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La Paz und Santa Cruz in der bolivianischen Gegenwartsliteratur

von Simone Tillmann (Autor:in)
Dissertation 315 Seiten

Zusammenfassung

An je drei fiktionalen Entwürfen der bolivianischen Städte La Paz und Santa Cruz wird gezeigt, wie die Autoren die Physis der textuellen Städte aus topographischen Werten erschaffen. Durch die Verwendung topologischer Werte schreiben sie ihnen darüber hinaus eine immaterielle Spezifik ein. Die textuellen Städte erweisen sich gegenüber ihren realen Vorbildern als widerständig, sie reproduzieren nicht das angespannte Verhältnis, das zwischen La Paz und Santa Cruz herrscht. Stattdessen setzen sie sich mit sozialen Fragen und Identitätsentwürfen eines plurinationalen Staates auseinander. Damit führen sie nicht nur eine bolivianische Literaturtradition fort, sondern erweitern auch das Feld des lateinamerikanischen Stadttextes um neue, interessante Aspekte.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Einleitung
  • Teil A: Theoretische Grundlagen
  • 1. Die Stadt – dieses obskure Objekt der Aneignung
  • 1.1 Der Stadttext als Synekdoche des literarischen Raumparadigmas
  • 1.2 Zum Verhältnis von Stadt und Text
  • 1.2.1 Lesbarkeit und semiologisches System der Stadt
  • 1.2.2 Formale und funktionale Erschließung der Textstadt
  • 1.2.2.1 Formale Stadtkonstitution
  • 1.2.2.2 Funktionen von Textstädten
  • 1.2.2.3 Soziokulturelles Milieu der Textstadt
  • 1.2.3 Metapher, Mythos, Motiv
  • 1.3. Text der lateinamerikanischen Stadt, lateinamerikanischer Stadttext
  • 1.4 Rückbezüglichkeit des Stadttextes
  • 2. Regionalismus: Der Konflikt zwischen cambas und kollas
  • 3. Identität und Alterität
  • 3.1 Identitäts- und Alteritätsdiskurse
  • 3.1.1 Identität und Alterität als kulturtheoretische Kategorien
  • 3.1.2 Stereotyp und Vorurteil in der Literatur
  • 3.2 Regionalismus und Nationalismus als Kategorien von Identität und Alterität in Bolivien
  • 3.2.1 Identitätsdiskurse in Santa Cruz und La Paz
  • 3.2.2 Anerkennung der Vielheit, Erschreiben von Einheit: Mestizo und cholaje in der bolivianischen Literatur
  • 4. Die Tradition der Stadtliteratur in Bolivien
  • Teil B: Textanalysen
  • 1. Darstellungen der Stadt La Paz in der bolivianischen Gegenwartsliteratur
  • 1.1 Adolfo Cárdenas Franco: Periférica Blvd. Ópera Rock-ocó (2004)
  • 1.1.1 Konstitution der Textstadt
  • 1.1.2 Die Bewohner der Textstadt und ihre Erzählungen
  • 1.1.3 Konstitution der Textstadt durch Intertextualität und Intermedialität
  • 1.2 Néstor Taboada Terán: La Virgen de los Deseos (2008)
  • 1.2.1 Das Gemälde Señor Jesús del Gran Poder als Träger des imaginario von La Paz
  • 1.2.2 Metaphorische Konstituierung der Textstadt: La Paz als Vulva/Vagina
  • 1.2.3 La Paz als Verhandlungsraum mestizisierter Identität
  • 1.2.4 Die chola als Textstadtbewohnerin
  • 1.3 Juan Pablo Piñeiro: Illimani Púrpura (2010)
  • 1.3.1 Semantische Konstitution der Textstadt
  • 1.3.2 Die Bewohner der Textstadt in Illimani Púrpura und ihre Lebenswelt
  • 1.4 Periférica Blvd., La Virgen de los Deseos, Illimani Púrpura: drei Entwürfe eines textuellen La Paz im Vergleich
  • 2. Darstellungen der Stadt Santa Cruz in der bolivianischen Gegenwartsliteratur
  • 2.1 Homero Carvalho Oliva: Santo Vituperio (2003)
  • 2.1.1 Referentialisierung, semantische Konstituierung und Spezifizierung der Textstadt
  • 2.1.2 Das Café: Die Textstadt en miniature
  • 2.1.3 Das Gerücht als Indikator einer gesellschaftlichen Situation
  • 2.2 Emilio Martínez: Cartografías (2005)
  • 2.2.1 Autorenfiktion als topologischer Verweis
  • 2.2.2 Geographische Konkretisierung in der Parabel
  • 2.2.3 Konstituierung der Referenz im Intertext
  • 2.3 José Wolfango Montes Vanucci: Los Aymaras están llegando (2007)
  • 2.3.1 Semantische Konstituierung der Textstadt aus Differenz und Gegenbild
  • 2.3.2 Die Familie Castel del Río als pars pro toto der ‚weißen‘ Gesellschaft der Textstadt
  • 2.3.3 Der bolivianische Westen als Gegenpol zu Montes' textuellem Santa Cruz: Feindbilder von Staat und Individuum
  • 2.4 Santo Vituperio, Cartografías, Los aymaras están llegando: drei Entwürfe eines textuellen Santa Cruz’ im Vergleich
  • 3. Vergleich der La-Paz- und der Santa-Cruz-Entwürfe
  • Abschliessende Kontextualisierung Und Ausblick
  • Bibliographie

Einleitung

  1. Más que el cóndor/en lo alto detenido/enigma de fulgor/y escalofrío/más que la luz/ojo estelar/asistes/al hervidero de la vehemencia/que a tus plantas desteje/y teje/la oscuridad y la agonía.//[…] Ardua torre/testigo tormentoso/de los días que se abren/sin misterio/pero asimismo como filo de cuchillo.//Abajo en las calles/las cancerosas calles/tatuadas/por el orín y las blasfemias/donde aúlla la gente/y se interroga/y se muerde las manos/y cae de rodillas/ como cae/el viento en el erial/entre las cumbres./Nada se sabe/ni la saña/desiste/ni la piedad.//[…] ¿Qué espero/qué esperamos/¡todavía!/en lo oscuro de la plaza/que huele a epitafios/y a las plantas/de la amargura?

Oscar Cerruto (1912–1981), „El Resplandeciente“, 19751

  1. ¡Santa Cruz de la Sierra… ! […]//Aún guardas en tu seno como un tesoro/el honor de la altiva nobleza hispana/y, con las tradiciones de honra y decoro,/la lengua de Castilla, rica y lozana. […]//Aunque no siempre rindas culto a las modas/eres interesante sin ser grotesca;/y, de nuestras ciudades, tú más que todas,/mereces el nombre de pintoresca. […]//Las costumbres sencillas ponen un sello/patriarcal a tus fiestas tradicionales,/en las que el regocijo con su destello/ilumina los blancos rostros joviales. […]//Sugieres una vida frugal y pura,/lejos de los engaños y los bullicios,/lejos de la etiqueta que nos tortura/y de tantas mentiras y tantos vicios…// Porque tú no te apartas de tu floresta/y te ríes de huelgas y de anarquistas,/y ofreces con tus galas natural fiesta/para los ojos sabios de los artistas. […]

Emilio Finot Franco (1888–1914), „A Santa Cruz de la Sierra“, o.J.

In den Auszügen aus den Gedichten Oscar Cerrutos und Emilio Finots präsentieren sich dem Leser textuelle Entwürfe der bolivianischen Städte La Paz bzw. Santa Cruz de la Sierra. Die Bildwelten, derer sich die Autoren bedienen, sind für die Entstehungszeit der Texte typisch. Sie könnten nicht gegensätzlicher sein: auf der einen Seite ein düsteres La Paz, auf dessen heilloses Treiben der Berg Illimani distanziert herabblickt, auf der anderen Seite ein blühendes Santa Cruz, in dem Werttreue und Lebenslust Hand in Hand gehen. Diese Stadtdarstellungen beziehen sich auf literarische Vorgänger, sie haben aber auch selbst das Bild von La Paz und Santa Cruz in der Literatur geprägt und nicht zuletzt das Selbstbild der realen Stadtbewohner, ← 9 | 10 → der paceños und cruceños, beeinflusst.2 Zwar kann die Auseinandersetzung mit dem Städtischen durchaus als Konstante der bolivianischen Literatur gelten, aber gerade bolivianische Autoren der Gegenwart machen die Stadt verstärkt zum Gegenstand ihrer Texte und treiben die Überwindung der stereotypen Darstellungen weiter voran, die mit der Autorengeneration der Postdiktatur ab 1982 einsetzt. Das La Paz der Gegenwartsliteratur ist nicht nur „[…] ese cúmulo de sombras y personajes nocturnos, con los que se pretendió estereotiparla, también es un inagotable caudal de imágenes visuales y sonoras, armónicas y contradictorias.“ (Velarde 2008: 14) Vergleichbares gilt für die Entwürfe eines textuellen Santa Cruz in der Gegenwart, die über die kostumbristische Programmatik früherer Tage und die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Umbruch nach 1982 hinausgehen.

Das Stadt-Thema erfreut sich gegenwärtig auch international einer ungebrochenen Konjunktur, die sich beispielsweise an den Bemühungen der Verlage erkennen lässt, Stadtromane als solche zu kennzeichnen und verstärkt in ihr Programm aufzunehmen. Die Stadt als Zugpferd des Buchmarktes macht sich beispielsweise die 2010 in Deutschland veröffentliche Reihe SZ-Bibliothek Metropolen zunutze, ebenso wie die vom spanischen Verlag Grijalbo Mondadori 2001/2002 eigens in Auftrag gegebene Reihe Año 0 oder die Anthologie spanischsprachiger Stadt-Poesie, die bei Litoral erschienen ist (vgl. Mesa/Lafarque 2007).

Die Großstadt als Thema und Motiv der Literatur und das Urbane als ihr ästhetisches Prinzip bilden sich in Europa gleichzeitig mit dem Entstehen der modernen Großstadt im 19. Jahrhundert heraus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionieren dann James Joyce mit Ulysses (1922) und – für die ‚Neue Welt‘ – John Dos Passos mit Manhattan Transfer (1925) die Formen des Erzählens im Stadt-Roman (vgl. Frenzel 1999: 677f.). Manhattan Transfer stellt auch das Modell für Carlos Fuentes’ El aire más transparente (1958) dar, einen Roman, der als Ausgangspunkt für zahlreiche Mexiko-Stadt-Texte gilt, darunter beispielsweise Juan Villoros El disparo de Argón (1991), Homero Aridjis ¿En quién piensas cuando haces el amor? (1996), Roberto Bolaños Los detectives salvajes (1998) oder Rodrigo Fresáns Mantra (2001), die sich mit Mexiko-Stadt und seiner Transformation zur Megacity auseinandersetzen. Einen ähnlich dichten literarischen Intertext wie Mexiko-Stadt hat auch Buenos Aires entwickelt. Dieser beginnt sich zwar nicht erst mit Borges’ früher Lyrik der 1920er Jahre zu entwickeln (vgl. Bianchi 2009), ← 10 | 11 → wird durch diese aber entscheidend geprägt. Er setzt sich fort mit Roberto Arlts Los siete locos (1929) und Los lanzallamas (1931), Leopoldo Marechals Adán Buenosayres (1948), Cortázars Kurzgeschichten, Sergio Chejfecs Romanen El aire (1992) und Boca de Lobo (2000), Ricardo Piglias La ciudad ausente (1994) und César Airas El sueño (1998), um nur einige Titel zu nennen. Etliche dieser Texte haben bereits einen für das Stadtthema kanonischen Status angenommen und wirken auch in der Wissenschaft als Gravitationszentrum. Zahlreiche Monographien und Anthologien kreisen, wenn auch nicht ausschließlich, um diese ‚literarischen Zentren‘, zu denen, allerdings in geringerem Maße, auch Bogotá, Lima oder Havanna gezählt werden können (vgl. Bergua/Fernández 2011; Cisternas 2011; Villarruel 2011, Torres 2008; Orecchia 2007; Ta 2007). Unzweifelhaft werden diese ‚Schwergewichte‘ des lateinamerikanischen Stadtromans auch in Bolivien rezipiert und nehmen Einfluss auf die bolivianischen Autoren. So könnte man beispielsweise die Spuren Juan Rulfos und seines Geisterdorfs Comala in den frühen Romanen des bolivianischen Autors Jesús Urzagasti verfolgen, der wiederum unmittelbares Vorbild für den jüngeren Juan Pablo Piñeiro und sein La Paz der lebenden Toten ist. In der vorliegenden Arbeit soll es aber nicht in erster Linie darum gehen, die Beziehung der untersuchten Texte zu diesem Stadttext-Kanon aufzuzeigen, sondern vor allem darum, die Texte in ihrer Eigenständigkeit und ihrer Spezifik zu würdigen. Besonderes Augenmerk soll auf den Ausformungen, Konzeptionen und Funktionen des Stadttextes in der bolivianischen Gegenwartsliteratur liegen, die an die Stelle der prototypischen und teilweise auch stereotypen Stadtbilder treten, von denen die bolivianische Literatur bis zum 20. Jahrhundert beherrscht wurde.3 Wie diese gestaltet sind, soll exemplarisch an je drei La-Paz- und drei Santa-Cruz-Entwürfen der neuesten bolivianischen Literatur gezeigt werden. Darüber hinaus werden diese zu einander ins Verhältnis gesetzt und auch daraufhin befragt, ob bzw. wie sie sich gegenüber dem angespannten Verhältnis der beiden realweltlichen Städte positionieren.4

Dass sich die literarischen Darstellungen von La Paz und Santa Cruz in den letzten Jahrzehnten verändert haben, legt bereits die Entwicklung der realweltlichen ← 11 | 12 → Städte nahe. Dieser Gedanke richtet sich nicht auf eine Abbildfunktion der Literatur, wohl aber darauf, dass die Literatur nach Themen, Methoden und Perspektiven sucht, um die Veränderungen ihrer Referenzräume textuell erfahrbar zu machen. Zugleich spielen die Veränderungen im städtischen Raum eine maßgebliche Rolle für die Produktion und Rezeption von Stadttexten, da sie sich auch im Lebensraum vieler Autoren und im Lebensraum eines Großteils ihrer Leser unmittelbar bemerkbar machen.

Die Bedeutung, die vor allem auch die politische Entwicklung des Landes für die bolivianische Literatur hatte, betont beispielsweise Luis H. Antezana, wenn er Mitte der 1980er Jahre konstatiert, dass sich an die soziale, politische und wirtschaftliche Unsicherheit der Militärdiktaturen (1964–1982) eine Konjunktur des Städtischen in der Literatur anschließt (vgl. Antezana 1985: 49). So führte der Aufschwung, den die neoliberale Politik nach 1982 für Santa Cruz brachte, auch zu einer literarischen Selbstentdeckung der Stadt (vgl. Wiethüchter 2003: 6). Deshalb wurde der Entstehungszeitraum der in dieser Arbeit untersuchten Texte im Hinblick auf die soziopolitischen Umwälzungen gewählt, die sich in Bolivien zur Jahrtausendwende abzeichneten. Der Siegeszug der Partei Movimiento al Socialismo 1999, der in Evo Morales’ Amtsantritt als Präsident des Landes 2006 kulminiert, steht stellvertretend für die massiven Umwälzungen, die sich im Land ereignen. Die Partizipation breiter Bevölkerungsteile an den Protesten gegen die Privatisierung der Wasserversorgung von Cochabamba 1999/2000 und El Alto 2004/2005 und am sogenannten Gaskrieg 2003, stehen für eine Zäsur in der Entwicklung des Landes, die jedoch nicht nur für eine gerechtere Verteilung von ökonomischer und symbolischer Macht steht, sondern auch neue innenpolitische Spannungen ausgelöst hat. Ob die soziopolitischen Veränderungen tatsächlich auch für eine Epochenschwelle in der Literatur gesorgt haben, bleibt abzuwarten. Dennoch dürften sie sich in die bolivianischen Städte als historische Spuren bereits eingeschrieben und von dort aus auch Eingang in die Fiktionen des Städtischen gefunden haben.

Werfen wir also zunächst einen Blick auf das realweltliche Umfeld, das den literarischen Stadtentwürfen, die Gegenstand dieser Arbeit sind, als Produktions- und Referenzraum dient: Um 1900 lebten lediglich 14,22% der bolivianischen Gesamtbevölkerung in einer Stadt, 2001 waren es bereits 62,4% und damit mehr als im lateinamerikanischen Durchschnitt (vgl. Blanes 2006: 25). Die starke Binnenmigration, auf die das enorme Wachstum der Städte u.a. zurückzuführen ist, hält gegenwärtig an. Die drei bedeutendsten Metropolregionen sind La Paz, Cochabamba und Santa Cruz. Sie liegen auf einer West-Ost-Achse, die die unterschiedlichen geographischen Regionen, das Andenhochland, die Täler und die Tiefebene, miteinander verbindet (vgl. ebd.). ← 12 | 13 →

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Abb. 1: Übersichtskarte Bolivien

In diesen drei Städten leben zwei Drittel der bolivianischen Stadtbevölkerung. Die Stadt La Paz hat Schätzungen zufolge gegenwärtig etwa 900.000 Einwohner, im städtischen Großraum aber, der u.a. die unmittelbar an La Paz angrenzende Schwesterstadt El Alto einschließt, leben nahezu zwei Millionen Menschen.5 Die Stadt Santa Cruz zählt ebenfalls ungefähr 1,8 Mio. Einwohner. Damit sind beide Städte weit davon entfernt, in den Rang lateinamerikanischer Megalopolen wie Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Lima oder São Paulo aufzusteigen, dennoch bilden sie „la experiencia urbana boliviana más importante“ (Villagómez 2004: 220). Geprägt wird diese städtische Erfahrung maßgeblich durch den Einfluss der originären Kulturen: Zwei Drittel der Bewohner von La Paz geben an, einer originären, ← 13 | 14 → vorwiegend der Aymara-Kultur anzugehören; in Santa Cruz sind es ungefähr ein Drittel, die sich der Quechua-, Guaraní- oder Chiquitano-Kultur zugehörig fühlen. An der nicht unbedeutenden Zahl der Aymara in Santa Cruz zeigt sich deutlich die Migrationsbewegung von West nach Ost, die in den 1950er Jahren durch den Niedergang des Bergbaus im Hochland ausgelöst wurde und sich durch den wirtschaftlichen Aufschwung der östlichen Regionen bis heute fortsetzt. Santa Cruz und die weiteren Departamentos des Media Luna genannten bolivianischen Ostens, Beni, Pando, Tarija und teilweise Chuquisaca, schöpfen aus dem primären Wirtschaftssektor und der Gas- und Ölgewinnung den größten Teil des Bruttoinlandsprodukts, während La Paz als Regierungssitz überwiegend auf dem tertiären, d.h. dem Dienstleistungssektor tätig ist (vgl. Blanes 2006: 33). Neben seiner wirtschaftlichen Stärke bietet Santa Cruz seinen Einwohnern aber auch bezüglich weiterer Faktoren, wie Bildungseinrichtungen, Infrastruktur und Gesundheitswesen, mehr als die meisten anderen Städte und Regionen (vgl. Caldas-Meyer 2009: o.S.). Hinzu kommt, dass die Stadt über ‚Ausbaureserven‘ verfügt, da die günstige Topographie von Stadt und Umland ein kreisförmiges Wachstum zulässt, das seit den 1960er Jahren systematisch vorangetrieben wurde (vgl. Villagómez 2004: 226). Aus diesen Faktoren schließt der prominente paceño und Architekt Carlos Villagómez, dass La Paz die hegemoniale Position, die es seit seiner Ernennung zum Regierungssitz 1899 ein Jahrhundert lang innehatte, mit Beginn des 21. Jahrhunderts an Santa Cruz verloren habe:

Los roles protagónicos de nuestras ciudades parecen cambiar a los inicios de los nuevos siglos, a La Paz le correspondió en el siglo XX y a Santa Cruz le toca el siglo XXI, pudiendo por ello afirmar, que Bolivia no sufre de la macrocefalia urbana común a otras capitales latinoamericanas. (Ebd.: 227)

Konstatiert Villagómez hier auch, dass die Übernahme der Vorreiterrolle durch Santa Cruz die Zentralisierung alles wirtschaftlichen und kulturellen Lebens in einer einzigen überproportional großen und bedeutsamen Kapitale verhindert habe, ist doch zu fragen, wie die beiden ‚verhinderten Hauptstädte‘ – Hauptstadt Boliviens ist noch immer die mit gut 300.000 Einwohnern kleine Großstadt Sucre – sich gegenüber dem Diskurs der anderen (lateinamerikanischen) Städte verhalten.

Die urbanistische Forschung nimmt, ähnlich wie die Kultur- und Literaturwissenschaft, vor allem die Megastädte des lateinamerikanischen Kontinents in den Blick. Auch wenn die verhältnismäßig kleinen Städte La Paz und Santa Cruz sicher nicht die gleichen Phänomene hervorbringen wie Mexiko-Stadt, Buenos Aires, Lima oder São Paulo, sind sie mit ihnen in ihrer Funktion als städtische Zentren einer Nation im verkleinerten Maßstab doch vergleichbar. ← 14 | 15 →

Für die Städte des Industriezeitalters und die durch sie inspirierten literarischen Stadtentwürfe war vor allem das Phänomen der Ablösung einer städtischen Gemeinschaft durch eine Masse von Stadtbewohnen und deren Anonymisierung von Bedeutung (vgl. Ta 2007: 60). In der Forschung über die postmoderne Großstadt sind seit gut zwanzig Jahren das Konzept der global city (vgl. Sassen 1991), das sich auf die veränderte wirtschaftliche Grundlage bezieht, und das der ‚dualen Stadt‘ zentral. Letzteres beschreibt, anders als der Begriff selbst es impliziert, nicht nur die Aufspaltung der Stadt in zwei soziale und geographische Sphären “between rich and poor, white and black” (Mollenkopf/Castells 1992: 5), sondern fragt danach “how class, race, ethnicity and gender divisions have intersected with the city’s economic transformation to form complicated new patterns.” (Ebd.) Das von Mollenkopf/Castells am Beispiel New Yorks entwickelte Konzept der dualen Stadt erklärt, wie wirtschaftliche, kulturelle und politische Kräfte zur wachsenden Ungleichheit in den Städten beitragen (vgl. ebd.: 13). Für die lateinamerikanischen Städte, bei deren Beschreibung viele weitere Phänomene, wie etwa die Suburbanisierung, die Privatisierung des öffentlichen Raumes, das anhaltende Stadtwachstum, die erhöhte Mobilität sowie das Wachstum des informellen Sektors (vgl. u.a. Roberts 1992), eine wichtige Rolle spielen, hat sich der mit diesen Phänomenen eng verbundene Begriff der sozialen und räumlichen Fragmentierung (fragmentación) etabliert. Dieser hebt sich gegen den der dualen Stadt ab, indem er sich – bereits nominell – nicht nur auf dichotomische Strukturen bezieht, sondern auf sehr unterschiedliche historische und aktuelle Realitäten eingeht (vgl. Prévôt 2001: 43).6 Vor allem berücksichtigt er, dass Armut ein graduelles Phänomen ist und dass die von der Armut Betroffenen damit geographisch nicht nur in einer bestimmten städtische Zone, d.h. den peripheren Siedlungen, zu verorten sind, sondern dass die unterschiedlichen ‚Klassen‘ von Armut die Stadt neu strukturieren und mit neuen, sichtbaren und unsichtbaren Grenzen durchziehen (vgl. ebd.: 48).

In La Paz ist die Fragmentierung kein neues Phänomen, sondern hängt eng mit der Topographie der Stadt und den durch sie bedingten klimatischen Unterschieden zusammen (vgl. Schoop 2007: 28). Das historische Zentrum der Stadt liegt im beengten Talkessel von La Paz, die wohlhabende Bevölkerung siedelt sich süd-östlich des Zentrums an, wo durch die geringere Höhenlage ein milderes Klima herrscht. Westlich des Zentrums wurde um 1900 auf rund 4000 Höhenmetern El Alto gegründet, das mit dem Ausbau der Infrastruktur ab 1950 stetig wuchs und ab 1985 den Status als eigenständige Stadt erhielt. El Alto ← 15 | 16 → dehnt sein Wachstum jedoch nicht nur in die unwirtliche Hochebene aus, sondern unter ungünstigsten topographischen Voraussetzungen auch hinab an den Steilhängen des Talkessels, so dass beide Städte vollständig zusammengewachsen sind (vgl. Schoop 2007: 35). Dies führt einerseits zu einer starken Verdichtung in den Zentren, andererseits aber auch dazu, dass sich neue urbane Zentren mit spezifischen Funktionen herausgebildet haben (vgl. Blanes 2006: 28).

In Santa Cruz forcierten die Stadtplaner das kreisförmige, von konzentrischen Verkehrsringen (anillo) gegliederte Wachstum der Stadt, förderten aber zugleich unter dem Stichwort der „Unidad Vecinal“ (Mazoni 2005: 141) die Entstehung von innerstädtischen Subzentren, die die Funktion der Grundversorgung übernehmen und sich so gegenüber dem historischen, im Schachbrettmuster angelegten Stadtzentrum behaupten. Santa Cruz, das heute zu den am schnellsten wachsenden Städten Lateinamerikas gehört, verschmilzt in den 1990er Jahren mit den angrenzenden Gemeinden, die jedoch weiterhin als funktionale Subzentren fungieren. Von dem enormen Wirtschaftswachstum der Region profitieren vor allem ausländische Investoren, aber nur wenige cruceños; die Armut steigt nicht nur in den wild wuchernden Armensiedlungen außerhalb des vierten Rings, von Verarmung ist durch steigende Arbeitslosigkeit, steigende Lebenshaltungskosten und sinkende Gehälter auch die (untere) Mittelklasse betroffen (vgl. ebd.: 152). Stärker noch als in La Paz zeichnen sich auch in Santa Cruz auf einer Achse, die die Stadt von Nord nach Süd durchläuft, Reichtum und Armut in die Topographie der Stadt ein (vgl. Blanes 2006: 31). Deren Spektrum reicht von abgeriegelten und bewachten Luxuswohnsiedlungen im Norden bis zu den „barrios dormitorios“ (Mazoni 2005: 155) im Süden, die über keinerlei Infrastruktur verfügen – und ihren Bewohnern außer einem Schlafplatz daher nichts bieten: keine Arbeitsplätze, keine Einkaufs- oder Erholungsmöglichkeiten, keine Bildungs- oder Gesundheitseinrichtungen und häufig noch nicht einmal eine Verkehrsanbindung. Das graduelle Konzept der Fragmentierung erfasst also die Entwicklung der Städte La Paz und Santa Cruz und zeigt deutlich, dass auch innerhalb dieser Städte die Dichotomie von Zentrum und Peripherie als Denkmuster an Wirkkraft verliert.

Auch die Literaturwissenschaft hat sich mit der Rolle der Grenzen auseinandergesetzt, die den Stadtraum immer neu strukturieren. Auch sie ist zu der Vorstellung gelangt, dass diese nicht als Scheidelinien zwischen dem Zentralen und dem Peripheren gewertet werden sollten, sondern dass sie als Passagen „die Zwischenansicht zweier ontologisch und chronologisch verschiedener Welten“ (Leenhardt 1992: 98) bilden. Die Passage als „unstabile Zone wird zum poetischen Ort“ (ebd.: 99), an dem zahlreiche Entwürfe von Text(mega)städten der Gegenwart inspiriert sind. ← 16 | 17 →

Dennoch sind Passage und Fragmentierung in der Gegenwartsliteratur nicht die einzigen motivischen und strukturgebenden Elemente des Städtischen. Abgesehen davon verleiten diese Begriffe dazu, die textuelle Stadt auf ein Abhängigkeits- bzw. Abbildungsverhältnis zur realweltlichen Stadt zu reduzieren, ein Schritt, der im Folgenden vermieden werden soll. Es ist nicht Ziel dieser Arbeit zu zeigen, wie die bolivianische Gegenwartsliteratur die architektonisch-urbanistischen oder sozialen Bedingungen der Städte La Paz und Santa Cruz abbildet. Es steht außer Zweifel, dass zwar jeder Entwurf einer Stadt in der Literatur auch maßgeblich durch die Entwicklung in den realweltlichen Städten beeinflusst wird, deshalb von einem mimetischen Verhältnis auszugehen, wäre jedoch falsch. Für die Literaturwissenschaft ist es vor allem interessant, danach zu fragen, welche Einzelaspekte des realen Stadtdiskurses ein Autor aufgreift bzw. welche er auslässt oder unterdrückt, mit welchen Techniken er daraus einen textuellen Raum entwickelt und welche Rolle dieser für den Text spielt.

Deshalb soll im ersten Kapitel, in dem die theoretischen Grundlagen dieser Arbeit entwickelt werden (Teil A), die Vorstellung der Nähe zwischen literarischer und lebensweltlicher Stadt zunächst in den Hintergrund treten und der städtische Raum als einer von vielen möglichen literarischen Räumen betrachtet werden (A/1). Dieser Blickwinkel wird im Anschluss an den sogenannten spatial turn eingenommen, der das gesteigerte Interesse der Wissenschaft an der Einbeziehung des Raums u.a. als hermeneutisches Verfahren beschreibt. Die Positionen dieses Paradigmenwechsels werden kurz dargestellt, und es wird danach gefragt, wie er sich auf die Betrachtung des Stadttextes ausgewirkt hat (A/1.1).

Das Kapitel A/1.2 widmet sich der Beziehung zwischen Stadt und Text. Zunächst geht es der, von der Semiologie explizierten, Vorstellung nach, dass Stadt und Text einander durch eine wechselseitige Ähnlichkeitsbeziehung verbunden seien und versucht zu beleuchten, wie sich dieses Verhältnis unter den Bedingugen der Postmoderne verändert hat (A/1.2.1). Für Lateinamerika wird dieses Verhältnis noch einmal gesondert in den Blick genommen und es wird nach möglichen Differenzen zur europäischen Konstellation gefragt (A/1.3).

Besonders die aus der Diskussion über die räumliche Wende hervorgegangene Unterscheidung zwischen den topographischen Werten des Stadttextes und den mit ihnen eng verwobenen topologischen Werten werden sich für die Textanalysen als wertvoll erweisen. Die Untersuchung der topographischen Werte der Stadt und ihrer Funktionen basiert auf der ‚physischen‘ Präsenz der Stadt im Text, d.h. auf der konkreten Beschreibung ihres Äußeren, ihrer Atmosphäre und ihrer Gesellschaft (A/1.2.2). Die topologischen Werte, die einer Textstadt eingeschrieben ← 17 | 18 → sein können, liegen dagegen im ‚immateriellen‘ Bereich, wie das Kapitel A/1.2.3 anhand von Mythos, Metapher und Motiv des Städtischen zeigt.

Das Kapitel A/1.4 wirft die Frage auf, in welchem Maße und in welcher Form der Stadttext auf seinen Referenzraum zurückwirkt und wie weit man bei der Suche nach dem Ursprung des Stadttextes im Realraum gehen kann, ohne ihre ontologische Differenz zu missachten.

Obwohl die Referenzstadt und der literarische Stadtraum im Folgenden als zwei von ihrem Wesen her unterschiedliche Phänomene aufgefasst werden sollen, sind beide doch untrennbar miteinander verwoben. Gerade um einen Stadttext in seiner Eigenständigkeit achten zu können und seine Differenz gegenüber einer konkreten, materiell existierenden Stadt zu identifizieren, erscheint es auch unumgänglich, die Topographie und die Diskurse seiner Referenzstadt zu kennen. Diese umfassen auch Wissen, das nicht aus Karten und Texten zu erschließen ist und damit einem ortsfremden Besucher der Stadt nur bis zu einem gewissen Grad zugänglich ist. Der Autor Adolfo Cárdenas behauptet z.B. von seinem Roman Periférica Blvd., der u.a. Gegenstand dieser Arbeit ist: „[…] es una novela que tiene como entorno la ciudad de La Paz. La pretensión de que la entienda alguien ajeno a la ciudad, por lo menos en mí, no existe, está dedicada exclusivamente a un lector paceño.“ (Cárdenas 2004: 7) Ist das Unterfangen dieser Arbeit also vermessen, wenn sich die Spezifik eines Stadttextes – nimmt man die Behauptung von Cárdenas ernst – nur einem Leser erschließt, der in seinem Referenzraum zu Hause ist? Vielleicht. Dann aber dürfte es auch eine Disziplin wie die Lateinamerikanistik nicht geben, die nicht nur wegen der Vielzahl der Nationalliteraturen, die sie zum Gegenstand hat, im Kern eine Fremdkulturwissenschaft ist (vgl. Gewecke 1993: 245). Auch wenn sie in nationalem Rahmen stattfindet, sieht sich der ‚einheimische‘ Wissenschaftler aufgrund der Plurikulturalität der Nationen häufig mit einer ihm fremden Kultur konfrontiert (vgl. ebd.). Dass dies auch auf Bolivien zutrifft, deutet bereits die seit 2009 gültige Bezeichnung Estado Plurinacional an: In diesem wird es Lebensbereiche geben, die eventuell auch einem bolivianischen Forscher aufgrund seiner ethnischen (Nicht-)Zugehörigkeit und seiner kulturellen Prägung verschlossen bleiben. Neben der Gefahr des Nicht- oder Missverstehens birgt die fremdkulturelle/europäische/deutsche Perspektive, solange sie sich ihrer Fremdheit als Determinante der Lektüre gewahr ist, jedoch auch eine Chance (vgl. ebd.: 251). Diese liegt vor allem darin, nicht unmittelbar „in die aktuellen oder historischen politisch-ideologischen oder literarischen Kämpfe und Konflikte“ (ebd.: 252) verwickelt zu sein und damit ihrem Untersuchungsgegenstand gleichsam ‚unparteiisch‘ gegenüberzustehen. Gerade im Kontext dieser Arbeit erscheint ← 18 | 19 → eine gewisse ‚Neutralität‘ von Vorteil, da auch untersucht werden soll, wie sich die textuellen La-Paz- und Santa-Cruz-Entwürfe zu einander verhalten.

Die Beziehung zwischen den beiden realweltlichen Städten kann durchaus als angespannt bezeichnet werden und geht mit einem vielfach emotional geführten Diskurs einher – auch Cárdenas’ Kommentar, sein Roman Periférica Blvd. richte sich ausschließlich an Leser aus La Paz, könnte in diesem Zusammenhang als ironischer Kommentar gegenüber dem Lokalpatriotismus seiner Landsleute aufgefasst werden. Der regionale Konflikt entzündet sich nicht nur an der gegenwärtigen politischen Spaltung des Landes in zwei Lager, der Regierung im Westen und der Opposition im Osten, für deren konfliktive Positionen die Städte La Paz und Santa Cruz metonymisch stehen. In Bolivien befeuern zahlreiche historische, politische, ökonomische und soziale Auseinandersetzungen das regionalistische Denken (A/2). Daraus ist ein Selbstverständnis der Bolivianer hervorgegangen, das u.a. von den Stereotypen und Vorurteilen bestimmt wird, die kollas, die Bewohner des Hochlandes, und cambas, die Bewohner des Tieflandes, gegen einander hegen. Um dieses Verhältnis verstehen und einschätzen zu können, werden zunächst einige Grundlagen der kulturwissenschaftlichen Fremdheitsforschung vorgestellt (A/3.1.1), bevor die Vorstellungen und Praktiken, auf der Inklusion und Exklusion in Bolivien beruhen, im Einzelnen in den Blick genommen werden (A/3.2.1). Um die Selbst- und Fremdbilder zu untersuchen, die Teil der Stadttexte sind, werden zunächst Schlaglichter auf die Auseinandersetzung der Literatur(wissenschaft) mit den Themenkomplexen Identität/Alterität und Stereotyp/Vorurteil geworfen (A/3.1.2), die anschließend für den bolivianischen Kontext spezifiziert werden. Als besonders produktive Identitätsentwürfe in der bolivianischen Literatur haben sich vor allem die Figuren des mestizo bzw. des cholo erwiesen (A/3.2.2).

Das Kapitel A/4 zeigt, dass die Stadtliteratur in Bolivien über eine lange Tradition verfügt, und ermöglicht damit, die historische Kontextualisierung der aktuellen Stadttexte.

Der Analyseteil der Arbeit (B) befragt die Primärtexte dann unter Rückgriff auf die zuvor entwickelten theoretischen Überlegungen auf die Konstitution ihrer Textstädte. Grundlage der Analyse ist ein Korpus, der sechs Stadttexte umfasst, die nach der Jahrtausendwende erschienen sind. Im Zentrum von drei Texten, nämlich Periférica Blvd. Ópera Rock-ocó (2004) von Adolfo Cárdenas Franco, La Virgen de los Deseos (2008) von Néstor Taboada Terán und Illimani Púrpura (2010) von Juan Pablo Piñeiro steht der Entwurf eines textuellen La Paz. Die drei weiteren Texte, Santo Vituperio (2003) von Homero Carvalho Oliva, Cartografías (2005) von Emilio Martínez und Los aymaras están llegando (2007) von José Wolfango Montes, entwerfen ein textuelles Santa Cruz. Jeder der ausgewählten ← 19 | 20 → Texte verfügt bezüglich seiner Stadtdarstellung über eine herausragende Spezifik, die ihn von anderen La-Paz- bzw. Santa-Cruz-Entwürfen unterscheidet und ihn von stereotypen Darstellungen abrückt. Damit leisten sie einen entscheidenden Beitrag zum literarischen Intertext der beiden Städte. Gerade die Aspekte Kreativität und Innovation der Stadtdarstellung in Emilio Martínez Cartografías waren ausschlaggebend dafür, diese Sammlung von minificciones in einen Korpus aufzunehmen, der darüber hinaus ausschließlich aus Romanen besteht. Erfüllen die hier analysierten Texte bezüglich der Stadtdarstellung auch eine repräsentative Funktion, kann man aus einem Korpus, der vor allem im Hinblick auf eine gemeinsame Motivik ausgewählt wurde, dennoch keine allgemeingültigen Aussagen über die Gesamtproduktion der bolivianischen Gegenwartsliteratur ableiten. Darüber hinaus wird die Textanalyse durch zwei nicht unwesentliche Faktoren erschwert. So verweist etwa der britische Literaturwissenschaftler Keith John Richards in seiner Arbeit über die Mestizisierung im Werk des bolivianischen Autors Néstor Taboada Terán, dessen Roman La Virgen de los Deseos auch Gegenstand dieser Arbeit ist, auf eine generell mangelhafte Erschließung der bolivianischen Literatur durch die Wissenschaft: „La mayor dificultad en el estudio de las letras bolivianas es la carencia de publicaciones especializadas, dentro y fuera del país.“ (Richards 1999: 1) An dieser Situation hat sich seither nicht allzu viel geändert (vgl. Dory 2011: 17, 25). Während ein Überblick über die bolivianische Literaturproduktion durch zahlreiche bibliographische (z.B. Sandoval/Ayllon 1992; Medinaceli 1999; Dory 2011) und anthologische Publikationen (z.B. Baptista 1997; Ayllón/Prada 2000; Carvalho 2010a, b) gewährleistet ist, gibt es bisher nur einige wenige wissenschaftliche Arbeiten, die sich intensiv mit dem Werk eines Autors (z.B. Prada 2002) oder einem thematischen Schwerpunkt (z.B. Rodríguez 2008) auseinandersetzen. Deshalb konnte die in dieser Arbeit unternommene Analyse und Interpretation der Primärtexte an vielen Stellen nicht anhand anderer Forschungsbeiträge überprüft bzw. diskutiert werden. Der Mangel an literaturwissenschaftlichen Arbeiten steht in scharfem Kontrast zu der Fülle an Veröffentlichungen anderer Disziplinen über Bolivien, man nehme nur das Beispiel der deutschsprachigen Sozial- und Politikwissenschaft (z.B. Krempin 1989; Bopp 2006; Lessmann 2004, 2010) oder der Kulturanthropologie (z.B. die Arbeiten der in Bolivien lebenden Britin Alison Spedding (1994, 2005, 2008 usw.), die auch mehrere Romane veröffentlicht hat). Diese erleichtern einerseits die Erschließung von kontextuellem Wissen, lassen andererseits aber auch Grenzbereiche einer Literaturwissenschaft aus fremdkultureller Perspektive deutlich werden, etwa wenn es darum geht, die Sprache oder gar philosophische und soziale Konzepte der originären Kulturen innerhalb der Primärliteratur zu erkennen oder zu deuten. Hier kann eine Annäherung ← 20 | 21 → lediglich versucht werden. Hinzu kommt, dass die in verschiedenen Primärtexten vorkommenden Worte aus der Aymara- und Quechuasprache in unterschiedlichen Schreibweisen verwendet werden. Aufgrund fehlender Sprachkenntnisse wurden sie, wo nötig, ohne Normierung der Orthographie übernommen. Dies mag das Wiedererkennen solcher Worte für einen ebenfalls sprachunkundigen Leser erschweren.

Details

Seiten
315
ISBN (PDF)
9783653039481
ISBN (ePUB)
9783653990386
ISBN (MOBI)
9783653990379
ISBN (Hardcover)
9783631649015
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Juni)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 315 S., 5 Graf.

Biographische Angaben

Simone Tillmann (Autor:in)

Simone Tillmann hat an der Universität Siegen Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaft, Kunstgeschichte und Spanisch studiert. Sie hat in La Paz (Bolivien) gelebt und gearbeitet, wo die Idee zu dieser Studie entstand.

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Titel: La Paz und Santa Cruz in der bolivianischen Gegenwartsliteratur