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Die geschenkte Reformation

Bücher als Geschenke im England des 16. Jahrhunderts

von Tobias Budke (Autor:in)
Dissertation 432 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitung
  • 2. Schenken und Geschenke: Allgemeine Überlegungen
  • 2.1 Das Buch im Vergleich zu anderen Geschenktypen
  • 2.2 Einige Aspekte von Geschenkvorgängen
  • 2.3 Das Schenken im England des 16. Jahrhunderts
  • 2.3.1 Die antike Ethiklehre und das Schenken
  • 2.3.2 Largesse und die Anerkennung
  • 2.3.3 Caritas und das Seelenheil
  • 2.3.4 Der zeitgenössische Geschenkdiskurs
  • 3. Das Buch als Geschenk im 16. Jahrhundert
  • 3.1 Die Besonderheiten des Buchgeschenks
  • 3.1.1 Das Verleihen von Büchern
  • 3.1.2 Die Individualisierung des Buchgeschenks
  • 3.1.3 Schwächen des Buchgeschenks
  • 3.1.4 Gründe für ein Buch als Geschenk
  • 3.2 Vier Typen von Buchgeschenken
  • 3.3 Der Wert eines Buches
  • 3.3.1 Das Buch als Träger eines materiellen Wertes
  • 3.3.2 Das Buch als Träger eines nicht-materiellen Wertes
  • 3.3.3 Der Wert des Buches in der (religiösen) Literatur der englischen Reformationszeit
  • 4. Religiöse Literatur im England der Reformationszeit
  • 4.1 Das Lesepublikum
  • 4.2 England vor der Reformation
  • 4.3 Religiöse Literatur zur Zeit Heinrichs VIII
  • 4.3.1 Der Beginn der Reformation
  • 4.3.2 Die Great Matter und die Suprematie
  • 4.4 Religiöse Literatur zur Zeit Eduards VI
  • 4.5 Religiöse Literatur zur Zeit Maria Tudors
  • 4.6 Fazit
  • 5. Fallstudien zu Buchgeschenken im religiösen Kontext
  • 5.1 Praktische Erwägungen
  • 5.2 Der Hochadel
  • 5.2.1 Heinrich VIII.: Der archimedische Punkt
  • 5.2.2 Buchgeschenke für sechs Königinnen
  • 5.2.2.1 Katharina von Aragón: Vor der Reformation
  • 5.2.2.2 Anne Boleyn: Auf Umwegen zum König
  • 5.2.2.3 Ungeeignete Adressatinnen: Jane Seymour, Anna von Kleve und Catherine Howard
  • 5.2.2.4 Catherine Parr: Ein spirituelles Buchgeschenk
  • 5.2.3 Eduard VI.: Buchgeschenke und die große Chance
  • 5.2.4 Das Privy Council Eduards VI.: Personen und Funktionen
  • 5.2.5 Die Grey-Familie: Buchgeschenke en détail
  • 5.2.6 Maria Tudor: Prinzessin und Königin
  • 5.3 Die Geistlichkeit
  • 5.3.1 Thomas Cranmer: Risikogeschenke
  • 5.3.2 Stephen Gardiner: Unterlassene Geschenke
  • 5.3.3 John Hooper: Das Netzwerk der Reformatoren
  • 5.3.4 Thomas Becon: Das polemische Buchgeschenk
  • 5.4 Die Gelehrtenwelt
  • 5.4.1 John Cheke: Zwischen Humanismus und Reformation
  • 5.4.2 Roger Ascham: Ein flexibler Buchschenker
  • 5.4.3 Thomas Elyot: Das Buchgeschenk als historische Quelle
  • 5.4.4 John Dee: Angelische Buchgeschenke
  • 6. Ergebnisse und Ausblick
  • Literaturverzeichnis
  • Personenindex

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1. Einleitung

Im August 1555 eignete der katholische Theologe, Humanist und Übersetzer Gentian Hervet (1499–1584)1 dem englischen Kardinal Reginald Pole (1500–1558), der sich nach der Thronbesteigung Maria Tudors (r.1553–1558) seit 1554 wieder in England aufhielt, seine Übersetzung der Historia Lausiaca des Palladius von Helenopolis2 zu. Hervet hatte dieses Werk aus dem Griechischen übertragen, obgleich Pole diese Sprache beherrschte, wie Hervet in seiner Zueignung einräumte3, in der er eine Parallele zwischen den wegen ihres Glaubens verfolgten Mönchen in der Wüste und der Situation des Kardinals zog. Dieser hatte, nachdem Heinrich VIII. (r.1509–1547) mit Rom gebrochen hatte, bis zum Tode Eduards VI. (r.1547–1553) ein langes Leben im Exil geführt, ebenfalls verfolgt wegen seiner religiösen Überzeugung.4 Die näheren Umstände dieses Buchgeschenks sind durchaus von Interesse, bilden aber kein ungewöhnliches Beispiel in der Geschichte des religiösen Buchgeschenks im England der Reformationszeit. Einige Aspekte religiöser Buchgeschenke, die im Verlaufe dieser Arbeit noch erläutert werden sollen, lassen sich an diesem Buchgeschenk aufzeigen, etwa die Frage nach der Motivation des Schenkenden oder diejenige nach der materiellen oder nicht-materiellen Ebene eines Buchgeschenks, aber das Buch ist deshalb besonders bemerkenswert, weil es möglicherweise die älteste Quelle ist, in der ein Buchgeschenk im christlichen Kontext erwähnt wird, wenn man Palladius glauben darf:

Ebenfalls in genannter Stadt trafen wir einen Mönch, der kurze Zeit Soldat gewesen war. […] Er führt schon in das zwanzigste Jahr ein asketisches Leben […]. Die Kleider dieses Mannes sind keinen Heller wert, ebenso seine Nahrung. Zur Beschäftigung mit Büchern ← 11 | 12 → läßt ihm die Nächstenliebe keine Zeit. Schenkt ihm jemand von den Brüdern ein Buch, verkauft er es sogleich, und wenn er deshalb geneckt wird, gibt er zur Antwort: „Wie soll ich denn anders meinen Lehrer davon überzeugen, daß ich seine Kunst wirklich gelernt habe, außer indem ich sie wirklich übe?“5

Es war die besondere Heiligkeit dieses Mönches, die Palladius unterstreichen wollte, als er diese Episode aus seinem Leben erzählte: Die Nächstenliebe (caritas), die höchste christliche Tugend, lässt ihm keine Zeit für Bücher; somit lässt sich schlussfolgern, dass Buchgeschenke schlecht für das Seelenheil sein müssen. Ungewöhnlich daran ist, dass die caritas bei Geschenkvorgängen jedoch gemeinhin dem Schenkenden, nicht dem Beschenkten, zugeschrieben wird6. Damit illustriert dieser frühchristliche Buchgeschenkvorgang ein Phänomen, das bei der Untersuchung von religiösen Buchgeschenken im England der Reformationszeit noch häufiger auftreten wird: Von einem Buchgeschenk können beide Parteien profitieren, obgleich auf materieller Ebene die Brüder einen Verlust erlitten. Aber in nicht-materieller Hinsicht, auf der spirituellen Ebene, gewannen alle Beteiligten durch diese Geschenktransaktion. Auch aus einer eher weltlich geprägten Perspektive ist es leicht nachzuvollziehen, wie beide Parteien von einem Geschenk profitieren können; im Falle des Einsiedlers erhielten seine Buchschenker die Gelegenheit, ihre Großzügigkeit zu demonstrieren und ihre Anerkennung und Sympathie für den Mönch und seine Lebensweise zum Ausdruck zu bringen, während der Mönch deutlich zur Schau stellen kann, dass ihn materielle Dinge wie etwa Bücher nicht interessieren.

Dies sind nur einige der Funktionen, die Geschenke haben können. Sie sind seit Menschengedenken ein probates Mittel, um Gunst zu gewinnen, Strafe abzuwenden, Dankbarkeit zu zeigen oder Gefälligkeiten zu sammeln, die zu einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden können. Das Schenken ist in allen Stammesgesellschaften zu finden, und der sogenannte potlatch ist das klassische Beispiel des ritualisierten Schenkens; es ist ebenso geeignet für die Verschleierung einer anderen Form von Transaktion (etwa einer Zwangsabgabe) wie für die „symbolische Kommunikation“7. Vor allem seit Marcel Mauss’ Klassiker Die ← 12 | 13 → Gabe8 fehlt es nicht an Untersuchungen zu Theorie und Praxis des Schenkens in verschiedenen archaischen Gesellschaften.9 Wie genau eigentlich ein Geschenk definiert werden kann10, ist schon lange ein Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion11, und an ihren Eckpunkten lassen sich zwei Pflöcke einschlagen, zwischen denen sich der Begriff bewegt, namentlich die ausschließlich kommerzielle Transaktion ohne soziale oder psychologische Aspekte auf der einen und das vollkommen frei gegebene Geschenk ohne jede Idee der Gegenleistung auf ← 13 | 14 → der anderen Seite. Beide Idealtypen sind in der Realität nicht anzutreffen, geben aber dennoch eine nützliche Orientierung, anhand derer man die Wirklichkeit besser einordnen kann; sie sind insofern soziale Realität, da sie innerhalb der Normen einer Gesellschaft einen Idealtyp abgeben, dem man seine Wirkmächtigkeit nicht absprechen kann. Teil der vorliegenden Arbeit wird sein, den Einfluss überlieferter Geschenkvorstellungen auf das Buchgeschenk anzuwenden; dabei ist der religiöse Kontext von zentraler Bedeutung, da große Teile der Normenwelt der Frühen Neuzeit auf christlichem Gedankengut basierten12.

Ein Buch13 ist jedoch schon auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Geschenk: Es handelt sich zwar um einen Gegenstand, aber dieser hat nicht nur einen materiellen, sondern auch einen besonderen nicht-materiellen Wert: den Inhalt, mit dem hier selbstverständlich nicht nur der Text an sich gemeint ist, sondern beispielsweise auch Illustrationen, Anmerkungen, Prologe und Epiloge – all das, was zusammengefasst als „Paratexte“14 bezeichnet wird. Es ist eine These dieser Arbeit, dass das Buch zu dieser Zeit und in dieser Funktion einen Sonderstatus einnahm, da es Diskursmöglichkeiten bot, die kein anderer Geschenktyp in der Frühen Neuzeit erreichen konnte. Es war selbstverständlich möglich, etwa eine Inschrift auf einem Kelch anzubringen oder mittels eines Triptychons eine Erzählung zu vermitteln, die häufig auch auf einer symbolischen Ebene interpretiert werden konnte. Aber die Menge an Informationen, die mittels eines Bildes geliefert werden konnte, war quantitativ mit den Informationen in den Seiten eines Buches nicht zu vergleichen, und ein Buch konnte nicht nur einen bestimmten Wert haben15, sondern auch Aussagen über den eigenen Wert enthalten. Darüber hinaus gab es zahlreiche Arten von Informationen, die sich ohne einen erläuternden Text gar nicht oder nur unter Zuhilfenahme komplizierter Interpretationscodes wie etwa des klassischen vierfachen Schriftsinnes der mittelalterlichen Hermeneutik übermitteln ließen. Diese Codes konnten ihrerseits nur über meist schriftlich kommunizierte Texte ← 14 | 15 → vermittelt werden. Es ist diese Doppelstruktur von Materialität und Nichtmaterialität, die das Buch zu einem Ausnahmegeschenk macht, das mit den üblichen anthropologischen oder soziologischen Kategorien nur schwer zu fassen ist. Trotz einiger interessanter Ansätze ist die Forschung von einer systematischen Erfassung des Buches als Geschenk weit entfernt, und auch die vorliegende Arbeit kann nur ein Schritt in diese Richtung sein. Es versteht sich von selbst, dass ein Verständnis des Wertes eines Buches für den zu behandelnden Zeitraum von großer Bedeutung ist, sowohl in materieller als auch in nicht-materieller Hinsicht; hier spielt der von der Tradition beeinflusste, aber auch selbständig geführte zeitgenössische Wertdiskurs des 16. Jahrhunderts eine wichtige Rolle.

Obgleich sich diese Arbeit grundsätzlich in räumlicher Hinsicht auf England und in zeitlicher Hinsicht auf die erste Phase der Englischen Reformation beschränken wird – gemeint ist hier in etwa der Zeitraum vom Beginn der Loslösung der englischen Kirche von Rom unter Heinrich VIII. bis zum Ende der Herrschaft Maria Tudors – so erfordert eine Interpretation der Rolle des Buchgeschenks im religiösen Kontext sowohl eine Berücksichtigung der Zeit Heinrichs VII. (r.1485–1509) als Vorgeschichte als auch eine Ausdehnung des zeitlichen Rahmens in die Zeit Königin Elisabeths I. (r.1558–1603) hinein, schon bedingt durch die biographischen Daten der handelnden Akteure. Den hier untersuchten Fallstudien ist gemein, dass sie mit England verbunden sind; der grenzüberschreitende Charakter der Reformation im Allgemeinen und der Englischen Reformation im Besonderen und der große Einfluss von Protagonisten nicht-englischer Herkunft wird jedoch in einigen Fällen zur Einbeziehung anderer Orte führen. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht jedoch in allen Fällen die Englische Reformation.

In diesem zeitlichen und räumlichen Umfeld stellt das Buchgeschenk im religiösen Kontext einen besonders interessanten Forschungsgegenstand dar, da die Vermittlung bestimmter Inhalte in den religiösen Auseinandersetzungen der Zeit auch über geschenkte Bücher erfolgte, so dass sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dieser bestimmten Art von Geschenk und dem Verlauf der Englischen Reformation stellen lässt. Unter ‚religiösem Kontext‘ soll hier vor allem das Schenken eines religiösen Buches verstanden werden, aber gegebenenfalls auch das Verschenken von nichtreligiösen Werken an religiöse Würdenträger oder in Einzelfällen das Verschenken eines prinzipiell nichtreligiösen Werkes an eine Laienperson, sofern dieses Werk in seiner Zueignung explizit in einen religiösen Kontext gerückt wurde. Der Begriff des religiösen Buches schließt sowohl klassische Texte des Christentums als auch zeitgenössische religiöse Literatur ein, die, wie sich zeigen wird, zahlenmäßig das Übergewicht hatte. ← 15 | 16 →

Der in dieser Arbeit behandelte Zeitraum ist unter anderem wegen des Zusammentreffens zweier einschneidender Veränderungen von Interesse: der Reformation und des Medienwandels vom Manuskript zum gedruckten Buch, das nicht nur die Verbreitung neuer Ideen förderte, sondern gleichermaßen von ihnen gefördert wurde.16 Gerade am in religiöser Hinsicht stürmischen 16. Jahrhundert lässt sich erkennen, welche komplizierten Wechselwirkungen zwischen Monarchen, Adligen, Gelehrten und religiösen Würdenträgern, aber auch Autoren, Übersetzern und Druckern bestanden und wie schwer es ist, die Interaktion zwischen den direkt beteiligten, aber häufig auch den indirekt mit einbezogenen Akteuren systematisch zu erfassen und wiederkehrende Aspekte und häufiger auftretende Typen herauszuarbeiten. Angesichts der häufig auftretenden Unvollständigkeit oder des gelegentlichen Fehlens entsprechender Quellen ist ein gewisses Maß an Spekulation und nicht im wünschenswerten Maße abgesicherten Interpretation unvermeidlich; diese Arbeit soll unter anderem auch ein Versuch sein, unter Einbeziehung mehrerer Forschungsdisziplinen Aussagen in diesen Bereichen zu machen.

Sowohl das gedruckte Buch als auch das Manuskript spielen zu dieser Zeit für Buchgeschenke eine große Rolle. Daraus ergeben sich medienwissenschaftliche Fragestellungen etwa nach den Auswirkungen der technologischen Entwicklung auf die Geschenkpraxis und nach dem unterschiedlichen Geschenkstatus eines Original-Manuskriptes und eines gedruckten Buches, das im Regelfall in vielen mehr oder weniger identischen Exemplaren vorlag und daher häufig von einem Drucker oder Illuminator individualisiert werden musste, um sich von den anderen Exemplaren abzuheben und auf diese Weise dem Beschenkten symbolisch seine besondere Stellung zu vermitteln. Der Buchdruck ermöglichte darüber hinaus einen Typus von Massen-Buchgeschenk; so druckte der englische Drucker Wynkyn de Worde (v.1479–1534/35) im Jahre 1525 sechzig Exemplare von John Ryckes’ Image of Love17, die an die Nonnen des Birgittinerklosters Syon Abbey ← 16 | 17 → verschenkt wurden – ein solches Geschenk wäre vor der Inkunabelzeit kaum realisierbar gewesen. Dies wirft ein interessantes Licht auf den konkreten Einfluss der Technologie auf die Geschenkpraxis; der Umstand, dass de Worde diese Bücher auf Grund ihres als ketzerisch betrachteten Inhalts wieder zurücknehmen musste, lenkt das Augenmerk auf die politischen und religiösen Bedingungen, unter denen Buchgeschenke überhaupt möglich waren und gleichzeitig darauf, inwieweit sich diese Bedingungen in der Praxis des Schenkens von Büchern widerspiegelten.

Eine zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist die Frage nach Vorhandensein spezifischer Charakteristika des Buchgeschenks im religiösen Kontext im Bearbeitungszeitraum unter Berücksichtigung verschiedener Kategorien, die aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zusammengeführt werden sollen, um beispielsweise festzustellen, ob bestimmte Arten und Ausprägungen des religiösen Buchgeschenks typischer waren als andere, ob Geber und Empfänger spezifisch religiöser Bücher sich von denjenigen unterschieden, die andere Bücher verschenkten oder erhielten oder inwieweit sich das Buchgeschenk von anderen Geschenken abhob. Es stellt sich auch die Frage nach der spezifischen Funktion und den spezifischen Aspekten eines religiösen Buchgeschenks in Abgrenzung zu anderen Buchgeschenken, aber auch zu gänzlich anderen Geschenkarten. Obgleich Patronagebeziehungen insbesondere in den konkreten Fallstudien durchaus thematisiert werden, stehen diese Phänomene nicht im Zentrum dieser Arbeit. Erstens steht Patronage meist im Mittelpunkt der wenigen Forschungsarbeiten zum Thema Buchgeschenk in der Frühen Neuzeit18 und kann daher als eines der am besten erforschten Teilgebiete dieser Thematik gelten19; ein wichtigerer Grund ist jedoch zweitens, dass die Frage nach den Formen und Funktionen von Buchgeschenken in dieser Epoche mit dem Verweis auf die an vielen ← 17 | 18 → Stellen zu findenden Patronagebeziehungen nur unzureichend beantwortet ist. In der Buchgeschenkforschung stehen die Rolle des Buchgeschenks als Kommunikationsmedium und die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit der zahlreichen Versuche, Patronage durch Buchgeschenke einzuleiten oder zu stabilisieren, im Vordergrund, und viele der in dieser Arbeit vorgestellten Buchgeschenke lassen sich in einen Patronagekontext einordnen. Es ist jedoch eine der hier vertretenen Thesen, dass die Betrachtung von Buchgeschenkvorgängen sich nicht mit der Frage nach Patronage erschöpfen sollte und dass sowohl die Intentionen hinter als auch die Auswirkungen von Buchgeschenken über diesen Kontext hinausgehen. Folglich soll hier der Schwerpunkt stärker auf denjenigen Aspekte von Buchgeschenken liegen, die über die Frage nach dem direkt messbaren Erfolg eines Buchgeschenks im Sinne einer finanziellen Vergütung oder des Erwerbs einer Stellung etwa am Hofe eines Fürsten hinausreichen. Erfolg und Scheitern eines Buchgeschenks sollen im Rahmen dieser Arbeit auf unterschiedliche Facetten hin untersucht werden, und eine genauere Betrachtung der Wirksamkeit von Buchgeschenken auf mehreren Ebenen wird dabei aufzeigen, dass diese Wirksamkeit mehrdimensional sein konnte und oft schwer zu messen ist. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass der Wunsch nach Patronage bei vielen der hier beschriebenen Buchgeschenke sozusagen im Hintergrund mitschwingt und die Etablierung oder Stabilisierung einer solchen Beziehung zumindest auf einer Ebene ein Kriterium für den Erfolg eines Buchgeschenks war und von den Beteiligten auch oft so gesehen wurde20. Die Wichtigkeit dieser Interpretationsebene soll keinesfalls in Zweifel gezogen werden, auch wenn andere Ebenen gelegentlich in den Vordergrund treten. In diesem Zusammenhang wird dem Begriff ‚Patron‘ der Vorzug gegenüber dem in der deutschsprachigen Literatur häufig anzutreffenden ‚Mäzen‘ gegeben, da dieser zu sehr an eine Förderung der Künste oder konkrete Aufträge zur Erstellung eines Kunstwerkes denken lässt21, während ‚Patron‘ nicht nur umfassendere Bedeutung und weitere internationale Verbreitung hat, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit einer engen und länger andauernden Beziehung stärker unterstreicht22. ← 18 | 19 →

Quellen

Im Vorwort zu dem Tagungsband Der Umgang mit dem religiösen Buch23 legen die Herausgeber den auf der Tagung verfolgten Forschungsansatz dar:

In exemplarischen Fallstudien mit unterschiedlichen Instrumenten, Intentionen und Forschungsansätzen sollte der frühneuzeitliche Umgang mit dem religiösen Buch rekonstruiert werden. Gegenüber den gängigen Synthetisierungsversuchen, die die Komplexität des Forschungsfeldes nur allzu schnell verschleiern, bietet die bewusste Beschränkung auf ein definiertes Quellenmaterial, auf einen Autor, einen geographischen Raum, eine Epoche usw. die Möglichkeit der präzisen kontextuellen Analyse.24

Auch in dieser Arbeit soll nicht versucht werden, eine genaue Quantifizierung des Materials vorzunehmen, auch wenn eine solche für sich genommen schon eine interessante Interpretationsgrundlage böte. Der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der exemplarischen Funktion der Fallstudien, deren Auswahl sich neben der Verfügbarkeit entsprechender Quellen vor allem nach der Möglichkeit richtete, durch sie bestimmte Teilaspekte in den Vordergrund zu stellen und somit ein Gesamtbild zu schaffen, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, aber in seiner Gänze die kulturelle Praxis des Bücherschenkens im England der Reformationszeit aus möglichst vielen Perspektiven beleuchten soll. Dabei war intensive Quellenarbeit von zentraler Bedeutung. Als Quellen für die Bearbeitung des Themas dienten zunächst einmal die Bücher selbst in ihrer Materialität, etwa im Vergleich von Präsentationsexemplaren mit ‚normalen‘ Druckexemplaren, die für den Verkauf bestimmt waren, aber auch im Vergleich mit Manuskripten. Hier sind etwa Unterschiede in der Ausstattung ebenso interessant wie das Vorhandensein von Paratexten. Zeitgenössische handschriftliche Anmerkungen können bei einzelnen Exemplaren Aufschluss über die Herkunft des Buches geben und die Frage beantworten, ob das geschenkte Buch vom Empfänger überhaupt gelesen wurde. Die schriftlichen Quellen, die für diese Arbeit ausgewertet wurden, fallen vor allem in zwei Kategorien: Briefe, in denen Buchgeschenke erwähnt und auch reflektierend erörtert werden, und Zueignungen und Vorworte in den verschenkten Büchern selbst. Während Erstere vor allem inhaltlich und in ihrer ← 19 | 20 → Funktion als „Ego-Dokumente“25 von Interesse sind, werden die Zueignungen und Vorworte auch unter der Frage nach rhetorischen Mitteln, Ähnlichkeiten mit anderen Textarten oder Abweichungen von typischeren Erscheinungsformen betrachtet, sofern man überhaupt von solchen Formen sprechen kann. Die Untersuchung der Zueignungen und Vorworte gedruckter Bücher stützt sich zum Großteil auf die Datenbank Early English Books Online (EEBO)26. Dabei fanden etwa 1.200 dieser Paratexte Berücksichtigung; angesichts des außerordentlichen Umfangs des überlieferten Materials kann es sich dabei nur um eine Auswahl handeln, und insbesondere Schlussfolgerungen über das Nicht-Vorhandensein eines Phänomens sollten nur mit dem üblichen caveat der historischen Forschung bezüglich des Auffindens neuer Quellen zur Kenntnis genommen werden. Die berücksichtigten Briefsammlungen umfassen unter anderem die Briefe englischer geistlicher Würdenträger27 und diejenigen kontinentaler Reformatoren28. Von sehr großer Bedeutung sind auch thematische Briefsammlungen, wie sie etwa in den Ausgaben der Original Letters29 oder in der Correspondance des ← 20 | 21 → Réformateurs30 vorliegen. Ergänzt werden diese beiden Hauptquellentypen durch Listen von Neujahrsgeschenken, wie sie etwa für die englischen Könige der Tudorzeit zum Teil vorliegen, und Sammlungen wie den Letters and Papers of Henry VIII31 oder dem Calendar of State Papers32 für die Zeit von Eduard VI. bis zu Maria Tudor. Der seltene Idealfall ist das Vorhandensein zeitgenössischer schriftlicher Darstellungen einer Buchübergabe, wie sie zum Beispiel aus dem Spätmittelalter überliefert sind33. Daneben erwies es sich als fruchtbar, Quellen mit Blick auf eher indirekte Buchgeschenke zu untersuchen, für die ein konkreter Beleg für eine Buchübergabe oder –sendung fehlt, in denen aber durch das Zusammenfügen mehrerer Quellenbelege ersichtlich wird, dass es sich um ein Buchgeschenk gehandelt haben könnte. Wenn ein Autor sein Werk einem bestimmten Empfänger zueignete und bekannt ist, dass er – wenn auch vielleicht nur mittelbar – mit diesem Empfänger in Verbindung stand und ein Exemplar dieses Werkes nachweislich in der Bibliothek des Empfängers vorhanden war oder er möglicherweise explizit an einer Stelle auf den Inhalt des Werkes Bezug nahm, dann liegt der Verdacht zumindest nahe, dass es sich um ein Buchgeschenk gehandelt haben könnte. In diesem Fall ist es die Kombination von Quellengattungen, die einen Zugang zu den Vorgängen im Hintergrund ermöglicht. Eine Erweiterung des Blickwinkels in Richtung des ‚geistigen Buchgeschenks‘ führte zu den im 16. Jahrhundert weit verbreiteten und insbesondere bei als wichtig empfundenen Werken praktisch ausnahmslos vorhandenen Vorworten, Prologen, Zueignungen oder Dedikationsbriefen der gedruckten Bücher, die sich an eine oder gelegentlich mehrere namentlich genannte Personen wandten, die als Empfänger für das entsprechende Buchgeschenk vorgesehen waren, auch wenn der Autor möglicherweise dem oder den Adressaten persönlich nicht bekannt war und ein materielles Buchgeschenk nicht stattfand beziehungsweise nicht stattfinden konnte, etwa in dem gar nicht so seltenen Fall, dass der Adressat bereits vor der Veröffentlichung verstorben war. Diese dem Werk vorangestellten Paratexte sind jedoch auch für eine andere Untersuchungsebene, den Wertdiskurs zum Buch ← 21 | 22 → als Gegenstand, von Bedeutung. Während sich der materielle Wert, der einem Buch von den Zeitgenossen zugeschrieben wurde, mit Hilfe von Quellen wie etwa Geschenk- oder Haushaltslisten gelegentlich ermitteln lässt34 und beim gedruckten Buch ohnehin nicht so sehr im Mittelpunkt stand wie beim kostbar ausgestatteten Manuskript, so trat der nicht-materielle Wert mit der Verbreitung des Buchdrucks immer mehr in den Vordergrund. Hier geben die Vorworte und Zueignungen Aufschluss über den zeitgenössischen Werthintergrund, vor dem der Inhalt des Buches als – materielles oder geistiges – Geschenk betrachtet wurde und sich die Verschiebung von der materiellen in die nicht-materielle Sphäre ablesen lässt: Trotz ihrer schlichten äußeren Gestaltung betonten die Verfasser von Vorworten oder Zueignungen oft explizit den Wert der vorliegenden Werke, wobei sie eine Reihe von Methoden entwickelten, um Selbstlob zu vermeiden, gleichzeitig aber den traditionellen Bescheidenheitsgestus35 zu umgehen und auf subtile Weise Dankbarkeit einzufordern. Andere zeitgenössische Quellen, die Aufschluss über diesen Wertdiskurs geben, wurden ebenfalls hinzugezogen. Von geringerer Bedeutung, wenn auch nicht ganz außer Acht zu lassen, waren bildliche Darstellungen – etwa Dedikationsbilder – die bei der Untersuchung der spezifischen Natur des religiösen Buchgeschenks ebenfalls berücksichtigt wurden. Der symbolische Gehalt einer Darstellung eines Buchgeschenks darf nicht unterschätzt werden: So findet sich beispielsweise auf dem Frontispiz des Catechism36 von Thomas Cranmer (1489–1556), Erzbischof von Canterbury unter Heinrich VIII. und Eduard VI., ein Holzschnitt, der zeigt, wie König Eduard seinen Bischöfen eine Bibel ‚schenkt‘ – eine Übergabe, die nicht nur nicht auf diese Art, sondern überhaupt nicht real stattgefunden hat und rein symbolisch verstanden werden muss.37 Für das 16. Jahrhundert muss man für England jedoch feststellen, dass die Tradition des Dedikationsbildes im gedruckten Buch nur sehr spärlich weitergeführt wurde und insbesondere im hier behandelten Zeitraum nur noch eine geringe Rolle spielt. Ausnahmen von der Regel, wie sie bei einem Buchgeschenk ← 22 | 23 → des evangelikalen Schriftstellers und Dramaturgen John Bale (1495–1563) an Eduard VI. auftraten, liefern daher besonderen Erklärungsbedarf.

Zum Aufbau der Arbeit

Der erste Teil der vorliegenden Arbeit befasst sich mit den zu Grunde liegenden theoretischen Konzepten und Definitionen, die das Instrumentarium für die weiteren Teile der Arbeit bilden. Hier soll versucht werden, zentrale Begriffe wie ‚Geschenk/Schenken‘, ‚Buch‘ oder ‚religiöser Kontext‘ ab- und einzugrenzen und für das weitere Vorgehen aufzubereiten. Da in der Forschung gelegentlich wenig Einigkeit über diese Begriffe herrscht, ist das Ziel, sinnvolle und produktive Definitionen und Konzeptionen zu erarbeiten, was an mehreren Punkten eine Entscheidung für eine bestimmte und gegen eine davon abweichende Auffassung bedeutet, auch wenn beide Auffassungen durchaus vertreten werden können und auch von zahlreichen Wissenschaftlern vertreten werden. An dieser Stelle werden auch zeitgenössische beziehungsweise für den Bearbeitungszeitraum wichtige Autoren zu Wort kommen, die über die in diesem Teil untersuchten Begriffe reflektiert haben. Konkret um das 16. Jahrhundert geht es im darauffolgenden Kapitel, in dem das Buch als Geschenk in dieser Epoche in allgemeinen Begriffen behandelt wird, wobei theoretische Überlegungen mit konkreten Beispielen aus dem behandelten Zeitraum zusammentreffen und auch der Wertdiskurs zum Buch thematisiert wird. Hierher gehört auch der Versuch, Buchgeschenke anhand bestimmter Kriterien in Gruppen einzuordnen und Schritte in Richtung einer Typologie von Buchgeschenken in dieser Epoche zu machen. Im anschließenden Kapitel soll das Phänomen ‚religiöse Literatur‘ für das England des 16. Jahrhunderts erfasst und die Vielschichtigkeit dieses Begriffs aufgezeigt sowie ein Überblick über den Buchmarkt gegeben werden, dessen Betrachtung seiner Funktion als Hintergrund für die Buchgeschenkvorgänge der Zeit für ein Verständnis der Thematik unverzichtbar ist.

Die präsentierten Fallstudien, die den Schwerpunkt dieser Arbeit bilden, lassen sich in drei große Gruppen aufteilen: Adel / Hochadel, Klerus und nicht der Geistlichkeit angehörende Gelehrte. Die Auswahl dieser Gruppen lässt sich nicht nur auf die von der Quellenlage diktierte Notwendigkeit zurückführen, sondern erlaubt auch sowohl einen Vergleich ihrer Vertreter unter sich als auch zwischen den Gruppen als Ganzes. Dabei sollen einzelne Akteure im Bezug auf Buchgeschenke sorgfältig untersucht werden, wobei für einige ausgewählte Geschenkvorgänge eine detaillierte Einzelanalyse durchgeführt wird. Ziel ist es, in jeder Fallstudie einen oder zwei spezifische Aspekte des religiösen Buchgeschenks zu finden, die sich anhand des gewählten Akteurs besonders gut aufzeigen lassen und denen gegenüber regelmäßig auftretende Aspekte wie etwa Patronage in den ← 23 | 24 → Hintergrund treten. Für den Hochadel wurden die drei englischen Monarchen dieser Periode – Heinrich VIII., Eduard VI. und Maria Tudor – und mehrere Mitglieder des Privy Councils Eduards VI. ausgewählt, wobei insbesondere der Lord Protector Edward Seymour, Herzog von Somerset (1500–1552), und Henry Grey (1517–1554), Marquis von Dorset und Vater der späteren ‚Queen Jane‘, im Mittelpunkt stehen werden. Die Betrachtung Heinrichs VIII. umfasst diejenige seiner Ehefrauen als kürzere Fallstudien; die Unterschiede in Persönlichkeit, Position und der jeweiligen Haltung gegenüber den politischen und vor allem den religiösen Umwälzungen der Epoche machen es möglich, unterschiedliche Perspektiven auf das religiöse Buchgeschenk zu gewinnen. Der Klerus – sortiert nach Rang, da eine chronologische Sortierung nicht sinnvoll wäre – wird vertreten durch den bereits erwähnten Thomas Cranmer, Erzbischof von Canterbury, den entscheidenden Gestalter der Englischen Reformation; Stephen Gardiner (1495/98–1555), Bischof von Winchester und nicht nur der vermutlich einflussreichste konservative Kleriker dieser Zeit, sondern auch der große Gegenspieler Cranmers; John Hooper (1495/1500–1555), unter Eduard VI. Bischof von Gloucester und ein Vertreter radikalerer reformatorischer Positionen; und schließlich Thomas Becon (1512/13–1567), protestantischer Autor und zeitweilig Kaplan im Hause des Herzogs von Somerset. Die Gruppe der nichtgeistlichen Gelehrten umfasst Humanisten und Tutoren: John Cheke (1514–1557), ein Tutor Eduards VI.; Roger Ascham (1514/15–1568), seinerseits Tutor Prinzessin Elisabeths; Thomas Elyot (c. 1490–1546), der unter anderem als Diplomat im Auftrag Heinrichs VIII. wirkte, und John Dee (1527–1609), den Hofastrologen Elisabeths und ‚Magus‘ des elisabethanischen Zeitalters. Die Lebensdaten der ausgewählten Akteure machen es wie erwähnt unerlässlich, gelegentlich über den eigentlich in dieser Arbeit behandelten Zeitraum hinauszugehen, aber es liegen auch inhaltliche Gründe für eine solche Erweiterung vor: So liefert etwa John Dee nicht nur ein Beispiel eines hochinteressanten und in dieser Epoche sehr seltenen Buchgeschenktyps, sondern ermöglicht auch einen ersten Vergleich mit der elisabethanischen Zeit und stellt somit eine Brücke zum im Schlusskapitel präsentierten Forschungsausblick dar, in dem unter anderem eine Ausweitung der hier vorgestellten Konzepte auf andere Epochen vorgeschlagen wird. Während der Hochadel insbesondere als Empfänger von Buchgeschenken im Vordergrund steht – obgleich es auch hier Ausnahmen gibt, etwa die letzte Ehefrau Heinrichs VIII., Catherine Parr (1512–1548), die als Buchschenkerin sehr aktiv war – sind die Mitglieder der Geistlichkeit sowohl als Schenkende als auch als Beschenkte interessant: Je höher der weltliche oder geistliche Rang, desto eher tritt die Rolle als Empfänger von Geschenken in den Vordergrund, da hochrangige Mitglieder der Gesellschaft naturgemäß eher in der Lage ← 24 | 25 → waren, sich für erhaltene Buchgeschenke angemessen zu revanchieren. Thomas Becon jedoch, der trotz vieler Bemühungen niemals ein Bischofsamt erhielt, ist als Schenker und Zueigner von wesentlich größerem Interesse, da er sich aktiv um Förderung bemühen musste beziehungsweise gelegentlich in einer Position war, sich für eine solche Förderung bedanken zu können. Dabei gestattet es die große Zahl der von ihm verfassten Zueignungen, diese auch unter dem Blickwinkel der Rhetorik und unter Berücksichtigung von Persönlichkeitsmerkmalen des Verfassers zu betrachten, wie sie etwa in Zueignungen an Freunde und Familienmitglieder zutage treten. Auch die Mitglieder der Gruppe der nichtgeistlichen Gelehrten traten im Regelfall eher als Schenker denn als Beschenkte in Erscheinung, auch wenn es Ausnahmen wie John Cheke gab, der in seiner Funktion als königlicher Tutor ebenfalls mehrere Buchgeschenke erhielt. Im Schlusskapitel dieser Arbeit sollen die Ergebnisse zusammengefasst und aus einer die Gesamtheit umfassenden Perspektive interpretiert werden; dabei finden sowohl die allgemeinen Aspekte des Schenkens und ihre Reflexion in den Buchgeschenken der Zeit und das Verhältnis zwischen dem zeitgenössischen Geschenkdiskurs und der Buchgeschenkpraxis als auch die spezifischen Aspekte des Schenkens von Büchern im Gegensatz zu anderen Geschenkarten Berücksichtigung. Ergänzt werden diese Schlussfolgerungen durch einen Ausblick auf weitere Forschungsansätze in diesem Bereich.

Skizzierung der Forschungslage

Während der allgemeine Forschungsstand zu den umfassenderen Aspekten dieser Arbeit bereits weiter oben in Auszügen skizziert wurde, ohne dass dabei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden könnte, ist die bisherige Forschung zum Thema Buch als Geschenk relativ überschaubar. Überblicke über den Stand der wissenschaftlichen Diskussion in Bezug auf die Themen der einzelnen Kapitel finden sich an Ort und Stelle; hier soll nur allgemein eine Skizze des Forschungsstandes zum Buch als Geschenk präsentiert werden.

Das geschenkte Buch ist seit einiger Zeit stärker in das Interesse der Forschung gerückt, wobei für Mittelalter und Renaissance vor allem das Buchgeschenk im weltlichen Kontext im Mittelpunkt steht. Insbesondere die Untersuchung des literarischen Mäzenatentums38, das in seinen Ursprüngen auf die Antike ← 25 | 26 → zurückgeht39 und zumindest ab dem Hochmittelalter40 für die Manuskriptzeit nachweisbar ist, hat ein gewisses Interesse hervorgerufen. Auch der Wertdiskurs zum Buch im Spätmittelalter ist Thema einer Studie geworden41. Gerade in neuerer Zeit ist das Buchgeschenk im weltlichen Kontext unter verschiedenen Gesichtspunkten untersucht worden, so zum Beispiel bei der Schaffung von sozialen Netzwerken durch den Austausch von (Buch-) Geschenken42, der Beeinflussung des Beschenkten durch den Schenkenden mittels des Buchinhalts43, der Sicherung von lukrativen Positionen am Hofe eines Fürsten oder Königs44 – auch mittels Neujahrsgeschenken, unter denen ebenfalls Bücher waren45 – der ← 26 | 27 → diplomatischen Funktion des Buchgeschenks46 oder der besonderen Rolle von Frauen bei der Weitergabe von Büchern47, die allerdings schon stärker in den religiösen Bereich hineinwirkt48; so gilt zum Beispiel der Psalter als das typische Buchgeschenk für Frauen im Hoch- und Spätmittelalter49. Generell ist das religiöse Buchgeschenk zwar in der Forschung diskutiert worden, aber häufig entweder im Hinblick auf Klosterbibliotheken und mit einem starken Fokus auf dem Hochmittelalter50 oder in Einzelanalysen und Fallstudien spezieller geschenkter Bücher wie zum Beispiel dem Gebetbuch Ottos III.51 Hier liegt der Schwerpunkt meist auf Gestaltung und künstlerischer Ausstattung, etwa im Bereich der Buchmalerei. Das Buchgeschenk spielt ebenfalls eine kleine Rolle in der Forschung zu ← 27 | 28 → Ketzerbewegungen des Hochmittelalters.52 Die Rolle der Drucker-Verleger für das geschenkte Buch des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit ist noch nicht erforscht worden. Die neueste und umfassendste Biographie des Drucker-Verlegers John Day53 (1521/22–1584) beispielsweise befasst sich ausführlich mit Days Produktion von religiöser Literatur und seiner Beziehung zum protestantischen Schriftsteller und Märtyrologen John Foxe54 (1516/17–1587), geht aber auf das Buchgeschenk als solches nur am Rande ein. In der einzigen vorliegenden Monographie zu Richard Pynson55 (1449–1529/30) findet das Buchgeschenk ebenfalls keine besondere Erwähnung, ebensowenig in James Morans Biographie56 von oder Norman Blakes Aufsätzen über Wynkyn de Worde57. Auch im Rahmen dieser Arbeit spielen die Drucker-Verleger als Schenkende oder Beschenkte keine Rolle, da die Quellenlage für diese Personengruppe vergleichsweise schlecht ist; daran hat insbesondere der Umstand Anteil, dass konkret adressierte Zueignungen seitens eines Druckers, wie sie vom englischen Erstdrucker William Caxton (1415/24–1492) überliefert sind, im 16. Jahrhundert praktisch nicht mehr vorkommen.

Zielvorstellungen dieser Arbeit

Diese Arbeit bringt mehrere verschiedene Disziplinen zusammen und soll zeigen, dass ein interdisziplinärer Ansatz bei der Beantwortung der zentralen Fragestellungen nicht nur von Nutzen sein kann, sondern im Grunde unerlässlich ist58. Zwangsläufig werden im Rahmen dieser Arbeit zahlreiche Aspekte aus ← 28 | 29 → unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet. Leitmotiv ist jedoch die Frage nach der speziellen Rolle des Buchgeschenks im religiösen Kontext, wobei ‚religiöser Kontext‘ enger verstanden werden soll als ein allgemeiner Tribut an die generelle Religiosität des 16. Jahrhunderts, an der grundsätzlich kein Zweifel bestehen kann. Dabei soll, wo immer möglich, der spezifisch zeitgenössische Blickwinkel durch intensive Berücksichtigung der Quellentexte eingenommen werden. Eine sorgfältige Analyse der Quellen soll die Antwort auf die Frage ermöglichen, ob das religiöse Buchgeschenk weitestgehend dem weltlichen Buchgeschenk ähnelte oder ob nicht doch vielmehr eigene Regeln galten, die insbesondere vor dem Hintergrund der religiösen Auseinandersetzungen der Reformationszeit dazu berechtigen, diesem speziellen Typus des Buchgeschenks eine Sonderrolle einzuräumen.

1 Im Text werden, soweit bekannt, die Lebens- beziehungsweise Regierungsdaten derjenigen Personen angegeben, die als aktiv Handelnde auftreten und deren Funktion somit über diejenige einer reinen Namensangabe (etwa als Autor oder Drucker-Verleger) hinausgeht. Hierbei haben die verwendeten Abkürzungen die folgende Bedeutung: c. = ungefähr; r. = regierte; a. = aktiv; v. = vor.

2 Paladii divi evagrii discipuli Lausiaca que dicitur historia, et Theodoreti episcopi Cyri Theophiles, id est Religiose historia (Paris 1555, Martin Le Jeune). Palladius (363/64–420/30), auch bekannt als Palladius von Galatien, wurde 400 zum Bischof von Helenopolis in Bithynien ernannt.

3 Vgl. Thomas F. Mayer (Hg.): The Correspondence of Reginald Pole. Volume 3. A Calendar, 1555–1558: Restoring the English Church. Aldershot: Ashgate 2004. Eintrag 1342a, Gentian Hervet an Reginald Pole, S. 147.

4 Ebd.

5 Palladius von Helenopolis: Historia Lausiaca. Die frühen Heiligen in der Wüste. Hg. und übers. von Jacques Laager. Zürich: Manesse 1987. Abschnitt 68, S. 294.

6 Der Hl. Paulus in 2 Korinther 9:7. Alle Textpassagen aus der Bibel basieren auf der folgenden Ausgabe: Die Bibel. Altes und Neues Testament. Einheitsübersetzung. Freiburg Basel Wien: Herder 2011.

7 Der Begriff ‚symbolische Kommunikation‘ soll hier zunächst einmal in dem Sinne verstanden werden, dass ‚direkte‘ verbale Kommunikation ausgeschlossen ist, auch wenn grundsätzlich jede Art von Kommunikation auf Symbole angewiesen ist beziehungsweise symbolisch verstanden werden kann. Hierzu beispielsweise Gerd Althoff: „Demonstration und Inszenierung.“ Frühmittelalterliche Studien 27 (1993). S. 27–50; ders.: „Die Kultur der Zeichen und Symbole.“ Frühmittelalterliche Studien 36 (2002), S. 1–17; ders.: „Zur Bedeutung symbolischer Kommunikation für das Verständnis des Mittelalters.“ Frühmittelalterliche Studien 31 (1997), S. 370–389; Raymond Firth: Symbols. Public and Private. London: George Allen & Unwin 1975 (bes. Kapitel 11); Claudia Garnier: „Zeichen und Schrift. Symbolische Handlungen und literale Fixierung am Beispiel von Friedensschlüssen des 13. Jahrhunderts.“ Frühmittelalterliche Studien 32 (1998), S. 263–287; Hagen Keller: „Die Investitur. Ein Beitrag zum Problem der ‚Staatssymbolik‘ im Hochmittelalter.“ Frühmittelalterliche Studien 27 (1993), S. 51–86. Speziell zur non-verbalen Kommunikation im Mittelalter: Ruth Schmidt-Wiegand: „Gebärdensprache im mittelalterlichen Recht.“ Frühmittelalterliche Studien 16 (1982), S. 363–379. Symbolische Kommunikation ist einer der beiden Eckpfeiler des Sonderforschungsbereichs 496 (SFB 496) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, in dessen Rahmen dieses Dissertationsprojekt durchgeführt wurde. Speziell mit Bezug auf die Geschenkpraxis siehe auch Colin Camerer: “Gifts as Economic Signals and Social Symbols.” The American Journal of Sociology, Vol. 94, Supplement: Organizations and Institutions: Sociological and Economic Approaches to the Analysis of Social Structure. S. 180–214.

Details

Seiten
432
ISBN (PDF)
9783653045710
ISBN (ePUB)
9783653993196
ISBN (MOBI)
9783653993189
ISBN (Buch)
9783631646670
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juli)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 432 S.

Biographische Angaben

Tobias Budke (Autor:in)

Tobias Budke ist an der WWU Münster tätig. Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-geförderten SFB 496 und forscht und publiziert zu den Themen Buch- und andere Geschenke sowie soziale Netzwerke in der Frühen Neuzeit.

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Titel: Die geschenkte Reformation