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Der Raum Ostfalen

Geschichte, Sprache und Literatur des Landes zwischen Weser und Elbe an der Mittelgebirgsschwelle

von Ursula Föllner (Band-Herausgeber:in) Saskia Luther (Band-Herausgeber:in) Dieter Stellmacher (Band-Herausgeber:in)
©2015 Sammelband 440 Seiten

Zusammenfassung

Im Gegensatz zu Westfalen können sich die meisten unter Ostfalen kaum etwas vorstellen. Hier will dieses Werk Abhilfe schaffen. Es stellt den norddeutschen Kulturraum an der Grenze zu Mitteldeutschland umfassend vor. In fünf Großkapiteln äußern sich zehn Sachkenner zu Geographie, Geschichte, Landeskunde, Namen, Sprache und Literatur Ostfalens. Es wird deutlich, dass dieser Raum nicht nur über ein abwechslungsreiches Landschaftsbild mit bedeutenden Städten verfügt, sondern auch grundlegende Beiträge zur politischen und geistig-kulturellen Geschichte Deutschlands geliefert hat. Das Hochdeutsche erfuhr hier seine prägende Gestalt. Der Dialektforschung und -pflege bieten die ostfälischen Mundarten noch immer ein dankbares Untersuchungsfeld. So nehmen die breit gefächerten und allgemein verständlich formulierten Beiträge Ostfalen seine Fremdheit.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Geografie und Landeskunde Ostfalens
  • 1.1 Einleitung
  • 1.2 Die Gebirge
  • 1.3 Lithogenese, Oro- und Epirogenese
  • 1.4 Die große Senke im Norden
  • 1.5 Entwicklungen während des Eiszeitalters
  • 1.6 Schmelzwasser und Wind
  • 1.7 Gedanken zum Fazit aus den natürlichen Entwicklungen
  • 1.8 Wald
  • 1.9 Urgeschichte der Agrarlandschaft
  • 1.10 Städte, feste Straßen, Bodenschätze
  • 1.11 Übernutzung des Landes
  • 1.12 Die Neuorganisation des Landes seit dem späten 17. Jahrhundert
  • 1.13 Moderne Verkehrswege und Industrie
  • 1.14 Fazit: Das heutige Land
  • 1.15 Anhang
  • 2 Geschichte des ostfälischen Raumes
  • 2.1 Ostfalen im Mittelalter
  • 2.1.1 Der Name Ostfalen
  • 2.1.1.1 Der Name Ostfalen im Mittelalter
  • 2.1.1.2 Anhang: Der Name Ostfalen in der neuzeitlichen Wissenschaft
  • 2.1.2 Die mittelalterliche Geschichte der in der ehemaligen Deuregio Ostfalen vereinigten Gebiete
  • 2.1.2.1 Die politische Geschichte
  • 2.1.2.2 Das religiöse Leben und die kirchlichen Einrichtungen
  • 2.1.2.3 Schlussbemerkungen: Die Städte des Untersuchungsgebiets
  • 2.2 Ostfalen als politisch-administrative Vorstellung im 19. und 20. Jahrhundert
  • 2.2.1 Königreich Westphalen und Ostfalen
  • 2.2.2 Debatten des 20. Jahrhunderts
  • 3 Sprache im ostfälischen Raum
  • 3.1 Das Altostfälische
  • 3.1.1 Zum Begriff Ostfalen
  • 3.1.2 Sprachvorgeschichte und räumliche Verbreitung des Altostfälischen
  • 3.1.3 Der „Heliand“
  • 3.1.4 Sprachliches
  • 3.2 Das Mittelostfälische
  • 3.2.1 Zur Periodisierung
  • 3.2.2 Mittelostfälische Zeugnisse und sprachliche Auffälligkeiten
  • 3.2.3 Ostfalismen
  • 3.3 Vom Mittelostfälischen zum Neuostfälischen
  • 3.3.1 Vorbemerkungen
  • 3.3.2 Areale Aspekte des Wandels vom Mittel- zum Neuostfälischen
  • 3.3.3 Neuostfälisch: Sprechsprache ohne Schriftsprache
  • 3.3.4 Zum Wandel des Sprachsystems
  • 3.3.4.1 Phonologischer Wandel
  • 3.3.4.2 Flexionsmorphologischer Wandel
  • 3.3.4.3 Wortbildung und Wortschatz
  • 3.3.4.4 Syntax
  • 3.3.5 Schluss
  • 3.4 Das Neuostfälische
  • 3.4.1 Dialektgeographische Einteilung des Ostfälischen
  • 3.4.1.1 Einführung
  • 3.4.1.2 Ostfälische Dialektgeographie
  • 3.4.1.2.1 Abgrenzungen
  • 3.4.1.2.2 Ostfälische Gemeinsamkeiten
  • 3.4.1.2.3 Lautliche Sprachebene – vokalische Unterschiede
  • 3.4.1.2.4 Lautliche Sprachebene – konsonantische Unterschiede
  • 3.4.1.2.5 Morphologische Sprachebene
  • 3.4.1.2.6 Lexikalische Unterschiede (Wortgeographisches)
  • 3.4.1.3 Fazit
  • 3.4.2 Das Neuostfälische und seine Verwendung
  • 3.4.2.1 Sprachkompetenz
  • 3.4.2.2 Sprachkompetenz, Spracherwerb und soziale Parameter
  • 3.4.2.3 Domänen der Sprachverwendung
  • 3.4.2.3.1 Ostfälisch im Familien- und Freundeskreis
  • 3.4.2.3.2 Ostfälisch in den elektronischen Medien
  • 3.4.2.3.3 Ostfälisch in den Printmedien
  • 3.4.2.3.4 Ostfälisch im Internet
  • 3.4.2.3.5 Ostfälisch in Kunst und Literatur
  • 3.4.2.3.6 Ostfälisch in der Kirche
  • 3.4.2.3.7 Ostfälisch im Pflege- und Sozialbereich
  • 3.4.2.4 Bewertung und Attitüden des Ostfälischen
  • 3.5 Exkurs: Konrad Koch und die ostfälischen Anfänge des deutschen Fußballs und seiner Sprache
  • 3.5.1 Anfänge des Fußballspiels
  • 3.5.2 Der Anfang der deutschen Fußballsprache
  • 3.5.3 Fußballsprache und Sprachpurismus
  • 3.5.4 Schlussbemerkung
  • 4 Namen in Ostfalen
  • 4.1 Einführung in die Namentheorie
  • 4.2 Ortsnamen in Ostfalen. Mit besonderer Berücksichtigung des Stadtgebiets von Braunschweig
  • 4.2.1 Vorbemerkungen
  • 4.2.2 Simplizia
  • 4.2.3 Suffixbildungen
  • 4.2.3.1 Suffix -ithi
  • 4.2.3.2 Suffix -ingen/-ungen
  • 4.2.4 Komposita
  • 4.2.4.1 Grundwort -büttel
  • 4.2.4.2 Grundwort -beke
  • 4.2.4.3 Grundwort -stedt
  • 4.2.4.4 Grundwort -hêm
  • 4.2.4.5 Grundwort -wîk
  • 4.2.4.6 Grundwort -burg
  • 4.2.4.7 Grundwort -hausen
  • 4.2.4.8 Grundwort -rode
  • 4.2.4.9 Grundwort -leben
  • 4.2.5 Schluss
  • 4.3 Flur- und Gewässernamen in Ostfalen
  • 4.3.1 Einleitung, Abriss der Forschungslage
  • 4.3.2 Flurnamen
  • 4.3.3 Gewässernamen
  • 4.3.4 Slavische Namen
  • 4.3.5 Ergebnisse und Zusammenfassung
  • 4.3.6 Fazit
  • 4.4 Personennamen in Ostfalen
  • 4.4.1 Familiennamen
  • 4.4.1.1 Herausbildung der Familiennamen
  • 4.4.1.2 Motivierung und Struktur der Familiennamen
  • 4.4.2 Rufnamen
  • 4.4.2.1 Historische Aspekte
  • 4.4.2.2 Aktuelle Rufnamengebung
  • 4.5 Vereinsnamen in Ostfalen
  • 4.5.1 Der Namentyp Vereinsname361
  • 4.5.2 Die Namenelemente
  • 4.5.3 Namenwechsel
  • 4.5.4 Fazit
  • 5 Erforschung und Förderung des Ostfälischen
  • 5.1 Universitäre Sprachforschung zum Ostfälischen
  • 5.2 Ostfälische Wörterbücher und die ostfälische Wörterbuchforschung
  • 5.2.1 Ältere ostfälische Wörterbücher: Glossare, Vokabulare, Idiotica
  • 5.2.2 Übergang zu modernen Wörterbüchern
  • 5.2.3 Die großen ostfälischen Wörterbücher
  • 5.2.4 Die ostfälischen Stadtwörterbücher
  • 5.2.5 Zusammenfassung
  • 5.3 Förderung des Ostfälischen in Bildungseinrichtungen und Vereinen
  • 5.3.1 Gesetzliche Rahmenbedingungen
  • 5.3.2 Ostfälisch in der Kindertagesstätte
  • 5.3.3 Ostfälisch in der Schule
  • 6 Neuostfälische literarische Texte
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Autorenverzeichnis

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1 Geografie und Landeskunde Ostfalens

Hansjörg Küster (Hannover)

1.1 Einleitung

1.2 Die Gebirge

1.3 Lithogenese, Oro- und Epirogenese

1.4 Die große Senke im Norden

1.5 Entwicklungen während des Eiszeitalters

1.6 Schmelzwasser und Wind

1.7 Gedanken zum Fazit aus den natürlichen Entwicklungen

1.8 Wald

1.9 Urgeschichte der Agrarlandschaft

1.10 Städte, feste Straßen, Bodenschätze

1.11 Übernutzung des Landes

1.12 Die Neuorganisation des Landes seit dem späten 17. Jahrhundert

1.13 Moderne Verkehrswege und Industrie

1.14 Fazit: Das heutige Land

1.15 Anhang

1.1 Einleitung

Die Lage und Ausdehnung von Ostfalen wird vor allem sprachwissenschaftlich definiert. Das Gebiet hat dagegen keine klaren geografischen oder politischen Begrenzungen.1 Ostfalen im weitesten Sinne liegt zwischen Weser und Elbe, es reicht im Norden nicht ganz an Lüneburg und damit an den Einzugsbereich der Hansestadt Hamburg heran. Die südlichen Grenzen Ostfalens werden südlich von Göttingen, im Eichsfeld und im Harz gezogen. Im Mittelalter reichte das Gebiet, in dem Ostfälisch gesprochen wurde, ostwärts bis zur Saale und bis in die Umgebung von Wittenberg an der Elbe2 (Karte 1). ← 13 | 14 →

Illustration

Karte 1: Das ostf. Sprachgebiet (Rudolf Große 2000, S. 19)3

Ostfalen ist damit ein Kerngebiet Mitteleuropas, das ebenfalls auf verschiedene Weise definiert werden kann. Nach verbreiteter Ansicht liegt Mitteleuropa dort, wo sich von Nord nach Süd eine landschaftliche Abfolge von einem flachen Schelfmeer, das sich auf einem Festlandssockel ausdehnt, niedrig gelegenem Land, Mittel- und Hochgebirge ergibt: Die Nord- und Ostsee sind Schelfmeere, an die Meere grenzt das Norddeutsche Tiefland, es folgen Mittelgebirge wie der Harz oder der Schwarzwald, schließlich die Alpen. Sehr charakteristisch für Mitteleuropa ist der landschaftliche Gegensatz zwischen dem niedrig gelegenen Land im Norden und den im Süden daran grenzenden Mittelgebirgen. ← 14 | 15 →

Die Grenze zwischen diesen beiden Regionen ist im Bereich Ostfalens besonders markant ausgeprägt. Sie durchzieht das Gebiet von West nach Ost. An der dortigen Nordgrenze der Mittelgebirge ragt der Harz besonders hoch auf. Sein höchster Berg mit dem bezeichnenden Namen Brocken ist 1142 Meter hoch; er überragt das niedrig gelegene Harzvorland damit um über 1000 Höhenmeter. Der Brocken ist – soweit er nicht, wie es häufig der Fall ist, von Regenwolken eingehüllt wird – eine weithin sichtbare Geländemarke. Im unmittelbaren Vorfeld des Berges fällt der Gegensatz zwischen den niedrig gelegenen Regionen und dem hohen Gebirge besonders stark auf.

An der Grenze zwischen den Mittelgebirgen mit ihren festen Gesteinen und dem nördlich angrenzenden, niedrig gelegenen Land, das fast nur aus lockeren Ablagerungen der Eiszeit besteht, gibt es einen Streifen mit Lössablagerungen. Auf ihnen entwickelten sich Böden, die zu den fruchtbarsten der Welt gehören. Den Landstreifen, in dem Löss abgelagert wurde, nennt man Börde.4

In der Börde befinden sich einige der trockensten Gebiete Mitteleuropas, das mitteldeutsche Trockengebiet; sie werden auch als mitteldeutsche Trockeninseln bezeichnet. Im Wind- und Regenschatten des Harzes regnet es besonders wenig und selten. An einigen Orten der Magdeburger Börde liegt die jährliche Niederschlagssumme bei deutlich unter 500 Millimeter; ein Klima mit einem derart geringen Niederschlag gilt als Steppenklima. Auch in den westlich angrenzenden Börden, etwa der Hildesheimer Börde, kann es zu ausgeprägten Trockenphasen kommen. Aus diesem Grund werden heute zahlreiche Äcker im Gebiet zwischen Leine und Elbe regelmäßig im Sommer künstlich beregnet. Beregnungsanlagen sind dagegen weiter im Westen kaum notwendig, weil es dort häufigere und regelmäßigere Niederschläge gibt. Die Gebirge, vor allem der Brocken im Harz und seine Umgebung, gehören dagegen zu den regenreichsten Gegenden Mitteleuropas. Sehr feuchte und häufig von Wolken eingehüllte Gebiete liegen also am Harzrand nur wenige Kilometer von ausgesprochenen Trockengebieten entfernt.

Im Winter fällt der Niederschlag in den Hochlagen des Harzes häufig als Schnee. Doch sammelt sich der Schnee in vielen Wintern nicht über mehrere Monate an wie in weiter östlich gelegenen Mittelgebirgen, beispielsweise im Erzgebirge und Riesengebirge. Perioden mit winterlich kalter Witterung werden im Harz, dessen Klima stärker ozeanisch geprägt ist als das anderer ähnlicher Bergketten, häufiger von Witterungsphasen unterbrochen, in denen es unter dem Einfluss atlantischer ← 15 | 16 → Fronten bis in höchste Gipfellagen zu Tauwetter kommt. Die aus dem Harz in das Vorland verlaufenden Flüsse, unter anderem Bode, Oker, Innerste und Leine, können daher zu jeder Phase des Winters Hochwasser führen. In manchen Jahren gibt es an diesen Flüssen mehrere Hochwasserwellen. Dagegen schmilzt der Schnee im größten Teil des Einzugsgebiets der Elbe, im Riesengebirge, im Böhmerwald und im Erzgebirge nur seltener während des Winterhalbjahres. Er sammelt sich oft bis zu einer Höhe von mehreren Metern an und schmilzt dann erst während der Frühjahrsmonate. Daher kann es dann in der Elbe zu einem viel heftigeren Hochwasser während der Zeit der Schneeschmelze kommen als an den weiter westlich verlaufenden Flüssen.

Über einzelnen Mittelgebirgen kommt es immer wieder auch im Sommer zu ergiebigem Starkregen. Das kann sowohl im Gebiet Ostfalens der Fall sein, etwa im Harz, als auch außerhalb davon, etwa im Erzgebirge. Vor allem die Elbe wird davon dennoch beeinflusst und tritt dann über die Ufer, immer wieder sogar mit katastrophalen Folgen für das Land. Das hängt vor allem mit dem geringen Gefälle der Elbe zusammen. Weil sich in der Elbe Flutwellen nur langsam bewegen, hält ein Hochwasser an diesem Fluss viel länger an als im Einzugsgebiet von Rhein oder Weser. Ein Elbhochwasser ist nicht nur deswegen gefährlich, weil es Deichkronen überströmen kann, sondern auch, weil es die Deichfüße derart aufweicht, dass Deiche nach langer Belastung auch dann brechen können, wenn die Höhe des Hochwassers gar nicht sehr erheblich ist.

Ostfalen ist also in mehrerer Hinsicht ein besonders bemerkenswertes Gebiet. Es soll hier nicht wie in einem Fremdenverkehrsführer beschrieben werden, in dem Region nach Region vorgestellt wird. Sondern es soll folgerichtig beschrieben werden, wie heute sichtbare Landschaften in langer Zeit entstanden sind; daraus soll eine erzählte Geschichte entwickelt werden. Dies ist eine zentral wichtige Darstellungsmethode der Landschaftswissenschaft.5

Auf das heutige Bild von Landschaften wirkten sich zu jeder Zeit natürliche Einflüsse aus. Natur darf dabei nicht als stabile Kulisse aufgefasst werden, vor der sich kulturelle Prozesse abspielten und weiterhin abspielen. Natur bedeutet vielmehr stetig einwirkende Dynamik: Land wurde und wird gebildet, es versank im Meer oder wurde überflutet, es tauchte wieder aus den Fluten auf, verschiedene Formen von Leben erschienen und verschwanden wieder. In das Gebiet, das wir heute als Ostfalen bezeichnen, drangen immer wieder Meeresarme vor. Doch sie waren stets flach und verlandeten wieder, denn das Gebiet gehört zum europäischen Festlandssockel, der nur stellen- und zeitweise unter den Meeresspiegel absank. Stets handelte es sich also um Schelfmeere, die sich in dieser Gegend bildeten. Sie ← 16 | 17 → ähnelten in ihrem Charakter den Randmeeren Nord- und Ostsee. Im Eiszeitalter trugen gewaltige Gletschermassen Gesteinsschutt aus Skandinavien in das Gebiet, der dort abgelagert wurde und anschließend von den flachen Meeren nicht mehr überflutet werden konnte.

Zu den natürlichen Einflüssen traten kulturelle. Menschliches Einwirken auf Landschaft hatte stets Stabilität zum Ziel; schließlich hatten Menschen immer die Absicht, Land so zu gestalten, dass sie selbst darin unter gleichbleibenden Bedingungen möglichst sicher leben konnten. Sie nutzten das Land nach Möglichkeit auf eine Weise, mit der sie jederzeit Nahrung und andere wichtige Ressourcen, darunter Holz, zur Verfügung hatten. Doch wurde das angestrebte Ziel der Stabilität letztlich nie erreicht, einerseits deswegen, weil die Menschen sich immerzu mit den veränderlichen natürlichen Bedingungen auseinandersetzen mussten, andererseits weil sich auch wirtschaftliche und andere kulturelle Ziele von Menschen wandelten.

Bauern nutzten Teile des Landes zwischen Weser und Elbe seit mehr als 7000 Jahren. Die Strategien, mit denen sie eine solide Lebensgrundlage zu verwirklichen suchten, wandelten sich im Lauf der Zeit, und es bildeten sich mehrere Formen des systemischen Zusammenhangs von Landnutzung und Landschaft heraus, deren Strukturen sich von Grund auf unterschieden. Frühe Bauernsiedlungen wurden von Zeit zu Zeit verlagert. Unter dem Einfluss von staatlichen Strukturen blieben sie stabil bestehen. Zur Optimierung der Erträge wurde die Siedlungslandschaft mehrfach tiefgreifenden Reformen unterzogen. Zunächst war damit eine fein verästelte flächendeckende Erschließung des Landes verbunden, später eine Konzentration an einzelnen Orten, die mit einer Nutzungsaufgabe an anderen Orten einherging.

Landschaft ist aber nicht nur das von Natur und Nutzung geprägte Materielle, das Menschen vor sich sehen. Beim Blick auf Landschaft reflektieren Menschen auch über sie. Sie verbinden das Gesehene mit Bildern, Ideen oder Metaphern. Eine Region wird dabei mit einer immateriellen Interpretation versehen. Erst durch diesen Reflexionsprozess wird ein Gebiet zu einer Landschaft. Landschaft existiert also nicht ohne den Menschen; von Landschaft kann nur dann die Rede sein, wenn Menschen über sie reflektieren. Deutlich werden dabei mannigfache Zusammenhänge zwischen natürlichen Prozessen, menschlicher Nutzung und den Ideen, die mit dem Land verbunden werden. Im Gegensatz zu den anderen Komponenten von Landschaft sind die damit verbundenen Ideen stets stabil. Mit Landschaft kann auch eine als stabil zu verstehende Idee von Natur verknüpft werden. Diese ästhetisch bestimmte „Natur“ entspricht aber nicht der sich stets wandelnden Natur, die von Naturwissenschaftlern untersucht wird. Diese Doppelbedeutung von Natur muss bekannt sein, damit stets erkannt wird, welche „Natur“ gemeint ist, wenn ← 17 | 18 → von ihr gesprochen wird: die naturwissenschaftliche oder die ästhetisch bestimmte Natur.

Es ist wichtig, die Entstehung der Landschaft, die uns heute umgibt, als einen kontinuierlichen Prozess zu verstehen. Das heutige Erscheinungsbild von Landschaft ist nur eine Momentaufnahme innerhalb einer unaufhörlich weiter ablaufenden Entwicklung, die von natürlicher Dynamik, der sich ebenfalls wandelnden, aber auf Stabilität abzielenden Nutzung durch den Menschen und deren Ideen geprägt ist. Die einzelnen Vorgänge der Landschaftsgenese werden nach Möglichkeit in einem historischen Nacheinander, in einer erzählten Geschichte beschrieben. Dies gelingt aber nicht immer. Beispielsweise spielen sich sehr lange dauernde Prozesse der Gebirgsbildung und sehr viel rascher ablaufende Vorgänge der Landschaftsgestaltung durch den Menschen zur gleichen Zeit ab. Dennoch ist es üblich, zunächst die Erdgeschichte zu beschreiben, bevor auf den Einfluss des Menschen eingegangen wird. Doch darf damit nicht der Eindruck erweckt werden, als sei die natürliche Prägung abgeschlossen worden, bevor menschliche Gestaltung von Land begann; sie dauert auch heute weiter an, und es ist selbstverständlich davon auszugehen, dass sich in Zukunft der Charakter des Landes genauso unter natürlichem Einfluss wandeln wird, wie dies in der Vergangenheit immer der Fall gewesen ist.

1.2 Die Gebirge

Die Gebirge Ostfalens sind verschieden alt. Einige Teile des Harzes bestehen ebenso wie weite Teile Skandinaviens und Finnlands aus sehr altem Grundgebirge. Jünger sind die verschiedenen Sedimentgesteine, die sich in anderen Gebirgen Ostfalens finden lassen. Einige von ihnen sind vor allem aus Kalk aufgebaut, andere aus Sandstein. Diese Gebirge sind unterschiedlich fruchtbar. Sandstein ist häufig arm an Mineralstoffen; die auf ihm ausgebildeten Böden sind steinig und schwer zu bearbeiten. Daher sind die meisten Sandsteingebirge bewaldet. Sie waren dies aber nicht immer; vielmehr hat man in vergangener Zeit an vielen Orten versucht, Landwirtschaft zu betreiben. Bis heute hielt man an einer landwirtschaftlichen Nutzung nur dort fest, wo sie sich lohnte. Unfruchtbarere Gegenden wurden dagegen aufgeforstet. Fruchtbarer ist Kalkstein, doch hat er eine andere Eigenschaft, die seine Bewirtschaftung erschwert: Kalk ist in geringem Maße wasserlöslich. Es bilden sich Klüfte im Kalkstein, durch die Wasser im Untergrund versickern kann. Daher sind viele Kalkgebirge oberflächlich trocken, etwa Teile des Süntels und des Hildesheimer Waldes, auch weite Teile des südlichen Harzes. Dort kann nur in einigen feuchten Senken Ackerbau betrieben werden, die Hügel dagegen sind traditionell Weideland, das mittlerweile weithin ebenso wie die unfruchtbaren Flächen der Sandsteingebirge aufgeforstet oder mit Gehölz überzogen ist, das sich spontan ← 18 | 19 → ausgebreitet hat. Dies ist auf vielen Hügeln des unmittelbaren Gebirgsvorlandes zu erkennen, etwa auf der Asse (Abb. 1) und auf anderen Hügelzügen südlich von Braunschweig. Wasser sammelt sich im Untergrund und löst dort weitläufig Kalk auf, so dass sich Höhlensysteme ausbilden. Wenn die Kalkberge nach der Ausbildung von Höhlen schräg gestellt wurden, sind die Höhlen von außen zugänglich (etwa am Süntel und im Südharz). Wasser kann auch am Rand des Gebirges in kräftigen Karstquellen austreten und dann sofort einen breiten Bach oder gar kleinen Fluss bilden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Rhumequelle in Rhumspringe im Untereichsfeld (Abb. 2). Das Wasser einer Quelle am Rand des Elms ist die Lebensader, an der der sogenannte Dom von Königslutter gebaut wurde.

Auf den verschiedenen Gesteinen entwickelten sich unterschiedliche Böden, die sich nicht alle gleich gut für Landwirtschaft eignen. Aus Kalkstein aufgebaute Gebirge konnten etwa seit der Bronzezeit beackert werden, Sandsteingebirge erst seit der Eisenzeit, denn es war nur mit eisernen Pflügen möglich, dort den Boden zu bearbeiten. Teile des sehr alten Grundgebirges im Harz wurden erst im Mittelalter in agrarische Nutzung genommen, einige Teile dieses Gebirges wurden aber auch nie für den Ackerbau, allenfalls für Viehhaltung erschlossen.

Das Grundgebirge, das vor allem aus Granit und Gneis besteht, bildete sich, als die äußeren Schichten der Erde erkalteten und sich dabei verfestigten. Granit und Gneis bestehen aus verschiedenen Mineralien, vor allem Quarz sowie verschiedenen Formen von Feldspat und Glimmer. Hinzu kommen zahlreiche weitere Mineralien in kleineren Mengen. Stellenweise können in Granit und Gneis Akkumulationen von Erzen angetroffen werden, darunter Blei- und Zinkerze, sogenannte Buntmetalle, dazu in kleineren Mengen Silber, Cadmium oder auch Uran. Zahlreiche dieser Erze haben seit langer Zeit große wirtschaftliche Bedeutung und sind vielerorts bergmännisch abgebaut worden. Der Harz war jahrhundertelang eines der wichtigsten Zentren des Bergbaus auf Buntmetalle in Mitteleuropa (Abb. 3).6 Mit der Einführung des Oberharzer Wasserregals, heute auf der Welterbe-Liste der UNESCO, gelang es, ein sehr modernes Abbausystem von Erz bereits im Mittelalter und in der frühen Neuzeit zu etablieren (Abb. 4).7

Die erkalteten Gesteinsschollen an der Erdoberfläche bewegten sich im Verlauf der Kontinentalverschiebung. Stießen sie aneinander oder überlagerten sich ihre Ränder, wurden einzelne Erdoberflächenschollen in die Höhe gehoben, andere versanken im Untergrund unter einer anderen Gesteinsplatte. Bei solchen und anderen vergleichbaren Vorgängen kam es zu Gebirgsbildungen. Der Harz wurde ← 19 | 20 → dabei zu einem Gebirge, das ungefähr von Nordwest nach Südost gestreckt ist. In gleicher Richtung sind weitere mitteleuropäische Gebirge orientiert. Sie gehen alle auf den sogenannten Variszischen Gebirgsbildungsprozess im Erdaltertum zurück, der sich vor allem im Zeitalter des Karbon abspielte. Damals entstanden Gebirge, die entweder wie der Harz in nordwestlich-südöstlicher Richtung streichen und nach dem Harz „hercynisch“ genannt werden. Zu diesen hercynischen Gebirgen gehören beispielsweise auch der Böhmerwald und der Bayerische Wald. Andere Gebirge wurden in anderer Orientierung gehoben, und zwar in Südwest-Nordost-Richtung. Zu diesen Gebirgen mit sogenannter variszischer Streichrichtung gehören Eifel, Hunsrück und Erzgebirge. In der Umgebung der aufgewölbten Gebirge entstanden Senken, in denen sich während des Karbon-Zeitalters mächtige Steinkohlelagerstätten bildeten.8

Den Brocken, den höchsten Berg des Harzes, hält man für einen ehemaligen Vulkan: Flüssige Materie aus dem Erdinneren drang bis zur Erdoberfläche vor und ergoss sich dort über ältere Gebirgsschichten. Die Materie erkaltete und bildete einen besonders harten Klotz, der dem aus Grundgebirge bestehenden Harzgebirge aufsitzt. Auf diese Weise kamen sogenannte Plutonite an die Erdoberfläche.9 Als Plutonite bezeichnet man Gesteine, die aus einem Glutfluss (Magma) in der Erdkruste erstarrten. Alle anderen Gebirge in Ostfalen und auch im gesamten nördlichen Mitteleuropa sind jüngeren Alters.

1.3 Lithogenese, Oro- und Epirogenese

Im nördlichen Mitteleuropa, zwischen den alten Gesteinsmassen des skandinavischen Gebirges und des Harzes, bildeten sich immer wieder Senken aus. In einigen Epochen der Erdgeschichte lag die Oberfläche der Kontinentalplatten dort unterhalb des Meeresspiegels. Daher breiteten sich, etwa vom Atlantik aus, immer wieder flache Meeresarme in das Gebiet aus. Der Atlantik bildete sich aber erst im Lauf der Zeit, als sich die Kontinente Nord- und Südamerika von Europa und Afrika trennten. Zu anderen Zeiten lag der Boden der Senke oberhalb des Meeresspiegels, aber dort bildeten sich dann Sümpfe, aus denen Wasser schlecht abfließen konnte. Am Grund der Becken lagerten sich – in Abhängigkeit vom Milieu – unterschiedliche Sedimente ab. Die Ablagerung von Sedimenten wurde auch von der Entwicklung des Klimas beeinflusst; das Klima wiederum bildete sich in Abhängigkeit von der Breitenlage aus, auf dem sich die Kontinentalmasse nördlich der Mittelgebirge ← 20 | 21 → gerade befand. Denn die Kontinente wanderten ganz langsam über die Erdoberfläche: Zeitweise lagen sie in den Tropen, dann in den trockenen Subtropen, zu anderen Zeiten wiederum in den gemäßigten Zonen.

Nur am Grund eines flachen Meeres konnte sich Kalk absetzen; in den Becken der Tiefsee ist dagegen der Druck so hoch, dass kein Kalk ausfällt und an den Meeresboden sinkt. Kalk entstand aus den Kalkschalen unzähliger Organismen, die Kalk aus Kohlenstoffdioxid, Wasser und Calcium aufgebaut hatten. Eine kontinuierliche Ablagerung von Kalk, zu der es in flachen Meeresbecken normalerweise kommt, führte schließlich zu deren Verlandung. Dabei verloren sämtliche Organismen, die in flachen Meeresarmen gelebt hatten, ihren Lebensraum: Zu ihnen gehört ein großer Teil der Organismenarten, deren Fossilien im Kalkstein erhalten geblieben sind. Die Verlandung bedeutete zugleich, dass zahlreiche Arten von Organismen ausstarben. Auf diese Weise verschwanden mutmaßlich erheblich mehr Arten von Organismen als durch plötzlich auftretende Katastrophen; doch diese werden immer wieder für die wesentlichen Ereignisse gehalten, durch die beispielsweise Saurier ausstarben. Die meisten Arten von Lebewesen verschwanden aber wohl vor allem im Verlauf lange währender und daher viel weniger spektakulärer Prozesse ← 21 | 22 → von der Erdoberfläche.

Unter dem Einfluss leichter Strömungen, wie sie auch derzeit an den Küsten von Nord- und Ostsee herrschen, setzte sich Sand in den flachen Meeresbecken ab. Sand lagerte sich auch dort ab, wo Flüsse in das Flachmeer einmündeten und ihre Strömung erlahmte. Wenn das Meer unter dem Einfluss eines heißen und trockenen Klimas austrocknete, blieb Salz zurück, überwiegend Natriumchlorid (Kochsalz), das zu Steinsalz wurde, oder Kaliumchlorid (Kalisalz). In ausgedehnten Sümpfen gerieten abgestorbene Teile von Pflanzen unter den Grundwasserspiegel. Ihre Biomasse blieb nach dem Absterben der Gewächse mehr oder weniger komplett erhalten, weil Mikroorganismen sie im dauernd feuchten und daher sauerstoffarmen Milieu nicht zersetzen konnten. Es bildeten sich dicke Torfschichten aus, mächtige Ablagerungsschichten aus nicht zersetztem organischem Material.

Die Landoberfläche sank im Bereich des heutigen Ostfalens immer weiter ab, so dass ständig neue Ablagerungen entstehen konnten. Dabei entwickelte sich ein immer größerer Druck auf die bereits tief in den Untergrund eingesunkenen Sedimentschichten. Sie wurden dabei zu Stein verfestigt. Dieser Prozess wird als Lithogenese (deutsch „Steinentstehung“) bezeichnet. Im Zuge der Lithogenese wurde aus Kalk Kalkstein, aus Sand Sandstein, aus Salz Steinsalz und aus Torf zuerst Braunkohle, dann Steinkohle. Auf diese Weise bildeten sich nicht nur vielfältige Gesteine, sondern es kam auch zur Akkumulation bestimmter Stoffe, die heute als weitere Bodenschätze erhebliche wirtschaftliche Bedeutung erlangten. Allerdings konnten diese Bodenschätze nur dann ausgebeutet werden, wenn sie von der Erdoberfläche aus erreichbar waren. In weiten Teilen des Weserberglandes ragen harte, schräg gestellte Schichten aus widerstandsfähigem, gut zu bearbeitendem Sandstein weit auf, so dass sie gut abgebaut werden können (Abb. 5). Dort finden sich auch Kalksteinschichten, deren Material zum Bauen geeignet ist. Teile der Oberfläche des Hildesheimer Waldes bestehen ebenfalls aus Kalkstein, aber es gibt dort auch Gebiete, in denen Sandstein zu finden ist. Abgelagerte Kohleschichten gelangten am Deister und am Bückeberg an die Erdoberfläche, so dass sie dort selbst mit einfachen Mitteln abgebaut werden konnten. An einigen Stellen traten salzhaltige Quellen aus, an denen sich Salz gewinnen ließ.

Zur Exponierung aller dieser Schichten kam es dadurch, dass Gesteinspakete aus der Tiefe bis über den Meeresspiegel und oft weit darüber hinaus angehoben wurden. Dies war eine Folge der Oro- und Epirogenese genannten Prozesse. Wenn die Gesteinsschichten über die Höhe des Meeresspiegels hinaus nach oben gedrückt wurden, bildeten sich Hügel- und Gebirgsländer. Die Prozesse der langfristig ablaufenden Epirogenese, bei der Land entstand, und der kurzfristigeren Gebirgsbildung (Orogenese) müssen stets von der vorausgegangen Lithogenese unterschieden werden, bei der sich allein der Stein, aber nicht das Gebirge bildete.

Etliche Gesteinsschollen wurden bei der Oro- und Epirogenese in charakteristischer Weise schräg gestellt (Abb. 6). Zu einer solchen Schrägstellung von Gesteinsschollen kam es vielerorts im Gebiet von Ostfalen, und zwar in Verbindung mit der Bildung des Leinegrabens. Die breite Senke, in der die Leine fließt, ist kein eigentliches Tal, sondern eine Bruchzone, an der der europäische Kontinent „zur Zeit“ zerbricht, das heißt, in einem sehr lange währenden Prozess, der sich sowohl in schon sehr lange zurückliegenden Zeitaltern der Erdgeschichte abspielte als sich auch in Gegenwart und Zukunft fortsetzt. In ferner Zukunft werden sich mutmaßlich die Gegenden westlich der Leine von denen östlich des Grabens so weit trennen, dass sich ein Meeresarm in diese Senke ausbreiten kann; dies ist vor einigen Jahrmillionen sogar bereits zeitweilig geschehen. Aus einer solchen Bruchzone kann sogar ein Ozean hervorgehen, wenn sich die Gesteinsschollen immer weiter voneinander getrennt haben. Eine ähnliche Trennung von Kontinentalmassen führte vor sehr langer Zeit zu einem Auseinanderdriften von Europa und Amerika und zur Bildung des Atlantischen Ozeans. Die Schrägstellung der Gesteinsschichten ergab sich dadurch, dass sie an der Bruchlinie erheblich unter Spannung standen und in die Höhe gehoben wurden, als sich der Graben auftat.

Die Bergzüge westlich und östlich des Grabenbruchs erhielten durch ihre Schrägstellung auf der einen Seite schroffe, auf der anderen sanft abfallende Abdachungen. Westlich des Leinegrabens haben die Bergzüge in der Regel einen sanften Westhang und einen steilen Osthang, östlich der Leine ist es gerade umgekehrt: Die nach Westen exponierten Hänge sind steiler als die sanft einfallenden ← 22 | 23 → Osthänge. Im Leinegraben flossen und fließen Flüsse ab. Zu manchen Zeiten nutzte die Weser diese Abflussbahn, die im größten Teil des Eiszeitalters von Hameln aus nach Osten verlief, durch ein noch heute an der Deisterpforte bei Springe gut erkennbares Tal in den heutigen Leinegraben. Von dort aus nahm sie ihren Lauf im heutigen Tal des kleinen Flüsschens Wietze. Heute fließt die wesentlich schmalere und wasserärmere Leine im Leinegraben in Richtung Norden.

Die Senke ist immer wieder als eine exzellente natürliche Verkehrsachse genutzt worden, über die man von Norddeutschland bis weit in die Mitte Deutschlands ohne große Hindernisse vorankommen kann. Weiter im Süden schließen sich weitere Abschnitte des Grabenbruchs an, die ebenso leicht Verkehrswege aufnehmen konnten. Zu ihnen gehören die Wetterau, der Oberrhein- und der Rhonegraben.10

1.4 Die große Senke im Norden

Im Norden des Gebietes von Ostfalen sank der Untergrund des Kontinentes besonders weit in die Tiefe ab. Zwischen dem heutigen Harz und Skandinavien drangen daher immer wieder Meeresarme, ausgehend vom Atlantik, nach Osten vor. Flüsse, die aus dem Bergland kamen, mündeten am Nordrand der Mittelgebirge ins Meer. An ihren Mündungen lagerten sich Kies und Sand ab. Seitlich der Flussmündungen gab es zeitweise große Moore, in denen Torf akkumuliert wurde. Aus diesem Torf wurde im Lauf der Zeit, als sich weitere Ablagerungen darüber legten, Braunkohle. Braunkohlelagerstätten gibt es an mehreren Stellen nördlich der Mittelgebirge, so bei Aachen oder in der Umgebung von Leipzig. Wichtige Vorkommen von Braunkohle, die im Gebiet Ostfalens abgebaut wurden und zum Teil noch werden, liegen vor allem bei Helmstedt und Aschersleben.

An einigen Stellen drückte Salz Gesteinsschichten nach oben. Denn tief im Untergrund abgelagertes Salz wurde unter der Einwirkung des enormen Drucks darüber liegender Gesteinsschichten mit der Zeit plastisch und verformbar. Es sammelte sich an Klüften und drückte dort die etwas weniger mächtigen Ablagerungen in die Höhe. Dabei entstanden Salzdome: Salzlager, die später gebildete Ablagerungen über sich nach oben drückten. Oft wurde nicht nur Salz in die Höhe gehoben, sondern auch Lagerstätten von Erdöl und Erdgas, die sich in Hohlräumen der Salzlagerstätten gesammelt hatten. Die in den Salzdomen oder Diapyren enthaltenen Ablagerungen von Salz und Erdöl wurden bis dicht unter die Erdoberfläche gepresst, so dass sie dort in den letzten Jahrhunderten ausgebeutet werden ← 23 | 24 → konnten. Wichtige Salzbergwerke befinden sich im Umkreis von Hannover und Hildesheim sowie bei Zielitz nördlich von Magdeburg. Deutschland war wegen der vielen ausgebeuteten Salzlagerstätten entlang des Leinegrabens und seiner südlichen Fortsetzungen zeitweise der wichtigste Produzent von Kalisalz auf der Welt; Kalisalz ist ein sehr wichtiger Bestandteil von Mineraldünger. Das in die Höhe gedrückte Salz konnte, wenn es an die Erdoberfläche gelangte, auch von Wasser gelöst werden. Als Resultat davon blieben Senken zurück. In einer solchen Senke bildete sich der Arendsee in der nördlichen Altmark, Sachsen-Anhalts größtes natürliches Binnengewässer, und auch die Seen im Mansfelder Land südöstlich des Harzes gehen auf eine entsprechende Bildung zurück.11 An anderen Stellen sank das Land durch den Einfluss von Salzlagerstätten dagegen ab, beispielsweise bei der Subrosion, die mit der Lösung von Salz im Untergrund in Verbindung stehen konnte.

Das Meer (Nord- und Ostsee waren noch nicht voneinander getrennt) reichte zeitweise bis an die sanften Höhenrücken heran, bis zu den Rehburger Bergen, zum Elm und Lappwald sowie zum flachen Flechtinger Höhenzug mit dem Magdeburger Domfelsen.

Details

Seiten
440
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653041095
ISBN (ePUB)
9783653988185
ISBN (MOBI)
9783653988178
ISBN (Hardcover)
9783631650547
DOI
10.3726/978-3-653-04109-5
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Mai)
Schlagworte
Heliand Sprachenwechsel Dialektologie Deuregio Ostfalen Landesentwicklung
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 440 S., 30 farb. Abb., 12 s/w Abb., 4 Tab.

Biographische Angaben

Ursula Föllner (Band-Herausgeber:in) Saskia Luther (Band-Herausgeber:in) Dieter Stellmacher (Band-Herausgeber:in)

Ursula Föllner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Magdeburg. Mitbegründerin der Arbeitsstelle Niederdeutsch an diesem Institut. Stellvertretende Leiterin des Ostfälischen Instituts der Deuregio Ostfalen. Forschungsschwerpunkte im Bereich des Niederdeutschen und der Onomastik. Neben Armin Burkhardt und Saskia Luther ist sie Herausgeberin des Bandes Magdeburger Namenlandschaft (2005). Saskia Luther, Referentin für Mundartpflege und -forschung beim Landesheimatbund Sachsen-Anhalt. Mitbegründerin der Arbeitsstelle Niederdeutsch am Institut für Germanistik der Universität Magdeburg und Lehrbeauftragte dort. Forschungsschwerpunkte im Bereich des Niederdeutschen und der Onomastik. Dieter Stellmacher, emeritierter Ordentlicher Professor für Niederdeutsche Philologie an der Universität Göttingen. Ausländisches Ehrenmitglied der Königlichen Akademie für Niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Gent (Belgien). Forschungsschwerpunkte im Bereich des Niederdeutschen sowie in der Dialektologie, Soziolinguistik und Sprachgeschichte des Deutschen.

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Titel: Der Raum Ostfalen