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Geheimnisvolles Alsenviertel am Bundeskanzleramt

von Helmut Zschocke (Autor:in)
Monographie 233 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1 Die Holzplätze
  • Königliche Porzellan-Manufaktur
  • 2 Erste Besiedlung des Spreebogens
  • Seegers Hof
  • Hitzig, Pourtalès, Stoecker
  • Langenbeck, Blumenthal, Delbrück, Arnheim
  • 3 Urbanisierung im Umfeld
  • In den Zelten
  • Bettina von Arnim, Reinhardt, Brahm, Joachim, Hirschfeld
  • Der Königsplatz
  • Meyerbeer, Raczynski, Kroll
  • 4 Berliner Stadtviertel mit Geburtswehen
  • Der Widerstand der Holzhändler
  • Ein Weinberg überquert die Spree
  • Die Eisenbahn auf dem Spreebogen
  • Die Brücken
  • Das Alsenviertel
  • 5 Vom Generalstab zum Reichsministerium
  • Das Gebäude des Generalstabs
  • Helmuth von Moltke
  • Waldersee, Schlieffen, Moltke d. J.
  • Die „Stoeckerei“
  • Reichsinnenminister Frick
  • 6 Adel und Bürgertum
  • „Barby“, Carolath-Beuthen, Frerichs, Kunheim
  • Gilka, von Radziwill, von Ratibor, L’Arronge
  • von Camphausen, Spaeth, von Schleicher, von Mendelssohn-Bartholdy
  • 7 Botschaften und Diplomaten
  • Berlins erstes Viertel für Botschaften
  • Norwegen
  • Dänemark
  • Österreich-Ungarn
  • Schweiz
  • 8 Quartier für Parlament und Regierung
  • Der Plan des Albert Speer
  • Die Botschaften Dänemarks, Norwegens, Finnlands und der Schweiz
  • Sturm auf den Reichstag
  • An der Berliner Mauer
  • Bundeskanzleramt und Parlamentsgebäude
  • Literaturverzeichnis
  • Bildnachweis

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Vorwort

Ohne die zahlreichen Berlinbesucher, die ihn täglich bevölkern, wäre der größte zugleich der langweiligste Platz der Hauptstadt. Die Rede ist von der unbebauten und weitgehend baumlosen Fläche zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt, zwischen Sowjetischem Ehrenmal und Spreebogen.

Der Strom der Touristen verteilt sich indes sehr ungleichmäßig. Er konzentriert sich vor dem Reichstagsgebäude, das besichtigt werden kann. Viele Besucher interessieren sich auch für das schräg gegenüberliegende Bundeskanzleramt mit seiner umstrittenen, jedenfalls interessanten Architektur.

Wenig Beachtung findet hingegen das Gebäude daneben, die Schweizerische Botschaft. Aber gerade dieses Haus birgt ein Geheimnis! Es ist der letzte steinerne Zeuge eines noblen Berliner Quartiers, genannt Alsenviertel, das sich hier im Spreebogen erstreckte. Dem Botschaftsgebäude und dem Rasen dahinter kann man das Auf und Ab nicht ansehen, das dieses Areal in der Geschichte durchlebt hat – von tödlicher Starre bis zu höchster Belebung, und das in mehrfacher Abfolge!

Viele prominente Persönlichkeiten haben hier gewohnt und gewirkt: Minister, Generäle, hohe Beamte, ausländische Botschafter, Großgrundbesitzer, Unternehmer, Bankiers, Ärzte und Künstler. Hier befanden sich außerdem der kaiserliche Generalstab und Hitlers Innenministerium. Die Namen der Bewohner finden sich im Berliner Adressbuch. Aber erst viele weitere Quellen erhellen die bemerkenswerten, teilweise unbekannten wechselhaften Schicksale so mancher Prominenter:

Der Generalstabschef mit seinem Leitsatz „Genie ist Arbeit“, die amerikanische Lady, die hier im Bund mit dem Domprediger versucht, den künftigen Kaiser für ihre politischen Ziele zu gewinnen, der Sohn des Reichskanzlers, der im Alsenviertel sein Lebensglück findet … und später darauf verzichten muss, der Botschafter einer Großmacht, der nicht mit dem neumodischen Telefon umgehen kann, der NSDAP-Parteigenosse und Besitzer einer Baumschule, der im Konzentrationslager endet, der NS-Reichsinnenminister, der als oberster Schreibtischtäter durch seine „legalen“ Maßnahmen Voraussetzungen dafür schafft, „artfremde“ und „ungesunde“ Elemente im deutschen Volk zu liquidieren, der Generalbauinspektor des ← 7 | 8 → „Führers“, der dem Alsenviertel im Zuge seines Plans einer Hauptstadt „Germania“ bereits im Frieden den Todesstoß versetzt, der sowjetische Bataillonskommandeur, der sich hier von gefangenen Volksturmmännern bestätigen lässt, dass das graue Gebäude da drüben der Reichstag ist und es in Berlin nur diesen einen Reichstag gibt. Weitere vielfältige Schicksale und Ereignisse reihen sich an.

Zu Unrecht ist das vom Spreebogen umschlossene Berliner Alsenviertel vergessen. Das Totgesagte lebt indes unter den Füßen der im Spreebogen-Park zum Hauptbahnhof Eilenden weiter.

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1 Die Holzplätze

Wer sich vom Bundeskanzleramt aus zum Spreebogenpark wendet, stößt bald auf den wuchtigen Einschnitt, der die Rasenfläche teilt. Die von rostigen, meterhohen Stahlplatten flankierte Kerbe führt exakt zum Wendepunkt der großen Biegung, die die Spree hier beschreibt. Am Ende der Furche angelangt, steht man allerdings nicht am, sondern über dem Fluss. Gut fünf Meter beträgt der Höhenunterschied zum Wasserspiegel.

Die Kerbe im Rasen

illustration

Ein kreuzender, am Hochufer entlangführender Weg ist an dieser Stelle durch eine Art Podest unterbrochen, einen massiven, aus mächtigen Quadern zusammengefügten Block, der die schräg aufsteigende Ufermauer unterbricht. Er ähnelt dem Widerlager einer Brücke über die Spree, allerdings sucht man auf der gegenüberliegenden Seite vergeblich nach einer ähnlich gestalteten ← 9 | 10 → Befestigung. Ausgerechnet dort fehlt sogar jegliche Uferbebauung. Denn an dieser Stelle beginnt der Kanal, der zum Humboldt-Hafen führt.

Podest diesseits und Kanalbrücke jenseits der Spree

Lässt schon das „Podest“ den scharfblickenden Geschichtsinteressierten ratlos zurück, so wird die Verworrenheit der Situation durch das folgende Rätsel auf die Spitze getrieben. Alte kartografische Darstellungen zeigen nämlich einen schmalen Wasserlauf, der in der Nähe der Unterbaumbrücke (der heutigen Kronprinzenbrücke) die Spree verlässt, den derzeitigen Spreebogenpark an dessen Südrand quert und weiter westlich gegenüber dem Kurfürstenplatz (heute Zeltenplatz) wieder in den Fluss einmündet. Einen entsprechenden Hinweis findet man im Jahre 1786 auch bei Friedrich Nicolai, dem Nestor der Berlin-Topografie: „… gleich außer den Unterbaum, geht links ein Floßgraben aus der Spree, worüber hier eine kleine Brücke führt. Er fällt hinter dem Exerzierplatz (heute Platz der Republik – H. Z.) wieder in die Spree.“ (Friedrich Nicolai, Beschreibung der Residenzstadt Berlin, Berlin 1987, S. 176) ← 10 | 11 →

Wie passen Kartenbild und Beschreibung mit den heutigen, von mehrere Meter hohen Ufern gekennzeichneten Gegebenheiten zusammen? Wie kam es zu den offensichtlich gravierenden Veränderungen, die den Spreebogen umgeformt haben?

Biographische Angaben

Helmut Zschocke (Autor:in)

Helmut Zschocke studierte Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war zunächst an einem Wirtschafts-Forschungsinstitut in Berlin-Ost tätig, dann im Wirtschaftsministerium des Landes Brandenburg, Potsdam. Seit einigen Jahren veröffentlicht er Bücher zu bisher wenig bearbeiteten und weitgehend unbekannten Themen aus der Berliner Geschichte (Akzisemauer, Königliche Bahnhofs-Verbindungsbahn, Studentenviertel).

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Titel: Geheimnisvolles Alsenviertel am Bundeskanzleramt