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Gab es einen Stalin-Hitler-Pakt?

Charakter, Bedeutung und Deutung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages vom 23. August 1939

von Christoph Koch (Band-Herausgeber:in)
©2015 Konferenzband 329 Seiten

Zusammenfassung

Der Sammelband gibt eine Antwort auf die in Politik und Wissenschaft verbreitete Totalitarismustheorie, die den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23.8.1939 als Verständigung zweier wesensverwandter Diktaturen über die Aufteilung Europas und der Welt interpretiert. Die Beiträge erhellen den tatsächlichen Charakter des Vertrags, die deutschen und die sowjetischen Motive für seinen Abschluss sowie seine Bedeutung für die militärische Niederringung des Dritten Reiches und damit für die europäische Nachkriegsordnung. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Scheitern der sowjetischen Bemühungen um die Schaffung einer britisch-französisch-sowjetischen Allianz gegen die Achsenmächte und den Auswirkungen des Vertrages auf die Organisationen des antifaschistischen Widerstands.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autorenangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Der sogenannte Stalin-Hitler-Pakt – monströses Einverständnis oder lauerndes Mißtrauen?
  • Stalin und Hitler: Zwillingsbrüder oder Todfeinde?
  • 1 Historische Ereignisse und theoretische Kategorien
  • 2 „Der größte Kolonialkrieg der Geschichte“
  • 3 Stalin, Hitler und die nationalen Minderheiten
  • 4 Die Rolle der Geographie und der Geopolitik
  • 5 „Totalitarismus“ und „allumfassende Rassenautokratie“
  • 6 Zwei Kriege zur Wiederherstellung der kolonialistischen und Sklavenhalterherrschaft
  • Bibliographie
  • La France entre accord avec le Reich et alliance tripartite, de Munich au pacte de non-agression germano-soviétique (octobre 1938–23 août 1939)
  • L’acmé de l’ère munichoise : L’aplatissement politique envers le Reich
  • Le hochet du « pacte de non-agression » sur le modèle anglo-allemand et les préparatifs fébriles du voyage de Ribbentrop, octobre-décembre 1938
  • Le bilan du tournant de 1938
  • Les courbettes à Ribbentrop
  • Les mains libres à l’Est
  • L’URSS, atout militaire unique et bafoué
  • Du « tournant » du 15 mars 1939 au pacte de non-agression germano-soviétique
  • Tentative désespérée du compromis avec le Reich après le 15 mars 1939
  • Le traitement de l’URSS en « valet de ferme »
  • De la farce de Moscou au triomphe tactique « occidental »
  • Bibliographie
  • From Détente to Partition: Soviet-Polish Relations and the Origins of the Nazi-Soviet Pact, 1938–1939
  • Introduction
  • From Munich to Prague
  • Soviet-Polish Détente
  • Rights of Passage
  • Poland and the Nazi-Soviet Pact
  • Poland Partitioned
  • Conclusion
  • Bibliographie
  • Warum entschied sich Stalin für Hitler? Eine Analyse auf der Grundlage freigegebener Dokumente des Politbüros aus dem Archiv des Präsidenten der russischen Föderation
  • Bibliographie
  • Who Betrayed Whom? Franco-Anglo-Soviet Relations, 1932–1939
  • Bibliography
  • Krieg in Ost oder West? Die Entscheidung der Hitlerregierung für den Überfall auf Polen und der deutsch sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939
  • 1 Vorbemerkungen
  • 2 Krieg in Ost oder West? Der Entscheidungsprozeß über die Reihenfolge der Aggressionskriege 1937–1939
  • 2.1 Rüstungsvoraussetzungen und Kriegsführungsfähigkeit 1937/38
  • 2.2 Bündniserwägungen der Hitlerregierung 1937/38
  • 3 Polen als Komplize der Hitlerregierung gegen die Tschechoslowakei 1938
  • 3.1 Die „Linie des 26. Januar“
  • 3.2 Polens Beihilfe zur Zerschlagung der Tschechoslowakei
  • 4 Kein Juniorpartner Hitlerdeutschlands
  • 4.1 Ribbentrops Vorschlag einer „Globallösung“ vom 24. Oktober 1938
  • 4.2 Polens Ablehnung der „Globallösung“ und Hitlers Entscheidung für den Überfall
  • 4.3 Britische Garantiererklärung für Polen vom 31. März 1939
  • 5 Fall „Weiß“: Dimensionen der deutschen Mobilmachung 1939
  • 5.1 Militärische Mobilisierung zu Lande, zur Luft und zur See
  • 5.2 Vorbereitungen des militärischen Geheimdienstes (Abwehr)
  • 5.3 Vorbereitungen des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS: Gleiwitz und andere Provokationen
  • 5.4 Vorbereitungen einer „völkischen Flurbereinigung“ durch die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD
  • 6 Hektische Geheimdiplomatie zwischen April und September 1939
  • 6.1 Geheimgespräche Großbritannien – Nazideutschland
  • 6.2 Camouflage: Keine Wiederholung der Tripel-Entente
  • 6.3 Doppelspiel: Das gegenstandslose polnisch-französische Militärprotokoll
  • 7 Der Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der UdSSR
  • 7.1 Eine Kette von Kriegen: Der Weg in den Weltkrieg
  • 7.2 Stalins Alternative im August 1939
  • 7.3 Besonderheiten des Vertrages
  • 8 Revanchekrieg und Krieg um die Weltvorherrschaft
  • 9 Der 17. September 1939
  • 9.1 Die sowjetische Note
  • 9.2 Der sowjetische Einmarsch in Ostpolen a 17. September 1939
  • 10 Hitler-Stalin-Pakt?
  • Bibliographie
  • Die deutsch-polnischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit und die Ursprünge des Zweiten Weltkriegs
  • Bibliographie
  • Abkürzungen
  • Sonstige Literatur
  • Sommer 1939. Die Außenpolitik Polens: Motive, Interessen, Interpretationen
  • I
  • II
  • III
  • Zusammenfassung
  • Bibliographie
  • Der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag – seine innenpolitische Wirkung und Ausbeutung
  • Bibliographie
  • Die Debatte um den deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag im Exil und in den Reihen des antifaschistischen Widerstands
  • Zwei Vorbemerkungen
  • Die Debatte im Exil
  • Die Debatten in Deutschland
  • Die Debatten in den Haftstätten
  • Zusammenfassung
  • Nachbemerkung
  • Bibliographie
  • Stalins Fehlkalkül: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion 1939–1941
  • I
  • II
  • III
  • Bibliographie
  • Der 23. August – ein geeigneter europäischer ‚Gedenktag für die Opfer aller totalitärer und autoritärer Diktaturen‘?
  • Bibliographie

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Christoph Koch

Der sogenannte Stalin-Hitler-Pakt – monströses Einverständnis oder lauerndes Mißtrauen?

Der vorliegende Sammelband vereinigt die für den Druck teilweise überarbeiteten und erweiterten Beiträge einer internationalen ­wissenschaftlichen Konferenz von Philosophen, Historikern und Vertretern von Organisationen und Einrichtungen der historischen Erinnerung und Mahnung aus Deutschland, Frankreich, Irland, Italien, Kanada, Polen und Rußland zum Thema des Buchtitels, die im Februar 2014 an der Freien Universität Berlin stattfand. Der Gedanke der Tagung entstand im Schoß der Deutsch-­Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e. V., die zu den Mitveranstaltern der Tagung gehörte.

Die Tagung ist die vierte einer Reihe wissenschaftlicher Konferenzen, die seit 2007 an der Freien Universität stattfinden und die alle in der einen oder anderen Weise den deutsch-polnischen Beziehungen von der Zeit vor dem Ersten bis zur Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet sind. Die Tagung ist ein letz­tes noch offenes Legat meines Lehrers Helmut Ridder, Professor für Öffentliches Recht und die Wissenschaft von der Politik an der Universität Gießen, bei dem ich nie eine Vorlesung gehört oder ein Seminar besucht habe, bei dem ich jedoch im Lauf einer mehr als zehnjährigen Zusammenarbeit im Vorstand der ältesten Deutsch-­Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik in eine anspruchsvolle historische, juristische und demokratische Schule gegangen bin. Helmut Ridder ist einer der wenigen Demokraten, die die bundesdeutsche Nachkriegszeit hervorgebracht hat, und er ist unter der überschaubaren Schar wohl der einsichtsreichste, unbeirrbarste und beharrlichste, ein konservativer Demokrat, der der Bundesrepublik zeitlebens abverlangt hat, doch endlich zu der Republik zu werden, die sie im Namen trägt, einer Republik nach den von England, Frankreich und den Vereinigten Staaten gesetzen Maßstäben westlicher Zivilisation, während man in der Bundesrepublik in einer in kaiserreichliche Zeiten zurückreichenden Tradition eher darauf bedacht war, das Volk, sprich: die herrschenden ­Kreise, vor den Gefahren ← 7 | 8 → der Demokratie zu schützen. Helmut Ridder hat in seinen späteren Schriften mehrfach die Notwendigkeit hervorgehoben, das in der Bundesrepublik herrschende Interpretament des sog. Stalin-­Hitler-Paktes zu ­überdenken und zu korrigieren. Dies war einer der Anlässe für die Organisation der Tagung. Der andere liegt im Gegenstand selbst, der mit richtigem Namen als der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag vom 23. August 1939 zu bezeichnen ist.

Als die Nachricht vom Abschluß des Vertrages beide Hauptstädte der vertragschließenden Parteien erreicht hatte, da ist der eine der Kontrahenten wie ein Berserker in seinem Arbeitszimmer hin- und hergerannt, hat gegen die Wände getrommelt und geschrieen: „Jetzt hab’ ich ihn, jetzt hab’ ich ihn!“, während der andere in seinem Sessel auffuhr, sich auf die Schenkel klopfte und seinen Genossen erklärte: „Hitler wollte uns betrügen, uns übertölpeln. Aber wir, die UdSSR, sind es, die ihn übertölpelt haben, indem wir den Vertrag unterzeichneten.“

Das ist nach einer auch in wissenschaftlichen Kreisen weit verbreiteten und in der bundesrepublikanischen Geschichtswissenschaft nahezu herrschenden Auf­fassung die Sprache zweier blutrünstiger Monstren, die sich in diktatorischem Einvernehmen über die Landkarte beugten, um Europa – und in spe die Welt – untereinander aufzuteilen. „Hitler und Stalin waren Spießgesellen, nicht nur im Geiste, die mehr Gemeinsamkeiten hatten, als manche wahrhaben wollen,“ lautet die Volksausgabe dieser Auffassung aus dem Munde von Erika Stein­bach. „Der Hitler-Stalin-Pakt ist ein Muster totalitärer Außenpolitik. Er kam nicht trotz der Unterschiede zwischen den ideologisch verfeindeten Diktaturen zustande, sondern aufgrund der vielen Gemeinsamkeiten der beiden Führerstaaten“, lautet ihre wissenschaftliche Version. Sie steht im ersten Satz eines dem Thema gewidmeten Sammelbandes zum siebzigsten Jahrestag des Vertrags, dessen Umschlagbild die Botschaft entsprechend ins Bild setzt.

Das Stichwort „totalitär“ nennt den postulierten wissenschaftlichen Kern der Auffassung: Theoretische Grundlage des interpretatorischen Zugriffs ist die sog. Totalitarismustheorie, d. h. die Theorie von der praktischen Identität zweier einander inhaltlich wie Feuer und Wasser entgegengesetzter gesellschaftspolitischer Konzeptionen, die, auf die Formel „Rot = Braun“ verkürzt, mit dem in Blut und Trän­en zu­grundegegangenen Braun auch das Rot, das diesen Untergang maßgeblich herbeigeführt hat, ← 8 | 9 → als ein von vorneherein verbrecherisches Un­ternehmen zu entsorgen und für alle Zeiten zu deligitimieren verspricht.

Die bereitwillige Akzeptanz dieser Theorie in der Bundesrepublik ist nicht verwunderlich. Sie ist einerseits den Komplexen geschuldet, die der Zusammenbruch eines siegesgewissen Griffs nach der Weltmacht, dem nahezu ein ganzes Volk frenetisch zugejubelt hat, auch den Nachgeborenen vererbt, denen selbst zu jubeln umständehalber versagt blieb. Sie erklärt sich andererseits aus der deutschen Nachkriegsgeschichte, in der die Bundesrepublik ideologisch und materiell zum Vorposten der Abwehr des Kommunismus hochgerüstet wurde und damit das wichtigste Requisit aus der braunen Vergangenheit in einen Genugtuung versprechenden Neuanfang hinüberzuretten vermochte. Die Totalitarismustheorie erlaubte es, an ein und dem­selben Nagel die Feindschaft gegen Rot über die erzwungene Distanzierung von Braun zu hängen.

Gedanklich ist die Theorie, die sich zugutehält, den eigentlichen Kern des Problems zur Sprache zu bringen, an Schlichtheit nicht zu überbieten. Sie konzentriert sich auf das Studium zweier Erscheinungsformen, die, jede auf ihre Weise, zwei gänzlich konträren Inhalten verbunden sind, und nimmt vorhandene Berührungen der Erscheinung, die sich zu grossen Teilen daraus erklären, daß Braun und Rot zu gleicher Zeit in enger räumlicher, kultureller und geistesgeschichtlicher Nachbarschaft lebten, zum Anlaß ihrer wesens­mäßigen Gleichsetzung. Tatsächlich hat der Inhalt von Braun mit dem Inhalt von Rot nichts gemein, und wo braunes und rotes Wirken zu einem vergleichbar erscheinenden Ergebnis führen, stellt die Untersuchung der bewirkenden Ursachen und Motive, die die Voraussetzung seines Verständnisses bildet, augenblicks krasse Ungleich­heit fest. Weit davon entfernt, einen oder gar den Schlüssel zum Verständnis der jüngsten Geschichte zu lie­fern, errichtet die Kon­zentration auf die Erscheinungsformen vielmehr hohe Hürden gegen das dringend gebotene Studium der dahinterliegenden Gegenstände.

Eben das ist ihre Absicht. Die Motivation der Totalitarismustheorie ist nicht wissenschaftlicher, sondern politischer Natur, gehört also ihrerseits zu den Gegenständen der Geschichtswissenschaft und macht es zur Aufgabe des Wissenschaftlers, sich mit ihrem oft harmlos erscheinenden Angebot auseinanderzusetzen. Zu diesem Angebot, das in der deutschen Rede über die jüngere Vergangenheit tiefe Wurzeln geschlagen hat, zählt ← 9 | 10 → die geläufige Formel, daß der sogenannte Stalin-Hitler-Pakt „am Beginn des Zweiten Weltkriegs steht“ – eine feinsinnige Propagandaformel, die die eigentlichen Ursachen und Beweggründe des Krieges, die den Namen „deutscher Imperialismus“ tragen, hinter der vorgeblich kriegs­eröffnenden Verständigung der Monster ver­gessen zu machen trachtet.

Als der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag unterzeichnet war, da wuß­te der eine der Kontrahenten nicht, daß er damit sein Todesurteil unterzeich­net hatte, und der andere konnte sich dieser Tatsache keineswegs sicher sein. Die beiderseitigen Beweggründe des Vertragsabschlusses sind den in jüngster Zeit verfügbaren historischen Zeugnissen weitaus eindeutiger zu entnehmen, als es ein Großteil der bis auf den heutigen Tag rapide anwachsenden Literatur zum Thema vermochte oder vermögen wollte. Hitler, in unsicherer, aber letztlich zutreffender Einschätzung der zögernden Reaktion seiner westlichen Nachbarn, benötigte den Vertrag, um für den bevorstehenden Angriff auf Polen die Sicherheit zu haben, daß ihm ein Krieg an zwei Fronten erspart blieb. Stalin, wohlinformiert, daß ein erobertes Polen dem Dritten Reich als Auf­marschgebiet für den Angriff auf die Sowjetunion dienen werde, brauchte den Vertrag, um die unvermeidliche militärische Auseinandersetzung einerseits zeitlich so weit wie möglich nach hinten und andererseits räumlich so weit wie möglich von den aktuellen Grenzen der Sowjetunion nach vorne zu schieben. Die Ablösung des sowjetischen Außenministers Litvinov durch Molotov am 3. Mai 1939 signalisiert die Abkehr von der Hoffnung auf eine Allianz der Sowjetunion, Englands und Frankreichs gegen die ­Achsenmächte. Die anschließenden Maßnahmen der Sowjetunion einschließlich des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages und des sowjetisch-finnischen „Winterkriegs“ sind Defensivmaßnahmen eines Staates, der sich allein auf seine eigenen Kräfte zurückgeworfen sieht. Die sowjetische Politik handelte aus dem Bewußtsein mangelnder militärischer Stärke, das nicht zuletzt durch die Auswirkungen der unlängst stattgehabten Säuberungen der Roten Armee genährt wurde, dem Bewußtsein politischer Isolation, die ihr durch die Zusammensetzung und das Ergebnis der Münchener Konferenz drastisch vor Augen geführt wurde, und nicht zuletzt aus der Furcht vor der Möglichkeit einer antisowjetischen Allianz zwischen dem Dritten Reich und seinen westlichen und östlichen Nachbarn. ← 10 | 11 →

Der deutsch-sowje­ti­sche Nichtangriffspakt verschaffte der Sowjetunion die Mög­lichkeit zu einer beträchtlichen Steigerung ihrer Verteidigungsbereitschaft, deren Mittel und deren technisches Know-how zu nicht geringen Teilen aus Deutschland bezogen wurden. Der Grad der auf diese Weise erlangten militärischen Stärke ist der Grund dafür, daß der deutsche Angriff trotz der sowjetischen, genauer: Stalins Überraschung über seinen Zeitpunkt vor Moskau und um Leningrad zum Stillstand kam. Wer nicht am ersten Tag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wußte, daß der Krieg damit für Deutschland verloren war, der konnte die Tatsache von nun an nurmehr verdrängen. Die Niederlage der deutschen Wehrmacht vor Moskau und Leningrad brach der deutschen Expansion die Spitze, die Niederlage vor Stalingrad brachte die Wende zu ihrer Umkehr und zur militärischen Niederringung des Dritten Rei­ches bis zur Aufhebung der deutschen Staatlichkeit (debellatio). Sie bildet die Voraussetzung einer euro­päischen Nachkriegsordnung, die wesentliche Inhalte des geheimen Zusatzprotokolls des Vertrages festschrieb. Sie haben im Falle Polens und Finnlands bis heute Bestand. Am Anfang der Entwicklung steht der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag. Er ist mithin ein unverzichtbarer Baustein für das Wich­tigste, das im 20. Jh. zu tun war. Das Wichtigste, das im 20. Jh. zu tun war, ist der Sieg über den deutschen Faschismus. Er ist im wesentlichen das Verdienst der Sowjetunion.

Die defensiven Maßnahmen der Sowjetunion knüpften an die Politik des zaristischen Rußland an. Sie verdeutlichen nicht zum ersten Mal in der sowjetischen Geschichte, was es bedeutet, wenn sich eine ideo­logisch kon­stituierte Gesellschaft entschließt oder unter dem Eindruck äußerer Bedrohung gezwungen sieht, als Staat zu handeln.

Die defensiven Maßnahmen der Sowjetunion wirkten sich ohne jeden Zwei­­fel als offensive Maß­nah­men gegenüber den Nachbarstaaten aus. Sie geschahen sowohl gegenüber Polen als auch gegenüber den baltischen Staaten unter Bruch bestehender völkerrechtlicher Verträge. In der Bewertung Valentin Falins: „One thing is clear: the violation of the sovereignty of other countries has always been a violation of international law“. Zu den vordergründigen Auswirkungen dieser Verletzungen des Völkerrechts gehört ein in den betroffenen Völkern tief verwurzeltes Mißtrauen gegenüber dem russischen Nachbarn, zu ihren Spätfolgen gehört nicht weniger als der Zerfall der Sowjetunion. Die Frage nach Zulässigkeit und ← 11 | 12 → Zweckmäßigkeit der Maßnahmen verlangt daher die Auf­merksamkeit der Forschung.

Am Beispiel der sowjetischen Politik im Vorfeld des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion kann man eine banale, auch in der Geschichtswissenschaft jedoch vielfach übersehene Einsicht studieren: die Einsicht, daß in ein und demselben historischen Moment, in ein und derselben historischen Entscheidung und in ein und derselben historischen Persönlichkeit Gut und Ungut nicht allein miteinander einhergehen, sondern übereinfallen können.

Das Ineins von Gut und Ungut ist auf sowjetischer Seite zu studieren. Und auf deutscher Seite? Auf deutscher Seite absolute Fehlanzeige. Bernique. Der nationalsozialistische Entwurf war ein von Anfang bis Ende und ohne Rest verbrecherischer Entwurf. Der Unterschied ist wesentlich und wirft daher die Frage auf: hätten es die Opfer der sowjetischen Politik, denen zweifellos Entscheidungen aufgenötigt wurden, die sie freiwillig nicht getroffen hätten, vor­gezogen, Opfer der deutschen Politik zu werden?

Um die Frage am Beispiel Polens zu erläutern: Im Falle eines anderen Ausgangs der Geschichte, im Falle eines deutschen Sieges über die Sowjetunion, gäbe es heute kein Polen mehr. Es gäbe nicht etwa ein von Deutschland besetztes Polen, sondern es gäbe kein Polen. Wo heute unter anderem blonde und blau­äugige Polen leben, tummelten sich flächendeckend blonde und blauäugige Deutsche. Gäbe es heute in Warschau noch polnische Bevölkerung, so würde sie jeden Morgen um 6 Uhr von Praga auf die andere Weichselseite wechseln – wohlgemerkt zu Fuß, den die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel wäre ihr untersagt –, um dort einem Deutschen die Fenster oder die Schuhe zu putzen. Wahrscheinlicher wäre es, daß die Reste der polnischen Bevölkerung, wenn es noch welche gäbe, jenseits des deutschen Lebensraums hinter dem Ural in Westsibirien angesiedelt wären.

So jedenfalls sahen es Pläne der nationalsozialistischen Rasse- und Siedlungspolitik vor. Die Realitätsaussichten eines solchen Szenarios stehen freilich dahin, denn es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, daß einem deutschen Sieg über die Sowjetunion der Abwurf der ersten Atom­bomben auf Deutschland gefolgt wäre. Die militärischen Erfolge der Sowjetunion haben nicht nur Deutschland vor einer solchen Entwicklung bewahrt. Die sowjetischen Verteidigungsmaßnahmen, zu denen der Einmarsch der ← 12 | 13 → ­Sowjetunion in das damalige Ostpolen am 17. September 1939 zählt, sind – so doppelbödig kann Geschichte sein – die Voraussetzung für die heutige Existenz des polnischen Staates. Dabei ist daran zu erinnern, daß die Sowjetunion mit dem Einmarsch in Ostpolen an die Grenze zurückkehrte, die nach dem ersten Weltkrieg die Demarkationslinie zwischen dem wiedererstandenen polnischen Staat und der Sowjetunon bildete und die Polen unter Marschall Piłsudski im sowjetisch-polnischen Krieg von 1920 so weit nach Osten verschoben hatte, daß sich das polnische Territorium nahezu verdoppelte.

Soviel zu den Beweggründen, die dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts zugrundeliegen, und zu seinen faktischen Folgen. Die geschilderte Entwicklung stellt jedoch nur einen Teil der für die Beurteilung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffvertrags relevanten Aspekte dar, da eben der Abschluß des Vertrages die Koordinaten, die zu seinem Abschluß führten, maßgeblich veränderte. Die wichtigste Koordinate, die er veränderte, ist das Moment der politischen und wirtschaftlichen Isolation der Sowjetunion. Die Sowjetunion sah sich durch den Abschluß des Vertrages auf dem politischen Parkett angekommen, auf dem sie in Europa entscheidenden Mächten als gleichberechtigter Partner gegenübertrat. Der Erfolg, der die Voraussetzung für die zuvor skizzierten Folgen schuf, zeitigte zugleich eine Reihe schiefer Ebenen, die allesamt zum Abgleiten einluden. Der Abschluß des Vertrages entwickelte eine von deutscher Seite wohlberechnete Eigengesetzlichkeit, der sich die sowjetische Politik nicht zu entziehen verstand und deren Versprechungen sie im Vertrauen auf die Wirksamkeit der „Abgrenzung der Interessenssphären“ nicht widerstand. Eine der schiefen Ebenen war die Notwendigkeit, die eigene Täuschung nach außen zu vertreten. Am Anfang des Abgleitens stehen die beiden Reden Molotovs zur Rechtfertigung des Vertrages vor dem Obersten Sowjet der UdSSR vom 31. August und vom 31. Oktober 1939, deren erste der Hoffnung Ausdruck verleiht, die Sowjetunion aus einem Krieg der westeuropäischen Mächte herauszuhalten, und deren zweite zwei Monate nach dem deutschen Polenfeldzug die Rolle des Aggressors in Europa von den deutschen Schultern auf diejenigen Englands und Frankreichs legt.

Die verheerendste der geweckten Illusionen aber ist das Vertrauen in die Berechenbarkeit des deutschen Vertragspartners und die Verläßlichkeit der getroffenen Vereinbarungen, die die sowjetische Führung auch die ← 13 | 14 → unumstößlichsten Warnungen vor dem bevorstehenden Angriff der deutschen Wehrmacht in den Wind schlagen ließ und für die die Völker der Sowjetunion einen hohen Preis zu zahlen hatten. Es ist der deutschen Politik in einem gut dokumentierten Prozeß tatsächlich gelungen, die sowjetische Führung an diesem Gängelband bis an den Rand des Untergangs zu führen. Täuschung bedeutet stets die Abhängigkeit des Getäuschten vom Täuschenden. Sie ist mit wünschenswerter Deutlichkeit in den (deutschen) Aufzeichnungen über die Unterredungen Molotovs mit Ribbentrop und Hitler anläßlich seines Besuchs in Berlin vom 12.–13. November 1940 dokumentiert, in dem die deutsche Seite die Perspektive auf eine „Abgrenzung der Interessenssphären“ weit über die Grenzen Europas hinaus ­eröffnete. Die Entwicklung gipfelte in der Antwort des sowjetischen Außenministers vom 26. Nov. 1940 auf das von deutscher Seite lancierte Angebot eines Beitritts der Sowjetunion zum Dreimächtepakt. Molotov knüpft die Annahme des Angebots an eine Reihe von Bedingungen, die Inhalt und Verfahren des geheimen Zusatzprotokolls zum deutsch-­sowjetischen Nichtangriffs­vertrag fortschreiben und die Interessensphäre Moskaus auf den östlichen Balkan (Bulgarien) und das Gebiet südlich von Batum und Baku in Richtung auf den persischen Golf ausdehnen. Die Initiative des Vorschlags lag eindeutig auf deutscher Seite, die mit dem Gedanken spielte, die Sowjetunion in eine Koalition gegen England einzubinden. Die Ernsthaftigleit des Vorstoßes ist in der Forschung umstritten. Eine deutsche Antwort auf die sowjetischen Bedingungen ist nicht erfolgt, und das Zwischenspiel war durch die deutschen Kriegsvorbereitungen längst unterlaufen. Diese hatten bereits vor den Berliner Unterredungen begonnen: Hitler hatte dem deut­schen Oberkommando gut vier Monate zuvor (am 31. Juni 1940) seinen Entschluß zum Angriff auf die Sowjetunion mitgeteilt und gab gut einen Monat später (am 18.12.1940) den Befehl zu seiner praktischen Vorbereitung. Man kann nicht behaupten, daß es der deutschen Politik nicht gelungen wäre, die Ver­antwortlichen in Moskau dazu zu bewegen, den ausgelegten Köder zu schlucken.

Details

Seiten
329
Jahr
2015
ISBN (PDF)
9783653055726
ISBN (ePUB)
9783653965186
ISBN (MOBI)
9783653965179
ISBN (Hardcover)
9783631664223
DOI
10.3726/978-3-653-05572-6
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2015 (März)
Schlagworte
Zweiter Weltkrieg Nichtangriffsvertrag antifaschistischer Widerstand Totalitarismustheorie
Erschienen
Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien, 2015. 329 S.

Biographische Angaben

Christoph Koch (Band-Herausgeber:in)

Christoph Koch studierte Slavistik, Baltologie, Byzantinistik und Indogermanistik in Bonn und München und ist als Professor für Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin tätig. Er ist Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland e.V.

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