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Jugendsprachen

Stilisierungen, Identitäten, mediale Ressourcen

von Helga Kotthoff (Band-Herausgeber:in) Christine Mertzlufft (Band-Herausgeber:in)
©2014 Konferenzband 406 Seiten

Zusammenfassung

Sprachverhalten – von Kiezdeutsch bis zur Schreibstilistik von Mädchen auf Internetplattformen – gerät in diesem Beitrag zur Jugendsprachforschung als soziale Positionierungsaktivität in den Blick. Jugendliche nutzen ihr Wissen um kommunikationsstilistische Zuordnungen vielfältig, um sich als ein bestimmter Typus zu entwerfen, aber auch, um soziale Typen zu zitieren, zu karikieren und mit Zuordnungen zu spielen. Die deutschen und englischen Beträge dieses Bandes zeigen ein weltweites Spektrum. In vielen Ländern sind Sprech- und Schreibstile entstanden, bei denen Jugendliche Sprachen mischen und Regelverletzungen zur situativen Gebrauchsnorm einer Clique werden lassen. Junge Italo-Deutsche geraten mit ihrem Varietätenspektrum ebenso ins Blickfeld wie Studierende aus Ghana und SchülerInnen aus den USA, Dänemark und Georgien. Jugendliche haben in den Textsorten der sozialen Internetzwerke Schreib- und Bildstilistiken entwickelt, die nicht nur eigenwillig sind, sondern in ihrer Normferne wieder neue Normen konstituieren.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • Einleitung zum Band Jugendsprachen: Stilisierungen, Identitäten, mediale Ressourcen
  • I. Kulturelle Stilisierungen
  • Zwischen siciliano und Kiezdeutsch: Sprachgebrauch und Selbststilisierung bei italienischen Jugendlichen in Mannheim
  • Präpositionalphrasen ohne Präpositionen? Zur syntaktischen Reduktion im ‚Türkendeutschen‘
  • Race/Ethnicity, Religion and Stereotypes: Disparagement Humor and Identity Constructions in the College Fraternity
  • ‘I go SS; I go Vas‘ Student Pidgin: A Ghanaian Youth Language of Secondary and Tertiary Institutions
  • Youth Language in the Netherlands A Focus on Geographical Diversity
  • „… erzähl mal das mit dem Insulaner…“ Formale, funktionale und prosodische Aspekte jugendsprachlicher Narrationen
  • II. Mediale Textwelten und ihre Ressourcen
  • „Alles hab ich meiner kleinen Schwester zu verdanken“ – Humoristisch-subversive Medienaneignung Jugendlicher
  • „Ich jage Dich mit dem Duden durchs Ghetto“ Sprachideologie und Sprachreflexion in schülerVZ-Gruppen
  • ALTER marias bild im svz hat schon style:-D – Öffentliche und nicht-öffentliche Kommunikation Jugendlicher in sozialen Netzwerken
  • III. Stile, Praktiken, Gender
  • The Emergence of Adolescent Language
  • Language Practices for Constituting the Local Social Order in Peer Groups
  • Konversationelle Aktivitäten und Sprechstile einer männlichen Jugendgruppe in Georgien
  • Virtuelle Inszenierung und soziale Funktion des sprachlichen Kindchenschemas in Mädchenfreundschaften
  • Swearing in the speech of young girls, middle-aged women and elderly ladies
  • Quotativkonstruktionen mit so in Mädchentelefonaten
  • Reihenübersicht

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Vorwort

Der vorliegende Sammelband basiert auf der 6. Internationalen Tagung zu Jugendsprachen, die im März/April 2011 an der Universität Freiburg unter dem Thema JugendsprachenDynamiken und kulturelle Kontexte (Youth languages – Dynamics and cultural contexts) durchgeführt wurde. Die Tagung wurde durch die großzügige Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft ermöglicht. Einzelne Teilnehmerinnen und -teilnehmer erhielten zudem Reisekostenzuschüsse vom DAAD.

Für die Mithilfe bei der Organisation der Tagung bedanken wir uns herzlich bei Ulrike Ackermann und Petra Landwehr. Die Durchführung der Tagung wurde nicht nur durch ihre Hilfe, sondern auch durch die von Kira Urschinger und Friedrich Lang erst bewältigbar. Ihnen gilt auch unser Dank. Für die Hilfe bei der Fertigstellung dieses Bandes bedanken wir uns bei Rieke Petter und Hicham Jeddou.

Unser Dank gilt aber auch Eva Neuland, der Herausgeberin der Reihe Sprache – Kommunikation – Kultur. Soziolinguistische Beiträge, für die Aufnahme in die Reihe.

Wir widmen diesen Band Jens Normann Jørgensen, einer Forscherpersönlichkeit, die wegbereitend für die Jugendspracheforschung war. Nicht nur sein brillianter Plenarvortrag auf der Freiburger Tagung wird uns allen im Gedächnis bleiben.

Freiburg im Oktober 2013

Helga Kotthoff und Christine Mertzluff

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Einleitung

Helga Kotthoff, Christine Mertzlufft

Seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist die linguistische Analyse der Sprech- und Schreibweisen, des Wortschatzes und der Diskurspraktiken von Jugendlichen innerhalb des Faches selbstverständlich geworden. Im Vordergrund stehen keine idealisierten Sprecher, sondern lebensweltlich eingebundene Sprecher(innen), die sich über besondere Sprechstile Identitäten und Zugehörigkeiten zuschreiben und Situationen prägen. Kritische Lexikographie, Ethnographie der Kommunikation, Stilistik, Soziolinguistik, Gesprächsforschung, Semantik und auch die Erforschung der Sprache des Internets bilden verschiedene Stränge der Beschäftigung mit Jugendsprachen, die von vornherein im Plural gedacht werden. Beispielsweise nahm Androutsopoulos (1998) mit tradierten linguistischen Methoden verschiedene Bereiche der Jugendsprache unter die Lupe, von Entlehnungen über Phraseologie bis zu Diskurskonventionen. Seine hauptsächlich auf einer Sammlung von Flyern zu Musikveranstaltungen basierende Studie ist eines der Zeugnisse der Vielfalt in der Beschäftigung mit Jugendsprachen; punktuelle Quantifizierungen bestimmter sprachlicher Phänomene in Kombination mit einer Ethnografie der Kommunikation, d.h. der teilnehmenden Beobachtung im Feld jugendlicher Kontakte, ergaben eine bis heute favorisierte Methodenkombination.

Neuland (2008) legte eine Einführung in den Themenbereich vor, die ebenfalls den heutigen Reichtum an Fragestellungen, Befunden und Methoden vorführt. Sie zeigt auch, wie sich die Erforschung der Sprechweisen von Jugendlichen aus der sondersprachlichen Tradition herausbewegt hat, wie sich die zunächst prominente lexikographische Tradition heute in ein Spektrum sehr unterschiedlicher Fragen und Herangehensweisen einordnet. Neuland liefert einen umfangreichen geschichtlichen Überblick und thematisiert auch, wie Schule und Unterricht mit Jugendsprachen als Unterrichtsthema, bei dem Sprachverhalten reflektiert wird, umgehen können.

Zahlreiche Forschungsprojekte (u.a. geleitet von Eva Neuland, Norbert Dittmar, Jens Normann Jørgensen, Christa Dürscheid, Ben Rampton und Erika Werlen) beschäftigen sich in und um Deutschland herum mit neuen Erscheinungsformen und Trends in der Kommunikation von Jugendlichen. Dabei spielen mediale Inszenierungsformen von Jugendlichkeit auch eine Rolle, die gar nicht an ein Jugendalter gebunden sind (Neuland 2003).

International hat in den letzten Jahren vor allem Eckert (2000) die Sicht auf Sprechstile von Jugendlichen theoretisch neu konturiert, weil sie ihre Beobachtungen zur soziophonetischen Variation an einer Schule in Detroit (Belten High) ← 9 | 10 → in den Kontext anderer Stilphänomene gestellt hat, die die reiche Semiotik der Jugendzeit speisen: Kleidung, Frisur, Sportvorlieben, sonstige Freizeitbeschäftigung und Sprechstile, denen wiederum Besonderheiten in der Lexik, der Prosodie, der segmentalen Phonetik, der Morphologie, der Syntax, und dem Diskurs eigen sind (in ihrem Beitrag in diesem Band zusammengefasst). Viele Soziolinguisten zielten auf die Erstellung von Statistiken zu auffallenden Sprachausprägungen ab und die Korrelation mit sozialen Daten, ohne viel weitere Energie auf die Interpretation stilistischer Besonderheiten zu verwenden. Sie hat hingegen alle Daten zur Sprache in einer sozialen Landschaft verortet, in der Gruppenbildungen betrieben werden. „Jocks“ and „burnouts“ (Ethnokategorien der Jugendlichen) – diese sozialen Zuordnungen haben mit der Klassengesellschaft zu tun, Mittelschicht vs. Arbeiterschicht, mit unterschiedlichen Pfaden und Verbindungen zur Erwachsenenwelt. Die „jocks“ orientieren sich nicht lokal und verwenden ein Englisch, das dem Standard nahe steht. Es wird deutlich, dass sich Jugendliche nicht nur von Erwachsenen abgrenzen, sondern sehr stark auch voneinander. Die „burnouts“ begeben sich in Opposition zur Schule und ihren Normen, die „jocks” hingegen orientieren sich auf die Welt der Schule und der universitären Weiterbildung in anderen Städten hin. Die „Ausgebrannten“ bleiben der lokalen Szene verbunden. Globale und lokale Orientierungen werden auch über sprachliche Differenzen markiert; innerhalb dieser semiotischen Grenzziehungen spielt auch die Herstellung von Weiblichkeiten und Männlichkeiten eine Rolle. Jugendliche zeigen ihre Identitäten über eine reichhaltige Semiotik an. Rauchen und das Essen von „Junk-Food“ gehören beispielsweise zur Anzeige der Zugehörigkeit zu den Ausgebrannten. Dabei unterscheiden sich die Mädchen wiederum in beiden Gruppen von den Jungen. Männlichkeit kann, wie es die Soziolinguistik schon so oft gezeigt hat, über Anleihen an den weniger brav wirkenden Verhaltensweisen der straßensmarten Draufgänger der schulfernen Schicht kommuniziert werden, Weiblichkeit hingegen u.a. durch bestimmte Gestaltungen des Äußeren, besondere Aktivitäten und Sprechweisen. Dabei sprechen die „burnout-girls“ insgesamt standardorientierter als die Jungen. Einstellungen zum Rauchen, zu Freundschaft, zu dem Ort wirken sich auf das Sprachverhalten aus, mit dem sie Identitätsanzeige betreiben. „Jock“ oder „burnout“ zu sein, will permanent über soziale und kommunikative Praktiken angezeigt werden. „In-betweens“ gibt es auch, die wiederum semiotische Anleihen bei beiden Gruppen vornehmen und so verdeutlichen, dass sie sich an den Skalenenden der Schichtendynamik nicht positionieren. Mittlerweile wurde Eckerts Ansatz auch zur Untersuchung von Sprechstilen Jugendlicher im europäischen Sprachraum angewandt. Beispielsweise untersuchte Quist (2005) den Sprachgebrauch von Jugendlichen in einer High School in einem Kopenhagener Stadtteil, der durch eine relativ hohe Einwohnerzahl mit Migrationshintergrund geprägt ist. ← 10 | 11 →

Sprachverhalten ist in der heutigen Jugendsprachforschung als soziale Positionierungsaktivität in den Blick geraten. Jugendliche nutzen ihr Wissen um sprechstilistische Zuordnungen, um sich als ein bestimmter Typus zu entwerfen, aber auch, um Typen zu zitieren, zu karikieren und mit Zuordnungen zu spielen.

Kulturelle Stilisierungen in Jugendsprachen

Während in Eckerts Studie die Aspekte von Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit im Sprachgebrauch Jugendlicher kaum eine Rolle spielen, nehmen sie in anderen Arbeiten in den letzten Jahren zentrale Positionen ein. Beiträge aus verschiedenen europäischen Ländern weisen nach, dass Sprachwechsel und Sprachmischungen sowie die Übernahme von Lehnwörtern oftmals bewusst zur sozialen und stilistischen Markierung durch Jugendliche verwendet werden (für einen Überblick zu Untersuchungen im skandinavischen Sprachraum siehe Quist/Svendsen 2010). Jørgensen (2012) spitzt sein Konzept des „Languaging“ auf die These zu, dass Sprachen im Gebrauch der mehrsprachigen Jugendlichen keine festen Grenzen aufweisen und als Kategorien sozialer Mitgliedschaft dienen, wie auch die Eigenbezeichnungen „street language“ oder „ghetto language“ zeigen. Es sind Ethnolekte (Clyne 2000) entstanden, die inzwischen nicht mehr an Ethnien gebunden sind und insofern Soziolekte wurden (Dirim und Auer 2004), deren Funktion als Mittel kultureller Stilisierung von Zugehörigkeit zu u.a. deutsch–türkischen (Keim 2007) oder zu deutsch–italienischen Szenen gezeigt werden (Bierbach/Birken-Silverman in diesem Band).

Wir setzen mit diesem Buch eine Auseinandersetzung fort, die Feridun Zaimoğlu mit seinen Büchern Kanak Sprak (1995) und Abschaum (1997) im deutschsprachigen Raum in Gang gesetzt hat; eine literarisch interessierte Öffentlichkeit wurde auf den Sozialtypus des sich selbstbewusst "Kanake" Nennenden aufmerksam gemacht (und mitkreiert), auf einen Jugendlichen, der selbstbewusst zur familiären Migrationsgeschichte steht und diese für die eigene Positionierung in der Gesellschaft offensiv nutzt. Dieser Typus geistert seit mehr als 15 Jahren auch durch Comedies und Spielfilme unterschiedlicher Provenienz (Kotthoff/Jashari/Klingenberg 2013) und popularisiert so „Kanak Sprak“ als ein morphologisch reduziertes Register1 mit bestimmten Interjektionen, Phrasen und einer spezifischen Prosodie. Deutsche umgangs- und jugendsprachliche Elemente werden im Alltag mit türkischen Ausrufen, Routineformeln und Schimpfwörtern verbunden: Amina koyum (‘fuck you’) die ganze Scheiße hab ich durchgemacht, Alter, ich komm hier draußen nicht klar; in der Comedy jedoch kaum. ← 11 | 12 → Die so Redenden repräsentieren nach Keim und Androutsopoulos (2000) nicht nur eine subkulturelle Lebenswelt, sondern beanspruchen auch eine spezifische ethnische Perspektive. Der Begriff "Kanake" bezeichnet einen bestimmten Sozialtypus unter Migrantenjugendlichen der 2. und 3. Generation, der auch durch Selbstzuschreibung Autochthoner zustande kommen kann, wie Dirim und Auer (2004) in Hamburg feststellten. In Filmen und Comedies dient eine für die große Öffentlichkeit zurechtgestutzte „Kanak Sprak“ oft der Inszenierung des Hypertypus des ungebildeten, männlichen Ghetto-Angehörigen, der zwar smart ist, aber bildungsfern und nicht selten mit einem Bein im kriminellen Milieu steht. So werden Sprechstile und Sprechertypen einerseits ideologisch vereindeutigt, andererseits kann man sie wegen ihrer guten Erkennbarkeit zitieren und parodieren; d.h. zu unterschiedlichen Zwecken in Gesprächen in eine solche Figur hineinschlüpfen.2

Keim (2007) und Cindark (2010) beschreiben mehrere Varietäten junger, mehrsprachig Aufgewachsener, für die ein Cliquenregister ebenso wichtig ist, wie die Kommunikation in schriftnahen Registern. Bislang wird der Frage kaum nachgegangen, ob „Kiezdeutsch“ in der Dynamik der Register des Deutschen nicht auch eine neue Unterschichtensprache darstellt. Die SprecherInnen des Stils haben dessen Einordnung selbst gar nicht in der Hand. Schon seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts unterscheidet die Soziolinguistik zwischen dem offenen Prestige der Standardsprachen und dem verdeckten der vom Standard abweichenden, seien es Dialekte oder Soziolekte (Trudgill 1972). Auch wenn neue Soziolekte selbstbewusst die Normen des Standards brechen, regeln sie ihre Positionierung auf dem Markt der Stile doch nicht nur selbst. Daraus resultieren Gefahren.

Rampton (2011) geht auf ähnliche sprachliche Phänomene rund um „Posh English and Cockney“ und „Creole and Asian English“ in London ein – und auf die Positionierung dieser Stile. Hier wie dort und in vielen anderen europäischen Zentren (siehe z.B. Kotsinas 1998 für Stockholm, Nortier 2001 für Utrecht, Quist 2005 für Kopenhagen, Svendsen/Røyneland 2008 für Oslo) fällt stilisiertes Sprechen in den neuen Soziolekten auf, die sich aus Ethnolekten entwickelt haben. Hier wie dort kann es Index einer bestimmten, migrantisch assoziierten Identität sein, wird aber auch parodistisch oder gar mokant verwendet. Rampton betont in seinem Artikel etwas, das für Deutschland und viele andere Einwanderungsgesellschaften auch gilt, nämlich, dass alte wie neue Kommunikationsstile in ein gesellschaftliches Bewertungsspektrum eingeordnet werden. Und daran sind auch die Massenmedien (und darunter Comedies) beteiligt.3 ← 12 | 13 →

Einerseits arbeitet Rampton (2011), wie auch andere SoziolinguistInnen, die Agentivität der Jugendlichen heraus, die sich selbst Stile basteln und dabei auch „crossing“ betreiben, also in Stilen sprechen, die ihnen eigentlich nicht „gehören“ (etwa „Creole English“ sprechen, obwohl sie keinen kreolischen Hintergrund haben oder „Turkdeutsch“, obwohl ihre Familie keinen türkischen Migrationshintergrund hat). Das tradierte semiotische System neigt dazu, Varietäten einander in Opposition gegenüberzustellen, z.B. „posh“ als gehobene Varietät und „Cockney“ als niedrige Varietät. DialektologInnen und SoziolinguistInnen aller Couleur betonen außerdem seit Langem (z.B. Barbour und Stevenson 1999): dem Standard kommt die größere kommunikative Reichweite zu. An ihm richtet sich die Verschriftung aus. Auch daraus ergibt sich eine Bewertungsrichtung (wie Hellberg in diesem Band anhand von sprachlichen Bewertungen durch Jugendliche im Internet verdeutlicht). Eine andere ergibt sich aus einem sozioökonomischen System, welches das Praktizieren standardnaher Varietäten nicht für alle gleichermaßen und gleich stark notwendig macht. Großbritannien ist eine stratifizierte Klassengesellschaft, in der, wie auch in Deutschland, Wohlstand und Ressourcen sehr ungleich verteilt sind. Semiotische Ressourcen, wozu Sprechstile gehören, spielen, vereinfacht gesagt, eine Rolle in der Reproduktion der gesellschaftlichen Struktur (Bourdieu 2001). Wer sich überregional zu Wort bringen will, wird sich auch sprachlich in einen Stil einüben, mit dem dies möglich ist.

Einige Beiträge in diesem Band verdeutlichen, wie Jugendliche mit ihrem Wissen um Stilzuordnungen arbeiten. Wenn wir mit konstruktivistischen Ansätzen SprecherInnen als AgentInnen ihrer sozialen Verhältnisse sehen, müssen wir auch eine Frage aufwerfen, die mit diesem Band nicht beantwortet wird, deren Bedeutung aber doch zunehmend klarer wird. Warum positionieren sich einige sprechstilistisch so ungünstig als Unterschichtsangehörige? Postmodernen Identitätskonzepten zu Folge könnten sie sich auch ganz anders entwerfen, wenn sie im Prinzip über mehrere Stile verfügen (was Rampton zeigt und auch die deutsche Soziolinguistik derzeit unterstellt). In Schule, Nachbarschaft und Freizeitkontexten bleiben die Sprachregister auch Elemente der gesellschaftlichen Strukturierung. Zur Enttäuschung manches Poststrukturalisten sei gesagt, dass den Jugendlichen von vorn herein nicht alle Identitäten offenstehen, u.a. weil diese, wie flexibel auch immer sie gedacht werden, eine stilistische Kohärenz verlangen, die auch materielle Ressourcen benötigt. Rampton sieht die Ethno(sozio)lekte auf einer horizontalen Ebene der Gesellschaft, die aber mit der vertikalen von Oben und Unten verbunden bleibt. ← 13 | 14 →

Wiese (2012) will deutlich machen, dass Kiezdeutsch als „Neuzugang zum Deutschen“ wie auch die Dialekte4 Regeln hat, die nicht schlechter sind als die der Hochsprache. William Labovs Argumentation für eine soziolinguistische Differenzhypothese scheint auf (siehe zu den Hypothesen in der Soziolinguistik z.B. Barbour/Stevenson 1999). Eine Syntax mit oder ohne Präposition beispielsweise mag in manchem Kontext gleich gut verständlich sein, in manch anderem (z.B. schriftlichen) ist sie es nicht. Sie ergibt einen Index auf einen Sprechertypus. Es ist ein Gemeinplatz, dass sich Sprachen laufend wandeln und morphologische Vereinfachung für das Deutsche eine Entwicklungsrichtung unter Anderem abgibt. In großen Städten leben Menschen mit 200 Sprachen, die den rasanten Sprachwandel des Deutschen beschleunigen. „Dativ und Akkusativ müssen Bastionen räumen“ (Hinrichs 2012: 104). Das mehrsprachige Milieu kann auf korrekte Deklination verzichten. Aus Hinrichs Blickwinkel der Sprachtypologie reihe sich das Deutsche passgenau in eine Tendenz ein, an der fast alle Sprachen Europas teilnehmen. Die Sprachstrukturen werden grammatikärmer. Man kann Wiese darin zustimmen, dass die deutsche Sprache durch neue Register nicht bedroht wird, aber in einem ablaufenden Umbau beschleunigt. Dieser Umbau wird allerdings durch die normierte Schriftsprache und durch verschiedene Distinktionspolitiken mitgestaltet. In die Auseinandersetzung um schriftnahe und schriftferne Register sind nicht zuletzt Positionierungskämpfe involviert. Als ein Stil der Selbstbehauptung kann Kiezdeutsch in einigen Ingroup-Kontexten punkten. Man muss sich darüber hinaus fragen, wie sich Jugendliche über ihre Sprechstilistik gesellschaftlich positionieren und wie gut Kindergarten und Schule den Erwerb von Registervielfalt wirklich sicherstellen (was ja schließlich ihre Aufgabe ist). In Keims Studie (2007) stellt sich die Registervielfalt der „Power“-Mädchen als eine besondere Errungenschaft heraus, die nur möglich wurde, weil Instanzen wie Jugendhaus und eine Sozialarbeiterin die Mädchen in Richtung Bildung beeinflussen konnten. In diesem Buch geben drei Beiträge weitere Einblicke in diesen Phänomenbereich. Den hehren Anspruch auf verallgemeinerbare Antworten hegen wir nicht. Es wird in den Beiträgen des Buches aber deutlich, dass die Jugendlichen für die Etablierung neuer Sprechpraxen aus einem gefestigten Wissensbestand über Sprechertypen schöpfen. ← 14 | 15 →

Zu den Beiträgen des Buches im oben skizzierten Bereich:

Am Beispiel des Kommunikationsstils in einer Clique italienischer Migrantenjugendlicher aus einem multiethnischen Stadtviertel Mannheims zeigen Christine Bierbach und Gabriele Birken-Silverman in diesem Buch z.B., wie die Gruppenmitglieder verbale und paraverbale Elemente aus ihrem Varietätenrepertoire funktional als stilistische Mittel zur Inszenierung von Soziotypen einsetzen und diese durch ironisch-hyperbolische Überzeichnung als Stereotype karikieren und spiegeln. Zum einen werden durch solche Akte der identitären Abgrenzung auf der funktionalen Ebene zugleich die eigene Positionierung der Jugendlichen, ihre soziokulturellen Orientierungen und lebensweltliche Zusammenhänge deutlich; zum anderen liefern die Strukturmuster Anhaltspunkte für die Dynamik der Entwicklung von (Jugend)Sprache in der Migration und für sprachliche Entwicklungen in einer von Migration geprägten Gesellschaft. Die soziale Lebenswelt der im direkten Kontakt erforschten Clique zentriert sich um ein multiethnisches Stadtviertel Mannheims, das als sozialer Brennpunkt gilt und sowohl von den Bewohnern als auch von der breiten Öffentlichkeit als „Ausländer-Ghetto“ wahrgenommen wird. Der Anteil Jugendlicher mit Migrationshintergrund liegt bei 80%, unter denen diejenigen türkischer und italienischer Herkunft mit jeweils 34,5% bzw. 16% dominieren, so dass hier im Alltag in Schule, Nachbarschaft und Freizeittreffs ständige Kontakte gegeben sind, die allerdings nicht zu einem für alle gleichen Kiez-Deutsch führten.

Das Sprachrepertoire der Jugendlichen bildet das komplexe und dynamische Spektrum „ererbter“ und „erworbener“ Zugehörigkeiten und Abgrenzungen einerseits ab (als Produkt von Aneignungs- und Auswahlprozessen), wie es zugleich ein Instrumentarium zur Verfügung stellt, um kulturelle Identität immer wieder neu zu definieren, zu bestätigen, anzupassen und kontextbezogen zum Ausdruck zu bringen. An Gesprächsausschnitten zeigen die Autorinnen, wie Inhalt und Form, die stilistischen Abstufungen der Redebeiträge, zu denen die Kombination der Sprachvarietäten entscheidend beiträgt, zusammenwirkend kontextuelle Bedeutung produzieren, Beziehungen zwischen den Interaktanten abstecken und diese in ihrem sozialen Umfeld positionieren. Gender ist auch eine relevante Größe. Bildung stellt für die meisten der Jungen offenbar kein erstrebenswertes Ziel dar; ihrem Selbstbild entspricht eher die Kunst des „arrangiarsi“, ein geschicktes „Irgendwie-Durchkommen“, verbunden mit dem Image des „bad boy“. Verschiedene Migrantengenerationen (zugleich Altersgruppen) zeigen trotz unterschiedlicher Verteilung der Kompetenzen und Präferenzen eine beachtliche Schnittmenge an Varietäten, vor allem im italienischen Spektrum. ← 15 | 16 →

Vanessa Siegel untersucht die Verwendung von präpositionslosen Strukturen in der gesprochenen Sprache bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Stuttgart (Beispiel: gehen sie andere Stadtteil). Als Datengrundlage dienen Interviews mit 10 Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 19 Jahren. Aus diesen Interviews wurden 710 Phrasen extrahiert, die im Standarddeutschen mit Präposition realisiert werden müssten. Die von Siegel vorgenommene empirisch fundierte Betrachtung der präpositionslosen Strukturen ist insofern von besonderem Interesse als diese Strukturen bisher als typisches Merkmal von „Kiez-Deutsch“ angesehen wurden und die Verwendung dieser Strukturen oftmals als Zeichen unzureichender Deutschkompetenz gedeutet wurden. Siegels Ergebnisse weisen jedoch in eine andere Richtung: zum einen verwenden die Jugendlichen Strukturen mit Präposition häufiger als solche ohne Präposition. Zum anderen ist der Gebrauch der präpositionslosen Strukturen systematisch auf bestimmte grammatische Kontexte beschränkt. Der größte Teil der präpositionslosen Phrasen sind Ortsangaben und die nicht realisierten Präpositionen Lokalpräpositionen. Die genauere funktionale Analyse zeigt jedoch, dass neben den lokalen Phrasen (wir warn letztens Schischabar) auch direktionale Phrasen (gehen sie andere Stadtteil) typische Kontexte für das Nicht-Setzen von Präpositionen sind. In einem geringen Umfang bilden auch temporale Phrasen einen Kontext für präpositionslose Strukturen (das hatten wir fünfte Klasse). Eine Betrachtung der präpositionslosen Strukturen aus topologischer Sicht zeigt, dass Auslassungen nicht nur in Phrasen, die ihre Position im Mittelfeld haben dürften, vorkommen, sondern auch am Äußerungsanfang und -ende realisiert werden. Eine semantische Analyse der präpositionslosen Strukturen führt zu dem Ergebnis, dass die Phrasen ohne Präpositionen lokale oder direktionale semantische Beziehungen kodieren oder die Äußerung eng mit Raumangaben in Verbindung steht. Letzteres ist bei präpositionslosen temporalen Phrasen der Fall (das hatten wir fünfte Klasse), bei denen dann die Raum-Zeit-Metapher greift. Wie Siegel verdeutlicht, gibt es semantisch ambige Äußerungen, die eine zeitliche und räumliche Lesart ermöglichen. So kommt die Präposition in nicht nur als lokale Wechselpräposition vor (in der Schule vs. in die Schule), sondern sie kann auch eine zeitliche Beziehung ausdrücken, was besonders in semantisch ambigen Äußerungen (Der Schüler geht in die fünfte Klasse) deutlich wird. Wie Siegel zudem zeigt, unterliegen die präpositionslosen Phrasen systematischen Einschränkungen, u.a. beschränkt sich das Nicht-Setzen auf lexikalische Nomen und es liegt eine strukturell-semantische Ziel-Herkunft-Asymmetrie vor (bei direktionalen Verben, bei denen sowohl die Angabe einer Herkunft als auch eines Ziels möglich ist, wird bei der Herkunftsangabe die Struktur stets mit Präposition realisiert). Somit zeigen Siegels Ergebnisse, dass eine korpusbasierte, systematische Analyse von jugendsprachlichen Varietäten zu überaus interessanten Ergebnissen führt: Zweifelsohne ← 16 | 17 → stellt die unzureichende Deutschkompetenz bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund nach wie vor ein Problem dar, gleichzeitig belegen Siegels Ergebnisse aber auch, dass der Gebrauch präpositionsloser Strukturen in dieser Sprechergruppe nicht nur relativ selten vorkommt, sondern auch systematisch ist und gewissen grammatischen Restriktionen unterliegt.

Chase Wesley Raymond legt hier eine Studie über ethnisch und religiös orientierten Humor unter Studierenden in den USA vor, der funktioniert, weil alle sich auf die Doppelbödigkeit des Spiels mit Stereotypen verlassen können. In seinem Beitrag geht es auch um Spiele mit fremden Stimmen. In einer amerikanischen Studentenverbindung wurde er Zeuge einer Art von kontinuierlich ablaufender Scherzkommunikation, die auf den ersten Blick rassistisch und religiös diskriminierend wirkt. So ist es in der Verbindung üblich, im Bezug auf die gemeinsame Kasse über „jüdisches Gold“ zu witzeln (der Kassenwart ist Jude), d.h. ein rassistisches Phrasem zitathaft aufzurufen. Ein mexikanischer Student, der für Reparaturarbeiten zuständig ist, wird als Latino-Hausangestellte angesprochen und bewitzelt, der weiße Durchschnittsstudent wird scherzend mit einem reichen Ignoranten aus dem Fernsehen assoziiert. Und die so mit ethnischen Negativstereotypen Bewitzelten scherzen in den entsprechenden Szenen mit, indem sie solche Zuordnungen bestätigen; sie agieren also in den ihnen zugeordneten Rollen. In Diskussionen des Autors mit den Verbindungsmitgliedern gaben diese an, dass ein solcher gewagter Humor öffentlich sein müsse, um nicht zu verletzen. Im Zweiergespräch könne man so nicht scherzen, wenn man nicht als Rassist gelten wolle. Wir fügen hinzu, dass die Aktivitäten wohl auch ein Publikum brauchen. Außerdem müsse eine Art von rituellem Gleichgewicht herrschen: Alle müssten sozusagen mal ihr Fett abbekommen, indem man sie mit Negativstereotypen assoziiere. Allen Interviewten war bewusst, dass ihr Humorstil nach außen leicht missverständlich sein könnte. Sie sehen ihn als einen Index von Gruppenzugehörigkeit. Die Mitglieder betonten, dass sie sich untereinander gut verstehen. Gerade eine solche riskante Scherzkultur sei für sie ein Ausweis von Zusammengehörigkeit. Raymond unterstreicht (wie auch Kotthoff 2013 mit ähnlichen Beobachtungen aus gemischtkulturellen Cliquen in Deutschland), dass immer Fiktionalität im Spiel sei; sehr oft beziehen sich die jungen Männer auf Medienwissen, wie z.B. Figuren oder Themen aus Fernsehserien (hier liegt eine Parallele zu den von Spreckels beobachten Mädchen). Die Animation von Figuren geschieht über das Imitieren ihrer typischen Sprechweisen und Inhalte (Kotthoff 1998). Die Studierenden ordnen sich gegenseitig Rollen zu und sprechen in einem „Als ob-Rahmen.“

Die kontrastive Perspektive hat sich in den letzten Jahren als fruchtbarer Bereich der Erforschung von Jugendsprachen herausgebildet. Wie der Beitrag von Siegel in diesem Band zeigt, führt die kontrastive Gegenüberstellung jugendsprachlicher ← 17 | 18 → Merkmale mit standardsprachlichen Merkmalen zu neuen Ergebnissen.

Auch Kari Dako und Richard Bonnie legen ihren Betrachtungen zum sogenannten ‚Student Pidgin‘ (SP) in Ghana eine kontrastive Betrachtungsweise zugrunde und vergleichen das SP mit dem in Ghana verwendeten Ghanaian Pidgin English (GhPE). Wie Dako und Bonnie zeigen können, lässt sich SP als eine Varietät mit eigenen grammatischen Strukturen und als ein der männlichen Identitätsherstellung dienender Soziolekt klassifizieren. In ihrer strukturellen Gegenüberstellung mit dem GhPE kommen sie zum Ergebnis, dass SP eine Varietät des GhPE ist, obwohl letzteres nicht mit Jugendlichen in Verbindung gebracht wird und vornehmlich in multi-ethnischen, urbanen Kontexten in Süden Ghanas gesprochen wird. Für das GhPE gilt zwar auch, dass es nur von männlichen Sprechern verwendet wird, im Gegensatz zum SP jedoch mit einer niedrigeren sozialen Zugehörigkeit in Verbindung gebracht wird. SP wird hingegen im Süden Ghanas von männlichen Schülern der secondary schools und von männlichen Universitätsstudierenden und -absolventen gesprochen. Interessant hierbei ist, dass die Sprecher SP nahezu ausschließlich in außerschulischen bzw. -universitären Kontexten in der Kommunikation untereinander benutzen. In dieser Begrenzung auf eine sozial höhere Schicht einerseits und in der geschlechtsspezifischen Verwendung andererseits, unterscheidet sich SP von anderen afrikanischen Jugendsprachen. Auch für den europäischen Sprachraum kann angenommen werden, dass keine jugendsprachliche Varietät existiert, die exklusiv in sozial höheren Kreisen unter männlichen Sprechern gesprochen wird. Fragt man sich nun, warum dem SP dieses Alleinstellungsmerkmal zugewiesen werden kann, so liegt die Antwort laut Dako und Bonnie in der sozio-historischen Entwicklung Ghanas: SP dient der seit den 1960er-Jahren aufstrebenden gebildeten, männlichen sozialen Schicht sowohl als Identitätsmarker als auch als soziales Abgrenzungsmittel, wobei nicht eine bestimmte ethnische Zugehörigkeit, sondern der Bildungsgrad (und somit die soziale Zugehörigkeit) kodiert wird. Wie eine Fragebogenuntersuchung gezeigt hat, ist der Erwerb des SP an der secondary school aber auch ein Initiationsritus: der Sprecher gehört von nun an der Gruppe der erwachsenen Männer an.

Jos Swanenberg beleuchtet in seinem Beitrag die sozialen, kulturellen und geographischen Einflüsse auf verschiedene jugendsprachliche Varietäten in der niederländischen Provinz Brabant. Hierzu wurden 87 Jugendliche im Alter von 15-17 Jahren an fünf verschiedenen Oberschulen aufgenommen. Die Schulen sind in fünf Orten gelegen, die in ihrer Größe und ihrer sozialen Zusammensetzung variieren: ‘s-Hertogenbosch, Uden, Bladel, Mill und Raamsdonksveer. Auch die Schulen divergieren hinsichtlich der sozialen und regionalen Herkunft ihrer Schülerinnen und Schüler. Die Varietäten aller aufgenommenen Schülerinnen ← 18 | 19 → und Schüler weisen einerseits gemeinsame Merkmale auf, wie etwa t-Tilgung, n-Tilgung sowie Kontraktion, die allesamt einer gemeinsamen vernakulären Varietät mit größerer regionaler Ausbreitung zugeordnet werden können. Andererseits lassen sich aber auch in den verschiedenen Schulen und Orten unterschiedliche Muster von Merkmalen beobachten. Die von den Jugendlichen in Bladel (eine Kleinstadt mit 10.000 Einwohnern) verwendete Varietät ist durch viele regionale phonologische Merkmale und zu einem geringeren Teil auch durch regionale morphologische Merkmale gekennzeichnet. Es zeigen sich im lexikalischen Bereich aber auch Merkmale, die entweder dem Dialekt, dem Slang oder einer Mischung aus Niederländisch und Englisch zuzuordnen sind. Ähnliches gilt für die jugendsprachliche Varietät in Mill (6000 Einwohner). Sowohl in Bladel als auch in Mill verwenden die Jugendlichen keine sprachlichen Merkmale von Ethnolekten oder Immigrantensprachen (wie etwa Sranan Tongo, Arabisch, Türkisch etc.). In der Provinzhauptstadt ‘s-Hertogenbosch, mit ca. 103.000 Einwohnern der größte Erhebungsort, ist die untersuchte Varietät hingegen durch eine Kombination von dialektalen und multiethnolektalen Merkmalen geprägt. In der Untersuchungsgruppe, die eine gemischte ethnische Zusammensetzung kennzeichnet, findet aber auch ‚crossing‘ statt: Jugendliche verwenden Lexeme aus Einwanderersprachen, zu deren Sprechern sie nicht zählen. Es zeigt sich also deutlich, dass auch regionale Faktoren (v.a. der Grad an Urbanität) die Varietäten von Jugendlichen und dementsprechend die Identitätsherstellung beeinflussen. Nicht nur für europäische Metropolen gilt, dass sich Multi-Ethnolekte herausbilden, auch in ländlicheren Gebieten zeichnet sich in den urbanen Zentren diese Entwicklung ab.

Daniel Steckbauer et al. analysieren „krasse Geschichten“, die sie in einem Zeltlager von sechs männlichen Kerngruppenmitgliedern (14 Jahre alt, Herkunft aus „Arbeiterfamilien“) erheben konnten. In „Erzählwettkämpfen“ von männlichen Jugendlichen geht es oft um die beste Geschichte, die mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllt, u.a. die, den Vorredner zu überbieten und die prosodische und stilistische Realisierung der Erzählung auf spannende Weise auszugestalten. Inhaltlich verhandeln die Jungen gefährliche Begegnungen mit türkisch-deutschen Großgruppen, die sich ihnen in besonderen Situationen bedrohlich entgegenstellen. Die Autorengruppe führt in den derzeitigen Stand der linguistischen Erzählforschung ein. Die polyphone Wiedergabe der eigenen und fremden Rede (das Thema zieht sich durch viele Beiträge des vorliegenden Bandes) in der Konfliktsituation (die Auseinandersetzung der beiden Kontrahenten: er selber vs. der türkische Junge, dessen Stimme der Erzähler in die Narration „importiert“) erfolgt mit besonderer prosodischer Markierung der eigenen Rede und der des Kontrahenten. Diese stimmlichen Markierungen stellen einen Kontrast zwischen „Einer von uns“ (der Erzähler als Gruppenmitglied) und dem „Fremden“ ← 19 | 20 → (gehört nicht zur Gruppe) heraus. In einigen Narrationen wird das Vorurteil, türkischstämmige Jugendliche träten immer in Gruppen auf und bemühten sich redlich um die Verteidigung der Familienehre, durch eine überzeugend dargebotene persönliche Erfahrung illustriert und gestützt. Die Autoren zeigen, wie die Jungen mittels prosodischer Markierungen Jugendliche als Angehörige einer „Outgroup“ markieren. Der „Tauschwert“ sozialer und individueller Erfahrungen scheint wichtig zu sein. Demgegenüber scheinen für (männliche) Jugendliche die WIRKUNG des Erzählens und die damit verbundene statusspezifische POSITIONIERUNG in der Hierarchie der Bezugsgruppe bedeutsamer zu sein als die sprachliche Inszenierung von Informationen unter Einbeziehung des Gegenübers. Jugendliche zielen auf narrative Effekte ab. Das ist nicht generell jugendspezifisch (Norrick 2000), gibt aber im Beitrag von Steckbauer et al. doch Einblick in aktuelle Lebenswelten junger Männer mit ihren Konfliktkonstellationen.

Mediale Textwelten und ihre Ressourcen

Heutige Jugendliche leben wie keine Generation zuvor mit Medien aller Art (Zahlen finden sich im Beitrag von Spreckels). Medienwissen unterschiedlicher Provience speisen sie in ihre Interaktionen ein. Mit Bergmann (2006, 13) verstehen wir Medien als Technologien, die sich dadurch auszeichnen, dass sie die Möglichkeiten der menschlichen Kommunikation erweitern. Sie treten zwischen die Akteure und ermöglichen so die Ausdehnung von Kommunikation über die Grenzen der unmittelbaren Interaktion hinaus. Medien verweben und verwachsen generell dichter mit den Lebenspraktiken des Alltags (Bergmann 2006, 15). Nach der ARD/ZDF-Onlinestudie 2012 nutzen Angehörige der Generation über 50 Online-Netzwerke sehr viel weniger als die Altersgruppen darunter. Besonders aktiv sind die unter Dreißigjährigen. Jedoch spielen die alten Medien wie das Fernsehen nach wie vor wichtige Rollen.

Vor dem Hintergrund des zunehmenden Medienkonsums und der Mediennutzung durch Jugendliche ist das nichtorthografische Schreiben ins Zentrum der Jugendsprachforschung geraten. Jugendliche schreiben heute so viel wie noch nie (Dürscheid/Wagner/Brommer 2010). Allerdings schreiben sie in neuen kommunikativen Gattungen wie SMS, E-Mail und in sozialen Internetzwerken – und das in der Regel nicht normorientiert. Diese Formen neuer Schriftlichkeit, die fast schon klassischen Gattungen SMS und E-Mail, Blogs aber auch der Chat und die vielen Möglichkeiten in Netzwerken wie SchülerVZ und Facebook wurden in zahlreichen Publikationen inzwischen analysiert (u.a. Beißwenger 2001, Beutner 2002, Misoch 2004, Baron 2008, Bedijs/Heyder 2012). Bei der Nutzung aktueller Medienformate der Social Networking Sites wie SchülerVZ, MySpace und auch Twitter zeigt sich das historisch neue Phänomen, dass neben ← 20 | 21 → das orthografische Schreiben ein nicht an der Orthografie orientiertes getreten ist, das vor allem für informelle Kontakte genutzt wird und konzeptionelle Mündlichkeit mit verschiedenen Arten von Expressivität verbindet. Dürscheid, Brommer und Wagner (2010) haben in einer Studie erarbeitet, dass das Schreiben zahlreicher SMS und Chat-Nachrichten bei Schülern, die gut in Deutsch sind, nicht die Fähigkeit grammatikalisch richtig zu schreiben, beeinflusst. Chat-inhalte, die gemessen an schriftsprachlichen Normen voller Fehler seien, gehorchten eben tendentiell eher den Gesetzen einer Sprache der Nähe, verdeutlichen sie. Wer die Orthografie nicht ausreichend beherrsche oder wer Mühe habe, sich adäquat auszudrücken, der habe diese Probleme unabhängig davon, ob er privat viel oder wenig in den neuen Medien schreibe, und unabhängig davon, wie normnah oder normfern sich dieses Schreiben gestaltet. Andere Wissenschaftler argumentierten, dass sich die Schreiber lediglich den technischen Voraussetzungen anpassen würden und durchaus anders schreiben könnten, wenn andere Gegebenheiten der Fall wären (so wurde etwa darauf verwiesen, dass Reduktionen in SMS durch die Einschränkung der Textlänge auf 160 Zeichen bedingt seien, siehe Schwitalla 2002). Erörtert wurden u.a. Fragen, wie sich in diesem Rahmen das Zusammenspiel verschiedener Variationsdimensionen von medialen Bedingungen, Jugendsprach- sowie Dialektgebrauch gestaltet, wie auftretende Konflikte sprachlich bewältigt werden und welche Rolle sprachbezogene Kommentare spielen (Androutsopoulos/Ziegler 2003). Es zeigt sich inzwischen, dass die graphematische Ebene für besondere Selbststilisierungen genutzt wird (Bühler 2012). Verschiedene Beiträge aus den beiden Bereichen der medialen Textwelten und der Genderpraktiken diskutieren Besonderheiten aus diesem Themenfeld (Hellberg, Gysin, Voigt in diesem Band).

Zu den Beiträgen des Buches im oben skizzierten Bereich:

Janet Spreckels analysiert in ihrem Artikel parasoziale Interaktionen von Mädchen vor dem guten, alten Fernseher. Sie stellt vor, wie eine Mädchengruppe gemeinsam ein Format rezipiert (und dabei spielerisch „mitmacht“), das 2002 noch neu in der deutschen Medienlandschaft war (die Castingshow Teenstar). Parallel zum TV-Programm erschaffen die Mädchen sich ein humoristisches Kontrastprogramm, indem sie selbst als Teenstars auftreten und humoristisch durch verschiedene verbale und paraverbale Strategien diese Figuren aus dem Fernsehen persiflieren. Spreckels’ Studie steht in der Tradition der ethnografischen Gesprächsanalyse. Sie diskutiert die Parodien unter Rückgriff auf Michail Bachtins und Erving Goffmans Konzepte der Vielstimmigkeit, der Integration fremder Rede in die eigene. Sie konterkarieren Phrasen (z.B. von ihrem Interesse an Völkerfreundschaft), die jugendliche Teilnehmerinnen bei Castingshows oft von sich geben, indem sie sie übertrieben inszenieren und sich damit gegenseitig ← 21 | 22 → verdeutlichen, dass es denen eher um’s Geld geht. Mit Stuart Hall interpretiert Spreckels, dass die Mädchen die Performance der Castingshowteilnehmerinnen gegen den Strich üblicher Lesarten bürsten. Sie verständigen sich über geteilte Werte (z.B. ihre Ablehnung der nicht als authentisch empfundenen „Möchtegern-Teenstars“) und stärken so auch den Gruppenzusammenhalt; sie führen sich gleichzeitig als Musikkennerinnen vor und konkurrieren auch miteinander als geistreiche Unterhalterinnen.

Aisha Hellberg wertet metasprachliche Reflexionen von Jugendlichen auf der Social Network Site SchülerVZ (600 öffentliche Gruppen) aus. Sie erläutert Konzepte von Sprachideologie, wie sie in der anthropologischen Linguistik diskutiert werden, um dann vor dem Hintergrund Beiträge der Jugendlichen zu jugendsprachlichen Phänomenen einzuordnen. Zunächst zeigt sie in ihrem Beitrag auch, dass ein hoher Grad an Öffentlichkeit in der Kommunikation auf StudiVZ erhöhten Einsatz von jugendsprachlicher Lexik mit sich bringt; damit deutet sich ein auch in anderen Kontexten feststellbarer Stilisierungseffekt an, der Jugendsprache als besondere „performance“ vor Publikum ausweist. Vor allem belegt sie in ihrem Aufsatz, dass Jugendliche auf dieser Plattform den Einsatz jugendsprachlicher Formulierungen kontinuierlich bewerten und sozial zuordnen. So gehen beispielsweise manche Jugendliche zu bestimmten Formen der Jugendsprache betont auf Distanz („Das Wort –LOL– geht mir aufn Zeiger!!!!“). Unter Nutzung linguistisch-anthropologischer Theorien zur Sprachideologie zeigt Hellberg an zwei substandardlichen Phänomenbereichen unterschiedliche ideologische Einordnungen. Kiezdeutsch lehnen sie eher ab und assoziieren es mit der Unterschicht und mit Deutschproblemen, nichtnormorientiertes Schreiben hingegen wird generell akzeptiert und in seiner Normferne für kontextuell adäquat befunden, allerdings in bestimmten Ausprägungen auch negativ kommentiert. Die Jugendlichen kennen besondere Gruppennormen für Schreibweisen und nutzen die Standardabweichungen als Zugehörigkeitsindexe. Im ersten Bereich entspricht die Bewertungspraxis den öffentlichen Normen, im zweiten Bereich eher nicht. Die soziale Symbolik und die Prestige-Zuordnungen der genutzten Substandard-Varietäten werden in der Netzwerkkommunikation ausgehandelt.

Auch Daniel Gysins Beitrag hat die Kommunikation junger Leute im SchülerVZ zum Gegenstand. Er stellt die verschiedenen Möglichkeiten des Netzwerks vor: der sogenannte Buschfunk informiert die Nutzer über die neuesten Aktivitäten bzw. Nachrichten ihrer Freunde; man gestaltet eigene Profilseiten in einem vorgegebenen Rahmen; dort werden auch die Gruppen (Foren) angezeigt, in denen man Mitglied ist. Für die Interaktion mit den Nutzern ist auf der eigenen Profilseite eine Pinnwand vorhanden. Funksprüche ermöglichen es den Jugendlichen, alle Freunde zentral zu erreichen, wobei der Absender keine Sicherheit ← 22 | 23 → hat, dass alle Freunde die Nachricht lesen. Pinnwände sind den ‚klassischen‘ Gästebüchern auf Webseiten sehr ähnlich, bieten jedoch zusätzlich die Möglichkeit, Bilder und Videos in den Beitrag zu integrieren. Jeder Nutzer kann eigene Bilder einstellen, die in Alben organisiert sind und von anderen Nutzern kommentiert werden können. Der Nachrichtendienst bietet rudimentäre Funktionen zur E-Mail-Kommunikation innerhalb des Netzwerkes. Mit dieser Kommunikationsform können private Nachrichten an einzelne oder mehrere Personen gezielt verschickt werden. Der Plauderkasten übernimmt im SchülerVZ die Funktion eines Instant-Messenger-Programms mit dem die Jugendlichen sehen, wer ‚online‘ und zum Chatten bereit ist. Dieses Programm nutzen Jugendliche für die Kommunikation unterschiedlicher Grade an Öffentlichkeit und ergo Privatheit. Gysin setzt sich kritisch mit Diagnosen auseinander, die unsere Gesellschaft für eine post-private halten. Er konnte mithilfe einer Screen-Capturing-Software sämtliche Bildschirm-Aktivitäten bzw. Eingaben der Teilnehmer aufzeichnen und erhielt somit 166 Stunden an Videomaterial in einer Jungengruppe im Alter von 12 bis 13 Jahren, in deren Interaktionen er herausarbeiten konnte, dass für bestimmte Inhalte nach wie vor Exklusivität hergestellt wird. Der Status von Freundschaft und Intimbeziehung wird so hergestellt und Inhalte wie romantische Interessen oder Erlebnisse von Krankheit werden als privat ausgezeichnet. Gysin meint, Sennetts These von der zunehmenden Tyrannei der Intimität treffe auf die Kommunikation Jugendlicher im SchülerVZ nicht zu.

Details

Seiten
406
Jahr
2014
ISBN (PDF)
9783653039962
ISBN (ePUB)
9783653990027
ISBN (MOBI)
9783653990010
ISBN (Hardcover)
9783631649244
DOI
10.3726/978-3-653-03996-2
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2014 (Januar)
Schlagworte
Stilistik Neue Medien Sprachreflexion Internet Schreibstile Sprachmix Sprechstilistik Jugendkommunikation
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2014. 406 S., 4 farb. Abb., 19 s/w Abb., 17 Tab.

Biographische Angaben

Helga Kotthoff (Band-Herausgeber:in) Christine Mertzlufft (Band-Herausgeber:in)

Helga Kotthoff, Prof. Dr., und Christine Mertzlufft, Dr., lehren und forschen an der Universität Freiburg im Breisgau in der Germanistischen Linguistik.

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Titel: Jugendsprachen