Beweis gestellt und im Elternhaus für größte Entrüstung gesorgt. Ohne Rücksprache und natürlich ohne eigenes Geld hatte sie einen mittelalterlichen, katalanischen Christustorso, fast lebensgroß, in einem Antiquitätengeschäft am Frankfurter Römerberg reservieren lassen, den Namen des Vaters dabei nutzend. Hatte sie genau kalkuliert, dass sie diesen dadurch zwang, für das von der Tochter gegebene Wort einzustehen oder hatte sie einfach gar nicht darüber nachgedacht? Das war heute nicht mehr zu entscheiden.

Spontan war sie vom tiefen Leidensausdruck des Christusbildes erfasst gewesen, tief berührt hatte er sie gefangen. Durch Beschädigung und Fehlen der Arme noch stärker auf Haltung und Gesichtszüge konzentriert, in ihnen verdichtet und auf die beherrschende Vertikale reduziert, hatte sie ihm nicht ausweichen können, sich an ihm fest gesogen. Der Impuls, den Torso besitzen zu müssen, auch um ihn zu beschützen vielleicht, zu erhalten, hatte sie Konvention und Zurückhaltung aufgeben lassen. Ausdrucksmächtig war er ihr als die Summe dessen erschienen, was Leid und Erdulden vermögen.

Dreiundzwanzig Jahre war sie damals alt gewesen und es war Krieg. Das war 1916.

Ihre Art und Weise, sich mit Kunst auseinander zu setzten, sie in Besitz zu nehmen, nicht materiell, hatte sich seither nicht geändert. Der Torso hatte sie begleitet, in allen Wohnungen seinen Sonderplatz behauptet, zuletzt auch hier, im Blauen Haus. Bis heute hatte er nichts von seiner Ausdruckskraft verloren. Ihr einstmals spontanes Urteil hatte nach wie vor Bestand, was ebenso für die Arbeit des Bildhauers wie für Hannas früh entwickeltes Kunstverständnis sprach.

Genussvoll, nicht ohne Stolz, mit viel Sinn für Humor und Selbstironie, aber inzwischen doch auch nicht ohne Verständnis für die Haltung der Eltern, in jedem Fall aber mit verschmitztem Lächeln, liebte sie es später diese und andere Geschichten zu erzählen.

Die Enge des Elternhauses, das sie keinen Schritt ohne die allgegenwärtige Gouvernante hatte tun lassen, war von ihr, die weder angepasst noch bevormundet sein wollte, als Zwang empfunden worden. Hartnäckig war sie früh eigene Wege gegangen, hatte mit trotziger Zielstrebigkeit versucht, sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, gegen die für sie bereits im Voraus geplanten Wege zu rebellieren und sie bewusst zu verlassen. ← 15 | 16 →

In der nun schwer beschädigten Paulskirche hatte sie 1918 eine Rede über die Emanzipation der Frau gehalten, auf einer Veranstaltung der SPD. Auch das war durchaus nicht im Sinne ihrer Eltern gewesen. In der Rolle des enfant terrible hatte sie sich gut gefallen, damals. Kulturelles Gut und geistige Unabhängigkeit waren ihr schon früh wichtiger gewesen als gesellschaftliche Regeln oder schmückende Äußerlichkeiten.

Hanna trug wenig Schmuck, manchmal eine Perlenkette, inzwischen gab es eine neue, eine Brosche vielleicht, sehr ausgesucht und sparsam, eher einer gesellschaftlichen Üblichkeit gehorchend, denn mit Lust. Die Freude an diesen Dingen war ihr nicht gegeben. Ihr Hauptinteresse galt nicht dem Äußeren. Gepflegt war sie, natürlich war sie gepflegt, korrekt frisiert, das glatte, schon früh leicht graue Haar streng zurückgekämmt, am Hinterkopf zu einem Knoten aufgesteckt. Vereinzelte, verspielte Strähnchen ins Gesicht fallen zu lassen entsprach weder ihrer Erziehung noch ihrem Charakter. Daher verlieh ihr die Frisur eine strenge, eher energische, denn weibliche Ausstrahlung. Ihr gerade geschnittenes, einfaches Kleid mit schlichtem Revers wurde in der Taille von einem Gürtel zusammen gehalten, auch hier den Mangel der letzten Jahre offenbarend. Selbstsicherheit und ihre schlanke große Gestalt gaben ihrem Auftreten den nötigen Nachdruck. Die schon als Kind verinnerlichte Gepflegtheit ihrer großbürgerlichen Erziehung erschöpfte sich in einer als notwendig empfundenen Korrektheit, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ebenso wie auch der selbstverständliche, natürliche Gebrauch der gesellschaftlichen Regeln eines gastlichen Hauses waren sie ihr Gerüst und schützende Barriere zugleich. Die Freizügigkeit, mit der sie Einblick gewährte, beschränkte sich auf ihre Sammlung, nur darauf, daran ließ sie keinerlei Zweifel aufkommen, auch jetzt nicht.

Die Jahre der Entbehrung hatten die Nase noch mehr zugespitzt, das Kinn weiter hervortreten lassen. Keine weich fließende Haarsträhne milderte diese strengen Züge. Ihre Schönheit basierte auf ihrer Ausstrahlung, ihr Charme war eher von jener spröden Art, die mehr Beherrschtheit, denn Liebreiz verriet; äußerst gewinnend war jedoch ihr Lächeln.

Sie war es gewohnt, selbst zu bestimmen, für die Durchsetzung ihrer Entscheidungen zu kämpfen, auch mit einem charmant einnehmenden Lächeln, wo es half.

Den kindlich aufbegehrenden Trotz hatte sie sich bewahrt, ihn zum Schutzschild ausgebaut, hinter den man sich zurückziehen konnte. Strenge und Disziplin vortäuschend ließ er sich zu einem Paravent entfalten. Unerwartet spontan konnte Emotionalität dahinter hervorbrechen, überraschend dann oft auch für sie selbst.

Im Moment der Begegnung mit ihr Gleichgesinnten setzten jedoch das milde, freundliche Lächeln ihrer ungeschminkten Gesichtszüge und die im Gespräch ← 16 | 17 → temperamentvoll blitzenden Augen einen spannungsreich ausgleichenden Gegenpol. In solchen Situationen konnte ein ihr Gegenüber entwaffnender Charme aus ihr hervorbrechen, ebenso unerwartet wie unvermittelt.

So auch jetzt, da Hanna mit den Herren einen weiteren Raum betrat und auf eine kleine Graphik von Karl Schmidt-Rottluff aufmerksam machte, eines ihrer Lieblingsstücke.

Gewohnt im Mittelpunkt zu stehen, sprach sie wenig über sich selbst. Die Künstler und deren Kunst boten ausreichend Gesprächsstoff. Stets war dabei der persönliche Bezug Voraussetzung, Basis für ihren Zugang zu den Arbeiten, für Verständnis und den Entschluss, sich zu engagieren. Dem Menschen, der aus und durch sein Werk sprach, galt ihr primäres Interesse. Kaum ein Kunstwerk in ihrer Sammlung, dessen Schöpfer sie nicht wenigstens einmal persönlich begegnet war.

Von ihren Kontakten zu den verfemten Künstlern hatten die heutigen Besucher gehört, mehr nicht, hatten insgesamt wenig Genaues gewusst. Darin trafen sie sich mit der jungen Virginia Fontaine. Besorgt und wissend hatte man es in der zurückliegenden Zeit vermieden, solche Kontakte zu thematisieren, wenigsten diejenigen, die es gut mit Hanna gemeint hatten.

Dass sie schon vor dem Krieg mit der Gründung einer „Vereinigung der Freunde der Kunst Alexej von Jawlenskys“ aufgefallen war, erzählte man sich, Arbeiten dieses Künstlers in ihrem Haus wiesen auf diese Verbindung hin.1

Die Idee, eine finanzielle Unterstützung für den Künstler durch die Vergabe von Optionsscheinen auf seine Bilder aufzubauen, war nicht neu gewesen. Hanna hatte sie nicht erst erfinden müssen. Aber aktiv und spontan hatte sie sie damals aufgegriffen und mit Leben gefüllt, hartnäckig, energisch, wie es ihre Art war. Ihre wöchentlichen Besuche bei dem zuletzt verfemten russischen Künstler hatte sie bis zu dessen Tod im März 1941 beibehalten. Unbemerkt konnte dies nicht geblieben sein, so hatte Hanna selbst es zur Zeit des Nationalsozialismus manchmal leise gefürchtet. Doch solche Gedanken hatte sie ebenso schnell auch wieder verdrängt. Darin war sie Meisterin.

Details

Seiten
382
ISBN (PDF)
9783653054101
ISBN (ePUB)
9783653971125
ISBN (MOBI)
9783653971118
ISBN (Hardcover)
9783631660638
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entartete Kunst Besatzungszeit Expressionismus abstrakte Kunst Kunsthandel Kunst (entartete) Kunstsammler
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 382 S., 11 s/w Abb.

Biographische Angaben

Ulrike Fuchs (Autor:in)

Ulrike Fuchs ist promovierte Kunsthistorikerin und hat Kunstwissenschaft, Philosophie und Germanistik studiert. Nach verschiedenen Lehr- und Dozententätigkeiten arbeitet sie heute als freie Journalistin und hat diverse Bildbände und Ausstellungskataloge verfasst.

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