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Dialogische Krimianalysen

Fachdidaktik und Fachwissenschaft untersuchen aktuelle Repräsentationsformen des französischen Krimis

von Corinna Koch (Band-Herausgeber:in) Sabine Schmitz (Band-Herausgeber:in) Sandra Lang (Band-Herausgeber:in)
Sammelband 308 Seiten

Zusammenfassung

Ein Dialog zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik findet trotz kritischer bildungspolitischer Entwicklungen für das Französische bisher kaum statt. Um diese Zusammenarbeit zu etablieren, wählten die Herausgeberinnen für die Beiträge dieses Bandes ein innovatives Format: Es wurden Autorenteams aus Literaturwissenschaftlern und Fachdidaktikern gebildet. Als Gegenstand des Dialogs fiel die Wahl auf die Krimikultur Frankreichs, da «roman» und «film noir», «littérature» und «BD policière» dort einen herausragenden Platz im kulturellen Referenzsystem einnehmen. Jedes Team übernahm ein zentrales Element aktueller Repräsentationsformen des Krimis. So stellt der Band vielfältige Bezüge zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik her und zeigt das konkrete Potential der Zusammenarbeit beider Disziplinen auf.

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • Bibliographie
  • Gattungen des Kriminalromans (Sandra Lang / Christof Schöch)
  • Gattungen der Kriminalliteratur aus fachdidaktischer Perspektive (Sandra Lang)
  • Einleitung
  • 1. Gattungstypologien und Zuordnungsproblematik
  • 1.1 Subgattungen der Kriminalliteratur
  • 1.2 Ausdifferenzierung der Untergliederung der Gattung
  • 1.3 Gattungstypologien als Hilfestellung für die Unterrichtsplanung beim Einsatz von Kriminalliteratur für den Französischunterricht?
  • 2. Fachdidaktische Publikationen zum Einsatz von Kriminalliteratur im Französischunterricht
  • 2.1 Die Entwicklung der fachdidaktischen Diskussion zum Einsatz von Kriminalliteratur im Französischunterricht von den 1970er Jahren bis heute
  • 2.2 In den fachdidaktischen Publikationen vorgeschlagene Kriminalromane und ‑erzählungen und ihre Subgattungszugehörigkeit
  • 2.3 Subgattungszugehörigkeit und methodisch-didaktische Entscheidungen bei der Unterrichtsplanung
  • 3. Fazit und Ausblick
  • Gattungen des Kriminalromans: Ein quantitativer, Topic-basierter Zugang (Christof Schöch)
  • Einleitung
  • 1. Der Untersuchungsgegenstand: französische Kriminalromane
  • 2. Forschungsfragen und Hypothesen
  • 2.1 Kriminalroman und Nicht-Kriminalroman
  • 2.2 Die Untergattungen des Kriminalromans
  • 3. Die Vorgehensweise: Topic Modeling
  • 3.1 Was ist Topic Modeling?
  • 3.2 Der „Topic Modeling Workflow“ (tmw)
  • 4. Ergebnisse und Diskussion
  • 4.1 Die gefundenen Topics: Semantik und Struktur
  • 4.2 Verteilung von Topics in Krimis und Nicht-Krimis
  • 4.3 Die Geschichte des Kriminalromans
  • 4.4 Die Untergattungen des Kriminalromans
  • Fazit
  • Bibliographie
  • Gattungen der Kriminalliteratur aus fachdidaktischer Perspektive
  • Gattungen des Kriminalromans: Ein quantitativer, Topic-basierter Zugang
  • Dialog über die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sandra Lang und Christof Schöch
  • Spannungsanalyse im Französischunterricht. Wirkungsabsichten und Konstruktionsprinzipen des Krimis von Boileau-Narcejac zu Hitchcock (Ralf Junkerjürgen / Christoph Oliver Mayer)
  • 1. Literaturdidaktische Vorüberlegungen
  • 2. Spannung als Oberbegriff: mystery, suspense, disquiet und surprise
  • 3. Ontologischer mystery: D’entre les morts (1954) von Boileau-Narcejac
  • 4. Hitchcocks Vertigo oder die Verwandlung von mystery in suspense
  • 5. Mystery und suspense im Französischunterricht
  • Bibliographie
  • Dialog über die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ralf Junkerjürgen und Christoph Oliver Mayer
  • Detektionsarbeit im Zeichen von Abduktion und Metis in Fred Vargas’ Kriminalroman Debout les morts (1995) – eine literaturwissenschaftlich-didaktische Perspektivierung (Sabine Schmitz / Lutz Küster)
  • Einleitung
  • 1. Abduktion im Kriminalroman – eine Begriffsdefinition aus literaturwissenschaftlich-literaturdidaktischer Perspektive
  • 2. Debout les morts: Dialogische Verknüpfung von Abduktion und Deduktion in der Detektionsarbeit als Voraussetzung von Erkenntnis
  • 2.1 Fred Vargas’ dialogische Kriminalromanproduktion
  • 2.2 Debout les morts: Entwurf eines alternativen Erkenntnismodells im Zeichen von Abduktion und Metis
  • 2.3 Abduktion im Dialog: Drei ‚Evangelisten‘ auf der Suche nach einem Mörder
  • 3. Metis und Abduktion: Voraussetzungen und epistemologische Fundierung des alternativen Ermittelns in Fred Vargas’ rompol
  • 4. Literatur- und sprachdidaktische Perspektivierungen
  • 4.1 Umgang mit Komplexität im Roman und beim Sprachenlernen
  • 4.2 Förderung sprachlicher Kompetenzen anhand des Romans
  • 4.2.1 Die Förderung von Text- und Medienkompetenz
  • 4.2.2 Die Förderung von Sprach(lern)bewusstheit
  • 4.2.3 Die Förderung literarisch-ästhetischer Kompetenz bzw. Bildung
  • 5. Literaturdidaktische und -methodische Konkretisierungen
  • 5.1 Genrespezifische Erkenntnisse sammeln – Ziel: Vertiefung einer Text- und Medienkompetenz
  • 5.2 Sprachlernerfahrungen reflektieren – Ziel: Lernerautonomie entwickeln
  • 5.3 Literarisch-ästhetische Erfahrungen reflektieren – Ziel: für den Eigenwert ästhetischer Erfahrung sensibilisieren
  • Fazit
  • Bibliographie
  • Dialog über die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Sabine Schmitz und Lutz Küster
  • Verhandlungen interkultureller Prozesse in den Kriminalromanen von Jean-Claude Izzo: theoretische Hintergründe und unterrichtspraktische Umsetzung (Jeanne Ruffing / Marc Blancher)
  • 1. Einleitung
  • 2. Verhandlungen interkultureller Prozesse im kriminalliterarischen Kanon
  • 3. Jean-Claude Izzos Marseille-Trilogie
  • 4. Der Kriminalroman und die Infragestellung der herrschenden Ordnung: Vehikel oder Widerspruch?
  • 5. Gattungsidentität und kulturelle Identität jenseits essentialistischer Konzepte
  • 6. Poetologische und narratologische Aspekte der Identitätskonstruktion im literarischen Text
  • 6.1 Handlungslogik: Die ‚zwei Geschichten‘ des Kriminalromans
  • 6.2 Der Detektiv als Schlüsselfigur für die Valorisierung kultureller Identität
  • 6.3 Erzähltechnische Aspekte
  • 7. Die Krimi-Welle in den Medien der 2000er Jahren und ihre Auswirkung auf das pädagogische Potential des Genres bzw. auf die Vorkenntnisse der Lernenden
  • 8. Genre- sowie Werkklassifizierung und Wege zur didaktischen Umsetzung
  • 9. Grenzen des didaktischen Potentials
  • Bibliographie
  • Filmverzeichnis
  • Dialog über die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Marc Blancher und Jeanne Ruffing
  • Re-création graphique de l’univers du noir à la française par Jacques Tardi dans Casse-pipe à la Nation (Marc Blancher / Corinna Koch / Marie Weyrich)
  • 1. Introduction
  • 2. Positionnements de l’œuvre
  • 2.1 Classification subgenresque du roman policier et définition technique de la bande dessinée
  • 2.2. Léo Malet et Jacques Tardi – Casse-pipe à la Nation en classe de FLE
  • 3. La re-création de l’atmosphère et de l’espace
  • 3.1. La re-création de l’atmosphère et de l’espace – l’approche littéraire
  • 3.2. La re-création de l’atmosphère et de l’espace – l’approche didactique
  • 4. La re-création de la tension narrative et des personnages
  • 4.1. La re-création de la tension narrative et des personnages – l’approche littéraire
  • 4.2. La re-création de la tension narrative et des personnages – l’approche didactique
  • 5. Conclusion
  • Bibliographie
  • Littérature primaire
  • Littérature critique
  • Illustrations
  • Trialogue entre Marc Blancher, Corinna Koch et Marie Weyrich
  • Zuschauerlenkung im Kriminalfilm am Beispiel des französischen Justizthrillers Omar m’a tuer (2011) von Roschdy Zem (Christian von Tschilschke / Dagmar Abendroth-Timmer)
  • 1. Einleitung
  • 1.1 Fragestellung
  • 1.2 Gegenstandswahl
  • 2. Die fachwissenschaftliche Perspektive
  • 2.1 Zuschauerlenkung im Film
  • 2.2 Omar m’a tuer zwischen Dokument und Fiktion
  • 2.3 Zuschauerlenkung in Omar m’a tuer
  • 2.3.1 Erzählperspektive und Geschichte
  • 2.3.2 Personal: Konstellation, Konfiguration, Charakterisierung
  • 2.3.3 Die Konstruktion der Geschichte
  • 2.3.4 Der Status der Bilder
  • 2.3.5 Erzählperspektive: Steuerung der Wahrnehmung
  • 2.3.6 Audiovisuelle Rhetorik: Metapher und Synekdoche
  • 2.4 Fazit: Zwischen Aufklärung und reflexivem Genuss
  • 3. Die fachdidaktische Perspektive
  • 3.1 Auswahl des Films für den Fremdsprachenunterricht
  • 3.2 Mediendidaktischer Ansatz
  • 3.2.1 Zu den Konzepten von visual literarcy, Filmverstehen und Filmbildung
  • 3.2.2 Omar m’a tuer filmästhetisch erschließen
  • 3.3 Persönlichkeitsbildender Ansatz
  • 3.3.1 Filmerleben, Bildungsgangtheorie und Agentieller Realismus
  • 3.3.2 Schülerbezogene Filmarbeit
  • 3.4 Fachlich-inhaltlicher Ansatz
  • 3.4.1 Gesellschaftliche Rahmung und Filmwirklichkeit
  • 3.4.2 Filmproduktion: „Le cas d’Omar Raddad et les valeurs de la Répubique?“
  • 3.5 Fazit
  • Filmverzeichnis
  • Bibliographie
  • Dialog über die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Christian von Tschilschke und Dagmar Abendroth-Timmer
  • Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Corinna Koch/Sabine Schmitz/Sandra Lang (Hrsg.)

Dialogische Krimianalysen

Fachdidaktik und Fachwissenschaft untersuchen
aktuelle Repräsentationsformen des
französischen Krimis

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Herausgeberangaben

Corinna Koch ist Juniorprofessorin für die Didaktik des Französischen und Spanischen an der Universität Paderborn.

Sabine Schmitz ist Professorin für Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Paderborn.

Sandra Lang ist mit den Fächern Französisch und Englisch an einem Gymnasium tätig.

Über das Buch

Ein Dialog zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik findet trotz kritischer bildungspolitischer Entwicklungen für das Französische bisher kaum statt. Um diese Zusammenarbeit zu etablieren, wählten die Herausgeberinnen für die Beiträge dieses Bandes ein innovatives Format: Es wurden Autorenteams aus Literaturwissenschaftlern und Fachdidaktikern gebildet. Als Gegenstand des Dialogs fiel die Wahl auf die Krimikultur Frankreichs, da roman und film noir, littérature und BD policière dort einen herausragenden Platz im kulturellen Referenzsystem einnehmen. Jedes Team übernahm ein zentrales Element aktueller Repräsentationsformen des Krimis. So stellt der Band vielfältige Bezüge zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik her und zeigt das konkrete Potential der Zusammenarbeit beider Disziplinen auf.

Zitierfähigkeit des eBooks

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Vorwort

Der potenzielle Mehrwert eines Austauschs zwischen Fachdidaktik und Fachwissenschaft, der beide Fachrichtungen in ein intensives Gespräch bringt, wurde vor einigen Jahren in dem Sammelband Literaturdidaktik im Dialog auf einer vornehmlich theoretischen Ebene aufgezeigt.1 Bis heute findet ein solcher Dialog für die Schulfremdsprachen, vor allem für das Französische2, jedoch kaum statt. Ein Desiderat ist somit eine fest etablierte Zusammenarbeit zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik in Form eines gegenstandsbezogenen Dialogs, der die wenigen bisher vorliegenden interdisziplinären Ansätze diskutiert, konkretisiert und erweitert. Auf der Grundlage eines substantiellen Dialogs zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik kann der Stellenwert literarischer Texte im Französischunterricht – und auf einer übergeordneten Ebene die Vermittlung ästhetisch-literarischen Lernens im Fremdsprachenunterricht3 – eine konkrete Aufwertung und Anregungen, die auch über sprachliche Ziele hinausgehen, erfahren. Dies ist zu einem Zeitpunkt besonders wichtig, zu dem die Bildungsstandards für den Mittleren Schulabschluss die Bedeutung von Literatur im Fremdsprachenunterricht zurückdrängen, da literarische Texte dort – und auch in den aus ihnen abgeleiteten landesspezifischen Lehrplänen – eine lediglich dem Leseverstehen untergeordnete, marginale Rolle spielen.4 In den Bildungsstandards für die fortgeführte Fremdsprache für die Allgemeine Hochschulreife werden literarische Texte zwar durch den hinzugenommenen Kompetenzbereich Text- und Medienkompetenz gleichberechtigt neben nichtliterarische Texte gestellt, fraglich ist allerdings, wie der Umgang mit fremdsprachigen literarischen Texten←7 | 8→ und Medien in der Oberstufe gelingen kann, wenn in der Sekundarstufe I kaum auf ihn vorbereitet worden ist.5 Vor diesem Hintergrund kommt vornehmlich der fremdsprachlichen Literaturdidaktik die Aufgabe zu, die Sicherung der derzeit insbesondere in der Sekundarstufe I zu wenig beachteten literarischen Kompetenz im Französischunterricht zu gewährleisten. Zudem erlaubt ein Dialog zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik, den Stellenwert literar-ästhetischer Bildung im Allgemeinen herauszuarbeiten, denn die in den Bildungsstandards vorgenommene Zentralstellung von Kompetenzen hat ebenfalls nachhaltige Konsequenzen für den Einsatz weiterer Medien im Fremdsprachenunterricht.

Auf diesen Überlegungen aufbauend fand am 15. und 16. Oktober 2015 am Institut für Romanistik der Universität Paderborn eine Tagung statt mit dem Ziel, einen dementsprechend notwendigen literaturbezogenen Austausch zwischen französischer Fachdidaktik und Literaturwissenschaft zur Stärkung einer genuinen französischen Literaturdidaktik anzuregen und dabei auch die Medien Film und Comic mit in den Blick zu nehmen. Ein Ziel der in diesem Sammelband als Ergebnis der Tagung versammelten Beiträge ist es daher, in Kooperation von Fachdidaktik und Fachwissenschaft eine stärkere Profilierung einer genuin auf die Unterrichtssprache Französisch ausgerichteten Literatur-, Film- und Comicdidaktik anzuregen, die maßgeblich auf einer wechselseitigen Erhellung der beiden Fachdisziplinen fußt. Als Gegenstand des Dialogs fiel die Wahl auf die Krimikultur Frankreichs, da roman und film noir, littérature und BD policière dort einen herausragenden Platz im kulturellen Referenzsystem einnehmen. Die populäre Kurzform ‚Krimi‘ dient an dieser Stelle, wie auch im Titel des vorliegenden Bandes, erstens als Hinweis auf die bis heute engagiert geführte Debatte über die Definition des Gattungsbegriffs ‚Kriminalliteratur‘; zweitens dient der Begriff ‚Krimi‘ als Klammer für die im vorliegenden Band betrachteten aktuellen Repräsentationsformen des Verbrechens und der Aufklärung wie Kriminalfilm, Kriminalroman, Kriminalcomic etc.; und schließlich beinhaltet die Verwendung des Terminus ‚Krimi‘ zugleich einen Hinweis auf die Tatsache, dass es sich um ein Genre handelt, dessen Wahrnehmung bis heute in erster Linie von seiner festen←8 | 9→ Verankerung im Bereich der populären Medien bzw. der Unterhaltungsmedien bestimmt ist.

Die besondere Bedeutung des Krimis in Frankreich zeigt sich nicht zuletzt darin, dass er Anlass ist für Festivals, kanonische Buchreihen, die Ausschreibung zahlreicher Preise und eine spezielle auf das Genre Kriminalliteratur ausgerichtete Bibliothek, die Pariser BiLiPo (Bibliothèque des littératures policières). Zugleich sind die zahllosen Adaptionen des Krimimodells in Literatur, Comic und den audio-visuellen Massenmedien wie Film, Fernsehen und Internet aufgrund ihres hohen kulturellen Stellenwerts und ihrer umfangreichen gattungs- wie themenspezifischen Variationen Gegenstand einer breiten internationalen Forschung6 und verfügen über großes Potential für den fremdsprachlichen Französischunterricht. Da Kriminalliteratur, -comic und -film überaus lebendige Gattungen sind, die ihre eigenen Gattungskonventionen fortwährend ausloten und sich zudem in enger Wechselbeziehung sehr dynamisch entwickeln, ist der Gegenstand des vorliegenden Vorhabens auf mediale aktuelle Repräsentationsformen des französischen Krimis ab Mitte des 20. Jahrhunderts begrenzt, um ein breites, aktuelles Spektrum von Werken unter sehr unterschiedlichen Aspekten analysieren und nach den sich hieraus ergebenden Erkenntnissen für die Gestaltung des Französischunterrichts fragen zu können.

Zur Realisierung dieses Vorhabens wurden mit der Absicht, eine intensive Zusammenarbeit zu initiieren, Teams aus je einem/r Fachdidaktiker/in und ein bis zwei Literaturwissenschaftlern/innen gebildet. Jedes Team übernahm ein gattungstypologisches, narratologisches, strukturelles oder inhaltliches Merkmal einer aktuellen Repräsentationsform des Krimis, die im engen Austausch jeweils aus fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Perspektive untersucht wurde. Durch dieses Vorgehen konnten neue Bezüge zwischen Fachdidaktik und Fachwissenschaft in den beiden Disziplinen aufgezeigt bzw. hergestellt werden, indem an einem gemeinsamen Untersuchungsgegenstand das konkrete Potential der Zusammenarbeit beider Disziplinen aufzeigt wurde. Abschließend werteten die Teams jeweils in einer gemeinsamen Reflexion aus, welche neuen Erkenntnisse und Perspektiven für das Verständnis der eigenen und der fremden Disziplin aus←9 | 10→ der Zusammenarbeit erwachsen sind. Eine grundlegende Hinführung zur Thematik ‚Krimi‘ leisten Sandra Lang und Christoph Schöch7 zu Beginn des Bandes in ihrem Beitrag zur Diskussion um Gattungstypologien des Kriminalromans. Nach einer Vorstellung verschiedener Gattungstypologien und der sich daraus ergebenden Zuordnungsproblematik konkreter Texte wird deutlich, dass sich für methodisch-didaktische Überlegungen zum Einsatz des Kriminalromans im Französischunterricht notwendigerweise die Frage nach anderen Ordnungsmustern ergibt, um dann einen Lösungsansatz vorzustellen. Im Anschluss erfolgt auf der Basis einer digitalen, quantitativen Analyse, dem Topic Modeling, die Untersuchung thematisch relevanter Muster und Strukturen des Kriminalromans, die sich sowohl in seiner Gattungsgeschichte ausbilden als auch spezifisch für einzelne Subgattungen dieses Genres nachweisen lassen. Beide Perspektivierungen decken übereinstimmend das Problem der Einordnung individueller Kriminalromane in Subgattungen auf – sowohl zum Zweck einer digitalen, quantitativen Untersuchung als auch bei der Frage nach der Nutzbarkeit von Gattungstypologien für methodisch-didaktische Entscheidungen.

Im zweiten Beitrag stellen Ralf Junkerjürgen und Christoph Oliver Mayer mit der Konstruktion von Spannung ein zentrales Gattungsmerkmal des Kriminalromans in den Mittelpunkt ihres Beitrags. Am Beispiel einer Fallstudie der Spannungskonstruktion in dem Kriminalroman Sueurs froides [D’entre les morts] (1954) von Boileau-Narcejac, der von Alfred Hitchcock unter dem Titel Vertigo (1958) verfilmt wurde, wird zunächst deutlich, dass eine bisher kaum erfolgte Systematisierung von Spannung durch eine Auffächerung in die Elemente suspense, mystery und disquiet überzeugend gelingen kann. Hieran schließt sich, in Fortführung der Text- und Filmauswahl, die Überprüfung der Eignung dieses Modells zur Analyse von Spannung im Schulunterricht an. Die Ausführungen verdeutlichen nicht nur das Interesse von Spannungsanalysen im Unterricht, sondern unterstreichen zudem, dass im Rahmen dieser Textarbeit den Lernenden ebenfalls wichtige Einblicke in Medienwirkungen und eine Sensibilisierung für deren Konstruiertheit vermittelt werden können.

In literatursoziologischen Studien wird die Popularität des Kriminalromans nicht nur hinsichtlich seiner Qualität als Spannungsliteratur erforscht, sondern auch als Massenliteratur. Ein Synonym für diesen massenmedialen Erfolg ist in Frankreich, und nicht nur hier, der Name Fred Vargas. Sie ist seit über zwei Jahr←10 | 11→zehnten die erfolgreichste Krimiautorin Frankreichs und eine der populärsten weltweit. Sabine Schmitz und Lutz Küster zeigen in einer Fallstudie des Romans Debout les morts (1995) beispielhaft auf, dass diese Popularität wesentlich in der spezifischen Modellierung der Ermittlungsarbeit der Vargas’schen Detektive begründet ist, die durch eine abduktiv, und in Teilen auch deduktiv, geleitete Detektionsarbeit ein Nachdenken über eine alternative epistemologische Fundierung von Ermittlung und Erkenntnis anregt. Aus dieser Konfiguration und Zielgerichtetheit der Ermittlungsarbeit ergeben sich, wie der Beitrag aufzeigt, augenfällige Parallelen zu aktuellen Theorien über Prozesse fremdsprachlichen Lernens und Verstehens, deren Tragfähigkeit zunächst theoretisch diskutiert und dann am Beispiel des Romans Debout les morts erläutert werden.

Der große Erfolg der Gattung Krimi ist ohne Frage unter anderem der Tatsache geschuldet, dass er seit seiner Entstehung als Medium der Selbstbeobachtung einer Gesellschaft fungiert, in dem zentrale Aspekte des sozialen Wandels, der als Auslöser einer wachsenden Kriminalität gilt, verhandelt werden. Vor diesem Hintergrund hat eine sozialgeschichtlich fundierte Forschung zum Kriminalroman eine lange Tradition. In einer aktuellen Perspektive verlängern Jeanne Ruffing und Marc Blancher diesen Ansatz, wenn sie zunächst die Darstellung interkultureller Prozesse und deren ideologiekritischen Unterbau in Jean-Claude Izzos erstem Roman seiner Marseille-Trilogie, Total Khéops (1995), untersuchen, um dann das sich hieraus ergebende Potential für den Fremdsprachenunterricht zu erschließen. Dabei wird deutlich, dass der in vielen ethnischen Kriminalromanen angelegte didaktische Impetus im Französischunterricht nicht nur als dankbares Vehikel genutzt, sondern auch dekonstruiert werden sollte.

Massenmediale Transformationen haben in den letzten Jahrzehnten zu einer weiteren Verbreitung und Differenzierung des Krimis geführt. Dies zeigt sich deutlich darin, dass Adaptionen des Krimi-Modells die Entwicklung von zwei zentralen Massenmedien, die als Sinnbild massenkultureller Modernität gelten, dem Comic und dem Film, seit Jahrzehnten mitbestimmen. Beiden Medien wird in Frankreich zudem der Status eines nationalen Kulturgutes, einer kulturellen Ausdrucksform mit nationalem Vorzeichen zugeeignet. Die sich hieraus ergebende enge Verbindung von Gattungs- und Mediengeschichte, und letztlich auch von nationaler Identitätskonstruktion und Massenmedien, wird in dem Beitrag von Marie Weyrich, Marc Blancher und Corinna Koch deutlich. Sie zeigen anhand des Kriminalcomis Casse-pipe à la Nation (1996) von Léo Malet und Jacques Tardi, einer Adaption eines Bandes der bekannten Krimiserie Les Nouveaux Mystères de Paris von Léo Malet, welche Vielfalt an Möglichkeiten sich Comicadaptionen literarischer Texte durch die Verknappung der textuellen Ebene und die Erweiterung←11 | 12→ um eine visuelle Dimension in Bezug auf Atmosphären-, Raum-, Spannungs- und Figurengestaltung eröffnet. Die Analyse nimmt dabei immer wieder auch Rückbezüge zur Romanvorlage vor und überführt die konkreten Ergebnisse in Aufgabenstellungen für den Französischunterricht, die comic- und krimitypischen Besonderheiten gerecht werden.

In seiner audiovisuellen Spielart hat der Krimi in Frankreich mit dem film noir bereits große Erfolge gefeiert. Einer aktuellen erfolgreichen Form, dem Justizthriller, widmen sich Christian von Tschilschke und Dagmar Abendroth-Timmer, wenn sie sich mit Prozessen der Zuschauerlenkung in dem Film Omar m’a tuer (2011) von Roschdy Zem befassen. Hierbei gelingt es auf der Grundlage von Theorien der Rezeptions- und Wirkungsästhetik und deren Adaptionen in der Filmwissenschaft, eine differenzierte Darstellung der Zuschauerlenkung aufzuzeigen. Hierzu werden sowohl die Auswahl der dokumentarischen Quellen, auf die Roschdy Zems Spielfilm fußt, als auch die erzählerischen Mittel analysiert, da beide die Rezeption des Zuschauers konditionieren und ihn zur Positionierung in einem komplexen ethisch-normativen Spannungsfeld zwingen. Dieser vielschichtige Fragehorizont nach Schuld und Unschuld, Wahrheit und Lüge erweist sich als sehr fruchtbar für mediendidaktische und persönlichkeitsbildende Ansätze, die auf den Auf- und Ausbau einer visual literacy bei Lernenden zielen, auf deren Grundlage im Französischunterricht sowohl die Verankerung des Films in einem aktuellen sozio-politischen Diskurs als auch die ihn prägenden filmischen Mittel und die hervorgerufene Emotionalität bzw. Zuschauerlenkung erarbeitet werden können.

Die teils überraschenden Synergieeffekte, die aus der Zusammenarbeit der Teams hervorgingen, werden auch in den Dialogen deutlich, die den jeweiligen Beiträgen nachfolgen und in denen die Teams über ihre Zusammenarbeit, ihre Arbeitsergebnisse und neue Einsichten in das Verständnis der eigenen sowie der anderen Fachdisziplin reflektieren. Die innovative Zusammenarbeit in den interdisziplinären Teams führte nach Einschätzung aller Teilnehmenden zu einer komplementären Ergänzung der jeweiligen fachspezifischen Perspektiven oder der gemeinsamen Entwicklung neuer Ansätze zur Analyse des Krimis. Exemplarisch zeigt der Band daher nicht nur das Interesse an einer bisher im romanistischen Kontext kaum etablierten interdisziplinär ausgerichteten Zusammenarbeit von Fachwissenschaft und Fachdidaktik, die im vorliegenden Kontext auf die Erarbeitung von literarisch-ästhetischen Gegenständen zielt, sondern er verdeutlich auch den Stellenwert dieser Arbeitsergebnisse für den Fremdsprachenunterricht allgemein und konkret für den des Französischen. Vor diesem Hintergrund richtet sich der vorliegende Tagungsband Dialogische Krimianalysen: Fachdidaktik und Fachwissenschaft untersuchen aktuelle Repräsentationsformen des französischen←12 | 13→ Krimis gleichermaßen an Literatur- und Kulturwissenschaftler/innen, Fremdsprachendidaktiker/innen, Lehrer/innen, Referendare/innen und Lehramtsstudierende des Faches Französisch.

Aufgrund der für sich sprechenden Ergebnisse und der positiven Einschätzungen der verschiedenen Teams wird dieses Format mit der Zielsetzung, einen lohnenden Dialog zwischen Fachwissenschaft und Fachdidaktik anzuregen, eine baldige Fortsetzung finden. Die Umsetzung dieser ersten enquête wäre ohne das Vertrauen und die Unterstützung zahlreicher Institutionen nicht möglich gewesen. Wir sind daher der Deutschen Gesellschaft für Fremdsprachenforschung, dem Institut für Romanistik und dem Forschungsreferat der Universität Paderborn für die maßgebliche finanzielle Unterstützung der Tagung zu besonderem Dank verpflichtet. Ferner danken wir der Paderborner Universitätsgesellschaft für den großzügigen Druckkostenzuschuss zu diesem Sammelband.

Paderborn, im Oktober 2016

Corinna Koch, Sandra Lang und Sabine Schmitz

Bibliographie

Bredella, Lothar/Delanoy, Werner/Surkamp, Carola: Literaturdidaktik im Dialog, Tübingen: Narr, 2004.

Caspari, Daniela: „Literarische Texte im Französischunterricht: Rückblick und Ausblick“, in: Fremdsprachen Lehren und Lernen 37 (2008), pp. 109–123.

Caspari, Daniela: „‚Literatur‘ in offiziellen Vorgaben für den Fremdsprachenunterricht: Ein Vergleich des Berliner Rahmenlehrplans (1984), der Bildungsstandards (2003), der EPA (2002/04) und der Abiturstandards (2012)“, in: Andreas Grünewald/Jochen Plikat/Katharina Wieland (eds.): Bildung, Kompetenz, Literalität. Fremdsprachenunterricht zwischen Standardisierung und Bildungsanspruch, Seelze: Kallmeyer [u. a.], 2013, pp. 60–73.

Biographische Angaben

Corinna Koch (Band-Herausgeber:in) Sabine Schmitz (Band-Herausgeber:in) Sandra Lang (Band-Herausgeber:in)

Corinna Koch ist Juniorprofessorin für die Didaktik des Französischen und Spanischen an der Universität Paderborn. Sabine Schmitz ist Professorin für Romanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Paderborn. Sandra Lang ist mit den Fächern Französisch und Englisch an einem Gymnasium tätig.

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Titel: Dialogische Krimianalysen