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Rabbiner in der Provinz

Die Rolle des Rabbiners im Leben der jüdischen Gemeinschaft in Teschener und Troppauer Schlesien

von Janusz Spyra (Autor:in)
Monographie 264 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Abkürzungsverzeichnis
  • Einleitung
  • 1. Rechtliche Situation und Alltag der jüdischen Gemeinden bis zum Ende des 18. Jhs. und die Rolle des Rabbinats in Österreichisch Schlesien
  • 1.1 Das Rabbinat als Institution im Leben der jüdischen Gemeinschaft
  • 1.2 Die Rabbiner in Österreichisch Schlesien vor 1742
  • 1.3 Die Anfangsphase des organisierten religiösen Lebens in Österreichisch Schlesien während der Regierungszeit Maria Theresias und Josefs II.
  • 2. Umwandlungen im Leben der Juden und in der jüdischen Liturgie im ausgehenden 18. Jh. und in der ersten Hälfte des 19. Jhs.
  • 2.1 Die Emanzipierung der Juden und die Veränderung der Rolle der Rabbiner
  • 2.2 Veränderungen in der österreichischen Monarchie in der ersten Hälfte des 19. Jhs.
  • 2.3 Zum Wirken der Rabbiner in Österreichisch Schlesien vor 1848
  • 3. Die Stabilisierung des modernen Rabbinats in der zweiten Hälfte des 19. und Anfang des 20. Jhs.
  • 3.1 Modernes Rabbinat in Westeuropa
  • 3.2 Rabbinat im Habsburgerreich
  • 3.3 Das Gesetz zur Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgemeinschaft vom 21. März 1890
  • 4. Rabbinate in Österreichisch Schlesien nach 1848
  • 4.1 Neue Judenvereinigungen und ihre geistigen Anführer in den Jahren 1848–1865
  • 4.2 Die Lage in den Kultusgemeinden und Rabbinaten zwischen 1865–1876. Änderungen in der Liturgie
  • 4.3 Die Regelung der Matrikelfrage im Jahre 1876 und ihr Einfluss auf die Lage der Rabbiner in Österreichisch Schlesien
  • 4.4 Regulierung des Gemeindenetzes in Österreichisch Schlesien nach dem Gesetz von 1890 und die Rolle der Rabbiner unter neuen rechtlichen Bedingungen
  • 4.5 Kultusgemeinden und Rabbiner in Österreichisch Schlesien zwischen 1914 und 1918
  • 5. Jüdische Kultusgemeinden und Rabbinate in der Zwischenkriegszeit
  • 5.1 Änderungen in der Gesetzgebung und in den Gemeindestrukturen nach 1920
  • 5.2 Änderungen im Wirkungsfeld der Rabbiner auf beiden Seiten der Grenze
  • 5.3 Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges
  • 6. Licht- und Schattenseiten des provinziellen Rabbinats
  • 6.1 Der Prozess der Bildung künftiger Rabbiner
  • 6.1.1 Erwerb der religiösen Kompetenzen
  • 6.1.2 Erwerb der Allgemeinbildung
  • 6.2 Auswahl- und Anstellungsverfahren
  • 6.3 Das Verhältnis zwischen den Rabbinern und dem Vorstand der Kultusvereine und -gemeinden
  • 6.4 Kompetenzen und religiöse wie dienstliche Pflichten
  • 6.4.1 Religiöse und kultische Pflichten
  • 6.4.2 Andere Pflichten
  • 6.5 Außerliturgisches Wirken
  • 6.5.1 Repräsentieren
  • 6.5.2 Zusammenarbeit mit Wohltätigkeits- und anderen Vereinen
  • 6.5.3 Wissenschaftliche Tätigkeit
  • 6.5.4 Politisches Engagement
  • 6.6 Opposition: Rabbiner, inoffizielle „Rabbiner“ und orthodoxe Rabbiner
  • 6.7 Die Rolle der Rabbiner im Leben der jüdischen Gemeinschaft
  • Nachwort
  • Bibliographie
  • Reihenübersicht

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Abkürzungsverzeichnis

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Einleitung

Heinrich Flesch, einem bekannten Forscher der Geschichte der mährischen Juden, wurde einmal vorgeworfen, dass für ihn ein Jude mindestens Rabbiner sein muss. Er musste zugeben, dass dieser Vorwurf doch ein wenig wahr ist1. Einen ähnlichen Vorwurf hätten viele andere Historiker hinnehmen müssen, die über die jüdische Geschichte schrieben und in deren Werken tatsächlich kein „gewöhnlicher“ Israelit zu finden war. Heutzutage sehen wir die Geschichte als ein Produkt breiterer Gesellschaftsgruppen. Deswegen ist die Darstellung der Geschichte nur als Ansichten angesehener Rabbiner ohne Zweifel unhistorisch. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass Rabbiner einen besonderen Platz in der Geschichte jeder jüdischen Gemeinschaft und des ganzen Judentums einnahmen. Ohne Bezugnahme auf ihr Wirken kann man die Geschichte der Juden nicht schreiben. Man kann doch bei der Untersuchung jeder sozialen Gruppe nicht von ihren Eliten absehen. Es wundert also nicht, dass sich die meisten Forscher der komplizierten Geschichte der Israeliten vor allem auf die Rabbiner konzentrierten und dass die Biogramme der Rabbiner immer einen beträchtlichen Teil jüdischer Biographien ausmachen2.

Die Untersuchung der Rabbiner als einer sozialen und professionellen Gruppe ist viel jünger, was mit dem Ausmaß dieses Problems und den Unterschieden in der Rolle des Rabbiners und der Kultusgemeinde je nach der Weltregion zusammenhängt. Für das hier untersuchte Mitteleuropa hat das von dem 2001 verstorbenen Julius Carlebach, Rektor der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, initiierte Projekt eines biographischen Wörterbuchs aller seit der Aufklärung im deutschen Kulturraum tätigen oder aus diesem stammenden Rabbiner eine große Bedeutung. Deswegen umfasst das Wörterbuch auch das preußische Teilungsgebiet Polen, Königreich Ungarn, Böhmen und Schlesien, darin Österreichisch Schlesien3. Das Ergebnis sind vier große Bände Biographisches Handbuch der Rabbiner, herausgegeben von Julius Carlebach und Michael ← 11 | 12 → Brocke4. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Prosopographie der Rabbiner entstanden einige wichtige Werke. Die der rabbinischen Ausbildung während des Übergangs von der traditionellen zur modernen Welt gewidmete Synthese von Carsten Wilke besticht durch ihren Umfang und ihre Erudition5. In keinem anderen Land gibt es ein vergleichbares Werk6.

Immer zahlreichere Forschungen zum Rabbinat und zu den Rabbinern betreffen vor allem verständlicherweise wichtigere Zentren der jüdischen Kultur, die in der Neuzeit meistens mit den größten Judengemeinden Westeuropas identisch waren. Im genannten Biographischen Handbuch der Rabbiner sind auch solche Rabbiner verzeichnet, die in kleineren Orten tätig waren, aber es handelt sich meistens um kurze Einträge, obwohl es auch in kleinen Orten einflussreiche Rabbiner gab. Das Leben der meisten Israeliten verlief jedoch vorwiegend in solchen Orten, dort waren auch die meisten geistigen Führer der Juden tätig. Diese Arbeit handelt daher von solchen „Provinzlern“ und ihren Problemen, d. h. von Rabbinern aus kleineren und ganz kleinen Orten.

Einer Begründung bedarf noch die Wahl von Österreichisch Schlesien als Untersuchungsgebiet. Vor dem europäischen Hintergrund ist es weder das größte noch das wichtigste Gebiet, es ist aber auch kein Schlusslicht. Der südliche Teil Schlesiens verblieb Mitte des 18. Jhs. nach verlorenen schlesischen Kriegen in der Habsburgermonarchie. In den Jahren 1742–1918 war es eine Verwaltungseinheit, das sog. Österreichisch Schlesien.7 Diese Region ist in einer gewissen Hinsicht ← 12 | 13 → für die westlichen Länder der österreichischen Monarchie repräsentativ, da die Anzahl der dortigen Juden nicht allzu hoch war (2–4%) und erst im 19. Jh. stieg. Die meisten Juden lebten in Städten. Dies schuf Grundlagen für die Gründung kleiner Kultusgemeinden in der Provinz, die dann wegen der Auswanderung ihrer Mitglieder Probleme bekamen. Deswegen lassen sich hier Erscheinungen beobachten, die in Großstädten mit stabilen Kultusgemeinden nicht vorkamen. In der besprochenen Periode modernisierte sich die Region Österreichisch Schlesien sehr schnell, es wuchsen vor allem Städte und die Einwohner hatten Kontakt zu den größten Städten der Monarchie, vorwiegend zu Wien8. Die geographische Lage bedingte, dass diese Region zwischen den mehrheitlich von Juden mit moderner Gesinnung besiedelten Gebieten und den orthodoxen Gebieten Galizien und Slowakei lag. So zeigten sich hier die wichtigsten ideologischen Konflikte dieser Epoche, was auch das Verhalten und die Anschauungen der Rabbiner beeinflusste. Ähnlich ging es in der Zwischenkriegszeit zu, nachdem Österreichisch Schlesien zwischen Polen und die Tschechoslowakei geteilt wurde9.

In Österreichisch Schlesien selbst kann man der untersuchten Gruppe der Rabbiner lediglich einige Dutzend Personen zuordnen, u. a. wegen der späten Herausbildung regelmäßiger Kultusgemeinden in dieser Region. Wegen des Niederlassungsverbotes für Juden und deren starker Verstreuung war bis zur zweiten Hälfte des 19. Jhs. die alte Judengemeinde Hotzenplotz die einzige, die einen Rabbiner anstellte, die aber formal zu den mährischen Gemeinden zählte10. Erst Ende des 18. Jhs. begann man zunächst informelle, nach dem Völkerfrühling auch staatlich anerkannte Kultusgemeinden zu gründen. Vor dem 1. Weltkrieg funktionierten hier elf Kultusgemeinden.

Die vorliegende Arbeit verfolgt einerseits das Ziel, die Rolle des Rabbinats historisch darzustellen, was allein deshalb ein komplizierter Prozess war, weil die geltende Gesetzgebung lange Zeit die Gründung von Judengemeinden und ← 13 | 14 → Anstellung von Rabbinern verbat. Deswegen ist es notwendig, das Wirken der Rabbiner vor dem Hintergrund des komplizierten Prozesses der Entstehung von Kultusgemeinden zu zeigen, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jhs. alle für die schlesischen Juden wichtigen Aufgaben wahrnahmen. Andererseits ist es wichtig, die Etappen des Wirkens der Rabbiner zu zeigen, von der Ausbildung an bis hin zur Stellung eines Gemeinderabbiners und der außerkonfessionellen Arbeit. Es ist offensichtlich, dass die bekannten Schriftkündigen der größten jüdischen Zentren neue Richtungen der Entwicklung der jüdischen Gesellschaft festlegten. Dazu gibt es umfangreiche Literatur. Aber im Alltag hatte der „normale“ Jude zu seinem provinzionellen Rabbiner Kontakt, und solche Rabbiner bestimmten praktisch über die geistige Verfassung des Judaismus. Daher kann eine auf Österreichisch Schlesien konzentrierte Arbeit als Beispiel der rabbinischen Berufung in allgemeinerem Sinne gelten und so Veränderungen zeigen, die damals bei den „Provinzjuden“ eintraten. In dieser Arbeit wird also gezeigt, wie die den Rabbinern gestellten Aufgaben und Ziele in der Provinz verwirklicht wurden, in der Regel weit weg von größeren europäischen Zentren, mit denen sie allerdings stets in Kontakt standen und wo Ideen entstanden, die sie bei sich vor Ort umsetzen mussten. Dies geschah in einer Zeit der Umwandlung der Gesellschaft in ganz Europa in eine moderne Massengesellschaft, woran die Juden teilnehmen mussten.

Diese Arbeit ist somit keine Sammlung von Biogrammen der hier tätigen Rabbiner. Es ist vielmehr ein Versuch, das festzuhalten, was dem Wirken dieser Rabbiner gemeinsam und gleichzeitig typisch war für das Wirken eines provinzionellen Rabbiners im 19. und 20. Jh. im Vergleich zu seinen Kollegen in Städten wie Breslau, Prag oder Wien. Ungeachtet des Engagements in das Leben der lokalen Gemeinschaft waren die Rabbiner eine der wichtigsten Verbindungen solcher Gemeinschaften sowohl zur Welt der talmudischen Tradition als auch zum universellen europäischen Gedankengut und zu aktuellen Problemen aller europäischen Juden. Deswegen wird in dieser Arbeit das Wirken der Rabbiner in der österreichisch-schlesischen Provinz in Verbindung mit den wichtigsten Problemen der Rabbiner in den benachbarten größeren Verwaltungseinheiten analysiert. Die Rabbiner waren aber eine überregionale Gelehrtengemeinschaft, eine kollektive religiöse Autorität, die gemeinsam über Zweifelsfälle der mosaischen Religion beriet, eine geistliche Autorität, die neben den weltlichen Anführern der Gemeinschaft funktionierte und für deren materielles Wohl sorgte. Die Rabbiner bildeten auch die intellektuelle Elite der Juden und eine Art hermetische Berufsgruppe, die neue Mitglieder erst nach Erfüllung bestimmter Bedingungen und Anerkennung durch andere religiöse Autoritäten, d. h. durch ← 14 | 15 → andere Rabbiner, zuließ. Wie es viele Forscher betonen, kumulierte das Amt des Rabbiners sehr viele Aufgaben11.

Die Festlegung des Forschungsgegenstandes auf eine Gruppe der Rabbiner aus Österreichisch Schlesien erschöpft das Untersuchungsproblem nicht, denn es bleibt noch die Frage, wen man dieser Gruppe zuordnen kann und sollte12. Auf dieses Problem machte in der letzten Zeit Carsten Wilke aufmerksam. Die spezifische Entwicklung des Judaismus, die u. a. aus dem Postulat der allgemeinen Lehre unter den Juden resultiert, verursachte, dass viele Rabbiner das jahrhundertelang aufgebaute System der jüdischen Religionsausbildung durchliefen und die Morenu-Diplome oder sogar Rabbinerberechtigungen erhielten. Vor allem mussten sie aber die Jeschiwa, d. i. eine höhere Talmud-Schule, abschließen. Lange Zeit funktionierten die bekanntesten Jeschiwot in Deutschland, später auch in Polen. Viele mehr oder weniger bekannte funktionierten auch in Böhmen und Mähren13. Ein weiteres Studium erfolgte unter der Aufsicht einer rabbinischen Autorität, d. h. eines bekannten Rabbiners, der nach einigen Jahren der Lehre feststellen konnte, ob der Kandidat das ganze erforderliche Wissen erworben hat, vor allem aber die Bestimmungen des Talmuds über koschere Lebensmittel und Eheangelegenheiten beherrschte. Es war eine Art Ordination (Hatara), verbunden mit der Ausstellung eines Rabbinerdiploms (Semicha)14. In dem Diplom wurde vermerkt, dass sein Besitzer berechtigt ist, über unerlaubte und zulässige Sachen (koscher oder unkoscher) sowie Ehe- und Erbsachen zu entscheiden.

Dies bedeutete aber nicht, dass der Besitzer eines solchen Diploms automatisch Rabbiner wurde. Carsten Wilke erfasst in seinem Werk nur diejenigen Rabbiner, die ein Rabbinerdiplom besaßen, einen Rabbinervertrag mit einer Kultusgemeinde hatten und vom Staat anerkannt wurden15. Wilke betont, es ← 15 | 16 → seien keine objektiven Kennzeichen für den Status eines Rabbiners gegeben, was diese Arbeit bestätigt, denn ein Teil der in Österreichisch Schlesien tätigen Rabbiner hätte all diese Bedingungen nicht erfüllt, manche von ihnen nicht mal eine einzige16. In der Provinz fehlte oft die Grundvoraussetzung, d. i. die klar definierten und anerkannten Judengemeinden, sodass die als Rabbiner tätigen Personen keine staatliche Anerkennung erlangen konnten. Daher wirkten sie offiziell z. B. als Lehrer oder andere Funktionsträger ihrer Kultusverbände. Darüber hinaus waren hier seit dem späten 19. Jh. orthodoxe Rabbiner tätig, die nie eine amtliche Anerkennung anstrebten, da sie sowieso die Grundbedingung der allgemeinen (weltlichen) Bildung nicht erfüllten. Österreich-Ungarn beanspruchte unter dem Vorwand der religiösen Toleranz das Recht, alle Angelegenheiten der Untertanen (später Bürger), darin auch die Religionsangelegenheiten, zu regeln. Eine Folge davon war u. a. die Umwandlung der christlichen Geistlichen in eine Art für Geistesangelegenheiten zuständige Beamten. Im 19. Jh. war daher die Tendenz sichtbar, die Rabbiner als jüdische „Priester“ zu betrachten. In manchen Ländern wurden per Gesetz solche der jüdischen Tradition fremden Regelungen eingeführt, die dem Rabbiner pfarrerähnliche Pflichten aufzwängten, darunter die des festen Amtssitzes17.

Schließlich wurde der Rabbiner nicht von der Gemeinde als einer staatlich anerkannten Körperschaft (so seit dem 19. Jh.) angestellt, sondern von einer kleineren oder größeren Israelitengemeinschaft18. Deshalb wird in dieser Arbeit als Rabbiner eine solche Person betrachtet, die ein entsprechendes talmudisches Wissen besaß und deren Kenntnisse eine bekannte rabbinische Autorität bestätigte und die in einem jüdischen Kultusverband auf Grund eines formellen oder informellen Vertrages für einen Rabbiner typische Pflichten erfüllte. In der besprochenen Region begann sich die Lage der jüdischen Kultusgemeinden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. zu stabilisieren. Bis dahin gibt es nur einen ← 16 | 17 → mittelbaren Zugang zu Daten, die auf das Wirken einzelner Personen als Rabbiner schließen lassen. Gemäß Halacha betraf es meistens die Regeln des koscheren Essens und das Eherecht, denn nur die Rabbiner waren berechtigt, über zivilrechtliche Sachen zu entscheiden.

Neben dieser Monographie bin ich Autor zahlreicher Arbeiten zur Geschichte der Juden in Österreichisch Schlesien, darunter von zwei Monographien zur Entstehung und zum Funktionieren der jüdischen Kultusgemeinden vor 191819. Die vorliegende Arbeit bildet die Fortsetzung meiner bisherigen Veröffentlichungen, auf die im Text wie in den Fußnoten verwiesen wird; daher wird hier auch auf die Angaben zu den meisten Archivquellen verzichtet. Darüber hinaus bin ich Autor eines biographischen Wörterbuchs der in Österreichisch Schlesien tätigen Rabbiner20. Die Biogramme mancher später woanders tätiger Rabbiner kann man in vielen seit dem 19. Jh. entstandenen Lexika oder biographischen Wörterbüchern der Rabbiner finden, andere wurden dagegen übergangen21. Die Grundlage dieser Arbeit bilden verschiedene amtliche Quellen22, ergänzt um leider nur teilweise erhaltene Dokumentation der in Österreichisch Schlesien funktionierenden jüdischen Kultusgemeinden, denn die meisten Dokumente wurden während des Zweiten Weltkrieges vernichtet23. Eine wichtige Quelle ← 17 | 18 → war auch die Presse24 und die bestehenden biographischen Lexika. Nur einer der Rabbiner hat eine Art Memoiren hinterlassen – Markus Hirsch (Max Hermann) Friedländer, der einige Zeit ein inoffizieller Rabbiner in Jägerndorf war. Über sein dortiges Wirken schrieb er aber nicht viel. In einigen Fällen sind Erinnerungen der Nachkommen erhalten, die ihre Väter sehr persönlich darstellen. Mehr Informationen enthalten nur die 1929 von Viktor Kurrein, dem Sohn des Rabbiners Adolf Kurrein aus Bielitz25, verfassten Erinnerungen und die von Samuel Hirschfeld aus Biala und Dziedzitz. Andere vergaßen ihr kurzes Wirken in der Provinz26. Ganz andere Probleme bereiteten die Untersuchungen zu orthodoxen und chassidischen Geistlichen. Als sehr wertvoll erwiesen sich die Erinnerungen älterer Personen aus Teschen und Bielitz sowie die Enzyklopädie galizischer Rabbiner von Meir Wunder27.


1 Flesch, Heinrich: Rabbinatsdiplome. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakei (weiter: ZGJT), Prag-Brünn 1, 1930–31, Nr. 2, S. 109.

2 Sehr allgemein behandelt dieses Thema u. a. Schwarzfuchs, Simon: A Concise History of the Rabbinate. Oxford: Blackwell, 1993.

3 Seit 1997 wird dieses Projekt unter der Leitung von Michael Brocke am S. L. Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen fortgesetzt. Vgl. Carlebach, Julius (Hg.): Das aschkenasische Rabbinat. Studien über Glaube und Schicksal. Berlin: Metropol-Verlag, 1995.

Zusammenfassung

Als geistige Anführer und Vertreter göttlicher Ordnung spielten und spielen Rabbiner im Leben jüdischer Gemeinschaft seit Jahrhunderten eine wichtige Rolle. Das Buch analysiert die Position und Funktionen der Rabbiner in provinziellen jüdischen Gemeinden Südschlesiens in den Jahren 1742-1918. Es lebten hier relativ wenige Juden, und jüdische Verbände entstanden erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu vielen bisherigen Studien legt der Autor für diese Untersuchung seinen Fokus auf die bislang nicht so oft beachteten kleinen Ortschaften, in denen Rabbiner unter anderen, meist schwierigeren Umständen arbeiten mussten.

Details

Seiten
264
ISBN (PDF)
9783653046878
ISBN (ePUB)
9783631711743
ISBN (MOBI)
9783631711750
ISBN (Buch)
9783631652183
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (September)
Schlagworte
Juden Rabbiner Jüdische Gemeinden Österreichisch-Schlesien Traditionelles Rabbinat Modernes Rabbinat
Erschienen
Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien, 2018. 264 S.

Biographische Angaben

Janusz Spyra (Autor:in)

Janusz Spyra ist Professor für Geschichte am Institut für Geschichte an der Jan-Długosz-Universität in Częstochowa. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Geschichte der Judenschaft in Schlesien. Zu diesem Thema hat er mehrere Publikationen veröffentlicht, darunter ein Lexikon der in Österreichisch Schlesien tätigen Rabbiner.

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