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Subjekte im Experiment

Zu Wilhelm Wundts Programm einer objektiven Psychologie

von Nora Binder (Autor:in)
Dissertation 154 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Vorwort
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. Einleitendes
  • Objektivität…
  • …und Subjektivität…
  • …im Experiment
  • 2. Grundlagen des Wundt’schen Experimentalsystems
  • 2.1 Eine „objective“ Wissenschaft vom „erfahrenden Subject“
  • 2.2 Die Vielfalt psychischer Welten – Zur Frage der Introspektion
  • 2.2.1 Das Erbe der kantischen Psychologiekritik
  • 2.2.2 Abkehr vom „subjectiven Weg“: Hin zur Seelenwissenschaft
  • 2.3 Physiologie, Psychologie und die experimentelle „Objektivierung des Geistes“
  • 2.4 Wundts Erkenntnistheorie, seine Theorie des psychischen Geschehens und ihr „Subject“
  • 3. Experimentelle Subjekte am Leipziger Institut
  • 3.1 Das Labor: Wo der „Geist“ der neuen Psychologie seine Schüler umweht
  • 3.2 Wundts Institut für experimentelle Psychologie
  • 3.3 Der Wundt’sche Selbstbeobachter und seine experimentelle Anordnung
  • 3.4 Wissenschaftliche (Selbst-)Beobachtungskunst: Eine Frage der Aufmerksamkeit
  • 3.5 Lagebestimmung: Introspektion und ihre epistemischen Tugenden
  • 4. Reaktionszeitversuche zwischen Automatisierung und Willens-Gymnastik
  • 4.1 Der Reaktionszeitversuch
  • 4.2 Die Psychologie der Astronomen
  • 4.3 Experimentelle Anordnungen der Reaktionszeitforschung in Leipzig (1880er Jahre)
  • 4.3.1 Reiz-Reaktions-Apparate psychometrischer Untersuchungen
  • 4.3.2 Ludwig Lange und die Fähigkeit zur psycho-physischen Gelenkigkeit
  • 4.4 Der Wille im Experiment
  • 5. Schlussbemerkungen
  • Epistemische Tugenden im Experiment
  • Subjektlose oder Subjektpsychologie?
  • Das Subjekt als produktive Störung?
  • 6. Bibliographie
  • Primärliteratur
  • Sekundärliteratur
  • CD-Rom
  • 7. Abbildungsverzeichnis

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1.  Einleitendes

„So dringt die exakte Methode langsam, aber sicher auch in das schwer zugängliche Gebiet der inneren Erfahrung. Indem sie das Dunkel des Bewusstseins mit ihrer Fackel erleuchtet, verscheucht sie zugleich die Gespenster metaphysischer Träume, die unter dem Schutze einer trügerischen subjektiven Beobachtung hier lange ihr Dasein gefristet.“
Wilhelm Wundt: „Die Messung psychischer Vorgänge“ (1885), S. 240.

Mit obigem Satz resümierte Wilhelm Wundt Ende des 19. Jahrhunderts das Unternehmen, welches er maßgeblich auf den Weg brachte: die Begründung einer wissenschaftlichen „objectiven Psychologie“1. Der gemeinhin als „Vater“2 der experimentellen Psychologie geltende und von nachfolgenden Psychologen zum „Nestor“3 degradierte Physiologe, Philosoph und Psychologe stand im Zentrum der entstehenden Experimentalpsychologie im späten 19. Jahrhundert. Indem er die „exakte Methode“ des Experiments einführte, bannte er, nach eigenem Bekunden, die „Gespenster metaphysischer Träume“ und setzte der „trügerischen subjektiven Beobachtung“ ein Ende.

Eine Psychologie, die objektives Wissen generieren wollte, sah sich offenkundig mit dem spezifischen Problem konfrontiert, dass Wissen über die Psyche zunächst nur mittels „subjektiver Beobachtung“ zu gewinnen ← 9 | 10 → war. Objekt und Subjekt der Beobachtung waren nicht klar zu trennen, vielmehr fielen sie in eins: „Das Objekt der Selbstbeobachtung“, brachte Wundt es auf den Punkt, „ist ja eben der Beobachter selber.“4 Gleichwohl entwarf Wundt ein Programm, welches diese „subjektive Beobachtung“, die unter dem Generalverdacht der Trughaftigkeit stand, im Medium des Experiments zu einer Methode im Dienste einer „objectiven Psychologie“ erheben wollte. Dieses wissenschaftliche Unternehmen bildet den Gegenstand vorliegender Untersuchung. Es gilt der speziellen Problemkonstellation, dem heiklen Subjekt-Objekt-Verhältnis, mit der sich die Begründer einer Wissenschaft der Psyche konfrontiert sahen, nachzugehen.

Wundts bahnbrechender Impuls bestand in dem systematischen Versuch, psychische Phänomene mittels aus der Physiologie stammender experimenteller Methoden zu erschließen. Dergestalt avancierte Wundt zum Gründervater der modernen Psychologie. Insofern Objektivität zum Ziel erklärt wurde, lässt sich das Projekt einer wissenschaftlich-objektiven Psychologie mit Lorraine Daston und Peter Galison in dem epistemologischen Kontext des Ideals mechanischer Objektivität verorten, das Ende des 19. Jahrhunderts in seine Hochphase getreten war. Diesem epistemischen Ideal entsprechend galt es tunlichst, jedwede Einwirkung des Beobachtenden auf die Objekte seiner Beobachtung zu vermeiden. „Objektiv sein heißt, auf ein Wissen auszusein, das keine Spuren des Wissenden trägt – ein von Vorurteil oder Geschicklichkeit, Phantasievorstellungen oder Urteil, Wünschen oder Ambitionen unberührtes Wissen.“5

Wenn Wundt indes den „gesammten [sic] Inhalt der Erfahrung in seinen Beziehungen zum Subject und in den ihm von diesem unmittelbar beigelegten Eigenschaften“6 zum Untersuchungsgegenstand erklärte, wie sollte dann „unberührtes Wissen“ möglich sein? Schließlich beobachteten sich Subjekte im Experiment selbst; subjektive Erfahrung war nur dem Besitzer eines Bewusstseins selbst zugänglich. Wundts auf introspektiver Evidenz basierende ← 10 | 11 → und dennoch „objective Psychologie“ sah sich in dieser Hinsicht mit einem epistemologischen Dilemma konfrontiert. Wie gedachte Wundt nun die metaphysischen Gespenster auszutreiben und die trügerische Subjektivität zu bannen, welche die „exakte“ Beobachtung der eigenen subjektiven Erfahrung stetig bedrohten?

Da sich das selbst beobachtende, also aktive, erfahrende Subjekt nicht aus dem Prozess der Wissensgewinnung ausschließen ließ, kam die Wundt’sche Psychologie nicht umhin, das experimentelle Subjekt selbst zum integralen Bestandteil des Programms zu erklären. Wenn Gespenster nicht auszutreiben waren, so ließen sie sich möglicherweise domestizieren. Es wird zu zeigen sein, dass das nicht auszuschließende ‚Subjektive‘ durch gezielte Schulung und Zurichtung kontrolliert und somit für die Forschung dienstbar gemacht werden sollte.

Um die genannte Integration der Subjektperspektive zu erfassen, gehe ich der Vermutung nach, dass ein weiteres epistemisches Ideal ergänzend und kritisch an die Seite der Objektivität trat. Dieses laut Daston und Galison zwar erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommende Ideal ist das geschulte Urteil. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern agierten die Vertreter der Tugend des geschulten Urteils als erfahrene Experten, die sich nicht davor scheuten, zu urteilen und zu interpretieren. Selbstbewusste, aktive, ja subjektive Einwirkung des Beobachters auf seinen Beobachtungsgegenstand war somit als wissenschaftliche Praxis anerkannt und mithin erforderlich. In ihrer stärksten Ausprägung lässt sich diese epistemische Haltung als „Subjektivismus“ erfassen, der die Vormachtstellung der Objektivität offen anfocht.7 Damit würde auch auf der Ebene der miteinander in Verbindung tretenden epistemischen Ideale eine Reibungsfläche offenkundig werden. Denn wer beabsichtigte, sein Urteil auf „Selbstvertrauen und Erfahrung“ zu gründen, war als Wissenschaftler „ein Greuel für die Verfechter der mechanischen wie der strukturellen Objektivität“.8

Im Folgenden wird untersucht, inwiefern die frühe Psychologie diese ergänzende epistemische Tugend zum Einsatz brachte und damit das Subjekt der Beobachtung, welches nicht aus dem Prozess der Wissensproduktion auszuklammern war, einer positiven Bestimmung zuführte. Es gilt zu zeigen, ← 11 | 12 → wie die Experimentalpsychologen durch Schulung eines aktiven, aber gleichzeitig normierten Blicks gedachten, das experimentelle Subjekt als verlässlichen Bestandteil in die Experimentalsituation zu integrieren. Dass das Zusammenwirken zweier im Grunde widersprüchlicher epistemischer Tugenden zu einem ständigen Balanceakt führen musste und wie dieser sich gestaltete, soll im Laufe der Arbeit genauer betrachtet werden. Somit ergeben sich drei Dimensionen für die Analyse: Die Frage, wie Objektivität herzustellen versucht wurde, die Frage nach der Rolle des Subjekts der Selbstbeobachtung und seiner Subjektivität sowie die Frage nach dem Zusammenspiel der beiden erwähnten Ideale im Experiment.

Objektivität…

Gemeinhin besteht Wundts Vermächtnis in der Objektivierung und Verwissenschaftlichung des vormals metaphysisch-philosophischen Untersuchungsgegenstands der menschlichen Psyche. Wundt findet daher in psychologischen Handbüchern einen prominenten Platz als Mitbegründer der „kurzen Geschichte“ der Psychologie, deren Selbstverständnis sich aus der Abgrenzung zu ihrer „langen“ und unwissenschaftlichen (Vor-)Geschichte speist. Die „kurze Geschichte“ feiert eine bedeutsame methodische Innovation: „[T]he shift from metaphysics, speculation, or medical and physiological reduction, which occurs only with the deployment of ‚the experimental method‘ in the nineteenth century.“9

Die Verwandlung spekulativer, metaphysischer Seelenkunde in eine Disziplin mit wissenschaftlichen Ambitionen hing also entscheidend von der Einführung experimenteller Methoden ab. Und diese aus der Physiologie stammende Praxis basierte auf einem Arsenal unterschiedlichster Apparate und Messgeräte. „Brass instrument psychology“ war eine Bezeichnung, mit der man der instrumentellen Ausrichtung der sogenannten neuen Psychologie Rechnung trug.10 Kurzum: Die Auferstehung der Psychologie ← 12 | 13 → in wissenschaftlichem Gewand fand unter dem Stern der mechanischen Objektivität statt.

Gemäß diesem dominanten Narrativ datiert man die Geburt der Psychologie als wissenschaftliche Disziplin zumeist auf das magische Jahr 1879. Zu diesem Zeitpunkt begann Wilhelm Wundt an der Universität Leipzig das erste experimentalpsychologische Institut einzurichten. Wundts dortige Forschung übte eine enorme Strahlkraft auf Studenten und Wissenschaftler aus, die sich von der neuartigen wissenschaftlichen Psychologie angezogen fühlten. Ein Großteil der um die Jahrhundertwende einflussreichen Psychologen hatte an Wundts Institut geforscht oder bei Wundt-Schülern gelernt. Experimentalpsychologische Institute wurden deutschlandweit und in den USA nach dem Leipziger Vorbild eingerichtet und geführt. „Experimental psychology“, so fasst es George Mandler zusammen, „was defined by the experiences of the Leipzig laboratory.“11

Eine grundlegende Voraussetzung für die Einrichtung des weltweit bekannten Leipziger Instituts war indes das später hinfällige Theoriegebäude Wundts, seine „scientific vision“, wie es der Psychologiehistoriker Kurt Danziger genannt hat. Denn um die Psyche überhaupt einer experimentellen Erforschung im Sinne der mechanischen Objektivität zugänglich zu machen, waren enorme theoretische Anstrengungen zu vollbringen. Nicht umsonst gilt Wundt als der schreibwütigste Psychologe aller Zeiten.12 Wenngleich sich die Konstitution der Psychologie als Wissenschaft der Einführung objektiver Methoden verdankte, so hatte sie unter der Vorherrschaft dieses Ideals gleichzeitig ihre benannten, ganz eigenen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Legitimierungsprobleme.

Details

Seiten
154
ISBN (PDF)
9783653055498
ISBN (ePUB)
9783653970500
ISBN (MOBI)
9783653970494
ISBN (Buch)
9783631661031
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (Dezember)
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2016. 154 S., 4 farb. Abb., 4 s/w Abb.

Biographische Angaben

Nora Binder (Autor:in)

Nora Binder hat in Weimar, Lyon, Konstanz und Berkeley Kultur-, Medienwissenschaften und Geschichte studiert. Sie forscht am Konstanzer Exzellenzcluster zur Wissenschaftsgeschichte der Sozialpsychologie Kurt Lewins.

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Titel: Subjekte im Experiment