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Geheimnisvolles Alsenviertel am Bundeskanzleramt

von Helmut Zschocke (Autor)
Monographie 233 Seiten

Inhaltsverzeichnis

  • Cover
  • Titel
  • Copyright
  • Autoren-/Herausgeberangaben
  • Über das Buch
  • Zitierfähigkeit des eBooks
  • Inhaltsverzeichnis
  • Vorwort
  • 1 Die Holzplätze
  • Königliche Porzellan-Manufaktur
  • 2 Erste Besiedlung des Spreebogens
  • Seegers Hof
  • Hitzig, Pourtalès, Stoecker
  • Langenbeck, Blumenthal, Delbrück, Arnheim
  • 3 Urbanisierung im Umfeld
  • In den Zelten
  • Bettina von Arnim, Reinhardt, Brahm, Joachim, Hirschfeld
  • Der Königsplatz
  • Meyerbeer, Raczynski, Kroll
  • 4 Berliner Stadtviertel mit Geburtswehen
  • Der Widerstand der Holzhändler
  • Ein Weinberg überquert die Spree
  • Die Eisenbahn auf dem Spreebogen
  • Die Brücken
  • Das Alsenviertel
  • 5 Vom Generalstab zum Reichsministerium
  • Das Gebäude des Generalstabs
  • Helmuth von Moltke
  • Waldersee, Schlieffen, Moltke d. J.
  • Die „Stoeckerei“
  • Reichsinnenminister Frick
  • 6 Adel und Bürgertum
  • „Barby“, Carolath-Beuthen, Frerichs, Kunheim
  • Gilka, von Radziwill, von Ratibor, L’Arronge
  • von Camphausen, Spaeth, von Schleicher, von Mendelssohn-Bartholdy
  • 7 Botschaften und Diplomaten
  • Berlins erstes Viertel für Botschaften
  • Norwegen
  • Dänemark
  • Österreich-Ungarn
  • Schweiz
  • 8 Quartier für Parlament und Regierung
  • Der Plan des Albert Speer
  • Die Botschaften Dänemarks, Norwegens, Finnlands und der Schweiz
  • Sturm auf den Reichstag
  • An der Berliner Mauer
  • Bundeskanzleramt und Parlamentsgebäude
  • Literaturverzeichnis
  • Bildnachweis

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Vorwort

Ohne die zahlreichen Berlinbesucher, die ihn täglich bevölkern, wäre der größte zugleich der langweiligste Platz der Hauptstadt. Die Rede ist von der unbebauten und weitgehend baumlosen Fläche zwischen Reichstag und Bundeskanzleramt, zwischen Sowjetischem Ehrenmal und Spreebogen.

Der Strom der Touristen verteilt sich indes sehr ungleichmäßig. Er konzentriert sich vor dem Reichstagsgebäude, das besichtigt werden kann. Viele Besucher interessieren sich auch für das schräg gegenüberliegende Bundeskanzleramt mit seiner umstrittenen, jedenfalls interessanten Architektur.

Wenig Beachtung findet hingegen das Gebäude daneben, die Schweizerische Botschaft. Aber gerade dieses Haus birgt ein Geheimnis! Es ist der letzte steinerne Zeuge eines noblen Berliner Quartiers, genannt Alsenviertel, das sich hier im Spreebogen erstreckte. Dem Botschaftsgebäude und dem Rasen dahinter kann man das Auf und Ab nicht ansehen, das dieses Areal in der Geschichte durchlebt hat – von tödlicher Starre bis zu höchster Belebung, und das in mehrfacher Abfolge!

Viele prominente Persönlichkeiten haben hier gewohnt und gewirkt: Minister, Generäle, hohe Beamte, ausländische Botschafter, Großgrundbesitzer, Unternehmer, Bankiers, Ärzte und Künstler. Hier befanden sich außerdem der kaiserliche Generalstab und Hitlers Innenministerium. Die Namen der Bewohner finden sich im Berliner Adressbuch. Aber erst viele weitere Quellen erhellen die bemerkenswerten, teilweise unbekannten wechselhaften Schicksale so mancher Prominenter:

Der Generalstabschef mit seinem Leitsatz „Genie ist Arbeit“, die amerikanische Lady, die hier im Bund mit dem Domprediger versucht, den künftigen Kaiser für ihre politischen Ziele zu gewinnen, der Sohn des Reichskanzlers, der im Alsenviertel sein Lebensglück findet … und später darauf verzichten muss, der Botschafter einer Großmacht, der nicht mit dem neumodischen Telefon umgehen kann, der NSDAP-Parteigenosse und Besitzer einer Baumschule, der im Konzentrationslager endet, der NS-Reichsinnenminister, der als oberster Schreibtischtäter durch seine „legalen“ Maßnahmen Voraussetzungen dafür schafft, „artfremde“ und „ungesunde“ Elemente im deutschen Volk zu liquidieren, der Generalbauinspektor des ← 7 | 8 → „Führers“, der dem Alsenviertel im Zuge seines Plans einer Hauptstadt „Germania“ bereits im Frieden den Todesstoß versetzt, der sowjetische Bataillonskommandeur, der sich hier von gefangenen Volksturmmännern bestätigen lässt, dass das graue Gebäude da drüben der Reichstag ist und es in Berlin nur diesen einen Reichstag gibt. Weitere vielfältige Schicksale und Ereignisse reihen sich an.

Zu Unrecht ist das vom Spreebogen umschlossene Berliner Alsenviertel vergessen. Das Totgesagte lebt indes unter den Füßen der im Spreebogen-Park zum Hauptbahnhof Eilenden weiter.

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1 Die Holzplätze

Wer sich vom Bundeskanzleramt aus zum Spreebogenpark wendet, stößt bald auf den wuchtigen Einschnitt, der die Rasenfläche teilt. Die von rostigen, meterhohen Stahlplatten flankierte Kerbe führt exakt zum Wendepunkt der großen Biegung, die die Spree hier beschreibt. Am Ende der Furche angelangt, steht man allerdings nicht am, sondern über dem Fluss. Gut fünf Meter beträgt der Höhenunterschied zum Wasserspiegel.

Die Kerbe im Rasen

illustration

Ein kreuzender, am Hochufer entlangführender Weg ist an dieser Stelle durch eine Art Podest unterbrochen, einen massiven, aus mächtigen Quadern zusammengefügten Block, der die schräg aufsteigende Ufermauer unterbricht. Er ähnelt dem Widerlager einer Brücke über die Spree, allerdings sucht man auf der gegenüberliegenden Seite vergeblich nach einer ähnlich gestalteten ← 9 | 10 → Befestigung. Ausgerechnet dort fehlt sogar jegliche Uferbebauung. Denn an dieser Stelle beginnt der Kanal, der zum Humboldt-Hafen führt.

Podest diesseits und Kanalbrücke jenseits der Spree

Lässt schon das „Podest“ den scharfblickenden Geschichtsinteressierten ratlos zurück, so wird die Verworrenheit der Situation durch das folgende Rätsel auf die Spitze getrieben. Alte kartografische Darstellungen zeigen nämlich einen schmalen Wasserlauf, der in der Nähe der Unterbaumbrücke (der heutigen Kronprinzenbrücke) die Spree verlässt, den derzeitigen Spreebogenpark an dessen Südrand quert und weiter westlich gegenüber dem Kurfürstenplatz (heute Zeltenplatz) wieder in den Fluss einmündet. Einen entsprechenden Hinweis findet man im Jahre 1786 auch bei Friedrich Nicolai, dem Nestor der Berlin-Topografie: „… gleich außer den Unterbaum, geht links ein Floßgraben aus der Spree, worüber hier eine kleine Brücke führt. Er fällt hinter dem Exerzierplatz (heute Platz der Republik – H. Z.) wieder in die Spree.“ (Friedrich Nicolai, Beschreibung der Residenzstadt Berlin, Berlin 1987, S. 176) ← 10 | 11 →

Wie passen Kartenbild und Beschreibung mit den heutigen, von mehrere Meter hohen Ufern gekennzeichneten Gegebenheiten zusammen? Wie kam es zu den offensichtlich gravierenden Veränderungen, die den Spreebogen umgeformt haben?

Spreebogen und Umgebung 1792. Ausschnitt aus dem Plan von Daniel Friedrich Sotzmann

Ersten Aufschluss vermittelt eine Karte, angefertigt im Jahre 1792 von Daniel Friedrich Sotzmann. Sie zeigt am linken Rand einen – leider nur noch teilweise erfassten – langgestreckten Tümpel, wahrscheinlich den Rest eines toten Spreearms, der in Richtung Nordost mit einem Kanal verbunden ist. Nichts in der unmittelbaren Umgebung des Gewässers, die am ehesten an eine Wiese erinnert, deutet auf ein im Vergleich zum Kanal nennenswert höheres Geländeniveau hin, wie wir es heute vorfinden.

Anfang des 19. Jahrhunderts, in den Jahren 1807 bis 1809, wird der Kanal in seiner gesamten Länge verschalt, wodurch die Ränder des Tümpels verschwinden und ein das gesamte Areal durchquerendes Gewässer gleichbleibender Breite entsteht. Aber schon kurz danach, in den zwanziger Jahren, wird an der Unterbaumbrücke die Verbindung zur Spree zugeschüttet; es verbleibt ein langer Stichkanal. Zu diesem gesellt sich nach 1831 weiter ← 11 | 12 → nördlich eine zweite kürzere Wasser-Sackgasse, die mitten in der Spreebogenwiese endet. Beide Kanäle lässt eine Karte von Möllendorf aus Jahre 1838 gut erkennen.

Spreebogen und Umgebung 1838. Ausschnitt aus dem Plan W. v. Möllendorf

Der ältere, lange Zeit mit Ein- und Ausmündung versehene Kanal ist bereits auf einem Plan aus dem Jahre 1765 eingezeichnet; er trägt dort die Bezeichnung „Floß-Graben“. Später tauchen die Namen „Porzellangraben“ und „Tiergarten-Lanke“ auf. Aber wie auch die Namen wechseln, die Aufgabe des Grabens bleibt unverändert: Holztransport zur Lagerung auf den beiderseitigen Wiesen.

Holz ist damals eine der wichtigsten Existenzgrundlagen der Gesellschaft. Es ist nahezu der einzige Energieträger zum Heizen bzw. Kochen, und auch als Baumaterial ist Holz unentbehrlich. Darüber hinaus wird es als Rohstoff für Chemikalien und Farben eingesetzt, beispielsweise die Rinde zum Gerben von Leder. ← 12 | 13 →

Holzplatz diesseits und Pulvermühlen jenseits der Spree

Die absolutistischen Herrscher erkennen frühzeitig die Schlüsselrolle dieses Naturrohstoffs. Vielerorts sichern sie sich für den Eigenverbrauch das alleinige Eigentum über die Forsten; zugleich kontrollieren sie damit den Einschlag und beherrschen den Verkauf bzw. die Versteigerung. Der preußische Staat legt ab 1773 unter König Friedrich II. systematisch Holzplätze und -märkte an, vereinzelt gibt es sie aber schon vorher. Auch der Magistrat von Berlin sowie – später – Private bewirtschaften Holzplätze bzw. -märkte. Die Holzlager befinden sich in und um Berlin wegen der Transportmöglichkeiten, aber auch angesichts der Feuergefahr durchweg am Ufer oder in unmittelbarer Nähe der Spree, später auch am Landwehrkanal.

Königliche Porzellan-Manufaktur

Einer der im Spreebogen angelegten Holzplätze dient der Belieferung der Königlichen Porzellan-Manufaktur mit Brennmaterial. Friedrich II. erwirbt im Jahre 1763 die erst zwei Jahre zuvor vom Berliner Kaufmann Johann Ernst Gotzkowsky in der Leipziger Straße 4 aufgebaute Produktionsstätte und wandelt die Porzellanherstellung in ein Monopol des Königs um. Zwangsmaßnahmen, wie ein Einfuhrverbot ausländischer Porzellane, kurbeln den Absatz ebenso an wie die Weisung an Unternehmer der Lotterie, jährlich für 10.000 Taler Porzellan abzunehmen und im Ausland zu abzusetzen. Juden erhalten die Auflage, für die Genehmigung ihrer Ansiedlung oder bei einer Heirat Porzellan im Werte von 300 Taler zu erwerben und außerhalb von ← 13 | 14 → Preußen zu verkaufen. Später, nach der Einführung der Gewerbefreiheit im Jahre 1807 muss sich die Fabrik uneingeschränkt dem Wettbewerb stellen, was ihr durch ständige Produktivitäts- und Sortimentssteigerungen gut gelingt. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts kommt sie auf ca. 500 Beschäftigte.

Das Brennen von Porzellan benötigt hohe Temperaturen; die Öfen verbrauchen jährlich mehrere hundert Stapel Holz. Auf dem Hof der Manufaktur liegen daher ständig große Mengen des herantransportierten Brennmaterials. Der siebzehnjährige Eduard Gaertner, der hier seine Lehrzeit als Porzellanmaler verbringt, hält diese Situation in einem Gemälde aus dem Jahre 1818 fest. Zu diesem Zeitpunkt ist die Porzellanmanufaktur samt Holzplatz bereits seit neun Jahren verstaatlicht. Die Bezeichnung „Königlich“ hat sich indes bis heute erhalten.

Hof der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin, Leipziger Straße. Eduard Gaertner 1818

Der Holzplatz der Königlichen Manufaktur befindet sich südlich vom Porzellangraben. Nördlich davon, rings um den kleinen Stichkanal und im Westen bis an die Einmündung des Porzellangrabens reichend, liegt der Holzplatz von Seeger, der darüber hinaus auch am rechten Spreeufer Terrain besitzt und ← 14 | 15 → über demselben, direkt in der Krümmung der Spree, der Kamp(f)meyersche Holzplatz. Alle drei Plätze enden im Osten an der Schiffer- (später Roon-, heute Konrad-Adenauer-Straße), die vom Unterbaum zum Exerzierplatz führt und lange Zeit der einzige auf dem Spreebogengelände verlaufende Weg ist.

Hier, an der Schifferstraße, die ihren Namen seit 1835 trägt, befinden sich auf der westlichen Seite, also unmittelbar an den Holzplätzen, einige kleinere Häuser. Im Jahre 1845 beträgt ihre Anzahl sieben, von denen jedes zwischen einem und maximal fünf Mietern beherbergt. Die Unterkünfte bieten zumeist nur ein Minimum an Wohnmöglichkeit und -komfort für Diejenigen, die vor Ort direkt mit dem Holzverkauf oder auch mit dem Transport auf dem Wasser zu tun haben.

Der Eigentümer des nördlichsten Holzplatzes, Kampmeyer, wohnt hier in Nr. 2, auf seinem Grundstück. Dem Holzhändler Seeger gehört das Haus Nr. 4. Darüber hinaus logieren hier mehrere sogenannte Holzanweiser oder Holzinspektoren, zuständig für die großen Lagerplätze und Märkte, die sich hinter den Gebäuden bis an das Spreeufer erstrecken. Auch Mieter mit Berufen wie Schiffseigner, Schiffer, Fischer und Schankwirt zeugen von einer Konzentration von Menschen mit stark ortsgebundenen Tätigkeiten, wovon auch der Straßenname zeugt. Einige weitere Mieter mit ortsfremden Berufen vervollständigen das Bild. Die Häuser werden im Laufe der sechziger Jahre abgetragen; im Jahre 1871 existiert nur noch ein einziges.

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2 Erste Besiedlung des Spreebogens

Die alte Schiffer- und spätere Roonstraße bleibt jahrhundertelang die westliche Grenze der Besiedlung des Spreebogens. Während in diesem Ostteil des Halbrunds über die Zeiten hinweg Altes verschwindet, Neues entsteht, geschieht westlich der Straße nichts; die Holzplätze bleiben Holzplätze. Erst im Verlauf der siebziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts setzten dort Veränderungen ein. Warum so spät? Warum bleibt die Besiedlung für so lange Zeit auf den Osten beschränkt?

In diesem Kapitel geht es um die Urbanisierung dieses Ost-Teils des Spreebogens. Die Darstellung erstreckt sich bis in das 20. Jahrhundert hinein. Dass im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts das Leben auch im mittleren und westlichen Bogen einzieht, wird hier nicht berücksichtigt; unbeantwortet bleibt vorerst auch die Frage nach den Ursachen dieser Verzögerung.

Östlich der Schifferstraße, später Roon-, heute Konrad-Adenauer-Straße, befindet sich zuerst nur ein landwirtschaftliches Gut, damals zumeist als Vorwerk bezeichnet. Kurfürst Joachim Friedrich hatte es im Jahre 1604 seiner Gemahlin Eleonora verliehen. Die Gebäude der „Habermaßischen Meierei“ – so die spätere Bezeichnung – sind lange Zeit die ersten Häuser im Spreebogen. Zu ihnen gesellt sich nur ein 1656 vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm angelegter Holzplatz. Die seit 1735 vom Brandenburger Tor zum Unterbaum, dem Vorgänger der heutigen Kronprinzenbrücke, verlaufende Akzisemauer ist so angelegt, dass Vorwerk und Holzplatz dicht außerhalb der Stadt liegen. Heute würde die Meierei die unmittelbare nördliche Nachbarschaft zum Reichstagsgebäude bilden.

Seegers Hof

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts weicht die Landwirtschaft dieser Gegend neuen Gewerbezweigen. Nach einem Intermezzo als Kaffeegarten stehen die weiteren Umgestaltungen unter maßgeblichen Einfluss des Unternehmers Carl Heinrich Seeger. Dieser ist Brennholzhändler; sein großer Lagerplatz befindet auf der westlichen Seite der Schifferstraße. Der Name C. H. Seeger, Kaufmann, taucht im Berliner Adressbuch erstmalig im Jahre 1825 auf. Die ab Mitte der dreißiger Jahre ausführlicher werdenden Angaben ← 17 | 18 → dieses Nachschlagewerks verweisen auf die attraktiv gelegenen Wohnungen Seegers – Unter den Linden 32 und Rosmarinstraße 1 – und darauf, dass der Unternehmer nicht nur Eigentümer des Holzplatzes Schifferstraße 4, sondern darüber hinaus Pächter eines entsprechenden Marktes in der Holzstraße 10 (vermutlich die spätere Holzmarktstraße) ist.

Die Geschäfte scheinen gut zu laufen, und Carl Heinrich Seeger sieht sich nach einer zusätzlichen, zukunftsträchtigen Kapitalanlage um. Frühzeitig erkennt er, dass das Pferd nunmehr, im Zeitalter des Biedermeier, eine zusätzliche Verwendung erfährt. Es wird nicht mehr nur als Gebrauchsgegenstand genutzt, der seinen Reiter von Ort zu Ort transportiert oder den Husaren ins Gefecht trägt. Es ist nun auch ein moderner Luxusartikel. Das Bild des berittenen Flaneurs kommt auf. Der morgendliche Ausritt im Tiergarten gehört zum Wohlbefinden wie zum Prestige – und zwar nicht mehr nur des uniformierten oder zivilen Adeligen sondern auch des reich und selbstbewusst gewordenen Bürgers. Offiziere wie Philister führen im Tiergarten an schönen Sommertagen am Sattelknopf kleine Sträußchen zu einem oder zwei Silbergroschen mit sich, um sie in den Schoß der Schönen zu werfen, die unter den Wolken ihrer Kleider die Fonds der Equipagen belegen. Die Bilder des Berliner Malers Franz Krüger, der sich gerne „Pferde-Krüger“ nennen lässt, zeugen von diesem Wertewandel des edlen Tieres.

Selbstporträt zu Pferde. Lithografie von Franz Krüger. Frühe dreißiger Jahre

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Das Sportvergnügen setzt einen neuen Geschäftszweig voraus, Reitbahnen. Neben der Königlichen Reitbahn im Marstall, Breite Straße 36 und 37, in der für den König Pferde zugeritten werden, wo die Stallmeister aber auch Unterricht erteilen, neben mehreren militärischen entstehen nun auch private Reitbahnen. Im Jahre 1840 werden sieben solcher Etablissements gezählt.

Reiter bei ihrer Rückkehr vom Tiergarten vor der Siegessäule auf dem Königsplatz. 1912

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Carl Heinrich Seeger gehört zu den bekanntesten Privaten. Ohne seinen großen Holzmarkt westlich der Schifferstraße aufzugeben, erwerben er bzw. Verwandte von ihm um 1835 große Teile des alten Geländes der Meierei und errichten dort ihre Reitbahn. Bald bürgert sich für die Habermaßische Meierei die Ortsbezeichnung „Seeger(s)hof im Thiergarten vor dem Brandenburger Thore“ ein. Unter dieser Adresse werden im Jahre 1845 aufgeführt: H. F. Seeger, Kaufmann; J. F. Seeger, Stallmeister und außerdem Eigentümer einer Reitbahn in der Dorotheenstraße 11; C. Seeger, Stallmeister; L. Seeger, konzessionierter Tierarzt und Reitlehrer.

Vom Jahre 1853 an wird „Seegerhof“ offiziell als Straße geführt. Als Namen der Eigentümer von Nr. 3 der insgesamt neun parzellierten Grundstücke dieser Sackgasse sind L. Seeger und als Geschäftsführer C. Seeger ausgewiesen. In den fünfziger und sechziger Jahren entstehen entlang dieser Straße in rascher Abfolge neue Gebäude, zumeist Mehrfamilienhäuser. Dennoch verbleiben noch lange Zeit Relikte aus alten Zeiten. Als ab 1865 die Akzisemauer entfernt wird, behindert der Pächter des Magistrats-Holzplatzes den termingemäßen Abbruch, weil er die inzwischen nutzlos gewordene Mauer als Schutz und Abstützung seiner aufgeschichteten Ware nutzt. Noch am 16. Dezember 1869 beschäftigt sich die Stadtverordnetenversammlung mit diesem 92 Fuß (29 Meter) langen Mauersegment. Der Holzplatz hält sich bis in die siebziger Jahre. Verbliebene Reste des alten Seegerhofs erinnern sogar noch bis zum Jahre 1882 an den Ort der historisch ersten Gebäulichkeiten des Spreebogens.

General von Hindersin

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Ab 22. April 1872 erhält die Straße Seegerhof einen neuen Namen. Sie erinnert nun an den Anfang des gleichen Jahres verstorbenen Gustav Eduard von Hindersin, (geb. 1804), Nachfahre einer schottisch – ostpreußischen Familie (Henderson), in den vierziger Jahren mehrfach in den Großen Generalstab und 1866 in das Hauptquartier des Königs kommandiert, an der Niederschlagung des badischen Aufstands nach der Revolution 1848 beteiligt, General der Infanterie und Generalinspektor der Artillerie, aktiver Teilnehmer an den Einigungskriegen 1864 und 1870/71, im Jahre 1865 geadelt. Hindersin bezieht im Jahre 1870 eine Wohnung im Haus Seegerhof 4a.

Grabmal Gustav Eduard von Hindersin, Invalidenfriedhof, Berlin-Mitte. Erinnerungsstein von 2011

Im Unterschied zur damaligen Sackgasse Seegerhof zieht sich die Hindersinstraße durch, nach heutiger Topografie beginnend an der Paul-Löbe-Allee, quer mitten durch das gleichnamige Gebäude des Deutschen Bundestags und am östlichen Rand der Bundestag-Kindertagesstätte das Ludwig-Erhard-Ufer, weniger Meter von der Kronprinzenbrücke entfernt, erreichend. ← 21 | 22 → Diese Bauten, wie auch die neuen Straßennamen, entstehen zwar erst nach der deutschen Wiedervereinigung. Die alte Hindersinstraße wird indes bereits im Jahre 1972 – da inzwischen längst ohne jegliche Bebauung – eingezogen.

Hitzig, Pourtalès, Stoecker

Zu den ersten Architekten, die für den östlichen Spreebogen Aufträge ausführen, gehört Friedrich Hitzig. Er ist der Urenkel von Daniel Itzig, dem Bankier Friedrichs II. Neben Stühler und Persius zählt er zu den bedeutendsten Schülern Schinkels. Über dessen klassizistischen Stil geht Hitzig hinaus und bringt Elemente der Renaissance ein. Besonders augenscheinlich wird dies an den Erscheinungsbildern seiner Großbauten, der Börse in der Burgstraße und des Reichbankgebäudes im Friedrichswerder, die beide dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fallen. Von Hitzig stammt auch die Markthalle am Schiffbauerdamm, die später mehrere Umbauten vom Zirkus über die Reinhardt-Bühne bis zum Revuetheater Alter Friedrichstadtpalast erfährt und ab 1985 abgebrochen werden muss.

Palais Hitzig am Exerzierplatz, spätere Adresse Königsplatz 3 Ecke Hindersinstraße 9

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Der Architekt entwirft überdies ab 1838 ungefähr vierzig Stadthäuser und Villen im Tiergartenviertel sowie im Spreebogen. Sein eigenes Haus bezieht ← 22 | 23 → der bis dahin in der Lennéstraße Wohnende im Jahre 1848. Das Bauwerk, dessen Fassade belebende Vorbauten, Erker und Balkone zieren, steht an der Ecke Exerzierplatz-Seegerhof, später Königsplatz-Hindersinstraße.

Hitzig bewohnt die größere, südlich der Durchfahrt liegende Seite des Erdgeschosses mit Blick auf den Königsplatz. Insgesamt elf Räume stehen der Familie zur Verfügung: Vorzimmer, Fremdenzimmer, Zimmer des Herrn, Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer, Boudoir, Zimmer der Dame, Saal, Büffet und das Spindzimmer mit der Treppe zur Küche.

Erdgeschoss des Wohnhauses von F. Hitzig, Hinderinstraße Ecke Königsplatz

Sieben weitere Mieter belegen die drei Etagen und die kleinere, mit einem Alkoven ausgestattete Erdgeschosswohnung jenseits der Durchfahrt. Jedes Stockwerk kann man als eine große Wohnung verwenden, es lassen sich aber auch zwei bis drei kleinere Quartiere einrichten. ← 23 | 24 →

Mausoleum Hitzig von Gustav Louis Ende 1882. Dorotheenstädtischer Friedhof, Berlin-Mitte

Auch nach dem Ableben von Friedrich Hitzig verbleibt seine Witwe im Haus. Sie stirbt im Jahre 1900. Das Hauseigentum geht an den Rentier R. Bernstein über, der in der Roonstraße 4 wohnt.

Auch das gegenüberliegende Eckgrundstück Seegerhof 1, nach 1865 Königsplatz 4 Ecke Hindersinstraße 10 wird nach den Plänen von Hitzig bebaut. Die vorstädtische Villa, ein Putzbau in Neorenaissance, die sich später in unmittelbarer nördlicher Nachbarschaft zum Reichstagsgebäude wiederfindet, wird im Jahre 1852 fertiggestellt. ← 24 | 25 →

Palais Pourtalès, Königsplatz 4

Eigentümer ist Friedrich Graf Pourtalès und nach dessen Tod im Jahre 1861 sein Sohn Wilhelm, Hofzeremonienmeister, Kammerherr und Rittergutsbesitzer. Das Geschlecht der Pourtalès geht auf eine Hugenottenfamilie zurück, die in das preußische Neuenburg (Schweiz) geflohen ist. Von Friedrich II. wird sie im Jahre 1750 geadelt und 1815 durch Friedrich Wilhelm III. in den preußischen Grafenstand erhoben. ← 25 | 26 →

Familienwappen am Grabmal Wilhelm von Pourtalès, Dorotheenstädtischer Friedhof

Nach „Berlin und seine Bauten“, herausgegeben vom Architekten-Verein zu Berlin, wurde bei diesem Gebäude „… auf die eigenartige Entwickelung des Grundrisses und die künstlerische Durchbildung des Innenbaues ein besonderes Gewicht gelegt.“ Während sich im Erdgeschoss Schlafzimmer, Kinderstuben, Toilettenräume, Bad, Remise, Wohnräume des Personals und der Pferdestall befinden, sind im ersten Stock die Wohn- und Gesellschaftsräume „in sehr opulenter Anordnung und besonders anmuthiger Verbindung der Festräume mit Treppenhaus einerseits und Wintergarten andererseits“ ← 26 | 27 → hervorzuheben. Das Haus verfügt über „Luftheizung“, und jeder Salon hat überdies einen Kamin. (Architekten-Verein zu Berlin und Vereinigung Berliner Architekten (Hrsg.), Berlin und seine Bauten, Berlin 1877, II, S. 407).

Dreiundzwanzig Jahre bleibt das Palais im Eigentum der Grafen. Dann, im Jahre 1875, kauft es Hugo I. Pringsheim. Der evangelische Nachfahre einer bekannten, aus Schlesien stammenden jüdisch-deutschen Familie ist Bankier und Eisenbahnunternehmer. In der Nähe von Oppeln besitzt er ein Rittergut. Sein Vermögen erreicht zur Jahrhundertwende fünf Millionen Mark. Die Familie Pringsheim verkehrt in den ersten Gesellschaftskreisen und genießt hohes Ansehen.

Pringsheim lässt das Palais im gleichen Stil erweitern und richtet es wahrhaft fürstlich ein – nicht der erste Fall, dass im Ostteil des Spreebogens Gebäude, obwohl architektonisch kostbar und von vergleichsweise geringem Alter, den Anforderungen des neuen Eigentümers bereits nicht mehr genügen und außen wie innen verändert werden, während auf dem Gelände wenige Schritte weiter westlich selbst die Erstbebauung noch immer auf sich warten lässt.

Im Jahre 1912 mietet die japanische Regierung die prachtvollen Räume des im Eigentum der Pringsheim-Erben verbliebenen Palais’ Königsplatz 4 für ihre Botschaft im Deutschen Reich. Erster außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter vor Ort ist Herr R. Soughimoura.

Nach dem Umzug der Botschaft in die Tiergartenstraße 1937 (dem 1942 eine weitere Ortsveränderung in die heutige Hiroshimastraße folgt), wandeln die NS-Machthaber das enteignete Gebäude in ein „Haus der Kunst“ um. Hier eröffnet am 27. Februar 1938, aus München kommend, die Wanderausstellung „Entartete Kunst“. Gezeigt werden 730 aus Sammlungen, Museen und Galerien entnommene Werke von 112 Künstlern, darunter von Ernst Barlach, Paul Klee, Emil Nolte, Otto Dix, Oskar Kokoschka, Max Ernst, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer u. v. a. Obwohl die Exponate unterschiedlichste künstlerische Richtungen vertreten, ist ihnen gemeinsam, dass sie dem gleichgeschalteten nationalsozialistischen Kunstbegriff widersprechen. Die Werke wandern schließlich auf den Scheiterhaufen, werden im Ausland verkauft oder gehen billig an den Kunsthandel. ← 27 | 28 →

Palais Pourtalès, Wanderausstellung Entartete Kunst. 1938

Auch das Haus selbst wird bald Opfer nationalsozialistischen Größenwahns (s. weiter unten). Neun Jahrzehnte waren ihm vergönnt, und niemand konnte sein außerordentlich wechselhaftes Schicksal voraussehen; am wenigsten seine Väter Hitzig und Pourtalès, die einträchtig an der Chausseestraße auf dem Dorotheenstädtisch-Friedrichswerderschen Friedhof ruhen.

In mindestens zwei Fällen treten auf dem Gelände zwischen Ostseite der Roonstraße und dem späteren Reichstagsufer Personen auf, denen mehrere Grundstücke gehören.

Über zwei Häuser verfügt der Geheime Oberregierungsrat von Gräfe (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Augenarzt Albrecht von Graefe). Seine benachbarten Häuser 4a und 5 der Hindersinstraße bewohnen zwölf bzw. fünf Mieter. Auch in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sind die von Gräfeschen Erben weiterhin Besitzer der – zwischenzeitlich neu nummerierten – Häuser 5 und 6.

Darüber hinaus ist das im Jahre 1860 erbaute Haus Roonstraße 9 vorübergehend Gräfesches Eigentum. Dort verbringt Helene von Nostitz, geborene von Beneckendorff und von Hindenburg in den achtziger Jahren ← 28 | 29 → ihre Kindheit und erlebt, wie der Adel im heimischen Salon noch streng unter sich bleibt (während das Haus inzwischen dem jüdischen Bankier Lion gehört):

„Wir wohnten im Hause Roonstraße 9. Sein früherer Besitzer … hatte es mit vielem Aufwand ausgestattet; eine prächtige Marmortreppe führte zu unserem zweiten Stockwerk hinauf; und in diesem befand sich auch ein geräumiger Saal, der aber nicht in ,kalter Pracht‘ auf Benutzung bei besonders festlichen Gelegenheiten wartete, sondern mit Hilfe der Rosenholz- und Damastmöbel meiner Mutter zu einem schönen und bequemen Wohn- und Musikraum gestaltet war und als solcher den Mittelpunkt sowohl unseres täglichen Lebens wie auch einer angeregten Geselligkeit bildete. Namentlich musikalische Veranstaltungen, bei denen meist auch die schöne Singstimme meiner Mutter erklang, vereinigten hier einen weiteren Kreis von Freunden und Bekannten. Um meinen Vater gruppierten sich die besten Vertreter des preußischen Offizierskorps, zu denen er selbst und viele unserer Verwandten, wie der spätere General von Fabeck und seine Brüder, gehörten. Auch Paul von Hindenburg, der Vetter meines Vaters, erschien zuweilen. Ab und zu kamen auch Jagdfreunde, wie der Oberjägermeister von Heintze, ostpreußische und schlesische Großgrundbesitzer, wie Fürst Dohna oder Prinz Biron von Kurland, und viele andere mehr. Auch die Politik spielte eine Rolle, und das namentlich während der Sessionen des Herrenhauses. Mein Großvater, der Botschafter Graf Münster (später Fürst Münster von Derneburg), pflegte dazu von Paris herüberzukommen und dann in unserem Haus zu wohnen.“ (Helene von Nostitz, Berlin Erinnerung und Gegenwart, Leipzig, Berlin 1938, S. 173) ← 29 | 30 →

Alsenviertel 1910

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Hindersinstraße, Westseite Nr. 5–6 (von rechts). Um 1935

Der Bankier und Kaufmann M. Simonsohn, wohnhaft in der Bellevuestraße, ist Eigentümer des Hauses Hindersinstraße 2, danach auf Nr. 12 neu nummeriert. Später übernimmt bzw. bebaut er weitere, benachbarte Grundstücke. Schließlich gehören den Simonsohnschen Erben um 1890 insgesamt sieben Häuser, nämlich die großen fünfstöckigen Gebäude Hindersinstraße 11 bis 14 und Reichstagsufer 1 bis 3. Das sind alle zwischen diesen beiden Straßen liegenden Grundstücke mit Ausnahme des Palais Pourtalès, nunmehr Pringsheim. Die Bewohner des attraktiven, nach drei Seiten freistehenden Gebäudes Hindersinstraße 14 mit seinen beiden Eckkuppeln haben den Blick auf die Spree und einen dreiseitigen namenlosen Platz, der unbebaut geblieben ist und den Übergang des Kronprinzen- zum Reichstagsufer darstellt. ← 32 | 33 →

Reichtagsufer 1–3. Um 1930

Kronprinzenbrücke und -ufer, Roonstraße. Links Hindersinstraße und Reichstagsufer. Um 1905

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Kronprinzenbrücke und Konrad-Adenauer-Straße

Damit überwiegt im Ostteil des Spreebogens, jedenfalls an der Hindersinstraße und am Reichstagsufer das Mietshaus, das erst vergleichsweise spät, in den achtziger Jahren, nach der endgültigen Beseitigung der Seegerschen Reitanlagen und der letzten Reste des Magistratsholzplatzes entsteht.

Es handelt sich aber nicht um die typische Mietskaserne mit Seitenflügeln und Quergebäude, wie man sie zu dieser Zeit, in der sich die Berliner Bevölkerung zwischen 1877 und 1905 von einer auf zwei Millionen Menschen verdoppelt, massenhaft errichtet. Das zeigt sich auch im sozialen Bild der Bewohnerschaft, das kaum Arbeiter oder Angestellte einerseits, aber auch wenige Vertreter weit überdurchschnittlicher Einkommen andererseits ausweist. Es dominieren Berufe wie Kaufmann, Referendar, Rechtsanwalt, Arzt, Schauspieler, Offizier, Fuhrherr oder Rentner. ← 34 | 35 →

Hindersinstraße 4. Um 1935

Überwiegend gehobenes soziales Milieu, erkennbar auch am Vorhandensein eines Portiers, zeigt das oben erwähnte Haus am Königsplatz, das Friedrich Hitzig gehört: Privatdozent, drei Pensionäre, zwei Kaufleute, Maler, Legationsrat a. D., Geheimer Medizinalrat, Schuhmacher, Beamter.

Von vornherein hochherrschaftlich geht es im Haus Königsplatz 5 zu. Es gehört den Gräfinnen von Reventlow-Altenhof und von Radowitz, geborene Gräfin von Voß, verwitwete Generalleutnant. Neben letzterer (und dem Portier) wohnen hier ein Königlicher Kammerherr, ein Kreisgerichtsrat a. D., eine Rentiere, ein Professor Dr. und die Witwe eines Gymnasialdirektors. ← 35 | 36 →

Robert Lucius von Ballhausen

Dieses Haus erwirbt später Robert Lucius von Ballhausen, Freiherr, Doktor der Medizin, Minister. Lucius, der einem angesehenen Thüringer Bürgergeschlecht entstammt, verdingt sich zunächst als Schiffsarzt. Dann nimmt er als Leutnant an den drei Einigungskriegen 1864, 1866 und 1870/71 teil. Danach schlägt er die parlamentarische Laufbahn ein und ist zwischen 1871 und 1881 Mitglied des Reichstags. Der enge Freund Bismarcks gilt als dessen Sprachrohr. Höhepunkt seiner Karriere ist die Berufung zum preußischen Landwirtschaftsminister, ein Amt, das er elf Jahre, bis 1890 bekleidet. Im Jahre 1895 wird er Mitglied des preußischen Herrenhauses. Nach seinem Tod 1914 verbleibt das Haus Ballhausens im Eigentum der Erben.

Langjähriger Eigentümer und auch Erbauer des Hauses Hindersinstraße 6 (später 7), das ab 1861 bezogen wird, ist die Berliner Domkirche. Als erster Bewohner, später auch als Verwalter tritt Wilhelm von Hengstenberg auf, der zum Höhepunkt seiner Karriere die Titel Oberhofprediger, Domprediger und Stiftsprobst führen wird. Schon Ende der vierziger Jahre hatte er sich – damals noch Dom-Hilfsprediger – nebenan in der Schifferstraße eingemietet. Zwei entfernte Verwandte bzw. deren Witwen besitzen übrigens zwei Grundstücke in der Schifferstraße. Eigentümer von Nr. 7 ist Ernst Wilhelm Hengstenberg, Theologe, Dr. phil., Professor an ← 36 | 37 → der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, einem Konsistorialrat Hengstenberg gehört das ebenfalls im Jahre 1847 erbaute Wohnhaus Nr. 8. Die beiden auf Entwürfe von Friedrich Hitzig zurückgehenden Häuser sind die ersten Bauwerke auf der Ostseite der Schifferstraße; vier Jahre später entsteht des bombastische Nachbar-Eckgebäude Schifferstraße 6, das dann in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, wie auch das Hengstenberg-Anwesen Nr. 7 in das Eigentum der Schultheiss-Brauerei gelangt.

Wohnhaus Hengstenberg von F. Hitzig, ausgeführt 1847. Roonstraße 8

Im Haus der Domkirche, Hindersinstraße 7, sind in der Regel drei der vier Wohnungen von Dom-Predigern belegt. Der prominenteste unter ihnen ist fraglos der Hof- und Domprediger Adolf Stoecker, der hier im Jahre 1874 einzieht und dieses Quartier verlässt, als er 1890 abberufen wird. ← 37 | 38 →

Adolf Stoecker

Stoecker ist 1878 Gründer der Deutsch-Sozialen Arbeiterpartei, die sich drei Jahre später in Deutsch-Soziale Partei umbenennt. Die Deutsch-Sozialen streben einen autoritären christlich-deutschen Ständestaat an. Durch Sozialreformen wollen sie die Lage der Arbeitenden dauerhaft verbessern. Kapitalismus, Liberalismus und Sozialismus werden von ihnen als jüdische Schöpfungen bekämpft. Stoecker betrachtet sich als Vater der modernen antisemitischen Bewegung. Durch stetigen Kontakt mit Persönlichkeiten höchsten Ranges geht Stoeckers Einfluss weit über denjenigen seiner Partei, einer politischen Splittergruppe, hinaus (vgl. weiter unten).

Langenbeck, Blumenthal, Delbrück, Arnheim

In der Schifferstraße beginnt die neue Bebauung an der Ostseite im Jahre 1847. An der Westseite, wo vorerst noch die überwiegend kleinen Holzhändler- und Schifferhäuser stehen, setzt sie erst gut zwei Jahrzehnte später ein.

Ihren Namen trägt diese Straße bis zum 9. Januar 1867. Tags darauf wird sie in Roonstraße umgetauft. Generalfeldmarschall Albrecht Theodor Emil ← 38 | 39 → Graf von Roon (1803–1879), der Nachkomme einer aus den Niederlanden zugewanderten Kaufmannsfamilie ist zwischen 1859 und 1873 preußischer Kriegsminister und kurzfristig auch Ministerpräsident; er wird 1871 geadelt. Mit seiner Heeresreform schafft Roon die organisatorischen Voraussetzungen für den siegreichen Verlauf der Einigungskriege 1864, 1866 und 1870/71. „Der Krieg mit Frankreich trifft uns nicht unvorbereitet“, äußert er gelegentlich gegenüber Hedwig von Bismarck, die ihn auch als Menschen sehr zu schätzen lernt. (Hedwig von Bismarck, Erinnerungen aus dem Leben einer 95jährigen, Berlin 2013, S. 81, 89–92). Roon ist einer der wichtigsten Verbündeten Bismarcks bei dessen Bemühungen um die Vereinigung der deutschen Staaten. – Die Roonstraße wird am 11. April 1978 eingezogen und zwanzig Jahre später, am 16. Januar 1998 als Konrad-Adenauer-Straße reaktiviert.

Das Haus Roonstraße 6 Ecke Königsplatz, erbaut 1852. Um 1900

Einer der ersten prominenten Bewohner der Schifferstraßen-Ostseite ist der Mediziner Bernhard Rudolf Konrad von Langenbeck, der in den Jahren ← 39 | 40 → 1854 bis 1856 im Haus Nr. 6, später in der Roonstraße 2 wohnt – immer in unmittelbarer Nähe zu seiner Wirkungsstätte.

Rudolf Konrad Bernhard von Langenbeck. Langenbeck-Virchow-Haus, Luisenstraße 59

Der Pastorensohn studiert in Göttingen und erhält für seine Arbeiten über die Netzhaut des Auges ein Stipendium, das ihm eine Studienreise durch mehrere Länder Westeuropas ermöglicht. Seit 1842 ist Langenbeck Ordinarius für Chirurgie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Am 13.Mai 1848 übernimmt er die Chirurgie an der Berliner Charité. Unter seiner Leitung, die bis 1882 währt, wird die Charité zum Zentrum der Chirurgie Europas. In den Jahren 1866/67 ist er Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Langenbeck gründet 1872 die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und bereits 1860 zusammen mit dem Pathologen Rudolf Virchow und dem Augenarzt Albrecht von Graefe zwecks Zusammenführung der medizinischen Fachrichtungen die Berliner Medizinische Gesellschaft. Auf ihn gehen verschiedene medizinische Instrumente sowie Methoden der plastischen und Gelenkchirurgie zurück. Langenbeck nimmt als hoher Sanitätsoffizier an allen Einigungskriegen teil und bemüht sich um eine bessere Versorgung der Verwundeten. Er stirbt im Jahre 1887. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Berliner Alten St.-Matthäus-Kirchhof. ← 40 | 41 →

Auch andere Charitéärzte lassen sich in der nahegelegenen Wohngegend nieder, unter ihnen der berühmte Arzt und Geburtshelfer Adolf Gusserow, der um das Jahr 1900 im Haus Roonstraße 4 wohnt.

Roonstraße, Ostseite Nr. 6–8 (von rechts). Um 1900

Den wohl kürzesten Weg zur Wohnung hat der Direktor des Lessingtheaters; das freistehende Gebäude befindet sich gegenüber an der nördlichen Spreeseite, Friedrich-Carl-Ufer (heute Kapelle-Ufer) Ecke Unterbaumstraße. Oskar Blumenthal, wohnhaft Roonstraße 5, gründet dieses Theater im Jahre 1888 und steht elf Jahre an der Spitze des Hauses. Sein Beitrag zum Durchbruch der Gegenwartsdramatik ist hoch zu bewerten. Werke von Ibsen, Strindberg und Hauptmann gelangen hier zur Uraufführung. Zum Eklat kommt es bei Gerhard Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ am 20. Oktober 1889. Der dargebotene Naturalismus geht vielen Zuschauern zu weit. Als eine Darstellerin laut Textbuch Geburtswehen bekommt, wirft der Journalist und Arzt Dr. Kastan eine Gebärzange auf die Bühne, was eine allgemeine Schlägerei auslöst. Ein bereits einstudiertes und für die ersten drei Vorstellungen ausverkauftes Stück von Sudermann wird verboten. Die Begründung des Polizeipräsidenten von Richthofen gegenüber Blumenthal: „Die janze Richtung passt uns nicht.“ (Hans Erman, Berlin Geschichte und Geschichten, Berlin 1953, S. 266). ← 41 | 42 →

Lessing-Theater Ecke Unterbaumstraße Friedrich-Karl-Ufer. F. Albert Schwartz um 1890

Blumenthal schreibt auch selbst Theaterstücke („Im Weißen Rössl“) und fällt in den Jahren bis 1887, als Feuilleton-Leiter des Berliner Tageblatt oft scharfe, teilweise vernichtende Urteile über Bühnenstücke, was ihm den Beinamen „blutiger Oskar“ einbringt. Originell sind seine Kurzgedichte, z. B.: „Das ist ein hässliches Gebrechen, wenn Menschen wie die Bücher sprechen. Doch reich und fruchtbar sind für jeden die Bücher, die wie Menschen reden!“ ← 42 | 43 →

Oskar Blumenthal

Erwähnenswert unter den „Altbewohnern“ der Schifferstraße ist außerdem Richard Friedrich Burggraf und Graf zu Dohna-Schlobitten (um 1858 in Nr. 8), seit 1856 Inhaber des erblichen Sitzes im preußischen Herrenhaus, 1876 bis 1879 Obermarschall im Königreich Preußen, danach für die Beherbergung des Königs in Ostpreußen zuständiger Landhofmeister. Weiter ist zu nennen Erasmus Robert Freiherr von Patow (um 1865 in Nr. 9), Beamter und Politiker, in den fünfziger und sechziger Jahren führender Alt-Liberaler in Preußen, zwischen 1858 und 1862 preußischer Finanzminister. ← 43 | 44 →

Roonstraße, Ostseite Nr. 6–9 (von rechts). 1938

Ein besonders verdienstvoller Bewohner der Roonstraße, der zunächst in der Alsenstraße 4, dann bis zu seinem Tod im Jahre 1903 im Haus Roonstraße 2 wohnt, ist der Staatsmann Rudolph von Delbrück. Ab 1848 Ministerialdirektor im preußischen Handelsministerium avanciert Delbrück zum eigentlichen Leiter der Zollvereinspolitik in Deutschland. Darüber hinaus festigt er über den Zollverein mittels einer Reihe wichtiger liberaler Gesetze die innere wirtschaftliche Einheit Deutschlands: Ab 1868 gilt das einheitliche metrische Maß und das gemeinsame Gewichtssystem. Ein Jahr später folgt die Gewerbeordnung, die die allgemeine Gewerbefreiheit und die Freizügigkeit festlegt. Für die Arbeitenden gilt nun die Koalitionsfreiheit. Münz- und Papiergelt werden vereinheitlicht. Anfang der siebziger Jahre folgt der Übergang zur Goldwährung, und 1875 wird die Preußische Bank zur Reichsbank. ← 44 | 45 →

Grabmal Rudolph von Delbrück, Dorotheenstädtischer Friedhof

Delbrück ist ab 1867 Präsident des Bundeskanzleramts des Norddeutschen Bundes, ab 1869 im Range eines Staatsministers. Als vertrauter Bismarcks führt er die Verhandlungen mit den süddeutschen Staaten, die schließlich zur Reichsgründung im Jahre 1871 führen. Dafür wird er später, im Jahre 1896, geadelt.

Auch im Deutschen Reich bleibt Delbrück als Präsident des Reichskanzleramts engster Mitarbeiter Bismarcks. Aber bereits im Jahre 1876 tritt er zurück, als die Hinwendung des Kanzlers zu Protektionismus und Verstaatlichung, nicht zuletzt der Eisenbahnen, immer mehr in Konflikt zu den eigenen liberalen Positionen gerät. Nach dem Bruch mit Bismarck bekämpft er im Reichstag erfolglos die Schutzzollpolitik und die beginnende Sozialgesetzgebung. ← 45 | 46 →

Roonstraße, Westseite 1–5 (von rechts). 1938

Ein zu jener Zeit in ganz anderen Zusammenhängen, aber nicht minder bekannter Name ist derjenige des Fabrikanten Carl Arnheim, dem das Haus Roonstraße 5 Ecke Bismarckstraße 1 gehört. Das Wort Arnheim steht damals synonym für Geldschrank. In den Adressbüchern der Jahre um 1900 wirbt das Unternehmen mit Schlagworten wie „Hof-Kunstschlosser Sr. Maj. d. Kaisers u. Königs. Begründer der deutschen Geldschrankindustrie. Höchste staatliche Auszeichnung. Erste Kassen-Fabrik u. Tresor Bauanstalt. Zahlreiche eigene Patente. Gegründet 1833. Spezialität: Safes Deposit-Anlagen.“ ← 46 | 47 →

Arnheim-Werbung

Carl Arnheim, Sohn und Nachfolger des jüdischen Firmengründers Simon Joel A., verlegt 1890 den Sitz der Produktionsstätte von der Rosenthaler Straße 36 in die Weddinger Badstraße 40–41; in der Leipziger Straße 126 eröffnet er überdies ein Verkaufslager. Die in maschineller Großproduktion hergestellten Geldschränke – bereits um 1860 hatten die damals ca. 120 Mitarbeiter jährlich etwa 300 Exemplare angefertigt – sind reich verziert. Schon äußerlich sollen sich Reichtum, Sicherheit und das Repräsentationsbedürfnis des Eigentümers erkennen lassen. Gelegentlich trügt indes der Schein. Arg ist etwa die Enttäuschung nach dem Tod des Familienoberhaupts Großmann in Fontanes „Mathilde Möhring“ über den, vom Standpunkt der Erben, wertlosen Inhalt „… der Kiste, so eine Art Arnheim, in seinem Büro, die wir immer mit Respekt betrachteten, weil wir uns alle sagten, da liegt es drin.“ (Theodor Fontane, Mathilde Möhring, Berlin 1971, S. 22).

In den zwanziger Jahren kann das Unternehmen nicht mehr an die Erfolge der Kaiserzeit anknüpfen; bei Neuerungen wie dem Nachttresor sind andere Hersteller früher am Markt. Im Jahre 1938 folgt die Zwangsversteigerung. Die Fabrikgebäude werden größtenteils im Krieg zerstört bzw. danach abgetragen. Denkmalgeschützt und sehenswert sind die renovierten, heute als Bildhauerwerkstatt genutzten 180 Meter langen Shedhallen, die auf dem 1897/98 zugeschütteten westlichen Arm der Panke stehen. ← 47 | 48 →

Shedhallen der ehemaligen Arnheim-Fabrik

Das Grundstück Roonstraße 5 geht nach dem Tod von Carl Arnheim im Jahre 1905 an die Witwe Dorothea Arnheim. Auch die Söhne Siegmund und Felix wohnen am Ort. Ihre Mutter wird später nach Theresienstadt deportiert und stirbt dort am 1. November 1942.

Zu nennen unter den Bewohnern der Roonstraße ist außerdem Herbert von Beneckendorff und von Hindenburg, Neffe des späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. Der Attaché im Auswärtigen Amt wohnt um 1900 im Haus Nr. 9. Seine Frau, die gebürtige Engländerin Agnes Blanche Marie, lernt durch die Diplomatentätigkeit ihres Mannes verschiedene europäische Städte kennen, die das Kolorit ihrer biografischen Romane abgeben.

Erwähnenswert ist ein hoher staatlicher Beamter der um 1930 im Haus Nr. 10 wohnt. Es ist Gottlieb von Jagow, bis 1916 Staatssekretär im Auswärtigen Amt.

Genannt sei schließlich Bodo Baron von dem Knesebeck, Roonstraße 6, später Alsenstraße 8, Angehöriger eines auf das 17. Jahrhundert zurückgehenden vielverzweigten Adelsgeschlechts. Im Unterschied zum preußischen Generalfeldmarschall Karl Friedrich von dem Knesebeck (gestorben 1848) und anderen Mitgliedern des heute als Familienverband auftretenden Geschlechts ist er wenig bekannt. Er bekleidet in den Anfangsjahren des ← 48 | 49 → 20. Jahrhunderts die Position eines Kammerherrn und ist Stellvertreter des Obersten Zeremonienmeisters Ihrer Majestät der Kaiserin.

Um die Jahrhundertwende ist – nicht nur in der Roonstraße – zu beobachten, dass das Grundstückseigentum zunehmend aus der Hand einzelner Personen bzw. Familien in die Verfügung von Institutionen übergeht. Letztere treten außerdem auch als Mieter auf. Das Haus Nr. 9, jahrzehntelang im Eigentum des Potsdamer Rentiers Lion kauft nach 1900 eine Union Baugesellschaft auf Aktien, und wo Herbert von Hindenburg wohnte, sitzen nun für einige Jahre die Zentralkomitees der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz und des Preußischen Landesvereins vom Roten Kreuz – damals noch Organisationen, beschränkt auf die Pflege von Kriegsverwundeten. Das bombastische, mit Zinnen bewehrte Eckhaus der Roonstraße (Nr. 6) zum Königsplatz, das zunächst den Geschwistern Wittich, dann dem Fabrikanten Bleyberg gehört, gelangt Anfang des Jahrhunderts in das Eigentum der Schultheiß-Patzenhofer Brauerei AG, die wenig später von Th. Hengstenberg auch das benachbarte Haus Nr. 7 übernimmt und um 1930 überdies das Gebäude Nr. 8 besitzt, wo die Familie von Brauereichef Sobernheim eine Dienstwohnung hat. Die Häuser Nr. 12 und 13 werden von einer Neuen Berliner Baugesellschaft AG, später Neue Boden AG übernommen.

Alsenviertel, östlicher Teil. 1929

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Ein Luftbild zeigt den östlichen Spreebogen zwischen Roonstraße und Reichstagsgebäude, wie er sich im Jahre 1929 darstellt. Besonders ins Auge fällt der Kontrast des alten Palais Pourtalés zum rund dreißig Jahre jüngeren Block der Mietshäuser, die sich an ihrem Südrand mit hohen hässlichen Brandmauern präsentieren. Demgegenüber vermittelt das Palais Hitzig an der anderen Ecke der einmündenden Hindersinstraße zusammen mit der Häuserfront am Königsplatz und den Gebäuden Roonstraße 6 bis 9 eine geschlossene, angenehme Ansicht. Die letztere Häuserfront, beginnend bei Nr. 6, dem Gebäude mit dem zinnenbewehrten Eckturm, wird heute größtenteils durch die Eingangsüberdachung des Paul-Löbe-Hauses eingenommen. Dessen südliche Außenansicht verläuft somit entlang der ehemaligen Häuserfront am Königsplatz, damals unterbrochen durch die einmündende Hindersinstraße.

Südliche Außenansicht Paul-Löbe-Haus

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3 Urbanisierung im Umfeld

Die langanhaltende rätselhafte Brachlage von großen Teilen des Spreebogens steht ja nicht nur im krassen Gegensatz zur lebendigen Urbanisierung im östlichen Viertel des Halbrunds. Auch ringsum – im Süden, im Westen und zudem jenseits der Spree im Norden – ist die Erschließungen in vollem Gange. Ganz im Osten, auf der Stadtseite der Akzisemauer, sind nicht nur längst alle Grundstücke besetzt, hier weichen bereits alte Nutzungen wie die Kattunfabrik Sieburg oder die Maschinenbauanstalt Freund, die nicht mehr in die dortige Stadtlandschaft passen, neuen Bebauungen. Insbesondere in der Kasernenstraße, nun Sommerstraße, entstehen nach 1845 attraktive Wohnhäuser.

Sommerstraße Ecke Dorotheenstraße, im Hintergrund Ostflügel der Kaserne. F. Albert Schwartz

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In den Zelten

Westlich des Spreebogens gehen erste Ansiedlungen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Es beginnt damit, dass Hans Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff im Auftrag von König Friedrich II. den Tiergarten aus einem Jagdrevier in einen für jedermann zugänglichen Erholungswald umgestaltet. Die Berliner erobern den neuen Park, und viele von ihnen suchen gern die Lichtung an der Mündung des Porzellangrabens auf, die sich gegenüber dem Kurfürstenplatz befindet, der auch Zirkel und später Zeltenplatz genannt wird. Nichts liegt näher als den ermüdeten Wanderern an diesem Ort Erfrischungen anzubieten.

Bei den Zelten, Ölgemälde von Philipp Hackert. 1761

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Die beiden Hugenotten Dortu und Thomassin erhalten 1745 die Erlaubnis, Tee, Kaffee, Schokolade, Limonade, Danziger Likör sowie Butterbrote zu reichen und zu diesem Zwecke im Sommer Leinwandzelte aufzustellen. Ein dritter Zeltenwirt namens Mourier darf im Jahre 1767 als Erster eine Hütte anbauen. Elf Jahre später treffen die Erholungssuchenden am Zirkel nur noch Hütten an – ganzjährig geöffnet und von den Wirten bewohnt. ← 52 | 53 →

Die Zelte im Tiergarten, Kupferstich. 1828

In der Folgezeit wechseln Pächter bzw. Eigentümer häufig. In den Jahren nach 1810 finden wir den Gastwirt Schmidt, der jeden Donnerstag „Erbspicknicks“ veranstaltet sowie den Herrn Klaus mit Café und Eisbahn auf dem Porzellangraben und den Herrn Weber. Letzterer agiert am Ort des ehemaligen Mourierschen Zelts Nr. 2, an dessen Stelle ebenfalls ein festes Haus entstanden ist. Dieses verfügt über eine Galerie auf der Spreeseite von der aus die Kapriolen der Schlittschuhläufer auf dem Eis der Spree beobachtet werden können. ← 53 | 54 →

Winterbelustigung auf der Spree bei den Zelten. Calau 1830

In der Biedermeierzeit erreicht die Beliebtheit der „Zelten“ bei den Berlinern einen ersten Höhepunkt:

„An der Tiergarten- und an der Wasserseite des ,Porzellangrabens‘ waren die kleinen runden Tische stets besetzt. Man lauschte den Klängen eines aus Violine, Flöte und Fagott bestehenden, doch wenig geübten Orchesters auf dem ,Zirkel‘. Die Väter mit langen Pfeifen voll wohlriechenden Knasters saßen beim hohen Weißbierglase, mit dem ohnehin bedeutungsvollen Tabakrauchen ökonomische oder Gespräche über Krieg und Frieden verbindend. Die Mütter beim dampfenden ,Mohrrübenkaffee‘ waren mit ellenlangen Strickstrümpfen, die blühenden Töchter mit Häkelarbeiten beschäftigt, von denen sie oft durch das provokante Verhalten lauter Studenten, durch lorgnettierende Referendare oder aus anderer Veranlassung abgezogen wurden.“ (Ferdinand Meyer, Der Berliner Tiergarten, Berlin 1892, S. 92)

In diesen Jahren kann man im Weberschen „Zelt“ mit einem festen Stammgast rechnen. Es ist der diabolisch wirkende Kammergerichtsrat, Dichter, Komponist und Karikaturenzeichner E. T. A. Hoffmann – wirres dunkles ← 54 | 55 → Haar, scharfgebogene Nase, mit stechenden Augen die Vorbeigehenden musternd. In den Zelten sammelt Hoffmann – ständig unter den professionellen Unzulänglichkeiten der drei im Hintergrund agierenden Musikanten leidend – Stoff zu seinem „Fragment aus dem Leben dreier Freunde“. Und die Fantasiegestalt des „Ritter Gluck“ sitzt dem Dichter eines Tages unversehens am Tisch gegenüber.

Überhaupt sind die Zelten ein von vielen Schriftstellern bevorzugter Handlungsort ihrer Werke. Bereits in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts lässt der Aufklärer und Berlinkenner Friedrich Nicolai die Romangestalt Sebaldus Nothanker still unter den aufdringlichen Agitationen seines pietistischen Begleiters leiden, wenn letzterer den Verständnislosen, ihren Sünden Trotzenden die „Abscheulichkeit des Spazierengehens an einem schönen Tage“ vorhält. Und das angesichts der für die Zelten kennzeichnenden Buntscheckigkeit der Gesellschaft, zu der selbst Geistliche gehören!

Volksversammlung In den Zelten. 20. April 1848

Im Vorfrühling des Jahres 1848, unmittelbar vor der Märzrevolution, erlebt der junge Paul Lindau an der Hand seiner Eltern eine der seit dem 6. März stattfindenden Volksversammlungen in den Zelten, wo – da außerhalb von ← 55 | 56 → Berlin gelegen – Zusammenkünfte unter freiem Himmel stattfinden dürfen. Viel Beifall bekommt der Redner auf der Orchestertribüne des Zirkels. Die Kinder jubeln natürlich mit, „… ohne zu wissen, warum. In dem Punkte unterschieden wir uns vermutlich nicht erheblich von vielen der erwachsenen Zuhörer.“ Besonders haften bleibt von jenem Tag indes, dass von der erhofften Einkehr in die „Zelten“ Abstand genommen wird, „… weil da kein Apfel zur Erde fallen konnte.“ (Paul Lindau, Der achtzehnte März. In: Diethard H. Klein (Hrsg.), Berliner Hausbuch, Freiburg im Breisgau 1882, S. 285). Auch nach den Märztagen bleiben die Zelten noch einige Zeit Treffpunkt für Volksversammlungen.

Vierzig Jahre später lässt Theodor Fontane seine Romanfigur Hugo Grossmann gedankenversunken in den Zelten einkehren. Soeben hat er Mutter und Schwester brieflich die Verlobung mit Mathilde Möhring, der Tochter seiner Vermieterin, mitgeteilt. Wie wird die Schwester reagieren? „Und wenn sie nu liest, dass ich mich mit einer Chambre-garnie-Tochter verlobt habe, so wird sie die Nase rümpfen und von Philöse (in der Studentensprache die wenig reizvolle Tochter des Vermieters – H. Z.) sprechen. Und vielleicht schreibt sie mir auch so was. Na, ich muss es hinnehmen.“ (Theodor Fontane, Mathilde Möhring, Berlin 1971, S. 65). ← 56 | 57 →

In den Zelten, Ausschnitte aus dem Plan von Jul. Straube. 1910

Zwischen den Kinderjahren Lindaus und den letzten Lebensjahren Fontanes, in denen die „Mathilde Möhring“ entsteht, verändert sich das Gesicht der Zelten ganz wesentlich. Die Vergnügungslokale veröden in den fünfziger Jahren, und erst danach – Berlin wird Weltstadt – passen sich die Etablissements der neuen Zeit und den jetzt auch von der Arbeiterschaft mitgeprägten Publikumsschichten an. ← 57 | 58 →

In den Zelten, links Nr. 1 das Kronprinzenzelt. F. Albert Schwartz. 1885

Statt der drei Musikanten, die seinerzeit die Nerven des hochmusikalischen Hoffmann strapazierten, wetteifern nun vor Ort mehrere Militärkapellen um die Gunst des Publikums. Alle Zelten werden ab 1870 erneut umgebaut – während zu diesem Zeitpunkt der größte Flächenteil des Spreebogens noch immer der Erstbebauung harrt! ← 58 | 59 →

Kaiser-Wilhelm-Zelt. Um 1900

Das ehemalige Webersche und nachmalige Grünbergsche ist nun das pompöse Kaiser-Wilhelm-Zelt; sein Haupttrakt und die beiden Seitenflügel, alle in zwei Etagen ausgeführt, umrahmen den großflächigen Biergarten. Zeitweilig existieren fünf Zelten – alles Großgaststätten mit Saal in mindesten einer der Etagen. Eigentümer werden jetzt – um 1890 – die Brauereien, die Adler-, Bötzow-, Löwen- und die Oranienburger Schlossbrauerei, später auch die Schultheissbrauerei. ← 59 | 60 →

In den Zelten. Um 1905

Biographische Angaben

Helmut Zschocke (Autor)

Helmut Zschocke studierte Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er war zunächst an einem Wirtschafts-Forschungsinstitut in Berlin-Ost tätig, dann im Wirtschaftsministerium des Landes Brandenburg, Potsdam. Seit einigen Jahren veröffentlicht er Bücher zu bisher wenig bearbeiteten und weitgehend unbekannten Themen aus der Berliner Geschichte (Akzisemauer, Königliche Bahnhofs-Verbindungsbahn, Studentenviertel).

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Titel: Geheimnisvolles Alsenviertel am Bundeskanzleramt