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Berlin-Brandenburger Beiträge zur Bildungsforschung 2015

Herausforderungen, Befunde und Perspektiven interdisziplinärer Bildungsforschung

von Jurik Stiller (Band-Herausgeber:in) Christin Laschke (Band-Herausgeber:in)
©2015 Sammelband 287 Seiten

Zusammenfassung

Jurik Stiller und Christin Laschke präsentieren aktuelle Themen, Herausforderungen und Perspektiven der empirischen Bildungsforschung. Das Buch enthält Beiträge zu laufenden und künftigen Untersuchungen der Berliner und Brandenburger Universitäten und Forschungseinrichtungen. Dabei werden aktuelle Befunde der qualitativen und quantitativen empirischen Bildungsforschung vorgestellt und methodische Herausforderungen diskutiert. Mit einem Ausblick auf zukünftige Projekte werden Perspektiven der empirischen Bildungsforschung erörtert.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhalt
  • Vorwort
  • „Ohne die Schule wäre ich eine komplett andere Person“ – Die Jüdische Oberschule in der Wahrnehmung ihrer Absolventen
  • Scheitern, Stolpern, Staunen – Zur Produktivität negativer Erfahrung im schulischen Lernen
  • Wer wird Lehrerin/Lehrer und wer nicht? Bedingungsfaktoren für die Wahl eines Lehramtsstudiums
  • Zur Anwendung von Messinstrumenten der vergleichenden Bildungsforschung in unterschiedlichen kulturellen Kontexten
  • Die Automatisierung prozeduralen Wissens: Eine Analyse basierend auf Prozessdaten
  • Explizierungsprozesse im Mathematikunterricht: Legitimierung – Konkretisierung – Exemplifizierung
  • Erfassung mathematikdidaktischer Kompetenz von angehenden Erzieherinnen und Erziehern – Theoretische Überlegungen und methodisches Vorgehen
  • Erkenntnisgewinnungskompetenz Chemie- und Physik-Lehramtsstudierender: Untersuchungen zu Domänenspezifität
  • TSL: Ergebnisse einer quantitativen Studie zur Problemanalyse im Physikalischen Praktikum für Naturwissenschaftler
  • TSL: Bedarfsanalyse im physikalischen Praktikum für Naturwissenschaftler – GRAFCET: Ein „neues“ Werkzeug zur Strukturerfassung von Lehrveranstaltungen
  • Pons Latinus – Modellierung eines sprachsensiblen Lateinunterrichts
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
  • Informationen zum Herausgeber und zur Herausgeberin

← 6 | 7 → Vorwort

Interdisziplinarität ist eine der aussichtsreichsten Zukunftsstrategien der Bildungsforschung. Anhand einer verschiedene Fachperspektiven, methodische Zugänge und Vorarbeiten berücksichtigenden Bearbeitung aktueller Herausforderungen lassen sich bestehende Fragen umfassender beantworten. Gleichzeitig lassen sich mit interdisziplinärer Zusammenarbeit neue Forschungsgebiete erschließen, die bisher auch aufgrund der mitunter beschränkten Möglichkeiten kleinerer Disziplinen nicht fokussiert werden konnten. Auch der in der Wissenschaft anzustrebende Austausch von Forschungsergebnissen gewinnt an Qualität, wenn bereits im Projekt selbst verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden. Nicht zuletzt sind Projekte mit interdisziplinärem Zugang zu Forschungsfeldern auch aussichtsreich bei der Einwerbung von Drittmitteln positioniert.

Die Humboldt-Universität zu Berlin verkörpert seit der Gründung im Jahre 1810 wie keine andere Universität neben der Einheit von Lehre und Forschung und der Freiheit der Wissenschaft auch das Leitbild der allseitigen Bildung der Studierenden. Damit waren Wilhelm von Humboldts Ideen nicht nur Leitbild für Preußens neue Alma Mater, sondern weltweit. Eine neue Ära von Universität und Wissenschaft begann.

Folgerichtig haben auch die Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung eine große Tradition an der Humboldt-Universität zu Berlin. So lehrten in der Anfangszeit der Universität Friedrich Schleiermacher und Wilhelm Dilthey, später hat Eduard Spranger von der Humboldt-Universität aus die theoretische Gestalt und öffentliche Wahrnehmung der Pädagogik geprägt. Viele verschiedene weitere Fachdisziplinen ergänzen seit geraumer Zeit die Erziehungswissenschaft, so die Fachdidaktiken, die Pädagogische Psychologie und auch die Soziologie.

Seit 2007 trägt die Humboldt-Universität der Bedeutung der Bildungsforschung institutionell Rechnung. 26 Professorinnen und Professoren zeichneten als Gründungsmitglieder des Interdisziplinären Zentrums für Bildungsforschung (IZBF) der Humboldt-Universität zu Berlin verantwortlich – allesamt ausgewiesene Expertinnen und Experten für Bildungsforschung. Neben Dietrich Benner, Sigrid Blömeke, Hans-Peter Füssel, Olaf Köller, Rainer Lehmann, Jürgen Schriewer, Heinz-Elmar Tenorth und Oliver Wilhelm aus den Erziehungswissenschaften waren Rehabilitationswissenschaftler, Sportwissenschaftlicher, Sozialwissenschaftlicher (z.B. Hans Bertram), Theologen und Fachdidaktiker verschiedener Institute beteiligt.

← 7 | 8 → Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit des IZBF bestand, neben der Förderung interdisziplinärer Projekte innerhalb der Humboldt-Universität, seit jeher in der intensiven Vernetzung und Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Die Tagung Berlin-Brandenburger Beiträge zur Bildungsforschung (BBB) des IZBF, die im Herbst 2013 an der Humboldt-Universität durchgeführt worden ist, bildete den Auftakt für eine Veranstaltungsreihe. Mit der neu aufgesetzten Tagung sollen Austausch – und mittelfristig die Zusammenarbeit – in der Berlin-Brandenburger Wissenschaftslandschaft angestoßen und verstetigt werden. In 20 Plenarvorträgen und in einer Postersession stellten Bildungsforschende aus vielen verschiedenen an der Humboldt-Universität zu Berlin vertretenen Disziplinen ihre Forschung vor. Neben etablierten Themenfeldern wie der Fokussierung naturwissenschaftlicher Praktika wurden dabei auch neue und aktuelle Herausforderungen aufgegriffen. Beispielhaft seien hier mehrere Beiträge zur Modellierung und Erfassung von Kompetenzen im Bereich der Hochschule genannt. In zwei Impulsvorträgen haben zudem mit Ursula Kessels (Freie Universität Berlin) und Ewald Terhart (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) zwei etablierte Bildungsforschende einen breiten Blick auf und viele konkrete Einblicke in die Bildungsforschung ermöglicht. Dies lieferte einerseits einen konkreten Mehrwert für die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer selbst und ebnet gleichzeitig den Weg für künftige interdisziplinäre und internationale Projekte, Publikationen und Tagungsbeiträge im Bereich der Bildungsforschung mit Beteiligung der Berliner und Brandenburger Universitäten.

Mit dem vorliegenden Tagungsband „Berlin-Brandenburger Beiträge zur Bildungsforschung 2015“ erhalten Forscherinnen und Forscher Gelegenheit, sich und ihr Thema über den Rahmen der Tagung hinaus einem breiten Publikum zu präsentieren.

Der Tagungsband liefert Einblicke in aktuelle Projekte der unterschiedlichen, mit der Bildungsforschung assoziierten Disziplinen. Entsprechend zeichnet sich der Band durch eine thematische Vielfalt aus und verschafft einen Eindruck über die unterschiedlichsten methodischen Vorgehensweisen.

Wir danken allen Autorinnen und Autoren für die Mitwirkung am vorliegenden Tagungsband und die sehr produktive Zusammenarbeit.

Die 11 Beiträge in diesem Band sind alle von drei Gutachterinnen bzw. Gutachtern unabhängig (doppelt-blind) begutachtet worden. Ein besonderer Dank gilt daher den Gutachterinnen und Gutachtern. Mit ihrer Mühe haben sie einen wichtigen Beitrag zur Qualität des Tagungsbandes geleistet.

← 8 | 9 → Zudem danken wir allen Vortragenden und Teilnehmenden der Tagung für die interessanten Präsentationen und die Diskussionsbeiträge, mit denen sie wesentlich zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen haben.

Bei Frau Prof. Dr. Ursula Kessels (Freie Universität Berlin) und Herrn Prof. Dr. Ewald Terhart (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) bedanken wir uns für die interessanten und anregenden Impulsvorträge.

Ein großer Dank geht an alle, die in die Vorbereitung und Durchführung der Tagung, sowie alle, die in die Vorbereitung des vorliegenden Tagungsbandes involviert waren, für ihr Engagement und die tatkräftigte Unterstützung. Besonders hervorheben wollen wir dabei Bärbel Schuchardt, die als Lektorin mitwirkte und Katharina Schulze, welche die Formatierung unterstützt hat.

Schließlich danken wir dem im Herbst 2013 amtierenden Direktorium des Interdisziplinären Zentrums für Bildungsforschung der Humboldt-Universität (Prof. Dr. Sigrid Blömeke, Prof. Dr. Annette Upmeier zu Belzen und Prof. Dr. Ernst von Kardorff) für die Unterstützung bei der Vor- und unmittelbaren Nachbereitung sowie dem neu gewählten Direktorium (Prof. Dr. Annette Upmeier zu Belzen, Prof. Dr. Matthias Ziegler und Prof. Dr. Florian Waldow) für die Unterstützung bei der Herausgabe dieses Sammelbandes und dem uns entgegengebrachten Vertrauen.

Berlin, im Frühjahr 2015← 9 | 10 →

← 10 | 11 → „Ohne die Schule wäre ich eine komplett andere Person“ – Die Jüdische Oberschule in der Wahrnehmung ihrer Absolventen

Sandra Anusiewicz-Baer

Humboldt-Universität zu Berlin

Zusammenfassung

Im Jahre 1993 konnte die Jüdische Gemeinde zu Berlin erstmals seit dem Ende des Nationalsozialismus wieder eine Jüdische Oberschule (JOS) einweihen. Die JOS dient als Bildungsinstitution der Gemeinde neben der Vermittlung säkularen Wissensstoffes vor allem auch dazu, junge Jüdinnen und Juden wieder an die jüdischen Traditionen heranzuführen. 20 Jahre nach ihrer Gründung soll Bilanz gezogen und untersucht werden, wie die Schule die Identität ihrer Schülerschaft geprägt hat. Diese Frage soll mit Hilfe qualitativer Interviews mit Absolventinnen und Absolventen der Schule beantwortet werden. Die Arbeit stützt sich dabei auf drei theoretische Annahmen: Erstens, dass eine jüdische Erziehung unerlässlich für die Herausbildung einer jüdischen Identität ist. Zweitens die unbestrittene Tatsache, dass Schule eine zentrale Sozialisationsinstanz darstellt. Und drittens die Vorstellung von Identität als ein Konstruktionsprozess, in dem das Individuum eine Einheit zwischen innerer und äußerer Welt sucht. Der Artikel präsentiert die ersten Analyseergebnisse der Interviews mit den ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Einrichtung.

Abstract

In 1993 the Berlin Jewish Community was given its first opportunity since the end of the Nazi era to establish a Jewish High School, the Juedische Oberschule Berlin (JOS). In addition to providing instruction in secular subjects, the JOS focuses specifically on bringing up young Jews closer to their faith and traditions. The school celebrated its 20th anniversary last year: a good moment to take stock of how a school with a Jewish curriculum has impacted its students’ Jewish identity after graduation. This question will be answered through biographical interviews. The personal views of JOS alumni will be found using a „qualitative analysis“ method. My thesis is based on three theoretical ideas. First, that Jewish education is indispensable to forming a Jewish identity. Second the indisputable fact that school is a ← 11 | 12 → central agent of their socialization. Third the idea of identity as a formative process for the individual to seek unity between his inner and outer self. The article presents first findings based on the analysis of interviews with JOS alumni.

Einleitung

Nach fast einem halben Jahrhundert unterbrochener jüdischer Schulgeschichte konnte im Sommer 1993 erstmals wieder eine weiterführende jüdische Schule in Berlin ihre Tore öffnen. Euphorische Zeitungsartikel1 und zahlreiche Besucher aus dem In- und Ausland begleiteten die Eröffnung und die ersten Wochen des Schulbetriebs. Die Presse betonte die Bedeutung des Ereignisses und sagte der Zukunft jüdischen Lebens in der Hauptstadt ein Wiedererstarken und eine neue Blüte voraus. Auch der Gründungsdirektor der Schule, Dr. Uwe Mull, äußerte sich ähnlich in seinem Artikel für eine pädagogische Zeitschrift: „Die Gründung der Oberschule in der alten Mitte Berlins, in unmittelbarer Nähe zur Neuen Synagoge, trägt zur Reaktivierung jüdischen Lebens in der Stadt und in Deutschland bei. Die jüdische Oberschule versucht somit, in die Tradition der ehemaligen Jüdischen Knabenmittelschule zu treten.“ (Mull, 1994, S. 32)

Grundtenor aller öffentlichen Bekundungen war die Überzeugung, dass die Existenz einer solchen Schule Symbolcharakter besitze und ihr Besuch zur Stärkung der jüdischen Identität ihrer Schülerinnen und Schüler einen großen, wenn nicht gar den entscheidenden Teil beitragen wird.

Damit übernahmen die Autoren der verschiedenen Artikel automatisch und sicherlich unbewusst die von dem Rabbiner und Erziehungswissenschaftler Zwi Erich Kurzweil formulierte Auffassung, dass „…jüdische Schulen in der Diaspora für die Erhaltung des Judentums und des jüdischen Volkes absolut notwendig [sind], nicht etwa, und nicht in erster Linie, um die jüdischen Kinder vor Antisemitismus zu schützen, sondern weil nur die jüdische Schule die Chance bietet, eine jüdische Identität weiter zu entwickeln und das Kulturerbe des Judentums sinnvoll zu übermitteln.“ (Kurzweil, 1987, S. 121)

Bis heute ist die Jüdische Oberschule (kurz JOS), die seit Sommer 2012 den Namen Jüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn trägt, die einzige jüdische Schule in Deutschland, die bis zum Abitur führt. Die Schule dient als Bildungsinstitution der Jüdischen Gemeinde zu Berlin neben der Vermittlung säkularen ← 12 | 13 → Wissensstoffes vor allem auch dazu, junge Juden wieder an die jüdischen Traditionen heranzuführen, die sie außerhalb der Schule nur noch selten und häufig unvollständig vermittelt bekommen.

Biographische Angaben

Jurik Stiller (Band-Herausgeber:in) Christin Laschke (Band-Herausgeber:in)

Jurik Stiller studierte Chemie und Geographie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Momentan forscht er dort u.a. zu Kompetenzmodellierung und -erfassung. Christin Laschke ist Soziologin und forscht an der Humboldt-Universität zu Berlin zur Mathematiklehrerausbildung in Deutschland und Taiwan.

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Titel: Berlin-Brandenburger Beiträge zur Bildungsforschung 2015