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Die geschenkte Reformation

Bücher als Geschenke im England des 16. Jahrhunderts

von Tobias Budke (Autor)
Dissertation 432 Seiten

Inhaltsverzeichnis


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1. Einleitung

Im August 1555 eignete der katholische Theologe, Humanist und Übersetzer Gentian Hervet (1499–1584)1 dem englischen Kardinal Reginald Pole (1500–1558), der sich nach der Thronbesteigung Maria Tudors (r.1553–1558) seit 1554 wieder in England aufhielt, seine Übersetzung der Historia Lausiaca des Palladius von Helenopolis2 zu. Hervet hatte dieses Werk aus dem Griechischen übertragen, obgleich Pole diese Sprache beherrschte, wie Hervet in seiner Zueignung einräumte3, in der er eine Parallele zwischen den wegen ihres Glaubens verfolgten Mönchen in der Wüste und der Situation des Kardinals zog. Dieser hatte, nachdem Heinrich VIII. (r.1509–1547) mit Rom gebrochen hatte, bis zum Tode Eduards VI. (r.1547–1553) ein langes Leben im Exil geführt, ebenfalls verfolgt wegen seiner religiösen Überzeugung.4 Die näheren Umstände dieses Buchgeschenks sind durchaus von Interesse, bilden aber kein ungewöhnliches Beispiel in der Geschichte des religiösen Buchgeschenks im England der Reformationszeit. Einige Aspekte religiöser Buchgeschenke, die im Verlaufe dieser Arbeit noch erläutert werden sollen, lassen sich an diesem Buchgeschenk aufzeigen, etwa die Frage nach der Motivation des Schenkenden oder diejenige nach der materiellen oder nicht-materiellen Ebene eines Buchgeschenks, aber das Buch ist deshalb besonders bemerkenswert, weil es möglicherweise die älteste Quelle ist, in der ein Buchgeschenk im christlichen Kontext erwähnt wird, wenn man Palladius glauben darf:

Ebenfalls in genannter Stadt trafen wir einen Mönch, der kurze Zeit Soldat gewesen war. […] Er führt schon in das zwanzigste Jahr ein asketisches Leben […]. Die Kleider dieses Mannes sind keinen Heller wert, ebenso seine Nahrung. Zur Beschäftigung mit Büchern ← 11 | 12 → läßt ihm die Nächstenliebe keine Zeit. Schenkt ihm jemand von den Brüdern ein Buch, verkauft er es sogleich, und wenn er deshalb geneckt wird, gibt er zur Antwort: „Wie soll ich denn anders meinen Lehrer davon überzeugen, daß ich seine Kunst wirklich gelernt habe, außer indem ich sie wirklich übe?“5

Es war die besondere Heiligkeit dieses Mönches, die Palladius unterstreichen wollte, als er diese Episode aus seinem Leben erzählte: Die Nächstenliebe (caritas), die höchste christliche Tugend, lässt ihm keine Zeit für Bücher; somit lässt sich schlussfolgern, dass Buchgeschenke schlecht für das Seelenheil sein müssen. Ungewöhnlich daran ist, dass die caritas bei Geschenkvorgängen jedoch gemeinhin dem Schenkenden, nicht dem Beschenkten, zugeschrieben wird6. Damit illustriert dieser frühchristliche Buchgeschenkvorgang ein Phänomen, das bei der Untersuchung von religiösen Buchgeschenken im England der Reformationszeit noch häufiger auftreten wird: Von einem Buchgeschenk können beide Parteien profitieren, obgleich auf materieller Ebene die Brüder einen Verlust erlitten. Aber in nicht-materieller Hinsicht, auf der spirituellen Ebene, gewannen alle Beteiligten durch diese Geschenktransaktion. Auch aus einer eher weltlich geprägten Perspektive ist es leicht nachzuvollziehen, wie beide Parteien von einem Geschenk profitieren können; im Falle des Einsiedlers erhielten seine Buchschenker die Gelegenheit, ihre Großzügigkeit zu demonstrieren und ihre Anerkennung und Sympathie für den Mönch und seine Lebensweise zum Ausdruck zu bringen, während der Mönch deutlich zur Schau stellen kann, dass ihn materielle Dinge wie etwa Bücher nicht interessieren.

Dies sind nur einige der Funktionen, die Geschenke haben können. Sie sind seit Menschengedenken ein probates Mittel, um Gunst zu gewinnen, Strafe abzuwenden, Dankbarkeit zu zeigen oder Gefälligkeiten zu sammeln, die zu einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden können. Das Schenken ist in allen Stammesgesellschaften zu finden, und der sogenannte potlatch ist das klassische Beispiel des ritualisierten Schenkens; es ist ebenso geeignet für die Verschleierung einer anderen Form von Transaktion (etwa einer Zwangsabgabe) wie für die „symbolische Kommunikation“7. Vor allem seit Marcel Mauss’ Klassiker Die ← 12 | 13 → Gabe8 fehlt es nicht an Untersuchungen zu Theorie und Praxis des Schenkens in verschiedenen archaischen Gesellschaften.9 Wie genau eigentlich ein Geschenk definiert werden kann10, ist schon lange ein Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion11, und an ihren Eckpunkten lassen sich zwei Pflöcke einschlagen, zwischen denen sich der Begriff bewegt, namentlich die ausschließlich kommerzielle Transaktion ohne soziale oder psychologische Aspekte auf der einen und das vollkommen frei gegebene Geschenk ohne jede Idee der Gegenleistung auf ← 13 | 14 → der anderen Seite. Beide Idealtypen sind in der Realität nicht anzutreffen, geben aber dennoch eine nützliche Orientierung, anhand derer man die Wirklichkeit besser einordnen kann; sie sind insofern soziale Realität, da sie innerhalb der Normen einer Gesellschaft einen Idealtyp abgeben, dem man seine Wirkmächtigkeit nicht absprechen kann. Teil der vorliegenden Arbeit wird sein, den Einfluss überlieferter Geschenkvorstellungen auf das Buchgeschenk anzuwenden; dabei ist der religiöse Kontext von zentraler Bedeutung, da große Teile der Normenwelt der Frühen Neuzeit auf christlichem Gedankengut basierten12.

Ein Buch13 ist jedoch schon auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Geschenk: Es handelt sich zwar um einen Gegenstand, aber dieser hat nicht nur einen materiellen, sondern auch einen besonderen nicht-materiellen Wert: den Inhalt, mit dem hier selbstverständlich nicht nur der Text an sich gemeint ist, sondern beispielsweise auch Illustrationen, Anmerkungen, Prologe und Epiloge – all das, was zusammengefasst als „Paratexte“14 bezeichnet wird. Es ist eine These dieser Arbeit, dass das Buch zu dieser Zeit und in dieser Funktion einen Sonderstatus einnahm, da es Diskursmöglichkeiten bot, die kein anderer Geschenktyp in der Frühen Neuzeit erreichen konnte. Es war selbstverständlich möglich, etwa eine Inschrift auf einem Kelch anzubringen oder mittels eines Triptychons eine Erzählung zu vermitteln, die häufig auch auf einer symbolischen Ebene interpretiert werden konnte. Aber die Menge an Informationen, die mittels eines Bildes geliefert werden konnte, war quantitativ mit den Informationen in den Seiten eines Buches nicht zu vergleichen, und ein Buch konnte nicht nur einen bestimmten Wert haben15, sondern auch Aussagen über den eigenen Wert enthalten. Darüber hinaus gab es zahlreiche Arten von Informationen, die sich ohne einen erläuternden Text gar nicht oder nur unter Zuhilfenahme komplizierter Interpretationscodes wie etwa des klassischen vierfachen Schriftsinnes der mittelalterlichen Hermeneutik übermitteln ließen. Diese Codes konnten ihrerseits nur über meist schriftlich kommunizierte Texte ← 14 | 15 → vermittelt werden. Es ist diese Doppelstruktur von Materialität und Nichtmaterialität, die das Buch zu einem Ausnahmegeschenk macht, das mit den üblichen anthropologischen oder soziologischen Kategorien nur schwer zu fassen ist. Trotz einiger interessanter Ansätze ist die Forschung von einer systematischen Erfassung des Buches als Geschenk weit entfernt, und auch die vorliegende Arbeit kann nur ein Schritt in diese Richtung sein. Es versteht sich von selbst, dass ein Verständnis des Wertes eines Buches für den zu behandelnden Zeitraum von großer Bedeutung ist, sowohl in materieller als auch in nicht-materieller Hinsicht; hier spielt der von der Tradition beeinflusste, aber auch selbständig geführte zeitgenössische Wertdiskurs des 16. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.

Obgleich sich diese Arbeit grundsätzlich in räumlicher Hinsicht auf England und in zeitlicher Hinsicht auf die erste Phase der Englischen Reformation beschränken wird – gemeint ist hier in etwa der Zeitraum vom Beginn der Loslösung der englischen Kirche von Rom unter Heinrich VIII. bis zum Ende der Herrschaft Maria Tudors – so erfordert eine Interpretation der Rolle des Buchgeschenks im religiösen Kontext sowohl eine Berücksichtigung der Zeit Heinrichs VII. (r.1485–1509) als Vorgeschichte als auch eine Ausdehnung des zeitlichen Rahmens in die Zeit Königin Elisabeths I. (r.1558–1603) hinein, schon bedingt durch die biographischen Daten der handelnden Akteure. Den hier untersuchten Fallstudien ist gemein, dass sie mit England verbunden sind; der grenzüberschreitende Charakter der Reformation im Allgemeinen und der Englischen Reformation im Besonderen und der große Einfluss von Protagonisten nicht-englischer Herkunft wird jedoch in einigen Fällen zur Einbeziehung anderer Orte führen. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht jedoch in allen Fällen die Englische Reformation.

In diesem zeitlichen und räumlichen Umfeld stellt das Buchgeschenk im religiösen Kontext einen besonders interessanten Forschungsgegenstand dar, da die Vermittlung bestimmter Inhalte in den religiösen Auseinandersetzungen der Zeit auch über geschenkte Bücher erfolgte, so dass sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dieser bestimmten Art von Geschenk und dem Verlauf der Englischen Reformation stellen lässt. Unter ‚religiösem Kontext‘ soll hier vor allem das Schenken eines religiösen Buches verstanden werden, aber gegebenenfalls auch das Verschenken von nichtreligiösen Werken an religiöse Würdenträger oder in Einzelfällen das Verschenken eines prinzipiell nichtreligiösen Werkes an eine Laienperson, sofern dieses Werk in seiner Zueignung explizit in einen religiösen Kontext gerückt wurde. Der Begriff des religiösen Buches schließt sowohl klassische Texte des Christentums als auch zeitgenössische religiöse Literatur ein, die, wie sich zeigen wird, zahlenmäßig das Übergewicht hatte. ← 15 | 16 →

Der in dieser Arbeit behandelte Zeitraum ist unter anderem wegen des Zusammentreffens zweier einschneidender Veränderungen von Interesse: der Reformation und des Medienwandels vom Manuskript zum gedruckten Buch, das nicht nur die Verbreitung neuer Ideen förderte, sondern gleichermaßen von ihnen gefördert wurde.16 Gerade am in religiöser Hinsicht stürmischen 16. Jahrhundert lässt sich erkennen, welche komplizierten Wechselwirkungen zwischen Monarchen, Adligen, Gelehrten und religiösen Würdenträgern, aber auch Autoren, Übersetzern und Druckern bestanden und wie schwer es ist, die Interaktion zwischen den direkt beteiligten, aber häufig auch den indirekt mit einbezogenen Akteuren systematisch zu erfassen und wiederkehrende Aspekte und häufiger auftretende Typen herauszuarbeiten. Angesichts der häufig auftretenden Unvollständigkeit oder des gelegentlichen Fehlens entsprechender Quellen ist ein gewisses Maß an Spekulation und nicht im wünschenswerten Maße abgesicherten Interpretation unvermeidlich; diese Arbeit soll unter anderem auch ein Versuch sein, unter Einbeziehung mehrerer Forschungsdisziplinen Aussagen in diesen Bereichen zu machen.

Sowohl das gedruckte Buch als auch das Manuskript spielen zu dieser Zeit für Buchgeschenke eine große Rolle. Daraus ergeben sich medienwissenschaftliche Fragestellungen etwa nach den Auswirkungen der technologischen Entwicklung auf die Geschenkpraxis und nach dem unterschiedlichen Geschenkstatus eines Original-Manuskriptes und eines gedruckten Buches, das im Regelfall in vielen mehr oder weniger identischen Exemplaren vorlag und daher häufig von einem Drucker oder Illuminator individualisiert werden musste, um sich von den anderen Exemplaren abzuheben und auf diese Weise dem Beschenkten symbolisch seine besondere Stellung zu vermitteln. Der Buchdruck ermöglichte darüber hinaus einen Typus von Massen-Buchgeschenk; so druckte der englische Drucker Wynkyn de Worde (v.1479–1534/35) im Jahre 1525 sechzig Exemplare von John Ryckes’ Image of Love17, die an die Nonnen des Birgittinerklosters Syon Abbey ← 16 | 17 → verschenkt wurden – ein solches Geschenk wäre vor der Inkunabelzeit kaum realisierbar gewesen. Dies wirft ein interessantes Licht auf den konkreten Einfluss der Technologie auf die Geschenkpraxis; der Umstand, dass de Worde diese Bücher auf Grund ihres als ketzerisch betrachteten Inhalts wieder zurücknehmen musste, lenkt das Augenmerk auf die politischen und religiösen Bedingungen, unter denen Buchgeschenke überhaupt möglich waren und gleichzeitig darauf, inwieweit sich diese Bedingungen in der Praxis des Schenkens von Büchern widerspiegelten.

Eine zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist die Frage nach Vorhandensein spezifischer Charakteristika des Buchgeschenks im religiösen Kontext im Bearbeitungszeitraum unter Berücksichtigung verschiedener Kategorien, die aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zusammengeführt werden sollen, um beispielsweise festzustellen, ob bestimmte Arten und Ausprägungen des religiösen Buchgeschenks typischer waren als andere, ob Geber und Empfänger spezifisch religiöser Bücher sich von denjenigen unterschieden, die andere Bücher verschenkten oder erhielten oder inwieweit sich das Buchgeschenk von anderen Geschenken abhob. Es stellt sich auch die Frage nach der spezifischen Funktion und den spezifischen Aspekten eines religiösen Buchgeschenks in Abgrenzung zu anderen Buchgeschenken, aber auch zu gänzlich anderen Geschenkarten. Obgleich Patronagebeziehungen insbesondere in den konkreten Fallstudien durchaus thematisiert werden, stehen diese Phänomene nicht im Zentrum dieser Arbeit. Erstens steht Patronage meist im Mittelpunkt der wenigen Forschungsarbeiten zum Thema Buchgeschenk in der Frühen Neuzeit18 und kann daher als eines der am besten erforschten Teilgebiete dieser Thematik gelten19; ein wichtigerer Grund ist jedoch zweitens, dass die Frage nach den Formen und Funktionen von Buchgeschenken in dieser Epoche mit dem Verweis auf die an vielen ← 17 | 18 → Stellen zu findenden Patronagebeziehungen nur unzureichend beantwortet ist. In der Buchgeschenkforschung stehen die Rolle des Buchgeschenks als Kommunikationsmedium und die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der zahlreichen Versuche, Patronage durch Buchgeschenke einzuleiten oder zu stabilisieren, im Vordergrund, und viele der in dieser Arbeit vorgestellten Buchgeschenke lassen sich in einen Patronagekontext einordnen. Es ist jedoch eine der hier vertretenen Thesen, dass die Betrachtung von Buchgeschenkvorgängen sich nicht mit der Frage nach Patronage erschöpfen sollte und dass sowohl die Intentionen hinter als auch die Auswirkungen von Buchgeschenken über diesen Kontext hinausgehen. Folglich soll hier der Schwerpunkt stärker auf denjenigen Aspekte von Buchgeschenken liegen, die über die Frage nach dem direkt messbaren Erfolg eines Buchgeschenks im Sinne einer finanziellen Vergütung oder des Erwerbs einer Stellung etwa am Hofe eines Fürsten hinausreichen. Erfolg und Scheitern eines Buchgeschenks sollen im Rahmen dieser Arbeit auf unterschiedliche Facetten hin untersucht werden, und eine genauere Betrachtung der Wirksamkeit von Buchgeschenken auf mehreren Ebenen wird dabei aufzeigen, dass diese Wirksamkeit mehrdimensional sein konnte und oft schwer zu messen ist. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass der Wunsch nach Patronage bei vielen der hier beschriebenen Buchgeschenke sozusagen im Hintergrund mitschwingt und die Etablierung oder Stabilisierung einer solchen Beziehung zumindest auf einer Ebene ein Kriterium für den Erfolg eines Buchgeschenks war und von den Beteiligten auch oft so gesehen wurde20. Die Wichtigkeit dieser Interpretationsebene soll keinesfalls in Zweifel gezogen werden, auch wenn andere Ebenen gelegentlich in den Vordergrund treten. In diesem Zusammenhang wird dem Begriff ‚Patron‘ der Vorzug gegenüber dem in der deutschsprachigen Literatur häufig anzutreffenden ‚Mäzen‘ gegeben, da dieser zu sehr an eine Förderung der Künste oder konkrete Aufträge zur Erstellung eines Kunstwerkes denken lässt21, während ‚Patron‘ nicht nur umfassendere Bedeutung und weitere internationale Verbreitung hat, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit einer engen und länger andauernden Beziehung stärker unterstreicht22. ← 18 | 19 →

Quellen

Im Vorwort zu dem Tagungsband Der Umgang mit dem religiösen Buch23 legen die Herausgeber den auf der Tagung verfolgten Forschungsansatz dar:

In exemplarischen Fallstudien mit unterschiedlichen Instrumenten, Intentionen und Forschungsansätzen sollte der frühneuzeitliche Umgang mit dem religiösen Buch rekonstruiert werden. Gegenüber den gängigen Synthetisierungsversuchen, die die Komplexität des Forschungsfeldes nur allzu schnell verschleiern, bietet die bewusste Beschränkung auf ein definiertes Quellenmaterial, auf einen Autor, einen geographischen Raum, eine Epoche usw. die Möglichkeit der präzisen kontextuellen Analyse.24

Auch in dieser Arbeit soll nicht versucht werden, eine genaue Quantifizierung des Materials vorzunehmen, auch wenn eine solche für sich genommen schon eine interessante Interpretationsgrundlage böte. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der exemplarischen Funktion der Fallstudien, deren Auswahl sich neben der Verfügbarkeit entsprechender Quellen vor allem nach der Möglichkeit richtete, durch sie bestimmte Teilaspekte in den Vordergrund zu stellen und somit ein Gesamtbild zu schaffen, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, aber in seiner Gänze die kulturelle Praxis des Bücherschenkens im England der Reformationszeit aus möglichst vielen Perspektiven beleuchten soll. Dabei war intensive Quellenarbeit von zentraler Bedeutung. Als Quellen für die Bearbeitung des Themas dienten zunächst einmal die Bücher selbst in ihrer Materialität, etwa im Vergleich von Präsentationsexemplaren mit ‚normalen‘ Druckexemplaren, die für den Verkauf bestimmt waren, aber auch im Vergleich mit Manuskripten. Hier sind etwa Unterschiede in der Ausstattung ebenso interessant wie das Vorhandensein von Paratexten. Zeitgenössische handschriftliche Anmerkungen können bei einzelnen Exemplaren Aufschluss über die Herkunft des Buches geben und die Frage beantworten, ob das geschenkte Buch vom Empfänger überhaupt gelesen wurde. Die schriftlichen Quellen, die für diese Arbeit ausgewertet wurden, fallen vor allem in zwei Kategorien: Briefe, in denen Buchgeschenke erwähnt und auch reflektierend erörtert werden, und Zueignungen und Vorworte in den verschenkten Büchern selbst. Während Erstere vor allem inhaltlich und in ihrer ← 19 | 20 → Funktion als „Ego-Dokumente“25 von Interesse sind, werden die Zueignungen und Vorworte auch unter der Frage nach rhetorischen Mitteln, Ähnlichkeiten mit anderen Textarten oder Abweichungen von typischeren Erscheinungsformen betrachtet, sofern man überhaupt von solchen Formen sprechen kann. Die Untersuchung der Zueignungen und Vorworte gedruckter Bücher stützt sich zum Großteil auf die Datenbank Early English Books Online (EEBO)26. Dabei fanden etwa 1.200 dieser Paratexte Berücksichtigung; angesichts des außerordentlichen Umfangs des überlieferten Materials kann es sich dabei nur um eine Auswahl handeln, und insbesondere Schlussfolgerungen über das Nicht-Vorhandensein eines Phänomens sollten nur mit dem üblichen caveat der historischen Forschung bezüglich des Auffindens neuer Quellen zur Kenntnis genommen werden. Die berücksichtigten Briefsammlungen umfassen unter anderem die Briefe englischer geistlicher Würdenträger27 und diejenigen kontinentaler Reformatoren28. Von sehr großer Bedeutung sind auch thematische Briefsammlungen, wie sie etwa in den Ausgaben der Original Letters29 oder in der Correspondance des ← 20 | 21 → Réformateurs30 vorliegen. Ergänzt werden diese beiden Hauptquellentypen durch Listen von Neujahrsgeschenken, wie sie etwa für die englischen Könige der Tudorzeit zum Teil vorliegen, und Sammlungen wie den Letters and Papers of Henry VIII31 oder dem Calendar of State Papers32 für die Zeit von Eduard VI. bis zu Maria Tudor. Der seltene Idealfall ist das Vorhandensein zeitgenössischer schriftlicher Darstellungen einer Buchübergabe, wie sie zum Beispiel aus dem Spätmittelalter überliefert sind33. Daneben erwies es sich als fruchtbar, Quellen mit Blick auf eher indirekte Buchgeschenke zu untersuchen, für die ein konkreter Beleg für eine Buchübergabe oder –sendung fehlt, in denen aber durch das Zusammenfügen mehrerer Quellenbelege ersichtlich wird, dass es sich um ein Buchgeschenk gehandelt haben könnte. Wenn ein Autor sein Werk einem bestimmten Empfänger zueignete und bekannt ist, dass er – wenn auch vielleicht nur mittelbar – mit diesem Empfänger in Verbindung stand und ein Exemplar dieses Werkes nachweislich in der Bibliothek des Empfängers vorhanden war oder er möglicherweise explizit an einer Stelle auf den Inhalt des Werkes Bezug nahm, dann liegt der Verdacht zumindest nahe, dass es sich um ein Buchgeschenk gehandelt haben könnte. In diesem Fall ist es die Kombination von Quellengattungen, die einen Zugang zu den Vorgängen im Hintergrund ermöglicht. Eine Erweiterung des Blickwinkels in Richtung des ‚geistigen Buchgeschenks‘ führte zu den im 16. Jahrhundert weit verbreiteten und insbesondere bei als wichtig empfundenen Werken praktisch ausnahmslos vorhandenen Vorworten, Prologen, Zueignungen oder Dedikationsbriefen der gedruckten Bücher, die sich an eine oder gelegentlich mehrere namentlich genannte Personen wandten, die als Empfänger für das entsprechende Buchgeschenk vorgesehen waren, auch wenn der Autor möglicherweise dem oder den Adressaten persönlich nicht bekannt war und ein materielles Buchgeschenk nicht stattfand beziehungsweise nicht stattfinden konnte, etwa in dem gar nicht so seltenen Fall, dass der Adressat bereits vor der Veröffentlichung verstorben war. Diese dem Werk vorangestellten Paratexte sind jedoch auch für eine andere Untersuchungsebene, den Wertdiskurs zum Buch ← 21 | 22 → als Gegenstand, von Bedeutung. Während sich der materielle Wert, der einem Buch von den Zeitgenossen zugeschrieben wurde, mit Hilfe von Quellen wie etwa Geschenk- oder Haushaltslisten gelegentlich ermitteln lässt34 und beim gedruckten Buch ohnehin nicht so sehr im Mittelpunkt stand wie beim kostbar ausgestatteten Manuskript, so trat der nicht-materielle Wert mit der Verbreitung des Buchdrucks immer mehr in den Vordergrund. Hier geben die Vorworte und Zueignungen Aufschluss über den zeitgenössischen Werthintergrund, vor dem der Inhalt des Buches als – materielles oder geistiges – Geschenk betrachtet wurde und sich die Verschiebung von der materiellen in die nicht-materielle Sphäre ablesen lässt: Trotz ihrer schlichten äußeren Gestaltung betonten die Verfasser von Vorworten oder Zueignungen oft explizit den Wert der vorliegenden Werke, wobei sie eine Reihe von Methoden entwickelten, um Selbstlob zu vermeiden, gleichzeitig aber den traditionellen Bescheidenheitsgestus35 zu umgehen und auf subtile Weise Dankbarkeit einzufordern. Andere zeitgenössische Quellen, die Aufschluss über diesen Wertdiskurs geben, wurden ebenfalls hinzugezogen. Von geringerer Bedeutung, wenn auch nicht ganz außer Acht zu lassen, waren bildliche Darstellungen – etwa Dedikationsbilder – die bei der Untersuchung der spezifischen Natur des religiösen Buchgeschenks ebenfalls berücksichtigt wurden. Der symbolische Gehalt einer Darstellung eines Buchgeschenks darf nicht unterschätzt werden: So findet sich beispielsweise auf dem Frontispiz des Catechism36 von Thomas Cranmer (1489–1556), Erzbischof von Canterbury unter Heinrich VIII. und Eduard VI., ein Holzschnitt, der zeigt, wie König Eduard seinen Bischöfen eine Bibel ‚schenkt‘ – eine Übergabe, die nicht nur nicht auf diese Art, sondern überhaupt nicht real stattgefunden hat und rein symbolisch verstanden werden muss.37 Für das 16. Jahrhundert muss man für England jedoch feststellen, dass die Tradition des Dedikationsbildes im gedruckten Buch nur sehr spärlich weitergeführt wurde und insbesondere im hier behandelten Zeitraum nur noch eine geringe Rolle spielt. Ausnahmen von der Regel, wie sie bei einem Buchgeschenk ← 22 | 23 → des evangelikalen Schriftstellers und Dramaturgen John Bale (1495–1563) an Eduard VI. auftraten, liefern daher besonderen Erklärungsbedarf.

Zum Aufbau der Arbeit

Der erste Teil der vorliegenden Arbeit befasst sich mit den zu Grunde liegenden theoretischen Konzepten und Definitionen, die das Instrumentarium für die weiteren Teile der Arbeit bilden. Hier soll versucht werden, zentrale Begriffe wie ‚Geschenk/Schenken‘, ‚Buch‘ oder ‚religiöser Kontext‘ ab- und einzugrenzen und für das weitere Vorgehen aufzubereiten. Da in der Forschung gelegentlich wenig Einigkeit über diese Begriffe herrscht, ist das Ziel, sinnvolle und produktive Definitionen und Konzeptionen zu erarbeiten, was an mehreren Punkten eine Entscheidung für eine bestimmte und gegen eine davon abweichende Auffassung bedeutet, auch wenn beide Auffassungen durchaus vertreten werden können und auch von zahlreichen Wissenschaftlern vertreten werden. An dieser Stelle werden auch zeitgenössische beziehungsweise für den Bearbeitungszeitraum wichtige Autoren zu Wort kommen, die über die in diesem Teil untersuchten Begriffe reflektiert haben. Konkret um das 16. Jahrhundert geht es im darauffolgenden Kapitel, in dem das Buch als Geschenk in dieser Epoche in allgemeinen Begriffen behandelt wird, wobei theoretische Überlegungen mit konkreten Beispielen aus dem behandelten Zeitraum zusammentreffen und auch der Wertdiskurs zum Buch thematisiert wird. Hierher gehört auch der Versuch, Buchgeschenke anhand bestimmter Kriterien in Gruppen einzuordnen und Schritte in Richtung einer Typologie von Buchgeschenken in dieser Epoche zu machen. Im anschließenden Kapitel soll das Phänomen ‚religiöse Literatur‘ für das England des 16. Jahrhunderts erfasst und die Vielschichtigkeit dieses Begriffs aufgezeigt sowie ein Überblick über den Buchmarkt gegeben werden, dessen Betrachtung seiner Funktion als Hintergrund für die Buchgeschenkvorgänge der Zeit für ein Verständnis der Thematik unverzichtbar ist.

Die präsentierten Fallstudien, die den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden, lassen sich in drei große Gruppen aufteilen: Adel / Hochadel, Klerus und nicht der Geistlichkeit angehörende Gelehrte. Die Auswahl dieser Gruppen lässt sich nicht nur auf die von der Quellenlage diktierte Notwendigkeit zurückführen, sondern erlaubt auch sowohl einen Vergleich ihrer Vertreter unter sich als auch zwischen den Gruppen als Ganzes. Dabei sollen einzelne Akteure im Bezug auf Buchgeschenke sorgfältig untersucht werden, wobei für einige ausgewählte Geschenkvorgänge eine detaillierte Einzelanalyse durchgeführt wird. Ziel ist es, in jeder Fallstudie einen oder zwei spezifische Aspekte des religiösen Buchgeschenks zu finden, die sich anhand des gewählten Akteurs besonders gut aufzeigen lassen und denen gegenüber regelmäßig auftretende Aspekte wie etwa Patronage in den ← 23 | 24 → Hintergrund treten. Für den Hochadel wurden die drei englischen Monarchen dieser Periode – Heinrich VIII., Eduard VI. und Maria Tudor – und mehrere Mitglieder des Privy Councils Eduards VI. ausgewählt, wobei insbesondere der Lord Protector Edward Seymour, Herzog von Somerset (1500–1552), und Henry Grey (1517–1554), Marquis von Dorset und Vater der späteren ‚Queen Jane‘, im Mittelpunkt stehen werden. Die Betrachtung Heinrichs VIII. umfasst diejenige seiner Ehefrauen als kürzere Fallstudien; die Unterschiede in Persönlichkeit, Position und der jeweiligen Haltung gegenüber den politischen und vor allem den religiösen Umwälzungen der Epoche machen es möglich, unterschiedliche Perspektiven auf das religiöse Buchgeschenk zu gewinnen. Der Klerus – sortiert nach Rang, da eine chronologische Sortierung nicht sinnvoll wäre – wird vertreten durch den bereits erwähnten Thomas Cranmer, Erzbischof von Canterbury, den entscheidenden Gestalter der Englischen Reformation; Stephen Gardiner (1495/98–1555), Bischof von Winchester und nicht nur der vermutlich einflussreichste konservative Kleriker dieser Zeit, sondern auch der große Gegenspieler Cranmers; John Hooper (1495/1500–1555), unter Eduard VI. Bischof von Gloucester und ein Vertreter radikalerer reformatorischer Positionen; und schließlich Thomas Becon (1512/13–1567), protestantischer Autor und zeitweilig Kaplan im Hause des Herzogs von Somerset. Die Gruppe der nichtgeistlichen Gelehrten umfasst Humanisten und Tutoren: John Cheke (1514–1557), ein Tutor Eduards VI.; Roger Ascham (1514/15–1568), seinerseits Tutor Prinzessin Elisabeths; Thomas Elyot (c. 1490–1546), der unter anderem als Diplomat im Auftrag Heinrichs VIII. wirkte, und John Dee (1527–1609), den Hofastrologen Elisabeths und ‚Magus‘ des elisabethanischen Zeitalters. Die Lebensdaten der ausgewählten Akteure machen es wie erwähnt unerlässlich, gelegentlich über den eigentlich in dieser Arbeit behandelten Zeitraum hinauszugehen, aber es liegen auch inhaltliche Gründe für eine solche Erweiterung vor: So liefert etwa John Dee nicht nur ein Beispiel eines hochinteressanten und in dieser Epoche sehr seltenen Buchgeschenktyps, sondern ermöglicht auch einen ersten Vergleich mit der elisabethanischen Zeit und stellt somit eine Brücke zum im Schlusskapitel präsentierten Forschungsausblick dar, in dem unter anderem eine Ausweitung der hier vorgestellten Konzepte auf andere Epochen vorgeschlagen wird. Während der Hochadel insbesondere als Empfänger von Buchgeschenken im Vordergrund steht – obgleich es auch hier Ausnahmen gibt, etwa die letzte Ehefrau Heinrichs VIII., Catherine Parr (1512–1548), die als Buchschenkerin sehr aktiv war – sind die Mitglieder der Geistlichkeit sowohl als Schenkende als auch als Beschenkte interessant: Je höher der weltliche oder geistliche Rang, desto eher tritt die Rolle als Empfänger von Geschenken in den Vordergrund, da hochrangige Mitglieder der Gesellschaft naturgemäß eher in der Lage ← 24 | 25 → waren, sich für erhaltene Buchgeschenke angemessen zu revanchieren. Thomas Becon jedoch, der trotz vieler Bemühungen niemals ein Bischofsamt erhielt, ist als Schenker und Zueigner von wesentlich größerem Interesse, da er sich aktiv um Förderung bemühen musste beziehungsweise gelegentlich in einer Position war, sich für eine solche Förderung bedanken zu können. Dabei gestattet es die große Zahl der von ihm verfassten Zueignungen, diese auch unter dem Blickwinkel der Rhetorik und unter Berücksichtigung von Persönlichkeitsmerkmalen des Verfassers zu betrachten, wie sie etwa in Zueignungen an Freunde und Familienmitglieder zutage treten. Auch die Mitglieder der Gruppe der nichtgeistlichen Gelehrten traten im Regelfall eher als Schenker denn als Beschenkte in Erscheinung, auch wenn es Ausnahmen wie John Cheke gab, der in seiner Funktion als königlicher Tutor ebenfalls mehrere Buchgeschenke erhielt. Im Schlusskapitel dieser Arbeit sollen die Ergebnisse zusammengefasst und aus einer die Gesamtheit umfassenden Perspektive interpretiert werden; dabei finden sowohl die allgemeinen Aspekte des Schenkens und ihre Reflexion in den Buchgeschenken der Zeit und das Verhältnis zwischen dem zeitgenössischen Geschenkdiskurs und der Buchgeschenkpraxis als auch die spezifischen Aspekte des Schenkens von Büchern im Gegensatz zu anderen Geschenkarten Berücksichtigung. Ergänzt werden diese Schlussfolgerungen durch einen Ausblick auf weitere Forschungsansätze in diesem Bereich.

Skizzierung der Forschungslage

Während der allgemeine Forschungsstand zu den umfassenderen Aspekten dieser Arbeit bereits weiter oben in Auszügen skizziert wurde, ohne dass dabei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden könnte, ist die bisherige Forschung zum Thema Buch als Geschenk relativ überschaubar. Überblicke über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion in Bezug auf die Themen der einzelnen Kapitel finden sich an Ort und Stelle; hier soll nur allgemein eine Skizze des Forschungsstandes zum Buch als Geschenk präsentiert werden.

Das geschenkte Buch ist seit einiger Zeit stärker in das Interesse der Forschung gerückt, wobei für Mittelalter und Renaissance vor allem das Buchgeschenk im weltlichen Kontext im Mittelpunkt steht. Insbesondere die Untersuchung des literarischen Mäzenatentums38, das in seinen Ursprüngen auf die Antike ← 25 | 26 → zurückgeht39 und zumindest ab dem Hochmittelalter40 für die Manuskriptzeit nachweisbar ist, hat ein gewisses Interesse hervorgerufen. Auch der Wertdiskurs zum Buch im Spätmittelalter ist Thema einer Studie geworden41. Gerade in neuerer Zeit ist das Buchgeschenk im weltlichen Kontext unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht worden, so zum Beispiel bei der Schaffung von sozialen Netzwerken durch den Austausch von (Buch-) Geschenken42, der Beeinflussung des Beschenkten durch den Schenkenden mittels des Buchinhalts43, der Sicherung von lukrativen Positionen am Hofe eines Fürsten oder Königs44 – auch mittels Neujahrsgeschenken, unter denen ebenfalls Bücher waren45 – der ← 26 | 27 → diplomatischen Funktion des Buchgeschenks46 oder der besonderen Rolle von Frauen bei der Weitergabe von Büchern47, die allerdings schon stärker in den religiösen Bereich hineinwirkt48; so gilt zum Beispiel der Psalter als das typische Buchgeschenk für Frauen im Hoch- und Spätmittelalter49. Generell ist das religiöse Buchgeschenk zwar in der Forschung diskutiert worden, aber häufig entweder im Hinblick auf Klosterbibliotheken und mit einem starken Fokus auf dem Hochmittelalter50 oder in Einzelanalysen und Fallstudien spezieller geschenkter Bücher wie zum Beispiel dem Gebetbuch Ottos III.51 Hier liegt der Schwerpunkt meist auf Gestaltung und künstlerischer Ausstattung, etwa im Bereich der Buchmalerei. Das Buchgeschenk spielt ebenfalls eine kleine Rolle in der Forschung zu ← 27 | 28 → Ketzerbewegungen des Hochmittelalters.52 Die Rolle der Drucker-Verleger für das geschenkte Buch des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit ist noch nicht erforscht worden. Die neueste und umfassendste Biographie des Drucker-Verlegers John Day53 (1521/22–1584) beispielsweise befasst sich ausführlich mit Days Produktion von religiöser Literatur und seiner Beziehung zum protestantischen Schriftsteller und Märtyrologen John Foxe54 (1516/17–1587), geht aber auf das Buchgeschenk als solches nur am Rande ein. In der einzigen vorliegenden Monographie zu Richard Pynson55 (1449–1529/30) findet das Buchgeschenk ebenfalls keine besondere Erwähnung, ebensowenig in James Morans Biographie56 von oder Norman Blakes Aufsätzen über Wynkyn de Worde57. Auch im Rahmen dieser Arbeit spielen die Drucker-Verleger als Schenkende oder Beschenkte keine Rolle, da die Quellenlage für diese Personengruppe vergleichsweise schlecht ist; daran hat insbesondere der Umstand Anteil, dass konkret adressierte Zueignungen seitens eines Druckers, wie sie vom englischen Erstdrucker William Caxton (1415/24–1492) überliefert sind, im 16. Jahrhundert praktisch nicht mehr vorkommen.

Zielvorstellungen dieser Arbeit

Diese Arbeit bringt mehrere verschiedene Disziplinen zusammen und soll zeigen, dass ein interdisziplinärer Ansatz bei der Beantwortung der zentralen Fragestellungen nicht nur von Nutzen sein kann, sondern im Grunde unerlässlich ist58. Zwangsläufig werden im Rahmen dieser Arbeit zahlreiche Aspekte aus ← 28 | 29 → unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Leitmotiv ist jedoch die Frage nach der speziellen Rolle des Buchgeschenks im religiösen Kontext, wobei ‚religiöser Kontext‘ enger verstanden werden soll als ein allgemeiner Tribut an die generelle Religiosität des 16. Jahrhunderts, an der grundsätzlich kein Zweifel bestehen kann. Dabei soll, wo immer möglich, der spezifisch zeitgenössische Blickwinkel durch intensive Berücksichtigung der Quellentexte eingenommen werden. Eine sorgfältige Analyse der Quellen soll die Antwort auf die Frage ermöglichen, ob das religiöse Buchgeschenk weitestgehend dem weltlichen Buchgeschenk ähnelte oder ob nicht doch vielmehr eigene Regeln galten, die insbesondere vor dem Hintergrund der religiösen Auseinandersetzungen der Reformationszeit dazu berechtigen, diesem speziellen Typus des Buchgeschenks eine Sonderrolle einzuräumen.

1 Im Text werden, soweit bekannt, die Lebens- beziehungsweise Regierungsdaten derjenigen Personen angegeben, die als aktiv Handelnde auftreten und deren Funktion somit über diejenige einer reinen Namensangabe (etwa als Autor oder Drucker-Verleger) hinausgeht. Hierbei haben die verwendeten Abkürzungen die folgende Bedeutung: c. = ungefähr; r. = regierte; a. = aktiv; v. = vor.

2 Paladii divi evagrii discipuli Lausiaca que dicitur historia, et Theodoreti episcopi Cyri Theophiles, id est Religiose historia (Paris 1555, Martin Le Jeune). Palladius (363/64–420/30), auch bekannt als Palladius von Galatien, wurde 400 zum Bischof von Helenopolis in Bithynien ernannt.

3 Vgl. Thomas F. Mayer (Hg.): The Correspondence of Reginald Pole. Volume 3. A Calendar, 1555–1558: Restoring the English Church. Aldershot: Ashgate 2004. Eintrag 1342a, Gentian Hervet an Reginald Pole, S. 147.

4 Ebd.

5 Palladius von Helenopolis: Historia Lausiaca. Die frühen Heiligen in der Wüste. Hg. und übers. von Jacques Laager. Zürich: Manesse 1987. Abschnitt 68, S. 294.

6 Der Hl. Paulus in 2 Korinther 9:7. Alle Textpassagen aus der Bibel basieren auf der folgenden Ausgabe: Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Freiburg Basel Wien: Herder 2011.

7 Der Begriff ‚symbolische Kommunikation‘ soll hier zunächst einmal in dem Sinne verstanden werden, dass ‚direkte‘ verbale Kommunikation ausgeschlossen ist, auch wenn grundsätzlich jede Art von Kommunikation auf Symbole angewiesen ist beziehungsweise symbolisch verstanden werden kann. Hierzu beispielsweise Gerd Althoff: „Demonstration und Inszenierung.“ Frühmittelalterliche Studien 27 (1993). S. 27–50; ders.: „Die Kultur der Zeichen und Symbole.“ Frühmittelalterliche Studien 36 (2002), S. 1–17; ders.: „Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters.“ Frühmittelalterliche Studien 31 (1997), S. 370–389; Raymond Firth: Symbols. Public and Private. London: George Allen & Unwin 1975 (bes. Kapitel 11); Claudia Garnier: „Zeichen und Schrift. Symbolische Handlungen und literale Fixierung am Beispiel von Friedensschlüssen des 13. Jahrhunderts.“ Frühmittelalterliche Studien 32 (1998), S. 263–287; Hagen Keller: „Die Investitur. Ein Beitrag zum Problem der ‚Staatssymbolik‘ im Hochmittelalter.“ Frühmittelalterliche Studien 27 (1993), S. 51–86. Speziell zur non-verbalen Kommunikation im Mittelalter: Ruth Schmidt-Wiegand: „Gebärdensprache im mittelalterlichen Recht.“ Frühmittelalterliche Studien 16 (1982), S. 363–379. Symbolische Kommunikation ist einer der beiden Eckpfeiler des Sonderforschungsbereichs 496 (SFB 496) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, in dessen Rahmen dieses Dissertationsprojekt durchgeführt wurde. Speziell mit Bezug auf die Geschenkpraxis siehe auch Colin Camerer: “Gifts as Economic Signals and Social Symbols.” The American Journal of Sociology, Vol. 94, Supplement: Organizations and Institutions: Sociological and Economic Approaches to the Analysis of Social Structure. S. 180–214.

8 Marcel Mauss: Die Gabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.

9 Etwa: George Thornton Emmons: The Tlingit Indians. Seattle: University of Washington Press 1991; John W. Adams: The Gitksan Potlatch. Population Flux, Resource Ownership and Reciprocity. Toronto: Holt, Rinehart & Winston 1973. Als klassische Prä-Mauss-Studie Bronislaw Malinowski: “Kula; the Circulating Exchange of Valuables in the Archipelagoes of Eastern New Guinea”. Man 20. S. 97–105.

10 Die klassische Studie zur Etymologie von ‚Schenken‘ in zahlreichen Sprachen ist immer noch: Jacob Grimm: „Über Schenken und Geben.“ Vorgelesen in der Akademie der Wissenschaften am XXVI. October 1848. In: Jacob Grimm: Kleine Schriften Vol. 2. Abhandlungen zur Mythologie und Sittenkunde. Berlin 1865.

11 Etwa bei Gadi Algazi / Valentin Groebner / Bernhard Jussen (Hgg.): Negotiating the Gift. Pre-Modern Figurations of Exchange. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2003; Helmuth Berking: Schenken. Zur Anthropologie des Gebens. Frankfurt am Main New York: Campus-Verlag 1996; Gerhard Schmied: Schenken. Über eine Form sozialen Handelns. Opladen: Leske & Budrich 1996. Im deutschen Zivilrecht ist der Begriff der „Schenkung“ in BGB §§ 516–534 geklärt.

12 Hierzu Bernhard Jussen: “Religious Discourses of the Gift in the Middle Ages”. In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 173–192. Für das Frühmittelalter siehe Jürgen Hannig: „Ars Donandi: Zur Ökonomie des Schenkens im frühen Mittelalter“. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 37 (1986). S. 149–162.

13 Bei der Definition des Begriffs ‚Buch‘ orientiere ich mich an Ursula Rautenberg / Dirk Wetzel: Buch. Tübingen: Niemeyer 2001.

14 Gérard Genette: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2001.

15 Die Aussage, dass ein Buch einen Wert ‚hat‘, dient nur als Kürzel und darf nicht essentialistisch verstanden werden, da der Wert jeden Gutes ständigen Schwankungen unterliegt.

16 In den Worten Patrick Collinsons: “[The Reformation] revived the flagging fortunes of the printing industry.” Patrick Collinson: “Literature and the Church.” In: David Loewenstein / Janel Mueller (Hgg.): The Cambridge History of Early Modern English Literature. Cambridge: Cambridge University Press 2006. S. 375.

17 STC 21471.5. Siehe hierzu Norman F. Blake: “Wynkyn de Worde: The Early Years”. Gutenberg-Jahrbuch 1971, S. 62–69; ders., “Wynkyn de Worde: The Later Years”. Gutenberg-Jahrbuch 1972, S. 132f.; C. Annette Grisé: “‘Moche profitable unto religious persones, gathered by a brother of Syon’; Syon Abbey and English Books”. In: E. A. Jones / Alexandra Walsham (Hgg.): Syon Abbey and Its Books. Reading, Writing, and Religion c. 1400–1700. Woodbridge: Boydell 2010. S. 139f.

18 Einen Überblick über Buchgeschenk und Patronage in der Forschung zur Frühen Neuzeit bietet Nadezda Shevchenko: Eine historische Anthropologie des Buches. Bücher in der preußischen Herzogsfamilie zur Zeit der Reformation. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007. S. 145–147. Shevchenko liefert auch selbst zahlreiche Beispiele für Buchgeschenke im Patronagekontext. Ich danke Frau Uta Schleiermacher für diesen Literaturhinweis.

19 Einen Überblick über die Patronagebeziehungen auf dem Buchsektor findet sich bei Andrew Pettegree: The Book in the Renaissance. New Haven und London: Yale University Press 2010. S. 161–166. T. A. Birrell geht so weit, Patronageforschung 1986 als “modish historical study” zu bezeichnen (T. A. Birrell: English Monarchs and Their Books. From Henry VII to Charles II. The Panizzi Lectures 1986. London: The British Library 1987. S. 13).

20 Vgl. Pettegree, The Book in the Renaissance, S. 164.

21 Siehe etwa den Titel von Peter Hirschfeld: Mäzene. Die Rolle des Auftraggebers in der Kunst. München: Deutscher Kunstverlag 1968.

22 Im England des 16. Jahrhunderts war es bei humanistischen Autoren gebräuchlich, ihre Gönner in Anlehnung an das antike Vorbild als ‚Maecenas‘ zu titulieren; der Begriff ‚Patron‘ tritt in den für diese Arbeit verwendeten Zueignungen jedoch wesentlich häufiger auf (vgl. Maria Dowling: Humanism in the Age of Henry VIII. London Sydney Dover: Croom Helm 1986. S. 4f.). Offenbar lag bei den Zeitgenossen ein Bewusstsein für die unterschiedliche Verwendung dieser Begriffe vor.

23 Hans Erich Bödeker / Gerald Chaix / Patrice Veit (Hgg.): Der Umgang mit dem religiösen Buch. Studien zur Geschichte des religiösen Buches in Deutschland und Frankreich in der frühen Neuzeit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1991.

24 Hans Erich Bödeker / Gérald Chaix / Patrice Veit: „Der Umgang mit dem religiösen Buch in der frühen Neuzeit. Anmerkungen zum Forschungsthema“. In: Bödeker / Chaix / Veit, Der Umgang mit dem religiösen Buch, S. 21.

25 „[Ego-Dokumente] sollten individuell menschliches Verhalten rechtfertigen, Ängste offenbaren, Wissensbestände darlegen, Wertvorstellungen beleuchten, Lebenserfahrungen und –erwartungen widerspiegeln.“ (Winfried Schulze [Hg.]: Ego-Dokumente. Annäherungen an den Menschen in der Geschichte. Selbstzeugnisse der Neuzeit 2. Berlin: Akademie-Verlag 1996. S. 28).

26 http://eebo.chadwyck.com/home.

27 James Arthur Muller (Hg.): The Letters of Stephen Gardiner. Westport: Greenwood Press 1970; Percy S. Allen (Hg.): Letters of Richard Fox 1486–1527. Oxford: Clarendon Press 1929; Thomas F. Mayer (Hg.): The Correspondence of Reginald Pole. 4 Bände. Aldershot: Ashgate 2003; Edward John Cox (Hg.): Miscellaneous Writings and Letters of Thomas Cranmer, Archbishop of Canterbury, Martyr 1556. Cambridge: Cambridge University Press 1846.

28 Etwa Herbert Rädle: „Simon Grynaeus (1493–1541): Briefe.“ Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, 90. Band. Basel 1990, S. 35–83; Emil Arbenz / Hermann Wartmann: Vadianische Briefsammlung von 1531–1540. Mitteilungen der Vaterländischen Geschichte. Hg. vom Historischen Verein in St. Gallen. Band XXIX, Dritte Folge IX. St. Gallen: Huber 1903; Heinrich Bullingers Briefwechsel. 13 Bände. Briefe der Jahre 1524–1543. Herausgegeben vom Zwingliverein Zürich. Zürich: TVZ 1974–2008; Jean Rott (Hg.): Correspondance de Martin Bucer. Briefwechsel. 7 Bände. Leiden: Brill 1979–2008; John Patrick Donnelly (Hg.): Life, Letters and Sermons of Peter Martyr Vermigli. The Peter Martyr Library, Volume Five. Sixteenth Century Essays and Studies, Vol. XLII. Kirksville: Truman State University 1999.

29 Hastings Robinson (Hg.): Original letters relative to the English Reformation, written during the reigns of King Henry VIII, Edward VI and Queen Mary: chiefly from the archives of Zurich. 2 Bände. Cambridge: Cambridge University Press 1946/47.

30 A.-L. Herminjard (Hg.): Correspondance des réformateurs dans les pays de langue française. 9 Bände. Genf und Paris: Georg Usw. 1866–1897.

31 Letters and papers, foreign and domestic of the reign of Henry VIII. 21 Bände. Herausgegeben von J. S. Brewer, J. Gairdner, J. Brodie, R. H. London: H.M.S.O. 1876–1932 (im Folgenden L & P).

32 Calendar of State Papers, Domestic Series, of the reigns of Edward VI., Philip and Mary, Elizabeth 1547–1580. 9 Bände. London: H.M.S.O. 1856–1872.

33 Erik Inglis: “A Book in the Hand: Some Late Medieval Accounts of Manuscript Presentations.” Journal of the Early Book Society 5 (2002), S. 57–97.

34 Siehe hierzu etwa H.E. Bell: “The Price of Books in Medieval England.” The Library, 4th series, Vol. XVII (1937), S. 312–332.

35 Zur Tradition des Bescheidenheitsgestus oder –topos siehe Gert Ueding (Hg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 1. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1992. Sp. 1491–1495.

36 STC 5993; gedruckt 1548 von Nicholas Hill.

37 Vgl. Stephen Alford: Kingship and Politics in the Reign of Edward VI. Cambridge: Cambridge University Press 2002. S. 42. Der Standardaufsatz zu Präsentationsszenen in der Frühdruckzeit ist: Julie A. Smith: “Woodcut Presentation Scenes in books printed by Caxton, de Worde, Pynson.” Gutenberg-Jahrbuch 61 (1986), S. 322–343.

38 Joachim Bumke (Hg): Literarisches Mäzenatentum. Ausgewählte Forschungen zur Rolle des Gönners und Auftraggebers in der mittelalterlichen Literatur. Darmstadt: WBG 1982; Michael G. Brennan: Literary Patronage in the English Renaissance: The Pembroke Family. London und New York: Routledge 1988; Karl Julius Holzknecht: Literary Patronage in the Middle Ages. New York: Octagon Books 1966.

39 Barbara K. Gold: Literary Patronage in Greece and Rome. Chapel Hill und London: University of North Carolina Press 1987.

40 Beispiele etwa: Martin Lintzel: „Die Mäzene der deutschen Literatur im 12. und 13. Jahrhundert.“ Thüringisch-Sächsische Zeitschrift für Geschichte und Kunst, Bd. 22 (1933), S. 47–77; John F. Benton: “The Court of Champagne as a Literary Center.” Speculum 36 (1961), S. 551–591; Reto R. Bezzola: Les origines et la formation de la littérature courtoise en Occident (500–1200), Bd. 2, Teil 2. Paris: Champion 1960, S. 326–391.

41 Janika Bischof: Testaments, Donations, and the Values of Books as Gifts: A Study of Records from Medieval England before 1450. Münsteraner Monographien zur Englischen Literatur, Band 36. Frankfurt: Peter Lang 2014.

42 Natalie Zemon Davis: “Beyond the Market: Books as Gifts in Sixteenth-Century France.” Transactions of the Royal Historical Society. Fifth Series, Vol. 33 (1983), S. 69–88; Jane Donawerth: “Women’s Poetry and the Tudor-Stuart System of Gift Exchange.” In: Mary Elizabeth Burke: Women, Writing and the Reproduction of Culture in Tudor and Stuart England. Syracuse: Syracuse University Press 2000, S. 3–18; Tobias Budke: “Re-Forming Connections: Evangelicals and Their Book Gifts between England and Europe.” In: Gabriele Müller-Oberhäuser (Hg.): Book Gifts and Cultural Networks from the 14th to the 16th Century. Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme – Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496, Band 41. Münster: Rhema-Verlag (erscheint 2015); “A Network and Its Book Gifts: The Case of Mikolaj Radziwill ‘Czarny’. ” In: Stefan Kiedron / Anna-Maria Rimm (Hgg.): Early Modern Print Culture in Central Europe. Breslau: Wydawnictwo Uniwersytetu Wroclawskiego 2014.

43 Steven J. Williams: “Giving advice and taking it: the perception by rulers of the Pseudo-Aristotelian Secretum secretorum as a speculum principis.” In: Carla Casagrande / Chiara Crisciani / Silvana Vecchio (Hgg.): Consilium. Teorie e pratiche del consigliare nella cultura medievale. Florenz: Sismel 2004. S. 139–180.

44 Harry Sieber: “The Magnificent Fountain. Literary Patronage in the Court of Philipp III.” Cervantes: Bulletin of the Cervantes Society of America 18.2 (1998), S. 85–116.

45 Jane Lawson: “This Remembrance of the New Year. Books Given to Queen Elizabeth as New Year’s Gifts.” In: Peter Beal / Grace Ioppolo (Hgg.): Elizabeth I and the Culture of Writing. London: The British Library 2007. S. 133–171.

46 John Lowden: “The Luxury Book as Diplomatic Gift.” In: John Shepard / Simon Franklin: Byzantine Diplomacy: Papers from the Twenty-Fourth Spring Symposium of Byzantine Studies, Cambridge, March 1990. Aldershot: Variorum 1992. S. 249–260.

47 Joachim Bumke: Mäzene im Mittelalter. Die Gönner und Auftraggeber der höfischen Literatur in Deutschland. 1150–1300. München: Beck 1979. S. 231–247 u. S. 409–418; Sharon D. Michalove: “Women as Book Collectors and Disseminators of Culture in Late Medieval England and Burgundy.” In: Douglas L. Biggs / Sharon D. Michalove / A. Compton Reeves (Hgg.): Reputation and Representation in Fifteenth-Century Europe. Leiden: Brill 2004. S. 57–79.

48 Mary C. Erler: “Exchange of Books between Nuns and Laywomen: Three Surviving Examples.” In: Richard Beadle / A.J. Piper (Hgg.): New Science out of Old Books: Studies in Manuscripts and Early Printed Books in Honour of A.I. Doyle. Aldershot: Scolar Press 1995. S. 360–373; Mary C. Erler: “The Abbess of Malling’s Gift Manuscript (1520).” In: Felicity Riddy (Hg.): Prestige, Authority and Power in Late Medieval Manuscripts and Texts. Woodbridge: York Medieval Press 2000. S. 147–157.

49 Mary C. Erler: Women, Reading, and Piety in Late Medieval England. Cambridge: Cambridge University Press 2002; Ursula Nilgen: „Psalter für Gelehrte und Ungelehrte im hohen Mittelalter“. In: F. O. Büttner [Hg.]: The Illuminated Psalter. Studies in the Content, Purpose, and Placement of its Images. Turnhout: Brepols 2004. S. 239–247; Gude Suckale-Redlefsen: „Zwei Bilderpsalter für Frauen aus dem frühen 13. Jahrhundert.“ In: Büttner, The Illuminated Psalter, S. 249–258; Gabriela Signori: „Die lesende Frau: Metapher oder Wirklichkeit? (13.-15. Jahrhundert).“ In: Marianne Heimbach-Steins [u.a.] (Hgg.): Strukturierung von Wissen und die symbolische Ordnung der Geschlechter. Gender-Tagung Bamberg 2003. Gender-Diskussion Band 1. Münster: LIT 2004. S. 92–119. Zum Psalter in der Tudorzeit siehe Helen C. White: Tudor Books of Private Devotion. Westport: Greenwood Press 1979 (1951). S. 31–52.

50 Etwa bei Rodney Thomson: England and the 12th-century Renaissance. Aldershot: Ashgate 1998.

51 Kulturstiftung der Länder und Bayerische Staatsbibliothek (Hgg.): Gebetbuch Ottos III. München: Bayerische Staatsbibliothek 1995.

52 Peter Biller: “Northern Cathars and Higher Learning.” In: Peter Biller / Berrie Dobson (Hgg.): The Medieval Church: Universities, Heresy, and the Religious Life. Essays in Honour of Gordon Leff. Woodbridge: Boydell Press 1999. S. 25–51.

53 Elizabeth Evenden: Patents and Patronage: the Life and Career of John Day, Tudor Printer. PhD Dissertation, York University, 2002.

54 Hierzu auch: Elizabeth Evenden and Thomas Freeman: “John Foxe, John Day, and the Printing of the Book of Martyrs”. In: Robin Myers / Michael Harris / Giles Mandelbrote (Hgg.): Lives in Print. New Castle: Oak Knoll Press 2002.

55 Pamela Neville: Richard Pynson, King’s Printer (1506–1529): Printing and Propaganda in Early Tudor England. Ph.D. Dissertation, University of London, 1990.

56 James Moran: Wynkyn de Worde, Father of Fleet Street. London: British Library 2003.

57 N.F. Blake: “Wynkyn de Worde: a Review of his Life and Work.” In: D. Buschinger / W. Spiewok (Hgg.): Études de linguistique et de la littérature en l’honneur d’André Crépin. Greifswald: Reineke 1993. S. 21–40.

58 In einem für die Buchgeschichte grundlegenden Artikel von 1982 stellte Robert Darnton fest: “Neither history nor literature nor economics nor sociology nor bibliography can do justice to all the aspects of the life of a book. By its very nature, therefore, the history of books must be international in scale and interdisciplinary in method.” (Robert Darnton: “What Is the History of Books?” Daedalus, Vol. 111, Nr. 3 [Sommer 1982], S. 81).

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2. Schenken und Geschenke: Allgemeine Überlegungen

Eine der Thesen dieser Arbeit lautet, dass das Buch als Geschenk besondere Aspekte hat, die von keinem anderen Geschenktyp geteilt werden, aber diese Besonderheit lässt sich nur vor dem Hintergrund einiger allgemeiner Überlegungen zum Schenken und im Vergleich mit anderen Geschenktypen demonstrieren. Dabei sollen zunächst einige moderne theoretische Ansätze vorgestellt und das Buchgeschenk innerhalb dieses Rahmens positioniert werden, bevor dann in der zweiten Hälfte dieses Kapitels der zeitgenössische Geschenkdiskurs zu Wort kommen soll, der dem geistesgeschichtlichen Hintergrund der Buchschenker des 16. Jahrhunderts zu Grunde lag.

Zunächst muss festgehalten werden, dass es keine wie immer geartete umfassende Geschenktheorie gibt59, sondern dass die Überlegungen, die die Forschung zum Schenken angestellt hat, verschiedenste Disziplinen beinhalten und eine große Bandbreite an Ansätzen präsentieren, die jedoch für die Behandlung des Buchgeschenks nicht alle gleichermaßen relevant sind. So ist zum Beispiel Marcel Mauss’ bereits in der Einleitung erwähnter ethnologischer Klassiker Die Gabe nur auf einer sehr allgemeinen Ebene von Interesse, und Selbiges gilt für die soziologischen Betrachtungen Pierre Bourdieus60 oder die philosophischen Reflexionen von Jacques Derrida61. Die von Lewis Hyde62 und Fabian Vogt63 ← 31 | 32 → verfassten Werke zu Schenken und Geschenk sind nur sehr begrenzt theoretisch-wissenschaftlicher Art, während Abhandlungen wie Helmut Berkings Schenken und Friedrich Rosts Theorien des Schenkens64 aufschlussreich und verdienstvoll, aber für eine Diskussion der konkreten Buchgeschenkpraxis des 16. Jahrhunderts zu abstrakt-allgemein gehalten sind, um einen klar anwendbaren theoretischen Rahmen abzugeben. Berkings Auflistung von Geschenkfunktionen bietet jedoch einen guten Einstieg:

Schenken heißt eine Macht erwerben, einen symbolischen Tausch realisieren, Bindungen und Bündnisse initiieren, Rechte und Pflichten attribuieren, subjektive Bedeutungen objektivieren und Alter ego systematisch klassifizieren, heißt strategische Orientierungen in altruistische Motive kleiden, soziale Herausforderungen als Wohltätigkeit stilisieren, beehren, beschämen, hierarchisieren und stratifizieren, solidarisieren, reziproke Anerkennungsformen einfädeln; egalisieren und intimisieren.65

Näher an der hier behandelten Materie stehen Beschreibungen der Geschenkpraxis historischer Epochen, wobei insbesondere das Mittelalter in der Geschenkdiskussion eine wichtige Rolle spielt66; hier stehen besonders religiös motivierte ← 32 | 33 → Schenkungen und Stiftungen im Vordergrund, während Bücher als Geschenke praktisch unsichtbar bleiben67. Auch das 16. Jahrhundert ist bereits Gegenstand der Geschenkforschung geworden, unter Einbeziehung von Büchern etwa bei Natalie Zemon Davis68 und Jason Scott-Warren69. Zahlreiche andere Aspekte des Schenkens in der Frühen Neuzeit sind von anderen Wissenschaftlern untersucht worden70, aber auch die Beschränkung auf eine abgrenzbare Epoche hat nicht zur Aufstellung eines tragfähigen Theoriegerüsts geführt, was vermutlich zum Großteil an der Unschärfe des Forschungsobjekts liegt: “Gifts, however, do not constitute in themselves a coherent and well-defined object of study, because they owe their most salient properties to their relative position within given repertoires of transaction modes.”71 Anders formuliert: Ein Geschenk scheint vor allem durch Eigenschaften definiert zu werden, die es nicht hat beziehungsweise die es von ← 33 | 34 → anderen Transaktionsformen unterscheiden, und ob es sich bei einer bestimmten Transaktion um ein Geschenk handelt oder nicht, hängt in sehr großem Maße von den Umständen ab. Bei jedem Versuch einer Eingrenzung muss daher von vorneherein akzeptiert werden, dass nicht erfasste Erscheinungsformen des Phänomens aus anderen Epochen oder Kulturen als Gegenbeispiele ins Feld geführt werden können72, ohne dass dies die grundsätzliche Nützlichkeit einer praktischen Definition in Frage stellt, wie sie weiter unten vorgeschlagen wird.

Über einige Aspekte des Schenkens scheint in der Forschungsliteratur jedoch weitgehend Einigkeit zu bestehen. So hebt sich das Geschenk von anderen Austauschprozessen dadurch ab, dass eine Gegenleistung im Normalfall nicht direkt im Anschluss an den Geschenkakt erfolgt und dasselbe beziehungsweise ein identisches Objekt nicht zurückgeschenkt wird;73 eine unmittelbare Gegenleistung würde den Vorgang zu einer kommerziellen Transaktion machen, bei der sich die Forschung bemüht, sie vom Geschenk zu trennen, auch wenn dabei gelegentlich Unklarheiten nicht zu vermeiden sind: “Is this a gift? Isn’t it just a contractual payment?”74 Das Konzept der gift economy, in der kommerzielle ← 34 | 35 → Transaktionen durch Geschenke ersetzt werden75, gehört in diesen Zusammenhang. Dass überhaupt eine Gegenleistung stattfinden sollte beziehungsweise vom Schenker erwartet werden kann, ist für den modernen Betrachter, für den ein Geschenk stärker an Selbstlosigkeit gekoppelt ist, vielleicht zunächst überraschend, kann aber auch als immer wiederkehrender Aspekt in der Geschenkforschung festgehalten werden, ebenso wie das Fehlen einer expliziten Forderung nach einer Gegenleistung, die wiederum ihren Freiwilligkeitscharakter konterkarieren würde. Daraus ergibt sich, dass Geschenke immer auch ein Risiko beinhalten, da trotz aller Bemühungen des Schenkenden und auch im Gegensatz zum kulturell erwarteten Verhalten ein Beschenkter immer die Möglichkeit hat, den Schenkenden zu enttäuschen: “[…] For givers and receivers, gifting involved uncertainties and risks.”76 Einig ist sich die Forschung auch darüber, dass der moderne Geschenkbegriff, ein Produkt des 18. Jahrhunderts77, nur sehr begrenzt auf andere Epochen übertragen werden kann. Die Idee des Zwangs ist mit einem Geschenk nicht vereinbar78, auch wenn historisch betrachtet viele Tribute und Abgaben als Geschenke deklariert wurden; diese Umetikettierung eines erzwungenen Gütertransfers demonstriert, dass über den als freiwillige Leistung verstandenen Geschenkbegriff die wahre Natur der Transaktion verschleiert werden sollte. Die Tatsache, dass Geschenke immer auch einen symbolischen Mehrwert haben, ist in der Forschung ebenfalls unumstritten; der Akt des Schenkens ist unvermeidlich eine Mischung aus instrumentellem und symbolischem Handeln.79 Dieser symbolische Gehalt, der von den Beteiligten beeinflusst und gesteuert, aber nicht vollständig kontrolliert werden kann, ist vom Geschenkakt nicht zu ← 35 | 36 → trennen und stellt eine wichtige Möglichkeit dar, mit einem Geschenk ein bestimmtes Ziel zu erreichen; aber auch ein Geschenk, das vom Geber nicht als instrumentell betrachtet wird, hat zwangsläufig einen symbolischen Mehrwert, da dieser aus keiner Geschenktransaktion wegzudenken ist. “Gifts offer the precious symbolic nourishment which keeps interpersonal relationships alive.”80 – diese Aussage Aafke E. Komters trifft, wie noch gezeigt werden wird, auf das Buchgeschenk im 16. Jahrhundert definitiv zu, und sowohl die symbolische Ebene des Schenkens als auch die symbolische Bedeutung des geschenkten Objektes lassen sich dort wiederfinden.

Vor dem skizzierten Forschungshintergrund wird hier eine zu praktischen Zwecken dienende Definition, die keinerlei Anspruch auf theoretische Vollständigkeit und universale Anwendbarkeit erhebt, für die Behandlung des Buchgeschenks im England des 16. Jahrhunderts vorgeschlagen. Eine Transaktion soll als Geschenk betrachtet werden, wenn die folgenden Kriterien auf sie zutreffen:

1. Sie wird entweder von den Beteiligten selbst oder von Zeugen als Geschenkvorgang bezeichnet und es geht aus der Beschreibung hervor, dass kein expliziter Zwang hinter ihr steht. Dabei wird Schenken als ein im Kern einseitiger Akt betrachtet (geberzentrierte Geschenkperspektive), bei dem dem Schenkenden die Definitionsmacht zukommt.81

2. Es geht deutlich hervor, dass sie nicht auf direkt und explizit zu erwartender Gegenleistung beruht; dies schließt deutlich erkennbare Bestechungsversuche aus.

3. Sie beinhaltet keine expliziten kommerziellen Interessen.

4. Ihr haftet ein gewisses Element der Unsicherheit beziehungsweise des Risikos an, was die Umsetzung der mit ihr verbundenen Intention, die Gestaltung des Ablaufs oder andere konkrete Aspekte betrifft; mithin handelt ← 36 | 37 → es sich bei ihr nicht um eine klar definierte und abgegrenzte Transaktion mit keinem oder nur geringen Spielraum für Interpretation.

5. Es handelt sich nicht um einen Vererbungsvorgang.

Dieser Geschenkbegriff nimmt eine mittlere Position zwischen einer weit gefassten und einer engeren Definition ein. Eine umfassende und epochen- wie kulturübergreifende Geschenkdefinition müsste Geschenke mit kommerzieller Funktion – etwa in gift economies – Bestechungsleistungen und testamentarische Verfügungen mit einbeziehen, während ein engeres Verständnis, wie es etwa Jan Hirschbiegel vertritt, Schenken als einen beidseitigen kommunikativen Akt betrachtet, der ohne Anschlusskommunikation unvollständig bleibt82. Für eine Diskussion des Buchgeschenks ist eine solche Definition zu restriktiv, da sie den Fokus ausschließlich auf den vom Beschenkten zur Kenntnis genommenen Transfer materieller Objekte legt und den speziellen Geschenkmöglichkeiten, die sich mit einem Buchgeschenk ergeben, nicht gerecht werden kann (diese werden im folgenden Kapitel vorgestellt werden).

2.1 Das Buch im Vergleich zu anderen Geschenktypen

Es ist offensichtlich, dass sich die Praxis des Schenkens von den Eigenschaften eines Geschenks nicht trennen lässt und dass die konkrete Materialität (oder auch Nicht-Materialität) eines Geschenks zu unterschiedlichen Ausprägungen des Geschenkvorgangs führen muss. Die Zahl der möglichen Geschenke ist praktisch unbegrenzt, und die Forschung hat sich häufig auf das Schenken spezieller Gegenstände konzentriert, so zum Beispiel die bereits erwähnten Klöster, Tiere83 oder auch Bücher84, und die offensichtlichen Unterschiede zwischen diesen errichten ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu einer umfassenden Geschenktheorie. Geschenkarten unterscheiden sich beispielsweise stark im Hinblick auf praktische Aspekte wie Transportabilität, Dauerhaftigkeit oder Verleihbarkeit, aber auch im Bereich der symbolischen Kommunikation, in ihren Diskursmöglichkeiten oder bezüglich des mit einem Geschenkvorgang verbundenen Verlustes. Sie unterscheiden sich weniger im materiellen Wert, da dieser für viele Geschenkobjekte auf einer breiten Skala von sehr billig bis außerordentlich teuer ← 37 | 38 → zu finden ist; dies trifft auf jeden Fall auf Bücher zu und ist für die Buchgeschenkforschung von großer Bedeutung.

Auf einer abstrakten Ebene sind Bücher zunächst einmal materielle Objekte, deren Größe und Gewicht es vergleichsweise leicht machen, sie zu transportieren, und sie sind nicht verderblich und ziemlich widerstandsfähig; daher sind Buchsendungen relativ einfach durchzuführen und spielen konsequenterweise eine wichtige Rolle für die Buchgeschenkpraxis, wie sich in den folgenden Kapiteln zeigen wird. Dieselbe Transportabilität führt dazu, dass große Teile der Bevölkerung mit Büchern in Kontakt kommen können und damit die Handlungsoption eines Buchgeschenks in das Bewusstsein vieler Menschen gelangt. Die Herstellung eines Buches ist auf der einen Seite relativ aufwändig, wenn es um das Erstellen eines neuen Werkes geht; daher ist es verständlich und in der Buchgeschenkpraxis des 16. Jahrhunderts der Regelfall, dass ein buchschenkender Autor oft gewisse, nicht zu bescheidene Erwartungen an die Großzügigkeit seines Empfängers hat und dass die Auswahl dieses Empfängers sorgfältig überlegt wird. Auf der anderen Seite lassen sich Bücher als Massenware relativ günstig erwerben, da die Herstellung eines von vielen Exemplaren unproblematisch ist. Die Materialität eines Buches erlaubt es einem Schenker, ein selbst hergestelltes oder in Auftrag gegebenes Buch sehr zielgenau auf den Empfänger zuzuschneiden beziehungsweise ein bereits vorhandenes Buch durch eigene Hinzufügungen, Widmungen, Kommentare oder einen schönen Einband zu individualisieren oder eine Individualisierung eines Buchgeschenks durch die richtige Auswahl aus einem großen Angebot vorzunehmen. Das Buch bietet daneben eine Möglichkeit zur symbolischen Kommunikation, die es mit anderen Geschenktypen teilt; die in ihm enthaltenen Diskursmöglichkeiten sind jedoch einzigartig. All diese Aspekte werden im folgenden Teil dieser Arbeit detailliert erläutert werden.

2.2 Einige Aspekte von Geschenkvorgängen

Eine Definition des Begriffes ‚Geschenk‘ und eine Beschreibung des Schenkens an sich sowie der Materialität der Geschenke müssen ergänzt werden durch eine kurze Beschreibung weiterer Aspekte des Schenkens, ein Vorgang, der sich zwangsläufig im Rahmen einer konkreten sozio-kulturellen Praxis manifestiert. Hierbei soll der Schwerpunkt auf denjenigen Aspekten liegen, die für ein Verständnis des Buchgeschenks im 16. Jahrhundert von Bedeutung sind; eine Erweiterung auf andere Geschenkarten oder Epochen würde diese Liste deutlich verlängern. ← 38 | 39 →

Mitwirkende

Das ‚idealtypische Geschenk‘ findet zwischen zwei Personen (Schenker und Beschenktem, Ego und Alter, Geber und Empfänger85) statt und beinhaltet die persönliche Übergabe eines physischen Objektes, das persönlich entgegengenommen wird. Dieses geistige Bild, das die meisten Menschen von einem Geschenk haben, muss deutlich modifiziert werden, denn es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nur für eine Minderheit aller Geschenkvorgänge zutreffend, in der Vormoderne noch mehr als in der Gegenwart. Es ist offensichtlich, dass Geschenke etwa verschickt oder per Bote überbracht werden können und dass sie nicht nur innerhalb dyadischer Beziehungen gemacht werden. Auch wenn auf den ersten Blick tatsächlich nur zwei Personen beteiligt zu sein scheinen, so kann man bei genauerem Hinsehen doch häufig erkennen, dass sowohl auf der Seite des Schenkenden als auch auf derjenigen des Beschenkten noch zahlreiche andere Akteure im Hintergrund mitwirken86 und den Geschenkvorgang um ganz eigene Facetten bereichern, nicht nur als Publikum, sondern auch als aktiv in den Geschenkvorgang eingreifende Personen. Dies lässt sich anhand der Buchgeschenkpraxis des 16. Jahrhunderts hervorragend aufzeigen. Auch die Rolle des Überbringers von Geschenken und seine zahlreichen Möglichkeiten, aktiv in den Schenkvorgang einzugreifen, kann gar nicht überbetont werden und spielt für das Buchgeschenk im religiösen Kontext im England der Reformationszeit ebenfalls eine wichtige Rolle. Es ist allerdings auch möglich, dass die Zahl der Beteiligten effektiv geringer ist als sie erscheint; so können Geschenke an mehrere Personen dazu beitragen, dass sich diese Personen als Einheit begreifen87, wie man im England der Reformationszeit etwa an Buchgeschenken an das königliche Ehepaar sehen kann. Geschenke können auch indirekt an Personen gemacht werden, die nominell nicht ihre Adressaten sind, etwa um einen Empfänger zu erreichen, der auf direktem Wege mit einem Geschenk nicht zu erreichen ist. Auch wenn andere ← 39 | 40 → Personen weder direkt noch indirekt am eigentlichen Geschenkvorgang beteiligt sind, so können sie doch die primären Adressaten der mittels des Geschenks durchgeführten symbolischen Kommunikation sein, wenn das Schenken in der Öffentlichkeit vor sich geht, was etwa für die Neujahrsfeste am Hofe oder bei den progresses von Königin Elisabeth88 gilt.

Die Zahl der Beteiligten kann sich auch dadurch erhöhen, dass ein Geschenk mehreren Empfängern zur gleichen Zeit gemacht wird; insbesondere Buchgeschenke sind hierfür sehr gut geeignet, da sie wie erwähnt mit relativ geringem Aufwand vervielfacht werden und somit problemlos an mehrere Adressaten verschickt werden können. Parallel dazu eröffnet die Zueignung dem Schenker die Möglichkeit, das Werk unabhängig von seiner Materialität mehreren Empfängern als ‚geistiges Buchgeschenk‘ (siehe das folgende Kapitel) zukommen zu lassen, entweder explizit durch das Einfügen mehr als einer Zueignung oder indirekt durch Ansprache mehrerer Personen im Rahmen einer einzigen. Es verwundert daher nicht, dass, wie die Fallstudien zeigen werden, Buchgeschenke im England des 16. Jahrhunderts sich oft in einem komplexen Netzwerk von Beteiligten abspielten, das gelegentlich kaum zu überblicken ist.

Patronage

Die Motivation hinter vielen Geschenken besteht darin, sich eine einflussreiche Person gewogen zu machen und implizit eine Gegenleistung einzufordern, deren Wert über denjenigen des Aufwandes hinausgeht, den man selbst für sein Geschenk betrieben hat; im Idealfall lässt sich so eine soziale Beziehung aufbauen, die zumindest für einige Zeit Bestand hat und die in der historischen Forschung als Patronage89 bezeichnet wird. Mittels eines Geschenks kann eine solche Beziehung, wenn sie dann einmal besteht, befestigt oder intensiviert werden; neben ← 40 | 41 → der direkten Suche nach Unterstützung oder einer mehr oder weniger permanenten Stellung kann ein Schenkender Dankbarkeit ausdrücken oder durch eine Demonstration seiner Fähigkeiten Werbung für sich betreiben. Es ist offensichtlich, dass diese Geschenkfunktionen für Buchgeschenke in erhöhtem Maße gelten müssen. Mit einem Buchgeschenk hat der Schenkende die Gelegenheit, diskursive und vom Geschenk selbst nicht trennbare Mittel für die Pflege der Beziehung einzusetzen (während etwa Begleitschreiben zu anderen Geschenken leicht verloren gehen können, so dass das Geschenk seines diskursiven Kontextes beraubt wird), und die einfache Vervielfältigung ermöglicht es dem Schenker, eine Öffentlichkeit von seiner Beziehung zum Empfänger in Kenntnis zu setzen und weitreichende Werbung zu machen.

Wie bereits in der Einleitung ausgeführt, ist für die Behandlung von Buchgeschenken im 16. Jahrhundert das Thema Patronage grundsätzlich von großer Bedeutung, und es gehört zu den am intensivsten behandelten Aspekten der Geschenkforschung. Auf Grund dieses Umstandes und der Tatsache, dass die Patronageforschung Erfolg oder Scheitern eines Geschenks im Normalfall nur auf einer Ebene misst90, werden Patronagebeziehungen nicht im direkten Fokus dieser Arbeit stehen. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass gerade bei der Behandlung von Buchgeschenken die Patronagefunktion sehr oft eine Rahmenbedingung liefert, die nicht übersehen werden darf.

Anlässe

Geschenke wurden und werden häufig zu bestimmten Gelegenheiten gemacht, etwa zu einer Hochzeit, anlässlich einer Taufe oder, ein wichtiger Geschenkanlass im England der Reformationszeit, zum Beginn des Neuen Jahres, ein Geschenkzeitpunkt mit einer langen Tradition91. Während diese Anlässe formaler Natur sind, lässt sich der Begriff dahingehend erweitern, dass verschiedene Übergangszeitpunkte im Leben eines Menschen ebenfalls als Anlässe verstanden werden können, auch wenn ihnen der formale Aspekt zunächst einmal fehlen sollte. So kündigte der spanische König Philipp II. 1581 etwa an, er werde seinem kleinen Sohn indisches Schreibzeug schicken, sobald dieser schreiben könne92; man kann ein solches Geschenk als ‚Initiationsgeschenk‘ bezeichnen, da es auf Grund des Beginns einer bestimmten Lebensphase des Beschenkten gemacht ← 41 | 42 → wird, ohne dass notwendigerweise eine zeremonielle Darstellung erforderlich ist. Von größerer Bedeutung für die hier behandelte Thematik ist ein Anlass, der sich aus dem Antreten einer neuen beruflichen Stellung oder das Erreichen eines neuen gesellschaftlichen Status ergibt und der zu zahlreichen Geschenken führen kann, die jedoch im Grunde weniger der Person als vielmehr der Position des Geschenkempfängers gelten; dieses Phänomen lässt sich für das England des 16. Jahrhunderts durch zahlreiche Beispiele in den entsprechenden Fallstudien illustrieren. Obgleich beispielsweise zu Neujahr auch Bücher verschenkt wurden – allerdings in vergleichsweise geringer Zahl, wie sich zeigen wird – war der Zuwachs an gesellschaftlicher und politischer Macht durch Statusveränderung eine zentrale Motivation für Buchschenker. Generell ist die Quellenlage bei Anlassgeschenken besser als bei ‚beiläufigen‘ Geschenken, was zu einer ungerechtfertigten Verzerrung der Forschungsperspektive und zu der Auffassung führen kann, dass Geschenke vor allem und in der großen Mehrzahl aller Fälle anlassbedingt gemacht wurden. Die Untersuchung von Buchgeschenken wird zeigen, dass, obgleich zu Anlässen aller Art selbstverständlich auch Bücher geschenkt wurden, es für ein Buch als Geschenk häufig keines besonderen formellen Anlasses bedurfte und in manchen Kreisen das Bücher-schenken gewissermaßen zum Alltag gehörte.

Grenzüberschreitung

In ihrer Studie der Geschenkpraxis im Frankreich des 16. Jahrhunderts stellt Natalie Zemon Davis in den Vordergrund, dass das Geschenk die Fähigkeit hat, über Status-, gesellschaftliche und intellektuelle Grenzen hinweg Kommunikationskanäle zu öffnen.93 Dies wird besonders anschaulich demonstriert bei Interaktionen zwischen Kulturen, die sich zunächst außerordentlich fremd gegenüberstehen94. Als universell zumindest zu Beginn positiv bewerteter Vorgang ist das Geschenk für den Erstkontakt zwischen Unbekannten ideal geeignet, unabhängig davon, wie unterschiedlich die Beteiligten sein mögen. Gerade in einer statusbewussten Epoche wie dem England der Reformationszeit muss das Augenmerk auch auf diesem Geschenkaspekt liegen, was für die Behandlung des Buchgeschenks die Frage aufwirft, ob dieses für die Überschreitung von Grenzen ebenso gut oder möglicherweise noch besser geeignet ist als andere Arten von Geschenken. ← 42 | 43 →

Unterlassene Geschenke

Da Geschenke häufig eine starke symbolische Aufladung haben, kann auch die Nichtberücksichtigung eines potenziellen Geschenkempfängers von großer Bedeutung für die jeweilige Beziehung sein. “The gift exchange, then, is a way of dramatizing group boundaries.”95 Innerhalb von Personengruppen, in denen häufig und regelmäßig gegenseitig Geschenke gemacht werden, kann ein nicht eintreffendes, aber eigentlich zu erwartendes Geschenk eine große symbolische Bedeutung für die Stellung des (Nicht-)Empfängers innerhalb der Gruppe haben.96 Die Nichterwiderung eines Geschenks kann ebenso als Machtinstrument eingesetzt werden wie das Erstgeschenk selbst. Natalie Zemon Davis hält für das Frankreich des 16. Jahrhunderts fest: “The absence of gifts did not necessarily signify a feud […] but it represented distance, a cool zone where correct behavior and prescribed payment could operate, but not favor and communication.”97 Je unsicherer die Kommunikations- und geographischen Verbindungen zwischen den Beteiligten sind, desto mehr Gelegenheiten bieten sich auch zu einem Geschenk, das zwar angekündigt oder sogar als vollzogen berichtet wird, aber möglicherweise niemals stattgefunden hat; so verdächtigte der spanische König Philipp II. seinen Kammerdiener und Spaßmacher Luis Tristan, er habe ein solches Geschenk tatsächlich niemals versandt.98 Unterlassene Geschenke waren etwa im diplomatischen Verkehr des Spätmittelalters ein probates Mittel, um andere Herrscher und ihre Repräsentanten über Veränderungen der eigenen Bündnispolitik zu ihren Ungunsten symbolisch in Kenntnis zu setzen.99 Aus sozialpsychologischer Perspektive betont Donald Poe: “Intent could also be inferred if an expected gift is not forthcoming (e.g. ‘What have I done?’).”100 Ein Sonderfall des unterlassenen Geschenks ist das Geschenk, das von der Perspektive des Außenstehenden und somit auch des modernen Forschers eigentlich zu erwarten gewesen wäre – auch wenn die Akteure selbst diese Erwartung vielleicht nicht teilten – das aber dennoch niemals stattfand, womit sich die Frage ← 43 | 44 → nach den Gründen für eine solche Unterlassung stellt. Eine der hier präsentierten Fallstudien ist spezifisch diesem Thema gewidmet.

2.3 Das Schenken im England des 16. Jahrhunderts

Die Menschen im England des 16. Jahrhunderts waren sich der Komplexität und Vielschichtigkeit des Schenkens bewusst, und Reflexionen über das Schenken finden sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Texte, etwa in Briefen, Zueignungen oder Predigten. Dabei waren sich die Autoren dieser Epoche eines geistesgeschichtlichen Hintergrundes mit langer Tradition bewusst, der vor allem aus drei Strängen bestand: der antiken Ethiklehre, dem höfischen Verhaltenskodex und dem christlichen Weltbild. Nicht alle diese Traditionen hatten direkt fassbare Auswirkungen auf die tatsächliche Buchgeschenkpraxis, aber die Schenkenden waren als Kinder ihrer Zeit zweifellos von ihnen beeinflusst und machten ihre Geschenke nicht nur oft im Einklang mit ihnen, sondern bemühten sie auch als Argumentationshilfe und für Appelle an den Empfänger; ein Verständnis dieser Traditionen ist daher erforderlich für die Betrachtung des Buchgeschenks im England der Reformationszeit, wobei diejenigen Elemente hervorgehoben werden sollen, die einen direkt nachvollziehbaren Bezug zur Buchgeschenkpraxis der Zeit haben.

2.3.1 Die antike Ethiklehre und das Schenken

Drei antike Texte waren von größerer Bedeutung für den Geschenkdiskurs des 16. Jahrhunderts: Die Nikomachische Ethik des Aristoteles, Senecas De beneficiis und Ciceros De officiis. Der einflussreichste war zweifellos die Nikomachische Ethik101, in Egon Flaigs Worten die „interpretatio graeca102 des Geschenkaustausches, in England bereits 1479 von Theodoric Rood gedruckt103 und in mindestens sieben weiteren verschiedenen bearbeiteten Ausgaben bis 1596 verlegt104. Im Rahmen des humanistischen Bildungsideals war die Lektüre Aristoteles’ von großer ← 44 | 45 → Bedeutung105, wobei die Ethik einen zentralen Platz einnahm; so war es etwa für John Cheke (1514–1557) eine Selbstverständlichkeit, den jungen König Eduard VI. auf der Grundlage dieses Werkes zu unterrichten106. Für Aristoteles waren großzügige Geschenke vor allem ein Zeichen, mit dem ein Mensch seine Überlegenheit und Freiheit von Verpflichtungen demonstrieren konnte107; er solle es möglichst vermeiden, Geschenke zu empfangen, da ihn dies in eine unterlegene Position bringe.108 Wie alles andere auch könne man Großzügigkeit übertreiben, was auf eine niedere Gesinnung schließen lasse.109 Er betont die Wichtigkeit der geistigen Haltung des Schenkenden110 und sieht die Relation zwischen den Möglichkeiten des Schenkenden und der Kostbarkeit des Geschenks: „So steht also nichts, daß jemand, der weniger gibt, dennoch der Großzügigere ist, wenn er eben weniger zu geben hat.“111 Schließlich stellt er eine Handlungsmaxime auf, die nicht nur für das Buchgeschenk im England der Reformationszeit von zentraler Bedeutung war: „Und seine Erkenntlichkeit pflegt [der Hochsinnige] mit reichlicherer Gegengabe zu bekunden, denn so muß der ursprüngliche Geber noch obendrein zum Schuldner werden […].“112 Eine starke Betonung der Notwendigkeit einer Gegenleistung findet sich auch in Senecas De beneficiis, ebenfalls weit verbreitet im England der Reformationszeit; für Seneca ist Undankbarkeit ein Verbrechen, wie es schlimmer kaum sein könnte. Er legte großen Wert darauf, dass ein Geschenk für den Empfänger geeignet sein müsse113, und die in dieser Arbeit zu Grunde gelegte geberzentrierte Geschenkperspektive findet sich auch bei ihm: „It is clear that, according to Seneca, for giving to exist, a generous gesture must be regarded as unilateral.“114 Es ist schwer nachzuweisen, ob diese ← 45 | 46 → Auffassung direkte Auswirkungen auf die Vorgehensweise der Schenkenden hatte, aber die Tatsache, dass viele Geber ihre Geschenke mit rhetorischen Mitteln in der Zueignung präsentierten, obgleich sie den Empfänger kaum oder gar nicht kannten, zeigt zumindest, dass sie Senecas Perspektive offenbar teilten. Cicero wiederum befasste sich in De officiis, ein ‚steady-seller‘ im England der Tudorzeit115, im Wesentlichen mit den praktischen Bedingungen und Manifestationen des Schenkens und gab Hinweise, wie man viele der bereits erwähnten Probleme in Zusammenhang mit dem Schenken vermeiden kann116; insbesondere auf die sorgfältige Auswahl der potenziellen Gabenempfänger solle geachtet werden117, eine Problematik, die von den Buchschenkern des 16. Jahrhunderts klar erkannt wurde. Insbesondere die Dankbarkeit steht im Mittelpunkt seines Geschenkdiskurses.118 Für den in dieser Arbeit behandelten Zeitraum, in dem sich viele dieser antiken Konzeptionen wiederfinden, hält Lawrence V. Ryan fest:

In the Tudor mind […] ingratitude was a particular heinous vice because it was regarded as monstrous or unnatural, literally against nature or ‘kind’. In a monarch, it was especially offensive, since it was opposed to the ‘nature’ of the ruler as embodied in the Aristotelian ideal of magnanimity (megalopsychía).119

Da viele Buchschenker im England des 16. Jahrhunderts sich bemühten, mittels ihrer Geschenke in eine Patronagebeziehung mit einem wohlhabenden Gönner einzutreten, sollte man erwarten, dass Dankbarkeit und Undankbarkeit unter Berufung auf die antiken Vorbilder eine wichtige Rolle etwa in Zueignungen spielen, und diese Erwartung wird von den konkreten Beispielen erfüllt. Es ist jedoch keineswegs so, dass alle antiken Maximen zum Schenken im 16. Jahrhundert befolgt worden wären. Ein Beispiel dafür, dass sie durchaus ignoriert beziehungsweise kreativ interpretiert werden konnten, liefert Ciceros Mahnung, nicht mit dem Blick auf den eigenen Gewinn, sondern auf den des Beschenkten ← 46 | 47 → zu schenken120. Gerade das Buchgeschenk im religiösen Kontext bot den Schenkern ein weites Feld, um mit diskursiven Mitteln den Wert ihres Geschenks für den Beschenkten zu unterstreichen, so dass sie sich nominell im Einklang mit Ciceros Vorgabe befanden (siehe auch das folgende Kapitel zur Selbstreflexivität des Buches).

2.3.2 Largesse und die Anerkennung

Die antike Ethiklehre muss einen zentralen Platz in der Geistesgeschichte des Geschenkdiskurses einnehmen, aber auch das mittelalterliche Prinzip der largesse, der Großzügigkeit121, muss hier Berücksichtigung finden, auch wenn es auf den ersten Blick nur für die wohlhabenderen Schichten von Bedeutung ist. “[…] Generous giving, among nobles of all levels […] was […] a quintessential aristocratic virtue […]”.122 Diese hohe Wertschätzung der Großzügigkeit geht auf vorchristliche Traditionen zurück und unterscheidet sich nicht wesentlich von der herausragenden Rolle, die die Anthropologie den Geschenken in Stammesgesellschaften zuschreibt123. Jürgen Hannig sieht diese Mechanismen auch in der mittelalterlichen Gesellschaft am Werk: „[…] Diese permanente Demonstration der Fähigkeit zur verschwenderischen Ausgabe ist als Habitus ein integraler Bestandteil der früh- und hochmittelalterlichen Praxis der Adelsgemeinschaft.“124 Er geht davon aus, dass dieser Brauch bis in das 16. Jahrhundert hinein Bestand hatte.125 Die Fürstenspiegel des Mittelalters und der Frühen Neuzeit geben einen guten Eindruck von der Bedeutung, der der largesse als adliger Tugend beigemessen wurde.126 In Nachahmung der adligen Sitte konnten auch gesellschaftliche ← 47 | 48 → Aufsteiger durch largesse ihren gesellschaftlichen Rang demonstrieren; in der Literatur spiegelt sich dieses Phänomen wider, etwa in Thomas Deloneys Roman Jack of Newbury.

Auch wenn die largesse als Ideal weit verbreitet war, war sie keineswegs überall vorzufinden, sondern hing sowohl von den Möglichkeiten des Einzelnen als auch seiner persönlichen Disposition ab: “Can we speak of the nobility as a social class, acting with any sort of unity of cohesion? The answer is negative in both instances. The variety of behavior displayed within their ranks […] was the widest possible – from no recorded philanthropy at all to the most lavish sort of gift-giving.”127 Für die Praxis des Buchschenkens im 16. Jahrhundert war die Tradition der largesse nicht deswegen von Bedeutung, weil adlige Buchschenker ihre Großzügigkeit durch teure Buchgeschenke demonstrieren wollten; für solche Zwecke hatten sie weitaus eindrucksvollere Möglichkeiten. Die largesse stellte vielmehr eine Maxime dar, an die ein Buchschenker appellieren konnte, wenn sein Empfänger der entsprechenden Gesellschaftsschicht angehörte, und bot somit neben der Dankbarkeit einen weiteren diskursiven Hebel, mit dem die Wahrscheinlichkeit auf eine großzügige Gegenleistung erhöht werden konnte.

2.3.3 Caritas und das Seelenheil

Der dritte für den Geschenkdiskurs relevante Traditionsstrang ist die christliche Nächstenliebe, caritas, die es dem Christenmenschen auferlegt, Almosen128 zu geben und, falls finanziell realisierbar, Klöstern und Kirchen Schenkungen zu ← 48 | 49 → machen129, um sein Seelenheil zu gewährleisten, welches ein Geschenk Gottes darstellt130. Bücher als Geschenke sind für diese Tradition nicht von Bedeutung; obgleich in der Bibel an zahlreichen Stellen von Geschenken die Rede ist131, ist von Büchern nicht die Rede, und Bücher eignen sich auch nicht als Almosen oder Opfergaben, wenngleich man das in der Einleitung erwähnte Buchgeschenk an die Nonnen von Syon als pro caritate interpretieren könnte. Ein Element des christlichen Geschenkdiskurses, das auf die Buchgeschenkpraxis übertragen werden kann, hängt mit dem relativen Wert eines Geschenks zusammen. So ist gemäß christlicher Lehre nicht der materielle Wert der Geschenke entscheidend, sondern ihr relativer Wert zum Vermögen des Schenkenden und vor allem die seelische Einstellung, in der Geschenke gemacht wurden. So predigte etwa Leo der Große über eine Witwe, die auf Grund ihrer Armut lediglich zwei Heller spendete:

Dies brachte ihr eine solch rühmende Anerkennung von Seiten Jesu Christi, dass sie trotz ihrer geringwertigen Gabe für würdig befunden wurde, allen voranzugehen, die eine Spende dargebracht hatten […] Denn verglichen mit den reichen Gaben derer, denen immer noch viel übrig blieb, bestand das kleine Geschenk dieser in ihrer ganzen Habe.132

Auch die Buchschenker des 16. Jahrhunderts betonten häufig, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein maximal wertvolles Geschenk machten, für das sie dann auch entsprechend dieses relativen Wertes entlohnt werden wollten; die philosophische Grundlage hierzu dürften sie jedoch eher in der Ethik als in der christlichen Tradition gefunden haben. Keine Spuren im Geschenkdiskurs im England des 16. Jahrhunderts scheint übrigens die Tradition der Ablehnung von Geschenken aus religiösen Gründen hinterlassen zu haben, wie sie der namenlose Eremit ← 49 | 50 → aus der Historia Lausiaca133 oder der alttestamentarische Prophet Elischa134 demonstrierten; in einem religiösen und gesellschaftlichen Klima, in dem Weltabgewandtheit und Askese keine erstrebenswerten Ziele, Bildung und Gelehrsamkeit hingegen von herausragender Bedeutung waren, wäre ein solches Verhalten oder auch nur ein affirmativer Diskurs darüber vermutlich auf Unverständnis gestoßen. Insgesamt muss man festhalten, dass der christliche Traditionsstrang für die Buchgeschenkpraxis der Zeit praktisch bedeutungslos blieb. Die von den Reformatoren geführte Geschenkdiskussion gehört bereits zum nun folgenden zeitgenössischen Geschenkdiskurs.

2.3.4 Der zeitgenössische Geschenkdiskurs

Natalie Zemon Davis stellt in ihrer Untersuchung des Geschenkverhaltens im Frankreich des 16. Jahrhunderts fest:

However different might appear, say, the passage of an office to a client, of a book of hours to a noble niece, and of pins to a serving girl, they were still linked together by the categories and words used to describe them and by the virtues and values they were thought to express in the giver and arouse in the recipient.135

Diese Beobachtung lässt sich auch auf das England der Reformationszeit anwenden, wo sich ebenso viele mögliche Ausprägungen und Funktionen von Geschenken finden ließen wie an anderen Orten und Zeiten und wo die beteiligten Akteure vermutlich ebenso häufig über das Schenken reflektierten wie beispielsweise in Frankreich oder in Deutschland. Zeitgenössische Autoren sowie Übersetzer und Kompilatoren klassischer und mittelalterlicher Texte führten einen regen Diskurs über das Thema, meist im Zusammenhang mit Themen wie Freundschaft, Großzügigkeit, Verpflichtung, Hilfe für den Nächsten und natürlich religiösen Ideen. Die überaus populären Adagia des Erasmus von Rotterdam enthielten mehrere Sprichwörter, die sich auf einen Geschenkdiskurs anwenden ließen und deren Aussagen sich im Geschenkdiskurs (und, wie sich zeigen wird, der Geschenkpraxis) der Zeit wiederfinden.136 ← 50 | 51 →

Die Konstantinische Schenkung

Abstraktere Überlegungen zum Schenken wurden jedoch ebenfalls angestellt. Als wichtiger Text für den zeitgenössischen Diskurs muss Lorenzo Vallas 1451 verfasstes Werk De falso credita et ementita Constantini donatione declamatio gelten, in dem er den Nachweis für die Unmöglichkeit der Konstantinischen Schenkung präsentierte137 und das in England 1534 von Thomas Godfray für den Drucker und Übersetzer William Marshall (+1540) gedruckt wurde138. Vallas Werk wurde insbesondere um 1538/39, die Zeit der Exkommunizierung Heinrichs VIII., von mehreren Seiten intensiv rezipiert, so etwa von Thomas Cranmer139 und vom Höfling und Übersetzer Henry Parker, Lord Morley (1480/81–1556)140. William Marshall selbst hatte es Thomas Cromwell (c.1485–1540) geschenkt, dem zu dieser Zeit wichtigsten Berater Heinrichs VIII., um dessen Zustimmung zu seiner Übersetzung einzuholen.141 Vallas Werk befasste sich also nicht nur mit Geschenken, sondern fand nachweislich auch selbst als Geschenk Verwendung; er präsentierte in De falso credita allerdings keinen abstrakten Geschenkdiskurs, sondern stellte anhand seines berühmten konkreten Beispiels zahlreiche theoretische und praktische Aspekte des Schenkens dar, die in allgemeinerer Form auf andere Umstände und Situationen übertragbar waren.

Die Implikationen eines Geschenks bildeten für Valla eine zentrale Grundlage für seine Argumentation, mit der er die Konstantinische Schenkung als etwas darstellte, das unmöglich stattgefunden haben konnte. Als Definitionsmerkmal galt für ihn, dass ein Geschenk nicht Teil eines ökonomischen Austauschprozesses sein dürfe: “[…] Insolens sit, quisquis remunerationem loco munerum ponit.”142; Valla teilte also die überlieferte Auffassung, derzufolge Geschenk und kommerzielle Transaktion scharf zu trennen seien. Das Argument, dass Konstantin sich durch dieses Geschenk für seine Heilung von der Lepra bedanken wollte – dem Beispiel Naamans folgend, der den Propheten Elischa mit Geschenken für denselben Dienst belohnen wollte – konterte Valla mit der Feststellung, dass Elischa ← 51 | 52 → diese Geschenke abgelehnt habe143, da sie seiner Mission geschadet hätten.144 Damit einhergehend wies er die Echtheit der Schenkung schon allein deshalb zurück, weil niemand – und vor allem kein mächtiger Herrscher – etwas ohne Gegenleistung hergebe, dessen Besitz und Mehrung untrennbare Teile seines Wesens seien.145 Auch eine christliche Begründung, basierend auf der Bekehrung Konstantins, konnte Valla nicht anerkennen: „Quasi religiosum sit magis regnum quam pro tutela religionis illud administrare!“146 Für Valla war es damit geradezu unchristlich zu schenken, wo man in eigener Person mit dem verschenkten Gut dem christlichen Glauben einen wesentlich größeren Dienst hätte erweisen können. Damit erkannte Valla einen negativen Aspekt des Schenkens an: Für ihn hat ein Schenkender die Verantwortung, sein Geschenk sinnvoll und – relativ zu einem bestimmten Zweck, in diesem Falle die Stärkung des Christentums – zielgerichtet einzusetzen und somit nicht das Recht, da zu schenken, wo es diesem Ziel dienlicher wäre, er behielte das entsprechende Gut147. Schenken war in Vallas Augen somit ein Akt, der auch ohne jede böse Absicht des Schenkenden schädlich sein konnte, sofern der Blick nicht auf die individuelle Intention des Schenkenden, sondern auf Auswirkungen im größeren Maßstab gerichtet war; hier zeigt Valla ein deutliches Bewusstsein für die Wichtigkeit, mehrere Ebenen von Intention und Auswirkungen für die Geschenkpraxis zu berücksichtigen und die Bewertung eines Geschenkvorgangs eben nicht ausschließlich von der Wirkabsicht des Schenkenden abhängig zu machen. Auch Vallas nächstes Argument gegen die Konstantinische Schenkung hatte mit dem Einnehmen einer weiteren Perspektive zu tun, denn die Auswirkungen auf andere Beteiligte waren für Valla ebenfalls ein Grund, warum die Schenkung nicht stattgefunden haben konnte: An einer so großen und bedeutenden Gabe müsse unausweichlich eine Vielzahl von Menschen indirekt beteiligt gewesen sein, und diese Personen hätten Einfluss auf den Geschenkvorgang genommen.148 Erneut erweiterte Valla sein Blickfeld über die dyadische Geschenkbeziehung hinaus auf das Umfeld, in diesem Fall in einem sehr konkreten Sinne. Selbst wenn all die bereits erwähnten Faktoren nicht ausschlaggebend gewesen wären, hätte Sylvester überhaupt nicht das Recht gehabt, das Geschenk anzunehmen, da dies Gottes Willen widersprochen hätte: „Est enim principatus praecipuum quoddam Dei munus, ad quem gentiles etiam ← 52 | 53 → principes a Deo eligi existimantur.“149 Mit dieser religiösen Verknüpfung des Geschenkdiskurses betonte Valla, dass, soweit es Konstantin betreffe, niemand etwas verschenken und, bezüglich Sylvesters, niemand etwas annehmen dürfe, wenn diese Geschenktransaktion Gottes Willen widerspreche; der Handlungsfreiheit bei Schenken und Annehmen waren in Vallas Augen also Grenzen gesetzt, und nicht jedes Eigentum konnte gleich behandelt werden, sondern musste zu christlichen Wertvorstellungen in Beziehung gesetzt werden, bevor darüber entschieden werden konnte, ob es verschenkt werden durfte. Auch ohne diese von Gott gesetzte Grenze hätte laut Valla der Papst die Schenkung zurückweisen müssen, weil sie der Kirche schlussendlich geschadet statt genutzt hätte150 – das Danaergeschenk der Antike, hier von Valla in einen christlichen Kontext integriert: Schädliche Geschenke sollten zurückgewiesen werden, was auch für korrumpierende Geschenke gelten muss: „Ego sacerdos sum ac pontifex, qui dispicere debeo quid ad altare patiar offerri, ne forte, non dico immundum animal offeratur, sed vipera aut serpens.“151 Selbst wenn man Sylvester zutraue, er ignoriere sowohl göttliche Anweisungen als auch die Pflichten seines Amtes, so hätte er schon aus Gründen der Selbsterhaltung das Geschenk ablehnen müssen: „Eamus nunc et dicamus Constantinum gratificari voluisse Silvestro, quem tot hominum odiis, tot gladiis subiceret ut vix, quantum sentio, unum Silvester diem in vita futurus fuisset.“152

Utopia

Es wird deutlich, dass Valla überaus bewusst war, welche Komplikationen Geschenke mit sich bringen konnten und dass er sie keineswegs als durchweg positiv betrachtete. Diese Auffassung wurde vermutlich vom Lordkanzler Heinrichs VIII., Thomas Morus (1478–1535), geteilt, wenn man seinen Roman Utopia153 als Indikator nimmt. Die Bewohner dieses fiktiven Landes haben nicht nur kein Geld, sondern auch keinen Privatbesitz154, ohne den die Idee eines Geschenkvorgangs keinen Sinn macht; Morus lässt allerdings ein Verständnis für diese Tatsache vermissen: “In the annual gathering at Amaurot […] they survey the ← 53 | 54 → island to find out where there are shortages and surpluses, and promptly satisfy one district’s shortage with another’s surplus. These are outright gifts; those who give get nothing in return from those who receive”155. Für Morus scheint die Definition eines Geschenks direkt an das Fehlen von Reziprozität gekoppelt zu sein; er übersieht allerdings, dass diese Umverteilung kein Geschenkvorgang sein kann, wenn man das Motto der Utopier “everything is shared equally”156 zu Grunde legt: Wenn allen alles gehört, kann niemand etwas davon verschenken. An anderer Stelle erwähnt Morus, dass die Utopier – in anderen Ländern: kostbare – Edelsteine sammeln, um sie ihren Kindern zu schenken, die jedoch rasch das Interesse an ihnen verlören (“But after, when they grow a bit older and notice that only babies like such toys, they simply put these trifles away […]”157). Morus’ ideale Gesellschaft ist zwangsläufig eine, die ohne Geschenke auskommt. Lediglich der Kontakt mit der Außenwelt ermöglicht den Utopiern das Eintreten in eine Geschenkbeziehung, und selbstverständlich schenkt Morus’ Protagonist Raphael Hythloday den Utopiern Bücher158; da die Utopier in materieller Hinsicht bestens versorgt sind, können lediglich die in Büchern enthaltenen Informationen ein echtes Geschenk für sie darstellen, und Morus nutzt diesen Geschenkvorgang, um seine Meinung zur Literatur seiner Epoche zu präsentieren.

Das Geschenk in den Paratexten der Zeit

Wirft man einen Blick auf die Paratexte von Büchern im England der Reformationszeit, so stellt man fest, dass explizite theoretische und abstrakte Überlegungen zu Geschenken nur gelegentlich zu finden sind, obgleich diese als Medium geistiger Buchgeschenke (näher beschrieben im folgenden Kapitel) für einen solchen Diskurs eine geeignete Plattform dargestellt hätten; wie die Fallbeispiele zeigen werden, wurde über Geschenke meist anlässlich des konkret vorliegenden Buchgeschenks reflektiert. Der Höfling Anthony Cope (1486/87–1551) stellte in seiner Zueignung seines A godly meditacion upon xx. select and chosen Psalmes159 für Königin Catherine Parr einige theoretische und historische Überlegungen zum Geschenk an, wobei sich für ihn Neujahrsgeschenke – der Anlass für sein Buchgeschenk – grundsätzlich auf eine bereits bestehende Beziehung, also auf die Vergangenheit, beziehen und nicht, wie es Brauch war, als gutes Omen für die Zukunft gelten sollten: “[…] I thynke not so commendable, which is, that the gyft ← 54 | 55 → should be a token or presage of good fortune to come […] So […] ought the newe yeres gyftes to be delivered, onely as a testimony of the hertie service or lovynge myndes of the givers.”160 – ein Neujahrsgeschenk sollte folglich nicht dazu verwendet werden, um neue Verbindungen zu knüpfen oder um Patronage zu ersuchen, sondern sollte eine bereits bestehende Beziehung zementieren. Explizit auf Seneca bezog sich der antikatholische Schriftsteller und Drucker William Baldwin (+ c.1563) in der Zueignung seiner Übersetzung des Hohen Liedes, The canticles or balades of Salomon161 an König Eduard VI.: “[Seneca] willeth that mete thinges be not unmetely given, as armoure to women, nettes to studentes, nor bokes to plowmen, but that all giftes be helpfull or at leastwise aunswerable to his trade of lyfe and estate, that they be geven unto.”162 Baldwin war sich also eindeutig des Umstandes bewusst, dass ein Geschenk zum Beschenkten passen muss; in einer Variation des Bescheidenheitsgestus bittet er humorvoll um Nachsicht mit seinem Geschenk: “We have an English proverbe whiche teachyng to take gyfts thankfully, and to fynde no fault with them, sayth: Loke not a geven horse in the mouth. […] This is such an horse […] I doubt not wyll bryng a man to Christe, if the reader (I should say rider) will endure to sit him […].”163 Die aristotelische Betonung der Wichtigkeit der geistigen Haltung des Schenkenden, die vom Beschenkten unabhängig vom materiellen Wert des Geschenkes gewürdigt werden sollte, findet sich in der an Heinrich VIII. adressierten Zueignung der englischen Übersetzung von Wolfgang Capitos Precationes Christinae ad imitationem psalmorum compositae; der evangelikal gesinnte Übersetzer Richard Taverner (1505?–1575) hält seinen königlichen Geschenkempfänger dazu an, dem Beispiel der Könige des Altertums zu folgen, “estemyng rather the prompt and ready wyl of the gyvers, than the pryce of the thynges given […].”164 Auch Thomas Elyot stellt klar, dass der Empfänger seines The boke named the Governour, König Heinrich VIII., dem Beispiel des persischen Königs Artaxerxes folgen möge: “[…] Who rejected nat the pore husbond man/ whiche offred to hym his homely handes full of clene water/ but mooste graciously receyved it with thankes/ estemynge the present nat after the value/ but rather to the wyll of ← 55 | 56 → the gyver”165. Im Haupttext selbst nimmt Elyot eindeutig Bezug auf den antiken Geschenkdiskurs und spricht diesen Punkt erneut an: “[…] Liberalitie, as Aristotle said, is a measure, as well in gyuing as in takyng of money and goodes. And he is only liberall, whiche distributeth accordyng to his substance […] Liberalitie […] resteth nat in the quantite or qualitie of thinges that be gyuen, but in the natural disposition of the gyuer.”166 Sowohl Taverner als auch Elyot lösen hier explizit die Verbindung zwischen materiellem und nicht-materiellem Wert, wobei sie Letzteren betonen, ein rhetorisches Vorgehen, das sich in so vielen Zueignungen dieser Zeit finden lässt, dass es als Topos bezeichnet werden kann. Die schon von Seneca verurteilte Undankbarkeit ist auch für Elyot ein schlimmes Vergehen: “The moste damnable vice and moste agayne iustice, in myne opinion, is ingratitude […].”167 Geschickt transformierten Elyot und andere gelehrte Buchschenker dieser Epoche so auf der Grundlage überlieferter Auffassungen, die ein Empfänger in einer Zeit, in der Gelehrsamkeit vor allem Kenntnis der Antike und Tugend vor allem Anerkennung des Vorbildcharakters ihrer Wertvorstellungen bedeutete, nicht einfach ignorieren konnte, das Schenken eines Objektes von geringem materiellen Wert durch rhetorische Aufwertung in ein hochwertiges Geschenk. Zur gleichen Zeit stellten diese Buchschenker Undankbarkeit als Todsünde hin, womit dem Beschenkten im Grunde genommen kaum eine Wahl blieb, als sich großzügig für das Geschenk erkenntlich zu zeigen. Die eine solche Taktik verwendenden Buchschenker demonstrierten auf diese Weise nicht nur, dass es möglich war, einen Empfänger in eine Geschenkbeziehung quasi zu zwingen; sie zeigten auch, dass ein Buch als Geschenk für einen solchen Zweck hervorragend geeignet war, denn es erlaubte das Führen eines Diskurses über sich selbst: In gewissem Sinne sprach das Geschenk über das Schenken, wodurch die ohnehin von allen Geschenkarten geteilten symbolischen, sozialen und psychologischen Funktionen durch den Einsatz diskursiver Mittel noch unterstützt wurden. Diese diskursiven Mittel erlaubten es dem Schenker, die jeder symbolischen Kommunikation innewohnende Unbestimmbarkeit ebenso zu reduzieren wie die Möglichkeit eines Missverständnisses oder eine falsche Einschätzung des Gegenübers – etwa in Bezug auf dessen klassische Bildung: Der Schenker konnte sich kaum darauf verlassen, dass seinem Adressaten die nachahmenswerten Vorbilder aus der Antike oder der Bibel so geläufig waren wie ihm, also war es sinnvoll, diese Beispiele explizit zu erwähnen. Es überrascht daher nicht, dass ← 56 | 57 → viele ‚geistige Buchschenker‘ von dieser Vorgehensweise Gebrauch machten, so etwa auch der Bischof von Durham, James Pilkington (1520–1576), der in einem Brief an den Züricher Reformator Rudolf Gualther (1519–1586) schrieb: “Your prudence knows how to estimate things according to the intention of the giver, and not according to the value of the gift.”168 – eine Wendung, die in ähnlicher Form in zahlreichen zeitgenössischen Zueignungen zu finden ist.

Auch andere Geschenkaspekte wurden von den Buchschenkern des 16. Jahrhunderts angesprochen. In der an Thomas Cromwell gerichteten Zueignung seines Castell of Helthe demonstriert erneut Thomas Elyot ein Bewusstsein dafür, dass Schenken kein Nullsummenspiel ist und jeder der Beteiligten von ihm profitieren kann: “He in gyvynge receyveth a benefite, which gyveth to him that is worthy to have it.”169 Das Seneca-Dictum “He giveth twise that gyveth quyckly […]”170 dient ihm als Rechtfertigung dafür, dass die erste Fassung seines Werkes so mit Fehlern behaftet gewesen sei, dass eine rasche Neuauflage erforderlich wurde; die richtige zeitliche Platzierung eines Geschenks, die im Verlaufe dieser Arbeit noch thematisiert werden wird, ging hier auf Kosten der Qualität, die für Elyot also offenbar nicht höchste Priorität hatte. Eine Anerkennung des ökonomischen Konzepts des komparativen Kostenvorteils im Rahmen eines Buchgeschenks findet sich in der Zueignung, die Edmund Guest (1514–1577), unter Königin Elisabeth Bischof von Rochester und Salisbury, seinem Cambridge-Kollegen John Cheke am Anfang seines Werkes A treatise againste the preuee masse171 macht: “For why it is godes oppen wyll that not they alone, whom he hath mercifully delyvered ten or fyve talentes unto, but they also, who have freelye receaved at hys mercye handes, but one talent, shuld occupy the same, to hys most avauntage, and not enwrappe it […] in a napkyn.”172 Sein Buchgeschenk ← 57 | 58 → macht Guest folglich aus dem einfachen Grund, weil er die dazu notwendigen Fertigkeiten hat; auch wenn seine Betonung, er habe nur ein einziges Talent von Gott erhalten, wohl in den Bereich des Bescheidenheitsgestus gerückt werden muss, so spielte die Umsetzung dieses Prinzips für das religiöse Buchgeschenk dieser Epoche eine bedeutende Rolle, wie die Fallstudien zeigen werden. Da Guest als Bischof eigentlich dazu verpflichtet war, seiner Königin zum Neuen Jahr ein Geldgeschenk zu machen, ist es interessant, dass er 1564 offenbar von dieser Auflage befreit war und Elisabeth stattdessen ein Buchgeschenk machte173; dieser Vorgang legt die Idee nahe, dass zumindest in stark regulierten Geschenkvorgängen wie eben Neujahrsgeschenken an die Monarchin die Möglichkeit bestand, durch ein Buchgeschenk um ein anderes, teureres Geschenk herumzukommen; die mit rhetorischen Mitteln durchgeführte Betonung des hohen (nicht-materiellen) Wertes eines Buchgeschenks könnte somit nicht nur die bereits erwähnte Funktion haben, möglichst großzügige Dankbarkeit zu erlangen, sondern auch dazu dienen, den Schenker unangenehmen (in diesem Falle teuren) Verpflichtungen zu entziehen. Dass Geschenke auch ohne eine explizite Austauschregulierung eine verpflichtende Wirkung haben, war den Beteiligten der Epoche selbstverständlich bewusst und wurde regelmäßig angesprochen, sowohl bezogen auf konkrete Geschenkvorgänge als auch in einem abstrakteren Sinne. Während der Regierungszeit Maria Tudors schrieben der geistliche Autor Thomas Lever (1521–1577) und die Exulantengemeinde in Aarau an den Vorsteher der Züricher Gemeinde und Nachfolger Huldrych Zwinglis, Heinrich Bullinger (1504–1575), der sie mit Buchgeschenken bedacht hatte: “[…] We have no means of returning the obligation […] and in return send you what alone we can do, namely, our thanks, our affectionate regard, and a frequent mention of you our master in our prayers.”174 Die Briefe von Bullingers Freund und wichtiger Kontaktperson in England vor der Zeit Eduards VI., Richard Hilles (c.1515–1587), legen den Eindruck nahe, dass Hilles sich vom Züricher Antistes ‚überbeschenkt‘ fühlte: “[I] am sorry that you should always be sending me presents, when I have here nothing worth sending to your kindness in return […] Wherefore be sparing, I pray you, sir, of your presents, and notwithstanding entertain no doubt of our regard towards you.”175 ← 58 | 59 →

Ein Geschenkdiskurs stellte auch einen wesentlichen Kern der reformatorischen Bestrebungen dar. Durch die Betonung der göttlichen Gnade als bedingungslosem Geschenk Gottes machten die Reformatoren deutlich, dass sie das Verhältnis zwischen Gott und Mensch als außerhalb des ökonomischen Kreislaufs betrachteten176, den die Katholiken ihrer Meinung nach zu seiner Grundlage gemacht hatten. Die Auffassung von Jean Calvin (1509–1564), dargelegt in seinem Werk Institutio Christianae Religionis, war, dass die Gaben Gottes immer als freie Geschenke zu verstehen seien177; der evangelikale Autor Richard Tracy (c.1501–1569) betonte im Vorwort zu seinem Profe and declaration of thys proposition: fayth only justifieth: „[Euery] good gifte, and euery parfect gyfte, is from aboue, and commeth downe from the father of lyght.“178 Sowohl die Idee des bezahlten Ablasses als auch des durch gute Werke aufgefüllten ,Kontos im Himmel‘ entfernten aus dem Blickwinkel der Reformatoren das Verhältnis des Menschen zu Gott zu weit weg von einem Kontext des Geschenkes. Im 1581 gedruckten Katechismus des schottischen Geistlichen John Craig (1512/13–1600) hieß es unmissverständlich: “Do not the good workes of the faithfull merit eternal life? No, for then Christ should not be our only savior.”179 – eine Überzeugung, der sich Heinrich VIII. bekanntlich trotz seines Bruches mit Rom niemals anschließen konnte. “In a profound sense, the religious reformations of the sixteenth century were a quarrel about gifts, that is, whether humans can reciprocate to God, about whether humans can put God under obligations, and about what this means for what people should give to each other.”180 Dabei war die reformatorische Position eindeutig: In klarer Anerkennung der Tatsache, dass Geschenke Verpflichtungen nach sich zogen, bedeuteten alle Praktiken, in denen gegenüber Gott etwas bezahlt oder geopfert wurde, zwangsläufig eine Einschränkung seiner ← 59 | 60 → Allmacht. “[…] The mass did establish a model of close gift reciprocity between humans and God the Father, the forces of exchange moving back and forth across the same field, and its frequent repetition nourished the human hope for divine favor.”181 Es ist daher nicht überraschend, dass die Messe einen von den Reformatoren besonders häufig attackierten Brauch darstellte. Auch Geschenke (Opfergaben) an die beziehungsweise zu Gunsten der Verstorbenen fielen für sie zwangsläufig aus dem christlichen Glauben heraus; Ilana Krausman Ben-Amos betont “the decisive role that the Reformation played in severing these ties between man and God, and in eradicating the traditional understanding of reciprocal interactions between the world of the living and that of the afterlife.”182 Der Umstand, dass das religiös motivierte Schenken in der Frühen Neuzeit offenbar zurückging183, wird dadurch erklärbar. Reformbestrebungen innerhalb der katholischen Kirche während des 16. Jahrhunderts setzten ebenfalls häufig an der do ut des – Praxis an; so verboten beispielsweise die Jesuiten ihren Mitgliedern, Bezahlungen für Gebete, Messen oder Beichten anzunehmen.184

Auch in fiktionalen Texten spiegelte sich der Geschenkdiskurs der Zeit wider; ein Beispiel hierfür stellt der bereits erwähnte Roman Jack of Newbury185 des Roman- und Balladenautors Thomas Deloney (+ c.1600) dar. Jack of Newbury ist die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufsteigers: Der Protagonist, ein erfolgreicher Weber und Tuchmacher, weiß sich vor allem durch gut platzierte Geschenke – insbesondere durch seine Bereitstellung von Kriegern, die weit über das von Rechts wegen Erforderliche hinausgeht186 – in der guten Gesellschaft des frühen 16. Jahrhunderts zu positionieren; dass er damit Erfolg hat, wird ihm von niemandem anderes als der Königin selbst bescheinigt: “Welcome to me Jack of Newberie, said the Queene, though a Clothier by trade, yet a Gentleman by condition […].”187 Geschenke erweisen sich für Jack also als Möglichkeit, die vorhandenen Barrieren in einer Gesellschaft, in der die Herkunft das entscheidende Kriterium darstellte, zu überwinden.188 Aber Geschenke spielen auch in Jacks ← 60 | 61 → Umgebung eine Rolle, etwa bei der Werbung der drei Freier um die Hand der reichen Witwe189, die durch die Zurückweisung ihrer Geschenke ihre Ablehnung der mit diesen verbundenen Heiratsanträge symbolisch kommuniziert: “[…] And as for the meate you sent, as it was unrequested of mee, so had you your part thereof, and if you thinke it good to take home the remainder, prepare your wallets and you shall have it […].“190 Die Witwe zeigt sich hier der verpflichtenden Wirkung von Geschenken bewusst, während die Magd Joan, die von dem italienischen Tuchhändler Benedict mit zahlreichen Geschenken umworben wird, diese wohl akzeptiert, aber den Schenker selbst zurückweist191, was zeigt, dass diese verpflichtende Wirkung auch ihre Grenzen hat; als Mitglied der Unterschicht kann es sich Joan vermutlich eher leisten, der allgemeinen Sitte nicht Folge zu leisten. Offensichtlich symbolischer Natur ist das Geschenk, das die Tuchmacher Heinrich VIII. bei seinem Besuch in ihrem Haus machen: Ein vergoldeter Bienenkorb mit goldenen Bienen, dessen Bedeutung in einer Inschrift erklärt wird: “Loo here presented to your Roiall sight / The figure of a flourishing Common-wealth […]”192 – mit dem Hintergedanken, der König möge für Frieden zwischen England und den anderen europäischen Ländern sorgen, damit der Tuchhandel nicht weiter unter den politischen Spannungen leiden müsse193. Auch die weiteren symbolischen Geschenke an den König zielen in dieselbe Richtung.194 Die Königin (Katharina von Aragón) revanchiert sich dadurch, dass sie Jacks Ehefrau ein kostbares Juwel schenkt – “in token of remembrance a most precious and rich Diamond set in gold […]”195, eine Demonstration ihrer Großzügigkeit als Ausweis ihrer adligen Gesinnung. Es ist anzunehmen, dass den zeitgenössischen Lesern die von Deloney entworfene Handlung nicht als komplett unrealistisch erschienen sein dürfte und dass sie die Möglichkeit anerkannten, dass ein Mitglied des Bürgertums wie Jack durch Nachahmung der adligen largesse einen sozialen Aufstieg erlangen konnte. Hierbei geht es jedoch nicht nur um die Demonstration dieser Großzügigkeit durch Geschenke, sondern um die richtige geistige Haltung, die sich unter anderem darin manifestiert, dass Jack sie auch dort an den Tag legt, wo es nicht darum geht, gesellschaftlich über ihm stehende Personen zu beeindrucken. ← 61 | 62 →

Festzuhalten ist, dass es wie für die Antike und das Mittelalter auch für das England des 16. Jahrhunderts keinen einheitlichen Geschenkdiskurs gab. Mehrere Traditionsstränge, verbunden mit zeitgenössischer Reflexion – meist anhand konkreter Beispiele – führten dazu, dass die Beteiligten die Interpretation von Geschenken und Geschenkvorgängen ohne einen vorgefertigten Deutungsrahmen vornehmen konnten, auch wenn gewisse Parameter (etwa das Problem der Undankbarkeit) stabile Eckpfeiler darstellten. In gewisser Hinsicht bot sich den Buchschenkern dieser Epoche die Möglichkeit, diejenigen Traditionen zu berücksichtigen, die für ihre Zwecke von Nutzen sein konnten, und andere zu ignorieren oder umzudeuten. Auch wenn ein direkter Zusammenhang zwischen etwa einer antiken Handlungsmaxime und einem konkreten Buchgeschenk nur selten feststellbar sein dürfte, gestattet es die Kenntnis des zeitgenössischen Geschenkdiskurses doch, die Geisteswelt der Buchschenker im England der Reformationszeit zu verstehen, und der hier skizzierte allgemeine Hintergrund zur Wahrnehmung der Geschenkpraxis im England des 16. Jahrhundert erlaubt es, die Besonderheiten des Buches als Geschenk in dieser Epoche besser einordnen zu können.

59 „[…] Eine umfassende und moderne Theorie des Schenkens […] bleibt weiterhin Desiderat der Forschung.“ (Jan Hirschbiegel: Étrennes. Untersuchungen zum höfischen Geschenkverkehr im spätmittelalterlichen Frankreich zur Zeit König Karls VI. (1380–1422). München. Oldenbourg 2003. S. 10). Für weitere theoretische Überlegungen, die über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen, sei verwiesen an Friedrich Rost: Theorien des Schenkens. Zur kultur- und humanwissenschaftlichen Bearbeitung eines anthropologischen Phänomens. Essen: Verlag Die Blaue Eule 1994 sowie an Frank Adloff / Steffen Mau: „Zur Theorie der Gabe und Reziprozität.“ In: Frank Adloff / Steffen Mau (Hgg.): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt am Main: Campus-Verlag 2005. S. 9–57.

60 Pierre Bourdieu: The Logic of Practice. Cambridge: Polity Press 1990. (S. 110).

61 Jacques Derrida: Falschgeld. Zeit geben I. München: Fink 1993.

62 Lewis Hyde: The Gift. How the Creative Spirit Transforms the World. Edinburgh: Canongate 2006.

63 Fabian Vogt: Die Kunst des Schenkens. Von der Lust, Freude zu bereiten. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel-Verlag 1997.

64 Friedrich Rost: Theorien des Schenkens. Zur kultur- und humanwissenschaftlichen Bearbeitung eines anthropologischen Phänomens. Essen: Verlag Die Blaue Eule 1994.

65 Berking, Schenken, S. 10.

66 Die Literatur zu diesem Thema ist so umfangreich, dass einige Beispiele ausreichen müssen. Für das Hochmittelalter siehe Stephen White: Custom, Kinship and Gifts to Saints. The laudatio parentum in Western France, 1050–1150. Chapel Hill: University of North Carolina Press 1988; ders.: “Service for Fiefs or Fiefs for Service. The Politics of Reciprocity.” In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 63–98; Arnoud Jan A. Bijsterveld: Do ut des. Gift Giving, Memoria, and Conflict Management in the Medieval Low Countries. Hilversum: Verloren 2007; Sybille Schröder: Macht und Gabe. Materielle Kultur am Hof Heinrichs II. von England. Husum: Matthiesen 2004; Ilana F. Silber: “Gift-giving in the Great Traditions: the Case of Donations to Monasteries in the Medieval West.” Archives Européennes de Sociologie 36 (1995), S. 209–243. Für das englische Spätmittelalter und im religiösen Kontext mit dem Schwerpunkt auf Testamenten Joel T. Rosenthal: The Purchase of Paradise. Gift Giving and the Aristocracy, 1307–1485. London: Routledge & Kegan Paul 1972; ebenfalls im religiösen Kontext im spätmittelalterlichen Böhmen John Klassen: “Gifts for the Soul and Social Charity in Late Medieval Bohemia”. In: Österreichische Akademie der Wissenschaften (Hg.): Materielle Kultur und religiöse Stiftung im Spätmittelalter. Internationales Round-Table-Gespräch, Krems an der Donau, 26. September 1988. Veröffentlichungen des Instituts für mittelalterliche Realienkunde Österreichs, Nr. 12. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1990. S. 63–81. Für Frankreich und im höfischen Kontext Hirschbiegel, Étrennes. Das neueste Werk zur Geschenkpraxis im (Früh-) Mittelalter ist Wendy Davies / Paul Fouracre (Hgg.): The Languages of Gift in the Early Middle Ages. Cambridge: Cambridge University Press 2010. Ein guter kommentierter Überblick über den neuesten Forschungsstand – nicht nur zum Mittelalter – findet sich bei Bijsterveld, Do ut des, S. 20–50.

67 Eine Ausnahme bildet die bereits erwähnte Studie von Janika Bischof.

68 Davis, The Gift.

69 Jason Scott-Warren: Sir John Harington and the Book as Gift. Oxford: Oxford University Press 2001.

70 Etwa Ilana Krausman Ben-Amos: The Culture of Giving. Informal Support and Gift Exchange in Early Modern England. Cambridge: Cambridge University Press 2008; für den deutschen Sprachraum Jochen Vötsch: „Geschenke in Gold und Silber. Beobachtungen zur höfischen Praxis bei Moritz von Sachsen.“ In: Ingolf Grässler / André Thieme / Jochen Vötsch (Hgg.): Hof und Hofkultur unter Moritz von Sachsen. Beucha: Sax-Verlag 2004. S. 87–98; Valentin Groebner: “The City Guard’s Salute. Legal and Illegal, Public and Private Gifts in the Swiss Confederation around 1500.” In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 247–267; ders.: Gefährliche Geschenke. Ritual, Politik und die Sprache der Korruption in der Eidgenossenschaft im späten Mittelalter und am Beginn der Neuzeit. Konstanz: UVK 2006. Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive Michael L. LeMahieu: “Gift Exchange and Social Hierarchy in Thomas Deloney’s Jack of Newbury.” In: Linda Woodbridge (Hg.): Money and the Age of Shakespeare: Essays in New Economic Criticism. New York: Palgrave Macmillan 2003. S. 129–141; William West: “Nothing as given: Economies of the gift in Derrida and Shakespeare.” Comparative Literature 48 (1996), S. 1–18; Louis Adrian Montrose: “Gifts and Reasons: The Contexts of Peele’s Araygnement of Paris.” English Literary History, Band 47, Nr. 3 (Herbst 1980), S. 433–461. Aus kunstgeschichtlicher Sicht Alexander Nagel: “Gifts for Michelangelo and Vittoria Colonna.” Art Bulletin 79 (1997), S. 647–668. Zu Geschenken in der ‚Neuen Welt‘ Elvira Velches: “Columbus’ gift: representations of grace and wealth and the enterprise of the Indies.” Modern Language Notes 119:2 (2004), S. 201–225.

71 Gadi Algazi: “Feigned Reciprocities. Lords, Peasants, and the Afterlife of Late Medieval Social Strategies.” In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 101.

72 “Insisting on any prior strict definition of ‘The Gift’ would have yielded an unproductive generalization based on a very limited range of documented cases. […] Scholars adopting any strict definition of what constitutes ‘The Gift’ could always exclude disturbing counter-examples by claiming that they do not fall under their definition of a ‘real’ gift.” (Gadi Algazi: “Doing Things with Gifts.” In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 13f.). Egon Flaig schlägt vor, die Suche nach ‘dem Geschenk’ aufzugeben und sich auf konkrete Erscheinungsformen zu konzentrieren (Egon Flaig: “Is Loyalty a Favor? Or: Why Gifts Cannot Oblige an Emperor”. In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 52 u. 55).

73 “In every society it may be observed that, if it is not to constitute an insult, the counter-gift must be deferred and different.” (Pierre Bourdieu: Outline of a Theory of Practice. Cambridge 2003 [1972]. S. 5; Hervorhebung im Original); „Es] ist deutlich, dass der Geber im Moment des Gebens keine explizite Gegenleistung fordern kann, wenn er nicht die Wirkung der ganzen Transaktion aufs Spiel setzen will.“ (Groebner, Gefährliche Geschenke, S. 13); “Time is at the heart of the gift and reciprocity, while the elimination of time is at the core of a mercantile relationship.” (Jacques Godbout: The World of the Gift. Montreal [u.a.]: McGill-Queen’s University Press 1998. S. 95). Schon Aristoteles hatte in der Nikomachischen Ethik betont, dass der Zeitverzug zwischen Geschenk und Gegengeschenk es beiden Parteien erlaube, als Schenkende die Initiative zu ergreifen, sodass die gesamte Transaktion den Charakter von Entlohnung und Gegenseitigkeit verliere (vgl. Godbout, The World, S. 101).

74 Natalie Zemon-Davis: The Gift in Sixteenth-Century France. Oxford: Oxford University Press 2000. S. 54f. (Hervorhebung im Original).

75 Siehe etwa bei Bronislaw Malinowski: Crime and Custom in Savage Society. London: Routledge & Kegan Paul 1970. S. 39.

76 Algazi, “Doing Things”, S. 17.

77 Vgl. Adelheid Schrutka-Rechtenstamm: „Schenken – ein Kulturphänomen.“ In: Bettina Keß (Hg.): Geschenkt! Zur Kulturgeschichte des Schenkens. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung in den Volkskundlichen Sammlungen der Stiftung in Schleswig vom 9.12.2001 bis 3.3.2002. Heide: Boyens 2001. S. 20f.; Hannig, „Ars Donandi“, S. 150. “The idea of the gift as a generous voluntary gesture by which a person divests himself of his rights in something, to transfer them for the benefit of someone else, is description at a superficial level.” (Firth, Symbols, S. 383).

78 Hierzu etwa Raymond Firth: “By definition a gift is freely made. Any notion of duress is alien to the concept […].” (Firth, Symbols, S. 372).

79 Zur Unterscheidung von instrumentellem und symbolischem (und diskursivem) Handeln siehe Barbara Stollberg-Rilinger: „Symbolische Kommunikation in der Vormoderne. Begriffe – Thesen – Forschungs-perspektiven.“ Zeitschrift für Historische Forschung 31 (2004), S. 496f.

80 Aafke Komter (Hg.): The Gift. An Interdisciplinary Perspective. Amsterdam: Amsterdam University Press 1996. S. 3.

81 Zur Problematik der Definitionsmacht in der Frühen Neuzeit Groebner, “The City Guard’s Salute”, S. 251ff. Die grundsätzlich einseitige Natur des Schenkens wird auch von Karen Sykes unterstrichen: “[Giving] allows for the deploying of the gift in many different ways: as a challenge to another person to respond in kind, a request for future relations with a new partner, and perhaps the pacification of raw feelings.” (Karen Sykes: Arguing with Anthropology. An Introduction to Critical Theories of the Gift. London [u.a.]: Routledge 2009. S. 119). Jean-Luc Marion schlägt in die gleiche Kerbe: “[…] You can perfectly well describe a fully achieved or given gift without implying any receiver.” (John D. Caputo / Michael L. Scanlon: God, the Gift, and Postmodernism. Bloomington Indianapolis: Indiana University Press 1999. S. 62).

82 Vgl. Hirschbiegel, Étrennes, S. 122, unter Rückgriff auf Berking, Schenken, S. 19.

83 Siehe Inge Auerbach: „Lebende Tiere als fürstliche Geschenke im 16. und 17. Jahrhundert.“ Jahrbuch für Volkskunde 25 (2002), S. 161–188.

84 Siehe Davis, „Beyond“.

85 Aus praktischen Gründen wird im Verlaufe dieser Arbeit meist von ‚Geber‘ und ‚Empfänger‘ oder ‚Schenkendem‘ und ‚Beschenktem‘ die Rede sein. Es ist allgemeiner Standard, darauf hinzuweisen, dass damit keineswegs nur das männliche Geschlecht gemeint ist; dies versteht sich auch hier von selbst. Unterstreichen möchte ich allerdings noch einmal bewusst, dass nicht nur das Genus, sondern auch der Numerus dieser Wörter stellvertretend für Paare, Gruppen, Organisationen usw. stehen kann.

86 Jan Hirschbiegel hält etwa für den höfischen Geschenkverkehr fest: „[…] Diese Form des Schenkens […] ist ein Vorgang, der nie nur Schenker und Beschenkte betrifft, sondern selbstverständlich auch die höfische Öffentlichkeit einbezieht […].“ (Hirschbiegel, Étrennes, S. 17).

87 Vgl. Barry Schwartz: “The Social Psychology of the Gift.” In: Komter, The Gift, S. 79.

88 “[…] An integral or culminating feature of these festivities was usually the explicit offering of gifts to the Queen.” (Montrose, “Gifts and Reasons”, S. 450).

89 Die Literatur zur Patronage ist kaum überschaubar. Die neueste Literatur, die für den hier bearbeiteten Zeitraum von besonderem Interesse ist: Ian Verstegen (Hg.): Patronage and Dynasty. The Rise of the della Rovere in Renaissance Italy. Kirksville: Truman State University Press 2007; Paul Douglas McLean: The Art of the Network. Strategic Interaction and Patronage in Renaissance Italy. Durham: Duke University Press 2007; Tim Carter: Music, Patronage and Printing in Late Renaissance Florence. Aldershot: Ashgate 2000. Speziell auf das England der Reformationszeit bezogen: Evenden, Patents, Pictures and Patronage; Michael C. Questier: Catholicism and Community in Early Modern England. Politics, Aristocratic Patronage, and Religion, c.1550–1640. Cambridge: Cambridge University Press 2006; David Moore Bergeron: Textual Patronage in English Drama. Aldershot: Ashgate 2006. Siehe auch Davis, The Gift, S. 61–68.

90 Zu den verschiedenen Ebenen der Erfolgsmessung eines Buchgeschenks siehe Kapitel 5.

91 Vgl. Hirschbiegel, Étrennes, S. 37–41.

92 Philipp II. von Spanien in Briefen an seine Töchter. Nach der französischen Ausgabe von L.P. Gachard übersetzt und mit einer Einführung versehen von Paul Graf Thun-Hohenstein. München: Alber 1947. Brief vom 23. Oktober 1581. S. 35.

93 Vgl. Davis, The Gift, S. 72.

94 Siehe hierzu Davis, The Gift, S. 134–141.

95 Schwartz, “The Social Psychology”, S. 79.

96 Vgl. Komter, The Gift, S. 119.

97 Davis, The Gift, S. 67.

98 Philipp II., Brief vom 1. Mai 1581, S. 18.

99 So geschehen etwa 1469 zwischen Karl von Frankreich und den Gesandten Karls des Kühnen von Burgund (vgl. Petra Ehm: Burgund und das Reich. Spätmittelalterliche Außenpolitik am Beispiel der Regierung Karls des Kühnen (1465–1477). Pariser Historische Studien, Band 61. München: Oldenbourg 2002. S. 279).

100 Donald Poe: “The Giving of Gifts. Anthropological Data and Social Psychological Theory.” Cornell Journal of Social Relations 12 (1), S. 58 (Hervorhebung im Original).

101 Die Ausgabe, die hier zitiert wird, ist Aristoteles: Nikomachische Ethik. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Franz Dirlmeier. Stuttgart: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1983. Zu Überlieferung und Rezeption im Mittelalter siehe Itvàn Bejczy: Virtue Ethics in the Middle Ages. Commentaries on Aristotle’s Nicomachean Ethics, 1200–1500. Leiden: Brill 2008.

102 Flaig, “Loyalty”, S. 53.

103 STC 752, lateinische Übersetzung von Leonardo Bruni.

104 Davon eine englischsprachige Ausgabe, eine Übersetzung von John Wilkinson von Brunetto Latinis Fassung, 1547 von Richard Grafton gedruckt (STC 754).

105 Vgl. Roger Ascham: The Schoolmaster. Hg. von Lawrence V. Ryan. Ithaca: Cornell University Press 1967. S. xxv (Einleitung).

106 Vgl. Lawrence V. Ryan: Roger Ascham. Stanford und London: Stanford University Press 1963. S. 20.

107 Vgl. Flaig, “Loyalty”, S. 53f.

108 Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch IV, Kap. 8, 1124b, S. 82f.

109 Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch IV, Kap. 10, 1125b, S. 85.

110 Vgl. Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch IV, Kap. 2, 1120a, S. 71.

111 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch IV, Kap. 2, 1120b, S. 72.

112 Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch IV, Kap. 8, 1124b, S. 83.

113 Vgl. Seneca, L. Annaeus: De Clementia. De Beneficiis. Über die Milde. Über die Wohltaten. Übersetzt, eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Manfred Rosenbach. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1989. De beneficiis, 1, 11, S. 131–133.

114 Marcel Hénaff: The Price of Truth. Gift, Money, and Philosophy. Stanford: Stanford University Press. S. 264.

115 Erstdruck in englischer Sprache (Übersetzer: Robert Whittington) 1534 von Wynkyn de Worde (STC 5278), bis 1600 mit insgesamt 15 Einträgen in der EEBO-Datenbank verzeichnet.

116 Marcus Tullius Cicero: Drei Bücher über die Pflichten an seinen Sohn Marcus. Übersetzt von Friedrich Richter. Leipzig: Reclam 1918. S 37f., 128f.

117 Cicero, Pflichten, S. 37f., 40, 134, 138f.

118 Vgl. Hénaff, The Price, S. 102; in Ciceros Worten: „[…] Keine Pflicht ist so dringend als Dankbarkeit […] Wohltaten […] nicht zu erwidern, liegt nicht in unsrer Freiheit […]“ (Cicero, Pflichten, S, 39).

119 Ryan, Roger Ascham, S. 170. „Denn einen Undankbaren hassen alle […]“. (Cicero, Pflichten, S. 134).

120 Cicero wirft vielen Schenkern seiner Zeit vor: „Allein die Mehrzahl thut gerade das Gegenteil, denn sie erweisen gerade dem die meiste Aufmerksamkeit, vom dem sie selbst das meiste zu erlangen hoffen, und thun das selbst dann, wenn derselbe gar keine Unterstützung nötig hat.“ (Cicero, Pflichten, S. 40).

121 Zur largesse im Allgemeinen Joachim Bumke: „Höfische Kultur. Versuch einer kritischen Bestandsaufnahme. Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 114 (1992)“, S. 414–492.

122 Silber, “Gift-giving”, S. 220.

123 Der Begriff der Ehre ist bei vielen Stammesgesellschaften direkt an die Großzügigkeit geknüpft (siehe hierzu Mauss, Gabe, S. 84f.).

124 Jürgen Hannig: „Ars Donandi: Zur Ökonomie des Schenkens im frühen Mittelalter“. Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 37 (1986), S. 155.

125 Vgl. Hannig, „Ars Donandi“, S. 153.

126 Zu den Fürstenspiegeln des Mittelalters: Wilhelm Berges: Die Fürstenspiegel des hohen und späten Mittelalters. Stuttgart: Hiersemann 1938; auf England bezogen Ulrike Graßnick: Ratgeber des Königs. Fürstenspiegel und Herrscherideal im spätmittelalterlichen England. Köln [u.a.]: Böhlau 2004; Wilhelm Kleineke: Englische Fürstenspiegel vom Policraticus Johanns von Salisbury bis zum Basilikon Doron König Jakobs I.  Halle: Niemeyer 1937. Textbeispiele bei Hans-Hubert Anton (Hg.): Fürstenspiegel des frühen und hohen Mittelalters. Darmstadt: WBG 2006. Für die Frühe Neuzeit: Barbara Maigler-Loeser: Historie und Exemplum im Fürstenspiegel. Zur didaktischen Instrumentalisierung der Historie in ausgewählten deutschen Fürstenspiegeln der Frühmoderne. Neuried: Ars et Unitas 2004; Hans-Otto Mühleisen (Hg.): Fürstenspiegel der frühen Neuzeit. Frankfurt am Main: Insel-Verlag 1997; ders.: Politische Tugendlehre und Regierungskunst. Studien zum Fürstenspiegel der frühen Neuzeit. Tübingen: Niemeyer 1990. Die Tradition der Fürstenspiegel reicht mindestens bis an das Ende der frühneuzeitlichen Epoche: Jürgen C. Jacobs: Der Fürstenspiegel im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. Zu Wielands ‚Goldenem Spiegel‘. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2001.

127 Rosenthal, Purchase, S. 125.

128 Vgl. Ester 9:22; Apostelgeschichte 10:5; Lukas 11:41 und 12:33. Zur Kraft der milden Gaben, Sünde fortzuwaschen, Jesus Sirach 3:33, Daniel 4:24. Die Idee des Almosens ist uralt (vgl. Mauss, Gabe, S. 46f.).

129 Hierzu Silber, “Gift-giving”, S. 209–243; Eliana Magnani S.-Christen: “Transforming Things and Persons. The Gift pro anima in the Eleventh and Twelfth Centuries.” In: Algazi / Groebner / Jussen, Negotiating, S. 270.

130 Vgl. Römer 6:23.

131 Genesis 32:14–15; Genesis 24:53; Genesis 43:11.

132 Leo der Große: „Sermo XLIV. 6. Predigt auf die vierzigtägige Fastenzeit.“ In: Leo der Große: Sämtliche Sermonen. Aus dem Lateinischen übersetzt und mit Einleitung und Inhaltsangaben versehen von Dr. Theodor Steeger. Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 55. München 1927. S. 34. Erasmus von Rotterdam bezog sich 1516 in der Zueignung seines Novum Instrumentum an Papst Leo X. explizit auf diese Passage (Vgl. The Correspondence of Erasmus. Letters 298 to 445. 1514 to 1516. Translated by R. A. B. Mynors and D. F. S. Thomson; annotated by James K. McConica. Toronto and Buffalo: University of Toronto Press 1976. Brief 384, S. 223).

133 Siehe Einleitung.

134 2 Könige 5:10–16.

135 Davis, The Gift, S. 14.

136 So etwa (in deutscher Fassung) „Eulen nach Athen tragen“ (= niemandem etwas schenken, das er nicht gebrauchen kann), „Doppelt gibt, wer schnell gibt“ oder „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ (= ein Geschenk hat eine emotionale oder symbolische Aufladung, die über seine materielle Qualität hinausgeht) (Erasmus von Rotterdam: Adagia. Vom Sinn und Leben der Sprichwörter. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Theodor Knecht. Zürich: Manesse 1985. S. 40–42, 122–124 u. 212–213).

137 Vgl. Davis, The Gift, S. 34f.

138 A treatyse of the donation or gyfte (STC 5641).

139 Siehe auch Kapitel 5.5.

140 Zu Morley und seinen Buchgeschenken siehe auch die Kapitel 5.1 und 5.4.

141 Vgl. Dowling, Humanism, S. 54f.

142 Lorenzo Valla: The Treatise of Lorenzo Valla on the Donation of Constantine. Text and Translation into English. Herausgegeben von Christopher B. Coleman. New Haven: Forgotten Books o.J. (Nachdruck der Ausgabe von 1922). S. 100.

143 2 Könige 5:10–16.

144 Valla, Treatise, S. 48.

145 Valla, Treatise, S. 30.

146 Valla, Treatise, S. 34.

147 Siehe hierzu auch Matthäus 7:6.

148 Valla, Treatise, S. 38ff.

149 Valla, Treatise, S. 35.

150 Valla, Treatise, S. 48.

151 Ebd.

152 Valla, Treatise, S. 46.

153 Thomas More: Utopia. Hg. von George M. Logan und Robert M. Adams. Cambridge: Cambridge University Press 2002. Dieses Werk wurde im England der Reformationszeit ab 1551 – als es vermutlich als nicht mehr riskant betrachtet wurde, sich mit Morus zu befassen – bis 1556 vier Mal und noch ein Mal 1597 aufgelegt (Erstdruck von Stephen Mierdman für Abraham Vele, STC 18094).

154 More, Utopia, S. 38.

155 More, Utopia, S. 61.

156 More, Utopia, S. 38.

157 More, Utopia, S. 63.

158 More, Utopia, S. 78.

159 STC 5717, gedruckt 1547 von Richard Grafton / John Day.

160 A godly meditacion, fol. 2r.

161 STC 2768, London 1549, William Baldwin und Edward Whitchurche.

162 The canticles or balades, Sig. A2r.

163 The canticles or balades, Sig. A3r und A3v.

164 An epitome of the Psalmes (STC 2748, gedruckt 1539 vermutlich von Richard Bankes für A. Clerke), Dedikationsepistel, ohne Sig.

165 Kenneth Jay Wilson: “The Letters of Sir Thomas Elyot.” Studies in Philology 73, No. 5 (Dezember 1976), S. 41f.

166 Thomas Elyot: The Boke named The Gouvernour. London: Dent 1907. S. 158f.

167 Elylot, Gouvernour, S. 186.

168 Robinson, Original Letters (im Folgenden zitiert als OL), Brief 67, James Pilkington an Rudolph Gualther, 7. April 1556, S. 135.

169 Wilson, “Letters”, S. 52.

170 Wilson, “Letters”, S. 55.

171 STC 11802, gedruckt 1548 in London von William Hill und Thomas Raynald. An anderer Stelle in dieser Zueignung bemüht Guest den Hl. Hieronymus, um diese Aussage zu stützen (die entsprechende Passage, ihrerseits beruhend auf Markus 12:42–44, findet sich in den Aszetischen Briefen, Brief 145, ‚An Exsuperantius über die Buße‘: „Die arme Witwe, die zwei kleine Münzen in den Opferstock warf, wird im Evangelium allen Reichen vorgezogen, weil sie auf ihren ganzen Besitz verzichtete.“ Des heiligen Kirchenvaters Eusebius Hieronymus ausgewählte Schriften. Band 2–3. Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 16 und 18. Kempten und München: J. Kösel F. Pustet. 1936–1937. S. 365).

172 Guest, A treatise, Zueignung, ohne Sig.

173 Vgl. Lawson, “This Remembrance”, S. 148.

174 OL, Brief 87, Thomas Lever und Andere an Heinrich Bullinger, 5. Oktober 1557, S. 169.

175 OL, Brief 113, Richard Hilles an Heinrich Bullinger, 26. September 1544, S. 245 und 246.

176 “It is essential to understand that the doctrine of grace itself was the theological version of the concept of gift-giving.” (Hénaff, The Price, S. 269).

177 Siehe zu Calvins strikter Ablehnung des do ut des-Prinzips Johannes Calvin: Unterricht in der christlichen Religion. Institutio Christianae Religionis. Neukirchen-Vluyn: Foedus-Verlag 2008. Buch III, Kapitel 18, S. 452–460.

178 Richard Tracy: Profe and declaration of thys proposition: fayth only justifieth (STC 24164, gedruckt 1543 von Edward Whitchurch). Im Rahmen eines solchen Diskurses hat lediglich Gott oder eine andere übernatürliche Wesenheit die Möglichkeit, eine wirkliche Gabe im Sinne Derridas zu schenken – “unilateral and sovereign giving whose most elaborate theological expression ist he concept of grace.” (Hénaff, The Price, S. 108; Hervorhebung im Original).

179 A shorte summe of the whole catechisme (STC 5962, gedruckt von Henry Charteris und bis 1632 mehrfach neu aufgelegt).

180 Davis, The Gift, S. 167f.

181 Davis, The Gift, S. 181.

182 Krausman Ben-Amos, The Culture of Giving, S. 242f.

183 Vgl. Bijsterveld, Do ut des, S. 39.

184 Vgl. Davis, The Gift, S. 181.

185 Richard Sievers: Thomas Deloney. Eine Studie über Balladenliteratur der Shakespeare-Zeit. Nebst Neudruck von Deloney’s Roman “Jack of Newbury”. Palestra 36. Berlin: Meyer & Müller 1904.

186 Vgl. Sievers, Thomas Deloney, S. 180f.

187 Sievers, Thomas Deloney, S. 183.

188 Siehe hierzu LeMahieu, “Gift Exchange”, S. 138.

189 Sievers, Thomas Deloney, S. 165.

190 Sievers, Thomas Deloney, S. 169.

191 Vgl. Sievers, Thomas Deloney, S. 214f.

192 Sievers, Thomas Deloney, S. 189.

193 Vgl. Sievers, Thomas Deloney, S. 190.

194 Vgl. Sievers, Thomas Deloney, S. 200.

195 Sievers, Thomas Deloney, S. 201.

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3. Das Buch als Geschenk im 16. Jahrhundert

Das Buch als Geschenk spielt in der klassischen anthropologisch geprägten Geschenkforschung keine Rolle, da die Herstellung von Büchern auf kulturellen und technologischen Errungenschaften beruht, die in einer Stammesgesellschaft nicht existieren. Konsequenterweise ist die Übertragung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse bezüglich Geschenktheorie und –praxis ein riskantes Unternehmen, da die Frage gestellt werden muss, ob und inwieweit eine in einer Gesellschaft vorhandene Lese- und Buchkultur auch die Wahrnehmung und Praxis des Schenkens transformieren kann – mit anderen Worten: Nimmt das Buch als Geschenk eine Sonderstellung ein oder lassen sich die bereits beschriebenen Geschenkfunktionen und –charakteristika vollständig oder mit nur wenigen Einschränkungen im Detail verwenden?

In den antiken Schriftkulturen scheinen Bücher als Geschenke keine herausgehobene Rolle gespielt zu haben. Die Geschenke, die sich homerische Helden machten, waren Waffen, Pferde, Wagen, Sklavinnen, Goldgegenstände und Gewänder; Bücher spielten bei ihnen keine Rolle. Unter den in der Bibel erwähnten Geschenken befinden sich keine Bücher. Im antiken Rom wurden Buchgeschenke gemacht, wie man etwa aus den Disticha Martials weiß196; Cicero beschrieb sein Von den Pflichten explizit als Geschenk an seinen Sohn Marcus197. Seneca wies jedoch darauf hin, dass Bücher nicht für jedermann als Geschenke geeignet seien198, sondern entsprechende intellektuelle Fähigkeiten voraussetzten, so dass Buchgeschenke im alten Rom vergleichsweise selten gewesen sein dürften. Die mittelalterlich ausgerichtete Geschenkforschung schließt Bücher selbstverständlich ein, misst ihnen aber meist keinen besonderen Status bei199, auch bedingt durch den Umstand, dass es sich im Normalfall um kostbare Prachtbände handelte, die als ← 63 | 64 → materiell und ästhetisch wertvolle Objekte, nicht aber auf Grund ihres Inhalts von Bedeutung waren. Die Geschenkforschung zum Früh- und Hochmittelalter wird von der Untersuchung von Landschenkungen, Stiftungen und dergleichen dominiert. Vor allem mit dem Beginn des Spätmittelalters häufen sich dann jedoch die Fälle, in denen ein Buchgeschenk auch inhaltlich interessant ist und man erkennen kann, dass der Schenkende die entsprechenden Texte selbst verfasst beziehungsweise sorgfältig ausgewählt hat. Die Tatsache, dass dem Beschenkten damit unbekannte geschriebene Texte übermittelt wurden, darf jedoch nicht zu dem Schluss verleiten, dass alle Beteiligten an einem solchen Geschenkvorgang im modernen oder auch nur in einem eingeschränkten Sinne lesefähig sein mussten200, um diese Werke nutzen zu können – es bestand immer die Möglichkeit, sich einen Text vorlesen zu lassen, und die wichtige Rolle, die bildliche Darstellungen in religiösen Werken spielten, ist schon mehrfach betont worden.201

Im England der Reformationszeit hatte sich die Situation vor allem auf Grund der Druckerpresse geändert.202 Verglichen mit mittelalterlichen Verhältnissen wurden Bücher häufig, gelegentlich in größeren Mengen und innerhalb derjenigen gesellschaftlichen Schichten verschenkt, die zumindest teilweise lesefähig ← 64 | 65 → waren beziehungsweise indirekt Zugang zu geschriebenen Texten hatten.203 Dabei nahm das Buch als Geschenk204 am üblichen Geschenkdiskurs teil; es existierte jedoch darüber hinaus noch ein spezieller Wert- und damit implizit205 Geschenkdiskurs für das Buch und seinen Inhalt. Verglichen mit der Situation zur Manuskriptzeit erleichterte es der Buchdruck einem Autor, Übersetzer oder Kompilator, mittels einer Zueignung206 sein Werk unabhängig von der Anerkennung oder Anschlusshandlung des eigentlich Adressierten in einem geistigen Sinne zu ‚verschenken‘ und eine Öffentlichkeit zu erreichen, die weit über diejenigen Grenzen ← 65 | 66 → hinausging, die zuvor mit einem Manuskriptprolog oder -dedikationsbrief hätten erreicht werden können. Das große Angebot an erschwinglichen Büchern ließ das Buch in den Horizont derjenigen gesellschaftlichen Gruppen eintreten, die zuvor trotz möglicherweise vorhandener Lesefähigkeit aus finanziellen Gründen kaum Kontakt mit ihm hatten, und damit wurde das Buch zu einem potenziellen Geschenkobjekt für wesentlich weitere Kreise als dies vor Einführung der Druckerpresse der Fall gewesen war.

Was genau soll hier unter einem ‚Buch‘ im England des 16. Jahrhunderts verstanden werden? Im einfachsten Fall handelt es sich um ein Buch im modernen Sinne207: ein abgeschlossenes Konvolut von beschriebenen Bögen, gefaltet und gebunden, in Form eines Drucks, eines Manuskripts oder auch einer Mischform. Der hier verwendete Gebrauch des Begriffs schließt jedoch auch nicht gebundene ebenso wie unfertige Bücher ein, beispielsweise neu abgefasste Werke, die ein Gelehrter einem oder mehreren Freunden zusandte, um ihre kritische Begutachtung einzuholen. Liegt der Schwerpunkt auf dem Inhalt und nicht auf der Materialität des Buches, so ist auch ein mündlich weitergegebener und von einem Mitschreibenden festgehaltener Inhalt als Buchgeschenk zu bezeichnen; die materielle Bearbeitung des Textes kann auch vom Empfänger durchgeführt werden, so dass auch ein diktiertes Buch ein Geschenk sein kann. Der hier verwendete Buchbegriff schließt Bücher aus, die keinen Inhalt haben, wobei dieser allerdings auch überwiegend oder zur Gänze aus Bildern bestehen kann; eine gebundene Sammlung leerer Seiten fiele somit aus der Definition heraus.

Die weiter oben angeführten allgemeinen Geschenkfunktionen lassen sich zum Großteil problemlos auch auf Bücher anwenden. Wie viele andere Gegenstände auch können Bücher Symbole für verschiedene Eigenschaften sein, die man dem Empfänger zuschreiben möchte208 (etwa Gelehrsamkeit, Religiosität oder Interesse an einer als positiv bewerteten Tätigkeit, etwa der Jagd) oder sie können eine Amtseinsetzung symbolisch darstellen209; am bereits erwähnten ← 66 | 67 → Symbolgehalt des Schenkvorgangs als solchem nehmen sie ohnehin teil. Der besondere materielle/nicht-materielle Mischcharakter des Buches führt dazu, dass der Schenkende das materielle Objekt an sich zwar aufgeben muss, ihm der Inhalt jedoch erhalten bleiben kann – vor Erfindung der Druckerpresse im Gedächtnis oder in einer Abschrift, danach einfach in Form eines weiteren Exemplars, so dass man unter den Bedingungen des Buchdrucks kaum noch von einem Verlust des Geschenkten sprechen kann. Dies erklärt zum Teil die für das 16. Jahrhundert belegte Wahrnehmung der Höherwertigkeit eines Manuskriptes gegenüber einem gedruckten Buch210, da ein Manuskript viel eher als unwiederbringlich galt und die Werteinschätzung eines Geschenks auch immer von dem Grad der Schwierigkeit abhängt, mit der der Schenkende seinen Verlust ersetzen kann. Bücher können persönlich übergeben oder durch Dritte übersandt werden; der erste Fall ist in der Forschung auf wesentlich größeres Interesse gestoßen, aber quantitativ ist der zweite Fall für das England der Reformationszeit von größerer Bedeutung, wie sich bei der Behandlung der Fallstudien zeigen wird. Da das Buch, auch wenn es sich um ein einzelnes zusammengebundenes Konvolut handelt, durch die Möglichkeit der Kompilation verschiedener Texte sich sehr gut als Mehrfachgeschenk eignet, ist es für Geschenke von und an Gruppen ideal, wobei die Beteiligung selbstverständlich nicht auf Autoren, Übersetzer, Schreiber oder Kompilatoren beschränkt ist, sondern auch Drucker-Verleger, Buchbinder, Illuminatoren, Papierhersteller und andere Beteiligte am Geschenkvorgang partizipieren können. Auch wenn das Buch wie so viele andere Geschenke ein Risikogeschenk sein mag211, so lässt sich durch eine Textkompilation die typische Risikostreuung des Mehrfachgeschenks mit einfachen ← 67 | 68 → Mitteln durchführen, ohne dass man die Einheit des geschenkten Gegenstandes an sich aufgeben muss. Gleiches gilt für die Möglichkeit, Textteile, die vielleicht als unangenehm empfunden werden konnten oder gezielt zur Beeinflussung des Empfängers eingefügt wurden, zwischen angenehmeren Passagen zu verstecken.212 Wenn die Beteiligten die Möglichkeit dazu hatten, konnten Bücher im England der Reformationszeit auch in größeren Mengen an einen Empfänger verschenkt werden, wie etwa das Beispiel Alexander Nowells, des Dekans von St Paul’s Church (c.1516/17–1602) zeigt, der nicht weniger als sechsunddreißig Bücher – in dieser Epoche eine beeindruckende Zahl – von seinem Freund Thomas Bedel als Geschenk erhielt, nachdem dieser sein Studium in Oxford 1539 abgeschlossen hatte.213 Bücher können ohne Schwierigkeiten weiterverschenkt werden und sind hierfür möglicherweise besser geeignet als viele andere Arten von Geschenken, die stärker status- oder geschlechtsspezifisch ausgerichtet sind.214 Sie können zu allen denkbaren Anlässen verschenkt werden, ohne dass es einen speziellen traditionellen Buchgeschenkanlass gäbe; auch wenn Bücher im 16. Jahrhundert zu denjenigen Geschenken gehören, die zum Neuen Jahr gemacht wurden, so scheint das Buchgeschenk vergleichsweise unabhängig von äußeren Anlässen gewesen zu sein. Bücher können in der Öffentlichkeit oder privat215 verschenkt werden. Patronageverhältnisse lassen sich über Bücher einleiten, pflegen und ausweiten, ein Thema, das in der Forschung zur Frühen Neuzeit eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat216 und das in den ← 68 | 69 → Fallstudien noch mehrfach Erwähnung finden wird. Ein Buchgeschenk ist zum Gedenken an den Schenkenden oder andere Menschen sehr gut geeignet, da es nicht nur oft unverwechselbaren Charakter hat, sondern auch durch die persönliche Widmung – oder auch, insbesondere im Buchdruck, Zueignung217 – sichergestellt werden kann, dass etwaige Gedächtnislücken des Empfängers rasch wieder geschlossen werden können. Auch die Gestaltung eines Präsentationsexemplars selbst kann auf subtile Weise der Erinnerungsfunktion dienen; ein gutes Beispiel aus der Tudorzeit stellt das Buchgeschenk dar, das der Erzbischof von Canterbury, Matthew Parker (1504–1575), Königin Elisabeth 1572 machte und dessen äußere Erscheinung indirekt auf seinen Namen verwies218. Wie jedes andere Geschenk auch kann ein Buchgeschenk scheitern, wobei allerdings die Möglichkeit, ein selbst verfasstes oder kompiliertes Werk mit hoher Präzision auf den Empfänger zuzuschneiden, dieses Risiko beträchtlich senkt; unter den Bedingungen des Buchdrucks hat der Schenker die Möglichkeit, das Werk sorgfältig aus einer breiten Angebotspalette auszuwählen, was ein Scheitern ebenfalls unwahrscheinlicher macht. Von besonderem Interesse ist beim Buch die Kategorie des ‚unterlassenen Geschenks’. Da die Verbreitung der Druckerpresse die Möglichkeit bot, zahlreiche mehr oder weniger identische219 Ausgaben ein und desselben Werkes zu verschenken, finden sich im 16. Jahrhundert mehrere Fälle, in denen genau dies geschah220, und es ergab sich die Möglichkeit, eine größere Anzahl verschiedener Bücher zum gleichen Zeitpunkt an Freunde und Verwandte zu verschenken, wie es etwa Erasmus von Rotterdam tat.221 Dies wiederum bot einem Buchschenker die Möglichkeit, einen symbolischen Affront durch Nichtberücksichtigung eines potenziellen Geschenkempfängers zu begehen, der unter den Bedingungen der Manuskriptzeit nur schwer durchzuführen gewesen wäre. Insbesondere in gut vernetzten Kommunikationsstrukturen, wie ← 69 | 70 → man sie bei den Humanisten oder den Reformatoren des 16. Jahrhunderts findet, ist die Durchführung eines solchen Manövers leicht vorstellbar.

3.1 Die Besonderheiten des Buchgeschenks

Das Buchgeschenk teilt viele Funktionen und Aspekte mit anderen Geschenkarten, und man könnte sagen, dass es als massenproduzierter Artikel in der Zeit nach der Verbreitung der Druckerpresse solchen Geschenken, die schon lange in größeren Mengen hergestellt werden konnten, eher noch ähnlicher wurde. Dennoch weist es zahlreiche Eigenschaften auf, die es von anderen Geschenkarten unterscheiden. Es ist – wie andere Geschenktypen auch – für bestimmte Dinge sehr gut, für andere weniger gut und für einige gar nicht geeignet. Und es hat bestimmte Stärken und Schwächen, wenn es als Geschenk eingesetzt wird. Diese Besonderheiten sollen im Folgenden erläutert werden.

3.1.1 Das Verleihen von Büchern

Wie die moderne Einrichtung der Leihbibliothek zeigt, sind Bücher sehr gut als verleihbare Gegenstände einsetzbar; dabei ist der Buchdruck natürlich von zentraler Bedeutung, da nur er es ermöglicht, Bücher in solchen Mengen herzustellen, dass ihr Inhalt – der für einen Verleihvorgang im Mittelpunkt steht – einer großen Anzahl von Menschen zugänglich gemacht werden kann. Da Verleihen ebenfalls ein Schenkvorgang ist222, muss auch ein geliehenes Buch als Geschenk betrachtet werden – der Verleihende verschenkt keinen materiellen Gegenstand, ← 70 | 71 → aber er verschenkt den temporären Nutzwert des Buches. Auf Grund der Rolle des Buches als Träger von Informationen – also nonrival goods223 – besteht die Möglichkeit, dass der Verleihende dabei nicht einmal ein Opfer bringt, wenn er über die entsprechenden Informationen ohnehin verfügt und das Buch daher für ihn keinen oder nur sehr geringen Nutzwert hat. Wenn der Empfänger eine Kopie anfertigt oder anfertigen lässt, hat er mit wenig Aufwand das Geschenk und den damit verbundenen Nutzen effektiv verdoppelt. Selbst wenn er dies nicht tut, bedeutet die Nutzung eines geliehenen Buches nicht unbedingt auch Ab-Nutzung und damit materiellen Wertverlust; ein Buch kann lange und intensiv genutzt werden und trotzdem weiterhin in gutem Zustand bleiben. Damit ist das Buch für die Geschenkart des Verleihens besser geeignet als jedes andere Geschenk, und es überrascht nicht, dass das Verleihen von Büchern eine lange Tradition hat. Der Buchdruck hat diese Art des Schenkens noch intensiviert, da materiell weniger wertvolle Dinge mit größerer Bereitschaft und mit geringerem Rückgabedruck verliehen werden, so dass es zu erwarten und auch tatsächlich empirisch belegbar ist, dass Verleihen häufig in Verschenken überging224. Kein Buchgeschenk liegt allerdings vor, wenn ein Autor sein Buch zeitweilig weggibt, damit es Korrektur gelesen werden kann; in diesem Fall – falls keine Entlohnung vereinbart wird – ist er der Empfänger eines Geschenks: der Zeit und Mühe des Lesers. Den Zeitgenossen war bewusst, dass ein Verleihvorgang Teil des Geschenkdiskurses ist; sowohl Roger Ascham (siehe Kapitel 5.9.2) als auch der französische Humanist Guillaume Budé (1468–1540) dankten ihren jeweiligen Leihgebern überschwänglich: “Your lending me for so long a time the manuscripts of Linacre was an act of the highest generosity; I profited immensely from my first hasty reading of them […] And now, as an appendix or supplement ← 71 | 72 → to your former gift, you send me the Utopia of More […].”225 Aus diesen Worten wird ersichtlich, dass für Budé die Grenze zwischen Verleihen und Schenken praktisch nicht existierte; beides fiel in den Geschenkdiskurs.

3.1.2 Die Individualisierung des Buchgeschenks

Einen der ersten Versuche im christlichen Kontext, Buchgeschenke zu individualisieren, unternahm die Heilige Melania, die ihrem Biographen Gerontius zufolge sehr schön ausgestattete Buchgeschenke machte226, und Sharon Ketterings Beobachtung über die Individualisierung von Geschenken in der Frühen Neuzeit hätte für sie keine Überraschung dargestellt: “When token gifts were exchanged, the more personal and individual the gift the better: the gift’s special nature reinforced the personal bond it helped to create”227. Dass ein sorgfältig angefertigtes, illuminiertes und vielleicht auch noch prachtvoll gebundenes Manuskript ein einzigartiges Geschenk in dem Sinne darstellt, dass es eine mehr oder weniger identische Kopie nicht geben kann und dass es dadurch einen hohen symbolischen und emotionalen Wert erhält, steht außer Frage. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass es sich auch um ein individualisiertes Geschenk handeln muss, wenn unter Individualisierung das Zuschneiden eines Buches auf den oder die bestimmten Empfänger verstanden wird – das Buch wird dadurch nicht nur einzigartig, sondern es tritt in eine einzigartige Beziehung zum Empfänger. Dies dürfte in der Praxis meist der Fall gewesen sein, aber gerade bei Buchgeschenken altbekannter Texte – etwa bei einem Prachtpsalter – lässt sich zumindest die Möglichkeit nicht ausschließen, dass ein Geschenk, das eigentlich einem bestimmten Empfänger zugedacht war, auf einen anderen übertragen werden konnte oder sogar musste (etwa wenn der intendierte Empfänger verstarb, bevor die Übergabe stattfinden konnte). Auch mit inhaltlich neuen Werken ließ sich diese Vorgehensweise durchführen, wie etwa aus der Korrespondenz der Reformatoren des 16. Jahrhunderts hervorgeht (in den Fallstudien werden Beispiele hierfür präsentiert werden). Ein Buchgeschenk zuschneiden konnte man auch auf die Position des Empfängers an Stelle seiner Person, wie in der frühen Tudorzeit etwa das Beispiel des französischen Humanisten und ← 72 | 73 → Philologen Claude de Seyssel (1450–1520) zeigt, der 1508 seine Übersetzung von Xenophons Anabasis sowohl Heinrich VII. (r.1485–1509) als auch Ludwig XII. (r.1498–1515) zueignete228. Der französische Schriftsteller Jean Mallard (c.1515), der unter anderem auch in Diensten Heinrichs VIII. stand, erwies sich als ein Virtuose der Mehrfachzueignung, auch wenn seine Werke auf den ersten Blick den Eindruck erweckten, präzise auf den jeweiligen Empfänger zugeschnitten zu sein.229 Der Schlüssel zur Individualisierung war in solchen Fällen ein Paratext, namentlich die Zueignung, über die der Autor Farbe bekennen musste, auf wen er dieses Werk zugeschnitten haben wollte. Hier darf sich der Forscher allerdings sich nicht von der Anrede am Beginn der Zueignung irreführen lassen; nichts ist leichter als eine nachträgliche Einfügung eines bestimmten Namens an Stelle eines anderen. Bei Zueignungen, in denen der Name des Adressaten und bestimmte Umstände aus seinem Leben oder seiner Beziehung zum Autor erwähnt werden, kann man davon ausgehen, dass sie ursprünglich auch für diesen Adressaten verfasst wurden. Es gibt jedoch zahlreiche Zueignungen in den Drucken im England der Reformationszeit, die verdächtig nach einer Art von ‚flexibler Zueignung‘ aussehen und ohne viel Mühe für mehrere potenzielle Empfänger hätten verwendet werden können. Wie die Beispiele in den Fallstudien aufzeigen werden, war die Verbindung zwischen Zueignung und eigentlichem Werk oft nicht so eng wie man vielleicht meinen könnte. Natürlich war es in der Praxis oft so, dass das gesamte Werk tatsächlich für eine bestimmte Person gedacht war, ob es nun selbst verfasst wurde oder nicht; hier bot der Buchmarkt unter den Bedingungen des Buchdrucks neue Möglichkeiten zur Individualisierung. Diese Möglichkeiten werden oft übersehen, da in der Forschung häufig eine Dichotomie ‚Manuskript/schönes Einzelstück‘ gegen ‚Druckwerk/Massenware‘ zu finden ist, mit entsprechender Abwertung des gedruckten Buches. Das schön gearbeitete Manuskript oder das gedruckte Prachtexemplar erlaubten zwar eine Individualisierung durch Kreativität und materielle Ausstattung, aber der Buchdruck ermöglichte eine Individualisierung durch Auswahl, die in diesem quantitativen Maßstab unter den Bedingungen einer Manuskriptkultur nicht denkbar gewesen wäre. Nicht nur war die Menge der angebotenen Bücher sehr groß, sondern diese waren auch viel günstiger zu erwerben als zuvor, so dass sich nicht nur den potenziellen Käufern viel größere Möglichkeiten zur Auswahl boten, sondern auch ← 73 | 74 → ihre Zahl selbst rasch zunahm, da Bücher jetzt in den Bereich des Erschwinglichen gerückt waren230 – und da jeder Käufer auch ein potenzieller Schenker war, öffneten sich für das Buchgeschenk ganz neue Weiten. Die persönliche Widmung trug zu dieser Individualisierung noch bei, aber schon der individualisierte Geschenkvorgang, wie ihn etwa Erasmus von Rotterdam beschrieb231, konnte hierzu ausreichen. Als Fazit lässt sich festhalten, dass sich dem Buchschenker des 16. Jahrhunderts nicht nur die klassischen Möglichkeiten der Individualisierung boten, sondern er darüber hinaus noch von einer Individualisierung durch Auswahl Gebrauch machen konnte.

3.1.3 Schwächen des Buchgeschenks

Bücher haben jedoch nicht nur Stärken, sondern auch Schwächen, die sie als Geschenk unattraktiv machen können, und es gibt Kontexte, in denen Bücher nicht verschenkt werden beziehungsweise nicht verschenkt werden können. Als Produkte einer ausgefeilten Technologie setzen sie deren Vorhandensein voraus, so dass sie in prä-technologischen Gesellschaften nicht existieren. Das macht sie als Geschenke von Vertretern mit dem Buch vertrauter Kulturen an potenzielle Empfänger aus Kulturen, in denen dies nicht der Fall ist, nutzlos. Auch innerhalb einer Kultur, in der Bücher eine wichtige Rolle spielen, kann es gute Gründe geben, kein Buch zu schenken. Da Bücher von den Bedürfnissen des täglichen (Über-)Lebens weiter entfernt sind als beispielsweise Kleidung oder Nahrung oder das mühelos in diese umwandelbare Geld, sind sie als Almosen für die Armen nicht verwendbar. Auch wenn die vollständige Lesefähigkeit für die Benutzung von Büchern nicht unbedingt erforderlich war und ist, so ist es doch sehr wahrscheinlich, dass das Wissen eines potenziellen Buchschenkers um die nicht vorhandene Lesefähigkeit des Empfängers ihn dazu bewegen dürfte, ein Geschenk aus einer anderen Kategorie zu wählen. Selbst wenn der Adressat lesen kann, so ist damit noch lange nicht gesagt, dass er das betreffende Buchgeschenk auch lesen wird, sei es aus Zeitmangel oder Desinteresse – oder möglicherweise aus einer Reaktion gegen den Inhalt heraus, der ihm als unangenehm oder in zu offensichtlichem Maße als belehrend erscheinen mag; in dieser Hinsicht kann ein Buch in höherem Maße als andere Geschenkarten ein riskantes Geschenk sein, wie einige der weiter unten präsentierten Fallbeispiele illustrieren werden. Bücher kommen ebenfalls nicht in ← 74 | 75 → Frage, wenn man es mit einer Kultur zu tun hat, in der das Lesen aus Gründen des Status oder des Geschlechts als unpassend betrachtet wird und ein Buchgeschenk daher einen Affront darstellen würde – es sei denn, der Schenkende setze diese soziale und symbolische Aufladung des Buches bewusst ein, um etwa ein ‚böses‘ Geschenk zu machen. Ein Buch als Geschenk kann auch dann einen Affront darstellen, wenn es als zu billig oder zu schäbig empfunden wird, insbesondere verglichen mit anderen, kostbareren Geschenken zum selben Anlass, aber auch mit möglicherweise wertvolleren anderen Buchgeschenken. Der im England der Reformationszeit geführte Wertdiskurs zum Buch trägt dieser Problematik Rechnung, und die Verfasser, Übersetzer, Kompilatoren oder Drucker verwendeten eine Rhetorik, die dem Inhalt vor der materiellen Form den Vorrang gab. Diese materielle Form kann noch auf andere, sehr konkrete Weise zu einem Problem werden: Bücher waren und sind im Vergleich zu vielen anderen Geschenkarten empfindlich und können leicht beschädigt oder zerstört werden beziehungsweise verloren gehen, was in der Frühen Neuzeit auf Grund der unsicheren Transportwege, den generell harschen Bedingungen des Reisens und dem vielfachen Wunsch, Buchgeschenke über große Entfernungen hinweg zu machen, einen bedeutenden Faktor bildete; andere Arten von Geschenken wie etwa Metallgegenstände vertragen Wasser, Feuer und unsachgemäße Lagerung wesentlich besser.

3.1.4 Gründe für ein Buch als Geschenk

Die Auswahl von Geschenken bietet ein Kaleidoskop von Möglichkeiten, bei denen nicht nur das Geschenk an sich, sondern auch die Beteiligten, die Situation, die auf den ersten Blick Außenstehenden sowie Traditionen, ökonomische Erwägungen und kulturelle Praxis eine Rolle spielen. Es ist offensichtlich, dass Schwerter, Damengewänder oder szenische Darstellungen des Lebens einer Heiligen nicht für alle Kontexte das passende Geschenk darstellen, wobei die Gründe hierfür im Status, in der Selbstwahrnehmung, im Geschlecht oder in der Religion des Beschenkten liegen mögen. Auf der anderen Seite der Transaktion muss der Schenkende darauf achten, dass er seine Fähigkeiten oder seine ökonomischen Möglichkeiten nicht überschätzt; ein armer Dichter schenkt nicht nur wegen seiner dichterischen Begabung kein edles Rassepferd, auch wenn sich der Beschenkte über ein solches sicherlich freuen würde. Dass die vom Schenkenden zu antizipierende räumliche und zeitliche Situation des Schenkens die Auswahl des Geschenks beeinflusst, versteht sich ebenfalls von selbst; für manche Geschenke ist die Öffentlichkeit der richtige Raum – insbesondere, wenn die eigentlichen Adressaten nicht direkt am Geschenkvorgang beteiligt sind – andere wiederum lassen sich eher in einer privaten Situation überreichen. ← 75 | 76 →

Warum also ein Buch als Geschenk? Die Weitergabe von Wissen (Informationen) ist derjenige Aspekt, den die meisten Menschen vermutlich als erstes angeben, wenn man sie nach den Funktionen eines Buches fragt, und es ist trivial, darauf hinzuweisen, dass das Buch in dieser Funktion vor der Ankunft elektronischer Medien keinen Rivalen hatte. Da nach einer im Mittelalter weit verbreiteten Auffassung Wissen an sich bereits ein Geschenk Gottes war und es eine lebhafte Diskussion darüber gab, ob es überhaupt gestattet sei, Lehrende finanziell zu entschädigen232, befand sich das Buch in seiner Funktion als Wissensvermittler ohnehin schon sehr nah am Geschenkdiskurs. Eng an die Wissensvermittlung gekoppelt ist die Möglichkeit, die eigenen – möglicherweise kontroversen – Ansichten durch das Medium ‚Buch‘ den Lesern nahezubringen, Ansichten, die in der Mehrzahl der Fälle nicht als solche deklariert, sondern als Erkenntnisse (Wissen) dargestellt werden können. Für das Buch als Geschenk dürfte daher doppelt gelten, was Natalie Zemon Davis für alle Geschenke festgehalten hat: “The gift provided a frame of civility and friendly exchange for the discussion of subjects that might be new or controversial.”233 Dieser Aspekt ist offensichtlich im England der Reformationszeit von zentraler Bedeutung, da Buchgeschenke, besonders die weiter unten erläuterten ‚geistigen‘ Buchgeschenke, ein probates Mittel darstellten, Überzeugungsarbeit zu leisten, Verbündete zu gewinnen oder deutlich klarzustellen, wie die eigene Position aussah. All diese Buchgeschenkfunktionen lassen sich an Hand von Buchgeschenken innerhalb des religiösen Kontextes besonders klar aufzeigen. Der Buchdruck ermöglichte es einem Autor darüber hinaus, in größeren Mengen Bücher zu verschenken, die er zuvor vergeblich zu verkaufen versucht hatte, und so den Versuch zu unternehmen, im Bourdieuschen Sinne das bereits investierte finanzielle Kapital in soziales Kapitel umzuwandeln.234 Im Rahmen von potenziellen oder tatsächlichen Patronagebeziehungen – in denen das Bücherschenken, wie die Fallstudien aufzeigen werden, häufig relativ unabhängig vom Inhalt des Buches durchgeführt wurde, da viele adlige Empfänger die ihnen geschenkten Bücher nicht oder nur sehr oberflächlich lasen – waren Bücher hervorragend geeignet: Ein gelehrter Buchschenker hatte meist nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten und generell die praktischen Möglichkeiten, einen Text zu verfassen (oder zu übersetzen, kompilieren oder neu herauszugeben) und ihn in eine angemessene materielle ← 76 | 77 → Form bringen zu lassen, ein Buch schmeichelte auch dem Empfänger in einem Zeitalter, in dem Gelehrsamkeit und Bildung mehr und mehr zu Statussymbolen wurden235. Die große Flexibilität in vielen Bereichen, die das Buchgeschenk bietet, stellt einen Hauptgrund dar, warum sich ein Schenker für ein Buch entscheidet236. Diese Flexibilität zeigt sich auch in den verschiedenen Geschenktypen, die ein Buch ermöglicht.

3.2 Vier Typen von Buchgeschenken

Bücher können auf vier verschiedene Arten im weitesten Sinne verschenkt werden; diese Arten sollen hier als materiell, geistig, symbolisch und metaphorisch bezeichnet werden. Auch wenn die ersten beiden Arten für die Betrachtung des Buchgeschenks im England der Reformationszeit naturgemäß von wesentlich größerer Bedeutung sind als die letzten beiden, so erlauben diese trotz ihrer Seltenheit einen faszinierenden Blick auf das Buchgeschenk jenseits der fassbaren Geschenkpraxis und ergänzen dadurch ein Bild, das ohne ihre Berücksichtigung unvollständig bleiben müsste.

Von diesen vier Typen ist das materielle Buchgeschenk am leichtesten zu greifen; es handelt sich um nichts anderes als die Übermittlung eines physischen Objektes, eben eines Buches. Aus dieser Perspektive ist dessen Inhalt zunächst einmal vergleichsweise unwichtig. Das Schenken kostbar gebundener oder mit Edelsteinen und Gold verzierter Prachtbände, die inhaltlich für den Empfänger nur von geringem Interesse sein konnten, ist vermutlich so alt wie der Codex als materielle Manifestation des Buches selbst. Diese Bände sind schon lange Gegenstand der buchwissenschaftlichen und kunsthistorischen Forschung.237 Wurde ein solches ← 77 | 78 → Buch verschenkt und in Bestandslisten vermerkt, so stand oft der materielle Wert im Vordergrund, der dann direkt in – so gut wie möglich geschätzten – Geldwert umgerechnet und aufgezeichnet wurde. Dies änderte sich im 16. Jahrhundert unter den Bedingungen des Buchdrucks.238 Christine Jakobi-Mirwalds rhetorisch gemeinte Frage „Wozu hätte ein Jean de Berry 15 verschiedene Stundenbücher gebraucht?“239 ist aus dieser Perspektive leicht zu beantworten: Er brauchte sie gewiss nicht wegen ihres Inhaltes, also standen für ihn Aspekte wie materieller Wert, symbolische Funktion und Zurschaustellung seiner Religiosität und seines Wohlstandes im Vordergrund. Auch im England der Tudorzeit hielt sich der Brauch des Schenkens von besonders schön gearbeiteten und verzierten Manuskriptbänden insbesondere im religiösen Bereich, wobei das bekannteste Beispiel sicherlich das im Rahmen dieser Arbeit in mehreren Zusammenhängen erwähnte Werk Assertio septem sacramentorum adversus Martinum Lutherum ist, das Heinrich VIII. Papst Leo X. (1513–1521) im Jahre 1521 als Geschenk übergeben ließ. Die Buchgeschenke des Bischofs von Winchester, Richard Fox (1447/48–1528) an die Nonnen seiner Stadt240 im Jahre 1516 waren ebenso Manuskripte wie das ← 78 | 79 → Geschenk Elizabeth Hulls, der Äbtissin von Malling (Kent), an ihre Patentochter Margaret Neville im Jahre 1520241. Unter französischen adligen Frauen hielt sich das Manuskript als höherwertiges Geschenk noch bis weit in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts.242 Gedruckte Bücher finden sich nur selten in Testamenten dieser Zeit, was darauf schließen lässt, dass sie viel stärker als Gebrauchsgegenstände gesehen wurden und für den Besitzer keinen besonderen materiellen oder ideellen Wert darstellten. Trotzdem wurden sie dann verschenkt, wenn etwa eine große Anzahl an Exemplaren benötigt wurde – in manchen Fällen, weil Buchgeschenke auf der sozialen Skala von oben nach unten gemacht wurden und somit ausreichend Exemplare für mehrere Bedienstete benötigt wurden. Das geschenkte Buch konnte außerdem Funktionen haben, die von dem kommerziell erhältlichen Buch im 16. Jahrhundert noch nicht erfüllt werden konnten, etwa wenn es um die Distribution von Büchern in ländlichen Gegenden ging.243

Das geistige Buchgeschenk – das öffentliche Geschenk244 – muss zwar eine materielle Komponente haben, besteht aber vor allem darin, dass ein Werk einem anderen Menschen, häufig unter Verwendung der rhetorischen Mittel des Geschenkdiskurses, zugeeignet wird; dieser Vorgang kann, muss aber nicht von einem materiellen Buchgeschenk begleitet sein245. „Doch bezieht sich die [Widmung] auf die stoffliche Wirklichkeit eines einzelnen Exemplars […] die [Zueignung] hingegen auf die ideelle Wirklichkeit des Werks selbst, dessen Besitz (und ← 79 | 80 → damit dessen Abtretung, ob kostenlos oder nicht) natürlich nur symbolisch sein kann.“246 Was verschenkt wird, ist weniger das materielle Objekt als vielmehr der Inhalt, über den vor allem Informationen und Gefühle übermittelt und möglicherweise Meinung oder Einstellung des Adressaten beeinflusst werden sollen. Ob der Empfänger das Werk beziehungsweise das Buch an- oder entgegennimmt, ist hier von zweitrangiger Bedeutung, ebenso die Frage, ob es sich bei dem Werk um eine Auftragsarbeit gehandelt haben könnte; auf der Ebene des geistigen Buchgeschenks ist es, da sie weit über die dyadische Beziehung zwischen Schenker und Beschenktem hinausragt, durchaus möglich, ein Buch, für dessen Erstellung man bezahlt wurde, dennoch mittels der Zueignung zu verschenken, da diese nicht auf einer materiellen Ebene steht. Ein geistiges Buchgeschenk illustriert die bereits erläuterte These, dass Schenken eine im Kern einseitige Handlung darstellt, die vom Schenker initiiert wird und deren Adressat nicht notwendigerweise ausschließlich der offensichtlich Beschenkte sein muss. Hierhin gehört nicht nur die Frage, ob der Adressat das Werk auf irgendeine Weise zur Kenntnis nimmt – etwa durch eine Belohnung oder durch von ihm angebotenen Schutz vor Gegnern – sondern ebenso diejenige nach der Rezeption des Werkes247. In diesem Zusammenhang dürfte die Zueignung für den Verfasser die eminent wichtige Aufgabe erfüllt haben, auf Grund ihrer relativen Kürze gelesen worden zu sein, falls der Adressat das entsprechende Werk überhaupt zu Gesicht bekam. Den Haupttext selbst dürften viele Adressaten nur oberflächlich oder gar nicht rezipiert haben, aber einer persönlichen Zueignung kann man vielleicht nur schwer widerstehen, und sie macht auch das Weitergeben oder Verkaufen schwieriger, da sie das Buch im Grunde bereits mit einer kleinen kulturellen Biographie ausstattet. Nicht wenige Werke wurden vermutlich nur deshalb verfasst, damit eine Zueignung für sie geschrieben werden konnte. Autoren waren oder gaben sich zumindest gelegentlich unsicher, wem genau sie ein bereits fertiggestelltes Werk zueignen sollten.248 Der Zusammenhang zwischen Text und Zueignung war in vielen Fällen nicht besonders eng, was den Zeitgenossen sehr wohl bewusst war – ein Umstand, der in den Fallstudien detaillierter besprochen werden wird. Selbstverständlich ergriffen manche ← 80 | 81 → Autoren auch die Gelegenheit, mehrere Zueignungen an verschiedene Personen in einem einzigen Werk unterzubringen.249 Ziel einer Zueignung war unter anderem, den Adressaten dazu zu bringen, den Schenker zu entlohnen: „Die Zueignung ist also im allgemeinen eine Huldigung, die entweder durch die Protektion feudalen Typs oder […] in Gestalt klingender Münze entlohnt wird.“250 Trotz Gérard Genettes zweifellos zutreffender Beobachtung darf man allerdings nicht automatisch davon ausgehen, dass der Hauptzweck der verfassten Zueignungen immer die Suche nach Patronage gewesen sei; im Frankreich des 16. Jahrhunderts etwa eigneten zahlreiche humanistische Autoren sich ihre Bücher gegenseitig zu, oft als sichtbares Zeichen von Freundschaft und Verbundenheit, ein Vorgehen, das sich auch bei religiösen Buchgeschenken zur Zeit der englischen Reformation finden lässt. Zueignungen nahmen im 16. Jahrhundert so stark an Häufigkeit zu und gehörten in so hohem Maße zur üblichen Praxis (ein Buch ohne Zueignung erschien manchen Zeitgenossen als unvollständig251), dass Wolfgang Leiner ihnen den Charakter einer „sozialen Institution“252 zuspricht. Der von der Druckerpresse dominierte Buchmarkt bot den Zueignern des 16. Jahrhunderts die Möglichkeit, den eigenen Namen in der Öffentlichkeit mit demjenigen eines Adressaten zu verbinden, dessen Werbewirksamkeit als hoch eingeschätzt wurde, und diese Möglichkeit wurde von ihnen reichlich und gerne genutzt253. Dabei ist die Frage, inwieweit ein solches zugeeignetes Werk auch ein materielles Buchgeschenk beinhaltete, für jeden Einzelfall als offen zu betrachten und kann nur durch eine genaue Untersuchung der Zueignung und anderer relevanter historischer Quellen beantwortet werden. Bilder von Buchübergaben in Manuskripten und Drucken ← 81 | 82 → dieser Zeit sind nicht als Abbildungen nach dem Leben zu verstehen, sondern stellen eine symbolisch aufzufassende Übergabe des Werkes dar; die bildliche Darstellung und die schriftliche Zueignung stützen und stärken sich hierbei gegenseitig. Für die Drucke im England des 16. Jahrhunderts muss man allerdings festhalten, dass bildlich dargestellte Buchübergaben sehr selten wurden und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts praktisch vollständig verschwanden254.

Diese Art der symbolischen Darstellung eines Buchgeschenks ist zu unterscheiden von dem rein symbolischen Buchgeschenk. Anders als die beiden ersten Typen besteht das symbolische Buchgeschenk vollständig ohne eine materielle Komponente, da es im rein physischen Sinne nicht stattfindet, sondern das Buch lediglich als Symbol verwendet wird, um einen Vorgang wie etwa Wissensübermittlung, Genehmigung durch Herrschergestalten, göttliche Erleuchtung oder die Abrechnung am Ende eines Lebens darzustellen. Darstellungen der traditio legis gehören in diesen Kontext, ebenso die Erzählung des frühmittelalterlichen Chronisten Beda Venerabilis (673–735) von dem Sterbenden, der von den Boten des Himmels und der Hölle jeweils ein Buch zum Lesen erhält.255 Das bekannteste Beispiel aus dem England der Reformationszeit ist zweifellos die in einem späteren Kapitel noch detaillierte besprochene Bibelübergabe Heinrichs VIII. und Eduards VI. als Oberhäupter der englischen Kirche an ihre Bischöfe und andere Kleriker auf dem Titelblatt der Bibelausgaben der Zeit, mit der nicht nur die Suprematie der englischen Könige, sondern auch der Auftrag, die Frohe Botschaft in das ganze Land zu tragen, symbolisiert wurde256. Diese Weitergabe machte deutlich, dass der König, flankiert von Gestalten biblischer Autorität wie David und Paulus, als weltlicher und spiritueller Herrscher gleichermaßen verstanden werden musste und dass niemand dem Wort Gottes257 näher stand als er. ← 82 | 83 → Auf diese Weise wurde das Buch zu einem Symbol theokratisch-königlicher Autorität, was es vor der Zeit Heinrichs VIII. nicht gewesen war.258

Das metaphorische Buchgeschenk schließlich stellt einen weiteren Sonderfall des Buchgeschenks dar, der ebenso wie das symbolische physisch nicht fassbar ist, in dem jedoch die Bildersprache des Buchgeschenks eine zentrale Rolle spielt. Dabei transzendiert ein metaphorisches Buchgeschenk die symbolische Ebene dadurch, dass es nicht nur auf etwas Dahinterliegendes verweist, sondern in einem sehr konkreten Sinne einen Teil des Dahinterliegenden ist: “Sacred books […] were no mere symbols. Like relics, they were holy in themselves – not so much the pages, as what the pages contained, raised the book from the world of the symbol to the world of the imaginary.”259 Das Buch als Metapher hat eine lange Tradition260, aber diese hatte nur selten etwas mit einem Geschenkvorgang zu tun. Ein metaphorisches Buchgeschenk liegt dann vor, wenn ein Buch im Rahmen einer Vision oder in einem rein literarischen Text als Metapher Verwendung findet, etwa um die Übertragung von Wissen von einem übernatürlichen Wesen auf einen Menschen darzustellen. Insbesondere innerhalb des religiösen Kontexts kann ein solches Buchgeschenk außerordentlich wirkmächtig sein, wie im 19. Jahrhundert das Beispiel der Begründung der Church of the Latter-Day Saints (Mormonen)261 und im 20. Jahrhundert die Abfassung des Urantia Book262 zeigt. Auch die ältere christliche Tradition kannte diese Art von Buchgeschenk, etwa ← 83 | 84 → in der Offenbarung263 oder in den Werken der Kirchenväter.264 Die Übergabe der Gesetzestafeln an Moses auf dem Berge Sinai265 kann in dieser Hinsicht interpretiert werden. Beda Venerabilis beschreibt eine Vision, in der ein Sünder zwei Bücher zur Einsicht erhält – ein kleines, in dem seine guten Werke verzeichnet sind, ein enorm großes und schweres, das seine Sünden und Verfehlungen enthält266. Außerhalb der christlichen Religion finden sich derartige Buchgeschenke ebenfalls, im Islam etwa bei der Abfassung des Korans, der Mohammed vom Engel Gabriel als Bote Gottes diktiert wurde, und in der jüdisch-kabbalistischen Tradition des Engels ‚Rasiel‘ (oder Raziel), durch den Gott Adam ein Buch über höhere, selbst den Engeln verborgene Erkenntnis zukommen ließ.

3.3 Der Wert eines Buches

David Cheal stellt in seiner Untersuchung über die gift economy fest, dass Empfänger häufig Geschenke erhalten, die sie sich auch selbst hätten beschaffen können.267 Damit einher geht die Idee, dass Geschenke oft überflüssig in dem Sinne seien, dass der Beschenkte sie eigentlich nicht benötige.268 In ökonomischer Hinsicht kann hier jedoch von Überflüssigkeit nicht die Rede sein, da die Möglichkeit, einen Gegenstand auf einfache Weise und ohne Aufwand zu erhalten, ihn für den Empfänger automatisch wertvoller macht. Selbst wenn der Empfänger schon andere Exemplare eines solchen Gegenstandes besitzen sollte, so kann der Grenznutzen eines solchen Geschenks trotzdem noch beträchtlich sein. Daneben steht noch die symbolische Komponente gerade im Falle überflüssiger Geschenke, auf die Colin Camerer hingewiesen hat: “[…] Inefficient gifts that are not worth much to the receiver may be better signals than efficient gifts, since they help signal the receiver’s intentions.”269 Darüber hinaus bietet sich immer die Möglichkeit des Weiterverschenkens oder Verkaufens. Der Wert eines Transfergutes – ob materiell oder immateriell – hängt von zahlreichen kompliziert miteinander verwobenen Faktoren ab, ist niemals dauerhaft oder präzise zu ← 84 | 85 → bestimmen und muss sorgfältig in Augenschein genommen werden, bevor man Aussagen über Wert oder Wertlosigkeit treffen kann. Gerade das Buch ist auf Grund seiner komplexen Struktur als materielles Objekt, das sowohl materiellen als auch nicht-materiellen Wert aufweisen kann, ein hervorragendes Beispiel für die Schwierigkeiten, die der Wertdiskurs mit sich bringen kann.

3.3.1 Das Buch als Träger eines materiellen Wertes

Es ist offensichtlich und bereits mehrfach angesprochen worden, dass ein Buch – wie jedes Transfergut, ob selbst materieller Natur oder nicht – einen materiellen Tauschwert haben und somit in andere potenzielle Wertträger umgerechnet werden kann. In der Praxis handelt es sich dabei meist um Umrechnungen in Geld, wie sie etwa Klosterchronisten in Geschenklisten festhielten, aber auch eine Umrechnung in andere Gegenstände oder Dienstleistungen ist denkbar. Dabei hat das Buch die üblichen Funktionen und bietet die bereits angeführten Möglichkeiten, die sich einem Schenker eröffnen, der seine Großzügigkeit über materiellen Wert demonstrieren will: „Der materielle Wert der Gaben hat nämlich Zeichenfunktion in doppelter Hinsicht: einmal lässt er auf den sozialen Rang der beiden Tauschpartner und ihrer Sippe schließen, zum anderen ist er Zeichen für den Grad der gegenseitigen Verpflichtung.“270 Dabei ist der materielle Wert jeden Geschenks natürlich dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterworfen, so dass es einen wahren Wert nicht geben kann.271 Es ist offensichtlich, dass der Tauschwert immer wieder und meist auf sehr wörtlich zu verstehende Weise ausgehandelt werden muss: „Erst im Spannungsfeld zwischen zwei Menschen bekommt eine Sache ihren Wert, das wissen Händler genauso wie Schenker.“272 Insbesondere die Bedingungen des Buchdrucks, mit dem eine starke Vereinheitlichung und Standardisierung möglich war, zwingen den heutigen Forscher dazu, sich der folgenden Tatsache bewusst zu werden: “Physically identical things are often sold for different prices, usually because of accompanying conditions that are quite different.”273 Der entscheidende Faktor ist daher ganz grundlegend die Bereitschaft eines anderen Menschen, einen entsprechenden Preis für einen ← 85 | 86 → Gegenstand oder eine Dienstleistung zu bezahlen. Für praktische Zwecke kann man jedoch davon ausgehen, dass ein Buch einen gewissen Wert ‚hat‘, wenn man berücksichtigt, dass es sich dabei nicht um einen wie immer gearteten intrinsischen Wert handelt. Historische Beispiele von verschenkten Prachtbänden sind außerordentlich zahlreich und machen noch einmal deutlich, dass sich das Buch als kostbarer Gegenstand von hohem materiellen Wert nur wenig von anderen kostbaren Geschenken unterscheidet. Dass das gedruckte Buch generell deutlich preisgünstiger war als das handgeschriebene, steht ebenfalls außer Frage und schlug sich mehrfach in den Beobachtungen der Zeitgenossen nieder.274 Dieser Umstand wurde zum Motor der bereits angesprochenen rhetorischen Bemühungen von Buchschenkern, einen anderen Wertaspekt ihres Geschenkes zu betonen: den nicht-materiellen Wert.

3.3.2 Das Buch als Träger eines nicht-materiellen Wertes

Vom Standpunkt der Buchgeschenkforschung aus ist die Frage nach dem nicht-materiellen Wert eines Buches – also dem Wert, der nicht oder nur unter Schwierigkeiten in andere Werteinheiten umgerechnet werden kann – interessanter als diejenige nach dem materiellen Wert, da dieser Aspekt das Besondere des Buches als Geschenk hervorhebt. Hierbei kann man zwischen fünf verschiedenen Typen von Wert unterscheiden, auch wenn diese in der Praxis nicht immer leicht voneinander abzugrenzen sein dürften: dem symbolischen Wert, dem emotionalen Wert, dem spirituellen Wert, dem magischen Wert und dem inhaltlichen Wert. All diese sind verschiedene Ausprägungen des Gebrauchswertes.

Der symbolische Wert kann im Falle des Buchgeschenks auf ähnliche Weise behandelt werden wie bei anderen Geschenkarten und nimmt Teil an der allgemeinen Symbolik des Schenkens an sich. Das Buch als eigenständiges Objekt kann selbstverständlich eigene symbolische Bedeutungen übertragen und weist bekanntlich eine reichhaltige symbolische Tradition auf.275 Diese symbolischen Bedeutungen sind in den meisten Fällen Teile des symbolischen Repertoires der jeweiligen Akteure und daher relativ unabhängig von der konkreten ← 86 | 87 → Geschenksituation; je eindeutiger den Beteiligten die symbolische Zuordnung des Buches ist (etwa als Symbol für Gelehrsamkeit), um so klarer wird die Botschaft nicht nur an den Empfänger, sondern auch an diejenigen, die am Geschenkvorgang selbst nicht direkt beteiligt sind, aber von ihm Kenntnis haben. Dies schließt die Übermittlung einer privaten symbolischen Botschaft an den Geschenkempfänger oder an bestimmte Mitglieder des jeweiligen Umfeldes nicht aus, so dass ein solches Geschenk auch eine mehrschichtige symbolische Bedeutung haben kann. Ann W. Astell identifiziert symbolischen Status als einzigartiges Geschenk zwischen Menschen als eine der drei Kriterien, nach denen die utilitas eines mittelalterlichen Buches in den von ihr untersuchten Vorworten (accessus) gemessen wurde.276 In all den hier vorgestellten Aspekten unterscheidet sich das Buch nicht fundamental von anderen Geschenkarten, die ihre eigene symbolische Tradition mitbringen.

Anders als der symbolische Wert ist der emotionale Wert nicht von der konkreten sozialen Situation zu trennen; die beiden können miteinander verknüpft sein, aber auch nebeneinander oder sogar im Widerspruch zueinander stehen. Der emotionale Wert gehört in den Bereich der privaten menschlichen Beziehung zwischen Schenker und Empfänger und bietet einen Kommunikationskanal, der nicht ohne weiteres von anderen Menschen geteilt werden kann oder dessen Inhalte von ihnen vielleicht nicht verstanden werden können. Durch die Kombination von materieller Ausstattung, inhaltlicher Bedeutung, Individualisierung durch Paratexte und die Möglichkeit, subtile versteckte Botschaften zu übermitteln und Insider-Effekte zu erzielen, kann ein Buchgeschenk einen hohen emotionalen Wert haben. Erasmus von Rotterdams Zueignung seines Parabolae an Pieter Gillis 1514, in der er sein Buchgeschenk als Ausdruck einer tiefen geistigen und emotionalen Verbundenheit präsentiert, zeigt, dass eine solche emotionale Geschenkfunktion eines Buches auch explizit gemacht werden konnte, auch wenn die Frage nach dem Verhältnis von rhetorischem und affektivem Anteil in einer solchen Zueignung nicht endgültig zu beantworten ist277.

Der spirituelle Wert eines Buches ergibt sich aus seiner Nähe zum Göttlichen, wobei an der Spitze dieser Hierarchie nur die Bibel stehen kann, die nicht nur Heiliges enthält, sondern als Manifestation des göttlichen Wortes Heiliges ist: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidig ← 87 | 88 → Schwert […]“.278 Wie alles Heilige ist es unzerstörbar und wird ewig bestehen bleiben,279 und wer es in sich aufnimmt, wird Seligkeit erlangen.280 “[…] It mediates the presence and grace of God sacramentally.”281 Die Trennung zwischen geschriebenem und gesprochenem Text ist in diesem Falle aufgehoben: “The word is thought of primarily as something readily at hand in the pages of our Bibles […] Such reification masks in many instances the degree to which for Christians the ‘word’ is theologically and functionally not a written text but the living, spoken message of the gospel.”282 Diese Eigenschaften wurden auch in reduziertem Umfang von Texten geteilt, die auf der Bibel basierten; aber auch neu verfasste Texte konnten einen hohen spirituellen Wert haben – etwa die Werke der Mystiker283 – da auch sie den Leser näher zu Gott brachten.

Die mittelalterliche Tradition der orakelhaften Bibelaufschlagung macht allerdings deutlich, dass sich der spirituelle Wert nicht fundamental von einem Wert unterscheidet, der hier als magischer Wert bezeichnet werden soll; hierbei handelt es sich um den Wert, den ein Buch im Rahmen eines übernatürlichen Weltbildes erhalten kann, wenn es eine Funktion annimmt, die mit seinem Inhalt oder seinem materiellen Wert nur wenig zu tun hat und als Bestandteil magischer Rituale, Zaubersprüche oder als Heilmittel verwendet wird: „Sogar gedruckte oder geschriebene Zauberbücher trägt man als Schutz vor Krankheiten bei sich.“284 Dabei ist es häufig der Fall, dass sich die magische Kraft des Buches aus seinem Inhalt herleitet, dieser aber in der konkreten Anwendung keine Rolle mehr spielt285. Auf diese Weise kann etwa ein Buch, in dem Heilmittel verzeichnet sind, selbst als solches fungieren, wenn es dem Patienten unter das Kopfkissen gelegt wird286. Besteht hierbei noch zumindest eine lose – wenn auch auf magischen Vorstellungen beruhende – Verbindung zwischen Inhalt ← 88 | 89 → und Funktion, so liegt in anderen Fällen nicht einmal eine solche vor; das Buch an sich wird zu einem magischen Objekt287. Da die potenziellen Käufer in vielen Fällen des Lesens nicht mächtig waren, war es nicht schwierig, ihnen vollkommen andere Bücher unterzuschieben als sie zu erwerben glaubten288, womit diese in die enge Nähe anderer Talismane und Amulette gerieten, bezüglich deren Macht man sich auf die Aussage des Verkäufers verlassen musste. Die funktionale Nähe der spirituellen und der magischen Kraft dieser Bücher wird durch den Umstand belegt, dass es sich bei zahlreichen solcher Bücher um Bibeltexte, Katechismen oder Gesangbücher handelte.289

Certainly the magical or quasi-magical quality of the written word is abundantly visible in the popular use of written excerpts from or physical copies of sacred scriptures […] Diverse folk practices can be cited, from the old European practice of laying a Bible under a sick or yet-to-be-christened child, to […] the placing of a Bible copy […] in an automobile as a protection against car thieves.290

Da die meisten Bücher jedoch keine magisch aufgeladenen Zauberbücher waren, die in ihrer reinen Materialität bereits übernatürliche Kräfte hatten, wurde die Frage nach dem inhaltlichen Wert eines Buches – oder präziser, eines Textes – bereits im Mittelalter regelmäßig in den Vorworten innerhalb der Tradition des accessus gestellt.291 Neben der bereits erwähnten symbolischen Bedeutung basierte die utilitas eines Buches vor allem auf dem Nutzen, den sich der Leser von der Lektüre des betreffenden Textes erhoffen konnte. Dieser Nutzen wurde gelegentlich in Untergruppen aufgeteilt.292 Da ein accessus den Zugang zu einem älteren Werk erleichtern oder ermöglichen sollte, das nicht vom Autor des accessus selbst verfasst worden war, handelte es sich um ein geistiges Buchgeschenk: “The book, as it were, becomes the commentator’s gift to the reader – a gift offered on behalf of the classical or biblical author […]”.293 Diese accessus – Tradition ist auch noch in der Reformationszeit zu finden, wie Alastair J. Minnis und A. B. Scott ← 89 | 90 → demonstriert haben294 und wie man bei sorgfältiger Lektüre der Zueignungen in den Werken im England des 16. Jahrhunderts bestätigen kann. Die Nützlichkeit eines Buches steht meist im Mittelpunkt dieser Paratexte und leitet sich oftmals aus der Verbindung zu anerkannten Grundwerten der Gesellschaft wie etwa dem common weal oder der großen Bedeutung der richtigen Erziehung von Kindern her. Unter den Bedingungen des Buchdrucks wurde es möglich, auch das kommerziell angebotene Buch in inhaltlicher Hinsicht als Geschenk zu deklarieren. Der Inhalt hatte jedoch nicht nur seinen eigenen Wert, sondern konnte als diskursive Plattform verwendet werden, um über den Wert des gesamten Buches auf allen Ebenen zu reflektieren:

The book in fact had an advantage over the traditional gifts […] Golden statues, cups, capes and barrels of fine wine did not necessarily carry with them the message about the hoped-for reform or action […] In the book, everything could be made explicit and the dedications themselves could draw heavily on the language of gifts and responsibilities.295

Mit einem Buch bot sich dem Schenker immer auch die Möglichkeit, über die unsichere Kommunikationsform der hier aufgeführten nicht-materiellen Ebenen der Kommunikation hinauszugehen und deutlich zu sagen, wie er die Beziehung zwischen sich und dem Beschenkten auffasste, was er wollte oder erwartete und wofür er stand beziehungsweise wogegen er war. Damit senkte er sowohl das Risiko eines Missverständnisses als auch dasjenige einer vom Empfänger bewusst vorgenommenen Fehlinterpretation. Darüber hinaus, und das ist eine Besonderheit des Buches als Geschenk, konnte er den Geschenkdiskurs auf mehreren Ebenen führen und so im Grunde auf einer Meta-Ebene über die Interaktion reflektieren, an der er zum entsprechenden Zeitpunkt selbst beteiligt war; die in dieser Arbeit angeführten Fallstudien werden zeigen, dass dies im England des 16. Jahrhunderts sehr oft geschah. Ein solcher Meta-Diskurs hätte in der Frühen Neuzeit mittels keines anderen Geschenktyps geführt werden können.

3.3.3 Der Wert des Buches in der (religiösen) Literatur der englischen Reformationszeit

Im Jahre 1526 druckte der spätere königliche Drucker Thomas Berthelet (+1555) ein Werk von Erasmus von Rotterdam, das von Thomas Morus’ Tochter Margaret Roper (1505–1544) übersetzt und von dem humanistischen Gelehrten Richard Hyrde (+1528) mit einer Zueignung versehen wurde, in der er das Motto des ← 90 | 91 → gelehrten Buchschenkers der Tudorzeit auf den Punkt brachte: “I sende you this boke, lytell in quantite, but bigge in value.”296 Der Autor297 im England der Reformationszeit sah sich mit zwei Problemen konfrontiert, wenn es um den Wert seines Buches ging: mit einem materiellen und einem nicht-materiellen. Das materielle Problem bestand darin, dass das gedruckte Buch, das er zu verschenken gedachte, im Normalfall einen geringen Tauschwert hatte – anders ausgedrückt, es war billig und sah meist auch danach aus, und billige Geschenke sind zu keiner Zeit beliebt gewesen und waren kaum dazu imstande, die mit dem Geschenk verbundenen Intentionen des Autors zu fördern. Das Überspringen dieser Hürde konnte nur auf dem Wege der Nicht-Materialität erfolgen; das Buch musste in unter diesem Gesichtspunkt als möglichst wertvoll und nützlich dargestellt werden. Der Gebrauchswert musste den Tauschwert weit überstrahlen, und das Medium dieses Überzeugungsdiskurses waren Vorwort, Prolog, Dedikationsbrief und ähnliche Paratexte. Dies führte jedoch sofort zum zweiten Problem, nämlich der Verpflichtung, bescheiden und nicht selbstbewusst und von den eigenen Fähigkeiten überzeugt aufzutreten. Insbesondere der Autor eines religiösen Werkes dürfte diesen Druck noch stärker gespürt haben, da bei ihm zur antiken Tradition des Bescheidenheitsgestus noch die christliche Aufforderung hinzukam, sich nicht als Person in den Vordergrund zu stellen298. Mit diesem Problem konnte der Autor auf verschiedene Arten umgehen. Eine Möglichkeit war, wie Nadezda Shevchenko in ihrer Untersuchung von Buchgeschenken an die Mitglieder des preußischen Fürstenhofes im 16. Jahrhundert beschreibt, den geringen Wert des Buchgeschenks an den Bescheidenheitsgestus zu koppeln: „[Derartige Beteuerungen der Untertänigkeit] dienten vor allem dazu, die offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Wert des Buchgeschenks seitens des Gelehrten und dem Schutz seitens des Fürsten zu begründen.“299 Aber damit waren die Möglichkeiten eines Buchschenkers noch lange nicht erschöpft. Wenn er das Werk übersetzt, kompiliert, kommentiert oder einfach nur beschafft hatte, dann stand ihm nichts im Wege, den eigentlichen Verfasser in den höchsten Tönen anzupreisen. “This little booke (whiche in mine opinion is to be compared in counsaile and short sentence with any booke, holy scripture excepted) […]” – so pries Thomas ← 91 | 92 → Elyot Isokrates’ The doctrinal of princes300 an, ein Werk, das noch nicht einmal explizit religiöser Natur war und trotzdem in seinen Augen offenbar nur von der Heiligen Schrift selber übertroffen wurde. Ähnlich hoch, allerdings in diesem Fall für ein religiöses Werk, griff der Humanist und Diplomat Richard Morison (c.1510–1556) in seinem Lob für Juan Luis Vives’ Ad sapientiam introductio301: “I knowe no one booke untranslated, that hath halfe so many holsome documentes as this hathe […]”302, damit implizierend, dass er nicht nur sehr belesen ist, sondern auch hohe Qualitätsstandards als Übersetzer bei der Auswahl seiner Texte hat. Um den Wert des Buches herauszustellen, griff Morison zu einem handfesten materiellen Vergleich: “This boke is nowe youres, I truste as the Jewels, whiche it offereth unto you, be great, rare, and preciouse […]”303. Thomas Becon fügte das religiöse Buch explizit in den Geschenkdiskurs ein und schrieb ihm schon im Titel einen Wert zu, der denjenigen materieller Geschenke weit überragte304, während Erzbischof Thomas Cranmer Buchgeschenke generell als die hochwertigsten Geschenke überhaupt betrachtete; so dankte er dem Schweizer Reformator Joachim Vadian (1485–1551) für dessen Geschenk mit den Worten: “[…] Having received your letter last winter, together with a literary present, which kind of presents I always regard as of the greatest value […]”.305 Einem Verfasser, der die Wahl zwischen dem Senden eines Briefes oder eines Buchgeschenks hatte, empfahl der Reformator Simon Grynaeus (1493–1541), auf jeden Fall das Buch zu wählen; er ermahnte Philipp Melanchthon, Heinrich VIII. etwas über Religion zu senden, auch wenn es nur ein Brief sei – damit implizierend, dass ein Buch besser wäre.306

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Buchschenker des 16. Jahrhunderts den Wert des Buches aus nachvollziehbaren Gründen mit rhetorischen Mitteln überhöhten, wozu sein nicht-materieller Aspekt deutlich in den Vordergrund gestellt wurde, um die Aufmerksamkeit von materiellen Aspekt abzulenken und somit der Konkurrenz mit solchen Buchschenkern zu entgehen, die sich ← 92 | 93 → prachtvollere Bände leisten konnten; da viele einflussreiche Persönlichkeiten im England der Tudorzeit zahlreiche materielle wie geistige Buchgeschenke erhielten, war den Schenkern eine solche Konkurrenzsituation zweifellos bewusst, aber als ökonomisch meist nicht sehr gut dastehende Akteure bestand ihre Chance nur darin, den Wertdiskurs über das Buch als Geschenk zu verlagern. Georgianna Ziegler urteilt über ein Buchgeschenk, das die Kalligraphin Esther Inglis 1591 an Königin Elisabeth machte: “Bound in vellum, with plain pages unadorned by anything other than black ink, the book would have appeared but a modest token amid the splendid jewels and silks that formed the customary New Year’s gifts to the queen.”307 Eine solche Situation, in der sich viele Buchschenker der Zeit wiederfanden, führte zwangsläufig zu einer starken Betonung des nicht-materiellen Wertes, die sich, wie die Fallstudien zeigen werden, in den entsprechenden Texten widerspiegelte.

196 Vgl. Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter. Bern: Francke 1948. S. 311.

197 Siehe Cicero, Pflichten, S. 217.

198 „[…] Jedenfalls werden wir darauf achten, nicht überflüssige Geschenke zu machen […] wie einem Bauern Bücher […].“ (Seneca, De Beneficiis, 1.11, S. 131).

199 Als Beispiel hierfür siehe Florin Curtas Aufsatz “Merovingian and Carolingian Gift Giving” (Speculum, Juli 2006, S. 671–699), in dem kostbare Buchgeschenke im gleichen Atemzug mit Pferden, Juwelen, Waffen und anderen Geschenken erwähnt werden (vgl. S. 697f.). Friedrich Rost verzichtet bei seiner Aufzählung von Geschenken vergangener Epochen gleich gänzlich auf Bücher (Rost, Theorien des Schenkens, S. 22).

200 Zum Lesen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit: Herbert Grundmann: „Litteratus – illiteratus. Der Wandel einer Bildungsnorm vom Altertum zum Mittelalter.“ Archiv für Kulturgeschichte 40 (1958), S. 1–65; Rosamond McKitterick (Hg.): The Uses of Literacy in Early Medieval Europe. Cambridge: Cambridge University Press 1990; Roger Chartier: Lesewelten. Buch und Lektüre in der frühen Neuzeit. Frankfurt und New York: Campus-Verlag 1990 (bes. Kapitel 4, S. 146–168).

201 Vor allem Bibeln, Evangeliare, Psalter und Stundenbücher, die ja inhaltlich nicht viel Neues zu bieten hatten, wurden aus verschiedenen Gründen häufig reichhaltig illustriert, unter anderem zur Stützung des Gedächtnisses eines Betenden, als bildliche Vorlage zur Kontemplation oder einfach als visuelles Mittel gegen herumschweifende Blicke (hierzu Büttner, The illuminated psalter, und Signori, „Die lesende Frau“, S. 103f.). „Das Bild der lesenden Frau ist auf jeden Fall keine Metapher für Wissbegierde.“ (Signori, „Die lesende Frau,“, S. 117).

202 Siehe hierzu Elizabeth L. Eisenstein: The Printing Revolution in Early Modern Europe. Cambridge: Cambridge University Press 2005; Colin Clair: A History of Printing in Britain. Norwich: Cassell 1965; Lotte Hellinga: “Printing”. In: Lotte Hellinga / J. B. Trapp (Hgg.): The Cambridge History of the Book in Britain. Vol. III (1400–1557). Cambridge: Cambridge University Press 1999. S. 65–108; David Scott Kastan: “Print, literary culture and the book trade.” In: Loewenstein / Mueller, The Cambridge History of Early Modern English Literature, S. 81–116; Rudolf Hirsch: Printing, Selling and Reading 1450–1550. Wiesbaden: Harrassowitz 1974; Sigfrid Steinberg: Five Hundred Years of Printing. Harmondsworth: Penguin Books 1955; H.S. Bennett: English Books and Readers 1475–1555. Cambridge: Cambrige University Press 1952.

203 Buchgeschenke werden in der Literatur zum Geschenk regelmäßig erwähnt, stehen aber meist nicht im Mittelpunkt der Diskussion; daher sind viele der bereits weiter oben angeführten Literaturhinweise auch für dieses Kapitel (in Grenzen) relevant. Speziell zum Buchgeschenk im 16. Jahrhundert liegen vor: Als bisher offenbar einzige Monographie zumindest für das England des 16. und des frühen 17. Jahrhunderts Scott-Warren, Sir John Harington. Interessant für Buchgeschenke auch Beal / Ioppolo, Elizabeth I sowie John Pitcher: “Samuel Daniel’s Gift of Books to Lord Chancellor Egerton.” Medieval and Renaissance Drama 17 (2004), S. 216–238. Für den deutschen Sprachraum in dieser Zeit Shevchenko, Eine historische Anthropologie, insbesondere Kapitel 2.2, S. 145–202. Das Buchgeschenk im Frankreich derselben Periode wird behandelt von Davis, “Beyond the Market” und von Myra Dickman Orth: “Family Values: Manuscripts as Gifts and Legacies among French Renaissance Women.” Journal of the Early Book Society 4 (2001), S. 88–111.

204 In diesem Kapitel soll es um das Buch als Geschenk in allgemeiner Hinsicht gehen, daher stammen die herangezogenen Beispiele aus allen Bereichen und Epochen und können alle Textgattungen beinhalten. Die spezielle Ausrichtung auf religiöse Literatur und das England des 16. Jahrhunderts ist das Thema des folgenden Kapitels.

205 Einen expliziten zeitgenössischen Diskurs speziell zum Buch als Geschenk hat der Verfasser bislang noch nicht ausfindig machen können.

206 Hier verstanden im Sinne Gérard Genettes, der die Zueignung von der Widmung unterschieden wissen will: „Um Verwechslungen zwischen diesen beiden Handlungen zu vermeiden, verwenden wir zwei Begriffe: zueignen für die Widmung eines Werks, widmen für die Widmung eines Exemplars.“ (im französischen Original: ‚dédier‘ und ‚dédicacer‘). Genette, Paratexte, S. 115. Für den deutschsprachigen Verfasser stellt sich hier ein terminologisches Problem: „Doch die Übernahme dieser Begriffswahl für den deutschen Sprachgebrauch ist problematisch, weil sich im Deutschen der Begriff des ‚Widmens‘ für alle Spielarten dieser Textsorte durchgesetzt hat.“ (Diana Stört: „Form- und Funktionswandel der Widmung. Zur historischen Entwicklung und Typologisierung eines Paratextes“. In: Volker Kaukoreit / Marcel Atze / Michael Hansel (Hgg.): „Aus meiner Hand dies Buch …“ Zum Phänomen der Widmung. Sichtungen 2005/2006. Wien: Turia + Kant 2006. S. 82). Wenngleich der Verfasser die Genettesche Trennung stets berücksichtigt, so kann es bei Zitaten aus deutschsprachiger Sekundärliteratur zu Überlappungen der Begriffe kommen.

207 Zur Buchdefinition siehe Rautenberg / Wetzel, Buch, S. 2f.

208 Allgemein zur Buchsymbolik im Mittelalter Curtius, Europäische Literatur, insbesondere Kapitel 16: „Das Buch als Symbol.“ S. 306–352.

209 Ein Beispiel aus dem liturgischen Bereich ist die impositio evangelii bei der mittelalterlichen Weihe. Sie macht darüber hinaus deutlich, dass die symbolische Bedeutung einer solchen Handlung keineswegs eindeutig zu bestimmen war oder ist und schon bei den Zeitgenossen zu lebhaften Diskussionen führte (vgl. Klaus Schreiner: „Das Buch im Nacken. Bücher und Buchstaben als zeichenhafte Kommunikationsmedien in rituellen Handlungen der mittelalterlichen Kirche.“ In: Ulrich Meier / Gerd Schwerhoff / Gabriela Signori (Hgg.): Rituale, Zeichen, Bilder: Formen und Funktionen symbolischer Kommunikation im Mittelalter. Köln: Böhlau 2011. S. 283–322).

210 Für den englischen Raum ist dieser Aspekt untrennbar mit der Idee des stigma of print verbunden, also der empfundenen Minderwertigkeit des gedruckten Buches gegenüber dem Manuskript, eine These, die paradigmatisch von J. W. Saunders in seinem Artikel “The Stigma of Print. A Note on the Social Bases of Tudor Poetry.” Essays in Criticism 1 (1951), S. 139–164, vertreten wurde. Sie ist jedoch von der neueren Forschung relativiert worden (siehe etwa Steven W. May: „Tudor Aristocrats and the Mythical ‚Stigma of Print‘“. Renaissance Papers [1980], S. 11–18).

211 Der Buchschenker geht immer ein Risiko ein, da ein Buch auf Grund seines Inhaltes eine Aussage über den Schenkenden machen kann, die möglicherweise ihrerseits negative Konsequenzen seitens des Beschenkten oder der Umgebung nach sich zieht, wenn die Auswahlkriterien des Buchschenkers etwa in Bezug auf seinen Geschmack oder seine Intelligenz in Frage gestellt werden. Die bereits angesprochene Tendenz in den Zueignungen des 16. Jahrhunderts, das Buchgeschenk in einen mit diskursiven Mitteln in einen konkreten interpretatorischen Kontext zu stellen, war auch auf die Vermeidung eben dieses Geschenkrisikos zurückzuführen.

212 Die Verbreitung der Druckerpresse schuf allerdings ein neues Geschenkrisiko, das unter den Bedingungen der Manuskriptzeit wenig Bedeutung gehabt haben dürfte, nämlich die Gefahr, dem Empfänger ein Werk zu schenken, das er bereits besaß. Die Buchschenkenden des 16. Jahrhunderts waren sich dieser Gefahr nur zu bewusst, wie man etwa aus dem Briefwechsel der kontinentalen und englischen Reformatoren erkennen kann, der in den Fallstudien behandelt werden wird.

213 Siehe hierzu: Anthony Grafton / Lisa Jardine: From Humanism to the Humanities. Education and the Liberal Arts in Fifteenth- and Sixteenth-Century Europe. London: Duckworth 1986. S. 140f.

214 Vgl. Davis, “Beyond”, S. 82.

215 ‚Öffentlichkeit‘ bezieht sich hier nur auf den tatsächlich durchgeführten Geschenkvorgang, nicht auf die Rolle der allgemeinen öffentlichen Sphäre.

216 Siehe etwa: Sharon Kettering: Patronage in Sixteenth- and Seventeenth-Century France. Aldershot: Asghate 2002 (Kapitel II: “Gift-Giving and Patronage in Early Modern France”, S. 131–151). Allerdings ist augenfällig, dass in Ketterings Aufsatz von Büchern als Geschenken nicht die Rede ist.

217 Siehe hierzu einführend Stört, „Form- und Funktionswandel“, S. 79–112.

218 Bei diesem Buch handelte es sich um De antiquitate Ecclesiae Britannicae (London 1572, John Day; STC 19292); Abbildung bei Klein, „Elizabethan Gifts“, S. 486.

219 Zur Standardisierung im frühen Buchdruck: Eisenstein, The Printing Revolution, S. 8f. und S. 56–70.

220 Im religiösen Bereich etwa das in der Einleitung erwähnte Buchgeschenk, das der Drucker-Verleger Wynkyn de Worde 1525 an die Nonnen von Syon Abbey machte (vgl. A.S.G. Edwards / Carol M. Meale: “The Marketing of Printed Books in Late Medieval England.” The Library, Sixth Series, Band XV [1993]. S. 115f.) oder die ebenfalls bereits angeführte Katechismusverteilung des Jesuiten Antonio Possevino in Lyon im Jahre 1560.

221 Vgl. Davis, “Beyond the Market”, S. 69.

222 Diese Beobachtung kommt für viele Menschen etwas überraschend, ist aber schon seit langer Zeit bekannt; schon Cicero zitiert den griechischen Dichter Hesiod, der den Empfänger einer Leihgabe dazu anhielt, „Entliehenes in vollerem Maße zurück[zu]erstatten“ (Cicero, Pflichten, S. 39). In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts etwa stellte der spanische Moraltheologe Francisco de Vitoria (c.1483–1546) fest, dass ein Mensch, der etwas verleiht, einem anderen ein Geschenk macht, das dieser dann später mit Zinsen als Zeichen seiner Dankbarkeit zurückgibt – womit der Bischof das Problem des Wuchers elegant umging (vgl. Hénaff, The Price, S. 284f.; Bartolomé Clavero: Antidora. Antropología Catolica de la Economia Moderna. Mailand: Guiffrè Editore 1991. S. 59–68), denn es war die Intention des Gebers, die zählte und das geliehene Geld als Geschenk definierte. Ganz unabhängig von theologischen Erwägungen ist eine Leihgabe insofern ein Geschenk, als dass der Nutzwert des Verliehenen dem Empfänger zur Verfügung gestellt wird; Zinsen stellen den Preis dar, den ein Kreditempfänger für diesen Nutzwert bezahlt, wodurch die Kreditaufnahme bei einer Bank eine explizit kommerzielle Transaktion darstellt. Da jedoch alles, was sich verkaufen lässt, auch in einem Geschenkvorgang Verwendung finden kann, ist das zinslose Verleihen von Geld – oder Büchern – zwangsläufig ein Geschenk; der Nutzwert steht dem Schenkenden für die Dauer der Leihgabe nicht zur Verfügung.

223 Dass diese spezielle Eigenschaft von Informationen in der Frühen Neuzeit bekannt war, zeigt sich etwa bei Pierre-Robert Olivétan, dem Übersetzer der französischen Bibel (siehe Davis, “Beyond”, S. 80).

224 Für die Quellenstudien bereitet die geringe Wertigkeit, die ein Besitzer einem bereits gelesenen Buch beimessen mochte, die Schwierigkeit, dass die Grenze zwischen ‚Verleihen‘ und ‚Verschenken‘ außerordentlich fließend wurde; ein eigentlich geliehenes Buch konnte sich im Laufe der Zeit in ein Geschenk verwandeln, und die Semantik der dabei verwendeten Begriffe war oft nicht eindeutig. Da im Rahmen dieser Arbeit jedoch auch das Verleihen als Schenken verstanden wird, bezieht sich dieses Problem nicht auf die Abgrenzung ‚Geschenk/Nichtgeschenk‘, sondern lediglich auf ‚materielles/nicht-materielles Geschenk‘; um Geschenke handelt es sich in allen Fällen.

225 Brief von Guillaume Budé an Thomas Lupset (More, Utopia, S. 117).

226 Vgl. Gerontius: Das Leben der heiligen Melania. Aus dem Griechischen übersetzt von Dr. St. Krottenthaler. Bibliothek der Kirchenväter, Reihe 1, Band 5. Kempten und München: Verlag der Jos. Köselschen Buchhandlung 1912. Kapitel 26, S. 20 (S. 464 des Gesamtwerkes).

227 Kettering, Patronage, S. 140.

228 Ich danke Kerstin Meyer-Bialk für diesen Hinweis.

229 Zu Mallard siehe James P. Carley: “‘Deditissimus seruus’: Jean Mallard’s book presentations to Francis I and Henry VIII and their function”. In: Müller-Oberhäuser, Book Gifts and Cultural Networks (in Vorbereitung). Ich danke Prof. Carley sehr herzlich dafür, dass er mir das Manuskript freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

230 Zu Buchpreisen im 16. Jahrhundert Chartier, Lesewelten, S. 60f. Zu den Produktionskosten eines Manuskripts gegenüber einem Druck Eisenstein, The Printing Revolution, S. 15f.

231 Vgl. Davis, “Beyond”, S. 69.

232 Vgl. Davis, „Beyond“, S. 71f.

233 Davis, The Gift, S. 61.

234 Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang die maliziöse Feststellung Erasmus von Rotterdams, die er 1518 über einen Freund machte, der genau auf diese Weise vorging (vgl. Davis, „Beyond“, S. 69).

235 In den Fallstudien werden diese Aspekte wiederholt auftreten. Siehe hierzu auch Shevchenko, Eine historische Anthropologie, S. 149.

236 Friedrich Rost bezieht auch die Entscheidungstheorie in sein interdisziplinäres Arsenal zur Untersuchung des Schenkens mit ein (vgl. Rost, Theorien des Schenkens, S. 168). Das ökonomische Grundprinzip des Einsatzes von knappen Ressourcen, die auch eine andere Verwendung finden könnten, wurde, wie sich zeigen wird, von den Buchschenkern im England der Reformationszeit regelmäßig berücksichtigt.

237 Die Literatur zu den einzelnen Bibeln und Evangeliaren, vor allem aber zu Psaltern und Stundenbüchern ist unüberschaubar. Für den englischen Sprachraum und aus neuester Zeit möchte ich als Beispiele anführen: Stella Panayotova: The Macclesfield Psalter. With a Complete Reproduction at the Original Size of this 14th Century Prayer Book in the Collections of the Fitzwilliam Museum, Cambridge. London: Thames & Hudson 2008; Michelle P. Brown: The World of the Luttrell Psalter. London: The British Library 2006; Jane Geddes: Der Albani-Psalter. Eine englische Prachthandschrift des 12. Jahrhunderts für Christina von Markyate. Regensburg: Schnell & Steiner 2005; William Noel: The Harley Psalter. Cambridge: Cambridge University Press 1995; Anne Rudloff Stanton: The Queen Mary Psalter. Narrative and devotion in Gothic England. Austin: University of Austin (Dissertation) 1992. Zu Stundenbüchern etwa Joachim M. Plotzek (Hg.): Das Stundenbuch der Margaret Duchess of Clarence. Köln: Kolumba, Diözesanmuseum Köln 2004; Claire Donovan: The de Brailes hours. Shaping the book of hours in 13th-century Oxford. London: British Library 1991; Derek Howard Turner (Hg.): The Hastings Hours. A 15th-century Flemish book of hours made for William, Lord Hastings, now in the British Library, London. London: Thames & Hudson 1983; Eberhard König: Die Bedford Hours. Das reichste Stundenbuch des Mittelalters. Stuttgart: Theiss 2007. Beispiele, die in den Zeitraum dieser Arbeit fallen, sind: Louis L. Martz (Hg.): Thomas More’s Prayer Book. New Haven: Yale University Press 1969 (enthält Psalter und Stundenbuch von Thomas Morus); Hansmartin Decker-Hauff: Das Stundenbuch der Maria Stuart. Hs. aus dem Besitz des Herzoglichen Hauses Württemberg (entstanden 1510/15 in Tours). Darmstadt: Ebert 1988.

238 Hierzu Carlo Bozzolo / Ezio Ornato: „Les bibliothèques entre le manuscrit et l’imprimé.“ In: André Varnet (Hg.): Histoire des bibliothèques françaises. Band 1, S. Paris: Promodis 1989. S. 333–347.

239 Christine Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung. Stuttgart: Reclam 2004. S. 66.

240 Vgl. Mary C. Erler: “Bishop Richard Fox’s Manuscript Gifts to his Winchester Nuns: A Second Surviving Example.” Journal of Ecclesiastical History, Vol. 52, Nr. 2 (April 2001), S. 334–337. Fox ließ das Buch – seine Übersetzung der Regel des Hl. Benedikt speziell für eine weibliche Leserschaft – im folgenden Jahr von Richard Pynson (STC 1859) drucken, da er befürchtete, die Zahl der Manuskripte könne nicht ausreichen. Die Manuskriptgeschenke hatten jedoch eindeutig Vorrang.

241 Vgl. Erler, “The Abbess”. Das Manuskript befindet sich in Blackburn, Museum and Art Gallery (MS Hart 21040); auf fol. 7r. wird es explizit als Geschenk bezeichnet (vgl. Penketh, “Women and Books of Hours”, S. 271).

242 Vgl. Orth, “Family Values” S. 88.

243 Davis, “Beyond”, S. 82.

244 „Das Ziel einer Werkszueignung ist […] nie eindeutig und peilt immer wenigstens zwei Adressaten an: den Zueignungsadressaten, aber auch den Leser, da es sich um einen öffentlichen Akt handelt, bei dem der Leser sozusagen stets als Zeuge geladen ist.“ (Genette, Paratexte, S. 131); siehe auch Davis, „Beyond“, S. 73.

Details

Seiten
432
ISBN (PDF)
9783653045710
ISBN (ePUB)
9783653993196
ISBN (MOBI)
9783653993189
ISBN (Buch)
9783631646670
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juli)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 432 S.

Biographische Angaben

Tobias Budke (Autor)

Tobias Budke ist an der WWU Münster tätig. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-geförderten SFB 496 und forscht und publiziert zu den Themen Buch- und andere Geschenke sowie soziale Netzwerke in der Frühen Neuzeit.

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Titel: Die geschenkte Reformation