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Die Getrennt- und Zusammenschreibung im Deutschen von 1700–1900

Untersuchungen von orthographischen Regelwerken und zeitgenössischem Schreibgebrauch

von Susan Herpel (Autor:in)
Dissertation 398 Seiten

Zusammenfassung

Das Buch präsentiert einen Gesamtblick auf die Getrennt- und Zusammenschreibung im Deutschen von 1700–1900. Dazu hat Susan Herpel ein Analyseraster erarbeitet, das alle Wortartenbereiche einschließt. Dieses dient der Untersuchung der Getrennt-, Bindestrich- und Zusammenschreibung in orthographischen Regelwerken sowie Grammatiken und in Gebrauchstexten des Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert. Die Ergebnisse setzt die Autorin zueinander und zur heute gültigen Orthographie in Relation. Entwicklungslinien der GZS werden so für alle Wortartenbereiche für die Zeit von 1700–1900 präzise beschrieben. Tabellarische Übersichten, die den zeitgenössischen Schreibgebrauch durch die Aufnahme aller für die GZS relevanten Textbelege dokumentieren, können außerdem online abgerufen werden.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 1.1 Thema der Untersuchung
  • 1.1.1 Gegenstand und Zielsetzung
  • 1.1.2 Problembereiche
  • 1.2 Forschungslage
  • 1.3 Methodische Vorgehensweise
  • 1.4 Untersuchungszeitraum
  • 2. Theoretische Grundlagen
  • 2.1 Vorbemerkungen
  • 2.2 Wort und Wortgruppe
  • 2.2.1 Das Wort
  • 2.2.1.1 Bezug auf unilaterale Ebenen
  • 2.1.1.2 Bezug auf bilaterale Ebenen
  • 2.2.1.3 Zusammenfassung
  • 2.2.2 Die Wortgruppe
  • 2.2.2.1 Verbhaltige Wortgruppen vs. Morphemkonstruktionen mit verbaler Konstituente
  • 2.2.2.2 Verblose Wortgruppen vs. Morphemkonstruktionen ohne verbale Konstituente
  • 2.2.3 Bestimmung des Gegenstandsbereiches für Untersuchungen zur GZS
  • 2.3 Relevanz orthographischer Prinzipien für die Regelung der GZS
  • 3. Erarbeitung einer Klassifizierung für den Bereich der GZS
  • 3.1 Zum Forschungsstand
  • 3.1.1 Klassifizierung nach HERBERG
  • 3.1.2 Klassifizierung nach KÜTTEL
  • 3.1.3 Klassifizierung nach SCHAEDER
  • 3.1.4 Klassifizierung nach FUHRHOP
  • 3.1.5 Klassifizierung entsprechend der traditionellen Duden-Regelung von 1991
  • 3.1.6 Klassifizierung entsprechend der amtlichen Regelung von 1996
  • 3.1.7 Klassifizierung entsprechend der amtlichen Regelung von 2006
  • 3.1.8 Zusammenfassung
  • 3.2 Herausarbeitung der Rasterkategorien
  • 3.2.1 Wortarten
  • 3.2.2 Wortbildungsprozesse
  • 3.3 Entwicklung des Analyserasters
  • 3.3.1 Der substantivische Bereich
  • 3.3.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 3.3.3 Der verbale Bereich
  • 3.3.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 3.3.5 Zusammenfassung
  • 3.4 Analyseraster für die Untersuchung der GZS in Regelwerken und Gebrauchstexten
  • 4. Die GZS in Regelwerken und Gebrauchstexten des 18. Jahrhunderts
  • 4.1 Auswahl der Regelwerke
  • 4.2 Wirken der Orthographen im 18. Jahrhundert
  • 4.3 Stellung der GZS in den Regelwerken
  • 4.4 Bezug des Analyserasters auf das Regelwerk
  • 4.4.1 Der substantivische Bereich
  • 4.4.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 4.4.3 Der verbale Bereich
  • 4.4.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 4.4.5 Zusammenfassung und Wertung
  • 4.4.5.1 Zusammenfassung mit Bezug auf das Analyseraster
  • 4.4.5.2 Zusammenfassung mit Bezug auf die einzelnen Regelwerke
  • 4.5 Beschreibung des Textkorpus für das 18. Jahrhundert
  • 4.5.1 Textauswahl
  • 4.5.2 Quellen- und Inhaltsangaben zu den Texten des 18. Jahrhunderts
  • 4.6 Bezug des Analyserasters auf das Textkorpus
  • 4.6.1 Der substantivische Bereich
  • 4.6.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 4.6.3 Der verbale Bereich
  • 4.6.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 4.7 Vergleich der Regelungen zur GZS mit dem tatsächlichen Schreibgebrauch im 18. Jahrhundert
  • 4.7.1 Der substantivische Bereich
  • 4.7.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 4.7.3 Der verbale Bereich
  • 4.7.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 5. Die GZS in Regelwerken und Gebrauchstexten des 19. Jahrhunderts
  • 5.1 Auswahl der Regelwerke
  • 5.2 Wirken der Orthographen im 19. Jahrhundert
  • 5.3 Stellung der GZS in den Regelwerken
  • 5.4 Bezug des Analyserasters auf die Regelwerke
  • 5.4.1 Der substantivische Bereich
  • 5.4.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 5.4.3 Der verbale Bereich
  • 5.4.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 5.4.5 Zusammenfassung und Wertung
  • 5.4.5.1 Zusammenfassung mit Bezug auf das Analyseraster
  • 5.4.5.2 Zusammenfassung mit Bezug auf die einzelnen Regelwerke
  • 5.5 Beschreibung des Textkorpus für das 19. Jahrhundert
  • 5.5.1 Textauswahl
  • 5.5.2 Quellen- und Inhaltsangaben zu den Texten des 19. Jahrhunderts
  • 5.6 Bezug des Analyserasters auf das Textkorpus
  • 5.6.1 Der substantivische Bereich
  • 5.6.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 5.6.3 Der verbale Bereich
  • 5.6.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 5.7 Vergleich der Regelungen zur GZS mit dem tatsächlichen Schreibgebrauch im 19. Jahrhundert
  • 5.7.1 Der substantivische Bereich
  • 5.7.2 Der adjektivische und partizipiale Bereich
  • 5.7.3 Der verbale Bereich
  • 5.7.4 Der adverbiale, präpositionale, konjunktionale, pronominale Bereich
  • 6. Resümee und Ausblick auf weitere Untersuchungen zur GZS
  • 7. Literaturverzeichnis
  • 7.1 Primärliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts
  • A) Gebrauchstexte des 18. und 19. Jahrhunderts
  • B) Regelwerke des 18. und 19. Jahrhunderts
  • 7.2 Sekundärliteratur
  • 8. Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen
  • 9. Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen und Zeichen
  • 10. Anhang: Belege aus Gebrauchstexten des 18. und 19. Jahrhunderts
  • Reihenübersicht

1Einleitung

1.1Thema der Untersuchung

1.1.1Gegenstand und Zielsetzung

Im Fokus dieser Arbeit stehen Schreibungen von Konstruktionen, die dem Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung (GZS) aller Wortarten zugehörig sind. Es wird der Versuch unternommen, Tendenzen der Getrennt- und Zusammenschreibung in Regelwerken und Gebrauchstexten des 18. und 19. Jahrhunderts herauszufiltern. Dabei werden die Schreibungen sowohl hinsichtlich der ihnen eigenen Gesetzmäßigkeiten analysiert als auch hinsichtlich ihrer Relation zu zeitgenössischen Schreibanweisungen und zur heutigen Regelung der GZS.

In der Entwicklung der deutschen Orthographie im 18. und 19. Jahrhundert ist die Getrennt- und Zusammenschreibung immer nur am Rande betrachtet worden. Untersuchungen zu Schreibweisen besaßen vor allem deskriptiven Charakter, Schreibvorschläge blieben auf das einzelne Regelwerk beschränkt. Offizielle Normierungsvorschläge gab es weder in den Bekanntmachungen der I. Orthographischen Konferenz von 1876 noch in den Festlegungen der II. Orthographischen Konferenz aus dem Jahre 1901. Aus diesem Grund besaß Dudens „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ aus dem Jahre 1880 auch in den Auflagen nach 1901 keine Regelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung. Schreibungsregulative wurden einzig durch die Lemmata angegeben. Da der Wunsch der Sprachgemeinschaft nach möglichst geringer Anzahl an Varianten in der Schreibung und Klarheit in den Regelvorgaben gerade durch den formulierten Anspruch einer Einheitsorthographie ausgeprägt war, wurden durch die Verlagsredaktion des Dudens dem Rechtschreibwörterbuch Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung hinzugefügt. Diese Schreibungsregulative waren am Usus orientierte Regelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung, die im Verlauf der Zeit jedoch normativen Charakter gewannen. Zum Gegenstand einer amtlichen Regelung wurde die Getrennt- und Zusammenschreibung aber erst im Jahre 1996. Gerade die Regelung dieses Bereiches war einer scharfen Kritik ausgesetzt, sodass die Neuerungen der 2006 ausgearbeiteten amtlichen Regelung vor allem diesen Bereich betrafen. Auffällig an der Neuregelung aus dem Jahre 2006 ist die große Menge an Variantenschreibungen, die dem oben formulierten Wunsch der Sprachgemeinschaft nach möglichst wenigen Varianten entgegensteht und nach JACOBS die Uneinheitlichkeit der GZS befördert: ← 11 | 12 →

„Im übrigen wäre es natürlich erfreulich, wenn zukünftige Verbesserungen der Variantenbehandlung nicht erst durch institutionell nachgeordnete Wörterbuch-Redaktionen initiiert werden müßten, sondern schon in der Kodifikation selbst angelegt wären. Eine Voraussetzung dafür wäre eine klare und genaue Kennzeichnung von Varianten im Regeltext, insbesondere im Hinblick darauf, ob sie frei oder an bestimmte Lesarten oder Konstruktionen gebunden sind.“ (JACOBS, 2007, 79)

Dieser Umstand verdeutlicht bereits die Problematik einer Normierung dieses orthographischen Bereiches. Die Erarbeitung von Regelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung gestaltet sich als ein schwieriger Prozess, da neben graphischen Aspekten auch die Bereiche der Phonologie, Semantik, Wortbildung und Syntax nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Aus diesem Grund sind Normierungsvorschläge der Getrennt- und Zusammenschreibung auch in besonderem Maße von der sprachwissenschaftlichen Schule bestimmt, vor derem Hintergrund sie ausgearbeitet werden. Eine Vergleichbarkeit der Regelungsempfehlungen und vor allem eine Konsensentscheidung im Rahmen einer offiziellen Entscheidung werden dadurch erschwert. Denn die Hervorhebung entweder des einen oder des anderen sprachwissenschaftlichen Aspektes führt als Konsequenz zu einer vollkommen unterschiedlichen Betrachtung der Getrennt- und Zusammenschreibung. Untersuchungen zu diesem Gegenstand in Regelwerken aus dem 18. und 19. Jahrhundert müssen deshalb auch immer das dahinter stehende Konzept beleuchten, um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse zu ermöglichen. Um Regelungsempfehlungen zu dem tatsächlichen Schreibgebrauch in Relation setzen zu können, muss eine von den Ausführungen in den einzelnen Regelwerken abstrahierende Untersuchungsmethode gefunden und ein eigenes Analyseraster konzipiert werden. Hierin besteht eine große Schwierigkeit dieser Arbeit, die in den Besonderheiten des Bereiches der GZS, der häufig nicht als orthographischer, sondern im Kern als grammatischer Bereich angesehen wird, begründet liegt. Das bedeutet, dass orthographische Prinzipien, die für andere Bereiche der Orthographie, z. B. den Bereich der Groß- und Kleinschreibung, als praktikabel erscheinen, hier nicht bzw. nicht ausreichend Anwendung finden. Das wird zudem durch den Fakt erschwert, dass in Arbeiten zur GZS keine einheitlichen Systematisierungen vorliegen, sowohl in Bezug auf die zugrunde gelegten Prinzipien als auch auf die Klassifizierungsgruppen. Sehr oft werden einzelne Typen der GZS und zum Teil Einzelfallschreibungen thematisiert. Im Wesentlichen wird hier der Blick auf die sogenannten Grenzfälle der GZS gelenkt. Bei der Erarbeitung eines Analyserasters im Rahmen dieser Arbeit ist jedoch zu beachten, dass die GZS in Regelwerken und Gebrauchstexten des 18. und 19. Jahrhunderts untersucht wird und alle Schreibungen dieses Bereiches erfasst werden sollen. Das heißt auch, ← 12 | 13 → dass bestimmte, für die heutige Zeit geltende Wortbildungsmuster zu dieser Zeit möglicherweise noch nicht existiert haben.

Erste Überlegungen für diese Arbeit wurden bereits 2002 in Angriff genommen. Der anfängliche Ansatz, der GZS inhärente Grundsätze zu erkennen und zu formulieren und darauf aufbauend ein Analyseraster für die Untersuchungen zur GZS zu erstellen, konnte durch die Arbeiten von JACOBS (2005) und insbesondere von FUHRHOP (2006, 2007) weiterentwickelt werden. Diese Arbeiten haben motiviert, den einmal eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten.

1.1.2Problembereiche

Zur Skizzierung der Schwierigkeiten der GZS sei HERBERG in NERIUS et al. zitiert:

„Insgesamt erweist es sich, dass die Getrennt- und Zusammenschreibung auch nach der Neuregelung von 1996/2006 ein schwieriger und komplizierter Teilbereich der deutschen Orthographie bleibt, in dem sprachliche Veränderungen und eindeutige Regelungen behutsam ausbalanciert werden müssen und in dem somit auch gewisse Variationsmöglichkeiten für den Sprachbenutzer unerlässlich sind.“

(NERIUS et al., 2007, 187)

Diese hier beschriebene Schwierigkeit eröffnet sich aus der besonderen Prägung des Bereiches der GZS, der zwar orthographisch geregelt werden muss, aber eigentlich nicht in den Kernbereich der Orthographie zu gehören scheint. Das offenbart sich bereits im 18. und 19. Jahrhundert, denn nur wenige Orthographielehren widmen sich dem Bereich der GZS. Dafür gibt es zahlreiche Grammatiken und Sprachlehren, die sich dem Problem annehmen, aber kaum Schreibungsregulative formulieren. Auch neuere Arbeiten im Bereich der Orthographie, von GÜNTHER (1997), JACOBS (2005) und FUHRHOP (2007b), fokussieren eher die grammatischen Grundlagen der GZS.

Aus der Stellung der GZS zwischen den Forderungen der Orthographie einerseits und den grammatischen Funktionsmechanismen der GZS andererseits eröffnen sich folgende Problembereiche:

1.Welche Konstruktionen gehören dem Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung an?

2.Welche Prinzipien und Grundsätze determinieren den Bereich der GZS?

3.Sind Prozesse, die der GZS zugrunde liegen, wortartenspezifisch?

4.Lassen sich für die GZS Beschreibungskriterien herausfiltern, die Übersichtlichkeit, Transparenz sowie Auswertbarkeit einer Analyse ermöglichen?

5.Lässt sich die GZS letztlich überhaupt klar regeln?

6.Ist die Getrennt- und Zusammenschreibung zu beherrschen? ← 13 | 14 →

zu 1.Welche Konstruktionen gehören dem Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung an?

Den Untersuchungsbereich der GZS zu bestimmen, ist ein schwieriges Unterfangen. Denn es geht hier nicht um die Beschreibung von Graphemen, sondern um größere Einheiten, die Morphemkonstruktionen und Lexeme, aber auch Einheiten der syntaktischen Ebene, die Wortgruppen, umschließen. Die Zugehörigkeit von Konstruktionen zum Untersuchungsbereich der Getrennt- und Zusammenschreibung wird durch den Grad ihrer zumindest als möglich empfundenen Zusammenschreibung bestimmt. Dieses Kriterium bleibt wiederum recht vage. Die einfache Vorstellung, Wörter zusammenzuschreiben und Nicht-Wörter getrennt zu schreiben, verschließt den Blick auf die Problemhaftigkeit des Begriffes Wort.

Zunächst scheint es ein Leichtes, eine Beschreibung des Begriffes Wort zu finden, denn jeder Muttersprachler hat genaue Vorstellungen von dem, was ein Wort charakterisiert. Bei genauem Hinsehen und Herausfiltern von prägenden Merkmalen des Wortes kristallisiert sich jedoch sehr schnell heraus, dass eine eindeutige Definition recht problematisch ist. Das Wort als die Menge der Elemente, die sich zwischen zwei Spatien befinden, stellt wohl die grundlegendste Beschreibung dieses Begriffes dar. Aber sie scheint nicht wirklich imstande, die wahre Problematik dieses Bereiches zu erfassen. Es muss jenseits der Begriffe Wort und Wortgruppe möglich sein, den Gegenstandsbereich der GZS zu beschreiben (vgl. 2.2).

zu 2.Welche Prinzipien und Grundsätze determinieren den Bereich der GZS?

Da die GZS nicht in den Kernbereich der Orthographie gehört, kann wohl nicht von einem alleinigen Wirken orthographischer Prinzipien ausgegangen werden. Somit muss zunächst untersucht werden, welche Prinzipien als die spezifischen Prinzipien der GZS angenommen werden können. Zudem muss eruiert werden, ob es Grundsätze gibt, die zur Beschreibung der Wirkmechanismen der GZS besonders geeignet sind (vgl.2.3).

zu 3.Sind Prozesse, die der GZS zugrunde liegen, wortartenspezifisch?

Die generellen Regeln zur GZS sind nach der Wortart der Basiskonstituente gegliedert. Das impliziert, dass Prozesse der GZS, die komplexen Konstruktionen zugrunde liegen, wohl von der Wortart der Basiskonstituente abhängen. Ein Blick auf Konstruktionen, bei denen die Wortarten beider Konstituenten gleich sind, verdeutlicht bereits in exemplarischer Weise die unterschiedlichen Schreibmöglichkeiten (Tischtuch, Magen-Darm-Katarrh/ blaugrün, weißrot, leicht verdaulich/ kennenlernen, spazieren fahren). Während die erste ← 14 | 15 → Substantiv-Substantiv-Konstruktion, die als typisches substantivisches Kompositum angesehen werden kann, eindeutig zusammengeschrieben wird, gibt es bei den Adjektiv-Adjektiv-Konstruktionen sowie den Verb-Verb-Konstruktionen sowohl die Möglichkeit der Zusammen- als auch der Getrenntschreibung, wobei die Zusammenschreibung bei Verb-Verb-Konstruktionen eher untypisch ist. Im adjektivischen Bereich und im substantivischen Bereich ist zudem die Bindestrichschreibung möglich. Schon diese Beispiele offenbaren, dass, abhängig von der Basiskonstituente, wohl jeweils andere Prozesse in den einzelnen Bereichen wirken und dass die Art sowie die Produktivität von Wortbildungsmustern für die einzelnen Bereiche unterschiedlich ist (vgl. 3.2).

zu 4.Lassen sich für die GZS Beschreibungskriterien herausfiltern, die Übersichtlichkeit, Transparenz sowie Auswertbarkeit einer Analyse ermöglichen?

Bei Betrachtung der Regelungen zur GZS in der 25. Auflage des Dudens ist auffällig, dass ganz verschiedene Kriterien aufgeführt werden. Neben der Wortartenzugehörigkeit der Konstituenten werden semantische, syntaktische, intonatorische und rein formale Aspekte genannt. Auf die Art der Wortbildungskonstruktion wird ebenfalls Bezug genommen. Diese Kriterien müssen untersucht werden auf ihre Praktikabilität für ein Analyseraster, das logisch strukturiert, einfach handhabbar und auf Sprachlehren und Gebrauchstexte angemessen anwendbar ist (vgl. 3.3/3.4).

zu 5.Lässt sich die GZS letztlich überhaupt klar regeln?

Im Sinne der doppelten Kodifikation der Orthographie existieren für den Bereich der GZS sowohl generelle als auch singuläre Regelungen. Während für bestimmte Bereiche der GZS die Regelung so eindeutig ist, dass es gar keine expliziten Regelungen gibt, so z. B. beim substantivischen Bereich, existieren viele problematische Bereiche, wie es sich auch bei den Orthographiereformen von 1996 und 2006 herauskristallisiert hat. Hier betreffen die orthographischen Regeln neben generellen vornehmlich eingeschränkt generelle Regeln und Einzelwortfestlegungen. Als „typische Problemfälle der Rechtschreibung“ bezeichnet FUHRHOP z. B. „Substantiv-Verb-Verbindungen, Adjektiv-Verb-Verbindungen, vereinzelte Verb-Verb-Verbindungen, Adjektiv-Adjektiv-Verbindungen, nicht-Adjektiv und nicht-Partizip-Verbindungen, schließlich die Substantiv-Partizip-I-Verbindungen und Verbindungen mit Stadtadjektiven, insbesondere bei Straßennamen.“ (FUHRHOP, 2007b, 157).

Betrachtet man die Duden-Regelung in der 25. Auflage, wird deutlich, dass zwar generelle Regeln für ebendiese Fälle aufgeführt werden, für Konstruktionen mit einem Verb, Adjektiv oder Partizip als Basiskonstituente und für ← 15 | 16 → Konstruktionen mit geografischen Namen auf -er, aber die generellen Regeln wiederum Aussagen enthalten, die nur gültig sind für eine eingeschränkte Menge der Konstruktionen. Neben diesen Grenzfällen werden Aussagen zur Schreibung von Numeralia und von Konstruktionen aus Präposition und Substantiv vorgenommen. Andere Regeln werden dagegen ausgespart, z. B. die Schreibung von Fügungen, die als Konjunktion verwendbar sind (soweit) oder als adverbiale Wortgruppe fungieren (so weit).

Eine klare Regelung der GZS im Sinne von Eindeutigkeit zu erreichen ist sicher problematisch. Einerseits wird der Bereich der GZS von zu vielen unterschiedlichen Faktoren determiniert. Andererseits könnte eine optimierte, an wenigen (und logischen) Grundsätzen orientierte Kodifizierung wiederum usuellen Schreibgewohnheiten entgegenwirken. Diese Problemhaftigkeit beschreibt HERBERG folgendermaßen:

„Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist der nach 1996 am stärksten ins Kreuzfeuer der Reformkritiker geratene Bereich der Neuregelung, denn naturgemäß konnte dieser besonders schwierige Komplex auch mithilfe des Neuansatzes nicht einfach oder gar perfekt geregelt werden.“

(NERIUS et al., 2007, 177)

Fakt ist, dass aufgrund der Vielschichtigkeit der GZS die Regelungen dieses Bereiches immer viele singuläre Regeln enthalten werden.

zu 6.Ist die Getrennt- und Zusammenschreibung zu beherrschen?

Betrachtet man die jetzige Regelung des Bereiches der GZS, ist die Frage, ob die GZS für den Schreiber leicht beherrschbar ist, wohl zu verneinen.

Das liegt zum einen sicher in dem Gegenstandsbereich, der Getrennt- und Zusammenschreibung selbst, vor allem aber in der Kodifizierung dieses Bereiches begründet.

„[…] Damit wird schon deutlich, dass die Unsicherheiten häufig nicht allein in der Schreibung liegen, sondern in der Grammatik, denn die zu klärende Frage lautet: Liegen Wörter oder Syntagmen vor? […] Anders als in der Grammatik wird aber in der Schreibung bei jedem konkreten Fall eine konkrete Entscheidung darüber getroffen, ob es ´mehr´ ein Wort ist oder ´mehr´ ein Syntagma, denn in einem konkreten Fall kann ein konkreter Schreiber nur getrennt oder zusammen schreiben: Man kann nicht halb getrennt oder halb zusammenschreiben. Diese konkrete Entscheidung kann zum Teil gelenkt werden, ob sie vorgeschrieben werden darf, ist in Einzelfällen zu klären: die Intuition der Schreiber darf nicht zerstört werden.“ (FUHRHOP, 2007b, 158)

An sich sollte jeder orthographische Bereich für den Schreiber beherrschbar und die orthographischen Regeln einfach zu handhaben sein. Das scheint bei den in ← 16 | 17 → der 25. Auflage des Dudens (2009) formulierten Regeln nicht zu funktionieren. HERBERG konstatiert, dass diese im Vergleich zur Regelung aus dem Jahr 1996 vornehmlich durch „inhaltliche, also semantische Kriterien“ charakterisiert seien.

„Die notorisch schwierige Handhabung solcher Kriterien, die aus der alten Regelung bekannt ist, bringt eine Stärkung der Kodifikation per Einzelfestlegung im Wörterverzeichnis gegenüber der Rolle der Regeln mit sich. Dies auch deshalb, weil in einer nun größeren Zahl von Fällen sowohl Getrennt- als auch Zusammenschreibung möglich sind.“ (HERBERG in NERIUS et al., 2007, 178)

Die Getrennt- und Zusammenschreibung ist also durchaus zu beherrschen, wenn die Kodifizierung nicht den ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten entgegensteht.

Details

Seiten
398
ISBN (PDF)
9783653051513
ISBN (ePUB)
9783653970425
ISBN (MOBI)
9783653970418
ISBN (Hardcover)
9783631658635
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Juni)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 398 S., 2 farb. Abb., 35 Tab., 11 Graf.

Biographische Angaben

Susan Herpel (Autor:in)

Susan Herpel studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Rostock und der Brown University Providence. Der Schwerpunkt ihrer Arbeiten liegt auf sprachwissenschaftlichem sowie sprachdidaktischem Gebiet. In den letzten Jahren ist sie vor allem in der Lehrerfortbildung für das Fach Deutsch tätig.

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